Amerikanische Briefe. Die Reise

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Amerikanische Briefe. Die Reise
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 254–256
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[254]
Amerikanische Briefe.
I. Die Reise.

Drüben, mitten in dem mit Mastenwäldern überladenen Munde, mit welchem England alle Tage 5000 Centner Baumwolle aus Amerika (und was außerdem noch Alles?) verschlingt, in der Mersey Liverpools gukte der ungeheure Dampfer „Amerika“ über ein dichtes Gewimmel von Schiffen und Booten aus dem Nebel herüber, während ich in unserm „Tender“, dem kleinen Dampfer, der uns hinüber bringen sollte, zwischen Kisten und Kasten und Menschengedränge, mich vergebens bemühte, mich aufrecht und ruhig zu halten, wie ein Mann. In mir und außer mir riß es und stieß es gewaltig. Da liegt das letzte Stück Erde der alten Welt! Wie viel Tausende und Hunderttausende haben ihr während der letzten zehn Jahre ihr letztes Lebewohl zugerufen! Welche Thränen, welche Flüche, welche Segenswünsche und Hoffnungen wanderten damit aus und ein! – Da, die Räder schaufeln – die Taschentücher, welche hüben und drüben Thränen abwischten, winken hin und her, und die schmerzbewegten Gesichter suchen zu lächeln, damit der letzte Eindruck sich heiter eingrabe in die Herzen der Geschiedenen! Beide Abschiedsscenen, die der alten und neuen Welt, verschwinden rasch im Nebel. Es ist keine Zeit zu Sentimentalitäten. Eben rauscht ein gewaltiger Schiffsschnabel über unsern kleinen Dampfer hin, giebt dem Schlott eine Ohrfeige, daß er sich krumm biegt und läßt uns nur mit genauer Noth entwischen. Und nun sind wir auch schon dicht neben dem großen Wasser-Kastell, der Amerika. Menschen und Packete drängen sich hinüber und hinauf. Alles ist Confusion für mindestens eine halbe Stunde, die mit der nächsten Ladung des „Tenders“ auf’s Neue beginnt und nach der dritten Ankunft auf’s Höchste steigt. Mit ihr kam die englische Post: mindestens zwei Frachtwagen voll dicke, große Leder-Packete: nichts als Briefe, Zeitungen und Sendungen innerhalb des Postgewichts. – Unverständliche Seemannswörter flogen auf dem Schiffe umher, von Unten und Oben, dem Hinter- und Vordertheile, alle nach der Mitte oben auf die Ruderbrücke, wo der Kapitän und der Pilot standen. Nachdem er Nachrichten von allen Theilen eingezogen, begann sein Commando. Die Glocke schrillte, die ungeheuern Ruder schlugen hochschäumenden, weißen Gischt, und die majestätische Wasserstadt kam bald in einen Schuß, der kühn dem Nebel und den ringsum drohenden Gefahren zu trotzen schien, obwohl die vom Piloten ausgehenden, nach dem Lenker am Hintertheile commandirten Ordres durch ihre rasche und leidenschaftliche Aufeinanderfolge bewiesen, daß man mit der größten Vorsicht in den Nebel und das Meer hineinschnitt. Die Gefahren für die Liverpooler Amerikaschiffe liegen fast alle im Bereich des Landes. Wir kamen aber glücklich aus dem ireländischen Kanal heraus und nach Amerika.

Und nun sind wir schon drüben! Es ging zwar Alles ganz glatt weg, aber die Reise in einem Cunard’schen königlichen Postdampfschiffe hatte so viel Neues, Elegantes, Instruktives, Wissenschaftliches für mich, daß ich mir und hoffentlich auch dem Leser nicht den Genuß versagen kann, das Wesentliche in Bildern wiederzugeben.

Das Cunard’sche Postdampfschiffsystem (von Herrn Cunard in Halifax) ist britisches Eigenthum und unter Caution der Regierung, um die ihm anvertraute Postverbindung zu sichern. Eine Linie läuft direkt von und nach New-York, eine andere über Halifax zwischen Boston und Liverpool. Das andere System, das Collin’sche, ist amerikanisches Eigenthum und von der amerikanischen Regierung für Postzwecke engagirt. Es läuft direkt zwischen New-York und Liverpool. Eine Menge andere regelmäßige Verbindungen müssen hier übergangen werden.

