Arktische Entdeckungen und Erlebnisse

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Autor: Herrmann Richter
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Titel: Arktische Entdeckungen und Erlebnisse
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 697-700
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Arktische Entdeckungen und Erlebnisse.

Der große Amerikaner in kleiner, gedrungener Körperform, Dr. Elisha Kent Kane, ein Mann von 34 Jahren, seit seinem vierzehnten Jahre fast immer unterwegs zu Wasser und zu Lande, besonders kühn und tapfer zu Fuße, unter allen Breiten- und Längengraden messend, forschend, entdeckend, in China, unter den Menschenfressern der Philippinen, auf und in[1] noch nie besuchten Kratern feuerspeiender Berge herumstöbernd, zwischen nie untersuchten Felsengebirgen Indiens geologisirend und mineralisirend, Wüsten durchwandernd, durch die Reiche afrikanischer Könige und Sklavenhändler reisend, als Offizier der amerikanischen Armee in Mexico in der Schlacht bei Nopaluka verwundet, als Gesandter des Präsidenten Polk an den General Scott die „Cactusrepublik“ durchstöbernd, und das berühmteste Gebirgsungeheuer Mexico’s, den Popocatopell messend, aus dem vermessenen Golf von Mexico die erste amerikanische „Grinnell-[2]Expedition“ zur Aufsuchung Franklin’s als erster Wundarzt curirend und beschreibend, nachher Haupt und Seele der jetzt von ihm in zwei Prachtbänden erschienenen zweiten „Grinnell-Expedition“ zur Aufsuchung Franklin’s, jetzt in London, um noch eine dritte Expedition zu Stande zu bringen, da er Franklin noch nicht aufgegeben – dieser kleine Dr. Kane ist ein merkwürdiger Charakter, ein mit Wissenschaft erdumgürtendes Musterbild Amerika’s, wohl der kühnste Reisende dieses Jahrhunderts und einer der bedeutendsten Entdecker und Forscher, der Columbus einer neuen arktischen Welt. Er hat nicht nur eine große weitere Ausdehnung des amerikanischen Festlandes entdeckt, eine große Flußmündung und neue Gebirgszüge im Norden Grönlands, dessen Küsten und ganze Ausdehnung vom äußersten Norden her er vermaß, wie Niemand vor ihm, sondern auch vom nördlichsten Punkte aus, den je ein arktisches Schiff erreichte (78° 41’) hinter Wassern, Eisalpen und Landstrecken absoluten Todes und ewigen, dick eingefrornen Starrens eine neue, wärmere Welt, in der sich unter weicheren Winden wieder pflanzliches und thierisches Leben einstellten, und das längst geahnte, gehoffte und prophezeite Polarmeer, mit einer ermittelten eislosen Ausdehnung von 4200 englischen, d. h. beinahe 1000 geographischen Meilen. Diese wärmeren Winde hinter Land und Wasser absoluter Lebensunfähigkeit können auf Inseln jenes vom Gestade aus gesehenen, in seinen Grenzen noch unbekannten Polarmeeres auch noch Franklin und die Seinigen und deren Saaten umwehen und reifen. Und der Nordpol mag vielleicht etwas Wahrheit von jener alten nordischen Mythologie bergen, welche nicht nur ein Paradies dahin versetzte, sondern auch eine feenhaft prächtige Einfahrt in das von lachendem Leben glühende Innere der Erde. Etwas von jenem lachenden Leben vermuthet wohl auch der wissenschaftliche Kopf Dr. Kane’s, der trotz einer ernsten Erkrankung die Hoffnung nicht aufgibt, daß er noch eine Expedition zu Stande bringe, öder sich wenigstens dem wieder von England vorbereiteten Aufsuchungsgeschwader anschließen könne.

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Dr. Elisha Kent Kane.

