Hans Christian Oersted (Die Gartenlaube 1854)

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Hans Christian Oersted
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 257–258
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[257]
Hans Christian Oersted.

Durch Tausende von Fäden, die Nerven, ist der Mensch an die Außenwelt geknüpft. Aus einem gemeinsamen Mittelpunkte, dem Gehirn, laufen sie durch alle Theile seines Leibes, nach jedem Punkte seiner Körperoberfläche. Dort stehen sie als Kunde empfangende Wächter und als Kunde gebende Sendboten, nimmer, rastend in der blitzähnlichen Behendigkeit ihres räthselhaften Doppelamtes, welches so schnell wechselt, so schnell, daß seine Geschwindigkeit nur mit sich selbst verglichen werden kann: der Schnelligkeit des Gedankens, der den Sturmwind und den Blitz und den Schall und den Lichtstrahl als Lahme hinter sich zurückläßt.

Im Nu von der Außenwelt gezeugt, im Nu aus dem Gehirn, dem Mutterschooße des Geistes, geboren, tritt der Gedanke, neugeboren und sofort selbst wieder zeugungskräftig in die Welt hinaus und knüpft den Menschen an den Menschen, das Volk an das Volk, baut aus den Menschen die Menschheit auf.

Die zarten Fädchen der Nerven, die weiche Masse des Gehirnes erfüllen den todten Erdball mit Leben, erheben das Leben zum Geist; sie ziehen die ganze unermeßliche Außenwelt in unser kleines Innere hinein und stellen unser Inneres als etwas Gegenständliches aus und heraus, damit wir dieses wie jenes erkennen.

Wie wunderbar! bis jetzt nur das Ergebniß der Thätigkeit unseres Nervensystems kennend, was wir bald Wollen, bald Denken, bald Empfinden nennen, müssen wir, um der Erkenntniß seines Wesens um einen Schritt näher zu kommen, dies unbekannte Wesen selbst danach fragen, daß es uns sage, was es sei; wir sind dabei Fragender und Gefragter in einer Person.

Bisher haben wir auf diesem großen Kampfplatze der neu gewordenen Wissenschaft vorerst eine wichtige Antwort erhalten: Stoff und Kraft sind untrennbar Eins.

Siehst Du also eine Wirksamkeit, so suche nach einem Stoffe, dem die Kraft angehört, von welcher jene Wirksamkeit ausgeht.

So suchen jetzt unbestechliche Denker nach dem Räthsel unserer Gehirn- und Nerventhätigkeit; und giebt es für den Menschen eine höhere Aufgabe?

So suchte auch der Mann, dessen Bild wir heute vor uns haben, nach einem Naturgesetze, dessen Aeußerung ohne Zweifel in der allernächsten Verwandtschaft zur Nerventhätigkeit steht und dessen Wirkungen, nachdem jenes Gesetz gefunden war, heute noch selbst der Kundige kaum mit minderem Staunen sehen kann, als der Laie. Oersted eroberte nach langjährigem und beharrlichem Kampfe gegen das Dunkel, hinter welches die Natur sich so oft verbirgt, den Elektro-Magnetismus; denn so muß man es nennen; nicht entdecken oder erfinden, wobei ja oft der glückliche Zufall das Hauptverdienst hat. Ihm verdankte Oersted nichts; was er fand, das hatte er gesucht.

Es sind in Folge dieser großen Entdeckung oder, wie wir es eben lieber nennen, wissenschaftlichen Eroberung nicht minder Tausende von Fäden, wodurch Ost an West, Süd an Nord geknüpft ist. Die Geschwindigkeit, womit die Kunde eines Schalles vom Ohr nach dem Gehirn fliegt und dort zur Vorstellung wird, ist nicht größer, als diejenige, mit welcher die Depesche auf den Drähten des elektromagnetischen Telegraphen von Paris nach London gleitet. In einer Secunde legt der elektrische Strom 62.000 Meilen zurück. Die dabei zu Tage tretende Erscheinung ist hier wie dort beinahe dieselbe.

Bedarf es noch weiterer Worte, um eines Mannes Bedeutung für die Menschheit zu schätzen, dessen große Erfindung das Nervensystem des menschlichen Körpers in ein Nervensystem der Menschheit umwandelte? Ober wäre dieser Ausspruch da falsch, wo in derselben Secunde in Hamburg ein Gedanke vernommen wird, den Jemand in Wien aus den Nerven seiner Fingerspitzen auf den elektromagnetischen Telegraphendraht überströmen läßt? Ist das nicht ein wahres Aneinanderknüpfen der Nerven der beiden so weit von einander entfernten Männer?

Wenn die Erfindung der Buchdruckerkunst und der Benutzung der Dampfkraft bisher die größten Erfindungen waren, so ist die elektromagnetische Telegraphie die dritte im Bunde; und Oersted, ihr Begründer, ist der ebenbürtige Genosse von Gutenberg und dem ersten Erfinder der Dampfmaschine, über dessen Namen leider gestritten wird.

