Auf ehrwürdigem Boden

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: Rudolf Scipio
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Auf ehrwürdigem Boden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 390–392
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[390]
Auf ehrwürdigem Boden.


„Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,
Weit glänzt es über die Lande, bis an das blaue Meer.“

Unwillkürlich fielen diese, wenngleich einem andern, unbekannten und fabelhaften Schlosse geltenden Worte uns ein, als wir in der alten Kaiserstadt Aachen die Stelle betraten, auf der sich einst die Pfalz Karl’s des Großen erhob. Bis an das ferne Meer glänzten auch ihre stolzen Zinnen über ein Reich, welches von den Dünen der Nordsee bis zu den Gestaden des Mittelmeeres, vom Eiderstrande bis jenseits der Pyrenäen sich ausdehnte.

Aachen, das alte Ach oder Ahha (Wasser), der Mittelpunkt des mächtigen Frankenreiches, ist zugleich auch die Heimath des Geschlechts seiner Herrscher. Schon Karl’s des Großen Vorfahren, die ehemaligen merowingischen Hausmeier, hatten zwischen der Maas und dem sogenannten Kohlenwalde ausgedehnte Besitzungen, in deren wildreichen Forsten sie des edlen Waidwerks pflegten, und Pipin von Heristal besaß urkundlich bereits im Jahre 753 in Aachen eine Pfalz. Wenn deshalb die Sage Karl den Großen die heilkräftigen, warmen Aachener Quellen auf der Jagd entdecken läßt, so ist das nicht so ganz streng zu nehmen, zumal diese Quellen als aquae Grani Wasser des Granus, eines alten celtischen Heilgottes, wie aus zahlreichen in ihrer Nähe aufgefundenen römischen Gräbern, Straßenanlagen, Wasserleitungen, Bädern und Münzen hervorgeht, bereits von den Römern besucht und benutzt wurden.

Es scheint allerdings, als ob Aachen zu jener Zeit ein ziemlich unbedeutender und im Allgemeinen wenig bekannter Ort gewesen sei, da man seinen Namen nirgendwo in den damaligen Itinerarien und Karten verzeichnet findet, was allerdings auch wohl darin seinen Grund haben mag, daß es abseits der gewöhnlichen Heerstraßen lag, welche damals die römischen Niederlassungen des Rheins, der Maas und Mosel miteinander verbanden. Erst mit dem Jahre 778, als Karl der Große hier einen Palast erbauen ließ und Aachen zu seiner vornehmsten Residenz erkor, begann die Stadt allgemeiner bekannt zu werden, welche wenige Jahre später schon den Namen eines zweiten Rom sich erwarb. Die von Karl dem Großen hier errichteten Bauten sind wohl als eine Erweiterung der bereits erwähnten Pfalz Pipin’s zu betrachten, indem Angilbert, Karl’s Schwiegersohn, von Reliquien spricht, welche Karl und dessen Vorfahren in dem ehrwürdigen Palaste gesammelt hätten. Leider sind von jenem stolzen Baue, zu dem Säulen und Marmorquadern aus Italien herbeigeschafft wurden, nur einzelne Mauerreste erhalten geblieben, welche indessen hinreichen, um mit Hülfe schriftlicher Ueberlieferungen aus damaliger Zeit ein ziemlich genaues Bild der einstigen Kaiserpfalz zu gewähren.

Der vornehmste Theil des Palastes, welcher die Wohnungen des Kaisers und seiner Familie enthielt, erhob sich auf dem heutigen Marktplatze. Zu ihm dürfte auch wohl der Flügel gehört haben, auf dessen Trümmern später das jetzige Rathhaus erbaut wurde. Eine zweite Abtheilung des Palastes erstreckte sich von hier über den südlichen Abhang des Markthügels bis zur Pfalzcapelle, dem jetzigen Liebfrauenmünster, und enthielt die Wohnungen der Hofbeamten, die Quartiere der Leibwache, Kloster-, Schul- und Wirthschaftsgebäude, welche ebenso, wie die obere Burg, einen weiten Hof umschlossen. Einen dieser Höfe zierte die Reiterstatue [391] des Ostgothenkönigs Theodorich, welche Karl im Jahre 801 von Ravenna nach Aachen gebracht hatte.

