Aus der Hochebene Norwegens

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus der Hochebene Norwegens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 33, 36
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[33]
Die Gartenlaube (1872) b 033.jpg

Schneehuhnjäger auf der Hochebene Norwegens.
Nach der Natur aufgenommen von Vincent Lerche in Düsseldorf.

[36] Aus der Hochebene Norwegens. (Mit Abbildung.) Die norwegische Hochebene ist nicht mehr jenes unbekannte Land des Grauens und des starren Todes, wie man es sich wohl vor einigen Jahrzehnten vorgestellt hat. Hunderte von unseren Lesern haben schon die Strecke derselben befahren, die man auf der Route Christiania–Drontheim über Dovre passirt, und Hunderte andere werden sie noch befahren. Aber das ist ein civilisirter Theil des Hochgebirgs. Es führt eine ausgezeichnete Chaussee darüber, und gute Wirthshäuser (die sogenannten Fjeldstuer) bieten dem Reisenden so viel Comfort, als man billigerweise an der Grenze des ewigen Schnees beanspruchen kann. In dem volksthümlichen leichten Gefährt, dem Karriol, das, mit einem Sitz zwischen zwei großen Rädern, immer nur auf eine Person berechnet ist, und womit man sehr rasch und sehr bequem fährt, durchjagt der Reisende das Gebirge. Aber was er von diesem Sitze aus von der Hochebene sieht, ist nur eine unabsehbare, gelblich-grüne, in’s Bräunliche schillernde Fläche, mit Moosen und Zwergbirken bedeckt – überall von kleinen, eiskalten Bächen durchrieselt und diese von graublätterigem Weidengestrüpp eingefaßt, im Hintergrunde die mächtigen, von ewigem Schnee bedeckten Kuppen. Oede und leer kommt ihm das Ganze vor – höchstens wird die grabesähnliche Ruhe unterbrochen von dem klagenden Laute des Regenpfeifers, oder ein einsamer Schneefalke segelt hoch in den Lüften, nach Beute ausschauend. Aber von der übrigen Thierwelt, in ihren Arten zwar arm, aber in den Individuen um so reicher, sieht und hört er nichts. Und gerade in dieser Region finden sich die hauptsächlichsten Repräsentanten des jagdbaren Wildes Norwegens: die Schneehühner und die Rennthiere.

Das Schneehuhn, norwegisch Rype, gehört zur Familie der Rauchfußhühner und findet sich im norwegischen Hochgebirge in zwei Arten vor: das Moor- oder Thalschneehuhn, norwegisch Lirype, und das Gebirgsschneehuhn, norwegisch Fjeldrype. Die ersteren leben in den unendlichen Morästen und in den Abhängen des Gebirges, wo die Zwergbirke vorkommt, die zweiten aber zwischen dem Geröll der flachen baumlosen Hochebene, auf der Grenze des ewigen Schnees. Eigenthümlich für beide Arten ist, daß sie im Winter ein vollständig verändertes Aussehen bekommen. Während sie nämlich im Sommer ein graugelbes (das Alpenschneehuhn ein mehr graublaues), mit Braun gezeichnetes Federkleid haben, dessen Farbe es fast unmöglich macht, sie von dem umgebenden Boden zu unterscheiden, werden sie im Herbst schneeweiß, und nur die unteren Schwanzfedern bleiben schwarz, so daß man auf dem Schnee nur die Schnäbel als schwarze Rinde bemerkt. Zu Millionen kommen sie vor in den unendlichen Strecken, die in Norwegen auf dieser Höhe liegen, und ihr zartes, dunkles, nach Birkenknospen duftendes Fleisch macht sie zum beliebtesten Jagdwild, das sich namentlich im Herbst verfolgt sieht, wenn die Jungen erwachsen sind (und oft schon vorher), nicht nur von den eingebornen Jägern, sondern auch massenhaft von jagdlustigen Engländern, die mit ihrem Spleen und ihren Hunden herüberkommen. Wochenlang räumen letztere oft im Gebirge oder auf den Inseln Lofodens in Nordland auf’s Unbarmherzigste darunter auf, meistens nur, um in ihren Notizbüchern mit einer so und so großen Anzahl renommiren zu können, denn sie haben für einen großen Theil des Geschossenen oft keine andere Anwendung, als daß sie es ihren Hunden vorwerfen. Die Jagd ist nämlich in diesen Regionen, die meistens Staatseigenthum sind, außerhalb der Schonungszeiten vollständig frei. Aber die fortwährenden rücksichtslosen Plünderungen englischer Jagdliebhaber werden die norwegischen Behörden wohl bald auf vernünftige Jagdgesetze bringen.

Die Jagd ausführlich zu beschreiben, würde uns hier zu weit führen, um so mehr, da der berühmte Zoologe Brehm vor Jahren in der Gartenlaube eine so anziehende Schilderung seiner Schneehuhnjagden auf Dovrefjeld gegeben hat, und wir wollen uns deshalb nur auf einige Andeutungen über die Jagd im Winter beschränken.