Wir können uns hier nicht darauf einlassen, ein Bild von der ganzen geschilderten Expedition Dr. Kane’s zu geben, und bemerken nur noch, daß er, im äußersten, bis jetzt erreichten Norden, ganzer 21 Monate in neun Fuß dickes Eis eingefroren, mit seinen achtzehn Mann und seinen Hunden über 3000 englische Meilen Entdeckungs- und Forschungsreisen machte, und endlich die unerhörteste Heldenthat ausführte, aus dem ewig festgefrornen Schiffe mit einem einzigen Gespann Hunden über 1300 Meilen Eisgebirge, Eissümpfe und Eismeere nach der nördlichsten Kolonie Grönlands zurückzukehren, ohne einen Mann zu verlieren. In der grönländischen Kolonie wurden sie eines Tages von dem Sternen- und Streifenbanner Amerika’s von einem Dampfschiffe aus begrüßt, [698] das zu ihrer Aufsuchung und Rettung ausgesandt worden war, und sie nach dreijährigem Kampfe mit dem kältesten Entsetzen der Natur wieder in die warme Welt des Lebens und der Liebe zurücknahm.

Die Leiden, welche die Mannschaften auf allen ihren Expeditionen auszustehen hatten, waren entsetzlicher Natur. Rattenfleisch und dito Suppe war längere Zeit eine Delikatesse auf dem Schiffe. Stets auf Eisfeldern, die oft durch tiefe, schauererregende Klüfte getrennt vor ihnen lagen, konnten sie nur mit Lebensgefahr die Schlitten mit den wenigen Habseligkeiten der Reise von einem Ufer zum andern über die steilen Seitenwände hinüberexpediren, während sie selbst mit großer Vorsicht und an einander gebunden dann nachkletterten. Eine Expedition dieser Art zeigt unsere Abbildung. Auf der oben angedeuteten Rückkehr nach der nördlichsten Kolonie Grönlands waren sie nahe daran, dem Hungertode zu erliegen. Während dieser ganzen langen Tour zwischen enorme Eisberge und mächtige Eisschollen hindurch, beschränkte sich ihre tägliche Nahrung pro Mann in der Regel auf sechs Unzen Mehlstaub und einen Klumpen gefrorenen Talg von der Größe einer Wallnuß. Aber selbst diese elenden Rationen hielten nicht lange vor; nach zehn Wochen voll unsäglicher Beschwerden schien der Hungertod unvermeidlich. In dieser Krisis zeigte sich zu ihrer namenlosen Freude ein Seehund; er suchte zu entkommen, aber ihr Leben hing von dem Fange dieses Thieres ab, und mit wildem Geschrei trieben sie ihre Böte ihm nach durch die Eisschollen. „Eine Menge Hände ergriffen den Seehund und trugen ihn auf sichereres Eis hinauf. Die Leute schienen halb wahnsinnig; ich begriff erst jetzt, bis zu welchem Aeußersten der Hunger uns gebracht hatte. Sie liefen über die Scholle, weinend, lachend und ihre Messer schwingend, und ehe fünf Minuten vergangen waren, saugte schon Jeder an seinen blutigen Fingern oder verschlang lange Streifen von rohem Seehundsspeck. Man ließ nicht eine Unze von dem Thiere übrig. Das Eingeweide wurde ohne vorhergängige Reinigung in die Suppenkessel geworfen. Die knorpeligen Theile der Vorderpfoten wurden in der Eile abgeschnitten und zum Kauen herumgereicht, und selbst die Leber hätte man gern, roh und warm wie sie war, verzehrt, ehe sie noch in den Topf kam. In der Nacht wurden auf einer großen, stehenden Eisscholle, auf welche, die Gefahr des Treibens verachtend, wir Glücklichen unsere Böte hinaufgeschleppt hatten, zwei ganze Bohlen „Red Eric“ zu einem großen Kocheuer verwendet, um welches wir einen seltenen und wilden Schmaus hielten.“

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Transportirung der Schlitten über Eisklüfte.

