Aus der Wendei

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Autor: Th. Campe
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Titel: Aus der Wendei
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 864–867
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus der Wendei.
Schilderung von Th. Campe. Mit Abbildungen nach Photographien von Oskar Meister in Bautzen.

„Und übers grüne Heideland
Trabe, mein Rößlein, trabe.“

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Wendische Braut.

Heidekorn, Milchhirse, schweigsame, mißvergnügte Mongolengesichter, ungedielte Stuben und trostlose Sanddünen, das sind so ungefähr die Grundfarben der landläufigen Vorstellungen über die Wendei; haben diese sich doch im sächsischen Volk zu den Spottnamen „Wendische Türkei“ oder gar „Hundetürkei“ verdichtet.

Die Oberlausitz mit der vielgethürmten uralten Wendenstadt Budyssin (Bautzen) kann unmöglich gemeint sein, denn sie ist eines der lieblichsten Gelände im weiten Deutschland, und dazu giebt es dort wohlhäbige Bauerndörfer in Fülle. Die Heerführer des Dreißigjährigen Krieges, ebenso Friedrich der Große und Napoleon I. wußten nur zu gut, warum sie mit ihren Heeren immer wieder die Oberlausitz überschwemmten und hier ihre Schlachten schlugen; sie fanden hier eine reiche Gegend, die ihre Armeen leicht beherbergen und ernähren konnte. Ebenso sind die alten lausitzer Götterberge, der „schwarze Gott“ und der „weiße Gott“, der „Czerneboh“ und der „Bileboh“, von Touristen überlaufen wie von Ameisen, und diese waldreichen, schöngeformten und um ihrer vorgeschichtlichen Bedeutung willen äußerst merkwürdigen Berge verdienen das auch in reichem Maße, sie gehören zu den schönsten Mittelgebirgen im weiten Vaterland. Bautzen selbst ist das Ziel von Tausenden schaulustiger Wanderer, es liegt auch mit seiner Ortenburg, seiner stimmungsvollen Kirchenruine, seinen Thorthürmen und dem schönen Rathhaus malerisch wie ein kleines Prag auf stattlicher Felsenhöhe.

Und der Norden der Wendei? Nun, der ist ja in wenig Jahren ein liebes Schoßkind der Berliner geworden. Wer kennt nicht den Spreewald mit seinen stillen Wasserspiegeln, seinen thurmhohen Erlengruppen, seinen grünen Kaupen (Inseln, von Kanälen umgeben) und daran die Mühlen mit den moosbewachsenen Mühlrädern; und im Winter, wer hätte sie nicht wenigstens im Bilde gesehen, die spiegelglatten Eisflächen auf den Tausenden von Rinnsalen mit ihrer hellen Volkslust?

Also können sich die Spottnamen nur auf den Theil der Lausitz beziehen, der mitteninne liegt, auf die „Wendische Heide“. Das ist nun freilich ein armes, sehr armes Land. Sagt doch der Wende selbst von ihm, unser Herrgott habe aus Versehen einen Sandsack umgehängt, wie er als Sämann die Erde überschreitend in die Gegend von Sprey, Tschölln und Slepa kam. Aber es ergeht der Heide wie so manchen mit Worten unbeholfenen Menschen – man lernt sie schwer kennen, weil sie so gar nichts Einladendes haben. Man muß in die Heide selbst etwas poetische Stimmung mitbringen, wenn man ihrer Poesie theilhaftig werden will, sonst bleibt sie uns eben eine – Hundetürkei.

Für den ethnographischen Forscher, für den Freund eines reinen bäuerlichen Volksthums ist die Heide weitaus der werthvollste Theil der ganzen Wendei. Hier sitzt noch der Rest eines untergehenden Volkes, kaum berührt von den Wogen des Germanismus. Wie sie leben und weben, diese Heidebauern in ihren einsamen Dörfern, versteckt hinter Sanddünen und vereinsamt in großen unabsehbaren Kieferwäldern, so lebten auch unsere wendischen Vorsassen, die einst unsere deutsche Erde bepflügten und besäten bis an die Pegnitz bei Nürnberg, den Main bei Bamberg und bis über die Trave bei Lübeck hinaus.