Längs der Westseite des Palastes zog sich die von Köln nach Mastricht führende Heerstraße hin, welche durch ein Thor mit dem unteren Burghofe in Verbindung stand. Längs desselben führten überdeckte, nach den Seiten offene Gänge hin, welche diesen Theil des Palastes und die Capelle mit den Wohnungen des Kaisers verbanden. Der ganze Palast war, wie aus dem Capitular de disciplinis palatii aquisgranensis hervorgeht, durch eine denselben umgebende Mauer von dem dabei liegenden Flecken getrennt, hatte aber keine eigentlichen Befestigungen, die überhaupt zu jener Zeit an den Schlössern der Fürsten nicht gebräuchlich waren. Von den diese Mauer flankirenden Thürmen, deren bei verschiedenen Chronisten Erwähnung geschieht, ist, wie man annimmt, noch ein Stück Mauerwerk von etwa zwanzig Fuß Höhe in dem östlichen der beiden Rathhausthürme, dem sogenannten Granusthurme enthalten.


Die Gartenlaube (1874) b 391.jpg

Das Rathhaus zu Aachen.
Nach einer Skizze von Rudolf Scipio.


Die Großartigkeit und Pracht des Kaiser-Palastes wissen die Chronisten jener Zeit nicht genug zu rühmen. So schildert Angilbert unter Anderen auch die Schönheit der ehernen Kuppeln, welche von der Bergeshöhe weit in das Thal hinabglänzten, und der Dichter des Titurel, welcher zu einer Zeit schrieb, in welcher jener Bau bereits manchen Sturm ausgehalten, weiß die Herrlichkeit der Burg Montsalvatsch nicht besser zu preisen, als dadurch, daß er ihr die Paläste von Rom und Aachen nachstellte.

„Gein rom gein ache den verten wart nie den geliche.“

Für die große räumliche Ausdehnung des Palastes sprechen eben so wohl verschiedene Nachrichten aus jener Zeit, wie die noch vorhandenen Reste seines Mauerwerkes. Es wurden aber auch gerade in dieser Hinsicht nicht geringe Anforderungen an die Hofburg eines so mächtigen und angesehenen Herrschers gestellt, in welcher nicht nur die kaiserliche Familie, sondern auch die häufig anwesenden fremden Fürsten und Gesandtschaften mit ihren Gefolgen Platz finden mußten. Daß man hierbei zu jener Zeit in der Gastfreundschaft ziemlich freigebig war, geht unter Anderem daraus hervor, daß z. B. König Egbert von England dreizehn Jahre als Gast am Hofe Karl’s des Großen weilte.

Nach Allem, was wir über das Leben und Treiben an dem kaiserlichen Hoflager erfahren, scheint dieses ein in jeder Beziehung reges und an den mannigfachsten Abwechselungen reiches gewesen zu sein. Dabei erblicken wir in dem Kaiser selbst überall nicht nur den Mittelpunkt, sondern auch die Triebfeder desselben. Zahlreiche Nachrichten beweisen, daß nichts von Bedeutung in seinem weiten Reiche geschah, woran er nicht persönlich lebhaften Antheil genommen hätte. Neben den sonstigen Regierungsgeschäften wandte er den verschiedenartigsten Dingen seine Aufmerksamkeit zu, und während er Fürsten und Gesandtschaften an seinem Hofe empfing und bewirthete, fand gleichzeitig der geringste seiner Unterthanen bei ihm Rath und Hülfe. In einer nach der längs des Palastes dahinführenden Heerstraße sich öffnenden Halle sitzend, unterzog sich der Kaiser geduldig der Mühe, die Recht suchenden Parteien anzuhören, und obgleich, wie Walafried erzählt, die Zahl der von allen Enden des weiten Reiches herbeigekommenen Bittsteller oft so groß war, daß der ganze Weg von ihrem Geschrei widerhallte, hören wir von Eginhard, daß der Kaiser häufig den Rechtsuchenden in den innern kaiserlichen Gemächern Gehör gab, was dieser Biograph als einen Beweis für große Leutseligkeit seines Gebieters anführt.

