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Aus dem Reich derer Lebendigen, In das Reich derer Todten

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Titel: Der Neu-angelegten Lustigen Correspondence, Aus dem Reich derer Lebendigen, In das Reich derer Todten; Erstes Stück [...]
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Erscheinungsdatum: um 1700
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Quelle: im VD17 unter der Nummer 3:650665WScans auf Commons
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Flugschriften des 17. Jahrhunderts
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[1]

Der Neu-angelegten
Lustigen Correspondence,
Aus dem
Reich derer Lebendigen,
In das
Reich derer Todten;
Erstes Stück.
Wobey die Ankunfft eines groß- näsig- und
dickbäuchigten Wirths oder Gastgebers in dem Reich
der Todten, und dessen curieuser Lebens-Lauff
mit befindlich.
___________________________________________
Was bringt uns Charon[1] heut? Ihr Herren kommt herbey!
Wir wollen alsobald die neuen Sachen lesen,
Doch Charon, sag uns erst, was diß vor einer sey,
Den du heut mitgebracht, und was er sonst gewesen?
*     *    *
Es ist ein dicker Wirth / mit einer großen Nasen,
Er war und speisete / auch selber gerne Hasen.


Ein Schmeer-Bauch der sich feist gemacht /
Den hat der Tod heut abgeschlacht.



[2] DA heute Charon abermahls in dem Reiche derer Todten ankam / eröffnete Monsieur Curiosus[2] das Paquet[3] / und das erste Stück war dieses: Man spricht in Paris / daß diese Woche 32000. von denen eingezogenen Actien sollen verbrannt werden. Zweytens: von London wird berichtet / daß daselbst das Unglück / welches der Act-Handel verursachet / noch immer grösser werde.

Hier hielt er inne / und sprach denen Anwesenden: Ich glaube / daß die gantze Welt jetzo von lauter Actien angefüllet ist / weil alle Zeitungs- und Nouvellen-Blätter[4] davon schreiben / und in solcher Ungedult wolte er das Blatt wegwerffen / allein Mons. le bon Vivant[5] bat ihn fort zu lesen / welches er dann that / und folgende Worte fand: Eine unglaubliche Anzahl Menschen sind dadurch von ihren Verstand kommen / daß davon das so genannte Narren-Hauß angefüllet ist.

Allzuspät zu spät / sind diese Leute in das Narren-Hauß gebracht worden / sprach Monsieur Prudens[6], denn wären sie vorher bey Verstand gewesen / so würden sie sich nimmermehr in einen so belachens-würdigen Handel gemenget haben / ich wundere mich nicht / fuhr er fort / daß das Narren Hauß in London zu klein und überflüssig angefüllet wird / denn es giebt der Narren so viel auf der Welt / daß man sie gar nicht suchen darff / es streitet immer einer mit dem andern um die Kappe / und ein jeder will gerne die gröste und vornehmste seyn.

Wie mancher præsentiret nicht so gleich den besten Narren / wenn er nur zweymahl den Boden im Wein Glaß gesehen hat / da ist er entweder der Allerreichste / oder der Allergelehrteste / da weiß er auf das allerzierlichste zu tantzen und sehr manierlich zu singen / wenn es gleich klinget als ob der gröste Bulle brummte; Summa / der Wein hat ihm zu einen galanten Menschen gemachet / aber ist er denn nicht ein Narr?

Nicht so spritzig / sprach Mons. le bon Vivant / ich habe es in meinem Leben auch nicht besser gemachet / und wolte doch deßwegen keinen gerathen haben / daß er mich unter die Narren gerechnet hätte / hier ist gut reden / aber ich versichere / wären wir im Reich der Lebendigen / Mons. Modestus[7] solte in meiner Compagnie wohl noch heute ein artiges Räuschgen bekommen / und also auch in das Narren-Register eingezeichnet werden.