In der Bautzener Gegend wie im Spreewald sucht man alte Wendengräber auf, gräbt Heidenschanzen um und schleppt mühsam gelehrtes Material herbei. Ich sollte meinen, es sei für den Gelehrten mindestens ebenso dankbar, in die Heide zu gehen und an dem lebenden Geschlecht, an dem stillen unberührten Völkchen Studien zu machen. Jetzt wär’s noch Zeit, aber auch jetzt schon muß man zu solchem Zweck die abgelegensten Heidedörfer aufsuchen.

Der Volkscharakter der Wenden ist wie derjenige aller Nordslaven ein friedliebender. Die Heidenschanzen, die uns oft wie diejenigen beim Dorfe Ostro durch ihre Größe verblüffen, haben ausschließlich der Vertheidigung gedient. Mißvergnügt sind die Leute keineswegs, im Gegentheil, ich habe sie immer heiter und freundlich, sogar mittheilsam gefunden. Nur dort, wo sie keinen Grundbesitz erwerben können, wo sie auf fremder Scholle hausen müssen, habe ich wohl etwas Gedrücktes, aber selbst dann nichts Unzufriedenes an ihnen beobachtet. Aus ihren zahlreichen Volksliedern spricht eine tiefe Gutmüthigkeit, ein wehseliges Denken und vor allem eine große Liebe zur Geselligkeit. Und wie gut behandeln sie ihre Thiere! Ein wendischer Pferdeknecht hat mehr Kosenamen für seine Gäule als mancher unserer jungen Bursche für seinen „herzallerliebsten Schatz“. Die Hälfte aller Dresdener Fuhrwerksbesitzer trägt wendische Namen, ein Beweis, wie die gute Behandlung der Thiere auch zu wirthschaftlichen Erfolgen beiträgt, denn diese Leute sterben nicht selten als reiche Fuhrherren. Im sächsischen Gardereiterregiment sind die wendischen Soldaten bekannt als ausgezeichnete Pferdewärter.

Unter sich pflegen sie, wenn es irgend die Umstände erlauben, äußerst lebhafte Gespräche. Es war mir völlig neu, etwa ein Dutzend Leute, die beim Heumachen über eine Wiese vertheilt waren, in eine lang andauernde, sehr angeregte Unterhaltung verwickelt zu sehen, und zwar ohne Nachtheil für die kräftig geförderte Arbeit. Das Gespräch mußte der Entfernung wegen so laut [865] geführt werden, daß ich es für einen Streit hielt, und erst die Lachsalven dazwischen belehrten mich eines Besseren. Haben die wendischen Mägde niemand, mit dem sie sich aussprechen können, so unterhalten sie sich mit ihren Kühen, als wenn es Freundinnen wären. Erfreulich ist es auch, die wendischen Volksgruppen in Dresden zu sehen. Das lacht und kichert und schmeichelt und schüttelt sich die Hände, als gälte es, das Maß der Freundschaft vollzurütteln wie einen Scheffel Getreide. Fänden sie einen Defregger, der sie der gebildeten Welt künstlerisch darstellte, wie sie sind, ganz Deutschland würde das Völkchen liebgewinnen.

Die Gartenlaube (1891) b 865.jpg

Bautzen.

Die gesammte wendische Sprachinsel umfaßte nach der letzten Volkszählung in der sächsischen Oberlausitz 56354, in der preußischen Oberlausitz 37307, in der preußischen Niederlausitz 66071 Wenden. Verstreut lebten in Sachsen und Preußen 4402, und die Wenden in der Fremde schätzt man auf 3000. Im ganzen sind noch 105 wendische Pfarrbezirke mit 763 Dörfern vorhanden, räumlich umfassen diese Bezirke etwa 65 Quadratmeilen.

