Aus dem Mormonenstaat

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Titel: Aus dem Mormonenstaat
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 455–457
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Utah, Salt Lake City, die Mormonen und die Polygamie
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Aus dem Mormonenstaat.


Bis jetzt ist über die unter den Mormonen herrschenden Zustände selbst in Amerika nur wenig Positives bekannt, da in der Regel nur solche Leute nach Utah kamen, welche nach Gold und Silber oder Handelsgewinn jagten und sich wenig um sociale Studien kümmerten. Im verwichenen Sommer reiste der Sprecher des Repräsentantenhauses Schuyler Colfax über Land durch alle diese westlichen Gebiete und Staaten, um die dortigen Zustände kennen zu lernen. In seiner Gesellschaft befanden sich einige Journalisten und einer derselben, Samuel Bowles, der Redacteur des Springfield Republican, hat seine auf dieser Reise gemachten Beobachtungen in einem kürzlich erschienenen Buche niedergelegt. Es finden sich in demselben viele interessante Angaben über das Leben und Treiben der Mormonen, und es wird wohl auch für deutsche Leser von Interesse sein, wenn wir ihnen in dem folgenden Auszug etwas Näheres über diese wunderlichen Heiligen und ihr Land mittheilen.

Im Territorium Utah, fünfzehn englische Meilen südlich von dem großen Salzsee, dessen Wasser fünfundzwanzig Procent reines Kochsalz enthält, haben die Mormonen ihre Salzseestadt gegründet, die jetzt ungefähr zwanzigtausend Einwohner zählt und ohne Zweifel als Stapelplatz des Handelsverkehrs zwischen den östlichen und westlichen Staaten der Union einer großen Zukunft entgegengeht.

Von dieser Stadt an erstrecken sich die Ansiedelungen der Mormonen einige hundert Meilen nach Norden und ebenso weit nach Süden, in einer Breite von etwa fünfzig Meilen. Die meisten Ansiedelungen umfassen nur einige hundert Bewohner, die Gesammtzahl wird auf einhundertundzwanzigtausend geschätzt. Die Salzseestadt liegt in einem weiten Thale, das vom Jordanfluß durchströmt und nach Osten von einem kahlen Plateau begrenzt wird. Von dieser Höhe bietet sich dem Auge des Reisenden, der tagelang zwischen den schneebedeckten Gipfeln der Felsengebirge durch rauhe, nackte Thäler und Schluchten gefahren ist, ein entzückender Anblick. Die Stadt ist nach amerikanischer Sitte in regelmäßigen Vierecken angelegt, mit manchen schönen Gebäuden verziert und in allen Richtungen durchsetzt von großen Blumen- und Baumgärten. Um die Stadt hin ziehen sich meilenweit zerstreute Farmhäuser und grünende Felder, zwischen welchen sich die silberglänzenden Gewässer des Flusses und der Canäle hinschlängeln.

Die reiche Vegetation des Thales ist durchaus das Ergebniß der energischen Thätigkeit der Mormonen. Die ganze westliche Hälfte des nordamerikanischen Continents kann nur mittelst künstlicher Bewässerung angebaut werden; der dürre Thonboden, die langen regenlosen Sommer, die trockenen Winde lassen keine Gewächse aufkommen, und die Mormonen mußten erst das feuchte Element künstlich herleiten, um ihre Felder zu befruchten. In dieser Beziehung haben sie Staunenswerthes geleistet. Die Flüsse sind in verschiedenen Höhen abgegraben und das Wasser wird durch eine Menge von Canälen nach den Gärten und Pflanzungen geleitet, selbst durch die Straßen der Stadt strömt das Wasser in gemauerten Rinnen, und die schattigen Bäume, die in tropischer Ueppigkeit grünenden Gartengewächse können nur durch diese beständige Bewässerung erhalten werden. Allein schon genügt der Fluß dem wachsenden Bedürfnisse nicht mehr und es wird jetzt ein großer Canal gegraben, der das Wasser aus dem dreißig Meilen südlich gelegenen Utah-See nach der Salzseestadt führen und neue Anpflanzungen ermöglichen wird.