Hierbey erinnere ich mich eines Liedgens / so ich ehemahls bey einen guten Trunck verfertiget / und öffters angestimmet habe / ob ich schon niemahls ein scharffsinniger Poët oder künstlicher Sänger gewesen / der Inhalt war ohngefehr dieser:

               [3] Ein Räuschgen schadet nicht /
               Wenns nur nicht offt geschicht.
               So kan es unserm Leben /
               Die besten Kräffte geben /
               Es stärckt den Lebens-Safft /
               Giebt dem Gedächtniß Krafft /
               Ihr Brüder glaubet mir /
               Ihr dürffet euch nicht schämen /
               Vom edlen Wein und Bier /
               Im Ubermaaß etwas zu euch zu nehmen /
               Le bon Vivant der spricht:
               Ein Räuschgen schadet nicht.

Und wenn ich nun auch dieses zugebe / sprach Monsieur Modestus, daß ein Sauff-Narr ein kleiner Narr sey / wo bleiben aber die Hoffahrts-Narren / die Verliebten-Narren / die armen Narren / die Geld-Narren / die Einbildungs-Narren? Müst ihr nicht gestehen / daß man oberwehnten Thoren und wahnsinnigen Leuten / welchen es zwar nirgends als am Verstand mangelt / eine sehr grosse Schelle anhängen müste / welche etliche Thone gröber klingen muß als die kleine Narren-Schelle / welche ein guter Sauff-Bruder immer bey sich hat / (ich meine das Bier-Glaß /) denn so bald er eins ausgesoffen / so läutet und klimpert er damit nicht anders als der Narr mit denen Schellen. Doch wieder auf meine vorigen Reden zu kommen / so gestehe gar gerne / daß die Narren in der Einbildung sehr grosse Narren seyn / denn ein solcher Pursch meynet / die Welt könne ohne ihm nicht bestehen / lieset er in einen Romain / und findet darinnen ein Laster / so er selbst begangen / ein wenig durch die Hechel gezogen so bildet er sich schon fest ein / der Author desselben Buchs müste ihm ohnfehlbar kennen / und ihm zu beschimpffen / sey es geschrieben worden / dieser Narren giebt es nicht wenig / so gar daß ich glaube / wenn Jupiter mit seinen Donner-Keul über einer Stadt schwebte / und sich vernehmen ließ: Er wolle alle dergleichen Narren / in diesem Nu damit zerschmettern / solten kaum 12. seyn / die sich nicht bücken und vor dem Strahl fürchten würden.

Doch was sage ich hier von Narren / hätte ich hier eines berühmten Mannes vortreffliches Buch bey Händen / welches er die 3. Ertz-Narren nennet / so könten mir mehr davon lesen / als ich erzehlen kan. Meine Meynung überhaupt hiervon ist diese:

               Die gantze Welt ist voll von Thoren vnd von Narren /
               Das macht / ein jeder hat doch seinen eigenen Sparren /
               Und solt das Narren-Hauß so groß als Nürnberg seyn /
               Ich glaub’ es wäre noch / vor alle / viel zu klein.
               

[4] Monsieur Curiosus ergrieff ein ander Stück aus dem Paquet und laß folgendes:

Warschau. Neulich wurden allhier 28. Missethäter in Verhafft genommen / welche bey Nächtlicherweile die Leute angefallen beraubet / ermordet / und hernach in die Weichsel geworffen weßwegen sie criminaliter von E E.[8] Raht sollen abgestraffet werden.