Das ist der Rest von den weiten Slavengebieten, die im Laufe der letzten Jahrtausende von der germanischen Völkerbrandung verschlungen worden sind. Wie ein unabweisbares Naturgesetz geht der Absterbeprozeß vor sich. Niemand leitet ihn, niemand beschleunigt ihn, es hat auch niemand einen Vortheil davon, ihn zu beschleunigen – und doch rückt er in immer schnellerem Gange vor. Vor etwa 8 Jahren bezeichnete mir ein Stammtisch von Camenzer Bürgern einmüthig das Dorf Jesau als das erste echte und gerechte Wendendorf. Von dort her kämen die meisten Wenden nach der Camenzer Wendenkirche. Schon andern Tages konnte ich dieselben Herren mit der Mittheilung überraschen, daß ihr Nachbardorf sozusagen über Nacht deutsch geworden sei. Die Jesauer verstanden zwar noch wendisch, aber sie sprachen es nicht mehr, und als ich einige ältere Leute fragte, warum sie nun nicht auch in den deutschen Gottesdienst gingen, gaben sie die etwas praktisch nüchterne Antwort: „Wir wollen uns nicht erst deutsche Gesangbücher kaufen.“ Also eine Geldfrage! Uebrigens waren auch einige der Meinung, die wendische Predigt höre sich doch erbaulicher an – jedenfalls spielt da Gewohnheit und Erinnerung eine wesentliche Rolle. Ein Jesauer Gutsbesitzer von etwa vierzig Jahren versicherte mich, er habe bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr das Deutsche nicht verstanden, auch im Gehöft unter dem Gesinde sei niemand gewesen, der anders als wendisch gesprochen habe; jetzt sei niemand mehr da, der anders als deutsch rede, und doch seien sie alle als Wenden geboren. Auf meine Frage, wie denn das so gekommen sei, wußte er mir eigentlich keine Erklärung zu geben; der Wandel hatte sich unbemerkt vollzogen. Ein witziger Knecht meinte, das ganze Gehöft habe sich nach und nach deutsch angeraucht wie des Bauern Meerschaumpfeife. Als ich zwei Matronen des Kuhstalls fragte, warum sie nicht wenigstens unter sich das Wendische in Uebung hielten, wußten sie mir auch keinen Grund anzugeben. „’S ist eben so,“ meinten sie achselzuckend. Ich wies dann später in der Schenke auf die sogenannten „wendischen Päpste“ hin, die mit Gewalt das alte Wendenthum erhalten und das deutschgewordene am liebsten zurückbilden möchten, und erkundigte mich, ob denn das Landvolk gar keine Furcht vor ihnen habe. Da lachte der ganze Tisch, und der witzige Knecht meinte: „Ein Pfeifenkopf läßt sich nicht wieder weiß rauchen.“

Und doch kommen Rückfälle vor, sogar von recht tragischer Natur. Ein Arzt erzählte mir, daß die meisten alten Leute, die sich zum Sterben legen, in ihren letzten Augenblicken ganz [866] unvermittelt wieder anfangen, ihre Muttersprache zu reden, und daß sie ihre Kinder in einer Sprache segnen, die diese nicht mehr verstehen. Auch in Fieberphantasien soll zuweilen die Ursprache des Volkes wieder die Oberhand gewinnen – eine psychologisch gewiß nicht gleichgültige Wahrnehmung.

Eine Scene von einem drolligen Durcheinander erlebte ich in einem halbverdeutschten Dorfe. Eine Woika, eine wendische Großmutter, ereiferte sich auf wendisch über ihren ungezogenen Enkel, einen etwa sechsjährigen Jungen mit einem für diese Gegend ungewöhnlich muthwilligen Gesicht. Der Junge war nicht zu bewegen, sein Unrecht einzusehen, und schwieg. Da ergriff der Vater, der Sohn der Woika, einen „echten“ Ochsenziemer, also keinen von Leder, und hieb mit kräftigen deutschen Begleitworten seinem Sprossen die Jacke voll. Der Woika ging der väterliche Zorn zu weit, sie wiegelte auf deutsch ab und bat schließlich um Einhalt; der Enkel nahm das Mitleid schnell wahr und bat seinerseits auf wendisch die Großmutter um Hilfe. Der Vater prügelte auf deutsch weiter, die Woika schimpfte erst wendisch, dann deutsch über Unbarmherzigkeit, und endlich beendigte der väterliche Strafrichter den Auftritt mit einer wendischen Bemerkung, welche die „Schwachheit der Frauen im allgemeinen“ zum Gegenstand hatte. Es war, als hätten sich die drei Betheiligten förmlich verabredet, nie in derselben Sprache zu antworten, als benutzten sie diesen Gegensatz, um ihren Meinungsverschiedenheiten einen recht bestimmten Ausdruck zu geben.