Nun einen Blick auf das ungeheure Uhrwerk, unser Schiff! Die Amerika ist von 1832 Tonnen Gehalt, 249 Fuß lang und legt im Durchschnitt bei einem Kohlengebrauch von 60 Tonnen täglich mit ihren zwei Maschinen 250 bis 290 englische Meilen zurück (10–12 Meilen in der Stunde). Sie hatte 1000 Tonnen Kohlen an Bord, wovon mindestens 900 gebraucht wurden, mehr in diesen zwölf Tagen der Reise, als 400 Familien in einem Jahre verbrennen.

Die Gallerien, Zimmer, Straßen, Abtheilungen auf dem Deck oben kann ich, ohne viel Raum in Anspruch zu nehmen, nicht schildern. Aber ich nannte die Amerika ein Uhrwerk. Das verdient näher angesehen zu werden. So regelmäßig, wie die Glocken schlagen, so bestimmt lösen sich die Wachen, Offiziere und Matrosen ab, so pünktlich läuft das Senkblei hinunter, so genau wird mit Hülfe der Trigonometrie, der Sonne und Sterne, des Compasses und anderer wissenschaftlichen Instrumente der Ort des Schiffes im Weltmeere, seine Geschwindigkeit, die Kraft der Wellen und des Windes und der Strömungen berechnet, gemessen, gebucht und aus Allem zusammen alle Tage mehrmals ein Hauptresultat gezogen. Auch ohne specielles Verständniß giebt der bloße Anblick dieses sichern, ruhigen Regierens der Wissenschaft, Erfahrung und Disciplin mitten im wilden Toben der Wogen, die manche Nacht ungestüm über das Deck hinfuhren, ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens. Das Ganze ist der Genuß einen großartigen Triumphes menschlichen Genies über die gewaltigste, wilde Natur, die sich im atlantischen Ocean oft breit genug macht. Die ganze Regierung sieht in Kleidung, Pünktlichkeit und Strenge genau wie auf einem Kriegsschiffe aus. Dem Kapitän stehen in seinen Regierungspflichten drei Offiziere zur Seite, von denen immer zwei auf dem Posten sind, der eine im „Gange“ zwischen den Ruderkasten, der andere im Compaßhause, um die Befehle des Kapitäns oben dem Steuermanne zuzurufen. Nach dem Maschinen-Departement unten, welches von einem Hauptmaschinenmeister und seinen Gehülfen technisch beaufsichtigt wird, gehen die Ordres an einem Drathe herunter, der durch die Art und die Zahl der Glockenschläge, die er hervorruft, blitzschnell das ganze Schiff stille stehen, langsamer oder schneller oder rückwärts gehen läßt. Für die Arbeiten der Matrosen steht immer ein Hochbootsmann auf der Lauer, um die oft kaum merklichen Winke und Handbewegungen des Kapitäns sofort in schreiende Imperative zu verwandeln, die dann blitzschnell in verschiedenen Echo’s sich wiederholen und Segel entfalten, drehen oder verschwinden lassen. Die strengste militärische Pünktlichkeit geht bis in die ungeheuere Küche hinunter und das immerwährende Tafeldecken, Auf- und Wegtragen von fabelhaften Massen von Eß- und Trinkwaaren. Das Tischtuch verschwindet und erscheint wieder, wie ein „preußisches Gewehr auf! Gewehr ab!“ Und die Kellner kommen mit [255] ihren Ladungen so regelmäßig, daß sie gewiß, wenn dan Schiff gerade zur Frühstückszeit unterginge, mitten im Zutragen von Eiern und geröstetem Speck sterben würden.

