Pariser Bilder und Geschichten/Jacoteau

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Autor: unbekannt
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Titel: Pariser Bilder und Geschichten. Jacoteau
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 259–260
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[259]
Blätter und Blüthen.

Pariser Bilder und Geschichten. Jacoteau, ein junger Mann von 23 Jahren, kam kürzlich, des Diebstahls angeklagt, vor die Assisen und wurde von den Geschworenen für schuldig erkannt. Jacoteau war nicht wenig erstaunt über diese Auffassung von Handlungen, die er vielmehr zu seinen Gunsten als zu seinem Nachtheil ausgelegt. Doch wir wollen nicht vorgreifen, und die Geschichte sowie den Prozeß dieses jungen Mannes erzählen, dessen Erziehung ein Produkt des Pariser Lebens ist.

Jacoteau war der Sohn eines Schneiders, der in der Vorstadt St. Martin in einem hintern Hofe fünf Treppen hoch, d. i. unmittelbar unter dem Dache, mit großem Fleiße, aber ohne jene Hülfsmittel, die empfehlen und emporheben, sein Handwerk betrieb.

Früh von der Mutter verwaist, blieb Jacoteau ganz der Sorge des Vaters überantwortet, der selbst, ohne alle weitere Kenntniß, den Knaben mit Vernachlässigung aller andern Anlagen, in der Kleiderkunst unterwies und zur Ausübung derselben anhielt.

Jacoteau war ein gewandter und anstelliger Knabe, so daß er nach dem Ausspruche seines väterlichen Lehrmeisters ein ganz tüchtiger Schneider hätte werden können; allein er erwies sich stets als ein Feind vom Arbeiten, und wo er es nur vermochte, sich der Aufsicht seines Vaters zu entziehen, suchte er mit gleichgearteten Kameraden allerhand Spiel und Zeitvertreib, und da er zu Hause knapp mit Geld gehalten wurde, suchte er seinem Vater oder auch seiner Tante, einer Milchhändlerin in der Vorstadt Montmartre, durch verschmitzte Vorstellungen und Angaben manchen Sous zu entlocken, der dann, zu der kleinen Baarschaft der übrigen Gesellschaft gelegt, die Kosten kindischer Vergnügungen bestreiten half.

So wie Jacoteau zum Jüngling heranwuchs, bemächtigte sich seiner die Sucht, lustig und müßig zu leben und der Ehrgeiz, in eine andere Spbäre zu gelangen, als auf die er durch Geburt und Verhältnisse angewiesen war. Er leugnete oft seine wirkliche Abkunft und gab sich für den Sohn eines Beamteten aus, der aus politischen Gründen seine Stelle verloren. Diese Schwächen in Jacoteau wurden durch seine Muhme genährt, einer Tochter der gedachten Milchhändlerin, die als Figurantin im Theater „la Gaité“ angestellt, Gelegenheit hatte, in ein glänzenderes Leben hineinzusehen, und mit ihren eigenen Erfahrungen die Seele ihres Vetters erfüllte. Oefters verschaffte sie diesem Eintritt in das Theater, auf dessen Bühne sie beschäftigt war; auch gerieth er durch sie in einen Kreis von Bekanntschaften, der nichts weniger als wohlthätig auf die sittlichen Anschauungen des jungen Mannes wirkte. Einen einzigen Vortheil hatte der Einfluß der Figurantin auf den Sohn des Schneiders, daß er nämlich durch ihren Spott und Antrieb bewogen, sich alle Mühe gab, lesen und schreiben zu lernen, Künste, deren Ausübung nicht mit in den Plan seiner Erziehung aufgenommen worden und in welcher sie ihm selbst die erste Unterweisung gab.

Jacoteau, in Verbindungen mit leichtsinnigen, mehr als zweideutigen Frauenzimmern und Männern gerathen, die man in Paris aller Orten findet, ergab sich ganz einem lustigen Leben und ließ seinen Vater allein arbeiten, der vergebens all’ sein Ansehen, all’ seine Strenge aufbot, um den Sohn von dem schlimmen Wege zurückzubringen.

