Auf der Etappe vor Paris

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Autor: G.
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Titel: Auf der Etappe vor Paris
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 35
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[35] Auf der Etappe vor Paris.

„…Nach einer Schlacht werden dann Massen von Verwundeten, Kranken, Maroden und auch Marodeurs in die Etappen-Hauptorte zurückströmen. Diesen schließen sich in glücklichem Falle Gefangenentransporte an. Dazu kommen reparaturbedürftige Geschütze und Wagen, kranke Pferde, Beute-Gegenstände etc. und endlich Anforderungen an Uebersendung von Proviant für die auf kleinem und verwüstetem Fleck concentrirte Armee, von Lazareth-Materialien aller Art, von Vorspann zum Rücktransport der Verwundeten etc. …“

So lautet wörtlich § 3 der „Organisation des Etappenwesens im Kriege für die deutschen Heere, Berlin 1867“, und ein schlagenderes Bild einer Etappe läßt sich mit weniger Worten kaum geben. Aber es ist glücklicherweise nicht alle Tage Schlacht, und die paar Pinselstriche, die demnach zur Ausführung des Gemäldes noch fehlen, will ich in der Kürze hinzufügen.

Es ist Nachts elf Uhr. Im verschwenderischen Kamin des Etappenbureaus prasselt ein enormes Feuer, Wärme und Beleuchtung gleichzeitig spendend. Das Etappenpersonal hat sich, von der Tagesarbeit erschöpft, zur Ruhe begeben; nur der Adjutant in jugendlicher Uniform und ältlichem Gesichte sitzt noch rauchend und sinnend am Feuer. Er gehört zu den Vielen, die der Krieg aus fernen Zonen nach der Heimath zurücktrieb; ich kenne seine Geschichte ganz genau und wenn das Glück gut ist, bin ich der Adjutant, von dem ich spreche, am Ende selber. Die fünf Grad Kälte draußen und der bleiche Winterhimmel mit den matt leuchtenden Sternen des Nordens contrastiren seltsam mit den fünfundzwanzig Grad Hitze und der funkelnden Sternenpracht der Tropenwelt, die er nur eben verließ. Ein Glas heißen Grogs scheint nothwendig, so schroffen Uebergang in etwas zu vermitteln; dasselbe dampft auch bereits auf dem Kaminsimse und die heißen Dämpfe gruppiren sich zu Nebelbildern längst vergangener Scenen. Dem Feuer nahe kauert ein weißer Pudel, seines Herrn harrend, der nur vor wenigen Tagen die Etappe hier passirte, um zu seinem Regimente zu stoßen. Das arme Thier mochte den schmucken Garde-Ulanenofficier mit dem hübschen, blutjungen Gesicht wohl beim Gedränge und Durcheinander der Abfahrt des Zuges verloren haben. Manchmal richtet es den feinen Kopf empor und die klugen Augen schielen wie fragend nach mir herüber. Armer Pudel!

Nebenan, nur durch eine Glasthür getrennt, ist das Telegraphenbureau; eben jetzt klappert es dort mit einer Heftigkeit, die nichts Gutes für die Nachtruhe weissagt. Richtig! Der Telegraphist kommt schon mit der copirten Depesche.

„Einige dreißig Wagen mit Belagerungsgeschütz werden in einigen Stunden hier eintreffen und die Mannschaft hofft auf Kaffee.“

„Kaffee? – also Sachsen!“ dachte ich und bestelle den Kaffee mit heimathlichem Eifer. Ich kostete ihn auch und fand ihn probemäßig: reines Blümchen!