Die Häupter der Mormonen waren von Anfang an bestrebt, ihr Volk auf den Ackerbau zu beschränken, eine sich selbst genügende, mäßige und fleißige Landbevölkerung zu entwickeln, die, in kleinen Dörfern zerstreut, leicht durch die hierarchische Organisation beherrscht werden könnte, und dieser Plan ist bisher consequent durchgeführt worden. Die Manufacturwaaren werden von den Staaten des Ostens importirt und nur einige einfachere Industriezweige wurden in der letzten Zeit eingeführt. Mehl, Schinken, Butter, getrocknete Früchte, Garne und Häute werden im Ueberfluß producirt und bilden die Ausfuhrartikel, die theils an durchziehende Auswanderer, theils nach den Bergwerksdistricten der Gebiete Idaho, Nevada und anderer verkauft werden. In den südlichen Ansiedelungen gedeiht auch die Baumwolle und die Seidenraupe.

Als eine hervorragende politische Persönlichkeit wurde Colfax nebst seinen Begleitern mit großer Höflichkeit in der Salzseestadt empfangen, von den Häuptern der Mormonen sowie von manchen „heidnischen“ Bürgern zu Lustpartien und Gastmählern geladen, und so wurde es den Reisenden möglich, werthvolle Aufschlüsse über das Thun und Treiben der sonderbaren Secte zu erhalten. Selbst die Ansichten und Gefühle der in Polygamie lebenden Frauen wurden ihnen nicht ganz vorenthalten, obwohl die Gatten dieselben nur wenig in die Gesellschaft brachten – der einzige Punkt, in welchem sich ihre Gastfreundschaft karg erwies.

„Als Resultat meiner Erfahrungen über die Mormonen,“ sagt Bowles, „kann ich aussprechen, daß ich den Werth ihres materiellen Fortschritts auf’s Höchste schätzen lernte, daß sich die Mormonen wie das ganze Land zu dem Reichthum, den sie geschaffen, und zu der Ordnung, der Mäßigkeit, der Sittlichkeit und Industrie, die sie in diesem entfernten Winkel unsres Continents begründet haben, Glück wünschen dürfen, daß die Vollkommenheit und die Macht ihrer Kirche, der weite Umfang ihrer Verzweigungen, ihr weitreichender Einfluß Staunen erregen, daß die Aufrichtigkeit und der Charakter vieler Häupter Achtung gebieten, daß aber andrerseits mein Abscheu vor ihrer Vielweiberei gestiegen und meine Ueberzeugung von dem barbarischen und entwürdigenden Einfluß dieser Sitte fester geworden ist. Sie üben dieselbe unter den günstigsten Umständen und vielleicht in der möglichst milden Form aus, allein hier wie immer und überall führt die Polygamie stets nur zur Herabwürdigung der Frau. Sie wird einfach die Sclavin, nicht die Gefährtin des Mannes.

„Allein der Mormonismus bedingt nicht nothwendiger Weise die Vielweiberei, sie wurde erst später eingeführt, und selbst jetzt noch widerstreben viele Mormonen dieser Sitte und kaum ein Viertheil, vielleicht noch weniger, übt sie praktisch aus. Schließlich wird auch unter dem Einfluß des wechselnden Verkehrs und der Einwanderung von ‚Heiden‘ nach Utah diese Institution sicher fallen. Nur eine abermalige Flucht und eine vollständigere Isolirung könnte diesen specifischen Charakterzug des Mormonismus retten. Die Führer der Mormonen scheinen auch diese Gefahr erkannt zu haben, und die Colonie, welche sie in den letzten Jahren auf den Sandwich-Inseln gegründet haben, ist wahrscheinlich zu einem letzten Zufluchtsort vor dem Andringen der Heiden bestimmt.“