So bekommen wir ehestens eine ziemliche Anzahl Passagiers sprach Monsr. le bon Vivant, die uns gleichfals viele neue Zeitungen aus dem Reich derer Lebendigen erzehlen werden. Charon, welcher auch zu gegen / sprach: Nein ihr Herren / diese werde ich nicht hieher zu euch bringen dürffen / sie müssen in einen andern Hafen einlauffen / Monsieur Curiosus fragte geschwind / warum? Allein Charon wolte ihm vor diesesmahl seine Frage nicht beantworten / gab aber einen Winck / daß es künfftig geschehen solte. Monsr. Modestus, welcher eine lange Weile gantz erstaunend gestanden / sprach ietzo: Ihr Herren / ich habe mich jederzeit gewundert / wie es möglich / daß ein Mensch gegen den andern so ungerecht verfahren / ihm bestehlen / oder auch gar das Leben nehmen kan? Ist das wohl zu bewundern / versetzte Monsr. Le bon Vivant, worzu treibet nicht die Noth / worzu verleitet nicht der Geitz / und wie leicht verblendet nicht die Wollust einen Menschen? daß er die grösten Schand-Thaten vor eine Galanterie achtet und ich gestehe gar gerne / daß ich öffters vor diesen die allerschlimsten Händel angefangen / Leib und Leben in Gefahr gesetzet / ja wohl gar meinem Bruder ermordet hätte / wenn er mir nur beym Spiel einreden wollen.

Ich liebte zur selbigen Zeit ein Mädgen welche eine von den schönsten in meiner Vater-Stadt war / hätte ich nur eine Manns-Persohn bey ihr angetroffen / der sie nur geküsset / und wäre es auch ihr Bruder gewesen / er hätte sterben müssen / deßwegen pflegte ich öffters zu singen:

               Mein Mädgen muß alleine mein
               Und durchaus keines andern seyn /
                    Es lasse mich ja keiner wissen /
                    Daß er gesonnen , sie zu küssen /
               Ich brech ihm sonsten Halß und Bein /
                    Und meynt er sie mir weg zu fischen /
                    So laß er sich ja nicht erwischen /
               Ich schmeiß ihm in den Mayn hinein.

Da Capo.

So höre ich wol, versetzte Mons. Modestus, daß er auch nicht einer von denen besten Brüdern gewesen / allein es gehet nicht anders zu auf der Welt / und wer [5] nicht mit machen will / muß sich lassen auslachen / die Diebe und Mörder werden zwar gestrafft / aber nur die sichtbahren und die man haben kan / die andern stehen offt um den Galgen und sehen die Execution mit an / gedencken aber nicht / daß sie ein gleiches verdienet hätten. Mons. Curiosus hatte sich unterdessen auf einen alten Vers besonnen / welcher also hieß:

               So geht es in der Welt /
               Die grösten Schelm und Diebe
               Die haben Gunst und Liebe /
               Die Treue ist gestorben /
               Der Arme wird verdorben /
               Das Losungs-Wort heisst: Geld!

