Aus Ansbachs vergangenen Tagen

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Textdaten
Autor: Hermann von Bezzel
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Titel: Aus Ansbachs vergangenen Tagen
Untertitel: Skizzen aus dem 18. Jahrhundert
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Auflage:
Entstehungsdatum: 1912
Erscheinungsdatum: ca. 1912
Verlag: Verlag von Fr. Seybold’s Buchhandlung
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Erscheinungsort: Ansbach
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Quelle: Commons
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Aus Ansbachs
vergangenen Tagen.
Skizzen aus dem 18. Jahrhundert.


Vortrag,
gehalten
am 17. März 1912
von
D. Dr. Hermann von Bezzel,
Oberkonsistorialpräsident.


Der Reinertrag ist für den Neubau
der Rettungsanstalt Ansbach bestimmt.


Ansbach.
Verlag von Fr. Seybold’s Buchhandlung.
Preis: 20 Pfennig.


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Aus vergangenen Tagen.

 Als am 24. Januar dieses Jahres das Gedächtnis des großen Königs erneuert wurde, der schon bei Lebzeiten der Einzige und der Große hieß (seit 1760), dachten wohl wenige daran, daß im gleichen Jahre 1712 nur wenige Monate später – am 12. Mai – ein Verwandter von Friedrich geboren ward, dessen Name die vielleicht irregeleitete Geschichte mit dem Brandmal der Grausamkeit und Wildheit gezeichnet hat. Am 12. Mai 1712 wurde dem damals regierenden Markgrafen Wilhelm Friedrich, dem Bruder und Nachfolger des zu Schmidmühlen (bei Burglengenfeld) 1703 gefallenen Georg Friedrich, von der Markgräfin Christiana Charlotte, einer Tochter des Württemberger Herzogs Friedrich Karl ein Sohn geboren, der von dem fürstlichen Beichvater Stiftsprediger von der Lith, dem einstigen pastor Hydropolitanus-(Wassertrüdingen) Karl Wilhelm Friedrich getauft wurde. Den ersten Namen gaben ihm der Kaiser Karl VI. und der Schwedenkönig Karl XII., den zweiten der Bischof von Würzburg und der Landgraf von Hessen, den dritten der erste König von Preußen, sein nachmaliger Großvater (durch seine 1729 erfolgte Heirat mit Friederike Lousi, der zweiten Tochter Friedrich Wilhelm I. von Preußen).

 So einfach und klar alle die Verhältnisse zu liegen scheinen, so viele Fragen geben sie auf. In jener Zeit traten die ersten Versuche auf, die Doppelnamen der „hochfürstlichen Haupt- und Residenzstadt Anspach und Onoldsbach“ etymologisch zu erklären, Versuche, die in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Advokat Künsberg erneute und zusammenfaßte ohne doch zu abschließenden Ergebnissen zu gelangen. Es war in der Zeit eines Jakob Grimm und Lachmann und von der Hagen, in der man der Kunde und Erforschung der deutschen Vorgeschichte sich zuwandte, besonders beliebt, keltische Namen allerorts zu entdecken. Und Ritter von Lang, der am 26. März 1835 einsam und verbittert auf seinem Landhause, dem jetzigen Altersheim gestorben ist, der ebenso vielseitige und gelehrte als unverlässige Historiker der fränkischen Lande, hat den Namen alsbald von oldza die Erle abgeleitet, so daß Ansbach Erlbach wäre. Andere haben einen Hunolt und Onold (Onoldispach) konstruiert, wie denn die alten Pfarrbeschreibungen von Götter- und Menschennamen wimmeln, die weder in Walhalla noch auf Erden bekannt waren. Andere entdeckten in ans die Hinweisungen auf die| Asen, die Lichtgeister, welche an der Ache (dem aqua, Still–ach, Breit–ach) hausten, so daß die nicht gerade lichten Gewässer, an denen unsere gute Stadt wohnt, wenigstens von lichten Gestalten aufgesucht worden wären. – Als nun im 9. Jahrhundert die hiesige Gegend christianisiert worden sei, habe die Kirche die Erinnerung an die Asen bewahren und zugleich verdrängen wollen und von „Unoldi“ den Unholden gesprochen, – ich erinnere an die alte Abrenuntionsformel. – So wäre Un-olds-pach entstanden. Dagegen wollte man in dem on das griechische ontos wahrhaftig und wirklich entdeckt und gefunden haben, Onolzbach sei das in Wahrheit holde. Man denkt an Voltaires bekanntes Wort, die Etymologie sei eine Wissenschaft, in der es auf die Konsonanten ein wenig und auf die Vokale gar nicht ankomme und wähle diejenige Erklärung der Namen, die dem Patriotismus oder dem ästhetischen Gefühle am meisten zusagt. Daß Ons und Onolds ein und dasselbe Wort ist, scheint mir persönlich gewiß. –
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 Ebenso umstritten wie der Name seiner Geburtsstadt ist das Schloß, in dem der Markgraf geboren wurde und dessen Baugeschichte kurz vorzutragen gestattet sei. Die alte Veste, welche ihre Stadt schirmen sollte, die Burg der Dynasten von Dornberg war wohl da gestanden, wo jetzt die Herberge zur Heimat sich erhebt, jenes schöne galeriegeschmückte Haus in der Schaitbergerstraße, in dem der Sage nach Friedrich Barbarossa nächtigte. Als die Dynasten ihr ius advocatiae, die gesamte Vogtei, an die Grafen von Öttingen abtraten und diese um 1331 das ihre an die Zollerischen Burggrafen von Nürnberg, mußte eine neue überragende Burg erstehen – „die do ligt vor der Steynin brucken“, also ungefähr da, wo die vom wilden Markgrafen erneute Rezatbrücke in die Schloßvorstadt hinüberführt. Der 6. Friedrich als Burggraf von Nürnberg, der erste Kurfürst der Mark hat 1397–1409 diese Burg aufgeführt, welcher teilweise der Nürnberger Baumeister Hans Behaim vergrößerte, jener um 1538 gestorbene Künstler, der letztwillig bestimmte, daß sein Leichnam an all seinen Schöpfungen in Nürnberg vorbeigetragen werden möge. Dieses Schloß ließ der einzige Sohn Georg des Frommen, Georg Friedrich d. Ä. fast ganz abreißen und mit seinen Trümmern wie auf ihnen ein Schloß erstehen, dessen Bild wir aus Merians bekannten Städtezeichnungen des 17. Jahrhunderts (Topographia Franconica 1650) kennen. Darnach war dieses Schloß ein auf Pfählen (nach dem Vorschlag des Kulmbacher Hübner, gen. Costermüller) errichteter Quadratbau mit großem Innenhof, vierstöckig mit vier achteckigen pyramidalbedachten Ecktürmen, Zinnengaleriekuppel und eine weithin die Stadt überstrahlende Laterne durfte nicht fehlen. Auf einem dieser Türme hat der Gunzenhäuser Simon Marius etliche Tage vor Galilei die Trabanten des Jupiter, die Sidera Brandenburgensia entdeckt. – Jenes Schloß hatte an seiner Westseite einen Lustgarten, dessen Herrlichkeit „wie eine Kirche anzuschauen“ war und ein nach dem Muster des alten Stuttgarter Schlosses von Bacher angelegtes Lusthaus, dessen| der sonst wenig interessierte Friedrich IV. von der Pfalz, erster Begründer der Ahauser Union in seinem Reisetagebuch Erwähnung tut. Der Lustgarten ist zum Hofgarten, zu dessen Bepflanzung die Linden von Düsseldorf herbeigeholt worden (1727) und dem Werke Bachers trat die Orangerie des Markgräfl. Hofrates Weyl zur Seite, das etwas eintönige, von gotischen Pilastern getragene lange Gebäude mit dem Mansarddache. – Von der Gesamteinrichtung des Friedrichbaues wissen wir nur, daß in ihm sich die Wappen aller adeligen Geschlechter der fränkischen Fürstentümer befanden, ähnlich etwa wie in der Retscherkirche zu Speyer oder in dem Melanchthonhause zu Bretten sich solche finden, letztere zumeist von dem in Bamberg 1909 verstorbenen Kirchenrat Gotthold Sabel gemalt.

