Marbach und die Enthüllung des Schiller-Denkmals

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Autor: E. Vely
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Titel: Marbach und die Enthüllung des Schiller-Denkmals
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, 22, S. 286–288, 375–376
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[286]
Marbach und die Enthüllung des Schiller-Denkmals.


Von E. Vely.


I.


„Muntre Dörfer bekränzen den Strom, in Gebüschen verschwinden
Andre, vom Rücken des Bergs stürzen sie jäh dort herab.
Nachbarlich wohnet der Mensch noch mit dem Acker zusammen – –“

Fernab vom Weltgetriebe liegt das Städtchen, von welchem aus ein Stern aufging, der seine Strahlen über den ganzen Erdkreis sandte – das kleine Marbach, genannt und bekannt, soweit deutscher Sinn reicht und deutsche Zunge klingt.

Von Ludwigsburg, dem einstigen „schwäbischen Versailles“ zur Zeit seiner Rococopracht unter den Herzögen Eberhard Ludwig und Karl Eugen und dem heutigen „württembergischen Potsdam“, sind es noch fast zwei Stunden bis zu Schiller’s Geburtsort, aber ein anmuthiger, abwechselungsreicher Weg ist es, theilweise am Neckar entlang, der silberblitzend sich durch die Fluren windet, von Weinbergen und sanften Hügeln begrenzt. Malerisch senkt sich das Dorf Neckarweihingen an das Flußufer hinab, dann weicht die Fahrstraße ab vom freundlichen Strome, bis sie endlich, eine große Biegung machend, wieder an ihn hinan tritt. Noch ragen im Hintergrunde die Thürme von Ludwigsburg empor, aber vor uns auf der Höhe winkt bereits Marbach; seine kleinen, bescheidenen Häuser ziehen sich hinunter bis zum Neckar, als wollten sie sich in seinem klaren Spiegel betrachten.

Obwohl mauerumfriedigt und als Stadt geltend, bietet Marbach doch einen ganz ländlichen Anblick, aber der alte Ort hat mehr Geschichte, als man beim flüchtigen Schauen glaubt. Mauerreste deuten auf römische Niederlassungen; mehrere Straßen zweigten sich von hier aus ab. Im zehnten Jahrhundert war „Villa Markbach“ als Grenzort im Besitze eines Bischofs von Speier, und im dreizehnten kam es an Württemberg.

Vielfach hat der Schlachtenlärm um Marbach getobt, im Bauernkriege, im schmalkaldischen und im dreißigjährigen, und endlich fiel die Stadt 1693 der Habgier der Franzosen anheim, welche sie ausplünderten, die Einwohner vertrieben und dann die Häuser niederbrannten.

Nur allgemach erstand das Städtchen auf’s Neue, und kaum im Aufblühen litt es schon wieder unter den Einquartierungen und Truppendurchzügen des siebenjährigen Krieges. Mit diesem beginnt die Geschichte der Schiller’schen Familie in Marbach. Am 14. März 1749 wanderte Schiller’s Vater in die Neckarstadt als Regiments-Chirurgus ein.

Herrn Johann Caspar, dessen Biographie wir hier nur in Bezug auf Marbach in kurzen Strichen wiedergeben, da sie als bekannt vorausgesetzt werden darf, hatte es weidlich in der Welt umgetrieben, auch in ihm steckte ein großer Theil jenes bekannten Wandermuthes der Schwaben, welcher schon im dreizehnten Jahrhunderte in einer Wiener Handschrift erwähnt wird:

„Wenn der Schwab’ das Licht erblickt,
Wird er auf ein Sieb gedrückt,
Spricht zu ihm das Mütterlein
Und der Vater hinterdrein:
So viel Löcher als da sind
In dem Siebe, liebes Kind,
So viel Länder sollst Du sehen,
Dann magst Du zu Grunde gehen.“

In Bittenfeld bei Waiblingen geboren, hatte Caspar Schiller sich der Heilkunde zugewandt und war als Chirurg gewandert. In Nördlingen trat er in ein Husarenregiment, das unter den Kaiserlichen in Holland gegen Frankreich kämpfen sollte. Ueber drei Jahre, bis zum Aachener Friedensschluß, blieb er als Regimentsscheer unter dem lustigen Soldatenvolke, sah Haag und Amsterdam, machte einen Abstecher nach London und zog dann endlich wieder der Heimath zu.

