Aus dem Tagebuche eines Verbannten

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Autor: Hans Holmbach
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Titel: Aus dem Tagebuche eines Verbannten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 792-794
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[792]
Aus dem Tagebuche eines Verbannten.[1]
1. Witt’s Flucht aus Zweibrücken.

Die provisorische Regierung der Rheinpfalz hatte mich 1849 zum Civilcommissar für die drei Cantone Homburg, Landstuhl und Waldmohr ernannt, und meine Thätigkeit in dieser Richtung wie bei andern Vorfällen hatten mich schließlich nach Einrückung der preußischen Armee und nach Besiegung des noch nicht organisirten Aufstandes unter der Anschuldigung des Hochverrathes und der bewaffneten Rebellion in den Kerker geführt.

Aus dem Gefängnisse von Neustadt a. H. nach der Festung Landau gebracht, wurde ich von da nach Zweibrücken in das Criminalverwahrungshaus weiter befördert. Mehrere hundert Männer der Pfalz mit einigen Braven aus andern Gauen Deutschlands barg dieser citadellenartig gebaute Kerker, den man zum Staatsgefängnisse umgewandelt hatte: viele der angesehensten Bürger des Rheinlandes, Mitglieder der Ständeversammlung, Bürgermeister, Redacteure politischer Blätter, Gerichts- und Verwaltungsbeamten, Officiere der Insurrection, Posthalter, Pfarrer und Lehrer, Techniker, Candidaten aller Facultäten und Studenten vermischt mit Gutsbesitzern, Handelsleuten, Industriellen und Handwerkern. An guter Gesellschaft fehlte es wahrlich nicht. Aber es fehlt in einem Gefängnisse – an der frischen, freien Luft. Und Freiheit ist die Vorbedingung körperlichen und geistigen Wohlseins für den denkenden und fühlenden Mann. Hierzu kam der Gram über die Niederlage unsrer heiligen Sache, und die wenigen Hoffnungen, die wir verzweifelnd noch hegten, schwanden allmählich dahin nach der Kunde der Pariser Junikatastrophe, nach Napoleon’s Erhebung zum Präsidenten der französischen Republik und der Wiederherstellung des alten Regime in den deutschen Staaten.

Die lange Untersuchungshaft und eine animose Behandlung der Anklage mit Quälereien aller Art, wie leider dies bei politischen Processen fast überall vorzukommen pflegt, erhöhten noch die den politischen Gefangenen eigenthümliche Reizbarkeit, die sich psychologisch durch die Seelentrauer über den Sieg der feindlichen Partei und die Leidenschaften einer niedergeworfenen Revolution erklärt.

Unsere Freunde, die nicht die Schweiz oder den französischen Boden erreicht hatten, schmachteten in den Casematten von Rastatt und Landau. Der Kriegszustand war proclamirt worden und die Standgerichte häuften in raschen Executionen ihre Opfer. Wir armen Wehrlosen ballten ohnmächtig die Fäuste und erbebten vor dem eigenen Loose, vor den Folgen einer leidenschaftlichen Anwendung der drakonischen Gesetze des Code pénal und der Einsetzung eines Specialgerichtshofes.

In Rastatt, in Landau und an andern Orten suchte man auszubrechen, und hier und da gelang ein kühner Plan. Auch uns kam der Gedanke an Flucht. Wir, das heißt ich und eine Anzahl Strudelköpfe, beschlossen nun einen gewaltsamen Ausbruch in Masse und hatten folgenden Plan verabredet, der im Momente der Ausführung den Mitgefangenen eröffnet werden sollte.

