Aus der Mappe eines Malers

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Titel: Aus der Mappe eines Malers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4; 9, S. 52–54; 122–123
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[52]
Aus der Mappe eines Malers.
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Der letzte Ritt St. Arnaud’s.

Von meiner pariser Kunsthandlung aufgefordert, hatte ich mich mit nach der Krim eingeschifft, wo endlich Aussicht war die Mappe zu füllen, nachdem man so lange in Varna brach gelegen hatte. Wenn es drüben nichts als faule Zeit gegeben hatte, so hatte der Stift dafür hier desto größere Auswahl, Bilder im Großen und im Kleinen. Ich greife auf Geradewohl in meine Mappe, um Ihnen Etwas zugehen zu lassen.

Mein erstes Bild zeigt den Marschall St. Arnaud bei seinem letzten Ritte. Die Krankheit St. Arnaud’s hatte schon bedeutende Fortschritte gemacht, als er in der Krim anlangte. Trotz heftigem Fieber stieg der Marschall am Tage der Schlacht an der Alma zu Pferde, hielt sich dreizehn Stunden auf demselben und verheimlichte seinen schmerzensreichen Kampf mit der Krankheit, die ihn aufrieb, mit einer an’s Unglaubliche grenzenden Willenskraft. Erst als die Kräfte seines Körpers mehr und mehr schwanden, ließ er sich durch zwei Reiter auf dem Pferde halten. Er wollte, wie es scheint, den Tod auf dem Schlachtfelde um jeden Preis suchen und er soll sogar mehrmals ausgerufen haben: „Giebt es denn keine Kugel heute für mich?“ Bekanntlich erbarmte sich seiner keine russische Kugel; er erlag der Krankheit, mit der er gerungen. Ich sah ihn eines Tages, wie er matt und kraftlos, von zwei Reitern gehalten seiner Wohnung zuritt, wo er todtkrank vom Pferde gehoben und auf sein Feldbett getragen werden mußte. Er war kein großer Feldherr, aber ein tüchtiger Soldat.

In dem Drastischen eines großen Kampfes finden sich immer auch komische Parthien, und ein Maler möchte sich wirklich hundert

[53]
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Der Feldprediger auf der Kanone.


Augen und ebenso viel Arme wünschen, nur um skizziren zu können. Mein zweites Bild läßt den Oberfeldprediger der Franzosen auf einer Kanone sehen. Wie kam der würdige Mann da hinauf? Im Anfange der Schlacht bei der Alma befand sich der Oberfeldprediger in der Nähe des Generals Canrobert, aber sehr bald wurde ihm das Pferd unter dem Leibe erschossen. „Das ist ein schlimmer Unfall,“ sagte der General, „ich kann Ihnen leider kein andres Pferd geben lassen. Also auf Wiedersehen!“

Die Gartenlaube (1855) b 053 2.jpg

General Thomas in Pera.

[54] Der tapfere Geistliche, Parabère mit Namen, blieb indeß nicht zurück, denn er hielt es für seine Pflicht, mitten in der Schlacht, in der Nähe der Verwundeten und Sterbenden zu sein, um ihnen sogleich Trost bringen zu können. Wie sollte er indeß zu Fuß die steile Anhöhe hinaufkommen? Während er noch nachdachte, wie er das wohl anfange, wurde eine Kanone rasch vorüber gefahren. Ohne sich lange zu besinnen, setzte er sich auf das Geschütz und forderte die Artilleristen auf, ihren Weg fortzusetzen, ohne sich um ihn zu bekümmern. Auf dieser Kanone gelangte er auf die Höhe hinauf und in den Kugelregen auf die bluthgetränkte Fläche, wo er nur zu viel Gelegenheit fand, sein Amt zu üben: Verwundeten Trost zuzusprechen und Sterbenden die letzte Segnung der Religion zu ertheilen.

Der dritte Griff in meine Mappe entführt uns der Krim und versetzt uns nach Pera, den verwundeten General Thomas zeigend.