In dem kleinen Marbach wohnte eine Schwester Caspar Schiller’s; sie zu besuche, kam er nach dort und fand – die Lebensgefährtin. Dem hübschen Wirthstöchterlein vom „Goldenen Löwen“, Elisabeth Dorothea Kodweis gelang es, den wanderlustigen Kriegsmann zu fesseln, sodaß er nichts anderes wünschte, als sich ein behaglich Nestchen in Marbach einzurichten.

Noch heute steht unweit des ehemaligen Niklas-Thores die „Herberge zum goldenen Löwen“, damals ein stattliches Besitzthum; neben dem Gewerbe als Gastwirth trieb der Eigenthümer desselben das Bäckergeschäft (Wirth und Bäcker in einer Person findet man auch jetzt noch überall in Schwaben) und war zugleich herzoglicher Holzinspector beim Floßwesen.

Nicht lange durfte der stramme, weitgereiste Regimentsfeldscheer [287] um die Tochter des Löwenwirthes werben. Schon nach fünf Monaten wurde das Paar „durch priesterliche Hand ehelich getraut“. Caspar Schiller hatte in Ludwigsburg ein Examen bestanden und war Bürger in Marbach geworden, um daselbst seine Heilkunst zu betreiben. Das Verzeichniß der beiderseitig in den Ehestand eingebrachten Sachen ist erhalten. Dreihundertdreißig Gulden sechsundfünfzig Kreuzer betrug die Habe des Mannes; den größten Theil davon bildeten seine Ersparnisse an baarem Gelde; von Werthsachen sind besonders angeführt „ein mit Silber beschlagener Stock, ein silbern Halßschloß, ein silbern Pettschaft“. Die Bibliothek bestand aus sechs medicinischen Büchern, einer Schrift mit dem Titel „Erkenntniß sein selbst“ und einem „württembergischen Gesangbüchle“.

Jungfer Kodweisin brachte „Liegenschaften“ ein und nöthigen Hausrath. Das Verzeichniß ihrer Garderobe ist nicht unbedeutend und zeigt, daß sie nach Kräften der Mode huldigte; sogar „ein Paar Beltz-Handschuh“ und „ein Beltzschluppfer“ (Muff) fehlten der jungen Marbacherin nicht. Der Bräutigam hatte auch in einigen Geschenken seiner Huldigung

Die Gartenlaube (1876) b 287.jpg

Das Schiller-Haus in Marbach.

Ausdruck verliehen: „Ein goldener Ring vom Marito verehret“ findet sich verzeichnet, wie „ein Schwarz Daffeten Küttele“. Die erste Anschaffung im jungen Hausstande war für Frau Schillerin „ein schwarz und weiß Cottonener Schurtz, gemeinschaftlich erkauft“. Unter dem Schreinwerke sollte nach gut altdeutscher Sitte auch nicht „ein Hang-Wiegen samt dem Bank“ – fehlen. Dieselbe ist notirt, aber mit dem Zusatze: „so noch anzuschaffen“.

Vier Jahre lebte das Paar friedlich in Marbach, da trat ein Ereigniß ein, welches die Eheleute für längere Zeit trennen und den reiselustigen Wundarzt wieder in das Kriegsleben treiben sollte. Vater Kodweis hatte, wie sein Schwiegersohn in dem „Curriculum vitae meum“ selber berichtet, sich „durch unvorsichtige Handlungen einen solchen Rest in seinen Holzrechnungen zugezogen, daß sein ganzes Vermögen kaum hinreichend war, solchen zu tilgen“. Die Ersparnisse des Schwiegersohnes wurden mit verwendet und demselben dafür die Hälfte von der „Herberge zum Löwen“ zugeschrieben.

