Aus dem Tagebuche eines hypochondrischen Laien

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Titel: Aus dem Tagebuche eines hypochondrischen Laien
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Artikel aus zwei aufeinanderfolgenden Jahrgängen (1865 und 1866)
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[458]
Aus dem Tagebuche eines hypochondrischen Laien.
I.

Die Gartenlaube, diese Hausfreundin aller Stände und Lehrerin in allen Fächern, hat, in anerkennungswerther Fürsorge für Leib und Geist ihrer Leser, so oft schon Medicinisches und Diätetisches in ihren Spalten gebracht, daß sie auch die Erfahrung eines Laien zur Heilung eines Uebels nicht verschmähen wird, das von Aerzten, als lediglich solchen, selten richtig beurtheilt und darum selten auch geheilt wird; – ich meine das sehr verbreitete, in seinen Folgen so gefährliche und doch so wenig gewürdigte Uebel der Hypochondrie.

Ja, die Hypochondrie ist eine Krankheit, nicht eine eingebildete, wofür sie selbst von Aerzten oft irrthümlich erkannt wird, sondern eine wirkliche, eine meist traurig wirkliche.

Während aber die meisten andern Kranken einer dreifachen Wohlthat genießen: des ärztlichen Beistandes, einer rücksichtsvollen Behandlung und Pflege und der Wahrnehmung aufrichtigen Mitleids, theilt der an Schwermuth Leidende meist keine dieser Wohlthaten: er sucht ärztlichen Rath nicht, weil er sein Leiden nicht für ein körperliches hält; es wird nicht die nöthige Rücksicht auf seinen Zustand genommen, weil die Nothwendigkeit solcher Rücksicht nicht klar genug erkannt wird; er genießt endlich auch der wohlthuenden Theilnahme nicht, weil sich sein Schmerz nicht sichtbar genug äußert, weil Niemand die Größe desselben auch nur entfernt ahnt, – weil der an Schwermuth Leidende nicht, wie andere Kranke, jammert und stöhnt, über seinen Zustand mehr verschlossen als mittheilsam ist.

Und wie die Hypochondrie eine Krankheit ist, so giebt es für diese Krankheit auch Heilmittel, die in Nachstehendem mitgetheilt werden sollen, nachdem zuvor die Begriffsbestimmung der Hypochondrie festgestellt, die Quellen derselben aufgesucht und die Folgen gezeigt sein werden.


Wie der Arzt einen Kranken nicht mit gutem Erfolg zu behandeln vermag, wenn er nicht die Krankheit, die er verbannen soll, an ihren Merkmalen deutlich erkannt hat, so ist auch keinerlei Selbstheilung möglich, wenn der Leidende sich nicht über seinen Zustand klar ist, wenn er sein Uebel nicht mit dem rechten Namen zu benennen weiß. Die Begriffsbestimmung ist daher auch bei einem Rathgeber gegen Hypochondrie wesentlich, damit man das Eintreten des Krankheit schon an ihren Symptomen erkenne und vorbeuge, oder die Krankheit selbst an ihrem bereits ausgebildeten Charakter und die zweckdienlichsten Heilmittel anwende.

Hypochondrie ist, nach der Ansicht eines hypochondrischen Laien, derjenige Zustand eines Menschen, in welchem die Thätigkeit des Nervensystems in den Unterleibsorganen, bald durch äußere Veranlassung, bald ohne dieselbe, herabgestimmt, dagegen dieselbe Thätigkeit nach andern Richtungen hin erhöht wird, wodurch daher das an diesem Uebel leidende Individuum empfindlicher und reizbarer ist, als es vor diesem Zustande zu sein pflegte, so daß das Bewußtsein, welches der Hypochondrist von äußeren oder von inneren Eindrücken erhält, meistens ein krankhaft gesteigertes ist.

Nur durch den Grad und die Dauer des Uebels unterscheidet sich die Hypochondrie von der Melancholie; denn auch unter dieser verstehen Psychologen eine vorherrschende Neigung zur Traurigkeit bei vollkommenem Bewußtsein und ohne wirkliche Störung der Geistesthätigkeiten, oder diejenige Art des gestörten Gefühlsvermögens, welche in einem fortwährenden Festhalten irgend einer trüben Idee besteht, wobei sich die Geistesthätigkeiten von der Außenwelt meistens ab und fast ausschließlich auf eben diese Idee richten.

Beide Uebel gleichen sich also darin, daß derjenige, welcher daran leidet, durch seine innere Beschaffenheit geneigt ist, immer irgend Etwas zu fürchten, während sie sich dadurch unterscheiden, daß der Hypochondrist zeitweilig durch vernünftige Vorstellungen seine trübe Idee fahren läßt, ja selbst, ohne daß seine Lage und seine Verhältnisse sich irgendwie günstiger gestaltet hätten, durch einen oft nur höchst geringfügigen äußeren Umstand zur ausgelassensten Heiterkeit sich gestimmt fühlt, bei dem hingegen, welcher an Melancholie leidet, nichts den von falschen Grundbegriffen entspringenden Ideengang, der sich immer innerhalb eines angenommenen Kreises bewegt, zu hemmen im Stande ist. Schwermuth also haben beide Zustände gemein, nur steigert sich derselbe bei der Melancholie zu einem steten, starken Trübsinn. Der Weg der Hypochondrie führt zur Melancholie, nicht umgekehrt.

Die Hypochondrie hat entweder einen physischen oder einen psychischen Grund.

[459]
1. Der physische Grund der Hypochondrie.

