Aus der Menschenheimath/Zweiter Brief

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Textdaten
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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Aus der Menschenheimath
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 18–20
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 2 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
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Aus der Menschenheimath.

Briefe
Des Schulmeisters emer. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Zweiter Brief.

Hast Du Dir schon einmal das Samenkorn einer Pappel angesehen? Wahrscheinlich nicht. Es ist aber der Mühe werth, es zu thun. Im Mai findest Du leicht unter Schwarzpappeln und Silberpappeln oder unter den Espen oder Zitterpappeln die ersten Fruchtkätzchen am Boden liegen. Daran sieht man die aufgesprungenen Fruchtkapselchen mit einer glänzend weißen, herausquellenden Seide gefüllt. Das ist der sogenannte Samenschopf, der an den kaum Sandkorn großen Samenkörnchen sitzt. Diese kleinen Samenkörnchen sind es, die Du Dir einmal gelegentlich ansehen sollst. Sie sind viel kleiner als ein Mohnkern und doch wird aus ihnen die himmelanstrebende Pappel, und doch ist dazu in ihrem Innern Alles ebenso dazu vorgebildet, wie in einem Bohnenkerne, den ich jetzt als Beispiel wählte, um Dir den Bau der Pflanzensamen zu erläutern.

Zu dem Ende habe ich Dir auf dem meinem ersten Briefe beigelegten Blättchen einige Zeichnungen gemacht,[1] die Du, wenn Du willst, leicht mit der Wirklichkeit in der Natur vergleichen kannst.

Du weißt, daß die Bohnensamen in der langen grünen fleischigen Hülsenfrucht geborgen liegen, und mit einem kurzen dicken Stielchen, dem Samenfaden, an der einen Naht derselben befestigt sind. All den schwarzen oder sonst gefärbten Bohnen sieht man einen ovalen Fleck, an welchem dieses Stielchen festgesessen hat: man nennt ihn den Hagelfleck, und Du siehst ihn an Fig. 1. und 2. deutlich; an letzterer mit h bezeichnet. Unter dem Hagelfleck siehst Du an Fig. 2. eine kleine herzförmige Figur, auf welche die Buchstaben m k hinweisen; das ist der Keimmund. Heute mußt Du Dich mit diesen bloßen Namen begnügen. Eine nähere Beschreibung des Keimmundes würde in eine Schilderung der Entstehung und Bildung des Pflanzensamens im Innern der Frucht gehören, worüber ich Dir später einmal Einiges erzähle. Bei dem Keimen hat der Keimmund wahrscheinlich keine besondere Bestimmung; dagegen hat er dann eine sehr wichtige bei der ersten Bildung des Samens. Auf der anderen Seite des Hagelfleckes bemerkt man durch eine leichte Anschwellung den unter der Samenschale liegenden Keim, wenigstens was man im gewöhnlichen Leben Keim zu nennen pflegt. Der wissenschaftlichen Auffassung nach ist es aber nur die eine Hälfte des Keimes, nämlich sein Würzelchen. Es ist auf Fig. 2. mit w bezeichnet; und Du siehst davon einen Riß in der Samenschale, denn immer macht sich, wie Du weißt, zuerst das Würzelchen aus den Banden der Samenschale frei, tritt heraus und dringt zur Wurzelung in den Erdboden. Wenn man einem gequellten Bohnenkerne, oder einer Mandel, Erbse, Wicke, Linse, Eichel die Samenschale nimmt, so zerfällt der nun nackte Same leicht in zwei gleiche Hälften, die im Samen mit einer glatten Fläche an einander liegen und nur an einem Punkte (bei Eichel und Mandel an der Spitze) zusammenhängen. Wir werden gleich sehen, was diese beiden Körper zu bedeuten haben und wie sie die Wissenschaft benennt. Bei der Bohne liegt nun an der Hagelfleckseite seitlich zwischen diesen beiden Körpern, – der eine sichtbare in Fig. 3. ist mit s. bezeichnet – der Keim, k, und ist nur an dem Punkte, neben dem das * steht, mit diesen und diese unter sich verbunden. Fig. 3. zeigt deutlich, daß der Keim aus zwei Hälften besteht; von [19] dem * abwärts aus dem Würzelchen, aufwärts und nach links aus dem sogenannten Federchen, f; so nennt man nämlich den Theil des Keimes, aus welchem der Stamm oder Stengel der Pflanze wird. Am Federchen der Bohne sehen wir deutlich zwei kleine um einander geschlagene Blättchen, die Keimblättchen; die beiden ersten, welche aus dem keimenden Samen erwachsen und welche einzeln, nicht zu dreien stehen, wie es bekanntlich mit allen übrigen Bohnenblättern der Fall ist. Wir kommen nun zu den beiden großen Körpern, s, zurück, welche fast ganz allein den Bohnensamen und die vorhin genannten und von noch vielen andern Pflanzenarten bilden. Wir nennen sie die Samenlappen. Hängt nun der Keim an ihnen, oder hängen sie am Keime? In solchem Samen, wo sie der größere Theil sind, möchte man das erstere annehmen. Aber insofern der Keim die Hauptsache ist und er sich nach dem Keimen mächtig entwickelt, die Samenlappen aber nicht mehr und nur noch wenig, so sieht man bald, daß es richtiger ist, zu sagen, die Samenlappen hängen am Keime. Fig. 4 zeigt dies augenscheinlich. Sie stellt ein Keimpflänzchen der Bohne dar. Das Würzelchen und das Federchen des Keimes haben sich, jenes zur abwärts steigenden Wurzel, dieses zum aufwärts steigenden Stengel zu entwickeln begonnen, und da, wo beide, nach entgegengesetztem Richtungen sich verlängernd, verbunden sind, hängen die Samenlappen.