Hierzu war die Zeit der täglichen Promenade im äußern Rundhofe und Garten zwischen dem Hauptgebäude und der Ringmauer ersehen. Wenn die Säle und Hallen zu diesem Behufe an dem bestimmten Tage geöffnet würden, sollte von den Eingeweihten den einzelnen Abtheilungen das Vorhaben mitgetheilt werden und den Aengstlichen oder wenig Compromittirten, die sich dem Ausbruche nicht anschließen wollten, überlassen bleiben, ruhig und passiv sich zu verhalten. Die Andern hätten sich sofort wehrbar zu machen. Als improvisirte Waffe waren die Stäbe eines eisernen Treppengeländers bezeichnet, welche mit einigen Axthieben und Hammerschlägen, wozu man die Werkzeuge in der Küche und Holzkammer finden konnte, leicht loszulösen waren. Während dieser Operation sollten alle Angestellte, der Verwalter Klühenspieß und die Beschließer, überwältigt und gebunden in einen innern Saal gebracht werden. Dann sollte das äußere Thor des Haupthauses, das in den Rundhof führt, geöffnet werden und die Theilnehmer hätten langsam, als ob nichts vorgefallen wäre, hinauszutreten und die gewohnten Reihen zum Spaziergange zu bilden. In diesem Momente hatte die Militärabtheilung, welche die untern Räume des Inspectionshauses, das über dem einzigen nach außen führenden Thore erbaut ist, besetzt hielt, den äußern Hof und Garten mit Wachposten rings um das Hauptgebäude garnirt, um die Spaziergänger, die stets nach einer Richtung gehen mußten, näher zu überwachen und etwaige Annäherung an die überdies sehr hohe Ringmauer zu verwehren.

Es handelte sich nur darum, um unnöthiges Blutvergießen zu ersparen, so schnell wie möglich die Wache des Vorderhauses zu überwältigen. Einer unserer Mitverschworenen, Carl von Loreck, ein kräftiger, muthiger Bursche, Adjutant Willich’s und Hauptmann einer Freicompagnie, der im Gefechte von Annweiler nach tollkühnem Widerstande in die Hände der Preußen gefallen war, hatte sich dazu erboten, aus den Reihen, in den Mantel gehüllt, wie zufällig herauszutreten, dem Posten vor dem Wachhause sich zu nähern, dem Soldaten schnell den Mantel über und ihn also zu Boden zu werfen. Im selben Augenblicke hatte die Sturmcolonne, geführt von Obristlieutenant Straßer, aus den Reihen der Spaziergänger sich zu bilden, mit den unter den Kleidungsstücken verborgenen Eisenbarren in gymnastischem Laufe nach dem Wachhause zu eilen und die zweifelsohne auf der Schildwache Lärmruf heraustretende Mannschaft anzugreifen.

Bei der großen Körperkraft und Gewandtheit Loreck’s, der wahrscheinlich seine Aufgabe glücklich gelöst haben würde, war zu vermuthen, daß die überrumpelte Wache durch die Uebermacht der kräftigen Gegner bald besiegt würde. Jedenfalls waren wir zum Aeußersten entschlossen. Nachdem der Ueberfall gelungen, sollte die Wachmannschaft entwaffnet und eingeschlossen werden. Es bliebe dann nur übrig, das äußere Thor zu öffnen und nach Entwaffnung oder Beseitigung der äußeren Schildwache schnell das freie Feld zu gewinnen und in getrennten Abtheilungen nach den nahen Waldungen zu eilen. Möglichst schleunig sollte dann schließlich die nur zwei Stunden entfernte französische Grenze erreicht werden.

Der Plan war nicht ungeschickt und bei der Isolirtheit des vor der Stadt in ziemlicher Entfernung von den Casernen gelegenen Gefängnisses berechtigt, ein erwünschtes Resultat in Aussicht zu stellen. Dieser Plan, dessen einzelne Theile genau erwogen und geprüft waren und dessen Ausführung wir mit Ungeduld entgegensahen, mußte aus Convenienzrücksichten einigen älteren Männern und Parteiführern zur Genehmigung vorgelegt werden. An der Bedenklichkeit dieser Besonnenen scheiterte die Sache trotz unserer glühenden Einwendungen. Man mahnte dringend vor der Mittheilung an die Masse der Mitgefangenen ab, wo unser Vorschlag jedenfalls die Majorität erhalten haben würde. Man besprach den Gewissenspunkt, das Leben Eines oder des Anderen der Unseligen oder eines armen, der Disciplin gehorsamen Soldaten zu gefährden. Dabei deutete man auf die damals in der Pfalz noch gehoffte Generalamnestie und im schlimmsten Falle auf Freisprechung durch das Geschwornengericht hin.[2]

Ich grollte, mußte mich aber fügen und beschloß nun auf eigene Faust einen Fluchtversuch. Nur wenige der zuverlässigsten Freunde wurden in’s Geheimniß gezogen.