Jacoteau war auf allen Bällen zu sehen, des Winters in den Sälen Valentino, St. Cecile, Paganini, besonders Prado, wo die Studenten ihr Vergnügen suchen, unter denen er gute, dienstfertige Kameraden gefunden; des Sommers zu Mobile, Chateau des fleurs, der Chaumière und Chausesse de Lilas, und wer die stehende oder eigentlich tanzende Gesellschaft der genannten Lokalitäten kennt, wird auch die Gesunkenheit Desjenigen begreifen, der sich zum Mitglied derselben gemacht. Da wird die gemeinste Entwürdigung, so weit es die Polizei nur gestattet, zur Schau getragen, da prahlt man mit Unverschämtheit; das Vergnügen wird bis zur Orgie entstellt. Die Ausgelassenheit springt bei hellen Gasflammen zum Entzücken von Zuschauern umher, die hinter dieser lachenden Außenseite die Verderbniß und das zwiefache Elend nicht kennen oder die bereits unempfindlich für die tiefste Jämmerlichkeit geworden sind, die nichts mehr sittlich zu entrüsten vermag.

Deutsche Bewunderer haben über die genannten Unterhaltungsorte all’ ihr enthusiastisches Lob ausgegossen; doch denen ist es zu verzeihen; sie sehen nur das Fremde und was braucht es mehr, damit sie preisen?

Doch um wieder auf Jacoteau zu kommen. Er hatte oft die lebhaftesten Vorstellungen seines Vaters auszuhalten.

„Was soll aus Dir nur werden?“ frug ihn der Bekümmerte, nachdem er wieder eine Nacht außer dem Hause verbraust hatte. –

„In einer Dachstube zu sitzen und für Magazinknechte und Kutscher Kleider zu flicken, zu diesem Glücke, denke ich, hat man immer Zeit zu gelangen.“ –

„Brot ist die Hauptsache, ob hier oder dort, so oder so, wenn nur auf ehrliche Weise erworben.“ –

„Brot und nichts als Brot. Immer Anstrengung, niemals ein Vergnügen. Stets den Rücken krumm und die Beine verschränkt, dumpfe Luft, Unverdaulichkeit und Leberkrankheit, kein Ansehen, keinen Vorzug, viel weniger Bewunderung, und nicht einmal einen fröhlichen Tag, nicht einen Gran Lebensreiz. Und das soll mein Beruf sein?“ –

„Brot, sag ich Dir, Brot! Warte nur, bis Dein leerer Magen statt Deines Vaters Dich ermahnt und die Noth hinter Dir steht mit ihrer Geißel, die Dich antreibt, schlimmer als die russische Knute, dann wirst Du rufen: „Gesegnet, drei Mal gesegnet ist redlich erworbenes, unter Müh’ und Qual erworbenen Brot!“ das Du nicht finden wirst, weil Du es nicht verdienst.“ –

„Habe ich nicht genug Freunde und Bekanntschaften? Ich werde mir zu helfen wissen.“ –

„Du kennst nicht dieses Paris. Das lacht mit Dir und tanzt mit Dir, wenn Du lachst und tanzest; es giebt Dir bereitwillig Vergnügen, aber Brot, das mußt Du ihm gewaltsam abtrotzen. Ich habe Dir oft genug erzählt, wie lange ich mit der Noth gekämpft, bis ich es zu dieser Dachstube gebracht.“

„Hätten Sie mehr Genie, Vater – erlauben Sie, daß ich es sage – Sie hätten es leichter und besser gefunden.“

„Mehr Genie?“ wiederholte der Schneider traurig. „Möglich. Geh’, Ungerathener, Verblendeter! Dein Genie mög’ Dir helfen. Hielte das Andenken Deiner Mutter mich nicht ab, ich setzte Dich auf’s Pflaster, und würde sehen, ob Dein Genie Dir Obdach und Nahrung verschaffte.“ – Der Schneider sprach nicht mehr, sondern rührte, in Gedanken versunken, emsig die Nadel. Nach solchem Zwiegespräch pflegten oft Wochen zu vergehen, ohne daß ein Wort zwischen Vater und Sohn gewechselt wurde.

Jacoteau war zwei und zwanzig Jahre alt, als sein Vater einem Brustübel erlag, an dem er seit mehreren Jahren in Folge anhaltender Arbeit gelitten. Es fielen ihm fünftausend Franken als Erbschaft zu, die der thätige Schneider mühselig erspart hatte. Jacoteau, dessen Baarschaft niemals über zehn Franken hinausgegangen, war ganz betäubt von dem ungeheuern Reichthum, den er in die Hände bekam; er hielt ihn für unerschöpflich und meinte, er müßte für das ausschweifendste Leben Jahre lang ausreichen. Er suchte sich elegantere und noch schlimmere Gesellschaft beiderlei Geschlechts, als die bisherige war, kleidete sich reich, nahm eine prächtige Wohnung und traktirte geladene Gäste aller Art in den ersten Gasthäusern. Er sah die Hinterlassenschaft zusammenschmelzen, allein er achtete nicht darauf: als er jedoch nach vier Monaten das letzte Bankbillet von hundert Franken wechselte, da stieg ihm einige Besorgniß auf, die er aber mit den Worten von sich wieß: „Ei was, es wird schon gehen; wozu hat man sonst Genie?“ Die hundert Franken gingen, wie natürlich, den Weg ihrer Vorgänger. Sie wurden im sogenannten goldenen Hause, wo schon so viele Glücksgüter ihr Grab gefunden, von einer lustigen Gesellschaft beigesetzt.

