Das Spielen der Kinder

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Autor: unbekannt
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Titel: Das Spielen der Kinder
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 256–257
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das Spielen der Kinder.
Für alle Mütter von einer Mutter.

Die Leser und Leserinnen der Gartenlaube sind in vielen und für die Gesundheitspflege überaus lehrreichen und wichtigen Aufsätzen, namentlich auch auf die ersten Lebensbedingungen des Kindes und die Erfordernisse seiner ersten physischen Pflege aufmerksam gemacht worden. Vielleicht scheint es nicht unangemessen, gerade hieran einige Worte über die ersten geistigen Lebensäußerungen des Kindes, wie diese sich im Spiele kundgeben, anzuschließen.

Wie wir von erwachsenen Menschen sagen: Arbeit ist Leben, so müssen wir im Hinblick auf das Kind in der ersten Lebensperiode sagen: Spiel ist Leben, d. h. das Spiel oder Spielen ist ein natürliches Bedürfniß, ja eine nothwendige Bedingung des Kindeslebens und charakterisirt dieses Leben in seinem Gegensatze zu den Erscheinungen und Thatsachen höherer Lebensalter. Ist Arbeit, schöpferisches Wirken die Bestimmung des menschlichen Lebens überhaupt, so ist das Spiel des kleinen Kindes die Vorbereitung hierauf, der erste bedeutungsvolle Anfang dieser Arbeit, entsprechend allenthalben den leiblichen und geistigen Kräften, welche das Kind zu Bethätigung seines Lebens aufzuwenden hat. Jede Mutter, wie gebildet oder ungebildet sie sein mag, wo sie es nicht weiß, so fühlt sie es, daß sie nur mit Scherz und Spiel ihrem Kinde entgegen treten und seine Aufmerksamkeit auf sich und ihre Liebe lenken kann. So viele Mißgriffe in der ersten Kinderpflege begangen werden, selten wird eine Mutter so weit fehlgehen, daß sie mit dem Ernste, den nur ein reifer Verstand faßt, ihr Kind zu unterhalten oder zu bethätigen versuchen sollte. – Spiel ist Leben. Das Kind will und muß spielen; seine Triebe, dazu die durch den Einfluß der Außenwelt zur Thätigkeit erstarkenden und nach ihr verlangenden Sinne (Gesicht und Gehör), endlich die durch die Sinne zum Bewußtsein und zum Wollen erwachende Seele verlangen es so. Spielt das Kind wirklich, durch die Mutter veranlaßt oder aus eignem Antriebe, – so ist dies sonach auch ein Beweis seiner leiblichen und geistigen Gesundheit und der Natürlichkeit seiner Entwicklung. Zeigt es dagegen keine Neigung zum Spiel, blickt es stumpfsinnig und theilnahmlos auf seine Umgebung, die sich alle Mühe giebt, es zur Selbstthätigkeit im Spiel anzuregen, dann müssen wir auch sagen: Wo kein Spiel, da kein Leben. Sicher ist ein Kind krank oder es walten Hemmnisse und Störungen in der harmonischen Entwicklung seines Gesammtorganismus ob, wenn es, sobald die Zeit dazu gekommen ist, auf die Einwirkungen der Mutter oder seiner Pflegerin keine Rückäußerung zu erkennen giebt, durch kein Lächeln, keine Bewegung seiner kleinen Glieder sein Wohlgefallen ausdrückt. Wie wichtig und nothwendig ist hier eine sorgfältige Beobachtung durch die Mutter und die übrige Umgebung, um zu rechter Zeit aufkeimenden Uebeln entgegenzuarbeiten; wie wichtig, wenn Aeltern wissen oder erfahren, daß durch eine solche Gleichgültigkeit gegen das Spiel und gegen alle höhern Sinneseindrücke nicht selten spätere Geistesschwäche und Blödsinn sich ankündigen, wovon wir jetzt so oft hören. – Sehen wir nicht auch unter den Erwachsenen überall Krankheit; – leibliche, geistige, sittliche, – wenn ihnen die so wichtige Lebensbedingung – Arbeit, fehlt, wenn sie weder Neigung noch Geschick zur Arbeit und keine Freude an derselben haben? –

Gewinnt schon bei einer solchen allgemeinen Betrachtung das Spiel des Kindes eine große Bedeutung für die Erziehung des Letzteren, so wird uns diese Bedeutung, dieser hohe Sinn, um mit dem Dichter zu reden, noch klarer vor die Seele treten, wenn wir einige der verschiedenen Spiele selbst näher betrachten, mit denen das Kind im Verlaufe seiner ersten Lebensperiode unterhalten wird, oder sich selbst unterhält. – Spiele begleiten den ganzen ersten Entwicklungsgang des Kindes oder gehen vielmehr in natürlich richtiger Reihenfolge wie von selbst aus demselben hervor und wirken ihrerseits wieder bestimmend und fördernd auf denselben ein. Wie diese Spiele in den Augenblicken der Beschäftigung mit ihnen dem Kinde Unterhaltung und Freude gewähren, so sind sie zugleich die Nahrung, durch welche der Geist desselben allmälig zum Selbstbewußtsein und zur Beschäftigung mit ernsteren Dingen heranerzogen wird; – leichte und doch kräftige Speise, zu vergleichen der Muttermilch, die das einfachste und zugleich heilsamste Mittel der Körperkräftigung des kleinen Kindes ist. – Blicken wir auf den Gang der Entwicklung des Kindes von der Geburt ab, so sehen wir, scherzt und spielt die Mutter mit dem Kinde redend, singend und durch Geberden vom ersten Lebenstage desselben und lange bevor das Kind Verständniß oder auch nur Aufmerksamkeit beweist. Wird man diese Handlungsweise der Mutter bedeutungslos, überflüssig oder unnütz nennen dürfen? Keineswegs. Die Mutter gehorcht hier einem Gesetz, einer weisen und wohlthätigen Einrichtung ihrer Natur, zufolge welcher sie durch den Ausdruck der uneigennützigsten Liebe gewissermaßen den Weg zuvor bereitet, auf dem der Geist ihres Kindes in das Leben eingeführt werden und seine Richtung erhalten soll. –