Neues Klappern drüben, neue Depesche: „Belagerungspark soll ohne Aufenthalt durch und vor nach seinem Bestimmungsorte fahren, daselbst sofort ausladen und Locomotive nebst leeren Wagen zurücksenden.“

„Na nu, armes Blümchen! Ich kann dich doch unmöglich allein austrinken, denn du warst ja für dreihundertfünfzig Mann bestimmt, und die Geschirre brauchen wir morgen früh für die Kranken; es kann mithin nichts helfen und wir müssen dich schon den Göttern opfern.“

Draußen hört man deutlich den Kanonendonner der Forts Rogent und Rosny herübergrollen; dazu heult der weiße Pudel in kläglichen Tönen. Was heult der Pudel so? Hunde sollen Gespenster sehen, wie man sagt; hat er vielleicht den Geist seines schmucken jungen Herrn gesehen mit der klaffenden Todeswunde in der Brust?

Ich glaube, der Adjutant wird schläfrig. Ein Wunder wäre es eben nicht, denn des Tages Last war nicht gerade klein. Die Kaminhitze, welche die müßigen Nummern der Post vor dem Gewehre zu schüren nie verfehlen, wirkt auch mehr einschläfernd als ermunternd, und durch die Nebelbilder am Kamin ziehen Palmenhaine und Mangowälder in immer wachsenden Dimensionen. Vor dem lauten Hufschlag und Säbelgerassel draußen zerfließen sie indeß wieder in die kalte Wirklichkeit einer nördlichen Winterlandschaft. Eine Ulanenpatrouille mit hungrigen und müden Pferden verlangt Unterkommen und Futter für die Nacht! Unterkommen! Auch eine kühne Idee! Die Leute hier nennen unser Etablissement das Hotel zur „dürren Henne“, denn außer einem Wartesaal, der als Verbandsstation dient und in dem diese Nacht bereits sechszig Kranke wie die Häringe auf- und nebeneinander liegen, haben wir nur einen alten Kohlenthurm zur Verfügung, der das Wasserreservoir für die Locomotive trägt und worin unser Marketender mit zwei Frauenzimmern wie in einer Tropfsteinhöhle sitzen. Die Ulanen werden wohl auch bivouakiren müssen, wie so viele Tausend Andere, falls sie nicht noch bis in die nächste Ortschaft reiten wollen.

Neues Klappern drüben auf der Telegraphenstation: „Anfrage, bis wann zweiundvierzig Achsen verfügbar seien, um in Rheims Munition abzuholen? Drahtantwort sofort erwartet.“

„Nun also,“ sagt der aus dem Schlummer geweckte Etappencommandant, „nur erst die Sache klar geschnitten! Zweiundvierzig Achsen? Gut! Munition fassen? Schön! In Rheims? Natürlich! Bis wann Waggons verfügbar? Frage! Nur Klarheit in die Sache! Werden müssen den Bahnhofsinspector kommen lassen.“

Und der Bahnhofsinspector kommt; aber die ersehnte Klarheit kommt doch noch nicht mit ihm, und der schwitzende Telegraphist, der eben anklopft, bringt sie auch nicht, denn er meldet nur, daß die Communication stockt und er keine Antwort mehr auf seine Anfrage erhalte.

„Also muß der Gensd’arm satteln,“ resolvirt die Commandantur, „muß die Bahn mit einer Patrouille abreiten, um zu sehen, worin die Störung liegt, denn wir müssen die Sache vor allen Dingen klar schneiden.“

Es ist zwei Uhr Nachts geworden mittlerweile; der arme Gensd’arm wird auch Mühe haben, die Sache „klar zu schneiden“ bei der dunklen Winternacht.