Einen höchst überraschenden Eindruck machen öfters auch Sprachrückfälle in längst germanisierten Dörfern. Da sitzt ein halbes Dutzend Bauern plaudernd beisammen in der Schenke. Irgend ein Zwiespalt giebt Anlaß zum Streit, man wird heftiger, es bilden sich Parteien – soweit bewegt sich alles in den überall herkömmlichen Formen. Das Eigenartige kommt erst, wenn auf einmal die ganze Gesellschaft in eine wildfremde Sprache fällt. Man möchte sich dann fragen, ob man nicht plötzlich aus der Dresdener Pflege einige hundert Meilen hinter Warschau versetzt worden sei! Einige dazwischengeworfene wendische Fluchworte bilden gewöhnlich die Vorläufer, und dann fährt die slavische Sprache wie aus einem lang verstopften Quell hervor und schießt mit Zischlauten durcheinander wie Zündraketen. Mit der Sprache wechselt gewöhnlich auch das Getränk: der „Palenz“, der Branntwein, tritt an die Stelle des Bieres, und die Bierseidel sollen häufig nur noch dazu da sein, um die Härte der Wendenschädel einer Probe zu unterziehen.

Wie der Wende im Spreewald lebt und sich häuslich einrichtet, das ist oft beschrieben; der Oberlausitzer, der sächsische Wende zeigt in seinen Bauerngehöften keinen wesentlichen Unterschied vom obersächsischen Bauer. Fremdartig sind uns Deutschen nur die Heidedörfer. In Sprey z. B. finden sich Bauernhöfe, die man für Indianerheimstätten halten könnte. Unser letztes Bildchen zeigt noch eines der stattlicheren Güter; daneben giebt es Hütten, deren Dachfirsten eingedrückt sind wie der Rücken einer alten Mähre, deren Fenster verschoben und so klein sind, daß man kaum den Kopf hindurchzustecken vermag, und deren Thüren für ein Zwergengeschlecht eingerichtet zu sein scheinen. Die ganze Giebelbreite mancher Bauernhäuser übersteigt kaum drei Meter. In dieser kümmerlichen Enge der Wohnungen weichen die Sserbjo, wie sich die Wenden selber nennen, von ihren Stammverwandten, den Tschechen, vollständig ab. Die letzteren bauen ihre Bauernhäuser groß und behäbig mit hohen Dächern und tiefen Zimmern, sie wissen sich überhaupt sehr behaglich einzurichten, während der Wende, wenigstens in der Heide, wo doch gar kein Holzmangel ist, sich drückt, bückt und schmiegt, als suche er recht arm, noch ärmer, als er ist, zu erscheinen.

Im Innern der Hütten sieht’s meist etwas freundlicher aus; das gesammte Hausgeräth macht einen bäuerlich alterthümlichen Eindruck, angehaucht von einer kulturgeschichtlichen Patina. Man glaubt in den Schnörkeln an den Enden der Stangen, die um den Ofen laufen, oder an den Bettpfosten uralte Wendengötter zu erblicken. Sehr angenehm fällt die naive Freude an entschiedenen Farben ins Auge.

Ein Viertel vom ganzen Zimmer nimmt der „Kachelke“, der Ofen, ein. Er besteht meist aus farbigen Hohlkacheln, die nicht nur freundliche Wärme, sondern auch gemüthliche Lichter um sich verbreiten. Das haubenförmige, ungeschlachte Ofengebilde macht den Eindruck eines freundlichen Hausgötzen, und so mag er wohl auch den Hausbewohnern erscheinen. Einen „himmlisch schönen“ Platz für die rauhe Winterszeit hat sich der Wende zwischen Ofen und Wand eingerichtet. Hier träumt er auf hölzerner Pritsche, läßt die Katzen um sich schnurren, und darunter schmiegen sich die Jagdhunde. Selbst die Hausfrau, die sonst alle Räume um den Ofen in Beschlag nimmt, läßt diesen Platz unangetastet, er gehört ein für allemal allein dem Hausherrn.