In den Unterredungen, welche Colfax mit Brigham Young, dem Oberhaupte der Mormonen, hielt, deutete er dem Letzteren an, daß die Bundesregierung ohne Zweifel die religiösen Lehrsätze und die kirchliche Organisation der Mormonen nicht antasten, daß aber der Congreß das Gebiet Utah nie als Staat anerkennen werde, so lange die Vielweiberei gesetzlich erlaubt sei. Er hoffe deshalb, daß die Propheten der Kirche eine höhere Offenbarung empfangen möchten, welche die Polygamie verbiete. Young gab zur Antwort, daß er eine solche Offenbarung mit Freuden willkommen heißen würde, die Polygamie sei auch nicht in dem ursprünglichen Mormonenbuche begründet, sie sei nur ein Privilegium und eine Pflicht, speciell von Gott anbefohlen und durch die Bibel autorisirt. In der Praxis habe sich das Institut trefflich bewährt, denn die Sittlichkeit stehe bei den Mormonen weit höher, als bei den übrigen Christen.

Unter den Gebäuden der Salzseestadt ragt besonders das Theater hervor, das sich, wie Bowles versichert, sowohl an Größe [456] wie an eleganter Bauart mit den schönsten Opernhäusern der Union messen kann. Eben so reich sind die Costüme und Decorationen, und die Vorstellungen, obwohl nur von Dilettanten aufgeführt, würden der geübtesten Schauspielergesellschaft Ehre gemacht haben. Auf ein gutes Drama folgte ein komisches Singspiel und dann ein reizend durchgeführtes Ballet, bei welchem einige Töchter des Präsidenten Young mitwirkten. Dieses Theater ist eine Privatunternehmung Brigham Young’s, wie er auch der Besitzer verschiedener gewinnbringender Fabriken und trefflicher Farmen ist. Im Winter wird jede Woche zwei Mal gespielt, und da die Schauspieler nichts kosten, die Eintrittspreise dagegen hoch sind, macht der ehrwürdige Prophet offenbar ein gutes Geschäft mit dieser Anstalt.

Ein großartiger Tempel, der nach seiner Vollendung die schönste Kirche Amerikas sein wird, ist eben im Bau begriffen, der übrigens nur langsam voranschreitet. Der Gottesdienst wird vorläufig noch in dem alten „Tabernakel“ abgehalten und die Propheten predigen abwechselnd in demselben. Die Reisenden hörten eine Predigt von Brigham Young selbst, in welcher er die wichtigsten Doctrinen der Kirche erörterte und vertheidigte. Diese Sätze sind im Folgenden kurz zusammengefaßt:

Die Bibel hat für die Mormonen dieselbe Autorität, wie für die übrigen Christen; die Mormonenbücher enthalten aber neu hinzugekommene Lehren, welche die ursprünglichen Lehren der Schrift bestätigen und ergänzen. Nach dem Mormonenglauben ist Gott ein menschenähnliches, materielles Wesen mit Fleisch, Blut und Leidenschaften, wie der Mensch, nur vollkommen in allen Dingen, sein Sohn Jesus ein Menschenkind wie andere. Jesus und der Vater sind sich gleich und unterscheiden sich nur dadurch, daß der Letztere älter ist. Unsere Auferstehung wird eine materielle sein und wir werden im Himmel mit denselben Körpern und denselben Leidenschaften fortleben, wie auf der Erde. Die Nichtmormonen werden nicht nothwendigerweise in die Hölle fahren, allein sie werden nicht die hohe Stelle im Himmel einnehmen, wie die Heiligen der jüngsten Tage. Die Polygamie war in den älteren Zeiten bei allen Kindern Gottes gebräuchlich und wurde erst von den Gothen und Vandalen, welche Rom plünderten und dann die römische Kirche gründeten, abgeschafft. Luther billigte sie wenigstens in einem Falle. Dann rühmte der Prediger die guten Eigenschaften und die Erfolge der Gläubigen, pries die Vortrefflichkeit ihres Kirchensystems, die es seinen Präsidenten, Concilien, Bischöfen und Aeltesten verdanke, und behauptete schließlich, daß ihre Prediger göttliche Inspirationen empfangen, wie die Propheten des alten Testaments.