Nur in einem ganz gesunden Körper kann ein ganz gesunder Geist wohnen, und da die Gemüthsstimmung eine Wirkung des Geistes ist, so muß diese natürlich auch durch den Zustand des Körpers bedingt sein. Aeußerst selten gewiß sind die Fälle, daß Menschen sich bei dem schmerzhaftesten Körperzustande gleichwohl ihr heiteres Gemüth bewahren. Nicht Jeder hat die starke Willenskraft, sein körperliches Uebel, wie es Hufeland als Mittel gegen Hypochondrie angiebt, zu objectiviren, es von seinem wahren Ich zu trennen und zum Gegenstand der Außenwelt zu machen. Wie Körper und Geist wunderbar mit einander verknüpft sind, so ist auch der gegenseitige Einfluß beider nicht völlig und nicht leicht aufzuheben, und bei der großen Mehrzahl der Menschen wird daher immer mit einem körperlichen Leiden zugleich eine geistige oder gemüthliche Verstimmung, ein größerer oder geringerer Grad von Schwermuth verbunden sein.

Dieser Art von Schwermuth sind alle Menschen unterworfen, wie alle den Krankheiten unterworfen sind. Es ist nicht der leibliche Schmerz allein, der da die geistige Verstimmung erzeugt, sondern in Verbindung mit demselben die inneren Betrachtungen, die ein gestörter Gesundheitszustand erweckt. Der Eine fürchtet ein langwieriges Krankenlager, oder wähnt, sein Zustand sei lebensgefährlich: der Andere überrechnet die Kosten, womit seine Wiederherstellung verknüpft ist, und den Nachtheil, den er bis dahin außerdem noch in seinem Berufe davon hat. Ein Dritter bedauert ungeduldig die Vergnügungen und Genüsse, auf die er verzichten muß, und einen Vierten peinigt die Unthätigkeit, wozu er durch seinen Zustand verurtheilt ist. Kurz, bei Allen gesellt sich zu dem physischen Uebel zugleich ein Gemüthsleiden, welches als Wirkung jedoch mit der Ursache weicht, so daß wir auf diese Quelle der Schwermuth nur später noch einmal vorübergehend zurückzukommen brauchen.

Eine schlimmere Quelle der Schwermuth als wirkliche Krankheit scheint, bei sonst leidlicher Gesundheit, ein krankhafter Zustand des Blutes oder des Unterleibes zu sein. Ist neben dem Nervensystem das Blut auch das thierische Leben, so ist doch nur das nach Maß und Beschaffenheit natürliche Blut das wahre heitere Leben.

Wie man durch gefärbte Augengläser alle Gegenstände in anderer, als ihrer wirklichen Farbe sieht, so erscheinen dem Menschen auch bei dickem Blute die eigenen Verhältnisse und Erlebnisse anders, und zwar immer trüber, ernster und trauriger, als sie in der Wirklichkeit sind und bei gesundem Blute erscheinen würden. Der erschwerte Lauf des Lebensstoffes, sofern er dick und schlammig,[1] und die übermäßig starke Strömung desselben nach dem Gehirn, sofern er bis zum Austreten angeschwollen ist, erzeugen denjenigen Gemüthszustand, welcher die eigentliche Hypochondrie ausmacht. Der ganze geistige und gemüthliche Gesichtskreis bei einem Blute von solcher Beschaffenheit gleicht einer Gegend, die, mit Ausnahme der Unterbrechungen, welche das starke Mittagslicht bewirkt, stets in dickem Nebel ruht. Wessen Blut dergestalt beschaffen ist, der sieht in der unbedeutendsten Krankheit, die ihn befällt, gleich die Parze nahen, welche seinen Lebensfaden abschneiden will, fürchtet bei andauernder Nässe oder Trockenheit alsbald Hungersnoth, erkennt in jedem neuen Concurrenten sofort den Untergang seines Gewerbes, lebt niemals in zuversichtlicher Hoffnung, ahnt und fürchtet aber stets bevorstehenden Schaden und Unglück.

Und wie das Blut das Leben genannt wird, so hat man treffend den Magen mit einem Regenten verglichen: Magen und Blut wenigstens theilen sich in die Regierung des ganzen Menschen. Ein gesunder Unterleib offenbart sich nicht blos thierisch heilsam, so daß der Körper gedeiht, nein, sein Wirkungskreis erstreckt sich bis zum Lebens-Aequator, dem Herzen, und äußert sich in einem gesunden Fühlen und Empfinden, ja bis zum äußersten Lebenspol, dem Gehirn, und bekundet sein Dasein durch ein gesundes Denken und Urtheilen. Und ein schwacher Unterleib sollte nicht eine physische Quelle der Schwermuth sein? Wie ganz anders fühlt sich selbst der völlig gesunde Mensch, bevor nach der Mahlzeit das Verdauungsgeschäft vollendet ist, als in den Morgenstunden, wenn der Leib noch nicht von Speisen belästigt war! Wie ganz anders ist da seine Stimmung, wie ganz anders sieht er da die Dinge an, wie ganz anders zeigt er sich da im Umgang und Verhalten, nicht blos gegen seine Umgebung, sondern selbst gegen Fremde! Bei dem Unterleibsschwachen tritt dieser Unterschied noch sichtbarer hervor. Die Mittagsmahlzeit, wenn sie nicht höchst mäßig gewesen und aus den leichtesten Speisen bestanden hat, macht ihn oft für den ganzen Nachmittag zu jeder Arbeit unfähig, beraubt ihn mindestens aller Lust zu derselben. Der Leib ist zu aufgebläht, der Kopf, vom Magen aus, zu sehr umdunstet, als daß ein solcher Mensch sich körperlich oder geistig leicht bewegen könnte. Die Augen können dem Schlummer nicht widerstehen, der Mittagsschlaf erschwert die Verdauung und vermehrt die Verstimmung. Die Abendmahlzeit hat keine günstigern Folgen. Wenn der Unterleibsschwache sich nicht die größten Entsagungen auflegt und die vorsichtigste Mäßigkeit beobachtet, so muß er durch Schlaflosigkeit seinen Genuß büßen, oder sein Schlaf ist um so unterbrochener und durch schwere, lebhafte Träume so gestört, daß er weder erquickt, noch stärkt und oft für den ganzen nachfolgenden Vormittag eine Erschlaffung und Verstimmung zurückläßt. Wer dergestalt leidet, ist mit seinem Geschick, mit seinem Beruf, mit seiner Umgebung, mit sich selbst und seinem Thun unzufrieden, schreibt seinen Trübsinn aber selten der natürlichen Ursache zu, läßt sie kaum für eine Mitursache gelten oder vergißt dies eben so oft, wie er von Andern darauf geführt wird, würde sein Leiden aber unter allen Verhältnissen äußeren Dingen beimessen, die mindestens nicht die einzige oder Hauptquelle wären.