Genug hiervon / sprach Mons. le bon Vivant, lasst sie in Warschau mit denen Dieben und Mördern machen was sie wollen / wir sind jetzo hier in einem andern Reich. Mons. Curiosus nahm ein ander Stück von denen Zeitungen / und wolte weiter lesen / allein Charon bat / er möchte inne halten / weil ein Passagier vorhanden / welcher die gantze Compagnie zu sehen und zu sprechen verlangte. Wer ist es denn? Fragte Mons. Curiosus, wer er gewesen / erwiederte Charon, werden die Herren von ihm selbst besser als von mir erfahren können / doch so viel habe ich von ihm vernommen / daß er im Reich derer Lebendigen / ein guter Freund aller durstigen Brüder / und gar wohl bekant mit Monsieur le bon Vivant gewesen / ich versichere / fuhr Charon fort / so bald sie ihn sehen werden / müssen sie lachen / es ist ein Mann ohngefehr vierthalb Elen lang / fast auch so dick / und wofern wir ihm nicht zu Hülffe kommen / ist es unmöglich / daß er aus meinen Kahn alleine steigen kan / sein Gesicht ist wohl gebildet / daß ich fürchte / Proserpina[9] werde sich so gleich in ihn verlieben / so bald sie ihn nur sehen solte. Pluto, der Groß-Fürst des unterirrdischen Reichs / ist zwar mit einer sehr ansehnlichen Nase versehen / aber die Nase meines heutigen Passagiers übertrifft selbige bey weitem / weil sie viel majestätischer und grösser / es lässt nicht anders / als ob auf beyden Seiten dieser heroischen Nase / viele andere kleine Näßgens heraus wachsen wolten / welche hernach als Kinder und Unterthanen der Grossen zu Gebot stehen solten / damit aber auch die Pracht dieser vortrefflichen Nase desto vortrefflicher sey / so hat die gütige Natur neben selbiger auf die Wangen unzehliche Rubinen von ungemeiner Grösse gepflantzet / welche täglich zunehmen / und immer grösser wachsen. Und weil das Gold seines herrlichen Verstandes im Kopffe geschmoltzen / und aus Uberfluß in die Haare und Bart gelauffen sind dieselbigen / gleich dem schönsten Golde / gelb-roth / und hangen als die gefrohrnen Eißzapffen über die nicht sonderlich kleinen Ohren herab / welches denn dieser prächtigen Nase keinen geringen Zierrath verursachet. [6] Damit sie aber von der Zunge desto bequemer kan belecket und bedienet werden / hat sich dieser verständige Herr die obere Reihe Zähne ausnehmen lassen / so bald nun ein paar grosse Orientalische Perlen an der Nasen hängen ist die Zunge gleich parat solche wegzuschnappen / und sendet sie hernach den Magen zu welcher hierdurch jederzeit bey gutem Wohlstand erhalten wird / der gantze Leib befindet sich wegen dieser Medecin wohl auf / und der Schmeer-Bauch ist davon so dick und groß worden / daß die zwey rothschimmrenden Augen-Lichter / so wohl wegen der Nase / als auch der Grösse des Bauchs nicht sehen können / ob ihm ein Ducaten oder Grütz-Wurst auf dem Schooß lieget. Die Schenckel und Beine sind gleichfalls von ziemlicher Grösse / und wenn ihm ein solcher Schenckel solte ausgerissen werden / hätte ich nicht Appetit das Loch zu sehen / solte er von ohngefehr auf die charmante Nase fallen / so darff er es denen Füssen nicht Schuld geben / als welche groß und breit genug / und ich könnte sie sehr bequem an statt zweyer Ruder an meinem Kahn gebrauchen / wenn er sie missen wolte.

Hier fiel ihm Mons. Modestus in die Rede und sprach: Charon, ihr macht eine so wunderliche und unangenehme Beschreibung von eurem Passagier, daß mir schon allbereits das Verlangen / ihm selbst zu sehen / verschwunden / wollen die andern Herren mit nach euren Kahn gehen / und diesen so seltsamen und neuankommenden Gast in unserm Reich bewillkommen / können sie es thun / ich will so lange hier in unserm Conferentz-Zimmer bleiben / biß sie ihn anhero bringen / Mons. Curiosus war so gleich resolviret mitzugehen / wie auch Mons. le bon Vivant, ist es wohl möglich / sprach Mons. Curiosus, daß er sich enthalten kan / und nicht curieux[10] worden / einen so seltsamen Mann zu sehen? Wohl dann / er bleibe so lange hier / wir wollen bald wieder bey ihm seyn / damit er aber inzwischen etwas habe die Zeit zu passiren / so überlege er / ob es nicht wahr / was diese wenige Reime in sich halten:

               Wer nicht begierig ist / was Neues zu erfahren /
                    Der wird beständig hin Hanß in eodem[11] seyn /
               Er nimmt zwar täglich zu an Alter und an Jahren /
                    Doch bleibt er wie ein Kind / nur am Verstande klein.

Und hiermit eilte die gantze Gesellschafft / ausser Monsr. Modestus mit den Charon nach seinem Kahn / absonderlich war Monsr. le bon Vivant sehr begierig einen alten Bekannten anzutreffen. In kurtzer Zeit kamen sie daselbst an / und ersahen / daß Charon die Warheit nicht gespahret hatte / es lag dieses ungeheure Monstrum in den Kahn / nicht anders als ein dickes und fettes Mast Schwein / welchen die Mäuse ohne Empfindung etliche Pfund Speck von dem Puckel abfressen können.

