Böhmische Glasindustrie

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Textdaten
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Autor: A. B.
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Titel: Böhmische Glasindustrie
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, 23, S. 373–375, 386–387
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[373]
Böhmische Glasindustrie.
Von A. B.


Nur wenige Gegenden bieten auf einer verhältnißmäßig kurzen Strecke so viele landschaftliche Reize und eine so interessante Gewerbthätigkeit, wie die Thäler der Neisse und Iser, die sich von Reichenberg in Böhmen östlich bis zur schlesischen Grenze hinziehen. Einer der bedeutendsten Zweige von Böhmens altberühmter Glasindustrie hat in jenen Thälern seinen Sitz und von hier aus werden unglaubliche Massen von Perlen, imitirten Edelsteinen in allerhand Fassungen, Milliarden von Glasknöpfen sowie Krystallglasartikel jeder Art nach allen Welttheilen gesandt, und man kann dreist behaupten, daß es kein Land der Erde giebt, welches nicht von hier aus wenigstens mit irgend einem dieser glänzenden und dabei doch so billigen Artikel versorgt wird.

Sonderbar erscheint es, daß bisher gerade jene Gegenden von den Touristen fast ganz vernachlässigt wurden. Wie viele Tausende eilen auf dem Schienenwege an Reichenberg vorüber gen Süden, dabei höchstens der stattlichen Jeschkengebirgskette einige flüchtige Blicke zuwerfend und die genannten romantischen Thäler unbeachtet „links liegen“ lassend, ohne zu ahnen, welcher Schatz für Auge und Wissen ihrer hier geharrt hätte.

Reichenberg, wo wir behufs unserer Wanderung die Eisenbahn verlassen, hat sich in neuerer Zeit zum Range einer der ersten Fabrikstädte Oesterreichs aufgeschwungen, eine Stufe, die jene Stadt schon im Mittelalter einmal behauptete, wo die Reichenberger Tuchweberei sich eines Weltrufes erfreute.

Abgesehen von ihrer industriellen Bedeutung setzt die Stadt Reichenberg ihren Stolz darein, die Vertreterin und Beschützerin deutscher Interessen gegenüber den czechischen Bestrebungen zu sein. Während nur wenige Stunden weiter nach Süden die Bevölkerung eine überwiegend czechische ist und dort, besonders in kleinen Dörfern, der Sprachunkundige oft in Verlegenheit kommt, ist in Reichenberg und Umgebung die deutsche Sprache die herrschende. Der lebhafte Verkehr mit den Bewohnern czechischer Ortschaften macht jedoch auch für die Deutschböhmen die Kenntniß der czechischen Sprache nothwendig, während umgekehrt die gebildeteren Classen czechischer Städte ihre Kinder gern schon in der Jugend die deutsche Sprache erlernen lassen. Um diesen Sprachunterricht zu erleichtern, ist man auf ein sehr praktisches Auskunftsmittel verfallen. Deutsche Familien schicken nämlich eines oder mehrere ihrer Kinder zu Familien in böhmischen Städten wie Gitschin, Semil, Pardubitz etc. und nehmen dagegen eine gleiche Anzahl Kinder jener böhmischen Familien während dieser Zeit zu sich in das Haus, so lange, bis die erforderliche Sprachfertigkeit auf beiden Seiten erlangt ist. Anerbietungen und Gesuche in Betreff dieses sogenannten „Kindertausches“ kann man fast täglich in der „Reichenberger Zeitung“ finden.

Von Reichenberg führt, man kann wohl sagen: unbegreiflicher Weise, bis jetzt noch keine Eisenbahn durch die oben erwähnten industriereichen Thäler, und wir sind genöthigt, wenn wir nicht eine Fußwanderung vorziehen, uns der Post- und Stellwagen zu bedienen, welche täglich fünf bis sechs Mal den Verkehr vermitteln. Für sein leibliches Wohl braucht der Reisende oder der Wanderer unterwegs nicht besorgt zu sein, denn Wirthshäuser giebt es überall mehr als genug. Auch des köstlichen, goldklaren Bieres ist nirgends und zu keiner Zeit Mangel, und mit besonderer Befriedigung werden die zahllosen Freunde eines vortrefflichen Trankes der an der Landstraße unweit Reichenberg gelegenen Maffersdorfer Brauerei einen wahrscheinlich nicht eben kurzen Besuch abstatten.

Unser Weg führt anfangs aufwärts im Thale der Neiße, welche trotz ihres kurzen Laufes schon eine ansehnliche Kraft erlangt hat. Aus allen Nebenthälern stürzen muntere Bäche, die ihre Gewässer mit denen der Neiße vereinigen. Die Industrie hat die mächtige Wasserkraft wohl zu benutzen verstanden, denn häufig begegnen wir großartigen Spinnereien und Tuchfabriken, deren weiße Gebäude freundlich aus der dunkelgrünen Umgebung der Nadelwälder hervortreten. Diese Großindustrie bleibt jedoch dem romantischen Thale nur so lange zugethan, wie die Fluthen der Neiße Kraft genug besitzen, um mit einem Male zwanzig- bis dreißigtausend Spindeln oder ganze lange Reihen Webstühle in Bewegung zu setzen. Weiter hinauf in den Thälern überlassen aber Spinner und Weber die schwächere Kraft der Bergwässer der kleinen Industrie, und wir werden später sehen, in welcher speculativen Weise die Glas- und Perlenschleifereien sich jedes noch so schmale Bächlein dienstbar zu machen verstehen.

