Aus den Erinnerungen eines russischen Publicisten

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Autor: Friedrich Meyer von Waldeck
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Titel: Aus den Erinnerungen eines russischen Publicisten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 789–791
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus den Erinnerungen eines russischen Publicisten.
Von Friedrich Meyer von Waldeck.


Die folgenden Schilderungen einzelner Momente aus einem geistig vielbewegten Leben im fremden Lande sind zu eng mit der Persönlichkeit des Erzählers verwachsen, als daß er es umgehen könnte, sich in wenigen Worten dem freundlichen Leser vorzustellen. Er verzichtet zu dem Zwecke von vornherein auf die objective dritte Person und beginnt sofort mit dem „Setzen“ des subjectiven Fichte’schen „Ich“.

Neunundzwanzig Jahre, in ununterbrochener Fortdauer, habe ich in Russland gelebt; zweiundzwanzig Jahre war ich Chef-Redacteur eines der größeren politischen Blätter St. Petersburgs und einundzwanzig Jahre Lehrer an der dortigen Universität. Dieser Zeitraum umfaßt die interessanteste Entwickelungsperiode Russlands seit Peter dem Großen und Katharina der Zweiten. Er beginnt mit dem Höhepunkte der Macht und des Einflusses, die unter Kaiser Nikolai dem Ersten seinem Reiche oder, was dasselbe sagen will, seiner Person zugesprochen wurden; er enthält den Krimkrieg, den jähen Sturz von eingebildeter Höhe, die Periode der Niederlagen und Enttäuschungen, den unerwarteten Tod des stolzen Selbstherrschers und die Thronbesteigung Alexander’s des Zweiten, den sein Volk den Befreier nennt. Er begreift in sich die großen Umwälzungen, welche dieser Reformator auf dem Throne durch die consequente und stetige Ausstrahlung der Lichtquelle seines liberalen Geistes in der Organisation des Landes hervorgerufen, die Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft, die Neuschaffung der Gerichte auf der Basis der Oeffentlichkeit, Mündlichkeit und der Geschworenen, die Schöpfung der Landesinstitutionen, die Entfesselung der Presse etc. Er umschließt den polnischen Aufstand mit seinen heilsamen Folgen für Polen und seiner schädlichen Einwirkung auf Russland selbst, die Geburt und Entwickelung der sogenannten nationalen Partei mit ihrem unheilvollen Einflusse nach innen und außen, die Kriege von 1866, 1870 und 1871, die Geschichte Russlands bis auf den heutigen Tag.

Die beiden Wirkungskreise, welche mir während dieses bedeutsamen Zeitraumes in der ersten Hauptstadt des Reiches angewiesen waren, stellten mich so recht unmittelbar in den Mittelpunkt der geistigen und politischen Entwickelung, und nicht selten wurde aus der Rolle des Beobachters und Berichterstatters die Position des Betheiligten, des Rathgebenden, des Kämpfers.

Wenn ich dem Leser „Erinnerungen“ aus meinem Leben und Wirken in Russland mittheile, müssen sie vor dem Meisten, was ihm über jenes Land gebotet wird, unstreitig den Vorzug haben, daß der Autor Land, Leute und Sprache Jahrzehnte hindurch in eigener Anschauung erforschte, daß er erlebte, was er erzählt, daß er nirgends aus fremden Quellen zu schöpfen genöthigt ist. Nach ehrlichen deutschen Begriffen nimmt er keinerlei Stellung zu den Parteien ein. Hat er auch zur Zeit den Kampf für diese und jene gerechte Sache gegenüber Mißwollen und Unverstand nicht von sich abweisen dürfen, gaben ihm auch seine Mitkämpfer und Streitgenossen unter Russen und Deutschen das Zeugniß, daß er willig kein Haar breit des guten Rechtes preisgegeben hat, so liegen diese Zeiten doch bereits, von ruhigem Urtheil geklärt, weit hinter ihm, und er verfolgt mit der Veröffentlichung dieser anspruchslosen Blätter keinen anderen Zweck, als der Wahrheit zu dienen und zu einer richtigen Auffassung geschichtlicher Momente beizutragen.