 Das prachtvolle Schloß brannte 1710 fast völlig aus, wie denn viele Bauten in Ansbach großen Bränden ihre Entstehung und Wiedergeburt verdanken, so die sog. neue Aus- oder Anlage der Steinernen Promenade, der Herrieder Torturm in seiner jetzigen Gestalt, die Karolinenstraße, die Gumbertuskirche. Bei jenem Schloßbrand soll Markgraf Wilhelm Friedrich in einer halben Stunde von Triesdorf hereingeritten sein, das bei dem Parforceritt gefallene Pferd ward ausgestopft. – Zum Wiederaufbau mit Benützung der vorhandenen Reste (ich erinnere nur an gewisse gotische Anlagen im Nordteil) entwarf Gabrieli (Gabrielis), der von Georg Friedrich d. J. angestellte italienische Baumeister die Pläne, welche dem Markgrafen ebenso sehr gefielen als sie seiner Gemahlin Mißfallen erregten. Hatte der Meister schon durch Entwürfe der Schloßgalerie dem Markgrafen sich empfohlen, so daß er ihm ein besonderes Gnadengeschenk ausfolgen ließ, so konnte die Art, wie er die alten Bacherschen Pläne von 1590 benutzte, wenn auch „irreguläre Struktur und andere Unbequemlichkeiten“ mit unterlaufen mußten, nur befriedigen.