So wie hier an der Bohne beschrieben, ist wenigstens in den wesentlichen Haupttheilen der Same der meisten vollkommneren Pflanzen gebildet. Wir werden jedoch nachher auch eine ganze Abtheilung des Pflanzenreichs kennen lernen, zu welcher unsere Halmgetreide, alle Gräser, die Zwiebelgewächse u. s. w. gehören, bei deren Samen sich die Samenlappen anders verhalten.

Ohne jetzt auf die zahllosen Verschiedenheiten in nebensächlichen Dingen des Baues der Pflanzensamen eingehen zu können, lasse ich nun dieser allgemeinen Beschreibung des Baues eine Schilderung des Keimens der Samen folgen.

Wir bleiben bei der Bohne und denken uns jetzt einen gesunden keimfähigen Samen derselben in den Boden gelegt.

Drei Hauptbedingungen werden zum Keimen eines Pflanzensamens erfordert: Feuchtigkeit, Luft oder bestimmter der Sauerstoff der Luft, und Wärme. Von letzterer reichen bei unserer einheimischen Temperatur 7 bis 8° R. hin. Der Boden ist hier nicht mit unter diesen Hauptbedingungen genannt, weil er nicht sowohl zum Keimen, als vielmehr zur später erfolgenden Anwurzelung und Sicherstellung der Nahrungszuführung erforderlich ist.

Nach einiger Zeit finden wir in einem hinlänglich feuchten Boden die Samenschale der Bohne runzelig. Das kommt daher, weil sie sich durch Einsaugung von Feuchtigkeit ausgedehnt hat und also größer, weiter geworden ist. Nach abermals einiger Zeit ist die Samenschale wieder glatt. Dies rührt nicht daher, daß sie die aufgesogene Feuchtigkeit wieder fahren gelassen hat, sondern daher, daß durch sie hindurch nun auch der Keim und noch mehr die Samenlappen Feuchtigkeit eingesogen haben, wodurch auch sie an Größe etwas zugenommen haben und nun die Samenschalen wieder ganz ausfüllen und glätten. Die Samenschale hat nun ihre Rolle ausgespielt. Sie muß auf ihrer ganzen Oberfläche fortwährend Feuchtigkeit zu den innern Samentheilen hindurchgehen lassen. Dadurch schwellen diese immer mehr an, so daß die Samenschale, die sich nicht weiter ausdehnt, bald zu eng wird und meist in der Gegend, wo das Würzelchen liegt, platzt und abgestreift wird. Nachdem dies geschehen und das Würzelchen in den Erdboden eingedrungen ist, so tritt dieses sofort sein Amt an, welches in der Wasseraufsaugung besteht. Dies Wasser braucht aber noch kein solches zu sein, welches viel nahrhafte Bestandtheile aufgelöst enthält. Destillirtes, also ganz reines, von allen fremden Bestandtheilen freies Wasser würde jetzt noch einige Zeit ausreichen, das Keimpflänzchen in seinem Wachsthum zu erhalten. Wie geht das zu? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir jetzt die Samenlappen etwas genauer untersuchen. Sie bestehen aus einem sehr feinen Gewebe zahlloser, außerordentlich kleiner Zellen, in denen Stärkemehl, fette Oele, Zucker u. dergl. enthalten ist. Diese Stoffe lassen sich durch kohlensäurehaltiges Wasser – etwas Kohlensäure enthält jedes Wasser – auflösen und so in eine sehr nahrhafte Kost für das Keimpflänzchen umwandeln. Da nun, wie wir gesehen haben, der Keim an einer kleinen Stelle mit den Samenlappen zusammenhängt, so tritt an dieser Stelle aus den letzteren dieser nahrhafte Saft in das Zellengewebe des Keimes über und ernährt ihn. Erst wenn alle in den Zellen der Samenlappen enthaltenen Stoffe aufgelöst und von dem Keimpflänzchen aufgezehrt sind, ist es erforderlich, daß nun durch Aufnahme aus dem Boden durch die Wurzel die Nahrungszufuhr ohne Unterbrechung fortgesetzt werde. Du siehst also, daß die Samenlappen Proviantbehälter sind, welche die Mutterpflanze ihrem kleinen Samenkindlein auf die Reise durch die Welt mitgegeben hat. Nachdem die Samenlappen ganz ausgesogen sind, welken sie meist schnell und fallen ab.