Vor allen Dingen aber bitte ich dringend, die Erwartung abzuweisen, als wolle ich in Folgendem etwa die Geschichte Russlands in den letzten Decennien schreiben, große Staatsactionen kritisch beleuchten oder bedeutsame historische Phasen in neuem Lichte darstellen. Von solchen Ansprüchen, wenn er sie hegte, müßte sich der freundliche Leser gar bedeutend herabstimmen. In ihren großen unwandelbaren Umrissen gehören die politischen Ereignisse, die neueste innere Reform Russlands und seine Stellung zum westlichen Europa bereits der Geschichte an, und es ist nicht meine Aufgabe, Bekanntes zu wiederholen oder in besonderer Art zusammenzufassen. Aber nicht nur die großen Contouren bieten dem Beobachter und Forscher unzweifelhaftes Interesse, auch die kleinen und zarten Details wollen geschildert sein und bilden die nothwendige Ergänzung und Vervollständigung des Bildes wichtiger Ereignisse und Umwälzungen. Dergleichen kleine Detailschilderungen, wie sie sich aus den selbsteigensten Erlebnissen des Verfassers herausgestalten, beabsichigt derselbe in den folgenden Blättern niederzulegen. „Erinnerungen“ hat er die aphoristischen Skizzen genannt und jeder derselben eine besondere Ueberschrift gegeben, damit sie nicht für etwas Anderes genommen werden, als sie vorstellen sollen, zusammenhangslose, abgerissene Darstellungen, wie sie, vom Zufall hervorgelockt, im Gedächtniß des Verfassers auftauchten.




Der Tod des Kaisers Nikolai des Ersten.

Der 17. Februar 1855 war ein schöner, klarer nordischer Wintertag. Es war entsetzlich kalt. Die Sonne, welche sich um diese Zeit nur wenige Stunden über den Horizont erhebt und kaum zu wärmen scheint, deren matte Strahlen aber von einer blendend weißen Schneedecke in fast unerträglicher Weise zurückgeworfen werden, war schon längst im Südwesten unter der Eisfläche des finnischen Meerbusens verschwunden. Pfeilschnell jagten auf den dämmerigen Straßen und der weiten hellen Fläche der Newa die kleinen, einspännigen nordischen Schlitten mit ihren flinken unermüdlichen Steppenpferden, unter deren Hufen der hartgefrorene Schnee pfiff und knisterte. Das Sternbild des großen Bären funkelte bereits in seiner ganzen Pracht am tiefdunkeln Himmel, und doch war es noch in den frühen Nachmittagsstunden. In meinem Cabinet hatten sich mehrere Freunde getroffen; man saß um den dampfenden Mokka, dessen belebender Duft sich mit den feinen aromatischen Rauchwölkchen des türkischen Tabaks der Papyros angenehm mischte.

Die Unterhaltung beschäftigte sich zunächst mit dem anscheinend sehr unbedeutenden Unwohlsein des Kaisers. Er hatte die Grippe und war, wie das bei jener ungefährlichen und langweiligen Krankheit gewöhnlich ist, von einem heftigen Husten gequält. Vor wenigen Tagen hatte der Zar noch einer Parade beigewohnt, obwohl ihn freilich einer seiner Leibärzte, wenn ich nicht irre Dr. Karell, auf seinen leidenden Zustand aufmerksam gemacht und geäußert haben sollte: „Unter solchen Verhältnissen, Majestät, würde ich einem gemeinen Soldaten nicht gestatten, Dienst zu thun,“ worauf Kaiser Nikolai erwiderte: „Sie haben Ihre Schuldigkeit gethan; ich kenne die meinige.“

Im Laufe des Gesprächs wurde natürlich nicht unbeachtet gelassen, daß die verhängnißvollen Ereignisse des Krimkriegs von tiefer und nachhaltiger Wirkung auch auf die Riesenconstitution des Kaisers sein müßten, um so mehr, da er äußerlich die gewohnte majestätische Ruhe und Kälte unabänderlich bewahrte. Zu irgend welchen Besorgnissen schien der Gesundheitszustand des Monarchen keinerlei Anlaß zu bieten. So wendete sich denn die [790] Unterhaltung bald zu den neuesten Ereignissen auf dem Kriegsschauplatze und namentlich zu der heldenmüthigen Vertheidigung von Ssewastopol.