2. Der psychische Grund der Hypochondrie.

Wäre der Mensch ganz Thier, so würde bei ihm mit einem gesunden Körper stets auch ein gesunder, heiterer Sinn verbunden sein.[2] Er ist aber nur zur Hälfte Thier, er ist durch seinen Geist ein höheres Wesen, und sein innerer Zustand ist daher das Abstimmungs-Resultat zweier Kammern: eines Hauses der Gemeinen, wo die Körpertheile, und eines Oberhauses, wo Herz und Geist und menschengesellschaftliche Verhältnisse Sitz und Stimme haben.

Als willensfreiem Wesen ist es dem Menschen unbenommen, seine Leidenschaft, wenn auch zum Unglücke Anderer, zu befriedigen, seinen Begierden wenn auch auf Kosten seiner Mitmenschen, zu fröhnen. Sein innerer Frieden geht aber mit diesem Mißbrauch der Willensfreiheit verloren: eine Schwermuth, die sich durch geräuschvolle Lust momentan wohl überschreien, durch kein irdisches Mittel aber für immer wegschaffen läßt, macht sich in vollem Maße für den beleidigten Geist bezahlt. Kein Verbrecher, kein Sünder gegen diejenigen Moralgesetze, welche von der gesunden Vernunft eines jeden Menschen anerkannt werden, er stehe noch so hoch, er genieße des vollkommensten körperlichen Wohlseins, er lebe in den erwünschtesten äußern Verhältnissen, erfreut sich des beseligenden Gemüthszustandes, welcher von der Unschuld unzertrennlich ist. Das strafende Gewissen sucht ihn, wie absichtlich er sich auch verstecken mag, mit Schwermuth heim, wenn nicht immer, doch oft, wenn nicht sichtbar vor aller Welt, doch in Stunden der Zurückgezogenheit und auf nächtlichem Lager, je mehr durch Verstellungskunst vom Aeußern fern gehalten, desto tobender und peinigender im Innern.

Man täuscht sich indeß, wenn man glaubt, daß nur schwere Vergehungen und zwar nur solche gegen die Mitmenschen eine Quelle der Schwermuth werden könnten. Je größer der Bildungsgrad bei einem Menschen ist, desto kleiner braucht die Sündenlast bei ihm zu sein, um dieselbe traurige Wirkung zurückzulassen, wie bei dem geistig Rohen oder dem sittlich Entarteten solche Thaten, vor denen das menschliche Gefühl erbebt. Eine wissentliche kleine Unrechtlichkeit aus Gewinnsucht, eine Verletzung der Wahrheit durch den Drang unvorhergesehener Umstände, eine Ehrenkränkung aus Unbesonnenheit oder Uebermuth, auch solche und ähnliche Vergehungen haben für den zarter fühlenden und gebildeten Menschen, wenn auch nicht wirklichen dauernden Trübsinn, doch eine kleinere Schwester desselben – Mißstimmung zur Folge.

Und nicht blos äußert sich solche Verstimmung bei Vergehungen gegen die Mitmenschen, sondern auch bei Pflichtversäumnissen gegen [460] sich selbst. Wer aus Trägheit seinen Beruf vernachlässigt hat und seine Vermögensumstände nun rückwärts gehen sieht; wer seine geistige Ausbildung verabsäumt und sich nun in der Berührung mit Menschen gleichen Standes und Alters unwissend erkennt; wer endlich ein unsittliches Leben geführt und sich dadurch um Ehre und guten Ruf gebracht hat: alle Diese und Andere, welche an selbstverschuldeten Uebeln leiden, fühlen sich für diese Verabsäumung der Selbstpflichten nicht minder durch Trübsinn, oder Mißstimmung bestraft, als die, welche sich mit Schuld gegen ihre Mitmenschen befleckt haben.

Hat endlich aber die Mißstimmung oder, in gesteigertem Grade, die Schwermuth keinen körperlichen Grund, so daß sie auf falschen Anschauungen und in Folge dessen auf eingebildeten Uebeln beruhen könnte, und ist sie ferner auch nicht in moralischen Gebrechen der angedeuteten oder ähnlicher Art begründet, so ist die Quelle sicher nur in einer Unzufriedenheit mit äußern Verhältnissen zu suchen.