Nach anderthalbstündiger Fahrt erreicht man Gablonz, eine mächtig aufblühende, überaus freundliche Stadt von siebentausend Einwohnern. Vor wenigen Jahrzehnten war Gablonz nur ein unansehnliches, ärmliches Dorf und jetzt bildet es den Hauptstapelplatz für die Producte der thalaufwärts sich ausbreitenden Glaskurzwaarenfabrikation.

Trotz der geringen Fruchtbarkeit des gebirgigen Bodens, der nicht für den zehnten Theil der Bevölkerung hinreichende Nahrungsmittel produciren könnte, kommen auf die noch nicht vier Quadratmeilen umfassenden Bezirke Gablonz und Tannwald etwa 50,000 Bewohner, worunter über 10,000 Glasarbeiter. Im Ganzen aber finden auf diesem verhältnißmäßig kleinen Gebiete ungefähr 30,000 Menschen ihren Lebensunterhalt durch die Glasindustrie und ihre Nebenzweige. Schon aus diesem Zahlenverhältniß ersieht man, daß hier Jung und Alt, Groß und Klein thätig mit eingreifen muß, um den oft karg genug bemessenen Lohn zu erringen.

Die Landstraße führt stundenlang durch Ortschaften, die sich bis hoch zu den Gipfeln der Berge hinaufziehen und deren Einwohner ebenfalls nach Tausenden zu zählen sind; nur wenig Häuser dürfte man auf dieser ganzen Strecke finden, wo nicht Glas gepreßt, geschliffen, gefaßt oder irgendwie verarbeitet würde.

Wie verschiedenartig alle diese Beschäftigungen sind, zeigt sich am übersichtlichsten aus einer uns zu Gebote stehenden statistischen Tabelle. Nach derselben kommen auf das erwähnte kleine Gebiet außer einer Anzahl großer Glashütten 67 Glascompositionshütten, 250 Druckhütten, 400 Schleifmühlen, ungerechnet die Tausende von Drehbänken, die mit den Füßen getrieben [374] werden, Schleiferzeuge für kleine Gegenstände, wie Perlen, Knöpfe etc., 160 Glasspinnereien, etwa 100 Perlenbläsereien und 250 größere Gürtlerwerkstätten, letztere mit über tausend Arbeitern.

Nun darf man sich freilich unter diesen Hütten und Arbeitsstätten keine großen Fabrikgebäude vorstellen. Im Gegentheil verdienen namentlich die Glasdruckhütten ihren Namen im wahrsten Sinne des Wortes, da in solch einem vom Rauch vollständig geschwärzten Holzbaue oft nur ein Arbeiter mit seinem Gehülfen Platz hat. Die Fabrikation der Glaskurzwaaren ist eben fast ausschließlich Hausindustrie. Zwar ist es von einzelnen Unternehmern versucht worden, die verschiedenen Arbeitszweige fabrikmäßig in größeren Gebäuden zu vereinigen, allein man fand sehr bald, daß die Einrichtungs- und Betriebskosten solcher Fabriken in keinem Verhältnisse zu den meist überaus geringen Hausarbeitslöhnen standen, und deshalb wurden diese Versuche immer wieder aufgegeben. Wir werden noch Gelegenheit haben, verschiedene der oben angeführten Arbeitsstätten zu besuchen. Den besten Eindruck von der Bedeutung des hiesigen Gewerbfleißes erhalten wir jedoch, wenn wir uns Eintritt zu einem der großen Handelshäuser verschaffen, welche den Vertrieb dieser Waaren nach allen Welttheilen vermitteln. Man rechnet, daß auf den genannten Bezirk etwa einhundertachtzig Glasexporthäuser kommen, unter denen wir höchst bedeutende Firmen finden.

Große Lagervorräte darf man in jenen Handelshäusern nicht erwarten, weil fast alle hier gefertigten Waaren dem schnellen Wechsel der Mode wie wenig andere unterworfen sind. Die verschiedenen Artikel werden meist nur auf Bestellung gearbeitet, und eine solche kann, wenn sie auch noch so groß ist, von den Tausenden fleißiger, geschickter Hände immer bald bewältigt werden. Erstaunlich ist dagegen die fabelhafte Menge der glänzenden Modelle und Muster, welche jene Kaufleute zur Uebernahme von Aufträgen in langen Reihen von Kasten sorgfältig geordnet aufbewahren. Wir haben bei einigen der bedeutenderen Exporteure vierzig- bis fünfzigtausend solcher verschiedener Probeartikel gesehen, welche trotz der fabelhaften Billigkeit einzelner Gegenstände immerhin im Ganzen einen sehr ansehnlichen Werth vertreten. Haben nun aber solche Handelshäuser, wie dies bei den meisten der Fall ist, auswärts noch ihre Agenten, so ist es nothwendig, daß letztere dieselbe reichhaltige, kostspielige Mustersammlung führen.

