Auch ein Menageriebild

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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Auch ein Menageriebild
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 300–302
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Auch ein Menageriebild.

Von Guido Hammer.
Die Gartenlaube (1861) b 300.jpg

Welchem Naturfreunde wäre eine Menagerie nicht anziehend? Liegt doch schon darin ein ungemeiner Reiz, daß wir diese fremdartigen Thiere, die uns bereits in der Schule als grell colorirte Abbildungen in irgend einem Naturgeschichtsbuche entzückt und mit Sehnsucht nach ihrem wirklichen Anblick erfüllt haben, nun als Originale vor uns sehen.

Für mich ist, ich will es nicht leugnen, schon der Geruch einer Thierbude, der für empfindsamere Nasen, als die meinige, abscheulich sein mag, eine Art von Wonne; denn er regt in mir theils alte, schöne Erinnerungen auf, theils beflügelt er mir die Phantasie und versetzt mich in die Tropenländer unter mächtige Katzengeschlechter, phantastisch geformte Gazellen und buntgefiederte Vögel, oder nach dem eisigen Norden, wo nur noch der Eisbär und die Robben eine Rolle spielen. Doch auch ohne Träumerei ist hier Poesie und Größe genug. Welch wundersamen, immer und immer neuen, tiefernsten Eindruck übt nicht der Anblick eines Löwen auf das Menschenherz! Trotz seiner jämmerlichen Beschränktheit, in der man gewöhnlich den „Wüstenkönig“ in Menagerien zu sehen gewohnt ist, verleugnet er seinen Adel nicht; ja, selbst durch Gefangenschaft, schlechte Pflege und Hunger verkümmert, ist die machtvolle Schönheit des edeln Thieres nicht ganz zu brechen, und immer noch bleibt es im Besitz eines unnennbaren Zaubers, der durch das menschliche Mitleid, das wohl kein Thier um seiner Gefangenschaft willen so in Anspruch nimmt, als der Löwe, eher erhöht, als geschwächt wird. Wie gewaltig wirkt allein der Anblick und Ton des Gähnens, das andere Geschöpfe in der Regel verunziert, aber den furchtbaren Mähnenträger keineswegs in seiner Würde beeinträchtigt! Nun vollends, wenn der Mächtige seine Stimme, sei es im Zorne, sei es um Nahrung zu fordern, ertönen läßt – wie erhaben und überwältigend ist diese Schwester des Donners! Denkt man sich das volle, markerschütternde Gebrüll eines Löwen in Freiheit, der in seiner vollen Schönheit und wilden Majestät die Steppen durchstreift und männiglich verkündet, daß er zu jagen ausgezogen, so begreift man, wie der Dichter zu seinem „Löwenritt“ gekommen [301] Alle Thiere erzittern vor dieser Stimme, und der Mensch, sollte er nicht von Empfindungen beherrscht werden, die, wenigstens bei den Civilisirten und Gebildeten, sich bis zum Gebete zu Dem, der so Machtvolles und Herrliches geschaffen, erheben?

An elastischer Eleganz der Formen und Bewegungen wird der Löwe zwar durch den Tiger übertroffen; aber weit steht dieser an edler Mächtigkeit hinter seinem königlichen Verwandten zurück. Jener eigenthümliche Geist des Löwen, möchten wir sagen, fehlt dem Tiger; er ist eben nur äußerlich schön. Diese körperliche Schönheit ist aber in der That bewundernswürdig. Schon die Färbung, vorzugsweise des Königstigers, ist gegen die schlichte Farbe des Löwen so sinnebestechend, daß er darin den letztern bedeutend übertrifft. Auch die Formen, wie gesagt, sind ebenmäßiger, gerundeter und anmuthiger, sowie seine Bewegungen geschmeidiger und fast einschmeichelnd. Doch der lauernde Katzenblick im echten ungemähnten Katzenkopfe ordnet ihn tief unter, so interessant er auch sonst, selbst in seiner Schattenseite, ist. Sowohl alle seine Vorzüge, als alle seine Mängel zeichnen das ganze übrige Katzengeschlecht aus, es seien nun andere Arten von Tigern, oder Panther, Leoparden, Unzen, Jaguare und wie sie sonst heißen, bis auf unsere Hauskatze herab.