Dieser Vorfall machte den Regimentsfeldscheer unmuthig; er wünschte sich von Marbach fort und ließ sich 1753 als Fourier in ein schwäbisches Regiment einreihen. Seine Frau blieb bei den Eltern zurück. Die Trennung war vorläufig keine eigentliche, weil ja das Regiment im Lande blieb und Johann Caspar auf Urlaub kommen konnte; schmerzlicher wurde sie, als Herzog Karl seinen Feldzug gegen Friedrich den Großen begann und Schiller, der inzwischen Fähnrich und Adjutant geworden war, nach Schlesien abmarschiren mußte. Frau Elisabeth Dorothea hatte indessen einen Zeitvertreib erhalten; kurz vor des Gatten Abmarsch in’s Feld war die „Hang-Wiegen“ in ihr Recht gekommen. In derselben schaukelte sie ihr erstes Kind, Christophine. Freud’ und Leid dicht bei einander! – Jetzt aber, obgleich nach langjähriger Ehe zum ersten Male freundliche Kinderaugen Caspar Schiller entgegen lachten, hätte er doch wohl nicht länger wieder in Marbach weilen mögen. Selbst mit den von ihm gebrachten Opfern war die Habe des Schwiegervaters nicht zu erhalten gewesen. Der alte Löwenwirth hatte sein Haus verlassen und mit der Tochter eine Miethwohnung beziehen müssen. So sah sich Johann Caspar doppelt verpflichtet, seinen Erwerb draußen zu suchen. Während das kleine Töchterlein unter der Pflege der sinnigen, poetisch angelegten Mutter gedieh, umtobte den Vater das Kampfgewühl.

In der Schlacht bei Leuthen war er in großer Lebensgefahr. Sein Muth wurde durch die Ernennung zum Lieutenant belohnt, und im April 1758 war er wieder in der Heimath. Jetzt brachte er viele Zeit bei Gattin und Kind zu, theils länger in Marbach anwesend, theils in der Nähe im Quartier. Die Seinigen hatten inzwischen die erste Miethwohnung verlassen und das Häuschen bezogen, in welchem Friedrich Schiller das Licht der Welt erblicken sollte – das „Schölkopfische“. Dasselbe gehörte einem Sekler, welcher der Schillerin die untere Stube eingeräumt hatte. Während Lieutenant Schiller in Würzburg lag, wurde ihm der Sohn geboren, der deutschen Nation ihr herrlichster Dichter.

Wie eng das Gemach, zu welchem vom Hausflur aus zwei Stufen hinauf führen! – Hier hatte nur wenig Platz neben der „gut gehimmelten Bettlade“ der Schillerin und dem riesigen Kachelofen. Die Wände sind holzgetäfelt, die Fensterscheiben rund und bleigefaßt; nur gedämpftes Licht dringt bis zum Hintergrunde. Von der Wand hernieder blickt das Schiller’sche Ehepaar; jene bekannten, guten Bilder, der Vater in Uniform, die Mutter mit der Haube, zieren den geweihten Raum. Das kleine Spinnrad dort sollen die fleißigen Hände Elisabeth Dorotheens gedreht haben, und jener lehnenlose Polsterschemel wird als „Schiller’s, des Karlsschülers, Erkerle“ bezeichnet.

In diesem kleinen Zimmer sind die ersten Gehversuche des Knaben gemacht, der als Mann mit seinem riesigen Geiste Welten umschritt – dort im Hausflur wird er mit der Schwester die ersten kindlichen Spiele getrieben haben. Jetzt leuchtet dem Eintretenden daselbst mit stiller Hoheit die Dannecker’sche Kolossalbüste aus dem Halbdunkel entgegen. „Gedenke, wer Du bist!“

Das Haus hatte im Laufe der Jahre viel bauliche Veränderungen erfahren, je nach dem Gewerbe, das darin betrieben wurde; zuletzt besaß es ein Bäcker, welcher den Eingang auf die Seite verlegt hatte. Nach noch vorhandenen Plänen wurde Alles wieder in seiner ursprünglichen Gestalt hergestellt und zum hundertjährigen Geburtstage Schiller’s eingeweiht. Wie ehemals führt die große Thür, über welcher jetzt die Gedenktafel angebracht ist, von der vor dem Hause sich fast zu einem freien Platze erweiternden Straße, dem Brunnen mit „dem wilden Mann“ gegenüber, in das Schiller-Haus.

Bis zum Jahre 1764 hat Marbach die Schiller’sche Familie in ihren Mauern beherbergt, dann wurde Lorch am Fuße des Hohenstaufen, wohin der „Hauptmann Schiller“ inzwischen versetzt war, diese Ehre zu Theil. Im oberen Stock des Schiller-Hauses ist in zwei Zimmerchen angehäuft, was man bisher als Reliquien hat sammeln können, Geschenke der noch lebenden Familienmitglieder, Bilder, Bücher und Originalbriefe.