Seitdem die Menschheit sich durch Cultur von ihrem ursprünglichen Naturzustande weit entfernt hat, ist die Zahl der Lebensbedürfnisse zu einer solchen Höhe gestiegen, daß selten Fleiß und Umsicht ausreichen, dieselben allseitig beschaffen zu können. Daneben wird zugleich, vermöge eben dieser Entfernung vom Naturzustande, dem materiellen Besitze ein so hoher Werth in der menschlichen Gesellschaft beigemessen, daß die besitzreiche Classe zugleich die einflußreichste, die regierende ist. Zu dieser Classe zu gehören, ist daher begreiflich das Streben der meisten Menschen, und in der vergeblichen Anstrengung dieses Ziel zu erreichen, oder in dem Bewußtsein, nur scheinbar zu jener beneideten Classe zu zählen, liegt der Grund, weshalb so Viele mit ihren äußern Verhältnissen unzufrieden und in ihrem Innern daher nicht heiterer Stimmung sind. Wenn die natürlichen Kräfte zum Emporkommen nicht ausreichen, wird zu künstlichen Mitteln die Zuflucht genommen; der Schein, das Schattenbild des Ziels, wird dadurch erreicht: der Emporstrebende wird für einen Emporgekommenen gehalten, obschon der Arme unter der Last, welche ihn innerlich drückt, schier zu Boden gezogen wird. Und auf dieser künstlichen Höhe sollte noch so viel Lebenslust sein, daß das Athmen nicht bis zur Unerträglichreit erschwert würde? Neunzig von je hundert unter den beneideten Reichen gehören zu diesen Scheinglücklichen, die von einem günstigen Zufall Rettung hoffen, oder den Einsturz ihres künstlichen, fundamentlosen Gebäudes täglich erwarten müssen, und die daher, wenn auch äußerlich oft bis zum Uebermuth heiter, innerlich stets niedergeschlagen und in der trübsten Stimmung sind.

Und wie Manche so ihren Blick nach den höhern Sphären des Handelsstandes erheben, wo sie vorzugsweise zu dem begehrten materiellen Besitze zu gelangen hoffen, so gelüsten Andere wieder nach dem Stande der Angestellten, um dadurch zu Glanz und Einfluß zu gelangen. Die Ehren und das gesicherte Auskommen, welche mit diesem Stande verbunden sind, sehen aus der Ferne zu lockend aus, als daß sie nicht Manche, die sich für ein Handwerk zu hoch dünken und in dem Handelsberuf, bei ihrer Mittellosigkeit, doch ein zu fern liegendes, zweifelhaftes Ziel erblicken, mächtig anziehen sollten. Ohne Rücksicht auf die nöthige Qualification dazu, stellen Eltern so ihre Söhne auf ein Feld, das der sorgfältigsten Bebauung bedarf, wenn die Ernte allseitig eine befriedigende werden soll. Bei Mangel an natürlicher Anlage und bei ungenügendem Fleiß wird dann oft nur nothdürftig die Befähigung erlangt, die zu dem gewünschten Ziele führt. Das sichere Brod wird endlich gewonnen, aber da die Erfüllung der Berufspflichten nun beängstigend schwer wird und da die Leistungen daher auch hinter den Erwartungen zurückbleiben müssen, so bleibt die Ehre ein unerreichtes Ziel. Ein Vergleich mit Andern, mit begabten Berufsgenossen, führt zur Selbstprüfung und zur Selbsterkenntniß, und wer weder Andere, noch sich selbst befriedigt, verliert die Kraft zu seinem Berufswerk, arbeitet mit Verwirrung und Zerstreutheit, vernachlässigt immer mehr, was ihm doch nicht gelingen will, und geht so seiner inneren Zufriedenheit und heitern Stimmung verlustig, weil sein gewählter Beruf ein verfehlter ist.

Zu den äußeren Verhältnissen, wodurch die Gemüthsstimmung mit bedingt wird, gehört endlich und vorzüglich auch noch das Familienleben.

Aus einem Kreise, den die Natur gebildet, aus dem Bande einer mächtigen Liebe, die sich instinctmäßig erzeugt, tritt der Mensch in ein freiwilliges, neues Band: das eine Geschlecht wählt sich aus dem andern einen Gefährten für das ganze Leben. Beide Theile hoffen durch ihre Vereinigung ihr Glück zu begründen oder zu vollenden. Dazu ist Uebereinstimmung in gemüthlicher und geistiger Beziehung unerläßliche Bedingung. Nicht selten wird aber die Wahl, statt von der Vernunft, von dem Trieb der Sinne oder von äußeren Dingen und Verhältnissen geleitet. Nicht selten auch ist elterlicher Zwang, in vermeintlich wohlbegründeter Fürsorge, an die Stelle der eigenen, auf vernünftiger, höherer Zuneigung gegründeten Wahl getreten. Anmuth und Schönheit haben das äußere Auge geblendet, so daß das innere dadurch seine klare Sehkraft verloren; Familienansehen hat Ehre und Vortheil verheißen, gegen welche alles Andere übersehen wurde; Geld und Gut sollten die engen Räume des Hauses erweitern und das Leben gemächlicher und angenehmer machen; kurz, ein solcher oder ein ähnlicher Nebenzweck hat sich mit dem Hauptzweck vereinigen sollen und ist statt dessen bestimmend und entscheidend in den Vordergrund getreten. Diese Nebenzwecke werden nun oft auch erreicht, aber die Befriedigung eines erlangten bleibt nicht lange die eines zweifelhaft ersehnten Besitzthums. Die Gewohnheit stumpft den Reiz ab und drückt den Werth äußerer Güter eben so tief unter das wahre Maß herab, wie sehnsuchtsvolles Verlangen danach ihn früher hoch über dasselbe setzte. So werden nach dem Genuß der reizenden Frucht die geblendeten Augen geöffnet, die unerläßlichen Bedingungen häuslichen Glückes, innerer Werth und möglichste Uebereinstimmung, werden vermißt oder nicht befriedigend gefunden, unausbleibliche Zerwürfnisse trennen die äußerlich Vereinigten, der Gatte wie die Gattin verlieren die bewegende Federkraft für ihren Beruf, das Wesentlichste des ehelichen Bundes, die gemeinschaftliche Erziehung, kann nicht gelingen, die Kinder erwachsen unter dem steten Hader ihrer Erzeuger, sie neigen sich auf die Seite des milderen Theiles, der darum für sie nicht immer der wahrhaft bessere ist, sie verlieren die Ehrfurcht vor Beiden, machen sich überfrüh selbständig und vermehren durch allerlei Fehltritte den häuslichen Kummer. So schwindet zusehends das eheliche Glück. Beide Gatten, wenn auch nur einer derselben die Schuld tragen sollte, sehen sich bald aus ihrem geträumten Paradiese vertrieben, das zweischneidige Schwert des Haders und die mißrathenen Cherubim, ihre Kinder, versperren ihnen vereinigt den Wiedereintritt, und kein irdisches Gut vermag den Spiegel des Gemüthes klar zu machen, den gegenseitige Abneigung immer auf’s Neue über und über anhaucht.