Mir und einigen meiner Schicksalsgenossen war es gestattet, des Nachmittags anstatt des Spazierganges eine Stunde in den Privatzimmern des Gefängnißverwalters Klühenspieß[3] zuzubringen, um uns musikalisch zu unterhalten. Es befand sich dort ein Fortepiano, welchem bald eine Guitarre und eine Flöte zugesellt wurden. Die beiden humanen Appellalionsgerichtsräthe, welche als Untersuchungsrichter functionirten, hatten dies unschuldige Vergnügen erlaubt. Sie konnten solches füglicherweise gestatten trotz der [793] Einwendungen eines strengen Generaladvocaten, der sogar (provisorisch verhafteten) politischen Gefangenen das Schachspiel verboten hatte, was man im rohen Mittelalter wegen politischer Verbrechen Verurtheilten erlaubte; denn der privilegirte Besuch dieser Räume war nur während der Promenade und als Aequivalent dieser Erholung zugestanden, und überdies war zu dieser Zeit eine erhöhte Aufsicht und verschärfte Bewachung angeordnet. An einen Fluchtversuch von diesen uns geöffneten Privatzimmern, deren Fenster, mit eisernen Barren versehen, in den großen Rundhof gingen, war deshalb nicht zu denken, und immer blieben noch die ganze Wachmannschaft zu ebener Erde des Inspectionshauses, ein dort gewöhnlich postirter Géolier, das verschlossene Hauptthor und die äußere Schildwache als zureichende Verwahrungsbürgschaft übrig.

Ich hatte mich mit den Localitäten des Hauses, ohne Aufsehen zu erregen, bekannt gemacht und eine auf den Boden führende Treppe entdeckt, wohin vom Hausgange aus eine verschlossene Thür führte. Zu dieser Thür hatte ich mit Hülfe eines in der Stadt wohnenden Freundes mir einen Nachschlüssel verschafft. Während einer Woche hatte ich nun die musicirenden Freunde alltäglich unter dem Vorwande, ein gewisses Bedürfniß zu befriedigen, auf einige Minuten verlassen. In dieser Zeit schlüpfte ich mit Hülfe meines Schlüssels nach dem Speicher, recognoscirte das Terrain und brachte alltäglich unter meinem Schlafrocke verborgen die zur Verkleidung nöthigen Gegenstände hinauf, welche ich unter den Dachbalken in einem dunkeln Winkel versteckte. Ich hatte mich stets so schnell wie möglich wieder in das Musikzimmer zurückbegeben und meine durch einen plausibeln Grund gerechtfertigte Abwesenheit hatte keinen Verdacht bei dem anwesenden Verwalter oder seinem Vertreter erregt. Auf diese Weise gelang es mir, einen Oberrock, den mir ein Mitgefangener lieh und der meine Taille ganz entstellte, sowie eine Wasserflasche mit Seife, Rasirmesser und Scheere, sodann einen Stock (ein dem Gefangenen durchaus verbotenes Instrument) und endlich einen dicken Actenfascikel mit der lithographirten Aufschrift „Untersuchungsacten gegen etc.“ nach und nach in meinen Versteck zu bringen. Ich fügte noch einen Hut und eine Brille bei. Zu gleicher Zeit hatte ich bemerkt, daß von diesem Bodenraume mehrere Fensteröffnungen (Gaublöcher, wie man am Rheine sagt) nach dem innern Hof gingen. Dies gab mir Gelegenheit, mit einigen in’s Vertrauen gezogenen Freunden, deren Zellenfenster gegenüber im Haupthause ausmündeten, eine Mittheilung durch telegraphische Signale mittels Taschentücherschwenkens zu verabreden.

So kam der 18. November 1849 heran, Es war dies ein Sonntag und ich war entschlossen, meinen Plan in Ausführung zu bringen.

Die Promenadestunde hatte uns wieder in die Gemächer der Familie Klühenspieß geführt. Der Augenblick war gekommen. Ich verließ die Freunde entschlossenen Sinnes und doch mit schwerem Herzen. Sie stimmten bedeutungsvoll das Freiheit hauchende Lied „Hinaus in die Ferne“ an. Ein verstohlener Händedruck – wir waren nicht allein – und ein Glück auf! und Lebewohl im Blicke des Auges stärkten mich zu dem gewagten Unternehmen.