Der eigentliche Regierungssitz ist in der Cajüte des Capitains, der im Grunde niemals schläft während der ganzen Reise. Mitten in der Nacht, während ein erster Offizier das Commando hat, liegt er vollständig angekleidet, auf seinem Ruhebett unter hellerleuchteten Karten, Kompassen, Baro- und Thermometern, Quadranten, großen Büchern und mir unbekannten Instrumenten. Alle Stunden kommt ein Offizier und meldet den Lauf des Schiffes, den Stand und die Kraft des Windes u. s. w., trägt Alles in ein Buch ein, vergleicht dabei die Kompasse und die durch ihn genau beschriebenen Richtungen des Schiffes. Zuletzt empfängt er die Befehle des Capitäns, die er daraus zusammenrechnet, schriftlich, um kein Mißverständniß zuzulassen. Die Beschreibung der Richtungen des Schiffes durch einen mit einem Compaß in Verbindung gebrachten Mechanismus blieb mir ein Geheimniß, aber ich sahe es, wie der Compaß mit Hülfe dieses Mechanismus jede Abweichung des Schiffes von seiner geraden Richtung in Zickzacks auf Papier schrieb und die officielle, gerade Richtung eben so in einer geraden Linie angab. Der Capitän sieht beim Aufwachen hier zugleich, ob seine Befehle pünktlich ausgeführt wurden und corrigirt durch frische Commando’s jede Abweichung. So stieg er manchmal wie ein allwissender Gott herauf, ging direct auf einen Beamten zu und sagte ihm kurz und bestimmt: „Sie haben um Uhr So und So den Fehler gemacht, aus Nachlässigkeit oder unwillkürlich.“ Im ersteren Falle folgte allemal ohne weitere Untersuchung eine Strafe.

Diese wenigen Thatsachen mögen hinreichen, um uns ein Bild von dem Uhrwerk einer modernen höheren Dampfschifffahrt zu machen. Es ist die genaueste, complicirteste angewandte Mathematik und Naturwissenschaft. Mit ihren Augen sehend fährt der Capitän blindlings über den Ocean und alle dessen Hinternisse hinweg, schnurgerade in den bestimmten Hafen bei den Antipoden hinein. Freilich müssen Instrumente, Beobachtungen und Berechnungen haarscharf genau sein. Die kleinste Vernachlässigung stürzt den ungeheuern Wasserpalast oft mitten in schnelles Verderben. So erzählte uns der Capitän, daß er eines Morgens mit voller Wuth des Dampfes in einer schmalen Bucht östlich von Neufoundland gegen steile Felsen zugeschleudert wurde. Durch sofortige Umkehr der Dampfkraft rettete er zwar das Schiff, aber nicht seine Wissenschaft. Zu seinem Erstaunen sah er, daß alle seine Befehle pünktlich ausgeführt worden und alle Instrumente, Berechnungen u. s. w. in haarscharfer Richtigkeit waren. Woher dieser Irrthum von 30 Seemeilen? Er mußte lange suchen, bis er aus allen Compassen, die er sich von allen Theilen des Schiffes bringen ließ und von denen nicht zwei übereinstimmten, herausfand, wo der Fehler stecken müsse, im Ofen eines Passagiersalons. Worin aber bestand er? Man hatte in Halifax ohne sein Wissen eine neue, kleine Eisenröhre in die beschädigte, metallene hineingezogen. Sie mußte sofort über Bord und der Schuldige in’s Gefängniß.

So viel und nicht mehr von der Technik und Wissenschaft unserer Fahrt. Das ästhetische Element derselben ist auch bald abgethan. Tag für Tag ohne Unterbrechung schien das Schiff stets im Mittelpunkte einer grenzenlosen, sich rund ringsum in den Himmel verlierenden Wasserscheide, trotz seiner unermüdlichen Arbeit, befestigt zu sein. Immerwährend pflügend, Tag und Nacht immer mit gleichem Eifer schaufelnd und durch und über das Gewoge schneidend, schien es niemals vorwärts zu kommen. Jeden Morgen dieselbe Scheibe von Osten her. jeden Abend von Westen her sich röthend und spielend in demselben unbegrenzten Tonreich von Farbentinten. Der Anblick eines Schiffes in weiter Ferne war ein Ereigniß, ein Wunder, so gewöhnt war der Blick an die unendliche, einfache Erhabenheit dieser Himmels- und Wasserscheibe, als deren Mittelpunkt wir vergebens mit der unendlichen Tiefe, Weite und Breite zu kämpfen schienen. Der Kontrast unserer scheinbaren Nichtigkeit in diesem flüssigen All und des großartigen Comforts, der Eleganz, Vornehmheit und Ordnung unseres Essens, Trinkens, Schlafens und Lebens überhaupt verlor seinen Reiz während der ganzen Reise nicht. So mitten in dem Oceane sich alle Tage mehrmals regelmäßig und vornehm in dem großartigsten, prächtigsten Speisesaale zu Tische zu setzen und in der gutschmeckerischsten Weise aus großen Vorräthen der schönsten Speisen und Getränke, für deren Darreichung stets ein Dutzend dienstbarer Geister bereit stehen, zu wählen, und sonst auf die comfortabelste Weise nichts zu thun, sich zu kleiden, zu schlafen, Besuche zu machen und anzunehmen u. s. w. – ich denke, das ist auch kein kleiner Triumph menschlichen Witzes.