Hiermit würden die Hauptquellen der Hypochondrie gefunden sein. Einleuchtend ist es übrigens, daß diese Quellen nicht streng gesondert bleiben, sondern daß meistens mehrere sich vereinigen und einen mächtigen Strom bilden, welcher die trübe Farbe mit ihnen gemein hat und sich nur durch seine Tiefe von ihnen unterscheidet.



[126]
II.
3. Die Folgen der Hypochondrie.


Der geneigte Leser, wenn er sich in den im ersten Abschnitte unsers Artikels angeführten Quellen gespiegelt und, in einer oder einigen derselben das Bild seines Gemüthszustands erkannt hat, dürfte zunächst nun die Angabe der Mittel erwarten, die er anzuwenden habe, um schnell und sicher von seinem erkannten Uebel zu genesen. Der Verfasser glaubte aber, wohlmeinend, einen Abschnitt über die Folgen voranschicken zu müssen, um durch das abschreckende Bild derselben den Leidenden für die Anwendung der Mittel ernstlicher geneigt und für die Wirkung leichter empfänglich zu machen.

Erste Folge. Die Hypochondrie, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, zerstört selbst eine eiserne Gesundheit: – Das Thier bedarf, um zu gedeihen, nur guter und genügender Nahrung, der Mensch neben dieser auch Heiterkeit des Gemüths. Ja, durch diese erhält schmale, ärmliche Kost einen solchen Kraftzusatz, daß man den heitern Armen oft in strotzender Gesundheit sieht, während der Begüterte durch seine Hypochondrie hinwelkt. Ist die körperliche Beschaffenheit auch eine befriedigende, so ist doch immer ein günstiges Verhältniß zwischen den consumirten und den wieder neu zufließenden Kräften erforderlich, wenn der Lebenssaft nicht abnehmen und der Körper zerstört werden soll. Durch die fortwährende Verstimmung des Gemüths geht aber nicht nur der Genuß gänzlich verloren, den die Nahrung gewähren muß, wenn sie wahrhaft gedeihlich wirken soll, sondern die zur Verdauung nöthige körperliche Ruhe ist zugleich auch keine vollkommene, wenn sie nicht durch Gemüthsruhe unterstützt wird. Das fortwährend beschäftigte Denkvermögen entzieht den Verdauungswerkzeugen die nöthigen Kräfte und zerstört den Körper des Hypochondristen noch sicherer und schneller, als den des arbeitenden Denkers, der sich in freudiger Thätigkeit keine Erholung vergönnt. Mangelt dem Gemüthskranken daneben auch noch gar die gesunde Nahrung, so geht er um so schneller seinem Ende entgegen, als er meistens auch der gesunden, belebenden Luft entbehrt, indem er, menschenscheu, sich im Hause eine freiwillige Gefangenschaft auflegt. Hat die Hypochondrie aber gar einen körperlichen Grund, so muß die Ursache, das leibliche Uebel, immer mit der Wirkung, der Hypochondrie zunehmen, so muß der Leib immer siecher werden, so ist Lebensverkürzung unausbleiblich; denn an dem Wahne des Hypochondristen bewährt sich das Dichterwort:

„Er bringt die Mutter um, die ihn gezeugt.“[3]

Zweite Folge. Die Hypochondrie, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, macht für jeden Beruf unfähig und bringt also auch materiellen Nachtheil. – Der günstige Erfolg einer jeden Berufsthätigkeit liegt in den drei Haupt-Factoren: Sachkenntniß, Fleiß und Berufsfreudigkeit. Keiner von diesen ist entbehrlich; die Hauptzauberkraft jedoch liegt in der Freudigkeit. Ohne Freudigkeit ist wahrhafter Fleiß undenkbar und Sachkenntniß ein einrostendes Werkzeug. Wie dem Schwermüthigen aber überhaupt die Freudigkeit fehlt, so fehlt sie ihm auch insbesondere in seiner geschäftlichen Thätigkeit. „Schwermuth ist Krankheit, und Krankheit verabsäumt jeden Dienst, zu welchem Gesundheit verpflichtet ist.“[4]