Wie diese beiden Hauptträger des Katzengeschlechts, der Löwe und der Tiger, unendlich Interessantes bieten, so kann man in einer Menagerie von Käfig zu Käfig gehen, und immer wird man sich anregen und erlaben können; man betrachte nur Bären, Hyänen, Wölfe und sonstiges Raubzeug, oder die schlanke, dunkeläugige Gazelle in ihren verschiedenen Arten, oder die plumpen Ueberbleibsel der Vorwelt, den Elephanten, das Rhinoceros oder gar das Nilpferd; kurz, bis herab auf den Spaßmacher, den Affen, ja in kleinen Schaubuden selbst bis zu den einheimischen Waldthieren, die nicht jeder immer Gelegenheit hat zu sehen, wie Dachs, Fuchs, Marder etc., – Alles bietet eben so viel Belehrendes als Unterhaltendes und poetisch Erhebendes.

Nun haben die Menagerien aber noch eine Seite, die mich eigentlich zu diesem Artikel veranlaßt hat, ich meine die dabei beschäftigten Menschen, überhaupt das ganze Darum und Daran. Wer hat z. B. nicht mit angenehmer Neugier den Einzug eines Menageriebesitzers in einer Stadt beobachtet? Da kommen die gelb oder blau angestrichenen geheimnißvollen Wagen, wovon gewöhnlich der vordere einen kleinen Hausstand bildet. Da giebt es blumengeschmückte Fenster mit Jalousien und eine gemüthlich rauchende Esse. Hinterher gehen angekettet dickköpfige, mürrische Bulldoggen von reinster Race. Im Coupé aber, das man eher einen kleinen Vorsaal nennen könnte, schaukeln sich Kakadu’s und indische Raben, mit denen sich wohl die Frau des Besitzers, die unter Blumenstöckchen sitzt, freundlich unterhält. Sie zeichnet sich gewöhnlich durch Corpulenz und durch auffallend viel Ringe, die sie an den zehn dicken Fingern vertheilt trägt, aus, so wie sie gewöhnlich viel, man möchte sagen, Familienähnlichkeit mit den Normalbulldoggen hat, die verbissen unter dem Wagen hinschreiten.

Gelenkt wird dieser Hauptwagen gewöhnlich von dem unvermeidlichen – echten oder – je nachdem die Mittel der Direction es erlauben – unechten Mohr. Die anderen eisenbeschlagenen, festverschlossenen Wagen, aus denen der neugierige Blick wohl dann und wann durch ein vergittertes Guckloch einen Lama- oder Straußenkopf erhascht, sind von Wärtern umgeben, die durch fremdländischen Accent die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zuweilen passirt es freilich auch, daß ein guter, alter Bekannter so einen kauderwälschenden, mit einem Fez geschmückten, bartstarrenden Angestaunten durch den Anruf: „Herr Jeses, Petzold, wo kommst Du den her?!“ als ehrlichen Eingeborenen verräth.