 Die Fassade mit ihren einundzwanzig hermenartigen, fast jonisierenden Pilastern auf dem gequaderten zweistöckigen Unterbau gibt dem Ganzen einen ernsten, würdigen Ausdruck, der manche Unebenheiten übersehen läßt, die Attika mit meist gut gearbeiteten Statuen und Trophäen schließt wirkungsvoll ab. Es sind besonders im Innenhof palladianische Motive verwertet, die später Goethe bei der ersten italienischen Reise so überwältigten, daß er, der einst „Manibus Erwini zu Ehren 1773“, den gotischen Stil so gepriesen hatte, von dessen „Tabakpfeifensäulen und krauzenden Heiligen“ nichts mehr wissen wollte. Den weiteren Ausbau des Schlosses, das nach der Fassade zu schließen, ein Monumentalwerk hätte werden müssen, hat Gabrielis nimmer geleitet, denn 1714 trat er in die Dienste des Bischofs Konrad von Eichstätt über, wo er 1747 starb. Ansbach bewahrt, um mit Uz zu reden, zur „Ergötzung auf luftiger Höh’“, das „Prinzenschlößchen“ als Andenken an ihn, das Wohngebäude des Hofrats Weyl, das ihm die Markgräfin als Wohnsitz für ihren Sohn abkaufte. 1775 kam es in Privatbesitz. – Nach dem Weggang| des italienischen Künstlers sollte Wilhelm von Zocha, Oberamtmann von Wassertrüdingen die Bauleitung übernehmen, dessen jüngerer Bruder Karl Friedrich (gestorben 1749 als seines Geschlechts) den Bau eilig ausführte, weil der verhältnismäßig geringe Betrag von 60000 Gulden zu verwirklichen und bedeutsamen Steinbauten nimmer ausreichte. Immerhin ist auch die der Reitbahn zugewandte Seite des Schlosses, wenn auch mit viel Eile und ohne besonders bemerkenswerte Kunst, doch würdig ausgeführt. Das System der Enfiladen, daß alle Türen auf eine Flucht sich öffnen, ist beibehalten. Das Ganze des Schlosses, dessen neue Teile „nach der Antique ihrem Genie“ als Putzwerk mit geradem Fugenschmuck erstellt waren und die von der Markgräfin ersehnte bienséance bewahren, ist kurz dem Tode der fürstlichen Gönnerin (am ersten Weihnachtsfeiertag 1729) vollendet worden. Die Maler Diego und Karlo Karlone, die „Hofebenist“ Schutzmacher haben ihr Bestes in Farbe und Meißel getan. Wer aber über den letzten Titel staunen wollte, denke daran, daß im 20. Jahrhundert an einem Fürstenhofe ein Marmorrat ernannt wurde, jedenfalls auch ein seriöser Titel, späteren Geschlechtern zum Studium zu empfehlen.
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 Getauft ward Karl Friedrich Wilhelm (der Geistliche hatte versehentlich Wilhelm an zweite Stelle gereiht und so einen großen Verstoß gegen die Etikette sich beikommen lassen) in der Stiftskirche zu Gumpertus, der Hofkirche, da die Haustaufen damals nicht Brauch waren. Der Name der Kirche, deren Heiligen weder Bischof Räß von Straßburg noch Bischof Weiß von Speyer, deren Werk als einwandfreies Zeugnis ich zu Rate zog, mit charakteristischen Zügen ausstatten konnten – man weiß nur, daß er von Burchards Predigt getroffen seine Habe dem Bischof Kyllena (Kilian) zu Ehren opferte – ist also auch nicht ganz geklärt, denn die Konfirmationsurkunde ist kaum echt. 1160 ward die Kirche als Benediktinerstift, auf das später Würzburger Kanoniker folgten, von dem Bischof Herold geweiht, 1280 ward sie durch die Flammen zerstört. Der Arbeit der Gebrüder Esser und des Hans Behaim im 16. Jahrhundert folgte die des Gideon Bacher, eines Ulmer Bürgers, des Erbauers der Nördlinger Stadttürme, der auf der alten Substruktion die drei Türme erstehen ließ. Der mittelere baut sich auf zwei rechteckigen Unterlagen achteckig mit Pyramidenspitze auf und gehört wohl in seiner zarten Durchbrochenheit zu den Meisterwerken der Gotik. An die Kirche schloß Bacher die Kanzleigebäude an mit ihren nach innen profilierten Fenstern und den hohen Giebeln, die durch Pilaster gegliedert und wieder untereinander verbunden werden. Die Restauration von 1899 hat das Werk sehr würdig wiedergegeben, freilich auch seine Unvollkommenheit gezeigt. Die treueste Abbildung des Baues weist der sog. Neubau auf, einst mit seinen neun Kaminen ein Wahrzeichen der Stadt, wie St. Gumpertus’ gotisch durchbrochener Turm und die „Mühle ohne Bach“. Dem Schlosse gegenüberliegend war es das Palais des allmächtigen Premierministers| am Hofe Markgraf Karls, des Ludwig Christoph Seckendorf (Unternzenn) dessen österreichische Politik den Markgrafen mit seinem königlichen Schwager in Preußen entzweite.

 Wenn so die untere oder Stiftskirche zwei Stilperioden aufwies, mußte Meister Retti die dritte zufügen, als er 1736 das Langhaus an Stelle des abgebrochenen Kirchenschiffes setzte. Die Posaunen tragenden Engel verkünden zwar auf den Giebelfeldern den Ruhm des fürstlichen Bauherrn, aber der Beschauer vermag dieses Langschiff zwischen der herrlichen Schwanenkapelle, dem alten Chor und den Türmen nur geschmacklos zu nennen. Fast scheint es, als ob der Neubau nur aufgeführt worden wäre, um für Serenissimus und sein Haus, „die Minister, Geheimen und roulierenden Räte, sowie das adelige Frauenzimmer“ passende Logen zu erstellen.