Jacoteau schlief nach dem rauschenden Vergnügen für sein letztes Geld tief in den Tag hinein, und als er erwachte, da war es ihm ganz seltsam zu Muthe, denn er sah sich ohne einen Sous, um die Ausgabe für sein Frühstück zu bestreiten. Er rieb sich die Augen, wie Jemand, der sich über seinen Zustand Rechenschaft abzulegen sucht, den er aber nicht recht begreift.

Von nun an geht alles Sinnen und Trachten Jacoteau’s darauf hin, sich Geld für seinen nöthigen Unterhalt zu verschaffen. Zunächst wandern Kleidungsstücke und sonstige Habseligkeiten, die er sich als vornehmer Herr angeschafft, in’s Leihhaus; dann ging’s an’s Borgen; diese letztere Hülfsquelle war sehr wenig ergiebig und sehr bald ganz versiecht. In seinen Gesellschaften sucht er sich noch immer zu bewegen, ist aber mehr geduldet als gesucht. Und da er häufig dem Einen oder Andern seiner Bekannten zur Last fällt, sucht er sich so angenehm als möglich zu machen, durch Witz und Spaß zu belustigen, um auf diese Weise für manche Opfer schadlos zu halten. Da er sich aber durch diese Behelfe unmöglich lange über der Misere zu erhalten vermag, greift er zu Mitteln, die am Ende eine gerichtliche Verfolgung nach sich ziehen.

Jacoteau ist kaum 23 Jahre alt, mittlerer Größe, blaß und von lebhaften Augen, die, ob er gleich auf der Anklagebank sitzt, sorglos blicken.

Er scheint ganz guter Dinge und die zahlreich versammelten Zuhörer, welche den Gerichtssaal füllen, glauben nicht anders, als daß der junge Mann nur durch ein Mißverständniß der Behörde in diese klägliche Lage, auf diese unwürdige Stelle gekommen. Indessen wiederlegte die einleitende Förmlichkeit der Sitzung, die mit dem Namensaufruf anfängt, die allgemeine Voraussetzung. Die Fragenstellung begann:

Präsident. Herr Jacoteau Sie sind Ihres Handwerks ein Schneider?

Jacoteau. Nicht so ganz. Herr Präsident.

Präs. Was sind Sie denn eigentlich?

Jac. Darf ich hier vor aller Welt den geheimsten Gedanken meiner Seele offenbaren?

Präs. Sie müssen Alles sagen.

Jac. Nun denn, ich bin ein Mensch in der Erwartung.

Präs. Was erwarten Sie?

Jac. Eine günstige Gelegenheit, welche so gut sein wollte, mir als Leiter zu dienen, auf der ich emporklettern kann.

Präs. Mittlerweile haben Sie Ungesetzlichkeiten begangen. Hier haben Sie sich für einen Studenten, dort für einen Rentier und überall für den Sohn eines Beamteten ausgegeben.

Jac. Da ich meine Abkunft nicht ändern konnte, mußte ich sie wohl verleugnen. Und diese Titel, von denen Sie sprechen, Herr Präsident, nahm ich nur provisorisch an, bis zu der Zeit, da ich sie gegen einen wirklichen eintauschen und wieder abgeben würde.

Präs. Sie haben noch Schlimmeres begangen. Statt sich eine Beschäftigung zu wählen, durch die Sie der Gesellschaft nützlich geworden wären, haben sie diese beeinträchtigt und auf ihre Kosten sich zu unterhalten gesucht.

Jac. Ich habe, als ich mich aufmerksam umgesehen, bemerkt, daß die Gesellschaft hinreichend versehen war mit Handwerkern, Gelehrten, Fabrikanten, Handelsleuten, Erfindern und Künstlern. Da dachte ich, daß es nicht mehr als billig wäre, wenn sie etwas von den vielen ihr zufallenden Vortheilen abgäbe, was sie leicht thun kann.