Hans Christian Oersted, 1777 in dem Städtchen Rudkjöbing auf der dänischen Insel Langeland geboren, war der Sohn eines unbemittelten Apothekers, daher die Bedingungen seiner geistigen Entwickelung wenigstens äußerlich keine besonders günstigen. Aber schon als zwölfjähriger Knabe wurde er vom Vater zur Mithülfe in die Apotheke gezogen und so die Richtung seiner geistigen Entwickelungsbahn durch seine chemischen Beschäftigungen vorgeschrieben. Wie Humboldt gleichen Schrittes mit einem im Alter nur wenig verschiedenen Bruder im thätigsten Wetteifer fortschreitend, ging er mit diesem 1794 nach Kopenhagen, wo zuletzt beider Studienbahnen eben so weit auseinander gingen, wie die der Gebrüder Humboldt. Hans Christian Oersted wurde der größte Physiker und der um ein Jahr jüngere Brnder der größte Rechtsgelehrte des Nordens. Beide mit einem Eifer, der bald allgemeine Bewunderung erregte, ihren Studien sich hingebend, versäumten sie fast den Umgang mit der Welt, und ihr beinahe einziger, aber um so innigerer Genosse war der nachmalige große Dichter Oehlenschläger, den das greise Brüderpaar in der letzten Zeit zu Grabe geleitete.

Wie es selten vorkommt, so durchdrangen in dem langen Zeitraum von mehr als einem Menschenalter diese drei Geister einander so innig, daß einer dem andern von seinem Wesen mittheilte; und es ist ohne Zweifel der Einfluß des geniale Funken sprühenden Oehlenschläger, daß Oersted’s Naturforschung innig verschwistert ist mit Begeisterung für das Schöne; während von dem philosophirenden Scharfsinn des jüngern Bruders ein Theil auf den älteren übergegangen ist; so daß er lange Zeit mehr für einen Naturphilosophen als für einen Physiker angesehen wurde.

[258] Eine außergewöhnliche Gelehrsamkeit, treffender Scharfsinn, gewandtes und gründliches Eingehen auf die Leistungen Anderer, liebenswürdige Bescheidenheit in seinem jugendlich frischen, fast kindlichem Aeußeren, gewannen dem jungen Dänen auf einer ersten Reise in den Jahren 1801 –1803 die Achtung fast aller Berühmtheiten Deutschlands und Frankreichs.

Seine Thätigkeit steigerte sich bis zu rastlos schaffender Begeisterung, als er 1806 die Professur der Physik in Kopenhagen erhalten hatte. Dabei zeichnete sich Oersted vor vielen andern Forschern dadurch aus, daß er nicht in’s Ungewisse hinein experimentirte, erwartend was und ob er etwas finden werde. Er suchte vielmehr, wie wir bereits andeuteten, und fand. Schon 1813 deutete er durch den französischen Titel: „Untersuchungen über die Uebereinstimmung der elektrischen und der chemischen Kräfte,“ (recherches sur l’identité des forces électriques et chimiques) seiner zuerst deutsch herausgegebenen „Ansichten der Naturgesetze“ hinlänglich an, wonach er suchte. Oersted meinte: ist der Galvanismus nur eine verborgene Form der Elektricität, so kann der Magnetismus auch nur Elektricität in einer noch verborgenen Form sein. Er forschte, bis er den Einfluß des galvanischen Stromes auf die Magnetnadel gefunden hatte. Er hatte damit die Bahn geöffnet, welche zuletzt zu dem elektromagnetischen Telegraphen führen mußte; er befestigte damit am östlichen und westlichen Rande des Weltmeeres die Ringe, an denen man vielleicht bald Europa und Amerika aneinander knüpfen wird. – Oersted’s Entdeckung hat das Jahr 1820 zu einem der denkwürdigsten unsers Jahrhunderts gemacht.

Er hatte die Freude, auf dem von ihm gelegten Grunde seine Ehrensäule der elektromagnetischen Telegraphie sich noch erheben zu sehen. Alle Culturvölker Europa’s und der Riesenarbeiter Nordamerika wetteiferten in ihrem Ausbau.

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Hans Christian Oersted.

Neben diesem großartigen Streben vergaß Oersted niemals, daß die Naturwissenschaft nicht blos Befriedigungsmittel für das Völkerleben zu gewähren habe, sondern auch die kleinen Lebenskreise jedes Einzelnen erwärmen und durchdringen müsse. Er war darum unter den ersten, welche in allgemein verständlicher Weise bemüht waren, die Naturwissenschaft zum Gemeingut des Volkes zu machen. Wer kennt nicht „Oersted’s Geist in der Natur?“ Dies ist eine von ihm selbst besorgte Sammlung populärer Vorträge Oersted’s. Es kann sein Verdienst nicht schwächen, daß diese dem minder Gebildeten nicht überall verständlich sind, und daß sein vorwaltend milder Charakter ihn hie und da vom Aussprechen der letzten Wahrheit, vielleicht sogar von deren Erkennen zurückgehalten hat. Oersted bewegte sich in den letzten Jahrzehnten seines Lebens in Kreisen, welche auch dem kühnsten Streiter für die Wahrheit es oft fast unmöglich machen, das Ziel seines Vordringens bis an die letzte Grenze zu verfolgen. Er hielt in Kopenhagen, nicht in der diplomatischen Sprache Frankreichs sondern deutsch, Vorlesungen für – das corps diplomatique!

Schon von Anfang an zog er in den Kreis seiner Zuhörer auch die Frauen. Sie sind ja die einflußreichsten Bildnerinnen des heranwachsenden Geschlechtes.

Sein Freisinn bekundete sich namentlich 1835 durch seine Betheiligung bei der Gründung der „Gesellschaft für Preßfreiheit“ und in einer Rede, welche er an den König Christian VIII. bei dessen Thronbesteigung richtete.

Mit Orden und Ehrenstellen decorirt starb Oersted im hohen Alter am 9. März 1851. Wir zählen jene nicht auf, denn der Conferenzrath und Großkreuz des Dannebrog wird bald vergessen sein. Oersted der Entdecker des Elektromagnetismus ist unsterblich.