Ich stieg leise die Bodentreppe hinauf, nachdem ich die Thür innen wieder abgeschlossen hatte, und fand meine erlösenden Kleinodien im dunkeln Winkel. Zehn Minuten später wurde den Spaziergängern das Zeichen zum Einrücken in das Haupthaus ertheilt. Dies enthielt auch die Weisung für die Freunde im Inspectionshause, die Laute zur Seite und die Notenbücher auf dem sich wieder schließenden Piano niederzulegen. Da ich mit Absicht kurz vorher die Gesellschaft verlassen hatte, glaubte man, daß ich schon herunter in den Hof und mit der Masse der Spaziergänger in das Haupthaus eingetreten wäre. Einige Minuten später erblickte ich von meinem Luginsland aus das telegraphische Signal, welches mir andeutete, daß meine Abwesenheit noch nicht entdeckt worden wäre. Ich machte sofort meine Toilette. Es war mir nicht möglich, mich zu rasiren. Ich schnitt aber den Bart so kurz als möglich mit der Scheere ab, umhüllte mich mit dem geliehenen langen Rocke, darunter ein anderes Kleidungsstück, das meine schlanke Taille in ein tüchtiges Embonpoint umwandelte, drückte meinen Hut in die Stirne, zog Handschuhe an, bewaffnete meine Augen, die an solche Zugaben nicht gewöhnt waren, zur weitern Verstellung mit einer Brille, nahm den Stock in die Rechte und ergriff mit der Linken das foliodicke Actenbündel. Ich konnte in diesem Aufzuge nicht leicht im Halbdunkel für den gefangenen Assessor Witt erkannt, wohl aber für einen der Gerichtsbeamten, die damals dort stets aus- und eingingen, gehalten werden.

Nochmals constatirte ein spähender Blick nach den Fenstern der Freunde, daß noch Alles ruhig war. Ich zog nun meine Stiefeln aus, um ohne Geräusch die Treppe hinunter bis in den Corridor zu ebener Erde neben der Wachtstube gelangen zu können. In diesem Augenblicke höre ich die Bodenthür öffnen und den Tritt einer Frauensperson auf der Treppe. Eiligst ziehe ich mich in den dunkelsten Winkel zurück. Das Herz klopfte in lauten, ungestümen Schlägen. Ich hielt meinen Athem an, lauschte den sich nähernden Schritten entgegen und sandte bange Blicke spähend nach dem störenden Ankömmling. Es war die Dienerin des Verwalters, die mich genau kannte und seit fünf Monaten täglich gesehen hatte, eine arme, wegen Kindesmordes verurtheilte Person, die in Betracht ihrer guten Aufführung zu den häuslichen Arbeiten verwendet wurde. Das Mädchen hing Wäsche auf und kam mehrere Male bis auf drei Schritte zu meinem Verstecke. Einige bange, bange Minuten! Glücklicherweise hatte sie mich weder gesehen noch gehört und entfernte sich langsam, nachdem ihre Arbeit beendet war. Als ich sie im Hofe und im nahen Waschhause angekommen glaubte, verließ ich rasch meinen Winkel, betrat, behutsam und geräuschlos auf den Strümpfen schleichend wie ein Dieb, die Treppe, öffnete leise die Thür und kam unbemerkt bis auf den Ausgang zu ebener Erde. Ich zog meine Fußbekleidung eiligst an, trat hinaus und fand hier im Thorgewölbe mehrere Soldaten, die mich natürlich für einen Gerichtsbeamten ansahen. Ich bemerkte, daß ich nach der Stadt gehen wolle, und ein Soldat trat in die Wachtstube, um mein Begehren seinem Officiere zu melden und mir öffnen zu lassen. An diesem Tage hatte eine Abtheilung eines aus Altbaiern recrutirten Jägerbataillons die Wache bezogen, welches erst seit wenigen Wochen in der Rheinprovinz garnisonirte. Die Soldaten kannten unsere pfälzischen Gesichter nicht, und glücklicherweise war zu dieser Stunde, nachdem das innere Thor im Hauptgebäude geschlossen und alle Gefangenen in ihre Säle und Zellen internirt waren, kein dienstthuender Beschließer anwesend, der mich trotz meiner Vermummung hätte erkennen können. Alle Angestellten waren bei der anbrechenden Nacht im Hauptgebäude postirt und die Controle der äußeren Passage der Militärwache übergeben.