Mit lebhaftem Interesse wurde einer Prophezeiung gedacht, die einer der Anwesenden, ein bekannter Irrenarzt, beim Beginne des Krieges ausgesprochen hatte. Obgleich für gewöhnlich auf die Beobachtung von Geisteskranken angewiesen, war er doch auch für gesunde, normal functionirende, Capacitäten ein scharfer Kritiker. Wir saßen damals, wie heute, traulich beisammen und hatten von dem bevorstehenden Kriege und seinen möglichen Wechselfällen gesprochen.

„Was auch kommen möge,“ sagte damals unser Doctor, „ich habe einen Freund und Landsmann, einen Ingenieur-Capitain, dessen großartige Begabung und enormes Wissen ihn im bevorstehenden Kampfe zu einer der ersten militärischen Größen Russlands machen werden.“

Er hatte damals den Namen eines Mannes genannt, der nur wenigen von uns, und diesen nur dadurch bekannt war, daß der reiche baronisirte darmstädtische Consul in St. Petersburg dem mittellosen Capitain wegen seiner unbedeutenden Stellung und Herkunft anfänglich die Hand seiner Tochter verweigert hatte, bis die Liebe den Widerstand des harten Vaters überwand.

Jetzt, wo im Verlaufe weniger Monate der damalige schlichte Ingenieurhauptmann sich in den weltberühmten General Todtleben, den genialen und heldenmüthigen Leiter der Vertheidigung von Ssewastopol, die Seele jenes denkwürdigen Festungskrieges, verwandelt hatte, jetzt gedachten wir der Prophezeiung des Freundes, und sein heller Blick in die Zukunft, sein klares Urtheil über die Begabung seines Landsmannes fanden die wärmste Anerkennung.

Es klingelte draußen. Man achtete nicht darauf. Der Diener trat ein, überreichte mir ein versiegeltes Couvert nebst einem Buche und sagte mit gewissem Nachdruck:

„Ein Kammerlakai des kaiserlichen Hofes hat dieses Schreiben gebracht und bittet den Empfang zu bescheinigen.“

Mechanisch griff ich zur Feder und quittirte in dem vorgehaltenen Buche; mechanisch brach ich das Siegel und nahm das Papier aus seiner Hülle. Die Freunde ließen sich in ihrem Gespräche nicht stören; Schreiben von dieser oder jener Staatsbehörde sind in dem Cabinet eines Chefredacteurs etwas Alltägliches.

Ich sah in das Schreiben, und es überlief mich kalt. Es war ein officieller Bericht über die Krankheit des Herrschers; er lautete wie folgt:

„Seine Majestät der Kaiser, an der Grippe erkrankt, hat seit dem zehnten Februar Fieberanfälle gehabt, wobei eine gichtische Affection bemerkbar war. Gestern war das Fieber heftig unter Mitleidenschaft des unteren rechten Lungenflügels, die heutige Nacht schlaflos. Am Morgen erscheint das Fieber etwas gemäßigt; der Auswurf ist unbehindert.

     Den 17. Februar 1855.

M. Mandt. Enochint. Dr. Karell.“

Eine Weile hatte ich schweigend dagestanden. Mein Aussehen mußte etwas Besonderes verkündigen; die Freunde sahen mich stumm und erwartungsvoll an.

„Kaiser Nikolai ist ein todter Mann,“ sagte ich und ließ das Bulletin im Kreise herumgehen. Der Inhalt des Berichtes schien das Aeußerste, das ich voraussah, nicht zu rechtfertigen. Man glaubte in den Ausdrücken der Aerzte die Besorgniß irgend einer Gefahr für das Leben des Monarchen nicht wahrnehmen zu können.

