Armeelieferanten

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Textdaten
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Autor: A. H.
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Titel: Armeelieferanten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 207
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[207] Armeelieferanten. Obgleich wir die blutigen Kriegsstürme hinter uns haben und die sanften Zephyre des Friedens wieder zu wehen beginnen, möchte es für viele Leser der Gartenlaube doch von Interesse sein, noch einmal zurückzuschauen, um über die Art und Weise der Verpflegung der Truppen im Felde des Genaueren unterrichtet zu werden.

Für die preußischen Truppen haben die Gebrüder Lachmann in Berlin den größten Theil der Lieferungen an Proviant und Fourage in Entreprise. Die genannten Herren erfreuen sich des ganz besonderen Wohlwollens der obersten Militärbehörden, und müssen wohl als bewährt in ihrem Fache gefunden worden sein, denn sie hatten die Lieferungen schon 1859, 1861, 1864 und 1866, und man hat sie ihnen 1870 und 1871 wieder in umfassendster Weise anvertraut. Auch bei den Truppen ist der Name Lachmann ein wohl accreditirter. Im österreichischen Feldzuge war die Redensart bei den preußischen Soldaten gang und gäbe: „Wenn die Noth am größten, ist Lachmann am nächsten.“ Man fragt sich, wenn man die Zahlen auf dem Papier liest: Wie ist es möglich, diese ungeheuren Quantitäten an Proviant und Fourage, die zur Erhaltung, zur Kräftigung und zur Belebung eines so riesigen Truppenkörpers nöthig sind, immer frisch und rechtzeitig zu liefern? Die Gebrüder Lachmann haben es aber fertig bekommen. Hätte Gambetta die Lachmanns vor der Belagerung von Paris eingefangen und zu Lieferanten für die „heilige Stadt“ gepreßt – die hätten wohl Ochsen per Luftballon herangeschafft und mancher braven Katze wäre der Opfertod auf dem Altare des Vaterlandes erspart worden.

Der Bedarf eines preußischen Armeecorps beträgt, bei einer Stärke von 40,000 Mann und 12,500 Pferden pro Tag, bei reglementsmäßigen Portionen und Rationen: 300 Centner Fleisch oder 133 1/3 Centner Speck, 100 Centner Reis oder Graupen oder 200 Centner Hülsenfrüchte, 20 Centner gebrannten Kaffee, 20 Centner Salz, 600 Centner Brod, 1400 Centner Hafer und 375 Centner Heu. Will man den täglichen Bedarf der ganzen deutschen Armee, die in Frankreich gekämpft, kennen lernen, so muß man obige Summe mit 20 multipliciren. Nach Ueberschreitung der Landesgrenze erhielten die Truppen fünf Cigarren pro Mann, also 20,000 Stück für ein Armeecorps und 4,000,000 für die ganze deutsche Armee täglich. Bei größeren Anstrengungen wird an die Mannschaften noch ein Zehntel Quart Branntwein und eine Extrazulage an Fleisch, Gemüse und Kaffee gegeben. Diese Verpflegungsgegenstände mußten größtentheils aus entfernten Gegenden beschafft werden, da in den occupirten Ländern, welche kurz vorher die feindlichen Truppen zu verpflegen hatten, fast gar keine Vorräthe zu finden waren. Die Ankäufe geschehen auswärts und es sind dazu viele und gute Verbindungen und ein ausgedehnter Credit erforderlich. Es braucht viel Zeit, viel Umsicht und Erfahrung, um die billigsten und besten Bezugsquellen kennen zu lernen, außerdem einer besonderen Kenntniß der nöthigen Waaren und äußerster Vorsicht, um Alles probemäßig und preiswürdig zu erhalten. Hat der Lieferant durch Erfahrung die Stellen kennen gelernt, wo gutes Material zu finden, so sichert er solches durch bewährte und zuverlässige Agenten, über die er stets eine genaue Controle führt. Die Versendungen gehen größtentheils, wegen der nothwendigen schleunigen Beförderung, per Eisenbahn, aber leider waren, gegen alle Erwartung, die Verkehrsstockungen während des letzten Krieges so groß, daß die Ankunft der Bahnzüge außer aller Berechnung lag, und die größten Verlegenheiten hätten entstehen müssen wenn nicht mit bedeutenden Opfern von Seiten der Lieferanten das Nothwendigste für die Truppen im Felde herbeigeschafft worden wäre.

Die prompte Beförderung der Telegramme ist bei dem öfteren Wechsel der Dislocationen unumgänglich nothwendig, trotzdem war selten auf eine solche Beförderung zu rechnen, und so waren in dem letzten Feldzuge ungewöhnlich große Schwierigkeiten zu überwinden.

Von den Endstationen der Eisenbahnen geschieht die Weiterversendung des Proviants und der Fourage per Fuhre, und hierzu ist ein Fuhrenpark von circa zehntausend Wagen erforderlich, wobei die Arbeit des Umladens, wegen der Zeitversäumniß und der dazu gehörigen Arbeitskräfte, nicht gering angeschlagen werden darf.

Die Vertheilung geschieht zunächst an ganze Bataillone, an Escadrons und Batterien, von diesen erhalten die Detachements und von den letzteren endlich die Mannschaften ihre Antheile. Verluste sind bei solchen Transporten sehr bedeutend, und in diesem Feldzuge hat z. B. die Viehseuche veranlaßt, daß in Saarlouis resp. Remilly allein über fünfzehnhundert Ochsen todtgeschossen werden mußten. Es gehört zur Ausführung solcher Lieferungen in großartigem Maßstabe ein durchaus tadelfreies Renommée, viel Geld, genaue Sachkenntniß, entschiedenes Organisationstalent, eine feste Gesundheit und unausgesetzte Thätigkeit. Die geistige und körperliche Anstrengung ist eine fast unglaubliche und für lange Zelt aufreibende. Bei der Eile und der kurzen Frist, in welcher das zur Ausführung erforderliche große Personal zusammengestellt werden muß, ist die Auswahl eine so überaus schwierige, daß oft, trotz der größten Vorsicht, Elemente sich einzuschieben wissen, die nicht selten auf das Renommée der Armee-Lieferanten einen ungünstigen Einfluß ausüben, da viele Personen geneigt sind, die Handlungsweise des Einzelnen der ganzen Kategorie beizumessen.