Ein bärtiger Oberjäger erschien alsbald mit den Schlüsseln, öffnete mir nach militärischem Gruße das massive äußere Thor und wünschte dem Herrn Landrichter eine „g’ruhsame Nacht“.

Man erzählte sich in der Pfalz, daß ich dem Unterofficier bemerkt hätte: „Geben Sie nur recht Acht und halten Sie ein wachsames Auge. Es sind sehr gefährliche Leute hier im Hause.“ Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich gestehen, daß man mir fälschlich diesen schlechten Witz untergelegt hat. Ich war stets ein jovialer Bursche – allein in einem solchen ernsten Momente denkt man wahrlich nicht an’s Scherzen!

Ich war draußen. Das gewaltige, massive Thor schloß sich hinter mir. Mit vollem Athem schöpfte ich frische, freie Luft und ging, um jedes Aufsehen zu vermeiden, langsam an der äußeren Schildwache vorüber der Stadt zu. Hier nun sah ich beim Lichte der Gascandelaber, welche die Ringmauer umleuchten, zehn Schritte vor mir den Sohn des Verwalters gegen mich herankommen, der eben vom Sande, einem Belustigungsorte bei Zweibrücken, nach Hause zurückwandelte. Der junge Klühenspieß war Secretair auf der Kanzlei des Generalstaatsprocurators und kannte mich persönlich ganz genau. Doch er war kurzsichtig und das Dämmerlicht begünstigte mich. Uebrigens hielt ich es doch für rathsam, nach der anderen Seite der Straße auszubiegen und langsam weiter zu gehen. Er schaute mir nach, ging zum Thore und frug, wer eben hinausgegangen wäre. Man sagte ihm, es sei ein Gerichtsbeamier gewesen, was ihm sonderbar vorkam, da die vorbeihuschende Erscheinung ihm eine fremde dünkte und er alle fungirenden Beamten genau kannte. Glücklicherweise glaubte er sich geirrt zu haben und bemerkte erst später den sonderbaren Umstand seinem Vater.

Unterdessen hatte ich Zeit gewonnen. Einmal aus dem Bereiche der Schußwaffe der Schildwache und von der Dunkelheit begünstigt, lenkte ich nun zur linken Hand ein, verließ die Straße und trabte querfeldein über Aecker und Wiesen der Grenze zu. Ich war damals ein kräftiger junger Mann und trotz der Erdschollen, die klumpenweise an den Stiefeln hingen, lief ich unaufhaltsam mehr als eine Stunde Weges. Die moralische Energie verdoppelt stets die physischen Kräfte. Die Gegend war mir [794] völlig unbekannt. Ein dunkler Novemberabend hemmte oft durch nicht gesehene Steinblöcke oder Gräben in diesem Hügelland den gymnastischen Lauf. Ich kannte jedoch durch einen mit der Topographie des Landes vertrauten Mitgefangenen die Richtung genau, welche ich einzuschlagen hatte, um sobald als möglich mit Umgehung der Landstraße und des militärisch besetzten Städtchens Hornbach das französische Gebiet zu erreichen. Die Nacht war völlig eingebrochen. Ohne Compaß eilte ich rüstig weiter und verlor nicht die bezeichnete Richtung. Bei einem Hofgute, in dessen Nähe ich gelangte, verfolgten instinctmäßig den Laufenden zwei Hunde mit weithin tönendem Gebelle. Durch ruhiges Gehen und Anrufen brachte ich dieselben mit Mühe zur Ruhe. Ich mußte jedes Aufsehen vermeiden, da ich wußte, daß an der Grenze die Gensd’armerieposten und die Zollwächter eine unangenehme Begegnung geworden wären. Endlich erreichte ich ein Grenzdorf.