 Neben der genannten Kirche, die lange Zeit durch die Freimetzg (Freibank) entstellt war, welche der Markgraf vergeblich in der Neustadt (im jetzigen Leihhaus) hat unterbringen wollen, hatte Ansbach im 18. Jahrhundert als weitere Gotteshäuser die Kirche zu St. Johannis, deren erste Ursprünge als einer Wallfahrtskapelle auf das 9. Jahrhundert zurückgehen, deren Ausbau im Todesjahr des ersten Kurfürsten 1441 vor sich ging. Zweiundzwanzig gewaltige Fenster vermochten sie nicht licht zu machen, da Säulen im Umgang sie verdunkelten, das angebaute Spritzenhaus das Innere zum mindesten nicht erhellte. 1660 wurde die herrschaftliche Gruft angelegt, deren Verlegung nach St. Gumbertus im 18. und 19. Jahrhundert überlegt ward, wie auch im Zeitalter der öden Symmetrie unter Alexanders Regierung die „Egalisierung“ der beiden Türme ins Auge gefaßt war. Vor 1521 umgab die Kirche der Gottesacker für Stadtleute und Eingepfarrte, bis eine Seuche zu seiner Verlegung um die kleine von Albrecht Achilles erbaute Pilgrimskapelle Sanctae crucis (1461–1476) nötigte. Die schönen Grabbücher der beiden Pfarreien (eigentliche Trennung erst 1809) weisen auf beste Pflege des neuen Gottesackers hin. – Seit 1711 war eine eigene Waisenhauskirche vorhanden, deren Gründung man der edlen Witwe Sophie von Crailsheim geb. von Hüffel verdankt, die hier (und in Walsdorf bei Bamberg) die Passionsandacht einführte, Betstunden, welche dieses Dorf nie sich würde nehmen lassen. – Fast hundert Jahre (bis 1809) wirkte diese gesegnete Stiftung, die Ritter von Lang aufhob, weil ihm das Zusammenleben der Kinder zu Unreinlichkeit, Heuchelei, Unsittlichkeit zu verführen schien. Ganz im Geiste der modernen Fürsorgeerziehung legte er die Kinder in einzelne Familien besonders auf das Land. Das große, weitläuftige Haus ward zum Krankenhaus, bis an der Feuchtwanger Straße das neue entstand, so daß auch seine Zeit fast hundert Jahre währte. Die Orgel ward in den Fürstenstand der Stiftskirche versetzt. Auch das Militär hatte seine eigene Kirche in der alten Kaserne (von 1775–1806), wie das Zuchthaus an der Schalkhauser Straße eine| Kapelle besaß. Später ward es nach Schwabach verlegt, dann die dortigen Gebäude für das Irrenhaus bestimmt. Jetzt haben sie die Lehrerbildungsanstalt aufgenommen. Et domus habent sua fata. – Die Vollständigkeit halber erwähne ich, daß 1775 die Katholiken das exercitium privatum ihres Kultus gestattet bekamen. Der Wirt zum grünen Baum gab Grund und Boden (gegenüber der jetzigen katholischen Kirche) her, damit die beschwerlichen Wanderungen nach Burgoberbach aufhören möchten. Der Betsaal, welcher jetzt Turnsaal des Theresieninstituts ist, hat insofern wieder kirchliche Bedeutung gewonnen, als er (seit 1911) den theologischen Prüfungen in ihrem schriftlichen Teile dient. Von 1836 bis 1838 wurde die Ludwigskirche erbaut, deren Glocken Metall von Kanonen aus der Schlacht bei Navarin sind. Reformierter Gottesdienst, einst von dem Pfarrer in Bayreuth, jetzt von dem in Nürnberg in dem Fürstenstand gehalten, wurde in der Residenzstadt nicht erlaubt. 1695 wurde er in Hennenbach gefeiert, als die Hugenotten den Markgrafen Georg Friedrich d. J. um Aufnahme baten, die ihnen dann in Schwabach gewährt wurde. Ein Reformierter war in Hennenbach geblieben, Michael de Claravalle, der dort eine Teppichweberei einrichtete. Daß Markgraf Karl den Israeliten eine Synagoge verstattete, deren Fenster auf die Straße gingen, ward damals besonders bemerkt. Der Herriedertorturm, der zwar nicht Gottesdienste in sich sah, aber zu Gottesdiensten läutete, wie bis in die letztvergangenen Jahre hinein zu allen Beerdigungen, war 1684 auf 1685 von Böckler erbaut, 1719 abgebrannt und 1750/51 von dem Wassertrüdinger Meister Steingruber aufgebaut. Nur im Vorbeigehen sei angemerkt, daß jener Meister 1701 geboren ward, genau hundert Jahre vor dem Landsmann, der auch Maurergeselle, dann Rektor von St. Anna war, Joh. Kaspar Mezger. Was ein alter Stiftspfarrer im Hinblick auf die unter Kirche sagt, kann man auf all diese Gebäude anwenden. „Auf ein schönes altes Kleid ward ein neuer häßlicher Lappen aufgeflickt. Pannus pannis assuitur.“ –
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 Von den Gotteshäusern ist der Übergang zu ihren Geistlichen wohl erklärlich. Im Geburtsjahr des Markgrafen Karl besaß Ansbach zehn Geistliche im Amte, mindestens einen Konsistorialen, der Hof- und Hauptprediger war und markgräflicher Beichtvater, aber keinen Generalsuperintendenten. Denn so bedeutend Gottfried Händel war, der drei Markgrafen geistliche Dienste getan und um 1700 das treffliche sog. alte Ansbacher Gesangbuch herausgegeben hat, auch es mit einem trefflichen Lied bereicherte: „Du fährst gen Himmel, Jesu Christ, die Stätt’ mir zu bereiten“, so wenig bewährte sich sein Sohn Christian Christoph Händel, der in sehr ausgiebiger Vernutzung des Nominalelenchus gegen den Markgrafen Wilhelm Friedrich sich ausließ, dessen Bekenntnisse er auf die Kanzel brachte. Zum Tode verurteilt und kassiert ward er 1710 auf die Staatsfeste Wülzburg (die seit dem Tode Veits von Gebsattel 1524 erledigte Abtei) gebracht, wo er 1734 starb. Doch ward die| Generalsuperintendentur später in den zwanziger Jahre wieder besetzt, zuerst mit dem ehemaligen Schwabacher Dekan Staudacher, sodann mit Esenbeck, Knebel, Junkheim und Rabe. Junkheim hat mit dem bekannten Dichter Uz das neuere Ansbacher Gesangbuch geschaffen. – Diese Generalsuperintendenten waren alle Stiftsprediger gewesen – nur einen aus deren Mitte, Bachmann finden wir nicht in dieser höchsten Würde. Die Generalsuperintendenten hatten den Titel magnificentissimus, die Oberaufsicht über alle Dekanate unter Wahrung der Rechte des Konsistoriums, über alle Schulen, insonderheit die Ansbacher, wurden Scholachae gymnasii, Vorsteher aller piae fundationes und hatten die quaestiones synodales, die Themata für die wissenschaftlichen Arbeiten der Geistlichen zu stellen, die bei etlichen reiches Wissen und großes praktisches Geschick verraten; die Prüfungen der ziemlich zahlreichen Kandidaten, welche in Halle und Jena, selten in Altdorf, der „Sozinianeruniversität“ studierten und die Ordinationen fielen den Generalsuperintendenten desgleichen zu (späterhin auch die der Kandidaten der Republik Nürnberg). Das Konsistorium ward von einem juristischen Präsidenten und drei Räten gebildet, deren zwei mit auf die Visitationen hinausgingen, welche der Generalsuperintendent hielt. Es wurden von dem einen Kommissar die Erwachsenen, von dem anderen die Kinder geprüft, wohl auch nach Teilung der Geschlechter examiniert. Die Schreiben an das Konsistorium waren inhaltlich kurz und bündig, die Anrede an „die hochedelgeborenen, hochwohlgestrengen, hohen Magnificentissimi, Excellentissimi, hochgelehrte hochgebietende Herren, hohe Patroni“ war freilich um so voluminöser. Hat übrigens der Geheimrat Goethe vor den Weimaraner Landständen anders gesprochen? –
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 Die Ordnung der Geistlichen war meist so, daß der Kandidat Garnisonsprediger ward, dessen Handlungen genau aufgezeichnet sind (Stolen: von 8 Hochzeiten, 11 Taufen, 6 Leichen, freies Brennholz zu 20 Gulden, freies Licht zu 5 Gulden, Bedienung zu 30 Gulden, Bareinnahmen zu 120 Gulden). Öfters gehen diese Prediger auf Kriegszügen in fremde Lande, in denen sie ein Amt finden, was mit zierlichen Worten gemeldet und entschuldigt wird. So schreibt einer von der Pflicht der Dankbarkeit bei Heiden und Christen zuerst den diis immortalibus, dann Deo triuno gegenüber, dann bei den irdischen Fautoribus, von der hohen Gnade und Freude in Ansbachischen Diensten zu stehen, um dann zum eigentlichen Zwecke seiner nicht allzu dankbar erscheinenden Abmeldung zu gelangen. Andere blieben in der Stadt und wurden Waisenhausprediger und -seelsorger mit 11 Uhr Christenlehre und 1 Uhr Predigt oder Mittagsprediger und Katecheten in Gemäßheit der Stiftung der Frau von Neuhaus. Die weitere Vorrückung in Diakonats- und Archidiakonatsstellen (seit 1824 abgeschafft) blieb nicht aus. Wer einmal in Ansbach war, verließ es so leicht nimmer. Bei den höchsten Würden ward Probepredigt| in Triesdorf am märkgräflichen Hoflager anläßlich eines vollen Sonntagsgottesdienstes verlangt. Die Dekrete ex consilio intimo rühmen in stehenden Worten Gelehrsamkeit, Tüchtigkeit und Sittenstrenge, waren meist vorgeschrieben, so daß nur der Name einzusetzen war, schließen aber nicht selten mit ernsten kasuellen Ermahnungen. Die Gottesdienste waren sehr reichlich. Die Sechs-Uhrkirchen währten das ganze Jahr, die „Abendstifte“ an den gewöhnlichen Sonntagen, die „Abendstädte“ an den hohen Festen, die vielen Katechesen, welche auch von den Mittelschülern besucht werden mußten, zum wenigsten drei Wochenpredigten, die Litanei „zur Schiedung“ am Freitag gaben viel Anlaß zur Erbauung.

