An den Schnittlauch (Kraus)

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Textdaten
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Autor: Karl Kraus
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Titel: An den Schnittlauch
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aus: Ausgewählte Gedichte, S. 55
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1920
Verlag: Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff)
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scan auf Commons
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An den Schnittlauch


O gutes Grün, wie sprichst du mich zärtlich an,
Wie heilig schweigst du von dem Geheimnisse.
     Du letzter Schmuck der armen Mutter,
          Die ihren Schoß mit der Söhne Blut färbt.

5
Daß du zugleich bist und daß mit dir zugleich

Der Wille lebt, an dem eine Menschheit stirbt —
     Ach, irdisch Unmaß! und dir wird nicht
          Fahler die Farbe, du grüne Hoffnung.

O letztes Leben und wie das Leben auch

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Verkannt, du Anbot wahrster Bescheidenheit,

     Du selbstgenügsam stille Pflanze,
          Die nur wie Schnittlauch schmeckt und duftet.

Nach etwas suchend, welches kein andres ist,
Im Kreis des Lebens, das im Ersatz sich lebt,

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     Bloß deine gute Gabe sah ich,

          Chemischem Zauber unerreichbar.

Daß gleichwohl, grüne Freundschaft, du eßbar seist,
Wenn auf dem Teller treu du dich hingestreut —
     Es rührt noch von dem alten Hunger.

20
          Stets hat der Mensch von der Seele gegessen.