Auf dem Nachttisch (Tucholsky LL)

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Textdaten
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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: Auf dem Nachttisch
Untertitel:
aus: Lerne lachen ohne zu weinen, S. 215-220
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1932 (EA 1931)
Verlag: Ernst Rowohlt
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck in: Weltbühne, 20. Oktober 1930
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[215]
Auf dem Nachttisch

Bronislaw Malinowski „Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“ (Grethlein & Co., Leipzig und Zürich). Das müßt ihr mal lesen.

Wissen möchte ich wohl, wie der englische Titel heißt – denn es ist aus dem Englischen übersetzt. Ob da auch dieses törichte Wort „Wilde“ steht? Nach dem Inhalt des Buches [216] sollte man das nicht glauben. Der Mann hat eine vorbildliche Art, fremde Völker zu schildern.

Malinowski ist frei von den zwei großen Fehlern seiner Kollegen: die ältern messen, was sie sehen, nach Bond Street, dem siebenten Arrondissement, der Universität Heidelberg, und alle zusammen halten die verstaubten Grundsätze ihrer metaphysischen Warenhäuser für das einzig Wahre und Mögliche. So kommen sie zu lustigen Resultaten. Die Jüngern spielen „O Bruder Mensch!“ und fabeln sich da in Bali oder sonstwo wahre Zauberreiche zusammen, bei denen es einen nur Wunder nimmt, daß die hehren Urwesen, die dort wohnen, überhaupt aufs Töpfchen gehen. Malinowski macht das anders.

Er ist zunächst einmal von wundervoller Bescheidenheit. Er hat sozusagen klein angefangen: er hat jahrelang unter diesen Leuten gelebt, die nach seinen Schilderungen wesentlich weniger wild zu sein scheinen als etwa ein mittlerer berliner Börsenbesucher … er hat unter diesen Leuten, südlich vom Bismarck-Archipel, westlich von Neu-Guinea, gelebt, hat langsam ihre Sprache gelernt und ist dann allmählich in ihr Leben eingedrungen, soweit das ein Fremder überhaupt kann. Aus der Fülle des Materials heben sich zwei Dinge klar hervor:

Daß es auf der Welt einen Stamm von Menschen gibt, die nicht an die physiologische Vaterschaft glauben. Das heißt, der hier beschriebene Volksstamm auf den Trobriand-Inseln hält die Geburt eines Menschen nicht für die Folge des Geschlechtsverkehrs. Zunächst muß im Leser die Annahme auftauchen: sie haben sich mit dem Forscher einen hübschen Spaß gemacht. Nein, sie haben sich keinen Spaß gemacht. Sie argumentieren allen Ernstes so: Ein Mädchen, das viel Geschlechtsverkehr hat, bekommt oft keine Kinder … also? [217] Eine häßliche alte Frau, die für uns alle nur ein Gegenstand des Spottes ist, hat ein Kind, sie kann keinen Verkehr gehabt haben … also? Woher die Kinder kommen? Ein Geist bringt sie. Und das sind doch nun Bauern, Leute, die Vieh haben, wenn auch importiertes, die ihren Hunden zusehn! „Das weibliche Schwein pflanzt sich selber fort.“ Es ist ganz erstaunlich. Wir wollen hier nicht den Fortgeschrittenen mimen, wir nicht. Denn sicherlich haben die Melanesier einen Schauwecker oder einen Jünger, der ihnen dartut, daß in diesem Mythos Blut und Erkenntnis zusammenstoßen … oder was man so sagt.

Der zweite Punkt ist die Bestätigung einer Erkenntnis, die wohl als erster Levy-Brühl formuliert hat: daß die Sprache dieser Wilden unendlich kompliziert ist. Wie so vieles von dem, was man auf den Schulen lehrt, falsch ist, so ist es auch die Lehre von den Primitiven. Eine so unendlich komplizierte Sprache, die für alles und jedes ihre eignen grammatischen Formen hat, das soll man sich in Europa suchen. Wir hätten dazu keine Zeit; unsre Sprachen werden ja allesamt immer mehr abgeschliffen, der Genetiv verschwindet, die Auswahl an Tempora wird immer kleiner, der Konjunktiv fängt leider an, leicht komisch zu werden … diese Leute da haben Verbalformen, die anzeigen, ob eine Tätigkeit schnell oder langsam ausgeübt worden ist, im Laufen oder im Sitzen, gern oder ungern – das beziehen sie ins Verb ein, es ist ganz erstaunlich.

Seht, die Wilden sind doch bessere Menschen …? Das nicht. Aber sehr rein und unverdorben sind sie; und das einzige, was in diesem Bilde stört, ist die Existenz christlicher Missionare. Man empfindet es als eine Frechheit, diesen Leuten unsre Moral zu predigen, und das ist es ja wohl auch.

[218] Soweit das Geschlechtsleben der Wilden. Das Geschlechtsleben der Gezähmten lernen wir aus einem Werkchen von vierhundert Seiten kennen: „Die (Klipp-)Schule der Liebe“ von Diotima (bei Eugen Diederichs in Jena). Die Zeiten sind so traurig, und man ist für jede Aufheiterung so dankbar … Auf dem Buchumschlag: „Diotima bittet dringend, alles Nachforschen nach ihrem Namen zu unterlassen, denn sie will nicht auf dieses Buch hin angesprochen werden.“ Keine Sorge – auf dieses Buch hin gewiß nicht. Also jetzt gehts los.