Im Vertrauen auf das gute Glück, das mich bisher geleitet hatte, und für den Nothfall im Besitze einer Waffe, die ich getrost unter dem verhüllenden Oberrocke mit einem Händedrucke als treuen Freund bei widrigem Geschicke begrüßte, wagte ich mich entschlossen in eine schmutzige Gasse, die durch die spärlichen Strahlen erleuchtet wurde, welche die Oellampen der feiernden oder ihr Abendbrod nehmenden Landleute auf meinen Pfad ergossen. Bald entdeckte ich in einem Eckhäuschen eine Schenke. Man stieg eine kleine Treppe hinauf, um in das erhöhte Erdgeschoß einzutreten. Ich untersuchte durch das erhellte Fenster die Gaststube, und da ich keine Uniformen gewahrte, trat ich ein. Der Wirthin erzählte ich, daß ich ein Handelsmann aus dem benachbarten französischen Städtchen Bitsch wäre, von Zweibrücken komme und mich verirrt habe. Ich bat sie, mir einen jungen Burschen mitzugeben, der mich über die Grenze und auf den rechten Weg nach Hause geleiten könne. Dies geschah, und nachdem ich stehend mit einem Glas Weine mich erfrischt hatte, zogen wir von dannen. Bald hatte ich dem Burschen mitgetheilt, daß ich etwas Contrebande unter den Kleidungsstücken verborgen trage und deshalb unbemerkt über die Grenze zu kommen wünsche. Mein Führer, ermuthigt durch die Zusage eines anständigen Trinkgeldes, führte mich nun wieder querfeldein und legte von Zeit zu Zeit sein Ohr auf die Erde, um etwa in der Nähe streifende Militärpatrouillen oder Zollwächter und Grenzgensd’armen rechtzeitig zu erlauschen. Im Cantone Hornbach bestand damals noch der Kriegszustand in allem für mich und meine Situation drohenden Umfange. Bald gelangten wir in ein Wiesenthal, und zehn Minuten später überschritten wir unangefochten den Grenzbach.

Inzwischen hatte man, wie ich später erfuhr, meine Abwesenheit im Gefängnisse entdeckt. Darob ein großer Lärm im ganzen Hause und Aufregung unter den Angestellten, da es sich um die Entweichung eines der am meisten gravirten politischen Gefangenen handelte. Man machte schleunigst Anzeige auf dem Parquet der königlichen General-Staatsbehörde. Die Bureaus waren bereits geschlossen und eine Soirée hatte die ersten Beamten und Honoratioren der Stadt in den Salons des Generalstaatsprocurators versammelt, darunter mehrere meiner Verwandten und Freunde. Die Geschichte bildete sogleich den Gegenstand der Unterhaltung; man freute sich trotz der Uniform, die man trug, ob des Gelingens und lachte und scherzte über den Vorfall. Nur ein gewisser Herr soll sich sehr ungehalten geäußert haben und sogleich nach dem Gefängnisse in seiner generaladvocatorischen Dienstbeflissenheit geeilt sein. Der alte Klühenspieß, ein braver thätiger Gefängnißverwalter, war außer sich. Er war ein Soldat aus der alten tüchtigen Schule des pfälzischen Generals von Horn, unter dessen Befehlen er den Feldzug in Griechenland mitgemacht hatte. Bis jetzt war eine Entweichung noch nicht vorgekommen und ich füge bei, auch nicht später, da ich der Einzige war, dem es gelang, Klühenspieß’s Argusauge zu täuschen. Die alte strenge Soldatenehre war verletzt, der Amtspflicht und dem Befehle seiner Vorgesetzten, gute Hut zu halten, war er, wie es schien, nicht nachgekommen. In einem wahren Paroxysmus lief er mit ein Paar Pistolen in der Hand, alle Donnerwetter fluchend, im weitläufigen Gebäude herum und suchte, suchte – fand aber nichts. Der lose Vogel war seinem festen Bauer unbegreiflicher Weise entflogen. Ihm hatte sich bald der Generaladvocat beigesellt, der, wie man mir aus dem Gefängnisse nach Saargemünd schrieb, höchst eigenhändig in den verborgenen Winkeln und in den Betten umhergriff und höchst eigenäugig unter die Bettstellen lugte, indem er die erhitzten Worte ausstieß: „Er kann nicht fort sein, er ist sicher irgendwo versteckt!“ – Relata refero. Hoffentlich benahm sich Herr Sch. anständiger und in mehr seiner Amtswürde entsprechender Weise. Doch der Mensch – und ein Substitut des Generalstaatsanwaltes ist immer noch ein Mensch – ist oft ein Spielball der Leidenschaft und überlegt im Momente des Affectes nicht, was sich gebührt.