Neben dem Ofen ist der Hauptgegenstand der Zimmereinrichtung das Ehebett, oft buntblumig bezogen und mit Bauernmalereien versehen. Das Bett ist überhaupt ein Stolz der slavischen Hausfrau; in Böhmen sind es wahre bäuerliche Luxusungethüme, die auf den Fremden einen fast beängstigenden Eindruck machen. Ein anderer Stolz der Wendenfrau ist das Tellerbrett. Hier glitzert’s und schimmert’s bunt und anheimelnd von hochrothen Rosen, tiefblauen Vergißmeinnicht, schwefelgelben Primeln, und die Kränze um die Schüsseln sind in einem so fetten Grün gehalten, wie es sonst in der ganzen Heide kaum vorkommt. Der „Spiehel“ (Spiegel) scheint nur um seiner selbst willen da zu sein, er hängt in der Regel so hoch und unbequem, daß niemand ohne einige Mühe sein liebes Ich darin wiederfindet. In diesen engen niedrigen Räumen haust ein großes gesundes Geschlecht. Man ist oft verwundert, was für schöne Gestalten unter den niedrigen Thüren hervorkriechen, die Frauen stark und breithüftig, die Männer hochschulterig und schlank. Vielleicht verdanken sie das nur dem Festhalten an ihrer alten und gesunden Bauernkost, die in Milchhirse, Hafergrütze, Heidekornbrot und Bohnen besteht. Hier und da sind die Spuren des Branntweintrinkens unter den Männern unverkennbar, es muß aber zu ihrer Ehre gesagt werden, daß sie immer gern zum Bier übergehen, wenn sie wohlhabender geworden sind. Die Armuth zwingt ihnen das billige Genußmittel auf, von dem sie recht wohl wissen, wie sehr es sie schädigt. „Palenz je Walenz“ lautet ein wendisches Sprichwort, das heißt „der Branntwein ist ein Umwerfer“, und damit meint der Wende, daß er nicht nur Menschen, sondern auch „Häuser umwerfe“, ganze Wirthschaften zu Grunde richte.

Die Trachten der Wenden sind sehr vielgestaltig, aber auf eine nähere Beschreibung der einzelnen einzugehen, würde sich kaum lohnen; meist sind sie sehr bunt, für unser nervöses Auge oft schreiend. Die Weiber tragen sich nicht sehr kleidsam, sie verbilden sich durch ihre dicken Bauernröcke. Sehr hübsch aber sehen die Männer um Slepa aus mit ihren weiß eingefaßten langen blauen Röcken.

In demselben Kirchspiel wird die Trauer in einer von der unseren ganz verschiedenen Weise zum Ausdruck gebracht. Die Frauen hüllen sich einschließlich des Kopfes in schneeweiße Gewänder, die bis zur Erde reichen. Nach Verlauf der tiefen Trauer tritt mit einem kurzen weißen Mäntelchen, ähnlich einer spanischen Mantilla, die Halbtrauer ein, und für das Austrauern benutzt man einen breiten weißen Halskragen. Ich sah in Slepa einen schneeweißen Leichenzug, der mich gar seltsam berührte. Ueberhaupt gehört ein Sonntag in dem reinen Wendendorf Slepa (Schleife) als Gast des Pfarrers Hanko Welan zu meinen eigenartigsten Erinnerungen. Eine so farbenstrotzende Kirchengemeinde dürfte in ganz Europa nicht ein zweites Mal zu finden sein.

Unser Bild „Wendische Hochzeitsgesellschaft“ zeigt uns wendisches Bauernvolk aus der reichen Bautzener Gegend und aus einem der sieben Klosterdörfer, die zum Wendenkloster Mariastern gehören. Das Mädchen mit dem Blumenstrauß ist die „Njewesta“, die Braut. Der eigentliche Brautschmuck besteht in zahlreichen Gold- und Silberketten und der „Borta“, der hohen Brautmütze. Der Mann daneben mit dem Bauernhut und der Schärpe ist der „Nowoschnja“, der Bräutigam. Hinter dem Brautpaar steht der „Braschka“, der Hochzeitsbitter mit dem üblichen Dreimaster, und im Hintergrund links die mächtige Bauerngestalt, mit der Doppelschärpe angethan, ist der „Swat“, der Hauptzeuge. Die Frauen und Mädchen mit den weißen Häubchen sind die protestantischen, die mit den schwarzen die katholischen „Druschky“, die Brautjungfern und Zeugen. Das feine seidene Tuch, welches die Brust des Braschka schmückt, wird nach altem Herkommen von den Verlobten als ein Geschenk gegeben, und seine Kostbarkeit stellt eine Art Maßstab für den Reichthum des Brautpaares dar. Das Leben und Treiben auf den wendischen Hochzeiten unterscheidet sich weniger als die Trachten von den deutschen Bauernhochzeiten. Der geladene Gast, oft auch der ungeladene, zahlt an den Hochzeitgeber einen baren Betrag, der seinem Vermögen entspricht, und erkauft sich damit das Recht, möglichst viel zu

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Wendische Hochzeitsgesellschaft.

essen und zu trinken. Der Hochzeitgeber wird damit zum Gastwirth, das Familienfest zum Dorffest auf gemeinschaftliche Kosten, aber mit einem Unternehmer, eben dem Hochzeitgeber. Als eine slavische Besonderheit erschien mir der Gebrauch, daß die junge Frau nach der Hochzeit ihre neue Heimstätte vier Wochen lang nicht verlassen darf – „sonst hält die Ehe nicht“, sagt man.