 Die Aposteltage, die Epiphanienfeste, die dritten Feiertage wurden bis in die Preußische Zeit (1791–1806) hinein gefeiert. Die Verordnungen über Sonntagsheiligung gehen bis ins Einzelne, die Anordnung der Reihenfolge beim Betreten und Verlassen des Gotteshauses, „wo die Pursche allzu drängen“, die Rangordnung bei der Kommunionfeier ward von mehreren Markgrafen eingeschärft. Chorgesang, an dessen Stelle die Arie trat, war besonders um Weihnachten häufig, wo auch die Schüler mit dem Kantor durch die Stadt gingen, eine löbliche Kurrende, die im Bayreuther Unterland auf viele Meilen und Wochen sich ausdehnte. Der Kirchengesang war gut und frisch, ein armer Buchbinder, Prediger, hatte heimlich ein Orgelwerk erfunden, das besonders gerühmt wird. Responsorien, Litanei und Liturgie fehlten nicht, die Predigten waren lang, im Eingang gaben sie ein specimen eruditionis, sodann viele Beispiele, erst gegen das Ende wurden sie anfassender. Indeß berichtet ein Besucher Ansbachs, dort werde auf der Kanzel wenigstens nicht Anatomie und Naturlehre vorgetragen. Die Kleidung war der alte schwarze Priesterrock, den zumeist der „Heilige“ lieferte, wenigstens ist in den Inventaren der Stiftskirche der Kirchenrock stets vorgetragen, neben ihm die Alba, die Altwürttemberg noch trägt. Ich habe bis 1790 ihre Spur im Ansbachischen gefunden. Zu Junkheims Beerdigung sollen aus dem Leutershausener Dekanat (Ansbachs Geistliche standen direkt unter dem Konsistorium) zwölf, so es wegen „ihrer Leibesumstände und -konstitution willen“ wohl vermöchten, im Gasthause zur goldenen Krone mit weißen und schwarzen Priesterröcken sich einfinden. Es ist nicht übel, zu hören, wie schwach manche Konstitution sich dabei erwies. – Erst seit Hardenbergs Zeit werden die Heiligen-Rechnungen von den Kosten für Reinigung der Alben befreit: die Zeit des Sparens in minimis ist gekommen. – An Pfingsten mußten Maien die Kirchen zieren „um des Frühlings und der Heiterkeit des vernünftigen Gottesdienstes willen“. Auch könnten alte gebrechliche Leute, die sonst nie in die freie Natur kämen, sich dieselbe so in der Kirche füglich imaginieren, endlich könne man nur dann singen:

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Maien, rauscht im Schmuck der Blätter
Ehrfurchtsvoll dem Gott der Götter
In der Saiten Silberklang.