Die einundzwanzig Monate lange Gefangenschaft in der Festung des nordischen Königs und Tyrannen, Eis, gab Veranlassung und Gelegenheit zu den originellsten Jagden, Jagden, die sich unsere Jagdberechtigten auf Ebenen, über welche manchmal ein Hase läuft, nicht pachten und privilegiren können, Jagden gegen den Polarbär, den Eisbär, Seehunde, Walrosse, „Narwhals“ oder Seeeinhorns u. s. w. So etwas ist keine Hasenjagd, kein Rebhühnerschießen. Dazu gehört etwas mehr, als ein Privilegium von der Polizei, vor allen Dingen der zwischen ewigem Eise aufgewachsene Eskimo und sein Hund. Kane hatte sich einen jungen Eskimo von neunzehn Jahren engagirt, einen fetten, kaltblütigen, dummen Jungen, der ihnen aber mehr als einmal das Leben rettete, wenigstens als Hundewärter die Hunde, ohne deren Tapferkeit, Stärke und Scharfsinn sie wahrscheinlich alle umgekommen wären. Hans, so hieß der junge Eskimo, den Kane dankbar mit unter seine Illustrationen aufgenommen hat, schoß den Vogel im Fluge mit dem Speere aus der Luft und nahm es zur Noth allein mit jedem Bären auf.

Das Lebensbild von einem Eskimo ist sehr einfach. Er baut sich von eiszerstoßenen Felsenstücken einen inwendig hohlen Haufen, übergießt ihn mit Wasser und läßt ihn vom Himmel mit weißem oder „rothem“ Schnee bedecken. Ein Loch unten zum Aus- und Einkriechen und eins oben, den Rauch vom Feuer hinauszulassen, und seine Häuslichkeit ist fertig. Die Felle der Thiere, die er jagt, sind seine Kleidung, deren Fleisch und Thran seine Nahrung. In Grönland tauscht er sich gegen Seehundsfelle, Rennthierhäute und deren Oele, gegen getrocknete, gesalzene und gepreßte Stockfische, delikate Rennthierzungen u. s. w. Kaffee, Tabak, Spirituosen u. s. w. ein und ist der glücklichste der Sterblichen. Aber unten im Norden, wo kein Handel hinreicht und kein Weg herausführt, ist er in der Regel blos auf seine Hunde, seine Jagd im Wasser und die Ernten daraus angewiesen. Das unentbehrliche Rennthier fehlt ihm, nichts als Fische zu essen und deren Thran zu trinken oder Eis zu kauen, wenn’s ihm zu durstig und zu heiß wird. Letzteres kommt nicht häufig vor. Zuweilen spionirt er einen Bär aus und verfolgt ihn mit seinen Hunden, bis er ihm das Fell abziehen und sich Bärenschinken aus ihm schneiden kann. Regierung ist nicht, Polizei, Abgaben, Militairpflichtigkeit, Bürgerbrief, Jagdzettel, [699] Schlagbaum, Thoraccise, Paßkarte – alle diese höchst unentbehrlichen Behörden, Einrichtungen und Steuern fehlen ihm ganz, ohne daß er’s merkt. Er hat niemals Erde unter seinen Füßen, die er graben, von der er ernten könnte, also auch nicht einmal einen Kirchhof, seine Todten zu begraben. Man setzt den Verstorbenen mit dicht an den Körper gezogenen Knieen hin zum ewigen Schlummer, hüllt ihn in einen Sack von Thierfellen, umgibt ihn mit den Werkzeugen und Geräthen, die er im Leben brauchte, dann mit einem Haufen von Steinen und baut eine Art Dach darüber. So findet man dort in den arktischen Einöden oft weit und breit keine Spur irgend eines lebendigen Athems oder Mooses, sondern nur solche wohlerhaltene Grabdenkmale. Der Eskimo vergreift sich nie an einem Grabe. Solche Spuren ehemaligen Lebens in endloser Oede sind das Traurigste und Schwermüthigste, was ein Mensch auf Erden sehen kann.

Nach dem Eskimo selbst ist der Eskimohund die wichtigste Person in jenen äußersten, hier und da von ein paar Dutzend Menschen bewohnten Gegenden, wo das Rennthier nicht mehr hinreicht. Diese Hunde sind Wölfe an Gefräßigkeit, Wildheit und Kraft, aber Pferde, Rennthiere und treue Hausfreunde im gezähmten Zustande. Ehe sie Kane und sein Hundepolizeipräsident Hans ordentlich gezähmt hatten, waren sie die größte Plage, nachher aber mehr werth als eben so viel Gold.