Lange hat man des Dichters Geburtshaus nicht beachtet. Erst 1812 wurden von dem Gürtlermeister Franke in Marbach die ersten Schritte gethan, um dasselbe zu constatiren; fünfzehn Zeitgenossen Schiller’s wurden vernommen. Ihre Aussagen bestätigten die Richtigkeit der Annahme, daß Schiller in dem Schölkopf’schen Hause geboren worden sei. Zugleich wurde auch der Gedanke rege, dem großen Dichter in seiner Vaterstadt ein Denkmal zu errichten. Aber viele, viele Kämpfe gab’s, ehe diese Idee sich völlig Bahn brach; Stuttgart, „Schiller’s geistige Wiege“, rivalisirte mit Marbach, welches das „natürliche Recht“ für sich in Anspruch nehmen wollte; die Hauptstadt Württembergs enthüllte am 8. Mai 1839 ihr Schiller-Denkmal – Marbach hatte bis dahin nichts erreicht, als die Anpflanzung der Schiller-Höhe.

Dieselbe liegt südlich vom Orte und war ehedem ein Kalkbruch, das „Schelmengrüble“ genannt. Die Marbacher arbeiteten unentgeltlich an der Herstellung der Anlagen; der König von Württemberg sandte von Hohenheim, wo der Karlsschüler Schiller oft geweilt, Bäume und Sträucher. Der Platz für [288] ein „Nationaldenkmal“ wurde würdig hergestellt, aber damit waren auch alle Mittel erschöpft. Bis zum Jahre 1858 blieb es bei allen guten Wünschen, dann wandte sich das Comité wieder an ganz Deutschland – man sammelte vorerst zum Ankaufe des Geburtshauses. Der Erfolg gab genügende Mittel zur Erwerbung und Wiederherstellung desselben, wie zur Grundsteinlegung des Denkmals auf der Schillerhöhe, welche am 11. November 1859 feierlichst stattfand. – Endlich, nach einer so langen Frist, wird nun die Enthüllung des Ehrendenkmals, das nach einem Modelle des verstorbenen Bildhauers Rau von Professor Döllinger ausgeführt und von Pelargus gegossen worden ist, am 9. Mai dieses Jahres stattfinden.

Der hundertjährige Dichtergeburtstag gab Anregung zu verschiedenen Stiftungen für Marbach. Die Hanauer Gymnasiasten hatten ein kleines Capital gesammelt, von dessen Zinsen jährlich zu Schiller’s Geburtstage ein frischer Lorbeerkranz gespendet wird, welcher die Büste schmückt. Der Wiener Schiller-Verein „Glocke“ beschenkt seit 1867 an eben diesem Tage einen Marbacher Schiller mit Schiller’s Gedichten und einem Goldstücke. Das sinnigste und größte Geschenk aber gaben die Deutschen in Moskau, indem sie für die Alexander-Kirche eine Glocke stifteten. Seit dem 10. November 1860 tönt am Geburts- und Sterbetage Schiller’s der Klang der „Concordia“ über den Neckargau dahin, sein Andenken feiernd mit ehernem Schalle.

Das Schiller-Denkmal selbst zu Marbach und die bei seiner Enthüllung stattfindenden Feierlichkeiten werden den Gegenstand eines demnächst folgenden zweiten Artikels bilden.



[375]
II.


Keine Frühlingslüfte, sondern kalte, schneidende Winde wehten über Feld und Wiesen, schüttelten die Blüthen von den Bäumen und jagten graue Staubwolken auf den Wegen hin, als am Morgen des Enthüllungstages die Festtheilnehmer sich auf der Reise nach Marbach befanden. Extrazüge waren aus allen Richtungen in Ludwigsburg, der nächsten Eisenbahnstation, eingetroffen, und von dort aus rollten alle möglichen Gefährte, elegante und primitive, auf der Landstraße dem Festorte zu und pilgerten endlose Züge von Fußgängern dahin.

Echte, rechte Festlaune war trotz des kalten Wetters wohl bei jedem Einzelnen da, angefacht durch den Gedanken an – Schiller. Und wie freundlich Marbach seine Gäste empfing, welch hübsches Kleid es angelegt hatte und welch sinniger Glanz von den Gesichtern seiner Bewohner leuchtete! Endlich, endlich hatte Schiller’s Heimathsort erreicht, was redlichstem Wünschen, Streben und Mühen viele Jahre hindurch nicht hatte gelingen sollen. Das kleinste Haus war mit Kränzen und Flaggen verziert; man schritt durch Triumphbogen und grüne Alleen von Fichtenbäumen – die Werktagsarbeit ruhte gänzlich.