Ist die Menagerie aufgestellt, so kann man das Thierbudenpersonal erst recht in seiner Eigenthümlichkeit kennen lernen. Der Schwarze spielt, einem gewissen Publicum gegenüber, stets eine hervorstechende Rolle. In Folge dessen raucht er auch stets geschenkte Cigarren, die ihm gern von solchen verabreicht werden, die einen unnennbaren Reiz, ja Stolz darin finden, mit dem „Mohr“ gut bekannt zu sein. Wer sich aber die Freundschaft des Menageriebesitzers durch Freihalten in der Restauration, die der Thierbändiger zum Frühstück und Abends zu besuchen pflegt, erworben hat, wird unter Gleichgesinnten, aber weniger Glücklichen, eine angesehene und beneidete Person. Solche fehlen natürlich, als Abonnenten, niemals bei der Hauptfütterung und Bändigungsvorstellung, wo sie beim Eintreten des Löwenbezwingers durch freundlichen, laut zugerufenen Gruß ihre Intimität mit der wichtigen Persönlichkeit vor dem Publicum zu bekunden suchen. Dabei gewöhnen sie sich gern die vier Wochen über, während welcher die Truppe in der betreffenden Stadt weilt, den fremden Dialekt der Wärter an, so daß es wohl vorkommt, daß einer oder der andere von den Zuschauern sie mit zum Menageriepersonal zählt, zumal sie sich gern die Freiheit herausnehmen, in dem Raume dicht vor den Käfigen, wo nur die Wärter zu gehen haben, sich aufzuhalten. Wird ein Solcher bei vorkommender Gelegenheit in der Voraussetzung, er gehöre zum Etablissement, um eine Auskunft gebeten, so wird sein Glück vollständig. Schlau weiß er es zu umgehen, seine nur gastliche Stellung zu verrathen, und giebt in meisterhaft nachgeahmtem Tone eines „Erklärers“ die gewünschte Belehrung. – Doch betrachten wir den Thierbändiger selbst einmal näher und zwar bei einer Vorstellung, so kann man ihm die vollste Anerkennung nicht versagen; denn man hat seinen Muth und seine Talente zu bewundern, mit welchen er sich die Bestien unterthan zu machen verstanden. Mit Gerte bewaffnet, mit bloßen muskulösen Armen tritt er unerschrocken unter die zähnefletschenden und widerstrebenden, mächtigen Katzen und zwingt sie nach seinem Willen zu handeln. Natürlich geht er dabei mit echter Thierbändiger-Charlatanerie zu Werke, indem er augenverdrehend und gesichterschneidend gleichsam die Carricatur einer wilden Bestie spielt, von der es ja richtig ist, daß sie das Auge des überlegenen Menschen scheut, jedenfalls aber vorzugsweise den ruhigen, durchdringenden, desto mächtiger wirkenden Blick des Herrn der Schöpfung. Daß dabei die betreffenden Thiere in ihrer wirklichen oder andressirten Aufgeregtheit stets ein höchst interessantes Schauspiel bieten, ist natürlich. – Hinsichtlich des übrigen Menageriepersonals bietet sich noch eine Seite, die mir stets, namentlich in kleineren Etablissements, die größte Heiterkeit erregt hat; ich meine das Erklären der Thiere von dem „Explicator“. Man könnte diesen Actus die traditionelle „höhere Sohte“ nennen; denn was dabei in Bezug auf Vaterländer der Thiere, deren Eigenschaften, Wildheit, Alter und noch zu erwartende Größe gefabelt wird, geht in’s Großartige. In größeren Menagerien nimmt man’s mit der Wahrheit genauer.

Neuerdings bestrebt man sich sogar ernstlicher, mehr eine wirklich wissenschaftliche Belehrung zu bieten. Nur die verschiedenen Arten, wie Panther, Leoparden, Unzen u. s. w., werden noch oft genug verwechselt, und bei Erklärung der Hyänen kann man sich von der stereotypen Redensart, daß sie „die Leichen ausgraben und lebendig auffressen“, noch nicht recht trennen. Dann bleibt es ein komischer Zug, daß zuletzt für Vorzeigung halbtodter Schlangen, die in ihrer Hinfälligkeit jedenfalls das geringste Interesse bieten, eine kleine „Recommandation“ beansprucht wird, der Viele lieber entsprächen, wenn ihnen die Ansicht erspart bliebe. Ich wenigstens habe eine ordentliche Aversion für den unvermeidlichen Holzkasten, woraus irgend ein Zipfel einer wollenen Decke hervorguckt, und an dessen Fuße sich die Wärmflaschen herumtreiben, die dazu bestimmt sind, die verborgenen abgematteten Reptilien nothdürftig an das Klima ihres Vaterlandes zu erinnern. Für Manche mag es allerdings ein Genuß sein, den Wärter sich so einen glatten Schlangenkopf in den Mund stecken zu sehen, und sie stecken dafür vielleicht gern ihr Scherflein in die vorgehaltene Büchse. Doch Thatsache soll es sein, daß sich in einer solchen Sammelbüchse beträchtlich viel Hosenknöpfe finden, die vom Publicum des dritten Platzes wohl weniger aus Ironie, als öfter aus Mangel an landesüblichen Münzsorten beigesteuert werden. Und ich will es nur gestehen, daß ich in meiner Knabenzeit auch einmal zu dergleichen Contribuenten gehört, was mir schlecht bekam. In der Hast des Abdrehend nämlich war am bezüglichen Knopfe ein Stückchen Tuch mit hängen geblieben, und „schon hatt’ ihn verschlungen der gähnende Mund“, d. h. den Knopf, doch hervorschaute das Stückchen Hosenbund, welches der edle Knecht mit stolzer Resignation erfaßte und den am Zwirnsfaden schaukelnden Knopf wieder hervorzog, mich fixirte und – freilich nur lächelnd, aber zu meiner tiefsten Beschämung weiter schritt. Im Vergleich zu diesem äußerst beredten Lächeln würde mich der Anblick einer Klapperschlange weniger alterirt haben, oder wenn der Tiger ausgebrochen wäre, ich hätte mich mit dankbarem Herzen fressen lassen. Wahrscheinlich rührt aus jener Zeit meine Antipathie gegen das Vorzeigen der Schlangen mit obligater Büchse her.