„Welche Qualen mit diesen Hunden!“ ruft er an einer Stelle. „Schlimmer, als eine ganze Straße Konstantinopels voll ausgeleert auf unserm Deck. Unbändige, diebische Bestien! Keine Bärenpfote, kein Eskimoschädel, kein Korb voll Moos, nichts ist vor ihrer Gefräßigkeit sicher. Mit fürchterlichem Geheul fallen sie darüber her und verschlingen es mit einem Schluck. Einmal machten sie sich über ein ganzes Federbett her. Ein ander Mal fraßen sie zwei ungeheuere Vogelnester, Federn, Schmutz, Steine, Moos, zusammen ein Scheffel voll – Alles. Sobald wir Land oder eine schwimmende Eismasse, oder einen Eisberg erreichen, springen sie davon, ohne sich von der Peitsche zurückhalten zu lassen. Wir verloren einmal zwei auf einer Insel. Ich mußte eine große Bootexpedition acht Meilen weit durch Eis und Wasser zu ihrer Aufsuchung ausschicken. Sie wurden endlich fett und frech über einem todten Narwhal gefunden, aber nur einer konnte nach stundenlangem Bemühen eingefangen werden.“

Diese Arbeit und Gefahr um einen Hund läßt sich nur erklären, wenn man erfährt, was diese Thiere leisteten.

„Ich hatte sowohl Eskimohunde als Neufundländer. Von letzteren zehn, alle sorgfältig dressirt auf bloße Stimme beim Ziehen. Ich übte sie vor einem Schlitten, je zwei nebeneinander. Sechs bilden eine mächtige Locomotivkraft für größere Ausflüge; doch zogen auch vier mich und meine Instrumente mit der größten Leichtigkeit. Mein Schlitten, genannt „Little Willie“ war ein Kunstwerk ganz für seinen Zweck ausstudirt und mit der Sorgfalt feiner Tischlerarbeit aus dem trockensten amerikanischen Kernahorn gemacht. Die Krümmung der Kufen war mit Rücksicht auf die möglichst geringe Reibung, Kraft und Leichtigkeit durch Versuche bestimmt worden, mit polirtem Stahl beschlagen und durch Kupferklammern befestigt, die nach Belieben erneuert werden konnten. Alle andern Theile bestanden aus Holz, zusammengebunden mit Seehundsfellriemen, so daß er sich leicht allen Unebenheiten und Zacken und Kanten des Bodens anschmiegte und den heftigsten Stößen widerstand. Er hielt alle Strapazen aus und bewährte sich als das leichteste und bequemste Mittel, auf jenem Boden rasch vorwärts zu kommen. Die stärkeren Eskimohunde blieben für die großen Aufsuchungsreisen und den heldenmüthigen Zug über eine 1300 Meilen lange Wüste von Eis und Wasser vorbehalten. Die härtesten Erfahrungen haben ihnen den unschätzbarsten Werth in meinen Augen gegeben. Damals hatte ich noch keine Ahnung von ihrer Kraft und Schnelligkeit, ihrer geduldigen, ausdauernden Tapferkeit, ihrem Scharfsinn, womit sie sich zwischen eisigen Morästen, auf welchen sie geboren und groß geworden, zurecht- und aus ihnen herausfanden.“

Die ganze Expedition bestand aus achtzehn Amerikanern, zwei Eskimo’s und mehr als fünfzig Hunden. Für die Gefräßigkeit Letzterer war durchaus nicht gesorgt, so daß man öfter blos ihretwegen auf die Jagd gehen mußte, z. B. auf die Walroßjagd.