„Kaiser Nikolai ist ein todter Mann,“ wiederholte ich. „Er hat niemals gestattet, daß bei Krankheiten der kaiserlichen Familie Bulletins veröffentlicht wurden. Wenn also über seinen eigenen Gesundheitszustand ein amtlicher Bericht für die Oeffentlichkeit ausgegeben wird, so beweist das auf das Deutlichste, daß er selbst nicht mehr disponirt und sein Zustand ein durchaus hoffnungsloser ist.“

Es hatte Niemand gegen mein Raisonnement etwas einzuwenden. Einer nach dem Anderen entfernte sich geräuschlos, und ich sah mich bald mit meinen sorgenschweren Gedanken allein.

Vor Mitternacht erhielt ich das zweite Bulletin. Das Fieber hatte gegen Abend zugenommen, der Auswurf aus dem unteren Theile des angegriffenen rechten Lungenflügels war erschwert.

Der Morgen des 18. Februar, für Russland ein schicksalsschwerer Tag, brach an. Die helle Februarsonne umkleidete die Blumen der gefrorenen Fensterscheiben mit den Farben des Regenbogens; die nordische Residenz war angethan mit der ganzen blendenden Schönheit ihres Wintergewandes. Die große Masse ging sorglos den gewohnten Geschäften nach. Tauben und Sperlinge in zahllosen Schaaren suchten ihre spärliche Nahrung auf den bevölkerten Straßen; es war, als ob Natur und Menschen über die Geschlechter der Gewaltigen auf Erden ausrufen wollten:

     „ … sie kommen und gehen;
Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen.“

Es erschien ein drittes Bulletin, welches um vier Uhr Morgens abgefaßt war, in welchem die erlöschende Thätigkeit der Lunge des hohen Kranken angedeutet und der Zustand des Kaisers bereits offen als sehr gefährlich bezeichnet wurde. Der vierte und letzte Krankenbericht war um neun Uhr Morgens unterzeichnet; er lautete: „Heute Morgen um drei ein halb Uhr haben Seine Majestät der Kaiser gebeichtet und das heilige Abendmahl genommen, bei voller Klarheit des Geistes. Der drohende Lähmungszustand in den Lungen dauert noch fort und damit die Gefahr, in welcher sich Seine Majestät befindet.“

Die Bulletins wurden als Extrablätter gedruckt. Stündlich erwartete die Presse, erwartete die Bevölkerung Petersburgs neue Nachrichten. Wer zum Hofe in näherer Beziehung stand, wenn er auch selbst nicht mehr wußte, als jeder Andere, zuckte mit geheimnißvollem Schweigen bedeutsam die Achseln. Stunde um Stunde verrann – kein neuer Krankenbericht, nicht die kleinste Botschaft vom Hofe, und doch wußte alle Welt, daß es schlimm, sehr schlimm stand.

Die Sonne stand im Mittag, da verbreitete sich erst leise und vorsichtig auftretend, dann immer sicherer und offener die verhängnißvolle Kunde, die zuletzt der Nachbar dem Nachbar zuraunte: „Kaiser Nikolai ist todt.“

Es war Hochnachmittag. Die Sonne neigte sich stark zum Untergang; an der Wahrheit der historischen Thatsache konnte nicht mehr gezweifelt werden, und doch erschien kein Bulletin, keine Nachricht, nicht ein einziges officielles Wort über das große Ereigniß des Tages. Es war offenbar – der Schlag war unvorbereitet gekommen; man hatte bei Hofe den Kopf verloren und vergaß das Einfachste und Nothwendigste: die Stadt und das Reich von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen.