Unsere Reisenden waren natürlich nicht sehr erbaut von diesen rohen, sinnlichen Lehren, die offenbar nur auf ganz ungebildete Menschen berechnet sind, und in der That gehören denn auch die meisten Mormonen den untersten Classen an. Die von der Kirche ausgesandten Missionäre machen in allen Ländern Propaganda, namentlich in den englischen Fabrikstädten, und so findet sich denn in Utah eine äußerst gemischte Bevölkerung, und Brigham Young rühmt sich, daß unter seiner Heerde fünfzig verschiedene Nationalitäten vertreten seien.

Den Präsidenten Young schildert Bowles als einen kräftig und gesund aussehenden Greis, dem man seine vierundsechszig Jahre nicht ansieht. Sein hellgraues Auge hat einen kalten und unsicheren Ausdruck, der Mund und das Kinn verrathen einen starken und entschiedenen Willen. Er ist in Haltung und Gesichtszügen vielleicht ein schöner Mann, allein im Ganzen macht er einen abstoßenden Eindruck. In der Unterhaltung ist er kühl und ruhig und drückt sich treffend aus; er entwickelt kühne und originelle Ideen, spricht aber nicht sehr correct. Seinen Anhängern zeigte er eine milde, väterliche Sorgfalt, und dann war der Ausdruck seines Gesichtes gewinnend, wenn auch nicht erwärmend.

Unter den übrigen Häuptern zeichnet sich Heber Kimball, der erste Vicepräsident, durch seine gemeine und rohe Sprechweise aus. Er steht in hoher Achtung unter den Propheten, seine Manieren sind salbungsvoll wie Macassar-Oel, seine Phrasen fromm wie die Reden eines Thomas a Kempis. Dr. Bernhisel ist ein alter, ehrwürdiger Mann, der sich durch seine Bildung vor allen seinen Collegen auszeichnet. Eine besondere Erwähnung verdient noch Porter Rockwell, der berüchtigte Führer der Daniten oder rächenden Engel der Kirche, einer engeren Verbrüderung von fanatischen Mormonen. Diesem Manne und seiner Bande werden eine Menge Mordthaten zugeschrieben, welche in früheren Jahren an Auswanderern, die auf der damals noch sehr einsamen Ueberlandroute nach Californien zogen, sowie an abtrünnigen Mormonen die zu entfliehen suchten, verübt wurden. Die Mormonen behaupten, daß die Indianer diese Verbrechen begangen hätten, und bestimmte Beweise wird man wohl nie finden können. Nach Bowles ist übrigens dieser Rockwell ein Mann von starkem Geist und starkem Herzen, den man seinem Benehmen und seinem Aeußeren nach kaum solcher Verbrechen fähig halten könnte, es sei denn, daß er durch einen wilden Fanatismus dazu getrieben würde.

Die meisten dieser frommen Propheten haben eine reichliche Zahl von Frauen. Brigham Young selbst ist der glückliche Besitzer von etwa zwanzig wirklichen Ehefrauen, und überdies sind ihm noch etwa ebenso viele der Form nach angetraut; diese letzteren sind meistens fromme alte Damen, die nach hohen Sitzen im Mormonenhimmel streben und den Anschluß an des Propheten Engelsprocession als den sichersten Weg zu diesem erhabenen Ziele betrachten. Es ist nämlich ein mormonischer Glaubensartikel, daß die Frauen durch den Mann selig werden und daß dem Manne alle Autorität in der Familie zusteht. Die Größe eines wahren Mormonen wird denn auch nach der Zahl der Frauen berechnet, die er in einträchtiger, liebender und vor allem in gehorsamer Unterwürfigkeit halten kann. Ein solcher Mann kann so viele Weiber nehmen, als er für gut findet; dagegen widersetzt sich der Prophet, wenn Männer, welchen diese schätzbare Eigenschaft abgeht, mehrere Frauen nehmen wollen. Sein eigener Haushalt ist in der That in der trefflichsten Ordnung, doch zeichnen sich seine Damen mehr durch ihre Unterwürfigkeit, als durch Schönheit aus. Selbst die Jüngste, die er nur nach langer Werbung gewonnen haben soll, ist wohl ziemlich hübsch, aber gemein aussehend, trotz der feinen Kleider und Spitzen, mit welchen sie allein unter der ganzen Schaar herausgeputzt ist. Noch weniger glücklich war der zweite Prophet Heber Kimball, bei dessen Gattinnen man das Wort Schönheit gar nicht anwenden kann.