„Wir sahen wenigstens fünfzig dieser schwärzlichen Ungeheuer im Sunde herumwirthschaften und näherten uns öfter bis auf zwanzig Schritt. Aber die Kugeln aus unsern Rifles prallten von ihren Pelzen ab wie Korkkügelchen von einer Knallbüchsenscheibe, und bis zum Harpuniren ließen sie es nicht kommen, so daß wir ohne Beute abziehen mußten. Später jedoch entdeckte Jemand den Kadaver eines Narwhals oder Seeeinhorns, der uns wenigstens sechshundert Pfund Fleisch lieferte. Er war vierzehn Fuß lang und sein Rüssel oder Horn von der Spitze bis zur hornigen Hülle vier Fuß, kaum halb so groß, als das herrliche Exemplar, welches ich von meiner ersten Expedition mitbrachte und der Akademie der Naturwissenschaften übergab. Wir bauten ein Feuer auf dem Felsen zurecht und schmolzen Dessen Speck aus, der uns reichlich zwei Fässer Thran lieferte.“

Ein anderes seltenes, noch arktischeres Geschöpf als das Rennthier, ist der Moschusochse, den man nördlicher findet, als jedes andere vierfüßige Thier, aber ungeheuer selten. Wir sprechen von ihm vielleicht ein ander Mal und von dem merkwürdigen, an ihn sich knüpfenden Schlasse, daß Grönland und Amerika zu Lande zusammenhängen. Die interessanteste und dramatischste Jagd ist die gegen den Polarbär. Man braucht etwas Kourage und Geschicklichkeit, aber auch darauf dressirte Hunde dazu.

Letztere sind sorgfältig darauf abgerichtet, sich mit dem Bäre selbst nicht einzulassen, sondern ihn blos zu beschäftigen und aufzuhalten, bis die Jäger, von andern Hunden über Eis und Schnee stiebend herangezogen, ihn angreifen. Während ein Hund den Bären vorn beschäftigt, attackirt ihn ein anderer vom Rücken her, wobei jeder sich bemüht den andern zu schützen, so daß selten einer ernsthaft verletzt wird oder ihnen die Aufhaltung des Bären mißlänge. Sobald ein Bär ausgewittert ist, vielleicht am Fuße eines Eisberges, untersucht der fabelhaft scharfe Eskimo dessen Spur und findet darin nicht blos die Richtung, welche der Bär genommen, sondern auch dessen Alter und die Schnelligkeit heraus, womit er lief. Die Hunde vor dem Schlitten werden nun auf die Spur geführt und ihnen das Zeichen zum Abmarsche gegeben. Schweigend fliegen sie über das Eis, bis sie um eine Kante des Berges kommen und den Feind vor sich sehen, der noch mit ruhigem Schritte seinen Weg dahin stahkt, aber doch sofort voll Verdacht in die Luft hineinschnüffelt. Die Hunde springen heran mit einem wilden, wölfischen Geheul, ihr Kutscher schreit: Nannook! Nannook! und Alles ist äußerste Spannung in jeder Muskel. Der Bär setzt sich jetzt auf seine Hinterkeulen, sieht sich seine Feinde an, findet diese zu überlegen und reißt aus im vollsten Galopp. Der Jäger macht im vollsten Jagen die zwei vordersten Hunde los, die nun befreit, den Bär sofort in die Mitte nehmen. Die andern Hunde folgen, trotz ihrer größeren Last, mit der größten Leichtigkeit. Der Bär, die doppelte nahe und die sich nähernde Gefahr beherzigend, merkt jetzt seine Gefahr und sucht eine schützende Stätte auf einem Eisberge zu finden, woran ihn die beiden vordersten Angreifer zu verhindern wissen, bis der oder die Jäger nahe genug sind. Jetzt werden alle Hunde losgelassen. Der Jäger ergreift fest seinen Speer und rücksichtslos über Schnee und Eis stolpernd, schreitet er zum Angriff. Von zwei Jägern wird der Bär leicht überwunden. Der eine macht eine Finte und thut, als wollt’ er ihn in die rechte Flanke stechen, was der Bär durch grimmige Wendung gegen den Angriff zu verhindern sucht. Dies macht sich der andere zu Nutze und bohrt ihm den Speer in die linke Seite. Aber auch ein Einziger bedenkt sich nicht lange. Mit festgegriffener Lanze, die vielleicht nur eine roh gehauene Knochenspitze hat, reizt er den Bär, ihn zu verfolgen, indem er ihm quer in den Weg läuft und thut, als wollt’ er vor ihm fliehen. Aber kaum hat sich der Bär zur Verfolgung gestreckt, wendet sich der Jäger mit raschen Sprüngen um und stößt ihm, ehe dieser seine ungeschickte Körpermasse aus dem einmal eingelegten Schusse bringen kann, die Lanze in die linke Seite unterm Schulterblatte und zwar nicht selten so tief, daß er diese im Stiche lassen und für sein Leben fliehen muß. Aber auch dann wird der Bär noch geliefert, falls denn entwaffneten Sieger geschickte Hunde zu Gebote stehen.