Es wurde Abend – es wurde Nacht; ich befand mich, wie alle meine Collegen, in der größten Verlegenheit. Der Kaiser war todt. Am anderen Tage eine Zeitung ohne das Gewand der Trauer, den bekannten schwarzen Rand, erscheinen zu lassen, wäre ein grober Verstoß gegen Herkommen und Sitte gewesen. Aber wie konnte man das Blatt mit dem üblichen Trauerrand erscheinen lassen, ohne daß es eine Silbe über das Ereigniß enthielt, welches zu diesem Zeichen der Trauer Veranlassung gegeben? Und doch fesselte uns das strengste Gebot, nicht die geringste Mittheilung über die Personen des erlauchten Kaiserhauses zu veröffentlichen, wenn dieselbe uns nicht officiell vom Minister des Hofes approbirt oder zugegangen war. Im gegenwärtiger Augenblick und bei dem Mangel an Fassung, welcher offenbar im Winterpalais waltete, den Minister des Hauses Seiner Majestät, Grafen Adlerberg, um die Druckerlaubniß für eine selbstverfaßte Todesnachricht zu ersuchen, wäre ein höchst lächerliches Unterfangen gewesen. Ich begab mich zu dem mir zunächst wohnenden und am nächsten stehenden Collegen, dem Chefredacteur der russischen „St. Petersburger Zeitung“, Staatsrath Otschkin. Wir berathschlagten über unsere Lage. Bald wurde von der einen, bald von der anderen Seite ein Ausweg vorgeschlagen, um immer wieder als unzureichend oder unausführbar verworfen zu werden. Endlich sah mein College Licht und rief mir, fast möchte ich sagen, freudig bewegt sein „Heureka!“ entgegen.

„Heute Nacht muß in der Druckerei des Senats das Thronbesteigungsmanifest des Kaisers Alexander des Zweiten gedruckt werden. Wir schicken einen Boten dorthin mit dem Auftrage, zehn Rubel für den ersten Abzug dieses Documents zu bieten und zu zahlen. Bis er zurückkehrt, lassen wir den Druck unserer Zeitungen anstehen und den Trauerrand vorbereiten. Bekommen wir das Manifest, so haben wir die officiellste Nachricht über den Tod des Kaisers Nikolai in unseren [791] Händen, können dieselbe veröffentlichen und unsere Blätter auf anständige Weise in schwarzer Umrahmung erscheinen lassen.“

So lautete der Plan des erfahrenen und gewiegten Amtsbruders. Ich mußte ihm den aufrichtigsten Beifall zollen, und wir trafen sofort alle Anordnungen zu seiner Ausführung.

Unsere Zeitungen wurden in derselben Officin gedruckt. Sie waren bis auf einen kleinen Raum der ersten Spalte fertiggestellt; die Setzer standen erwartungsvoll am Winkelhaken, die Drucker an der Maschine. Wir gingen, jeder in seinem Bureau, mit unruhigen Schritten auf und ab, und Alles wartete der Dinge, die da kommen sollten. Mitternacht war vorüber; die Zahl der genossenen Gläser Thee und der gerauchten Cigarren war gar nicht mehr zu berechnen. Bei dem kleinsten Geräusch aus dem Treppenflur zuckte ich auf und erwartete den Ton der Glocke zu hören. Sie erklang nicht; kein Mensch ließ sich sehen; die unerbittliche Zeit schritt unaufhaltsam weiter, und fast schien es nicht mehr möglich, die Zeitung für die Stunde der Ausgabe am anderen Morgen herzustellen.

Da endlich! – es ging schon stark auf drei Uhr – die Glocke klang. Ich öffnete selbst, und mit triumphirendem Lächeln hielt mir unser alter ausgedienter Soldat, der als Redactionsbote fungirte, das Thronbesteigungsmanifest entgegen. Sofort wurde mein erster Gehülfe geweckt; gemeinschaftlich unternahmen wir die schwierige und verantwortungsreiche Arbeit der Uebersetzung in’s Deutsche, und um vier Uhr war das Manuscript vollendet, gesetzt, corrigirt, und die Zeitung ging in die Presse.

Am anderen Morgen erschienen die russische und die deutsche St. Petersburger Zeitung mit dem Thronbesteigungsmanifest Alexander’s des Zweiten und schwarzem Rande; einige andere Blätter hatten den Trauerrand, enthielten aber nicht die geringste Mittheilung über das Hinscheiden der verstorbenen Majestät; der ganze Rest der übrigen trat ungenirt vor das Publicum ohne Nachricht und ohne Trauerrand.