Hornsignale riefen die Sänger schon um acht Uhr zur Musikprobe; eine von J. G. Fischer, dem beliebten schwäbischen Poeten, für das Fest gedichtete Cantate, componirt von Professor Faißt aus Stuttgart, sollte den Act der Enthüllung einleiten. Noch zwei Stunden, die den anderen Gästen unter Wanderungen nach dem Schiller-Hause und der Alexander-Kirche, Begrüßen und Plaudern schnell dahingingen, und dann hieß es, dem Rufe der Trommel folgen und sich zum Festzuge versammeln. Die Marbacher Schuljugend schritt dem Zuge voran; es folgten vierundzwanzig Festjungfrauen, weiß gekleidet und mit den deutschen Farben geschmückt. Umgeben von den Künstlern und anderen Ehrengästen, schloß sich als Vertreter von Schiller’s Familie der Enkel, Herr von Gleichen-Rußwurm aus Weimar, der Sohn von des Dichters jüngster Tochter Emilie, an. Den letzten Träger von Schiller’s Namen, Major Friedrich von Schiller hielt leider Krankheit in Stuttgart zurück. Den Ehrengästen folgte das hochverdiente Schiller-Comité, dem sich die Beamten und bürgerlichen Collegien Marbachs und endlich sämmtliche Gesangvereine anschlossen.

Der Zug bewegte sich langsam durch die Straßen und machte dann vor dem Schiller-Hause Halt. Man hatte dem Hause mit richtigem Tacte außer einer Flagge keinen Schmuck verliehen; so stand es klein und bescheiden da – und doch eine Weihestatt, wie wenige auf Erden. „Stumm schläft der Sänger“ ertönte es durch die tiefe Stille hinüber zu dem niedrigen Fenster zu ebener Erde, durch welches einst der erste Lichtstrahl das Kind gegrüßt, das Kind, aus welchem ein Riese erwuchs, dessen schallender Schritt über die Erde klang, der, obwohl man ihn seit einundsiebenzig Jahren zur Ruhe gebettet, in unwandelbarer Frische durch die Mitwelt geht.

Eine kurze Rede folgte dem Liede – und dann ging’s hinüber von der Stätte, wo Schiller’s Wiege gestanden, zu dem Bilde, das seine Unsterblichkeit auf’s Neue documentirt.

Ohne jede Störung gruppirten sich die Festtheilnehmer um das verhüllte Denkmal; ebenso füllten sich die Tribünen, und hierauf begann das Vorspiel der wirkungsvollen Festcantate. Von der luftigen Höhe wurden die vollen Klänge der Männerchöre hinabgetragen zu Thale, wo der silberne Neckar fließt, über die Rebenhügel, über Wege und Stege, die der Knabe Schiller an Mutterhand gewandelt.

„Aber heut’ an Deiner Wiege
Schreite selbst durch uns’re Zeit!
Komm’, Du Meister hoher Siege,
Ganz in Deiner Herrlichkeit!“ –

hieß die letzte bittende Strophe der Cantate, und es ließ sich nicht vergebens rufen, das große Marbacher Kind – ein Ruck! und von Meister Pelargus Hand gezogen, fiel die graue Hülle: da stand er, der Unsterbliche. Böllerschüsse und das Läuten der Schiller-Glocke auf dem Alexander-Thurme begleiteten den Moment, in welchem tiefes, ehrfurchtsvolles Schweigen über der Menge ruhte.

Professor J. G. Fischer, der um alles Schiller-Bestreben in Stuttgart wie in Marbach hochverdiente Mann, bestieg die Rednertribüne, um – seine vierundzwanzigste Schiller-Rede zu halten. Die vierundzwanzigste! gewiß keine leichte Aufgabe – und doch, mit welcher Begeisterung das hier zu den Füßen des Dichters geschah!

Freilich, die Einleitung war eine tief-wehmüthige – sie galt dem Andenken desjenigen, welcher nicht mit Augen vollendet sah, was sein Geist und seine Hand geschaffen, des so früh verstorbenen talentvollen Bildhauers Ernst Rau.