Die Eskimo’s der Etah-Bucht tragen freilich manche Wunde aus diesen Kämpfen davon. Bei ihnen ist der Bär wilder und grimmiger, als in den südlicheren Gegenden. Auch braucht er seine Zähne häufiger, als bisherige Schriftsteller über diesen Gegenstand hervorheben.

In den Gegenden der Reusselaer Bucht, wo unsere Helden einundzwanzig Monate lang eingefroren und abgeschnitten von jedem Hauche der Lebenswärme und der „Gesellschaft“ logirten, ist der [670] Gase sofort auf dem Scheiterhaufen mit zerstört, dessen vielfarbige leckende Flamme sie bilden; was davon entweicht, hat die uns schädlichere Form von Kohlensäure, Ammoniak und den verschiedenen im Ruß befindlichen brenzlichen Stoffen, wovon unten gleich mehr. Auch werden diese Stoffe hier von der erhitzten Luft nach oben geführt; sie können sich nicht in die Erde sickern und verbreiten sich nicht in der zum Aufenthalte des Menschen dienenden untersten Schicht der Atmosphäre (dem Boden des Luftmeeres, welches wir bewohnen).

Von der ökonomischen, finanziellen Seite betrachtet, ist das jetzt allgemein übliche „Zur-Erde-Bestatten“ eine der unverantwortlichsten Stoffverschwendungen, welche im Stoffkreislauf der Erde vorkommen. Denn gerade die Bestandtheile und Zersetzungsstoffe der thierischen Leichen: die stickstoffigen Gase, die Kohlensäure, die phosphorsauren Erden (Knochensalze), sind die unentbehrlichen Nahrungsstoffe für die Pflanzenwelt überhaupt und für die Nutzpflanzen insbesondere, namentlich für die Körnerfrüchte. Während wir mit enormen Kosten von den Gegenfüßlern her um die halbe Erde herum den Guano einführen, bleibt das eben so stickstoff- und phosphatenreiche Material der menschlichen und thierischen Körper unbenutzt tief in den Gruben liegen, oder entwickelt sich nur langsam und spärlich aus der Erde der Kirchhöfe, um einen nutzenlosen Pflanzenwuchs zu düngen. Dem Einwand, daß heutzutage das zu den Scheiterhaufen zu verwendende Holz gar nicht mehr zu bezahlen sein würde, begegnen wir zunächst damit, daß die Kosten für Särge, Aufputzung der Leiche und nichtswürdige Allotrien (z. B. Citronen für lachende Leichenweiber) nachweisbar bei allen Wohlhabenden und selbst dem unteren Bürgerstande Angehörigen, weit mehr betragen, als ein paar Klaftern Brennholz kosten würden. Außerdem bietet die neuere Wissenschaft und Technik ausreichende Brennstoffe und Verbrennungsweisen dar, wobei alles Holz erspart wird und aus den Verbrennungsprodukten noch viel werthvollere Stoffe, als die bloßen Düngemittel, gewonnen werden können. Diese in’s Werk zu setzen und so einen durch bloße Gewohnheit und Indolenz bisher noch verzögerten Fortschritt der Staatsökonomie und der öffentlichen Gesundheitspflege zu machen, scheint uns eine der nächsten Aufgaben unserer Zeit.