Mons. le bon Vivant rief ihm so gleich zu / willkommen Herr Bruder / hier im Reiche derer Todten / deine Ankunfft hätte ich jetzo noch nicht vermuthet. [7] Ich bedancke mich / Herr Bruder / versetzte dieser im Kahn / mit einer faulen langsamen Stimme: Helfft mir aus dem Kahn / so wil ich denen Herren viel neues / auch meinen gantzen Lebens-Lauff / erzehlen. Sie waren sämtlich hierzu willig / sprungen in den Kahn / und brachten ihm / wiewol nicht ohne grosse Mühe / ans Land. So bald dieses geschehen / war er Willens den Anfang seiner Erzehlung zu machen / allein Monsr. le bon Vivant bat / er möchte es so lange verspahren / biß sie einen kurtzen Weg zurück geleget / und in ihr Conferentz-Zimmer angelanget wären / woselbst noch ein guter Freund ihre baldige Ankunfft erwartete.

Der Weg war eben nicht weit / dennoch aber vor diesen Dick-Wanst viel zu lang und beschwerlich / kaum hatte er 3. oder 4. Schritte gethan / so fiel er vor Müdigkeit den Charon und Monsr. le bon Vivant so starck auf die Schultern / daß sie alle drey zu Boden stürtzten / da gieng nun die liebe Noth erst recht an / denn die gantze Compagnie, wie sie beyeinander / waren nicht vermögend / ihn nur auffzurichten / vielweniger ferner fortzubringen. Da lag nun der Klotz mit sammt der schönen Nasen im Koht / und schnauffte nicht anders / als ein altes Artillerie-Pferd / zu gutem Glücke waren ohngefehr ein halb Dutzend Karren-Schieber am Gestade / diese erbarmeten sich über ihn / denn sie waren ein wenig barmhertziger und bescheidener / als wie dergleichen Leute im Reiche der Lebendigen sind / sie luden ihm auf einen Karren / und in solchem Staat wurde er unter Begleitung der gantzen Compagnie, in das Conferentz-Zimmer hinein gefahren. Monsr. Modestus, welcher bißhero seinen eigenen Gedancken Audientz gegeben / wunderte sich nicht wenig wie er diesen Auffzug sahe: Charon, sprach er / warum habt ihr diesen ungeschickten Kerl hieher in unser Reich geschleppet / und nicht lieber im Reiche der Lebendigen gelassen? Charon versetzte / weil sie ihm dort nicht länger haben wolten / muste ich ihm ja mit hierher nehmen. Währender Zeit nun hatten sie die grosse Machine abgeladen / und auf einen vesten / grossen und bequemen Stuhl gesetzet / deßwegen erinnerte Mons. Curiosus, als welchen die Zeit zu lange währen wolte / daß der Neuangekommene sein Versprechen halten / und mit Erzehlung derer lustigen Begebenheiten seines Lebens / den Anfang machen solte. Er war hierzu willig / jeder setzte sich an seinen Orth / und hierauf fieng er also an zu reden:

Weil die Herren verlangen meinen Lebens-Lauff zu hören / so will ich auch gantz von forne den Anfang machen.