Nicht minder als das Recht ließ Kaiser Karl sich bekanntlich [392] das wirthschaftliche Wohlergehen seines Volkes angelegen sein. Seine Wirthschafts- und Gewerbeordnungen enthalten unter Anderem genaue Angaben über das Verfahren beim Weben, Walken, Rauhen, Scheeren und Färben des Tuches, welche Industrien noch bis auf den heutigen Tag in Aachen blühen. Ebenso bekannt ist die Aufmerksamkeit, welche der Kaiser den Wissenschaften, insbesondere dem Schulunterrichte, widmete.

Unter den interessanten Ereignissen, welche uns die Hofchronik berichtet, steht die Ankunft einer Gesandtschaft des Chalifen Harun al Raschid mit oben an. Die seltsamen Gäste aus dem fernen Morgenlande, welche dem Kaiser nach damaliger Sitte bekanntlich reiche Geschenke überbrachten, darunter einen Elephanten und eine höchst kunstvoll construirte astronomische Uhr, waren über die am kaiserlichen Hofe herrschende Pracht ebenso sehr erstaunt, wie sie selbst durch ihre fremdartige Erscheinung das höchste Aufsehen erregten. Außer dem prächtigen Palaste im Allgemeinen sollen es namentlich die kostbaren, aus massivem Gold und Silber bestehenden Tische gewesen sein, welche die höchste Bewunderung selbst dieser an die glänzende Hofhaltung der Chalifen gewöhnten Orientalen hervorriefen.

So hatte sich die Residenz des mächtigsten Fürsten des Abendlandes in wenigen Jahrzehnten von einem unbekannten kleinen Flecken zum höchsten Ansehen und Glanze emporgeschwungen und ihren Ruhm über die ganze damals bekannte Welt verbreitet; kaum minder schnell als ihr Aufsteigen war indessen auch ihr Hinabsinken von dieser Höhe. Nachdem der Schöpfer aller dieser Herrlichkeit nach einer siebenundvierzigjährigen ruhmvollen Regierung im Jahre 814 sein Haupt zur Ruhe gelegt, ging auch der von ihm erbaute Palast rasch seinem Untergange entgegen. Schon im Jahre 881 wurden Stadt und Schloß von den Normannen verwüstet, was sich sieben Jahre später wiederholte. Eine dritte Einnahme des Palastes erfolgte im Jahre 978 durch den fränkischen König Lothar. Auch hierbei wurde die Burg von den Troßknechten ausgeplündert und dann, wie der Chronist Thietmar berichtet, der als Zeichen der kaiserlichen Macht mit ausgebreiteten Flügeln auf dem östlichen Theile des Palastes stehende, nach Westen schauende goldene Adler, um den Wechsel der Herrschaft anzukünden, nach Südosten gewandt.

Nachdem der Palast zum vierten Male während der Kämpfe zwischen den Welfen und Hohenstaufen im Jahre 1198 von Otto dem Vierten von Braunschweig eingenommen war, wurde er in den Jahren 1224 und 1236 durch Feuersbrünste verheert und nach dieser Zeit begannen auch die von jenen verschont gebliebenen Theile in dem Maße, als die Blüthe und der Reichthum der dabei liegenden Stadt sich hob, immer mehr zu veröden. Die stolze Kaiserpfalz wurde zerstückelt, wie das Reich, welches einst von hier aus regiert worden war; einzelne Theile kamen als kaiserliches Lehen in den Besitz adeliger Geschlechter, Mauern und Thürme zerfielen oder wurden durch andere Bauten ersetzt, und so verschwand der Palast allmählich unter dem Wogenschlage der Zeit.