 Hardenberg mag durch diese Gründe sich überwunden gegeben und die Maien, diesen Lieblingsbaum belassen haben. – Bemerkenswert ist, daß den zahlreichen nach Ansbach eingepfarrten Landleuten der Besuch näherer Kirchen gestattet war. – Die Schulen waren in unserem Gebiet verhältnismäßig wohl bestellt. Wenigstens ward auf dem Lande von Michaelis (nicht von Martini erst, wie eine Eingabe wollte) bis Ostern Schule gehalten von Schulmeistern und deren Lokaten, auch im Sommer sollen die Kinder etlichemale sich einfinden, damit nicht alles verlernt würde. Während die Unterweisung in Psalmen und Lesen unentgeltlich war bezw. staatlich honoriert ward, mußte Schreiben und Rechnen gleichsam im Privatunterricht gelernt und eigens gezahlt werden. Alle Vierteljahre erhielt der Lehrer für jedes Kind zehn oder zwölf Kreuzer. – Selbst die ersten zarten Anfänge der Frauenemanzipation sind übrigens durch ein Verbot unterdrückt, daß „virginibus das Schreiben leicht in vehiculum der Lüderlichkeit würde“. Die Geschlechter wurden zusammen unterrichtet, auch in den Stadtschulen. Unsere Stadt hat die Trennung erst seit 1811. Die Lehrbücher waren höchst simpel, Bibel, Gesangbuch, Katechismus, die selbdritt als Lesebücher dienten. Kein Schüler durfte zum heiligen Abendmahl zugelassen noch verdingt oder in eine Lehre gegeben werden, wenn er nicht geprüft ward. Die Konfirmation kannten die Ansbachischen Lande fast nicht. Wer im Christentum schlecht gegründet war, weil er „Kinder hüten, beim Anspann oder anderen Arbeiten allzuhäufig helfen mußte“, wurde weiter in die Schule geschickt, die Eltern wurden nicht zu indirekt, sondern auch direkt gestraft. Nach Schriftproben zu schließen ward übrigens ziemlich viel geleistet. Den Töchtern der Bürger wendete im 18. Jahrhundert eine Madame de la Roche und eine Madame Ehrmann ihre förderliche Aufmerksamkeit zu, es wurde viel versprochen und wenig gehalten, während ein Kandidat Reuter Anthropologie, Physiologie, Chemie, Historie, Geographie und Religion zu lehren versprach und nach seinen Vorbereitungen auch Tüchtiges leistete. Seine Prospekte sind anmutig zu lesen vom „Menschen im allgemeinen für sich und in Gesellschaft, von dem, was ihn umgibt, was einst war, von seinen Pflichten gegen das höchste Wesen“. – Erst 1812 ward eine höhere Mädchenschule gegründet, der die damalige Kronprinzessin wenigstens ihren Namen lieh. – Der Gregoriustag, der in dem Fürstentum „unterhalb des Gepürgs“ so große Bedeutung als Schulfeiertag hatte, – das fatale Wiesenfest in Oberfranken scheint ihn wieder aufleben zu lassen – (am 12. März „Gregori“) muß im Ansbachischen vom „Fähndleinstag“ übertroffen worden sein, an welchem Tag allerlei Schabernak und Kurzweil gestattet, wohl auch den Schülern erlaubt war, den Lehrer zu agieren.

|  Am meisten geschah in jenen Tagen für die gelehrten Schulen. Hatte Georg der Fromme an die Spitze seines 1529 gegründeten schola Latina den Vincentius Obsopoeus (Speisemacher = Koch † 1539) gesetzt und Georg Friedrich, sein Sohn 1543 (im Todesjahr seines Vaters) diese Anstalt in sechs Klassen geteilt (Rektor, Konrektor, Präzeptores), so war es der trefflichen Markgräfin Witwe, nachdem sie das 1726 erhaltene Brevet zur Errichtung einer Universität (zu Gunzenhausen, Krailsheim, Feuchtwangen) nicht hatte ausnützen können, ein Herzensanliegen, in Ansbach ein Gymnasium illustre zu haben, welchem sie einen Teil der Schüler aus der aufzulösenden Fürstenschule zu Heilsbronn (gegründet 1581) beifügen wollte. Sie selbst konnte nur die von Retti entworfenen Pläne ansehen, deren Durchführung ihrem Sohn verblieb. Am 12. Juni 1737 ward der Bau am Westende der Stadt, der noch Reste alter Gebäude, vielleicht auch eine Totenkapelle in sich schließt, feierlich eingeweiht. Rektor Öder, der spätere Feuchtwanger Dekan, sprach über 2. Kor. XII. 7–9, der Konrektor Joh. Gg. Strebel verfehlte nicht lateinisch zu reden, vier Oberklässer, unter denen ein Hannoveraner, Tiling von Stade sich hervortat, trugen selbst verfaßte Gedichte vor, eines mit dem Refrain:

„Beschütze die zartesten Sprossen der Liebe,
Damit sie kein stürmendes Wetter zerschellt.