Jeden Morgen 8 Uhr ertönt die große Glocke zum Anziehen. Grade genau 30 Minuten später schrillt sie zum zweiten Male und mahnt zur ersten schweren Arbeit des Tages, dem Frühstücke im großen Salon, der sich nun an seinen acht großen Tafeln und mit seinen rothsammetnen Sopha’s mit allerhand Damen und Herren füllt, die partien- und klikenweise sich an ihren bestimmten Plätzen fixiren. Die Tische seufzen bis 10 Uhr unter Lasten von Kaffee, Thee, irländisch Geschmortem, Eiern, Schinken, kalten Hinterkeulen, Hammelrippchen (den in England klassischen „mutton chops“), Fischen, Eiern, Toasten (d. h. gerösteten Weißbrotscheiben), noch mehr Eiern, heißen Wecken, gebratenem Speck und noch mehr Eiern. So wie es 10 Uhr schlägt, fallen zwölf feine Herren in blauen Jacken unter Commando eines Oberbefehlshabers wie Räuber über alle nicht vertilgten Vorräthe her und räumen die Tische ab, die nun bis 12 Uhr rein bleiben würden, wenn nicht einzelne anarchische Geister aus- und einlahtschten, um individuellen Appetit zu befriedigen. Um 12 Uhr große Glocke für „lunch,“ zweites Frühstück: Suppe, kaltes Rindfleisch, geröstete Kartoffeln u. s. w. Halb 4 Uhr Mahnung der Glocke sich zum großen „Diner“ vorzubereiten, um 4 Uhr Zeichen zum Anfange und Anfang. Alle 160 Passagiere nehmen Theil. So wie der Capitän eintritt, verschwinden die silbernen, schweren Deckel von den Suppen-Terrinen, aus denen die Teller gefüllt werden, welche dann, wie alle folgende Gerichte, die verschiedenen Linien von Kellnern hinunterlaufen. Alles wie geschmiert, leicht, pünktlich, geräuschlos. Suppe, Fleischarten, Fische, Vögel, Wild, frische und eingemachte Früchte u. s. w. Als Getränk hauptsächlich Wasser, worin Eis schwimmt, wenig Wein und Bier. Um 5 Uhr tritt eine Ebbe im Salon ein bis 7 Uhr, wo die Glocke die überall Zerstreuten wieder zum Thee, Kaffee und „Supper“ zusammenruft. Nach dieser letzten Arbeit des Tages bleibt blos noch Zeit übrig zum Domino-, Schach-, Karten- und Tricktrakspielen. Einige spielten immer, wenn sie nicht aßen, und haben, glaub’ ich, kaum einmal auf’s Meer hinausgeblickt, es besteht ja blos aus Seewasser, und sie haben die Reise oft schon ein Dutzendmal gemacht, da die verbundenen Geschäfte zwischen England und Amerika immer Massen von Dienern und Compagnons hin- und herschicken. Die Gesellschaft hatte mit Ausnahme eines ehemaligen Goldsuchers in Australien, eines grauhaarigen Wallfischfängers, eines Ireländers von Ohio und eines Californiers, die oft sehr hübsch in’s Erzählen kommen, wenig Interessantes. Ich wurde nur mit einem Wesen näher bekannt, der Freundin Aller, der Kuh, welche alle Morgen für die ganze Gesellschaft frische Milch gab. Sie hatte ihr kleines Hotel am großen Gange und guckte immer sehr klug und gemüthlich zu ihrem Fenster heraus, von Jedem, der vorbeiging gestreichelt und getröstet in ihrer Einsamkeit. Ich brachte ihr jedesmal einen Apfel oder dergleichen mit, wofür sie mir immer dankbar und sanft entgegen muhte, vielleicht zum Aerger der Dame, die ihr kaltes Roostbeef angeboten hatte und mit stiller Verachtung abgewiesen worden war.