Eine slavische Einrichtung sind auch die Singebänke auf den Dorfplätzen der Heidedörfer, wo die jungen Mädchen Sonntag nachmittags nach sonst ganz unbekannten Melodien fromme Lieder singen.

In der Gesichtsbildung ist das slavische Gepräge meist sofort zu erkennen, nur in den halbdeutschen Dörfern mischt sich der obersächsische Typus, der selbst an den slavischen streift, mehr oder weniger stark herein. Gutmüthig sehen die Wenden immer aus, Arbeitsamkeit und Duldsamkeit sind die Aeußerungen dieser guten Seiten ihres Wesens, und die Adelsgeschlechter, die sich zwischen ihnen festsetzten, haben diese Vorzüge recht wohl wahrgenommen.

An ihrer armen Scholle hängen sie mit großer Liebe. Weit fort wandern sie nie gern, meist suchen sie sich Dienste in den umliegenden Städten, und besonders Dresden ist ein Mekka für wendische Dienstboten. Hier können sie wendische Predigten hören,

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Bauerngehöft in Sprey.

hier treffen sie viele ihres Stammes, und wenn’s noth thut, so können sie rasch wieder daheim sein bei ihren Sanddünen. Alljährlich um die winterliche Sonnenwende findet sich das dienstlose wendische Gesinde an der katholischen Hofkirche in Dresden ein. Es entwickelt sich ein regelrechter Markt mit Agenten, Steigen und Fallen der Löhne. Aber die erste Frage der Dienstsuchenden ist nicht die nach dem Lohne, sondern nach der Entfernung des Gehöfts, wohin sie sich verdingen sollen. Ueber eine halbe Tagereise gehen sie nicht gern von Dresden fort, und gewitzigt fragen sie neuerdings, ob Eisenbahnstunden oder Wegstunden gemeint sind.

Die Zukunft des Völkchens ist leicht vorauszusagen. Die wendische Sprache steht seit undenklichen Zeiten still, sie ist eine Bauernsprache geblieben, die gar keinen Anlaß hatte, neue Begriffe und Wortbildungen in sich aufzunehmen. Alle die neuen Kulturbegriffe, wenn sie überhaupt bis in die Heide vordringen, werden durch die Deutschen vermittelt, und diese bringen gleich die Wörter mit. Selbst ältere Einrichtungen wie solche des Militärwesens, der Gemeindeverwaltung u. a. werden nur mit deutschen Wörtern bezeichnet. Neuerdings hat der Panslavismus von seinen hochgehenden Wogen auch einige kleine Wellen über die Wendei ergossen. Man hat sich in Moskau und Prag des Wendenstammes erinnert und versucht, ihm neue Wörter, namentlich aus dem Tschechischen und Polnischen, zuzuführen und sich den Stamm als einen Vorposten gegen den anstürmenden Westen zu erhalten. Man hat versucht, die tschechischen Druckzeilen, die wie Stacheldraht über das Papier laufen, einzuführen. Aber bis jetzt war der Liebe Müh’ vergebens.

Auf der anderen Seite möchte ich indeß auch vor künstlicher Beschleunigung des Germanisierungsprozesses warnen; er vollzieht sich so harm- und schmerzlos, so von selbst, daß jedes Eingreifen auch in Zukunft überflüssig erscheint. Auch vor Ungeschicklichkeiten sollte man sich mehr hüten. Wie man nur aus einem Dorfe, ich glaube Miworas, „Mühlrose“ und aus Lichan „Leichnam“ machen kann! Ein Dorf Namens „Leichnam!“ Abscheulich!

Also Ruhe und Einsicht auf beiden Seiten! Das Völkchen wird ganz von selbst wie die Nachbarn alle zu einem gut deutschen Volksstamm heranreifen, es wird wohlhabender werden, es wird dem Palenz entsagen, es wird mit der Zeit auch einen leisen Zug von Mißtrauen ablegen. Was es aber nicht ablegen soll, das ist seine Lebenslust, sein Fleiß, seine Treuherzigkeit und seine echt bäuerliche gesunde Naivetät.