General Thomas, der in der Schlacht an der Alma verwundet worden war, wurde mit anderen Verwundeten zur Pflege nach Constantinopel gebracht. Durch die lange Straße von Pera wurde er auf einer Bahre von Matrosen getragen. Alle, die in der Straße sich befanden, blieben stehen, entblößten ihr Haupt oder verbeugten sich, um dem verwundeten Tapfern ihre achtungsvolle Theilnahme zu bezeugen, wie an jedem Posten die Wache heraus trat und präsentirte. Thomas erhob sich dann ein wenig auf seiner Bahre und nickte mit dem Kopfe den Dank, den er durch Worte und Handbewegungen nicht auszudrücken vermochte.

[122]
Nr. 2. Eupatoria.

Wie ich Ihnen schon in meinem letzten Briefe meldete, bin ich gleich nach Abgang des Couriers nach Eupatoria aufgebrochen, Ich beeile mich jetzt, Ihnen die Zeichnungen zu senden, welche ich bei diesem Ausfluge gesammelt habe, der nicht wenig Mühseligkeiten darbot, indem es jetzt so kalt wird, daß ich kaum den Bleistift zu halten im Stande bin.

Indeß genirt das wenig. Eupatoria ist dazu berufen, bald eine große Rolle in dem Feldzuge der Krim zu spielen. Leider sehe ich mich verschiedener Umstände halber genöthigt, interessante Mittheilungen darüber bis auf später zu verschieben, doch werde ich Ihnen dieselben, sobald der günstige Augenblick gekommen, zugehen lassen. Von Sebastopol bis Eupatoria ist die Küste und das Land mit russischen Colonnen und Cantonnements bedeckt, und in diesem Augenblicke die Stadt umgeben von einer Menge Kosaken, einigen Regimentern regulärer Cavallerie und ziemlich starker Feldartillerie. Die russischen Schildwachen sind nur zwei Kilometer von der Landseite der Festung entfernt.

Die Gegend, in welcher die Stadt liegt, ist fast ganz eben, nur an der Quarantaineseite durch einige Sandhügel unterbrochen. Eupatoria ist von einer ungeheuern Ausdehnung, und wenn man nach dem Anblick urtheilen wollte, den es von der Rhede aus gewährt, so wäre man versucht, es für weit bedeutender zu halten als es wirklich ist. Alle russischen Gebäude liegen am Meeresufer; die Tartarenstadt befindet sich an der Landseite. Es ist weder ein Quai noch ein Hafen dort, nur ein Landungsplatz, der allen Stürmen offen steht und sich in einem sehr schlechten Zustande befindet, so daß bei der geringsten Brise das Einlaufen der Schiffe fast unmöglich wird.

Die Stadt, die Straßen und die Häuser sind schrecklich schmutzig, überall sieht man Koth und Pfützen. Die Bevölkerung ist ebenso wenig anziehend als die Stadt selbst, und man behauptet nicht mit Unrecht, daß nach Abzug der Russen die Tartaren und Türken fast Alles zerstört haben, was die Ersteren gebaut. Viele Häuser, die für uns hätten sehr nützlich sein können, sind geplündert und theilweis zerstört und des Holzwerks beraubt, unter Anderen auch eine prächtige Infanterie- und Cavalleriecaserne, ungefähr 500 Meter von der Stadt entfernt an der Quarantaineseite gelegen.

Ehe ich auf genauere Einzelheiten über die jetzigen Zustände eingehe, will ich Ihnen einige Auskunft über unsere Stellung geben. Die Stadt ist jetzt, Dank sei es unserer Seeinfanterie und unserm Geniecorps, nicht allein geschützt vor einem Handstreich, sondern sogar genug befestigt, um einem regelmäßigen Angriffe selbst der ganzen russischen Armee widerstehen zu können. Die Ausdehnung der Festungswerke ist sehr groß, aber es wird nicht [123] an Mannschaft fehlen, da wir bald 50,000 Türken und 18 Batterien Feldartillerie dort haben werden, deren Ankunft wir jetzt entgegen sehen. Die schwächsten Stellen sind mit Thürmen und bastionirten Batterien versehen worden (siehe Abbildung), und alle Eingänge zur Stadt wohlbesetzt.

Jeden Tag kommen verschiedene Detachements der Donauarmee an und Omer Pascha hat sich selbst nach Balaklava begeben, um sich mit den verbündeten Generälen zu berathen. Ein Theil dieser Armee wird in der Stadt untergebracht werden, der andere in einem außerhalb befindlichen, verschanzten Lager, das mit den Festungswerke in Verbindung steht; die ganze Cavallerie wird innerhalb der Stadt einquartirt.