Gehört der Gemüthskranke dem Handelsstande an, so ergreift er höchstens das noch mit Lust, was großen Gewinn abwirft, und beraubt sich dadurch der großen Summe, die aus vielen kleinen entsteht; so wird ihm die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit schwer, wodurch Kunden gewonnen und gefesselt werden; so entgeht ihm in seiner Schlaffheit mancher Vortheil, den Andere bei innerer Freudigkeit erkennen und benützen. Gehört er einem wissenschaftlichen Stande an, so ist die Schwermuth seinem Berufe ein noch größeres Hinderniß; denn rein geistige Beschäftigung, unausgesetzte und anstrengende, ist, ohne Freudigkeit, mit gutem Erfolg noch weniger möglich. Ohne sie gleicht der Geist einem Uhrwerke, in welchem die bewegende Feder zerbrochen ist: man kann die Zeiger dennoch vorwärts rücken, ein wahres, lebendiges, inneres Weiterschreiten aber ist nicht möglich. Der Erfolg in jedem wissenschaftlichen Berufe also kann, ohne Freudigkeit, nur ein dürftiger sein, und dürftig, wie der Erfolg, ist dann auch der äußere Lohn, der mit den Leistungen, wenn auch nicht allezeit höher, jedenfalls doch immer rückwärts schreitet. Und welcher andern Art noch der Beruf immerhin sein mag, trübe Gemüthsstimmung muß unfähig für denselben machen, und als natürliche Folge „kommt endlich die Armuth, wie ein Wanderer, und der Mangel, wie ein gewappneter Mann.“[5]

[127] Dritte Folge. Trübe Gemüthsstimmung, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, wirkt verstimmend auch auf die Umgebung, und von dieser gesteigert wieder zurück. – Dem härtesten und strengsten Herrscher ist leichter zu genügen, als einem launischen Menschen, dem durch das schwarze Glas der Schwermüthigkeit Alles in anderer Farbe und das Unangenehme in anderer Größe erscheint. Ungerecht und hart wird er gegen seine Untergebenen; denn er rügt und bestraft nicht blos wirkliche, sondern auch eingebildete Vergehungen, und zwar auch die wirklichen nicht nach ihrer wahrhaften, sondern nach ihrer eingebildeten Größe. Halten sie gleichwohl bei ihm aus, so wenden sie doch ihr Herz von ihm ab. Entschädigt er sie für erlittenes Unrecht, so zeigt er sich schwach und verliert an Ehrfurcht. Giebt er das Gefühl der Reue nicht zu erkennen, so drückt ihn die Last bösen Bewußtseins. In beiden Fällen wird die Folge seiner Verstimmung zu einer neuen Ursache derselben, ein Wechsel, der sich so lange wiederholt, bis die Schwermuth den vollendetsten und unglücklichsten Tyrannen gebildet hat.

Und da die Schwermüthigkeit im Zusammentreffen mit dem Frohsinn eine Disharmonie erzeugt, wie Töne zu einem falschen Accorde verbunden, so ist das Loos der nächsten Angehörigen des Hypochondristen nicht günstiger, als das seiner Untergebenen, wenn sie ihrem Temperamente nach von dem leidenden Familienhaupte verschieden sind. Ein heiteres Gesicht, ein munteres Lachen, ein fröhlicher Gesang, kurz jeder Ausdruck innerer Zufriedenheit verletzt den Schwermüthigen, ist ihm eine Verhöhnung seines Zustands, macht ihn bitter und hart selbst gegen die Blutsfreunde, die er liebt, und indem er so am eigenen Fleische nagt, verscheucht er den Frohsinn endlich selbst von des Kindes unbewölkter Stirn und umgiebt sich von allen Seiten mit so düsterm Gewölk, daß ihm kein heiterer Sonnenstrahl mehr daraus hervorbricht.

Vierte Folge. Trübe Gemüthsstimmung, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, läßt kein warmes Interesse an Leid und Freud’ Anderer zu und macht den Menschen daher werthlos für die Welt. – Der Selbstsüchtige schadet der Welt: er will sie für sich ausbeuten, er sieht nur sich als Zweck, alles Andere als Mittel an. Der Wohlwollende ist eine der Säulen, welche die Welt tragen. Wie die majestätische Sonne will er, mit edler Selbstverleugnung, nur Licht und Wärme um sich her verbreiten; nicht aber aus dem Mittelpunkt will er das Ganze beherrschen, sondern als nützliches Theilchen dem großen Ganzen sich anschließen. Der, welcher an trüber Gemüthsstimmung leidet, kann zwischen Beiden nur in der Mitte stehen: er will nicht schaden, kann aber auch nicht nützen. Wenn sein Herz auch das weichste und fühlendste wäre, der Fernblick nach dem, was nur Andere betrifft, das zarte Gefühl für Wonne und Schmerz, welche die Menschheit oder einen Theil derselben, eine Nation, einen Umkreis, einen Ort betreffen: dieser Fernblick und dieses zarte Gefühl, die es dem Menschen möglich machen, für weitere Sphären zu schaffen, die seinen Namen in weite Fernen tragen und von dort selbst ihm Liebe und Ruhm zuführen – diese beiden Erfordernisse des Wohlwollens gehen dem Schwermüthigen ab. Hat er für sein persönliches Wohl kein wahres, warmes Interesse, wie soll er das viel Umfassendere für Gemeinwohl haben? Widrig, nachsichtslos, unfreundlich, wie er gegen Andere ist, fehlen ihm selbst die unentbehrlichsten Eigenschaften zur Geselligkeit. Welchen Werth aber hätte ein Glied, das sich nicht irgendwo einem andern anreiht in der Kette, zu welcher es gehört? Sie schließt sich ohne dasselbe, und das einzelne Glied wird als unbrauchbar von ihr ausgestoßen.