Außer den zahllosen Sorten Perlen aller Farben und aller Größen bilden Brochen, Ohrringe, Knöpfe, Tuchnadeln, imitirte Edelsteine, Krystallsachen und dergleichen eine vollständige Ausstellung, welche nicht allein die Wilden Afrikas und die transatlantischen Völker, sondern auch unsere eurapäischen Damen und Stutzer in Entzücken versetzen müssen. Der Bereich des Absatzes für alle diese glänzenden Gegenstände umfaßt aber im wahrsten Sinne die ganze Welt. Die Handlungsbücher der böhmischen Firmen weisen Kunden in den sämmtlichen größeren Hafenplätzen aller fünf Welttheile auf. Nach England und selbst nach Frankreich gehen Massen dieser billigen Schmuckgegenstände, um als fremde Erzeugnisse, drei- oder vierfach vertheuert, bald darauf wieder nach Deutschland zurück zu kommen. Noch weit mehr aber dürfte sich der Werth der aus Glasperlen gefertigten Schmucksachen von deren Anfertigung bis zur Zeit ihres Verbrauches steigern. Es sind dies die Halsbänder, Nasen- und Ohrbehänge für afrikanische, australische oder südamerikanische Damen, die freilich für ihre übrige Toilette mit einigen Quadratfuß schlichten Baumwollengewebes reichen, während unsere Europäerinnen für ihre faltenreichen Kleiderbedürfnisse schon nach Quadratruthen rechnen müssen.

Ein ganzes Dutzend allerliebster bunter Perlenhalsbänder kostet hier kaum einen Gulden, ganz besonders reiche Gattungen nicht mehr als zwei bis drei Gulden. Wie gern aber giebt wohl mancher heißblütige schwarze Liebhaber an der Goldküste den schönsten Elephantenzahn für ein solches Kleinod, durch welches er die Gunst seiner dunklen Angebeteten sicher zu erwerben weiß! Ueberhaupt sind die großen bunten Glasperlen ein gesuchter Artikel für die wilden Stämme Afrikas, welche dafür die kostbaren Erzeugnisse ihres Landes mit Freuden vertauschen. Weiß man doch, daß die Sclavenhändler um einige Schnuren Perlen, die ihnen kaum auf einem Thaler zu stehen kamen, von den kriegerischen Fürsten an der afrikanischen Westküste leicht einen gefangenen Neger erhalten konnten, den man in Amerika dann gern mit dreihundert Dollars und höher bezahlte.

Noch jetzt werden Massen solcher Perlen nach jenen Ländern ausgeführt, die dort als Tausch- und Zahlmittel Verwendung finden. Wir sahen eine Sendung von nicht weniger als hundert großer Kisten, welche lediglich kirschkerngroße, ultramarinblaue, an Schnuren gereihte Glasperlen enthielten, die als Zahlungsmittel für Zanzibar bestimmt waren. Vielleicht bessert mit diesem Transporte der von seiner europäischen Reise zurückkehrende Sultan von Zanzibar den allzu stark angegriffenen Staatsschatz wieder auf. Ein schlechtes Geschäft wird er dabei keinesfalls machen, denn jene Perlen sind trotz ihres schönen, glänzenden Aussehens spottbillig. Fünfzig Stück derselben werden immer je an eine Schnur gereiht, und vierundzwanzig solcher Schnuren oder eintausendzweihundert Perlen kosten nicht mehr als – zwölf Kreuzer.

Die Mehrzahl der armen Arbeiter, welche diese Perlen in Böhmen fertigen, sind kaum viel besser daran, als die beklagenswerthen Sclaven im heißen Afrika. Die schwächeren oder stärkeren Glasröhren, deren Erzeugung in den Glashütten wir auf unseren späteren Wanderungen begegnen, werden dadurch in Perlen umgewandelt, daß sie der Arbeiter an eine vertical sich rasch drehende, scharfkantige Metallscheibe bringt, wodurch von der Röhre die einzelnen kleinen Perlen abgesprengt werden. Der Lohn für diese Arbeit ist so niedrig, daß man ihn immer nur nach tausend Dutzend oder zwölftausend Perlen berechnet, für deren Absprengen im Durchschnitte etwa zwölf bis fünfzehn Kreuzer bezahlt werden. Nur ein fleißiger Arbeiter kann es täglich auf zweitausend Dutzend bringen, womit er dann etwa dreißig Kreuzer (kaum sechszig Pfennige) verdient hat.