Ueber das Ende des Kaisers Nikolai durchliefen in den nächsten Tagen verschiedenartige Gerüchte die erschrockene Residenz. Es hieß, der mächtige Selbstherrscher, gebrochen durch die furchtbare Erschütterung der sich rasch folgenden Niederlagen auf dem Schlachtfelde, habe die militärische Ehre Russlands nicht überleben wollen und sein erster Leibarzt, Geheimerath von Mandt, habe der Forderung des Monarchen nachgegeben und ihm Gift gereicht. Andere Versionen besagten, der Kaiser habe sich selbst vergiftet, nachdem Doctor Mandt die tödtliche Substanz in seine Hände gegeben. Alle diese Gerüchte wurden begierig vom Volke aufgegriffen, erregten die unzurechnungsfähige Menge in bedenklichem Grade und waren die Veranlassung, daß Doctor Mandt, dessen Leben sogar gefährdet erschien, bald nach dem Hinscheiden Nikolai des Ersten die Hauptstadt und Russland verlassen mußte.

Mandt, der eine Art neuen homöopathischen Systems aufgestellt hatte, war viele Jahre hindurch so zu sagen der medicinische Dictator St. Petersburgs gewesen. Er erfreute sich der ausgesprochenen Vorliebe und des unbedingtesten Vertrauens seines kaiserlichen Herrn, der sich bei ihm, wie man sich zuraunte, nicht nur auf ärztlichem Gebiete Raths erholte. Fest steht, daß Dr. Mandt unter Kaiser Nikolai dem Ersten eine mächtige, gefürchtete und unantastbare Persönlichkeit war, die ihren Einfluß nach verschiedenen Richtungen hin geltend machen durfte.

Daß in allen den von Mund zu Mund gehenden düsteren Gerüchten auch nicht ein Körnchen Wahrheit ruhte, brauche ich nicht erst zu bekräftigen. Möglich ist es, daß der stolze Zar, im unerträglichen Schmerz über die erlittene Schmach, absichtlich der Krankheit Trotz geboten und der Thätigkeit der Aerzte weniger Vorschub geleistet, als diese wünschenswerth erachteten. Ich wiederhole, es ist möglich – nicht einmal wahrscheinlich. Ohne leichtfertig zu sein, kann man von dem Todten nur mit den schwedischen Hauptmann im „Wallenstein“ berichten: „Man sagt, er wollte sterben.“

Mehrere Tage waren vergangen. Die sterblichen Reste der erblichenen Majestät waren in der Peter-Paulskathedrale der Petersburger Festung in einem einfachen Sarge aufgebahrt, wie ihn sich der Kaiser einige Jahre früher selbst gewünscht hatte.

Ich kehrte Nachts von einem Besuche in entfernter Gegend der Stadt mit dem Gefährten heim. Fröstelnd hüllten wir uns in die schweren Pelze; das Gespräch stockte, und jeder hing den eigenen Gedanken nach. Von lebhaftem Zuruf und dem drohenden Schwingen der Knute angefeuert, flog das kleine Kosakenpferd über den knisternden Schnee, der im Glanze der ewigen Sterne funkelte.

Plötzlich hielt unser Iswoschtschik den Schlitten an, bekreuzigte sich furchtsam und zeigte über die Isaaksbrücke hinweg nach der Festungskirche, unter deren dunkelem Dache die sterblichen Reste des irdischen Gottes ruhten.

Rings um die Kathedrale flammte das elektrische Feuer eines ungeheuren Nordlichts. Lange rothe und weiße Strahlen schossen hinter der Kirche auf, bis an den Zenith, und umgaben das Gotteshaus mit gigantischem Heiligenschein.

„Aurora borealis!“ sagte mein Gefährte und deutete nach dem glänzenden Meteor.

„Aurora borealis!“ wiederholte ich – „das Morgenroth einer neuen Zeit für das große nordische Reich.“