So werden alle Mütter fast ohne Ausnahme mit ihrem Kind, noch bevor dasselbe mit vollem Bewußtsein sehen, hören, viel weniger verstehen kann, eine Art „Verstecken und Suchen“ spielen. „Wo ist mein Kindchen, mein Hänschen, Maxel, Fränzchen?“ – so und ähnlich werden Alle ihre Kleinen fragen und dann die Beantwortung durch allerlei Geberden und Spiele, die ihnen die Liebe lehrt, darzustellen wissen. Dieses erste Spiel, so bedeutungslos es auf den ersten Blick erscheinen mag, da sich hierbei das Kind im Anfange fast ganz passiv verhält, ist doch von nicht geringer Wichtigkeit; denn es ist dasselbe die erste Ansprache an den im Kinde schlummernden Geistesfunken, die erste Anregnng zu Erweckung des Selbstbewußtseins. Sehen wir nun, wie dieses Spiel sich fortsetzt und erweitert. Erkennt die Mutter an dem Lächeln des Kindes und seinen auf ihr fester haftenden Blicke die ersten Spuren geistiger Regsamkeit, so wird sie nun dasselbe Spiel, dieselbe Frage: Wo ist mein Kind? in lebhafterer Weise und sprechenderem Geberdenausdrucke wiederholen. Sie wird ringsumher blickend scheinbar ihr Kind suchen, gespannt wird ihr der Blick des Kindes folgen, bis sie mit dem bezeichnenden Ausrufe, da ist [257] ja mein Kind! zur Lust des letzteren den Scherz endet, um ihn durch die lebhaftesten Zeichen des Wohlgefallens des Kleinen dazu aufgefordert, von Neuem wieder zu beginnen. Jetzt ist durch häufige Wiederholung der Nachahmungstrieb – diese wichtigste Triebkraft zu geistigem Fortschreiten – auf das Lebhafteste angesprochen und beginnt sich zu äußern, das Kind ist im Verständniß dieses Spielen so weit vorgeschritten, daß es sich verstecken läßt oder sich selbst versteckt, um gesucht und gefunden zu werden, saß es nach dem Orte blickt, von woher ihm der Ruf der sich verbergenden Mutter tönt. Es wird nun mit der Mutter so wie jene zuvor mit ihm spielen. Durch Lächeln oder Lallen wird es der Mutter seine Gegenwart anzeigen. Da es noch nicht selbst sich entfernen kann, so wird es durch Verstecken des Köpfchens oder durch Verdecken des Gesichts mit einem Tuche etc. sein Fern- oder Verborgensein ausdrücken, und in freudiger Spannung wird es den Augenblick erwarten, wo die Mutter es findet. – Dieses Spiel, welches in einem wiederkehrenden Entgegensetzen oder Trennen und Wiedervereinigen der Persönlichkeiten, der Mutter und des Kindes, besteht, begründet im Kinde das Bewußtsein seines Ich, seiner Person, und mit diesem Bewußtsein, so dunkel es immerhin noch sein mag, beginnt nun – leibliche Kraft und Gesundheit vorausgesetzt – in Wahrheit erst das geistige Leben des Kindes, beginnt jene fortlaufende Kette von Geistesthätigkeiten, die im ersten Kinderspiele symbolisch vorgebildet, – ein immer wiederkehrendes Suchen und Finden des Verborgenen sind.

Mit dem Auftreten des Bewußtseins, mit den ersten deutlichen Aeußerungen bewußter Sinnesthätigkeit und den Nachahmungstriebes ist die erste geistige Entwicklungsperiode zurückgelegt. Der Zeit nach fällt dieser Abschnitt nach dem ersten Vierteljahre, das, wegen der Zeichen noch mangelnden, dann mangelhaften Bewußtseins in der Volkssprache auch das „dumme“ genannt wird. – Es beginnt jetzt die zweite Periode, die schon durch eine größere Selbstthätigkeit des Kindes sich auszeichnet, und die Aufgabe der Erziehung erweitert. Auch die Spiele gewinnen jetzt an Umfang und Bedeutung und schließen sich in größerer Mannigfaltigkeit dem Bedürfnisse des sich erweiternden Sinneslebens und den ersten Versuchen zu freier Bewegung und zur Sprachnachahmung an.