Sehen wir uns nun in einem Magazine der Herren Lachmann in Berlin ein wenig um. Dasselbe gleicht völlig einem Bienenstocke. Das Ein- und Ausschwärmen der verschiedenen Truppengattungen der Briefträger und Telegraphenboten, der Agenten, Commis, Unterhändler, Gewerbetreibenden, die ihre Waaren anpreisen, das ist so bunt und mannigfaltig, daß es jeder Beschreibung spottet. Der stille Zuschauer weiß in Wahrheit nicht, wohin er seine Blicke zuerst richten soll. Hier kommt z. B. ein Fleischer mit Speckproben, hinter ihm ein Destillateur mit Cognac, danach ein Tabakshändler mit Cigarren; der Speck wird mikroskopisch untersucht, der Cognac gekostet, eine Cigarre zur Probe angeraucht, und was nicht durchaus preiswürdig ist, wird ohne Umstände zurückgewiesen. Zur Abwechselung meldet sich auch ein Schlaukopf, der ein Surrogat für den Kaffee erfunden haben will, reiner Mocca, das Pfund drei Silbergroschen, er beansprucht aber keine so hohe Belohnung für seine Erfindung, wie der Erfinder der Erbswurst; er will sich für das Vaterland opfern und bittet nur den „Herrn Doctor“, der alle eingelieferten und angepriesenen Waaren sanitätlich zu prüfen hat, in die Düte hineinzuriechen. Um sich des Lästigen zu erwehren, kommt der Sanitätsbeamte der Bitte nach – die Düte duftet wirklich nach Mocca, jedenfalls war frischgebrannter Kaffee in der löschpapierenen Hülse, um ihr den nöthigen Duft zu verleihen, das Surrogat selbst erweist sich aber als ein jämmerliches Mixtum compositum von Cichorien, Mehl, gebrannten Eicheln und anderen anti-moccaitischen Bestandtheilen, so daß man den „Erfinder“ ersucht, einige Häuser weiter damit zu gehen; aber das hat keinen Einfluß auf ihn: er hat auch eine neue sehr gesunde und dauerbare Grützwurst „erfunden“, auch Reis aus Kreidemehl und Zuckerabfällen, so daß die sehr beschäftigten Magazinbeamten sich endlich gezwungen sehen, die Schmeißfliege durch einen Verlader etwas unhöflich vor die Thür führen zu lassen.

Wie sehr die großen Lieferanten mit solchen Anpreisungen belästigt und überlaufen werden, das geht über alle Begriffe. Die Proben der angebotenen Waaren sind in der Regel vortrefflich; die höchste Vorsicht ist aber bei Abnahme des Gros dieser Waaren erforderlich, um nicht betrogen zu werden. Die Abnahmebeamten von Seiten der Militärverwaltung sind sehr streng in diesem Punkte.

Zwischen all dieser Arbeit treffen Telegramme ein: „Nach Saarbrücken sofort hunderttausend Cigarren. Nach Mars la Tour fünfhundert Pfund Fliedertee, für die Kranken. – An der letzten Lieferung für die Achtundzwanziger Jäger fehlten achtzig Pfund Speck. – Der Proviantzug nach Nancy ist entgleist. – In Herny fehlt es an Hafer und Heu etc.“ Das Verlangte muß nun schleunigst gewogen, verladen und an seine Adresse versandt werden. Mit jeder Sendung geht ein Agent oder ein Commis, um die richtige Ablieferung zu constatiren. Die Materialien und Naturalien werden auf mannigfache Weise beschafft. Bei meiner Anwesenheit im Magazin traten zwei junge Männer ein, diese erhielten vom Chef den Auftrag, bis nächsten Sonnabend fünftausend Centner Speck anzukaufen. Den Auftrag kaum vernommen, beginnen Beide einen Rundlauf durch Berlin. Kein Fleischer wird verschont, bei jedem fragen sie an: „Wie theuer verkaufen Sie den Speck und wie viel Centner sind Sie bis Sonnabend zu liefern im Stande?“ Der Fleischer muß sich dann schriftlich verpflichten, die von ihm angegebene Centnerzahl für einen bestimmten Preis bis Sonnabend, bei einer ziemlich bedeutenden Conventionalstrafe, zu liefern. Derlei Agenten liefen während des Krieges schaarenweise in Berlin herum. Neun Zehntheile von ihnen waren Anhänger des Alten Testaments.

Jedem Lieferungsmagazin ist ein königlicher Proviantamts-Beamter beigegeben, der bei etwa vorkommenden Differenzen zwischen Lieferanten und Militärbehörden über Qualität der Naturalien etc. zu schlichten hat. Fügen sich die Parteien dem Verdict dieses Beamten nicht, dann wird eine Commission ernannt, bestehend aus zwei Sachverständigen und einem Officier als Präses, und diese Commission hat dann eine endgültige Entscheidung zu treffen. Jedenfalls haben die Franzosen manche Niederlage den präcisen Lieferungen der Gebrüder Lachmann zu danken, und das Sprüchwort: „Ein guter Lieferant im Krieg ist der halbe Sieg“ hat sich durch sie auf’s Neue bewährt.
A. H.