Hat das Schneehuhn im Sommer Feinde genug in Gestalt von listigen Füchsen, hungrigen Falken, raubgierigen Engländern und kunstgerechten Jägern – im Winter wird doch der Stand der armen Thiere womöglich noch schlimmer. Zwar fehlen die langen Engländer mit ihren weittragenden Büchsen, aber der Schnee und die Kälte treiben das Schneehuhn nach den Thalabhängen herunter, wo es in den Birkenknospen reichliche Nahrung findet, und hier wird ihm von schlauen Gebirgsbewohnern mittelst Schlingen mit dem besten Erfolge nachgestrebt. Die eigentliche Jagdausbeute fällt in die Wintermonate, weil die Hühner sich dann gefroren wochenlang halten und meilenweit verschickt werden können.

Aber mühelos ist diese Jagd nicht und eine kräftige Natur gehört dazu. Weil diese Birkenwaldungen, die mit Vorliebe von dem Schneehuhn als Winterquartier aufgesucht werden, in der Regel so weit von der bewohnten Thalsohle liegen, daß man von da aus nicht täglich die Schlingen nachsehen kann, so vereinigen sich oft ein paar Jäger und ziehen, mit der Büchse und einem schmalen Vorrath von Eßwaaren ausgerüstet, nach einer gut gelegenen Sennhütte, wo sie dann oft wochenlang hausen, bis es die Mühe verlohnt, die gewonnene Ausbeute nach der Stadt zu bringen.

Um aber die weiten unwegsamen Strecken, die noch dazu oft mit ellenhohem Schnee bedeckt sind, zurückzulegen, bedient sich der Jäger seiner Schneeschuhe (Ski), indem ihm sonst in den meisten Fällen das Vorwärtskommen ein Ding der Unmöglichkeit sein würde. Es sind dies sechs bis acht Fuß lange, drei Zoll breite Stücke aus Fichten- oder noch besser aus Eschenholz, die nach vorn etwas breiter werden und in eine gekrümmte Spitze auslaufen. In der Spitze sind sie sehr dünn, vielleicht ein Drittel Zoll, werden aber allmählich nach der Mitte zu dicker, erreichen dort die größte Stärke, anderthalb bis zwei Zoll, und werden nach hinten zu wieder dünner. Da der Läufer auf der Mitte steht, erhalten sie hierdurch die nöthige Elasticität. Auf der Mitte ist ein Bügel von gewundenen Weidenzweigen oder von Birkenrinde befestigt, um die Fußspitze hineinzustecken. In einzelnen Gegenden wird der Fuß noch mit einem Riemen um die Knöchel festgeschnallt, doch ist dies für den Fall, daß man im Bergablaufen umschlägt, leicht gefährlich. In anderen Gegenden trägt man auch wohl den einen Ski kürzer als den andern, was besonders bei schnellen Wendungen seine Vortheile haben soll. Das Allgemeine ist aber, wie gesagt, zwei Ski von gleicher Länge und Bügel ohne Riemen zu haben.

Unten sind die Ski entweder glatt, oder mit einer bis zwei schwachen Rillen der Länge nach versehen. Es ist dies besonders für Anfänger angenehm, da es dem Steuern größere Sicherheit verleiht. In Gegenden, wo das Terrain sehr coupirt ist, sind sie auch wohl unten mit einem Stück Seehundsfell versehen, dessen Haare nach hinten laufen, um das Bergsteigen – was man mit Schneeschuhen nur in Zickzack fertig bringen kann – zu erleichtern. Denn der Ski ist seiner Natur nach eigentlich ein Rutschapparat, um schnell abwärts zu kommen. In der Ebene bewegt sich der Läufer durch eine geradeaus schleifende Bewegung. Ein geübter Läufer kommt aber in der Ebene auch schnell vorwärts.

Das eigentliche Vergnügen beim Skilaufen ist, wenn man eine sanft geneigte schiefe Ebene vor sich hat. Der untere Schnee muß gefroren sein, so daß er trägt, und man nicht auf einzelnen Stellen durchdrückt, und dann muß noch ein paar Zoll frischer Schnee darüber gefallen sein; denn auf der glatten Eiskruste glitscht man erstens sehr leicht, und zweitens riskirt man immer gehörige Schrammen im Gesicht, wenn man, was bei dieser Art Schnee leicht passirt, kopfüber geht und die Eiskruste durchschlägt, denn sie schneidet beinahe wie Glas. Dann gehört zum Skilaufen noch ein Stab, dessen unteres Ende mit einer flachen Holzscheibe versehen ist, um das Steckenbleiben im Schnee zu verhindern.

Diese Art Sport ist von Alters her sehr beliebt gewesen in Norwegen. Jung und Alt, Bauern und Städter, huldigen ihm, man hat sogar früher – wenn wir nicht irren, noch zu Anfang des Jahrhunderts – eine auf Ski einexercirte Compagnie Jäger gehabt, die aber nachher als unpraktisch abgeschafft worden ist.

Alle Jahre werden noch Wettrennen in verschiedenen Theilen von Norwegen veranstaltet, und die Proben, die Derjenige ablegen muß, der als Sieger hervorgehen soll, sind nicht immer ganz leicht, denn es gilt, im rasenden Laufe über Hindernisse hinwegzusetzen und Sprünge zu machen, die nach Faden, und nicht nach Fuß zählen. Daß viele dabei Pech haben, und auf allem Andern eher als auf den Füßen herunterkommen, ist natürlich, aber das beeinträchtigt die Freude der Zuschauer und Mitbewerber nicht im Geringsten, denn in der Regel sind ein paar Schrammen im Gesicht, und höchstens ein gebrochener Ski, der ganze Schaden.