Lohnender, aber auch weit gefährlicher für die Gesundheit ist die Herstellung der über der Lampe geblasenen und dann metallisirten Perlen. Eine weiße oder farbige Glasröhre wird zuerst an dem unteren Ende zugeschmolzen und das in der Lampenflamme wieder zum Schmelzen gebrachte Glas durch Blasen zu ganz dünnwandigen Kugeln aufgetrieben. In unglaublich kurzer Zeit entstehen vor unseren Augen ganze Reihen zusammenhängender großer oder kleiner Kugeln, und um diesen oder auch denjenigen Glasröhren, welche zu größeren Perlen verarbeitet werden, die erforderliche Silberfarbe zu geben, benutzt man eine Auflösung von salpetersaurem Silberoxyd (Höllenstein). In diese Flüssigkeit werden die Glasröhren oder Kugelreihen eingetaucht und durch Einsaugen mit dem Munde füllt sie der Arbeiter bis oben herauf mit jener Auflösung, hält dann das obere Ende mit dem Finger verschlossen, damit die Flüssigkeit nicht wieder ausläuft, und drückt nun das untere Ende in weichen Thon, wodurch sich die untere Oeffnung schließt. Nachdem man jene Perlen oder Kugelröhren einige Zeit stehen gelassen, hat sich das in der Auflösung enthaltene Silber in einer ganz dünnen, aber vollkommen hinreichenden Schicht an den inneren Wänden des Glases festgesetzt, und die zurückgebliebene Flüssigkeit wird zu immer wiederholter Benutzung entfernt. Die uns im schönsten Goldglanze erscheinenden Kugeln und Perlen sind aus gelbem Glase gefertigt, und haben ebenfalls nur jene Silberfolie. Viele unserer Leser aber kennen diese strahlenden Kugeln gewiß als Schmuck ihrer Weihnachtsbäume, zu deren Glanze sie nicht wenig beitragen.

Glänzender jedoch als diese Kugeln und Perlen sind die imitirten Edelsteine, welche hier geschliffen und zu allerhand Schmucksachen verarbeitet werden. Es giebt überhaupt keine Art der Ganz- oder Halbedelsteine, die hier nicht jede beliebige Nachahmung erfahren könnten, sei dies nun Diamant, Opal, Rubin, Türkis, Malachit oder was irgend verlangt wird. Auch Korallen, Marmor und Lava werdet täuschend nachgeahmt und später im Handel mit hohem Nutzen als echte Producte verkauft. Die hier gefertigten Schmuckgegenstände sind zum Theil so fabelhaft billig, daß man nicht begreift, wie dieselben herzustellen sind. Fingerringe findet man schon zum Preise von dreißig Kreuzer für das Gros (144 Stück), Ohrringe für achtzig Kreuzer. Dabei ist aber wohl zu bedenken, daß jeder dieser Ringe mindestens mit einem, oft auch mit mehreren geschliffenen Glassteinen versehen ist und daß auch das flüchtig vergoldete Messing, wenigstens so lange es noch neu ist, dem edlen Metalle an Glanz nicht nachsteht.

Einen großen Aufschwung hat seit einigen Jahren die Glasspinnerei genommen, und wenn uns schon die Anfertigung der [375] Schmucksachen in Erstaunen setzte, so müssen die Erzeugnisse der Glasspinnerei fürwahr unsere größte Bewunderung erregen. Man denke sich das Glas, dieses spröde, zerbrechliche, keines irgend kräftigen Widerstandes fähige Product, hier ausgesponnen zu Fäden von einer Feinheit, gegen welche selbst das Spinnengewebe noch grob genannt werden dürfte, und dann diese Fäden in jeder beliebigen Farbe zu den künstlichsten Arbeiten verwendet. Wir sahen prachtvolle Schmuckfedern, täuschende Nachahmungen der Straußenfedern und sogar falsche Locken aus Glasfäden, blonde und braune, schwarze und röthliche so überaus natürlich, daß man sie nur bei eingehender Prüfung von Haararbeiten unterscheiden konnte. Auch zu den feinsten Spitzengeweben lassen sich diese Glasfäden leicht verarbeiten, und von prachtvollem Farbenglanze bei vollkommener Biegsamkeit sind die damastartigen Gewebe aus Glasgespinnst und Seide.

Das Spinnen des Glases geschieht vermittelst eines großen Schwungrades, über welches der Faden des an der Stichflamme schmelzenden Glasstäbchens gelegt wird. Während ein Arbeiter das Rad in fortwährender Bewegung erhält, bringt der andere das Stäbchen feinsten Glases in der Flamme zum andauernden, gleichmäßigen Schmelzen. Reißt der über das Rad gelegte, kaum sichtbare Faden, was oft genug geschieht, so ist im Augenblick mit einem feinen Metallstab wieder ein Faden von dem schmelzenden Glase aufgenommen und auf’s Neue über das Rad gelegt. Ein Loth Glas ist hinreichend, um eine Faden von etwa hunderttausend Ellen Länge zu spinnen.