 Gemeint ist der Erbprinz Alexander, nach dem Tode des Erstgeborenen, Karl Friedrich August die Hoffnung des Landes. „Die getreue Hand streute getreuen Weihrauch dem, der von der edlen Zucht erlauchter Brennen (Brennaborg!) stammt.“ Pindus’ stolze hohe Musen und Götter müssen zum Feste zitiert werden. Auch der Rektor versäumt nicht „des jetzt einzigen Jedidja“ (2. Sam. 12, 25), des allerteuersten Erbprinzen zu gedenken, spricht aber ernste Worte von aufmerksamen Ohren, gehorsamen Herzen, fleißigen Händen, empfiehlt die starke „Aufrechterhaltung und Vertheidigung der christlich evangelischen Kirche, der reinen Religion der Gottseligkeit“. Das Gymnasium Carolinum illustre stand unter Aufsicht des Konsistoriums, das alljährlich je nach Ostern und nach Michaelis visitierte und visitieren ließ. In der großen Aula wurden schriftliche Arbeiten für die vier oberen Klassen abgehalten, die am Montag darauf mündlich geprüft wurden, die 1. und 2. Klasse prüfte der Rektor selbst. Ferien sollten nur 14 Tage während der Canicularia sein, also im August. Dem Religionsunterricht galt volle Beachtung: christliche, Billigkeit und Sanftmut gegen die Dissentientes sollte bei aller Beharrlichkeit im Eigenen nicht fehlen. Gesänge in der Kirche und bei Leichenbegängnissen werden den Schülern zugemutet, doch ohne Schädigung ihrer Hauptpflichten. Alle Festtage und Sonntage werden die Predigten vor- und nachmittags besucht, sowie Betstunden in der Woche von allen, die Freitagspredigt von den oberen Klassen.| Klaßvikare sollen die confabulantes, die Kirchenschwätzer vermahnen und zur Anzeige bringen, Aufzeichnungen aus der Predigt dürfen nicht fehlen. Begabte Schüler der oberen Klassen werden zu den Mahlzeiten der Professoren beigezogen, die drei unteren Klassen erhalten an Prüfungstagen „etliche Fastenbrezen und einen neuen Kreutzer“. – Das gymnasium illustre ward 1773 nochmals eingeweiht und hieß fortan Gymnasium Carolo-Alexandrinum, die alumni et gratuiti hatten bis 1809, in welchem Jahre Ritter von Lang das Institut aufhob, am Gymnasium ihre volle Verpflegung, die eingehend geregelt ward. 1840 ist das Alumneum wieder aufgetan worden. „Die Lehranstalten und die Aufsicht über die Zöglinge sind unverbesserlich gut“ rühmt ein Zeitgenosse, dessen Urteil freilich nicht ganz unanfechtbar ist, wenn man erwägt, daß er den „Religionsdienern“ (edle Erfindung des 18. Jahrhunderts!) den freundschaftlichen Rat gibt, Predigten gegen den Aberglauben mit der Teufelsmauer (dem sog. limes) zu halten, das sei fördersamer als „ewig über ein und eben dasselbe Evangelium Jahrhunderte hindurch sonntägliche Erbauungsreden zu halten“. 1799 erschien wenigstens für den 10. p. Trin. eine gedruckte Rindviehpestpredigt, die auf allen fränkischen Kanzeln vorzulesen war! – Aber insoferne ist Fischers Lob begründet, als das Gymnasium Unterricht in der Philosophie, Naturgeschichte, Mythologie, Dichtkunst, den lateinischen, hebräischen (sic!) und griechischen Sprachen, in englischer und französischer Sprache, im Schreiben, Rechnen, Zeichnen und Tanzen erteilte.




 Nach diesen Exkursen liegt mir noch ob, über die den wilden Markgrafen kurz zu sprechen. Sein Vater muß wenig Einfluß auf ihn gehabt haben, er war kränklich, menschenscheu und verließ ihn in seinem 12. Jahre. Bedeutend war seine Schwester, die Georg II. von England 1705 heimlich in Triesdorf besucht hatte und zur Gemahlin erkor, die einzige Königin Englands, welche den Beinamen the good queen führt. Bei ihrem 1737 erfolgten Tod war Georg fassungslos, sie riet ihm, sich wieder zu verheiraten, aber „ersetzt könne sie ihm nie werden und vergleichen wolle er nicht“ antwortete der König, unter dessen Regiment Karolina die Universität zu Göttingen Carola-Georgia-Augusta gründete 1734 (1737), deren erster Rektor unser Rother Landsmann Joh. Matthias Gesner ist (1691–1761), 1729 Rektor in Ansbach, 1730 Rektor der Leipziger Thomasschule, dessen Feder wir ein Leben der edlen Königin verdanken, dessen Rede auf Christiana Charlotte die Fürstin als fromme, reich begabte Frau uns wert macht. – Als Knabe ward er in den Unterricht der edlen Frau von Neuhaus gegeben, als Jüngling dem Meklenburger Josias von Behr, dem Livländer Brehmer, späterhin dem Dichter Neukirch, dem Übersetzer des Telemaque Fenelons und dem Prichsenstadter Schülin anvertraut, der dann auch an seinem Sterbelager stehen| sollte. Was die Schönheit des Prinzenschlößleins, die Weltabgelegenheit des Schlosses Bruckberg und die Freundschaft mit dem Pagen Laßberg nicht vermochte, konnten die vielen Reisen nicht erreichen. Die frühe Vermählung mit der nicht bedeutenden Friederike Louise, die baldige Entfremdung der jungen Ehegatten, deren Uneinigkeit ein Besuch des Soldatenkönigs zu Ansbach 1730 nicht heben konnte, die Bitterkeit gegen den genialen Schwager, dessen Fluchtgedanken der Markgraf verraten zu haben scheint – die Gäste wohnten damals in dem von dem jüngeren Zocha 1718 gebauten Hause des englischen Hofmusikers Giovanni Chiavonetto, dem späteren Gesandtenhause, dem jetzigen Präsidialgebäude – und dessen hartes Wort über la folie de l’imitation de Louis XIV. ihm hinterbracht worden war, die andrängende Schmeichelei, die unter dem Vorwande der Treue von einer conspiratio contra serenissimum fabelte, weil Preußen seine Kabinettsintriken hatten, all das vereinigte sich, um den reich begabten, aber undisziplinierten Jüngling zu zerstören. Der Einfluß fremder Frauen, Trank und Jagd konnten ihn nicht heben, falsche Politik gegen seine Verwandten, Anlehnung an unerkannte Feinde und daraus sich ergebende Enttäuschungen entfremdeten ihn der Wirklichkeit, die er zu spät erkannte. Einsam, auf der Flucht vor seinem Schwager, von seinem einzigen Sohne, der als entnervter Schwächling von seinem Studienreisen zurückgekehrt war, gemieden, „voll unerfüllter Träume“, mit Platen zu reden, ist Karl Friedrich Wilhelm in Gunzenhausen im dermaligen Bezirksamtsgebäude am 3. Aug. 1757 gestorben. Die Schrecken des siebenjährigen Krieges drangen in das Sterbezimmer des Fürsten, dem die Klagen seiner oft geschädigten Untertanen das Totenlied sangen. „Es ist genug, Herr, so nimm denn meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter“ (I. Kön. 19, 4), das Eliaswort war sein letztes. In dem stillen Grabgewölbe zu St. Johannis steht der schmucklose unbeschriftete Sarg des Fürsten, dem einst sein Beichtvater Esenbeck mit Pred. 8, 2 ein gutes Zeugnis gegeben hatte.