Während dieses hier beschriebenen Keimungs-Vorganges finden in den Samenlappen förmliche chemische Processe statt. Es ist nicht etwa ein schlafendes Leben im Keime anzunehmen, was während des Keimens geweckt wird. Das kohlensäurehaltige Wasser löst ganz einfach nach chemischen Gesetzen z. B. das in den Samenlappen enthaltene Stärkemehl auf, wobei noch einige andere dicht unter der Samenschale liegende Stoffe mitwirken; verwandelt das Stärkemehl in Zucker und dieser wird nun durch andere Zellenparthien in den Stengelkeim oder das Federchen geleitet, in dessen Zellen er neue chemische Processe hervorruft, die, wie alle chemischen Processe, mit Bewegungs- und Formungserscheinungen verbunden sind. Sind die Bestandtheile eines Samens und insonderheit der Samenlappen leicht chemischen Veränderungen und daher der Verderbniß, als Verstocken, Sauer- oder Ranzigwerden unterworfen, so verlieren auch solche Samen leicht und bald ihre Keimkraft, oft schon nach einem Jahre; weil eben dann die Bestandtheile in ihnen nicht mehr geeignet sind, durch die gesunden chemischen Processe das Wachsthum, d. h. die Bildung neuer Zellen, zu vermitteln. Es ist namentlich bei ölreichen Samen, z. B. bei den Bucheckern, oft sehr schwer, ihre Keimkraft zu erhalten, weil ihr Oel schnell ranzig wird. Andere Samen behalten Hunderte von Jahren ihre Keimkraft. Man kann doch hier nicht sagen, daß in jenen ein zarteres, vergängliches Leben schlummere, in diesen ein zäheres!

Du wirst nun auch begreifen, weshalb gemalzte, d. h. gekeimte Gerste süß schmeckt. Das in ihnen enthalten gewesene Stärkemehl ist durch das beim Keimen eingesogene [20] kohlensäurehaltige Wasser in auflösbaren Zucker umgewandelt worden, welcher zur Ernährung des Keimens dienen sollte, den nun aber der Brauer zum Bierbrauen verwendet.

Es bleibt mir nun nur noch einiges über Fig. 5.–10. zu sagen übrig. Du wirst erkennen, daß sie das Keimen des Weizenkornes darstellen sollen. Fig. 5. 6. und 7. stellen das Weizenkorn von drei Seiten dar; 5. und 7. zeigen unten die Stelle, wo innerlich der Keim liegt; 6. zeigt die sogenannte Samenfurche; Fig. 9. zeigt ein Weizenkorn durch die Samenfurche, f, der Länge nach gespalten, und Fig. 8. ein anderes in der Mitte quer durchschnitten. Was hier die Hauptsache ausmacht, ist nicht Samenlappen, sondern der sogenannte Eiweißkörper, e, der hier die Stelle der nahrungspendenden Samenlappen vertritt. Er ist bekanntlich durchaus mit Mehl, was wir botanisch Stärkemehl genannt haben, erfüllt. Fig. 9. zeigt uns unten die Stelle des Keimes, k, an dem wir ebenfalls, nur viel weniger deutlich vorgebildet, das Würzelchen, w, und das Federchen, f, unterscheiden. Unter letzterem liegt der Samenlappen, der hier einfach ist, und beim Keimen, Fig. 10., blattähnlich hervortritt, nachdem auch hier zuerst das Würzelchen die Samenschale durchbrochen hat.

Indem ich hier meinen langen Brief schließe, hebe ich noch besonders hervor, daß also, indem wir Bohnen, Erbsen, Linsen, Mehlspeisen genießen, etwas genießen, was von der Natur recht eigentlich zum Genossenwerden bestimmt ist. Nur nicht für uns, sondern für die kleinen winzigen Samenkeime, die wir mit sammt der ihnen geraubten Nahrung verschlingen.


  1. S. Nr. 1.