[386] Bei unseren Wanderungen in dieser so stark bevölkerten Gegend ist es auffallend, wie still und ruhig es in den Ortschaften zugeht, welche die Hausindustrie der Glasartikel umfassen. Auf der Landstraße begegnet man meistens Leuten, welche in kleinen Bündeln die Erzeugnisse ihrer Thätigkeit an die Handelshäuser abliefern, für welche sie beschäftigt sind. Die Zurückkehrenden nehmen das in den Rohglasniederlagen für einen Theil des Erlöses gekaufte Material zu neuen Arbeiten mit heim. Lange Reihen schwerbeladener Frachtwagen führen Massen großer und kleiner Kisten nach den nächsten Eisenbahnstationen, von wo aus diese Waaren die Weiterreise über das Meer nach fernen Welttheilen antreten.

Es ist ein schweres Leben, das die Bewohner der Gebirgsdörfer schon von Kindesbeinen an führen. Die armen Kleinen müssen bereits daheim von frühester Jugend an schaffen helfen und zum Erwerbe des oft kargen Lebensunterhaltes beitragen. Die Perlen, welche Vater und Mutter oder größere Geschwister gesprengt oder geschliffen haben, müssen die kleinen oft nur drei- oder vierjährigen Kinder auf Fäden reihen, Knöpfe oder allerhand Schmucksachen auf Cartonnagen befestigen, die etwas älteren Kinder müssen sogar mit den schweren Scheeren die beim Pressen des geformten Glases zurückgebliebenen Ränder entfernen, um so diese Gegenstände zum Schleifen vorzubereiten. Es ist oft rührend zu sehen, wie diese armen Kinder voll Aufmerksamkeit die ihnen übertragenen Arbeiten emsig verrichten. Nur verstohlen werfen sie zuweilen einen sehnsüchtigen Blick hinaus nach den schönen Bergen oder auf das Stückchen Garten vor dem Hause, wo nur Schmetterlinge und Käfer ungestört spielen dürfen. Das Spiel der fleißigen Kleinen hier heißt – Arbeit, und das Leben stellt ihnen meist für die Zukunft nur eine endlose Kette von Mühe und Anstrengung in Aussicht.

Welche Thätigkeit herrscht überhaupt in jenen einfachen, aber immer reinlichen Wohnungen, wo die Arbeitsstube freilich oft genug gleichzeitig Wohn- und Schlafraum sowie Küche für die ganze Familie abgeben muß! Bei dem Glasformer sitzen an einem kleinen Tische zwei oder drei Arbeiter. Jeder hat eine Lampe einfachster Art vor sich: ein kleines irdenes Gefäß, in dem ein durch Talgstücke genährter Docht brennt; Manche versteigen sich auch schon zu dem kostspieligeren Petroleum für ihre Lampen. Unter dem Tische ist für jeden Arbeiter ein kleiner Blasebalg angebracht, der mit dem Fuße in steter Thätigkeit gehalten wird und dessen nach oben geleitetes Rohr an der Lampe eine lange Stichflamme erzeugt. Den Stab der durch ihren starken Bleioxydzusatz so leicht schmelzbaren Glascomposition bringt nun der Former mit der einen Hand zur Flamme, während er, um z. B. einen Knopf zu fertigen, mit einer durch die andere Hand gehaltenen Zange einen Metallhenkel aufnimmt, an welchen er von der glühenden und sich fast so leicht wie geschmolzenes Siegellack verarbeitenden Masse durch gleichmäßiges Drehen so viel anlegt, bis der Knopf seine vorgeschriebene Gestalt erlangt hat. Dann werden auch sogleich noch die etwa zur Verzierung bestimmten Metallblättchen oder die aus anders gefärbtem Glase bestehenden Muster aufgelegt, und endlich wird der nun fertige Knopf vor seinem gänzlichen Erkalten in eine Metallform gedrückt, wodurch er gleichzeitig noch einen reicheren Glanz erhält. – Auf ähnliche Weise werden aus freier Hand Blumen und allerhand Gegenstände gefertigt, die uns den Formensinn des Arbeiters in höchster Entwickelung zeigen.

Es würde zu weit führen wenn wir auch nur oberflächlich die interessante Anfertigung der zahllosen Glaskurzwaaren hier beschreiben wollten, denn in jedem Häuschen findet man wieder irgend etwas Neues und Ueberraschendes. Aber auch der Naturfreund findet hier nicht minder seine volle Befriedigung. Von Gablonz führt unser Weg weiter aufwärts im Neissethale, welches die prächtigsten Punkte in Menge darbietet. Bald erreichen wir Wiesenthal, ein weit ausgedehntes Dorf von städtischem Aussehen. Hier steht die Fabrikation der Glaskurzwaaren seit langer Zeit in höchster Blüthe und hat sich wesentlich von hier aus auf die übrigen Orte ausgebreitet. Ebenso hat das zunächst gelegene Morchenstern gewaltig an fast großstädtischer Ausdehnung gewonnen. Zwischen den letztgenannten beiden Orten führt die prächtige Landstraße über den hohen Bergrücken, welcher die Wasserscheide für die Zuflüsse der Nord- und Ostsee bildet. Von diesem höchsten Punkte bietet sich eine überraschend schöne Aussicht. Gegen Westen erhebt das Jeschkengebirge bei Reichenberg seine dunkeln Massen, mit denen der Hintergrund des von uns eben verlassenen lieblichen Thales sich abschließt. Nach Osten zu aber eröffnet sich uns ein neues Thal, welches dem vorigen den Vorzug landschaftlicher Schönheit streitig zu machen scheint. Weit in der Ferne aber erblicken wir einen großen Theil des Riesengebirges.