Präs. Sie haben Freunde und Bekannte auf die unerlaubteste Weise bestohlen.

Jac. Verzeihen Sie, Herr Präsident, wenn ich die Vermuthung ausspreche, daß Sie den Ausdruck nicht gewählt, sondern ohne Vorbedacht haben entschlüpfen lassen.

[260] Präs. Sie haben dem Herrn Cabanot, Studirenden der Medizin, wohnhaft in der Rue Jacob Nr. 7, einen Ueberrock entwendet und dazu die Unverschämtheit gehabt, ihm Folgendes zu schreiben: (liest)

„Mein Herr!

„Gestern Morgens habe ich Ihnen in der freundlichsten Weise einen Besuch abgestattet. Ich fand Sie noch im Bette und Sie begingen die Unhöflichkeit, ruhig weiter zu schlafen, ohne im Geringsten Notiz von meiner Anwesenheit zu nehmen. Sie begreifen, daß ich mir Genugthuung und Ihnen eine Lektion in der guten Lebensart schuldig geworden. Um diese Doppelpflicht zu erfüllen, nahm ich Ihren Ueberrock an mich. Ich hoffe, daß Ihnen dieser Schaden eine Warnung für die Zukunft sein werde, und daß Sie Ihren Besuchen mehr Aufmerksamkeit erweisen werden. Ich setze bei Ihnen so viel Zartgefühl voraus, daß Sie jeden Skandal vermeiden werden, der Ihnen doch nichts nützen würde. Bei Leuten aus guter Familie wie wir, werden alle Dinge mit Anstand abgemacht. Ihr Hausmann frug mich, als ich das Haus verließ, ob ich ein Schneider sei? Da ich Eile hatte, beantwortete ich bejahend die Frage, um eine weitere Auseinandersetzung zu ersparen. Berichtigen Sie diesen Irrthum, damit der Thürhüter besser von mir denke.

Ihr  Jacoteau.“

Sind Sie der Schreiber dieser Zeilen?

Jac. Es ist meine Handschrift.

Präs. Der Diebstahl ist erwiesen.

Jac. In dem Schreiben ist eine Ansicht ausgesprochen, Herr Präsident, die wohl Berücksichtigung verdient.

Präs. Eine andere Probe Ihrer seltsamen schriftstellerischen Thätigkeit. Es handelt sich um einen Herrn Balard, Handlungsdiener, der Ihnen 25 Franken einhändigte, damit sie dieselben einer Dame seiner Bekanntschaft überreichten, mit welcher er eine persönliche Zusammenkunft vermeiden wollte. (Liest)

„Mein Herr!

„Nichts ist gefährlicher für eine junge Dame, die hinreichend Jugend und Liebenswürdigkeit besitzt, um sich geltend und wünschenswerth zu machen als Geld. Nichts ist so geeignet wie Geld ihrer Würde nahe zu treten und ihr Zartgefühl, theils zu verletzen, theils abzustumpfen. Diese Wahrheit bedachte ich erst, nachdem Sie mir die 25 Franken für Fräulein J… eingehändigt. Ich handelte nach meinem Gewissen, indem ich Ihren Auftrag unausgeführt ließ. Unsere Bildungsstufe und Familie lassen mich hoffen, daß zwischen uns von diesem Gegenstande weiter keine Rede sein werde, da Sie doch durch ein überflüssiges Aufsehn nichts erzielen können, als die Lächerlichkeit.

„Genehmigen Sie meine Freundschaftsversicherungen.
Jacoteau.“

Es giebt kaum eine sträflichere Weise zu hintergehen.

Jac. Meine Erfahrung bestätigt vollkommen, was ich in dem Briefe ausgesprochen und der besondere Umstand, daß Fräulein J… von dem in dieser Angelegenheit die Rede ist, und deren Charakter ich kennen zu lernen mehrfach Gelegenheit hatte, ohnehin eine übermäßige Neigung zum Geld stets an den Tag gelegt, ist wohl ein Gewicht mehr in der Waagschale, die zu meinen Gunsten neigt.

Der Polizeipräsident liest noch mehrere Briefe in diesem Sinne, mit naiver Sophistik abgefaßt. Die Jury zieht sich zurück und der Spruch lautet auf „Schuldig.“ In Berücksichtigung der Jugend des Angeklagten werden ihm nur zwei Jahre der Verhaftung zugemessen.

Das Publikum geht heiter und doch bestürzt aus dem Sitzungssaal. Man bedauert den Verirrten, aus dem, vermöge seiner Anlagen, ein interessanter Mensch hätte werden können.