Im Ganzen scheint die weibliche Schönheit unter den Mormonen selten zu sein, und man trifft unter der kleinen Zahl der Heiden weit mehr schöne Frauen und Mädchen. Ein boshafter Ungläubiger könnte daraus den Schluß ziehen, daß die schönen Frauen größere Ansprüche machen, während die andern sich noch lieber einem vielbeweibten Mormonen anschließen, als ganz ledig bleiben. Nur bei einem Mormonen fand Bowles zwei sehr hübsche Frauen, die sich freundschaftlich in ihren Gatten zu theilen schienen. Sie waren geborene Engländerinnen und fast von gleichem Alter, gingen stets gleich gekleidet und erschienen zusammen im Besuchzimmer und auf der Promenade. Allein auch bei diesen konnte man die stille, ängstliche, halb traurige Miene bemerken, welche alle Mormonenfrauen, junge wie alte, charakterisirt. Nirgends beobachtet man bei ihnen das lebhafte, gesprächige Wesen, wie unter andern Frauen, und dieser Unterschied ist gewiß nicht der höheren Bildung der Mormoninnen zuzuschreiben, er ist vielmehr in Wirklichkeit das Zeichen ihrer Sclaverei, ihrer Erniedrigung.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Frauen das Institut der Vielweiberei als einen peinlichen, entwürdigenden Zustand betrachten, dem sie sich aber freudig fügen, angetrieben durch religiösen Fanatismus und eine seltene, nur einer Frau mögliche Selbstverleugnung. Man sucht ihnen den Glauben beizubringen, daß sie sich dadurch eine höhere und glorreichere Belohnung in der zukünftigen Welt sichern. „Der Herr Jesus hat mir eine schwere Bürde auferlegt,“ sagte eine arme, sanftmüthige Frau, „allein ich werde sie um seinetwillen und um die Herrlichkeit, die er mir in seinem Reiche gewähren wird, ertragen.“ Dies ist die allgemeine Klage, der allgemeine Trost, und ohne Zweifel nehmen die meisten Gatten und Ehefrauen diese Ansicht ehrlich an und unterwerfen sich der Vielweiberei als einem gottgefälligen Institut, das sie und alle mit ihnen Verbundenen in der andern Welt zu Heiligen erhöhen wird.

Doch fügt sich die menschliche Natur nur widerwillig diesen unnatürlichen Geboten. Wenn auch in manchen Familien die Frauen verträglich zusammenleben, so herrscht doch bei der Mehrzahl Unfrieden und häufig bewohnen die einzelnen Frauen getrennte Abtheilungen des Hauses oder selbst verschiedene Häuser. Die erste Frau ist gewöhnlich die in der Gesellschaft anerkannte Gattin und betrachtet häufig die andern mit Verachtung als Concubinen. Es ist im Ganzen ein schrecklicher Zustand für einen feinfühlenden Menschen, er raubt dem Eheleben das Zartgefühl und die Genossenschaft, [457] entwürdigt die Frau und macht den Mann zum Tyrannen. Es erzeugt Eifersucht und Mißtrauen und reizt zur Untreue; das Spionirsystem der Kirche und des Gemeinwesens wird aber so streng und unablässig gehandhabt, daß das letztere Laster nur äußerst selten vorkommt.