Ein schon ziemlich ansehnliches Gebirgswasser, die Kamnitz, wird von jetzt an unser Begleiter, und bald erheben sich auch schon uns zur Seite auf’s Neue großartige Baumwollenspinnereien, welche sich die Kraft des Wassers zu Nutze machen. An die letzten Häuser des weit ausgedehnten Ortes Morchenstern schließt sich sogleich tiefer unten im Thale Tannwald an, wo auf kurze Zeit die Webe- und Spinnerei-Industrie die Anfertigung der Glasfabrikate überwiegt. Die Lage Tannwalds ist überaus romantisch und zu längerem Aufenthalte einladend; dabei herrscht hier ein reger Verkehr und geselliges Leben, dem Fußwanderer aber bieten sich prächtige Ausflüge in die Umgebung.

An Tannwald schließen sich unmittelbar Tiefenbach und Polaun. Hier beginnt nun neben der überall vertheilten Hausindustrie die Fabrikation des Rohglases in größeren Massen. Die größten Glashütten dieser Art befinden sich in Polaun, dann in Wilhelmsthal (Klein-Iser) und Wurzelsdorf. Sämmtliche drei Werke gehören einem einzigen Besitzer, Josef Riedel, der durch Intelligenz und Fleiß sich zu hoher Bedeutung emporgeschwungen hat und dessen vielseitigen Schöpfungen wir auch noch auf anderen Gebieten begegnen.

Zu der nahe an der Landstraße liegenden Polauner Glashütte führt der Weg durch lange Reihen von mächtigen Holzstößen, aus deren Asche, dem Phönix gleich, ein schöneres, glänzendes Gebilde hervorgeht. In dieser Hütte wird jetzt nur weißes Krystallglas producirt. Die weißglühende flüssige Masse wogt in zwei gewaltigen Ringöfen auf und nieder. Von den Formern und Glasbläsern werden hier mit metallenen Stäben oder Röhren kleinere oder größere Quantitäten der glühend-flüssigen Masse aus den Schmelzhäfen emporgehoben und entweder zu zierlichen Gläsern oder Flacons aufgeblasen oder in Formen zu massiven Gegenständen gepreßt. Selbstverständlich bedürfen alle diese Artikel nun erst noch des mühevollen, sorgfältigen Schleifens, um uns dann in ganzer Schönheit entgegen zu treten.

So interessant die verschiedenen Arbeiten in einer großen Glashütte stets für die Zuschauer sind, so anstrengend und aufreibend sind sie für die Arbeiter selbst. Die gewöhnlich fünf bis sieben Stunden anhaltende Beschäftigung vor dem weißglühenden Ofen, dem wir kaum bis auf einige Schritte zu nahen wagen, ferner das für die Lungen auf die Dauer so schädliche Glasblasen sind leider nur zu sehr dazu angethan, auf Gesundheit und Leben jener Leute einen keineswegs günstigen Eindruck auszuüben. Mancher dieser Arbeiter am Glasofen verdient sich täglich sechs Gulden und noch mehr. Aber der größte Theil dieses nur scheinbar hohen Lohnes geht oft für seinen Lebensmittelbedarf auf. Der von dem glühenden Ofen hervorgerufene Durst widersteht dem Wasser und ist nur durch Bier siegreich zu bekämpfen; so behaupten nämlich diese Arbeiter meist selbst. Dann aber gehört zur Ueberwindung des hitzigen Feindes stets eine so mächtige Colonne gefüllter Bierkrüge, daß ein solches Contingent gar nicht unter zwei Gulden täglich zu beschaffen ist. Dazu kommt nun noch, durch Gluth und Arbeit geweckt, ein Bärenhunger, zu dessen Stillung, schon wegen der so nöthigen Körperkräftigung, Kartoffeln und trockenes Brod auch nicht genügen. Man wird also begreifen, daß nur die kleinere Hälfte des scheinbar hohen Lohnes der Familie übrig bleiben kann.