Ich habe schon gesagt, daß die Reise glatt weg ging, so daß sich von Sturm und Lebensgefahr nichts berichten läßt. Diese Art Schiffe verachten jeden Sturm und gehen ohne besondere Schwankungen (wegen ihrer Last und Länge) durch Dick und Dünn. Freilich hatten wir, die wir etwas weit vom großen Salon wohnten, manchmal in dicker Finsterniß um Mitternacht durch unhöfliches Meerwasser auf dem Deck zu waten, wenn der Ireländer oder der Californier zu lange erzählt hatten. Die Amerikaner des Collins sind noch länger und bequemer und viel schneller. Zu erwähnen bleibt nur noch der Gottesdienst, der Sonntags um 1 Uhr feierlich im großen Salon abgehalten ward. Ganze Thürme von Gesangbüchern und Bibeln wurden vertheilt. Der Capitän las nach dem Gesange eine Predigt. Er ist weltliches und geistliches Oberhaupt auf dem Schiffe und kann zur Noth vollgültig trauen und taufen.

Und nun noch das Interessanteste. Am 10. Tage bekamen wir ein großes Dampfschiff in Sicht, das, während es etwa in einer Entfernung von zwei Meilen von uns vorbeipassirte, ein [256] langes, interessantes Gespräch mit unserm hielt. Der Capitän erzählte beinahe eine Stunde, um uns mitzutheilen, was ihm das Schiff Alles in der wahrhaften Universalsprache aller Völker zutelegraphirt hatte. Der Erfinder dieser Universalsprache ist der bekannte Capitän Marryat. Die Wort- oder vielmehr Sachzeichen bestehen aus funfzehn verschiedenen, kleinen Flaggen, die am Hintertheile des Schiffes, bis zu einem bestimmten Punkte aufgezogen und zusammengesetzt werden und durch das Fernrohr gut zu sehen sind. Ein großes Buch, in der Form eines Lexikons, giebt die Uebersetzung der Zeichen, die sich natürlich jedes Volk in seiner Sprache hält. Die meisten Capitäne, wie z. B. die Beiden, die sich jetzt begegneten, sind aber so bewandert in dieser Sprache, daß sie gar kein Lexikon nachzuschlagen brauchen, so daß sie sich in der größten Geschwindigkeit in ihren Fragen und Antworten ganze Geschichten erzählen konnten. Alle seefahrende Nationen haben jetzt diese Marryat’sche Universalsprache – das Symbol der Brüderschaft unter gebildeten Nationen – angenommen und können jetzt auf allen Meeren ohne Aufenthalt und ohne besondere Abweichung von ihren Wegen, ohne Kanonen und Sprachröhre, mitten in dampfbeschwingter Eile meilenweit her mit einander reden.

Nach zwölf Mal 24 Stunden bekam die Wasserscheibe vor uns feste Gestalt in nebeligen Höhenzügen und braunen Hügelketten. Gegen Abend leuchteten der Hafen und die Häuser von Halifax immer deutlicher und massenhafter herüber. Wir sind bald im Hafen. Racketen steigen, Kanonenschüsse donnern. Dort drüben am hölzernen Bollwerk drängen sich Lichter und Leute. Die Räder unserer Wasserstadt werden mit jeder Minute stiller. Taue fliegen, eine große Brücke rennt herüber und wir, die wir nicht nach Boston gehen, steigen aus auf amerikanischem Boden und zwar auf einer Stelle, die noch nicht durch Bücher über Amerika erschöpft ist, so daß ich in meinen künftigen Briefen Erlebtes und Gesehenes zugleich auch als neu hinüber zu senden gedenke.