Aber um auf die naturgeschichtliche Erklärung kleiner Menageriebesitzer [302] zurückzukommen, so will ich ein jüngstes Erlebniß dieser Art mittheilen.

Da gab’s einen Käfig mit allerhand Gethier zu sehen, wie Waschbären, Armadill, Marder, Fuchs, Hauskatzen, Hunde, Kaninchen, Meerschweinchen, ein Rehkälbchen u. s. w., alle scheinbar in zärtlicher Eintracht untereinander lebend. Auch hier wurden nun die Zuschauer mit einer Explikation regalirt, die wirklich originell war. Da hieß es unter anderm von dem Rehkälbchen, das vielleicht erst unlängst in der Dresdener Haide gehascht und gepascht worden war: „Hier sehen die Herrschaften einen der kleinsten Hirsche der Welt; sein Vaterland ist Brasilien.“ Brasilien spielt nämlich eine große Rolle unter den Vaterländern der verschiedenen Thiere; es klingt so recht ausländisch, so recht „praßlig“. Dann war die eine gemüthliche Hauskatze eine indische, die andere aber mit abgehacktem Schwanze und kreuzlahm, daß sie hinten zusammenkauerte, sollte ein Bastard zwischen Katzen und Kaninchen sein. Und das Publicum? O, das Publicum ist die Gläubigkeit selbst. Es glaubte auch, daß der Hund, weil er roth aussah, ein Bastard von Hund und Fuchs sei. Die Kaninchen und Meerschweinchen waren ägyptisch, Fuchs sibirisch, Marder wieder brasilianisch. Die Waschbären blieben unverfälscht, dagegen mußte das Armadill sich gefallen lassen, zu fürchterlichen „Sohten“ ausgebeutet zu werden. „In seinem Vaterlande Aegypten“, hieß es, „saugt es den Krokodilen die Eier aus und gräbt sich, wenn das Ungeheuer dazu kommt, augenblicklich – man staune – sechs Fuß unter die Erde und entgeht so der Rache der Krokodilmama“. Aber nicht genug! „Hat das Armadill keine Krokodileier zur Hand, so geht es auf die Kirchhöfe, scharrt die Leichen aus und frißt sie“ – ich will nicht selbst lügen und dazu setzen: lebendig auf, aber „frißt sie auf,“ sagte er wirklich. Das Publicum betrachtete jedoch das harmlose Thierchen nach so schamlosen Verleumdungen mit nervösem, gespanntestem Interesse und schüttelte die Häupter ob seines scheußlichen Charakters.

Nachdem ich mit einem richtigen Neugroschen meiner Verbindlichkeit für Anschauung eines vertrockneten tättowirten Neuseeländer-Kopfes nachgekommen war, schritt ich ergötzt zur Bude hinaus, um draußen noch einem Lieblingsgenuß zu fröhnen, nämlich die Aushängebilder der Menagerie zu betrachten. Hier waren mit wahrhaft fleischfresserischer Phantasie die blutigsten Scenen zwischen phantastisch geformten Menschen, Löwen, Tigern, Schlangen u. s. w. dargestellt, die von salatgrünen Palmen und kornblumenblauen Gebirgen überragt wurden. Daß drin in der Bude kein einziges von den hier abgebildeten Thieren zu sehen war, fand ich so charakteristisch, daß es mir leid gethan hätte, wenn es anders gewesen wäre.