Die oben erwähnten beiden anderen Glashütten desselben [387] Besitzers produciren Perlengläser und massives Stangenglas in allen erdenklichen Farben. Von diesen Producten der Riedel’schen Hütten befinden sich in den größeren Ortschaften der Umgegend bedeutende Niederlagen, und der Werth dieser im rohen Zustande unscheinbaren Erzeugnisse beziffert sich dort nicht selten nach Hunderttausenden von Gulden. Aus jenen Niederlagen oder von den Hütten selbst beziehen die Arbeiter der Umgegend auf Meilen weit ihren Bedarf.

Auf den drei Riedel’schen Hütten werden jährlich dreißig- bis vierzigtausend Centner Glas erzeugt und hierzu acht- bis zehntausend österreichische Klafter Holz verbraucht. Bei den früheren Heizeinrichtungen betrug der Holzverbrauch noch etwa vierzig Procent mehr. Wenn man nun aber noch annimmt, welcher Unzahl von kleinen Glashütten, Schmelzen etc. wir hier überall begegnen, so muß man trotz des sprüchwörtlichen Holzreichthums der hiesigen Wälder doch mit Schrecken an deren immer weiter greifende Vertilgung denken. Durch den gegen früher dreifach gesteigerten Preis des Holzes wird der Entwaldung kein Ziel gesetzt. Man wird aber diese prächtige Wälder am besten schonen durch die endliche Ausführung der schon vor langen Jahren projectirten Eisenbahn von Reichenberg bis Tannwald oder weiter bis zur schlesischen Grenze. Schon die mächtige Industrie dieser Gegend konnte mit vollem Rechte auf diese Verkehrserleichterung längst Anspruch machen. Führt man aber erst den Tausenden von Arbeitsfeuern hinreichend die billigeren Kohlen als Ersatz zu, so werden die prächtigen Wälder dann von selbst geschont und der allgemeinen Wohlfahrt des Landes erhalten bleiben.

In der Umgebung der von uns erwähnten Polauner Glashütte haben sich Krystallglasschleifer in Menge angesiedelt, welche die zuweilen noch sehr geringe Kraft der Bergwässer mit Sorgfalt ihrem Zwecke nutzbar machen. Von Haus zu Haus wird oft das Bächlein geleitet, um ein kleines Rad zu treiben, das dann wieder drinnen verschiedene horizontale oder verticale Scheiben in Bewegung setzt. Diese Scheiben sind von Sandstein oder von Holz; erstere dienen zum Abschleifen der aus der Glashütte roh gelieferten Gegenstände, letztere geben dann dem Glase die prächtige Politur. Das Schleifen des Glases erfordert Kraft und Geschick, und dabei ist der Aufenthalt in den fortwährend mit feinsten Glastheilchen erfüllten Räumen der Gesundheit der Schleifer sehr nachtheilig. Da nicht jeder der armen Lohnarbeiter den Bau eines Wasserschutzes und Rades bestreiten kann, so befassen sich gewöhnlich Wohlhabendere mit der Anlage einer kleinen Schleiferei und vermiethen die einzelnen Plätze oder Scheiben darin gegen eine wöchentliche Abgabe.

Durch einen Besuch der an unserem Wege gelegenen großen Umann’schen Schleiferei in Tiefenbach erlangen wir rasch einen Ueberblick über diesen wichtigen Zweig. Hier hilft bereits eine Dampfmaschine der Wasserkraft nach, und wir finden in den weiten Lagerräumen des Umann’schen Hauses allerhand meist weiße Krystallglasartikel in überraschender Auswahl. Das Auge wird im eigentlichsten Sinne fast geblendet, wenn aus tausend Gegenständen zugleich die gebrochenen Lichtstrahlen in Regenbogenfarben uns entgegenblitzen und bei jedem neuen Schritte von einer andern Stelle uns zuzuströmen scheinen. Die Wirthschafts- und Luxusartikel zeigen uns, auf welcher hohen Stufe die Kunst des Glasschleifens angelangt ist. Um nur eines zu erwähnen, werden die von den Londoner und Pariser Ausstellungen her bekannten Nachbildungen der größten existirenden Krondiamanten hier ebenso vollkommen angefertigt, wie dies bisher um vierfach höheren Preis nur in England und Frankreich geschah. Aber auch kleine Diamant-Imitationen finden wir hier so prachtvoll, daß deren Feuer vielleicht manchen Kenner irre führen dürfte. Wie viele Tausende dieser böhmischen geschliffenen Glassteine mögen bei den Festen der hohen Aristokratie und wohl auch bei Hofe unerkannt zwischen den echten Diamanten einherwandeln!

Auf unserer Wanderung bietet uns die herrliche Landschaft fast bei jedem Schritte neue Schönheiten dar. Von Polaun aus steigt die prächtige Straße in hundertfachen Windungen den Pzichowitzer Berg hinauf. Hier werden freilich die Hütten und Häuser seltener als unten im Thale, und trotz des Spätsommers finden wir auf dieser Höhe (fast zweitausendvierhundert Fuß) noch die dürftigen Feldfrüchte auf grünen Halmen; erst im Herbste kann die schmale Ernte eingeheimst werden, wenn nicht etwa früher Schneefall die Hoffnung des Landmannes überhaupt vollständig vernichtet.