Wir denken uns diese moderne Leichenverbrennung etwa in folgender Weise verwirklicht:

Aus Steinkohlengas (oder sobald die Technik die elektrische Zerlegung des Wassers im Großen zu betreiben gelehrt haben wird, aus purem Wasserstoffgas) wird mit Beimischung eines Stromes atmosphärischer Luft (durch Gasometer, beziehentlich Luftpumpe oder Riesenblasebälge) eine mächtige, verzehrende Stichflamme (a) erzeugt. Diese strömt in einen gewölbten Raum, über die auf einen Rost oder Blech (wahrscheinlich von Platin herzustellen!) ausgestreckte, allenfalls in ein Gewebe von unverbrennlicher Asbestleinwand eingehüllte Leiche. Zur Beleuchtung und damit die Leidtragenden mit eigenen Augen Zeugen des Bestattungs- (d. i. Verbrennungs-) Prozesses sein, auch sich von der Identität der Asche überzeugen können, ist der Raum an mehreren Stellen mit Fenstern aus einem dicken und schwer schmelzbarem Glase versehen. Die Verbrennungsprodukte, unter denen sich mehrere für Industrie und Handel wichtige Stoffe (besonders Blausäure, Ammoniumsalze, brennbare Fette nach Art des Photogen und Paraffin) befinden, werden theils durch Abzugsrohre (b) aufgesaugt, und in kältere Räume zum Auffangen übergeführt, theils auch wohl in Gefäßen (c), welche man (z. B. mit Schwefelsäure gefüllt) am Boden der Verbrennungskammer aufstellt, absorbirt und concentrirt.

Da der Verbrennungsprozeß hierbei auf eine ganz reinliche und gesunde Weise vor den Augen der Angehörigen vor sich geht, denen es auch frei steht, die Asche des Bestatteten zu sich zu nehmen (außerdem wird sie, wie es die Naturgesetze verlangen, dem Acker zurückerstattet): so mag wohl Niemand behaupten, daß diese Bestattungsweise unästhetischer sei, als die jetzige, welche den Körper einem scheußlichen Wurmfraße und Moder anheimgibt. Auch das religiöse Bedürfniß wird dabei seine volle Befriedigung finden, indem die Angehörigen an den Fenstern der Verbrennungskapelle singen, beten und geistlichen Zuspruch, oder die Abschieds- und Ehrenreden ihrer Freunde hören können. Blumenschmuck und dergleichen ist ohnedies nicht ausgeschlossen. – Bald würde auch die Kunst sich dieses Gegenstandes bemächtigen, und z. B. durch geschickte Anwendung der sauerstoffreichen z. B. Zündsalze, den Hergang vereinfachen und ihm alles für ungeübte Augen Schreckende benehmen.

Der Vorschlag ist ganz einfach. Jeder chemisch Gebildete begreift seine Ausführbarkeit und auch seine praktische Wichtigkeit. Es handelt sich nur darum, daß die Sache im Großen auf eine leicht zu handhabende Weise ausgeführt werde, am besten in einer der großen Hauptstädte Europa’s, wo täglich Dutzende von Leichen, welche Niemand reklamirt, auf Gemeindekosten bestattet werden müssen. Vielleicht geben die praktischen Engländer, denen ohnedies die Kirchhöfe Londons als unaufhörliche Gift- und Pestquellen schon lange Sorgen machen, das erste Beispiel einer für das Wohl der Menschheit so wichtigen Neuerung!

Herrmann Richter.



  1. Er ließ sich von einem überhängenden Felsen mit einem Seile 100 Fuß tief in den Krater des Vulcans Zall hinab, drang dann noch 600 Fuß tiefer in denselben hinein, und durchforschte diese furchtbare Unterwelt so genau, daß er, obwohl bewußtlos herausgezogen, nachher eine klare Skizze von der Gestaltung derselben entwerfen konnte. Solcher tollkühnen Wagnisse im Interesse der Wissenschaft ist sein buntes Leben überhaupt ziemlich voll.
  2. Beide amerikanische Expeditionen zur Aufsuchung Franklin’s gingen aus der Anregung und aus den Mitteln eines Privatmannes, Grinnell, hervor, welche die Regierung und andere reiche Amerikaner, eben so Dr. Kane aus eigenen Mitteln unterstützten. Die Schilderung dieser zweiten Expedition von Dr. Kane ist zugleich in typographischer, artistischer und buchhändlerischer Beziehung eins der glänzendsten Unternehmungen. Das Publikum subscribirte auf 30000, der Congreß auf 15000 Exemplaxe.