Von dem ganzen Baue ist außer den bereits erwähnten Mauerresten des Granusthurmes, und einigen Ueberbleibseln ehemaliger Gewölbe und Bogengänge nur die Palastcapelle, die Krönungsstätte von siebenunddreißig deutschen Kaisern (von Ludwig dem Frommen bis zu Ferdinand dem Ersten, 1531), erhalten geblieben. Die eigentliche casa regia ist völlig verschwunden; auf einem Theile ihrer Trümmer erhebt sich das im Jahre 1353 von dem damaligen Bürgermeister Gerhard Chorus erbaute Rathhaus; alles Uebrige hat dem Marktplatze weichen müssen, und nur das hier aufgestellte, den Marktbrunnen zierende Erzbild des großen Karl erinnert noch an jene Zeit.

Werfen wir zum Schlusse noch einen Blick auf das durch die nebenstehende Abbildung dargestellte Rathhaus.

Dieser von zwei mächtigen Thürmen flankirte, ursprünglich gothische Bau ist nach einem großen Brande, welcher die Stadt im Jahre 1656 verheerte und auch das Rathhaus mit ergriff, in dem Stile jener Zeit restaurirt und in Folge dessen in seinen äußeren Verzierungen von dem Zopfe jenes Zeitalters überwuchert, welches den edeln gothischen Formen überall seine Perrücke aufsetzte. Alte Abbildungen aus dem sechszehnten Jahrhunderte zeigen uns in den Nischen der dem Markte zugekehrten Nordfront die Bildsäulen der hier gekrönten Kaiser, welche ebenfalls verschwunden sind. Bei der bereits begonnenen Restauration ist man indessen sowohl darauf bedacht, jene späteren Anhängsel wieder zu entfernen, wie auch die verloren gegangenen Standbilder durch neue zu ersetzen.

Betreten wir das Innere, so steigen wir aus dem unteren Stock, welches die Bureaux und den Sitzungssaal der Stadtverwaltung enthält, durch ein ebenfalls der neueren Zeit angehörendes gothisches Treppenhaus zu dem im oberen Stock befindlichen und die ganze Breite des Rathhauses einnehmenden Kaisersaale hinauf, in welchem seiner Zeit die Krönungsfeierlichkeiten stattfanden.

Nachdem seit der Krönung Ferdinand’s des Ersten die Krönungsstätte nach Frankfurt verlegt und so der Saal für seinen ursprünglichen Zweck entbehrlich geworden war, hatte man, als nach jenem Brande überall an dem alten Bau geflickt wurde, auch diesen Saal durchbaut und den südlichen Theil desselben zu Arbeitszimmern hergerichtet, während die andere Hälfte einstweilen als Saal gelassen, aber ebenfalls im Perrückenstil zurechtgestutzt wurde. In dieser Gestalt diente er unter anderen feierlichen Gelegenheiten dem Congreß von 1748 als Sitzungssaal, und später im Jahre 1818 gab Friedrich Wilhelm der Dritte hier den zum Friedenscongreß in Aachen versammelten Monarchen ein Banket.

Der inzwischen in seiner früheren Gestalt wieder hergestellte, hundertundzweiundsechszig Fuß lange und sechszig Fuß breite Saal, dessen gewölbte Decke von vier mächtigen Pfeilern getragen wird, ist an der dem Marktplatz gegenüberliegenden Wand mit den berühmten Fresken von Alfred Rethel und J. Kahr, Scenen aus dem Leben Karl’s des Großen darstellend, geziert und gewährt mit seinem durch fünfzehn hohe Fenster beleuchteten Bilderschmuck, seinen stilvoll in Tempera-Malerei decorirten Pfeilern, Sockeln und Gewölben einen wirklich großartigen Eindruck.

So ist man überall eifrig bestrebt, dieses Denkmal einstiger Größe und Herrlichkeit von den ihm anklebenben Schlacken einer in jeder Beziehung traurigen Zeit zu befreien und die ehemalige Krönungsstätte unserer Kaiser auch ihrer äußeren Gestalt nach würdig zu machen des in neuem Glanze auferstandenen Reiches deutscher Nation.

Rudolf Scipio.