Auf dem Gipfel des Pzichowitzer Berges, ungefähr noch sechshundert Fuß höher als die Paßhöhe unseres Weges, hat man dem Erbauer der prächtige Riesengebirgsstraße, dem Erzherzoge Stefan, zu Ehren eine Thurm zu bauen begonnen, leider ohne den Bau zu vollenden. Von dieser Höhe, dem Lieblingsaufenthalte des Erzherzogs in damaliger Zeit, hat man eine entzückend schöne Aussicht nach dem Riesengebirge und weit hinein in das herrliche Böhmerland. Sonderbarer Weise scheint der Thurm Ruine bleiben zu sollen.

Von der Thurmruine führt uns bald ein Weg abwärts zu einem echten Edelsteine in der schönen Landschaftskette, die uns bisher umgab. Durch mächtige, altehrwürdige Tannen- und Buchenwälder gelangen wir in ein Thal, wie es idyllischer und lieblicher nicht gedacht werden kann. In dem Thale selbst aber laden freundliche, stattliche Häuser zu längerer Rast unwiderstehlich ein. Mitten zwischen dunklen Tannen liegt an den Ufern der rauschenden Iser der nur wenig Häuser zählende Ort Wurzelsdorf, seit Jahren schon in der Umgegend durch eine heilkräftige Eisen- und Schwefelquelle bekannt. Damals war ein ärmlicher Holzbau mit einigen überaus schlichten Bädern Alles, was man hier fand. Jetzt stehen schon mehrere schmucke, reinliche Häuser hier und bieten den Fremden die behaglichste Aufnahme. Die von Josef Riedel in’s Leben gerufene Anlage des Ganzen zeigt auf den ersten Blick, daß bei der Schöpfung dieses Unternehmens Gewinnsucht fern gelegen hat, den die hiesigen Preise contrastiren überaus wohlthuend mit den Tarifen und Taxen so vieler anderer und selbst kleiner Badeorte. Wer fern von dem Geräusche der Welt in herrlichster Luft den stillen Frieden eines Waldaufenthaltes genießen will, der wird in dem freundlichen Wurzelsdorf und seinen herrlichen Umgebungen die vollste Befriedigung finden.

Wir aber eilen jetzt dem Ende der Wanderung zu. An der großen Wurzelsdorfer Spinnerei und der schon früher erwähnten Glashütte vorüber führt unser Weg noch eine Strecke im schönen Iserthale hin, bis wir bald in das nicht minder schöne Mummelthal einbiegen und am Ufer des klaren, forellenreichen Baches aufwärts wandern, wo sich nach anderthalb Stunden plötzlich das Thal erweitert. Hier finden wir die letzte, aber keineswegs die kleinste Station der böhmischen Glasindustrie. Wir sind in dem freundlichen Dorfe Neuwelt, wo sich uns auf der altbewährten gräflich Harrach’schen Glashütte das Bild gemeinsamer Arbeit und der Vereinigung der verschiedenen Industriezweige darbietet. Nirgends ist es uns bisher wie hier geboten, auf kleinem Umkreise alle Manipulationen der Glasbereitung beobachten zu können, von der Quarzstampfmühle und dem gewaltigen Glasofen an bis hinauf zu den kunstvollsten Schleifereien und Malereien. Die Neuwelter Fabrikate genießen mit Recht einen Weltruf, und das dortige Musterlager gleicht einer glänzenden Ausstellung. Die Besucher der Pariser Weltausstellung werden sich vielleicht noch unter anderen Neuwelter Prachtstücken der beiden großen, durch ihre kostbare Malerei ausgezeichneten Vasen entsinnen, von denen jede gegen fünfhundert Gulden kostete. Nur eine davon kam unversehrt zurück; die andere zerbrach auf dem Rücktransport. In der Glasmalerei aber dürfte die Neuwelter Fabrik überhaupt kaum übertroffen werden. Wir fanden unter Anderm auf Vasen Portraits von höchster Vollendung und wurden nicht wenig überrascht, mitten unter gekrönten Häuptern das vortreffliche Brustbild unseres alten, unvergeßlichen Freundes Gerstäcker, freundlich lächelnd wie im Leben, auf uns herniederblicken zu sehen.

In allen Häusern Neuwelts regen sich thätige Hände für die Glasfabrik, welche fortwährend über vierhundert Arbeiter beschäftigt und dabei in anerkennenswerther Weise für Altersschwache und Invaliden durch ein Pensionsinstitut sorgt.

Und so nehmen wir denn Abschied von diesen schönen, gewerbfleißigen Thälern Böhmens; selten dürfte eine andere Gegend auf verhältnißmäßig so kurzer Strecke so viel des Interessanten darbieten. Der böhmischen Glasindustrie aber wünschen wir, daß sie noch lange, lange mit ihren Fabrikaten den Ruhm deutschen Fleißes nach allen Welttheilen aussenden möge.