Mein Vater war ein reicher Wirth oder Gastgeber / ohngefehr ¼. Meil von einer ungenannten grossen und Volckreichen Stadt / mein Name ist Hanß Vollauf / andere nannten mich zum Schimpff / Hanß Nimmernüchtern / Hanß Naßkittel / etc. Da ich nun nach und nach erwuchs / legte ich mich auf nichts mehr / als nur sonderlich zu lernen / wie ich die Leute bevortheilen / und von aller Arbeit frey und ledig seyn möchte / es gelunge mir auch sehr wohl; mein Vater starb / ich nahm die Wirthschafft über / ließ mir einen grossen Stuhl in der Stube / ohnweit dem [8] Ofen setzen / darinnen lag ich / und sahe nur zu / wie meine Knechte die Gäste bedienten / am meisten aber / ob sie auch gut doppelt anschreiben könten / mit einem Wort: Meine Frau und Knechte musten die Haußhaltung führen / ich aber thät gar nichts / und doch habe ich der Welt mehr Schaden als Nutzen verursachet / weil ich meinen grossen Wanst zu füllen / sehr viele gute Bißgen einschluckte / wovon sich wohl vier andere Menschen hätten delicat ersättigen können / im Trincken galt es mir jederzeit gleich viel / ob ich Wein / Bier oder Brandewein ertapte / ich fuhr damit so gleich zu Munde / und ein Schope Wein oder Brandewein / war mir nur ein guter Schluck / 6. Bouteillen[12] Wein war Mittags ein Tisch-Trunck vor mich / den gantzen Tag über muste ich wenigstens 24. haben; daß meine Worte wahr / solches werden die Herren[13] noch an meiner Nase und Gesicht abnehmen können / welche gantz küpfferich davon worden. Ein solches wollüstig und übermäßiges Leben führte mich in die Stricke der Venus, denn nach und nach kunte ich mit meiner Frauen alleine nicht zu frieden seyn / deßwegen nahm ich mir eine Haußhalterin an / die sich wohl mit mir verstunde / meine Frau aber beredete ich / es geschähe ihr zum besten / damit sie nicht allein das grosse Hauß-Wesen versorgen dürffte / sie liesse sichs gefallen / und mir gefiel es noch besser / die Haußhälterin versorgte meistentheils die Betten / und da sahe ich wohl zu / halff auch selber / daß die Federn fein aufgeschüttelt und untereinander gerüttelt wurden / inzwischen wartete meine Frau nebst ihren Bedienten den Gästen auf / und meine gantze Haußhaltung wurde wohl versehen.

Das Schild / welches ich an meinen Gast-Hof ausgehänget hatte / war die schwartze Sau mit einen silbernen Hals-Band / welches sich nicht uneben vor mich schickte. Ich wäre zwar sehr gerne noch eine zeitlang auf der Welt geblieben / allein das Verhängnüß hat nicht zulassen wollen / daß ich noch mehr Wasser in Wein und Bier schütten solte / und weil ich denn sonderlich im Trincken weder Maaß noch Ziel halten konte / habe ich mir selbst eine Kranckheit an den Hals gesoffen / und die Welt im acht und viertzigsten Jahr meines Alters verlassen müssen / nachdem ich diese Zeit meistens in Wolleben zugebracht / ausser wenig Tage / an welchen ich vom Sauff-Fieber incommodiret[14] worden. Meine Grab-Schrifft lautet also:

               Ich wohnte in der Sau / und lebte wie ein Vieh /
               Ich wurde wie ein Schwein auch reich ohn alle Müh /
               Ich soff mich selbst zu todt / da lag ich nun begraben /
               Ach / könt ich doch auch hier nur satt zu sauffen haben!

Es war eben Tisch-Zeit / deßwegen gieng die Compagnie dißmahl vergnügt von einander / Hanß Vollauff aber muste auf seinen Stuhl sitzen bleiben / Charon segelte wieder von dannen / Nouvellen und Passagiers zu holen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. griech., der Fährmann der Unterwelt
  2. lat., wissbegierig, sorgfältig
  3. franz., [Nachrichten] Bündel
  4. franz., Nachrichten-Blätter
  5. franz., der angenehm Lebende [?]
  6. franz., klug, besonnen, umsichtig
  7. lat., besonnen, bescheiden
  8. Abkürzung für Eines Ehrbaren
  9. griechische Mythologie: Tochter Ceres und die Gemahlin des Gottes der Unterwelt Pluto
  10. franz., neugierig
  11. lat., Hans in eodem. „Wer sie lehret, der redet zu einem Holze und schlägt mit einem Prügel ins Wasser.
  12. franz., Flaschen
  13. Vorlage: Herrrn
  14. lat., beeinträchtigt