Man stelle sich eine brave, normal-sinnliche, etwas mit Edelmut geladene Frau vor, die plötzlich vom Dämon und vom Verlag Diederichs gepackt wird: „Es muß etwas geschehn!“ Und es geschieht etwas. Die Dame setzt ihr Geschlechtsleben in ein Manuskript um … also das ist nicht zu sagen. Dieser Mangel an Geschmack ist gradezu grotesk. Man sieht ordentlich, wie das arme Wesen dasitzt, an der Schreibmaschine nagt und sinnt: „Was haben wir denn noch gemacht … ja, richtig!“ und dann gehts wieder los, und sie übersetzt ihre Erlebnisse in ein grauenvolles Deutsch, gemischt aus Freud, einem vermanschten Zeitungsjargon und jenem gehobenen Stil, der sich im Deutschen gern durch substantivierte Infinitive ankündigt: in ein „Nicht-stärker-empfinden-können“. Wenn du irgendwo so einen Infinitiv siehst, dann wisse: hier ist das musikalische Lymphdrüsensystem geschwollen. Der mit Verlaub zu sagen Stil der Dame Diotima ist nicht von Pappe. Doch, er ist aus Pappe. Sie hat eine gewaltige Abneigung, die Dinge, mit denen sie sich nun einmal – die Sache wills, mein Herz! – befassen muß, beim richtigen Namen zu nennen. Daher gibt sie ihnen neckische Kosenamen; man bekommt die Seekrankheit auf festem Land. „Liebesmuschel“ ist ja schon nicht heiter – aber wenn ich denke, daß das jemand „Liebeshöhle“ nennt, dann gehe ich einsam in ein [219] monogames Eckchen und weine vierzehn Tage lang, und Erika hat nichts zu lachen in der Zeit. Bin ich ein Höhlenbewohner? Ach, ist das ein Buch! Ich bringe es über mich, eine dieser Passagen zu zitieren – erröten kann der Umschlag der Weltbühne nicht, ich fürchte, er wird blau und grün werden. Item:

„6. Wer es wagen kann, stelle den geschlossenen Kreislauf der Liebe her, wo sich nicht nur unten und unten und oben und oben im Kuß verklammert, sondern jedes Oben mit jedem Unten geeint ist und den Kreis schließt (69). Es sei noch bemerkt, daß sowohl die sechs wie die neun ja nicht nur auf der Seite, sondern auch beiderseits abwechselnd auf dem Rücken liegen kann.“ In einem der Werke der Psychopathia sexualis habe ich ein bestimmtes Dokument immer mit dem größten Vergnügen gelesen; es findet sich bei Merzbach: „Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinns“. Da schreibt ein Buchhalter an eine ihm offenbar recht ergebene Dame einen nicht völlig wiederzugebenden Brief; der Mann hatte wohl seine kleine Befriedigung in solcher Schreiberei, und der Brief fängt so an: „Meine liebe Freundin! Hoffe Dich im Besitze der meinerseits versprochenen Ansichtskarten und habe erst heute Zeit, die Ihnen ebenfalls versprochenen Zeilen zu senden, worin mein Entzücken ausdrücke über Deinen süßen …“ Und fährt fort: „Beides hätte gern, aber wir müßten beiderseits respektive allseits nackend sein.“ Diotimus oder: Franzeescher Schick und deutsche Jründlichkeit.

Wir wollen uns hier nichts von Galanterie erzählen. Wer ein so albernes Machwerk der Öffentlichkeit vorzulegen wagt, der verdient keinerlei Schonung. Diese Mischung aus Ungeschmack, flanellner Geilheit, Mystik und falscher Bildung muß ausgelacht werden. Wird sie das? Mitnichten. Das Buch hat wunderschöne Empfehlungen auf den Weg bekommen, ihm [220] durchaus adäquate. Daß es Wilhelm Bölsche empfohlen hat, ist in der Ordnung: es ist ihm ganz nahe. Daß ein Pfarrer schreibt, er wisse keine Stelle, wo er nein sagen müßte, läßt auf sehr bedenkliche Vorgänge im Pfarrhause schließen. Auch Katharina von Kardorff-Oheimb hat das Buch warm empfohlen (wie denn nicht – gehst her!), und Frau Margarete Garduhn, geborne Saunier, wissen Sie, von den Sauniers … aus Stettin, schreibt: „Und als ich das Buch in der Hand hielt, dachte ich, daß doch bis jetzt noch niemand vorher das wahre Wesen der Liebe erfaßte und eben auch den Kampf darum. Jedenfalls, ich las das Buch – vor meinem Mann …“ Genug.

Neulich habe ich mich einmal darüber ausgesprochen, in welcher Massenhaftigkeit die Empfehlungsschreiben Thomas Manns herausgehen. Darauf hat mir Hans Natonek in Leipzig sehr gut und verständig geantwortet: es sei doch nett von Thomas Mann, sich für den Nachwuchs einzusetzen, und wer denn das sonst tue. Das ist ein Standpunkt. Aber es ist doch auch einer, diese unsägliche Manieriertheit Manns zu verlachen, der die Schmiererei Diotimas also apostrophiert: „Ich habe das Werk der kundigen und tapferen Sibylle mit Respekt und Vergnügen gelesen und finde, daß man das Ewig-Weibliche noch nie mit so viel gesundem Freimut über die Liebe hat sprechen hören. Ich bin keine sehr galante Natur …“ Wenn sie denn sind über fünfzig, dann kriegen sie es mit dem Olympischen, und da wollen wir nicht stören. Diotima aber wird sich noch oft, wie auf dem Buchumschlag steht, „mit künstlerischen und wissenschaftlichen Problemen herumschlagen“, sie wird noch viel erleben, ihr Mitarbeiter wird das seinige tun, und wenn es vorbei ist, wird uns das junge Paar den Irrigatorenmarsch blasen, und wir bekommen einen neuen Band. Eine Kochfrau der Liebe.