 Aber so gewiß die Bruckberger Legende von dem getöteten Knaben und die andere von der eigenhändigen Hinrichtung des betrügerischen Ischerlein zu Wülzburg vor der Geschichte nicht bestehen kann, so gewiß werden manche rauhe und rohe Züge des unglücklichen Mannes aus den Verhältnissen erklärt und vielleicht entschuldigt, manche edle, ernste Tat besser gewürdigt werden. Nicht gewillt der modernen Reinigungssucht uns anzuschließen, die aus einem Tiberius einen reinen königlichen Charakter und aus Karakalla einen vornehmen Fürsten zu machen versteht, halten wir doch daran fest, daß Gottes unbestechliches Urteil in Fehltaten die gute Absicht ebenso erschaut als sie vielgepriesene Taten wertlos erklärt. –

 Friedrich der Große und der wilde Markgraf – welche Gegensätze! Dort nach harter liebleerer Jugend, in eisernen Banden der Zucht erstarkt, der Fürst, der als den größten Wert des Lebens das Wort Pflicht brachte. „Daß ich lebe, ist nicht| notwendig, wohl aber notwendig, daß ich tätig bin“, der nicht glänzen, sondern nützen, nicht genießen, sondern schaffen, nicht befehlen, sondern dienen wollte. Volkstümlich in seiner Unnahbarkeit und trotz ihrer, von Zweifeln gequält und doch dem frommen Ziethen herzlich eben um seiner Frömmigkeit willen zugetan, der treue Bruder seiner Schwester, deren eine, Friederike Wilhelmine, er am Tage vor Hochkirch verlor, deren andere in ihrer selbstgesuchten und nimmer gelassenen Einsamkeit er tröstete und mit Zuspruch und Zusage erfreute, ein dankbarer Sohn gegen solchen Vater, den er mit dem Mute eines Philosophen und mit dem Glauben eines Christen hatte sterben sehen. – Friedrich der Große hat sein Leben in Tat umgesetzt und ist in der Tat nicht gealtert.

 Und der Jüngling, dessen Jugend Liebe, Treue und mütterliche Weisheit bewachte, ist ohne Freude an der Tat und ohne klare Erfassung der Pflicht, Launen und Leidenschaften zum Bösen wie zum Guten unterworfen, von großen Gedanken und von geringster Sammlung des Willens, im engen Kreise verengerten Sinnes nie Mann geworden, und als er die Arbeit als Pflicht gegen sich und sein Land zu ahnen begann, ist die Nacht gekommen, die ihm das Wirken verbot. Einsam sind beide gestorben, der König und sein Verwandter, aber den einen besuchte, den anderen täuschte die Erinnerung.

 Wer indeß durch die fränkische Landschaft mit ihren guten Straßen und ihren vielen Kirchen wandert und der Segnungen gedenkt, die allein von dem Gymnasium Onoldinum ausgegangen sind, segnet das Andenken des Wilden Markgrafen, Temporum series optima medica. Nicht alles steigt leuchtend nieder; aber – mancher trüb gesunkene Stern leuchtet wieder auf.

 Der Name unserer Stadt, nach der dieser Saal genannt ist, bleibt unenträtselt, aber behält gerade deswegen bei vielen ihrer einstigen Gäste und Insassen den guten Klang, den das mehr geglaubte als empfundene Glück der Jugend immer wieder zu wecken versteht. Über unserer lieben Stadt liegt der stille, heimlich leuchtende Glanz gesegneter Vergangenheit, in ihr regt sich die Arbeit der kampfreichen Gegenwart, hoffentlich zum Größten und Edelsten diensam. Wenn nun in die reiche Reihe bedeutsamer Stiftungen und Anstalten des Rettungshaus sich einfügen will, dem durch Jahrzehnte die wachende, sorgende, treu sich mühende Güte unserer Herren Weltlichen Konsistorialräte, dieser consistoriales vere spirituales gilt, so wünschen wir ihm viel Segen auf den Weg und viel Glück, daß es wachse, blühe, wahre und wehre, damit die Zukunft ehrlich und ernstlich sei.

 Aber als beste Gewähr und sicherste Bürgschaft für eine der größeren Vergangenheit nicht ganz unwerte Zukunft stehe doch das Wort, das ein alttestamentlicher Volksführer seinem Herrn abgelauscht und seinem Volke treulich überkommen hat.

Deine Mauern sind immerdar vor Mir.
(Jes. 49, 16).