Meine Freunde, die Kenntniß der Entweichung hatten, schwiegen trotz der mit Drohungen und Derbheiten begleiteten Fragen des gestrengen Herrn. Der Commandant der Militärwache erklärte, daß Niemand habe entfliehn können etc. Kurzweg, die Sache war unerklärlich, und doch war der Gefangene verschwunden, aus der unheimlichen Citadelle hinweggezaubert oder escamotirt, wie durch Bosco’s Meisterhand.

Man suchte mich vergeblich im Gefangenenhause, sodann in der Stadt und Umgegend. Man beorderte die Grenzwachen und die gesammte Gensd’armerie und alle Polizeibehörden zur eifrigsten Vigilanz. Alles umsonst!

Zwei Tage darauf löste ein Schreiben, das an den Generalstaatsprocurator aus Frankreich adressirt war, das Räthsel und enthüllte das Mysterium. Ich zeigte meine glückliche Ankunft auf freier Erde an und bat um Zusendung eines Briefes, den ich von einem befreundeten Kammermitgliede aus München erwartete, welcher Bitte man auch entsprach. Ich fügte bei, daß die Angestellten sich keiner Nachlässigkeit schuldig gemacht und daß ich blos das Militär getäuscht hätte. Nach der am Rhein gültigen französischen Gesetzgebung bestehen ziemlich harte Strafen gegen die Inspectoren und Beschließer eines Gefängnisses, wenn durch ihr Verschulden eine Entweichung gelingt. Ich mußte die factische Aufklärung im Interesse der Wahrheit und zu Gunsten des alten braven Klühenspieß ertheilen.

Wie ich vernahm, erhielt die ganze Wachmannschaft von Oben bis Unten eine gehörige Strafe. Nun, sie war vielleicht wohl verdient, da die Herren so gütig waren, mich für einen königlichen Untersuchungsbeamten anzusehen. Diese Arreststrafe der guten, leichtgläubigen Jäger nahm ich denn getrost auf mein Gewissen und setze hinzu, daß diese Last mich bis heute noch wenig gedrückt hat.

Leider wurde fortan die Aufsicht im Gefängnisse eine sehr strenge und die armen Freunde hatten einige Wochen die Quälereien, welche der überstrenge Generaladvocat Sch. anbefahl, zu erdulden. Doch bald ging Alles wieder im alten Gleise. –

Die französische Erde, der vom Kaiser und Reich abgetrennte Boden des alten deutschen Lothringens, bot dem Flüchtlinge ein rettendes Asyl. Mit welchen Gefühlen ich nun am Ziele meines glücklich vollführten Fluchtabenteuers das fremde Land begrüßte, will ich hier nicht schildern! Freudige und wehmüthige Saiten erklangen zusammen: das eigne Glück, die Freiheit gewonnen zu haben, der tröstende Gedanke an die sich mitfreuende theure Familie, auf der andern Seite der Schmerz bei der Erinnerung an die Freunde, welche noch der Kerker in seinen finstern Räumen barg, und die Ungewißheit einer neuen Lebensperiode, das Dunkel der Zukunft mit einer in der kalten Fremde fern vom geliebten Vaterlande neu zu schaffenden Existenz! –




  1. „Ich löse einige Blätter aus meinem Tagebuche los,“ schrieb uns der Verfasser der obenstehenden Skizze, Hans Holmbach, „das ich während eines vierzehnjährigen Exils geschrieben habe, und sende Ihnen heute zunächst die Schilderung von Carl Witt’s merkwürdigem Entkommen aus Zweibrücken, die ich nach dessen mir in Nancy übergebenen Notizen zusammengestellt habe. Die Gartenlaube, die immer ein so warmes Interesse an den Schicksalen der um der Freiheit willen leidenden Söhne des deutschen Vaterlandes genommen hat, wird diesen Mittheilungen sicher ihre Spalten nicht verschließen.“
    Die Redaction.
  2. Diese Hoffnungen erhielten leider im Gefolge der Zeit nur eine theilweise, beziehungsweise späte und verkümmerte Erfüllung.
  3. Schade, daß die Orthographie dieses Namens nicht Glühenspieß lautete. Ein anderer iminöser Name war der eines der Beschließer oder Géoliers. Er hieß Praxmeier.