Fünfte Folge. Trübe Gemüthsstimmung, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, setzt den Menschen einer falschen, ungünstigen Beurtheilung aus. – Nur der Allwissende vermag in den Falten des Herzens zu lesen, der Mensch bildet sein Urtheil nach dem, wie die Dinge seinem Auge erscheinen; dem menschlichen Auge erscheint aber Vieles anders, als es in der Wirklichkeit ist. Nach einer zufälligen äußern Aehnlichkeit wirft der Mensch zwei wesentlich verschiedene Dinge wie Gegenstände von gleicher Art zusammen. Bei seiner oberflächlichen Anschauung entgeht ihm, bei gleicher Handlungsweise, die Verschiedenheit der Beweggründe; bei gleichen Wegen schließt er auch auf gleiches Ziel. Wie Gesichter werden daher auch oft Gemüthsarten mit einander verwechselt, und wer darum für sein wahres Selbst gehalten sein will, der enttäuscht seine Beschauer und giebt sich ihnen zu erkennen. Trübe Gemüthsstimmung bindet nun aber dem innern Menschen eine Larve vor, die ihn, bei oberflächlicher Anschauung, mit Andern leicht verwechseln läßt, und zwar so, daß er durch die Verwechselung niemals gewinnt, meistens aber verliert. Sein Trübsinn scheucht ihn von munterer Gesellschaft weg, die Welt aber beschuldigt ihn des Stolzes. Oder er flieht sie zwar nicht, trägt aber wenig oder gar nicht zur allgemeinen Unterhaltung bei und man flüstert sich von ihm zu: „Wie dumm! Wie unwissend!“ Man hält ihn für geizig, weil er sich selten ein Vergnügen gestattet; für ungenügsam, weil man ihm innere Unzufriedenheit anmerkt; für tadelsüchtig und zänkisch, weil Niemand es ihm recht machen kann; für neidisch, weil er sich nicht mit Glücklichen freut, und für herzlos, weil er nicht mit Betrübten weint, ja für lieblos selbst gegen die Seinigen, weil er auch gegen sie fast immer kalt, fast niemals zärtlich ist. Jedes einzelne Urtheil über ihn kann ein falsches sein und ist es auch oft. So lange er sich jedoch nicht in seiner wahren Gestalt zeigen kann, wird er höchstens von seiner nächsten Umgebung erkannt. Er verdient vielleicht die Achtung und Liebe Aller, wird sich derselben aber nicht erfreuen.

Sechste Folge. Die Hypochondrie führt endlich oft zu Lebensüberdruß und endet dadurch bei Vielen mit Selbstmord. – Wenn die Gesundheit eines Menschen zerstört ist, seine Vermögensumstände rückwärts gehen, selbst innerhalb der Familie ihn kein freundliches Gesicht mehr anlächelt, er keinen Werth für die Welt und diese keinen Werth für ihn hat; wenn dazu endlich noch das trübe Gefühl kommt, von Wenigen nur verstanden, von den Meisten aber verkannt zu werden: was vermöchte einem solchen Menschen dann noch Freude am Leben zu gewähren? Es ist ihm eine Bürde, die er, je eher, desto lieber, abwerfen möchte. Er ist ein Wesen, das mit dem Erdendasein gebrochen, das dessen Lust nicht mehr kennt und für dessen Schmerz kein wahres Gefühl mehr hat; eine lebendig umherwandelnde Leiche; ein Geist, der seine körperliche Hülle nur noch wie ein leicht übergeworfenes Gewand trägt; ein Morgenschatten, der als solcher noch mit jeder Stunde abnimmt.

Hat der Unglückliche bei diesem Zustande noch sittliche Kraft genug, so fürchtet er Hand an sich zu legen, so wartet er, bis ihm von höherer Hand seine Bürde abgenommen wird. Fehlt ihm aber auch zugleich jenes Kleinod, so schwindet ihm endlich der letzte Rest von Kraft, sein wirkliches oder vermeintes Mißgeschick zu ertragen, so schließt er den schmählichen, feigen Tauschhandel eines kurzen, freiwilligen, größern Schmerzes für einen ihm von anderer Hand aus ungewisse Dauer auferlegten kleinern, so wird er zur Schande seines Namens und zum Kummer seiner Angehörigen die Parze seines eigenen Lebensfadens. Ein unglücklicher Augenblick giebt die unglückliche Idee ein, und diese Idee wird dann so unwiderstehlich anziehend, wie jenes Unthier, dem sein Opfer selbst in den Rachen laufen soll.

Daß das Land der Nebel – nach Andern der Berechnung – zugleich vorzüglich auch das Land der Selbstmorde ist und daß nicht blos dieser als solcher, sondern auch jede Art desselben epidemische Jahre hat: diese beiden Erscheinungen bewähren, daß sich der Unglückliche selbst oft über den Grund seines tragischen Endes täuscht.


4. Von den Mitteln gegen Hypochondrie.


Welcher Art aber auch die Quelle dieses Uebels sei, so lange es nicht seinen höchsten Gipfel erreicht hat, ist es auf die eine oder andere Weise heilbar. Ein höchst wirksames Mittel ist durch den vorigen Abschnitt bereits angegeben; denn durch Nichts wird der Mensch ernstlicher und nachdrücklicher gemahnt, gegen ein Uebel anzukämpfen, als dadurch, daß ihm die ganze mögliche Größe vorgehalten wird, zu welcher es heranwachsen kann.

Erstes Mittel ist demnach: Bedenke die nachtheiligen und gefährlichen Folgen dieses Uebels. – Vor manchem Unglück bliebe der Mensch ja bewahrt, wenn er bei seinem Thun wirklich immer die Folgen bedächte; warum sollte es hier, wo so viel von der Willenskraft geschehen kann, anders sein? Wer daher das verlorene Glück eines heiteren Gemüthes wiederfinden und festhalten möchte, der kann den vorhergehenden Abschnitt nicht oft genug zu seiner Lectüre machen. Er lese ihn, so oft sich die trübe Stimmung seiner bemächtigen will. Er lese ihn in fortwährendem Vergleich mit seinem Zustand, und wenn er mit Betrübniß finden sollte, daß sich manche der angedeuteten Folgen schon bei ihm eingestellt, so möge er sich darum [128] nicht aufgeben, sondern sich freuen, daß er noch weit genug von dem wirklichen Abgrund steht, daß ihm umzukehren noch möglich ist.