Auf die Kinder kann die Vielweiberei nur entwürdigend einwirken, so gut sie auch bewacht und erzogen werden mögen. Das Letztere ist übrigens nicht einmal der Fall, denn die Mormonen haben für ihre Kinder, die überall schwärmen, wie die Heuschrecken in Aegypten, keine Freischulen gegründet, wie dies in Amerika selbst in den rohesten neuen Ansiedelungen geschieht. In den Gotteshäusern der Stadt und der größern Dörfer wird wohl Schulunterricht ertheilt unter der Aufsicht der Ortsbischöfe, allein es muß Schulgeld dafür bezahlt werden, und so sind denn die Armen vom Unterricht factisch ausgeschlossen. Indessen ist es ein gutes und ermuthigendes Zeichen, daß die heranwachsenden Mormonenmädchen meistens der Vielweiberei abgeneigt sind und ihre Ehemänner lieber unter den Heiden, als unter ihren Glaubensgenossen suchen. Die Officiere und Soldaten im Douglas-Lager haben schon manche Proselyten gemacht. Zwei Compagnien, die im letzten Jahre nach Californien abzogen, nahmen fünfundzwanzig Frauen mit, die aus der Mormonenheerde rekrutirt waren. Gegenwärtig befinden sich über fünfzig Frauen unter dem Schutze des commandirenden Generals, die im Lager Schutz vor Verfolgungen suchten oder ihren fragmentarischen Gatten entflohen waren, und die meisten haben bereits Ehemänner unter den Soldaten gefunden. Nicht selten kommen Väter oder Mütter mit ihren Familien in das Lager, um dort ihre Töchter vor dem polygamischen Treiben in Sicherheit zu bringen. Solche Vorgänge berechtigen aber zu der Erwartung, daß die Mormonen entweder bald ihre Doctrin ändern oder abermals den Wanderstab ergreifen und ihre bewundernswerthen Schöpfungen den Heiden überlassen müssen.

Durch die Polygamie sind in Utah mitunter sehr seltsame Verwandtschaften entstanden und die Zweige eines Stammbaums verschlingen sich oft so wunderlich, daß sich der geübteste Mathematiker kaum darin zurechtfinden kann. Sehr häufig heirathet ein Mormone zwei oder mehr Schwestern, andere haben eine Wittwe sammt ihren Töchtern genommen, die erstere zu dem Zweck, um die jungen Mädchen zu bekommen, und alle haben Kinder. Es giebt aber noch unnatürlichere Verbindungen, ein Mormone hat selbst seine Stiefschwester geheirathet. Bedenkt man, wie sich diese Kinder eines Vaters und verschiedener Mütter, die oft Blutsverwandte sind, in der zweiten und dritten Generation wieder zu neuen Heirathen verbinden werden, so kann man wohl mit Sicherheit voraussagen, daß in wenigen Generationen eine schreckenerregende physische und geistige Degeneration eintreten muß. Man findet sogar jetzt schon Vorboten einer solchen traurigen Zukunft.

Häufig ernähren die Mormonenfrauen nicht nur sich und ihre Kinder, sondern tragen auch noch zum Unterhalt ihres Mannes bei. Ein Handlungsdiener oder sonstiger Mann mit mäßigem Einkommen, der drei oder vier Frauen zu gewinnen wußte, lebt vielleicht mit der ersten unter einem Dache, während die anderen getrennt wohnen und sich mit weiblichen Arbeiten ernähren. Diese besucht der Herr Gemahl von Zeit zu Zeit und wird von den armen Geschöpfen auf’s Beste bewirthet, da jede den theuren heiligen Mann möglichst lange in ihrer Nähe zu behalten wünscht. In dieser Weise kann sich ein arbeitsscheuer Mensch das ganze Jahr hindurch von seinen Frauen füttern lassen, wenn er sich nur mit den Strahlen eines Frommen und Heiligen zu umgeben versteht.

Schließlich noch einige Worte über das Verhältniß, in welchem die Mormonen zu der Bundesregierung stehen. Sie erkennen die Autorität derselben nur gezwungen an, und seit zehn Jahren liegt stets eine Abtheilung von eintausend bis zweitausend Mann Bundestruppen in der Nähe der Salzseestadt, um die Autorität des vom Präsidenten der Union ernannten Gouverneurs und der übrigen Bundesbeamten aufrecht zu halten. Während des Bürgerkrieges sprachen sie offen ihre Sympathie für die Sclavenhalter aus, da auch nach mormonischen Begriffen die Sclaverei ein göttliches Institut ist. Wahrscheinlich würden sie den Südstaaten auch Hülfstruppen geschickt haben, wenn sie nicht durch die Anwesenheit der Bundestruppen und durch allzu große Entfernung vom Kriegsschauplatze daran verhindert worden wären.