Vor den Wällen sind schon mehr als 50 Kanonen aufgepflanzt. Was den Ort noch besonders fest macht, ist, daß er auf drei Seiten vom schwarzen Meere geschützt ist, und die Kriegsschiffe im Stande sind, auf eine solche Weise Anker zu werfen, daß sie mit ihrem Geschütz das ganze rechts und links von der Stadt gelegene Ufer bestreichen können, die überdies mit Getreide und Fleisch wohl versehen ist, obgleich nach der Ankunft der Armee von Sebastopol ein Theil Schlachtvieh für die Belagerungsarmee gebraucht wurde, das Holz allein fehlt hier wie überall, doch haben die durch einen Windstoß am 14. December Schiffbruch gelittenen Fahrzeuge bis jetzt für die gewöhnlichen Bedürfnisse hingereicht.

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Befestigter Thurm bei Eupatoria.

Ungefähr 2 bis 300 Tartaren sind als Hülfstruppen angenommen worden, sie dienen im Verein mit den türkischen Lanzenreitern, von welchen erst eine Escadron angekommen ist, als Plenkler. Sie scheinen ganz für uns gesinnt zu sein und ich glaube, daß es leicht sein würde, eine große Anzahl von ihnen für uns zu gewinnen und eine starke Truppe aus ihnen zu bilden. Sie sind im Allgemeinen tapfer und ausdauernd.

Zur rechten Seite ist die Stadt noch vertheidigt durch einen Salzsee, der vom Meere nur durch eine Land- oder vielmehr Sandzunge getrennt ist, die ungefähr 400 Meter in der Länge und 4 Kilometer in der Breite hat. An dem Ende dieser Landzunge befindet sich der arme auf den Strand gelaufene „Henri IV.“, jetzt in eine Festung verwandelt, um die Einfahrt zu vertheidigen. Täglich schickt er einige Kanonenschüsse den Kosaken zu welche sich bis zu den Trümmern des weiterhin gestrandeten türkischen Schiffes wagen um wo möglich einige Stücke Holz zu erbeuten, denn auch sie leiden viel durch den Mangel an Brennmaterial und können keines finden in dem Lande, dessen Herren sie sind und das, vollständig flach, keine Erhöhungen darbietet, als hier und da einige Erdhügel, welche den türkischen Vedetten als Vorposten dienen.

An dem andern Ende der Landzunge befindet sich in der Nähe der Stadt ein ganzes Dorf von Windmühlen; es sind deren dort mehr als hundert. Man kann sich keinen Begriff von diesem sonderbaren Anblick machen, besonders wenn bei einem frischen Windstoß alle Mühlen ihre Flügel in Bewegung setzen.

An Baudenkmälern besitzt die Stadt erstens eine schöne und alte Moschee, die durch ihre Majestät sonderbar absticht gegen die Tartarenhütten und ärmlichen russischen Häuser, welche sie umgeben; das Innere ist einfach aber geschmackvoll; dann kommt der Palast des Gouverneurs mit vier Säulen an der Facade, und eine griechische Kirche, die einer ungeheueren Scheune nicht unähnlich sieht und einen sehr geschmacklosen Glockenthurm besitzt. Minarets erheben sich hier und da, aber sie sind weder hoch noch malerisch. Endlich giebt es noch eine ziemlich hübsche Synagoge in Eupatoria, in welcher ein Denkmal von weißem Marmor steht, das die Juden dem Kaiser Nicolaus zu Ehren errichtet haben. Das Lazareth gleicht einem großen Viehhof, und die Mauern, welche es umgeben, sind das Beste daran.

Faßt man Alles zusammen, so muß man zugeben, daß die Stadt, welche zwar durch ihren Handel und ihre Lage wichtig ist doch weiter nichts Merkwürdiges besitzt, als diese Mischung von Türken und Tartaren, Russen und Judenthum und einige Religionsdenkmäler von jedem dieser Völker, die sich in der Mitte von schmutzigen, zerfallenen Häusern erheben und von einigen Judenwohnungen umgeben sind, welche einen größeren Luxus im asiatischen Geschmack aufweisen.