Zweites Mittel. Wende eine hohe Sorgfalt auf die Erhaltung, oder, wenn sie schon gestört wäre, auf die Wiederherstellung deiner Gesundheit! – Bereits im ersten Capitel ist es gesagt worden: Nur in einem gesunden Körper kann eine gesunde Seele – ein heiteres Gemüth wohnen; wir müssen hier wieder darauf zurückkommen. Wer an trüber Gemüthsstimmung leidet, sich aber einer leidlichen Gesundheit zu erfreuen hat, der pflegt seinen Körper so wenig zu beachten, daß durch allerlei Vernachlässigungen endlich krankhafte Zustände entstehen, wovon er früher nichts gewußt, deren Ursprung er nicht aufzufinden vermag und die nunmehr seine trübe Stimmung um ein Bedeutendes vermehren. Wenn zu einer heitern Stimmung aber auch mehr als ein gesunder Körper erforderlich ist; wenn dieser ungünstige Verhältnisse auch nicht in günstige umwandeln kann, so ist er doch den Fortschritten der Hypochondrie ein mächtiges Hinderniß. Wenn auch nur von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, wird nicht daran gezweifelt werden können, daß für den Körper weit mehr geschehen müsse, als das, wozu der Erhaltungstrieb schon von selbst drängt.

Doppelte Sorgfalt aber hat derjenige seinem Körper zuzuwenden, der seine Gesundheit schon geschwächt sieht; denn bevor er die Wiederherstellung derselben bewirkt hat, darf er auch von der günstigsten Umgestaltung äußerer Verhältnisse das Glück einer vollkommen heiteren Stimmung nicht hoffen. Er versäume es daher aus doppelten Gründen nicht, zur rechten Zeit ärztlichen Rath zu suchen. Nicht daß er etwa seinen Körper förmlich unter medicinische Aufsicht stelle – dies würde gerade eine nachtheilige Aengstlichkeit erzeugen – sondern daß er der Kunst gestatte, der Natur zu Hülfe zu kommen, und sie sofort wieder verabschiede, wenn sie ihm ihre Dienste geleistet hat.

Die Sorge für die Erhaltung der Gesundheit macht aber, insbesondere zur Erzielung einer heitern Gemüthsstimmung, die Beobachtung mehrerer Regeln nothwendig, die wir daher der Begründung des zweiten Mittels nachfolgen lassen.

Erste Regel. Prüfe und beobachte dich, um zu erforschen, was deinem Körper nachtheilig ist, und dies dann auch sorgfältig zu vermeiden. – Was den Unterleib sehr und lange belästigt, das ist dem Körper kein dienliches Nahrungsmittel, das ist geradezu Gift für einen Menschen von trüber Gemüthsstimmung. Wer darum Rücksicht in dieser Beziehung fordern kann, der fordere sie und halte sich an Speisen, denen seine Verdauungswerkzeuge gewachsen sind, bis er es dahin gebracht hat, daß der Magen nicht mehr ihn, sondern er den Magen beherrsche. Wer aber aus diesem oder jenem Grunde auf solche Rücksicht verzichten muß, der thue mindestens, was an ihm liegt: der genieße nur höchst mäßig, was ihm doch nicht zuträglich ist. Mäßigkeit ist überhaupt Jedem anzurathen, der an trüber Stimmung leidet. Wer Genüsse nicht opfern mag, die er wiederholt an sich als schädlich erkannt hat, der verdient, daß er für seine ungezähmte Begierde leide, und er leidet doppelt – durch Selbstvorwurf.

Während aber für Wahl und Maß der Speisen auf die eigene Beobachtung angewiesen werden muß, auf das, was eine leichte Verdauung und eine regelmäßige Absonderung zuläßt, kann, hinsichtlich der Getränke, für den, welcher an trüber Gemüthsstimmung leidet, als feststehend angesehen werden, daß alle geistigen und gewürzhaften Getränke sammt und sonders das Blut verderben und das förderndste Mittel für Schwermüthigkeit sind. Die Lebenserhaltung erfordert weder nach dem Aufstehen den Kaffee, noch nach der Mahlzeit den Rebensaft. Wasser ist dem Menschen von der Natur als Getränk angewiesen; dieses nach Bedürfniß genossen – denn im Uebermaß verdünnt es die Magensäfte zu sehr – schließt alle Wirkungen in sich, die man von künstlichen Getränken vergebens erwartet. Wer sich darauf allein nicht zu beschränken vermag, der trinke mindestens nur das, was den Magen nicht für seine Functionen unfähig macht und das Blut nicht in seinem naturgemäßen Umlaufe stört.




  1. Was Verfasser von dem dicken schlammigen Blute als physischem Grund der Hypochondrie sagt, dürfte auf ein Blut zu beziehen sein, das innerbalb der Pfortader nicht flott genug durch die Leber floß, also nicht gehörig gereinigt wurde, sich an den Verdauungsorganen staute und schließlich durch die Hämorrhoidaladern in den gesunden Blutstrom (also auch in das Gehirn) gelangte. Ausführlicheres hierüber findet sich Gartenlaube Jahrg. 1854, Nr. 18 und 1857, Nr. 19.
    Bock.
  2. Der Verfasser irrt, wenn er meint, daß nicht auch Thiere bei ihren geistigen und gemüthlichen Eigenschaften hypochondrisch sein könnten.
    Bock.
  3. Shakespeare.
  4. Derselbe.
  5. Sprüche Salomonis.