Ruhe scheint doch endlich eingezogen auf der Etappe; nur der einförmige Schritt der Schildwache draußen und das Schnarchen der Kranken in der Verbandsstation unterbricht die nächtliche Stille; aber man kann der Ruhe nie recht trauen und der Schlaf ist nur ein leichter und fieberhafter auf der Etappe. Für nervöse Naturen ist hier kein Aufenthalt. – Endlich graut der Morgen, und der Frühzug, der heimwärts geht, macht sich zur Abfahrt fertig. Commandirte, Beurlaubte, Reconvalescenten aller Grade und Waffen und von den verschiedensten Parteien kommen dutzendweise theils zu Fuß, theils zu Wagen und melden sich um Requisitionsscheine zur freien Fahrt nach den verschiedenen Zwischenstationen. Marketender und Marketenderinnen, Lieferanten, Fuhrspannleute, häufig genug auch bloße Speculanten, suchen unter den mannigfachsten, oftmals wahrhaft sinnreichen Vorwänden um ähnliche Vergünstigung nach. Die Frauen sind in der Regel hierbei meist die ungestümsten, und um so dringender, je weniger Berechtigung sie aufzuweisen haben; selbst ein Heiliger möchte mitunter die Geduld hierbei verlieren. Endlich ist der Postzug weg, Gott sei Dank! bis zwei Uhr Nachmittags, da die nächste Post geht, hat es wenigstens damit Ruhe. Aber jetzt kommt auch schon der Zug, der von hinten her anlangt mit Ersatzmannschaften, aus heimatlichen Lazarethen Entlassener, von Urlaub Eintreffender etc., die alle nach den Cantonnementsquartieren ihrer nach vorn zu stehenden Truppentheile fragen und mit Abfertigungsscheinen dahin versehen sein wollen. Dazu kommen Stöße von Briefen und Paketen mit oftmals dunklen und orakelartigen Adressen, die „klarzuschneiden“ häufig seine Schwierigkeiten hat und dem Etappen-Commandeur manche Nuß zu knacken geben.

Auch dieses wird indeß gesichtet, und unter Abfertigung von zahlreichen verschiedenen persönlichen Anliegen von Freund und Feind, Empfangen von gelegentlichen Besuchen aus umliegenden Ortschaften, Erledigung zahlloser Anfragen und Gesuche, Ausschreiben von Verpflegungsliquidationen für hier stationirte Militärs, Beamte und Bahnarbeiter verfliegt die Zeit bis zum Abgange des Krankentransportes. Die Krankenverzeichnisse sind auch endlich fertig, die Kranken in die Waggons eingeladen und mit Stroh, Decken und Laternen versehen. Weg braust der Zug, das rothe Kreuz grell von der kalten Wintersonne beschienen. – Nun wird wohl Ruhe sein bis zwei Uhr Nachmittags, der Abfahrtszeit des Postzugs. Nein! Die Kanonen der Forts Rogent und Rosny hatten vorgestern und gestern nicht umsonst gedonnert, der weiße Pudel nicht vergebens geheult. Man hatte geschlagen! Eine zweitägige blutige Schlacht und die Worte des § 3 der Organisation des Etappenwesens im Kriege, Berlin 1867, werden jetzt zur Wirklichkeit und in erschütternder Weise entrollt sich nunmehr das ernste Bild einer bewegten Etappe.

In langen Wagenzügen kommen die Verwundeten an, um auf die schon bereit gehaltenen Krankenwaggons der Eisenbahn umgeladen zu werden. Die freiwilligen Krankenpfleger und Sanitätssoldaten haben alle Hände voll zu thun. In allen nur denkbaren Positionen, je nach Art der Verwundung, sind die Schwergetroffenen placirt. Manche liegen auf dem Bauche, andere auf der Seite, auf dem Rücken, noch andere sind wie die Schmetterlinge ausgespannt. Im Bureau sind wir eben dabei, die eingereichten Verzeichnisse der Verwundeten zusammenzustellen, als ein Garde-Ulan sich meldet: „commandirt, die Leiche seines Herrn nach der Heimath und in’s väterliche Hans zu geleiten.“ Der weiße Pudel springt laut bellend und freudig mit dem Schweife wedelnd an ihm in die Höhe. Armer Pudel! Dein schmucker junger Herr mit dem frischen blühenden Gesichte ward vorgestern mitten durchs Herz geschossen, und liegt in der schwarzen Kiste dort, für deren unentgeltlichen Transport in die Heimath ich soeben den Requisitionsschein ausschreibe!

G.