„In das erhebende Gefühl, das uns beim Anblicke des Dichterbildes erfüllt, von welchem soeben die Hülle gefallen, mischt sich ein Schatten tiefer Wehmuth, denn der Mann, der zu dem Rufe: ‚Freude hat mir Gott gegeben‘, heute das erste Recht hätte, weil seiner kunstreichen Hand diese kraftvolle jüngste Schiller-Statue entsprang, hat sich niedergelegt, um nie mehr zu schauen, was er ersann und bildete. Wir können ihm nur eine Thräne des Dankes nachweinen, aber beglänzt von dem Ruhme, den er sich selbst geschaffen hat.“

Schön und würdig legte der Redner dann in herzbewegenden Worten Schiller’s Bedeutung auf’s Neue dar, dankte den drei gekrönten Häuptern, dem deutschen Kaiser, dem Könige von Württemberg und dem Könige von Baiern, und all’ den vielen Spendern aus Nähe und Weite, welche zum Gelingen des Werkes beigetragen, und endlich der Stadt Marbach.

Rauschender Beifall folgte den warmen Worten; dann wurde, nach Absingung eines Schillerliedes, das Denkmal der Obhut der Stadt übergeben, und nachdem Mendelssohn’s „Festgesang an die Künstler“ verklungen war, traten die Festjungfrauen an das Denkmal, um ihre Kränze niederzulegen, wobei eine von ihnen ein kurzes Gedicht sprach.

Einer sinnigen, stillen That darf nicht vergessen werden. Oberamtsrichter Ganzhorn aus Neckarsulm hatte einen Strauß Blumen vom Grabe von Schiller’s Mutter an den Stufen des Standbildes niedergelegt. Erst bei dem Festessen wurde diese „That“ durch die hübschen Verse des „Dichterfreundes“ bekannt:

„Was da von des Frühlings Zier
Grabentsprossen ward gefunden,
Strauch und Blumen – sei gewunden,
Und gelegt zu Füßen Dir!

An der Wiege Stätte heut,
Da des Volkes Dank Dich ehret,
Sei auch ihr, die Dich genähret,
Ein Gedächtniß still geweiht!

An dem Mal im Frühlingsglanz
Strahlend, zum Gedenken Deiner,
Herrlicher, Erhabner, Reiner,
Sieh’ der Mutter Blumenkranz!“

Die Schillerstatue zu Marbach, deren Abbildung die „Gartenlaube“ bereits in Nr. 19 gebracht, ist eine in jeder Beziehung gelungene, was Entwurf wie Ausführung anbelangt. Berichtigend muß hier noch hinzugefügt werden, daß nicht Professor Dollinger, wie dieses Blatt fälschlich in der Unterschrift zum Denkmal angegeben, sondern Pelargus die Statue nach Rau’s Entwurf ausgeführt hat. Der Bildhauer hat Dannecker’s Kolossalbüste seinem Schillerkopf zu Grund gelegt. Die Auffassung ist eine schlichte, aber würdige; hier ist der Mensch Schiller mit dem Dichter auf’s Wohlthuendste vereint.

Der „erzene“ Schiller dankt seine Entstehung dem eben erwähnten kunstreichen Meister Pelargus zu Stuttgart. Als der jetzt im besten Mannesalter stehende Meister kaum dem Knabenalter entwachsen war, wohnte er der Enthüllung des Stuttgarter Schiller-Denkmals bei, und als die Hülle desselben fiel und die Glockenklänge über die Stadt hinbrausten, da fiel auch ein zündender Gedanke in den jungen Kopf. „O, daß Du auch einmal so etwas schaffen dürftest – einen Schiller!“ Sprach’s und ging, um Kunstgießerlehrling zu werden, und ward ein Meister. Welch einer, sagt sein Werk zu Marbach, die Erfüllung seines glühendsten Wunsches.

Die Statue erhebt sich auf einem Piedestal, dem Werk des Professors Dollinger. Zum Steinsockel, der äußerst styl- und geschmackvoll ist, führen mehrere Stufen, welche unten von einem eisernen Gitter, dessen vier Ecken Steinvasen schmücken, abgeschlossen werden.

Die scharfen Kanten des Postaments tragen vier tragische Masken; die flachen Seiten zeigen vier Felder mit Städtenamen, die für Schiller bedeutungsvoll waren, und entsprechende Inschriften von denen zwei des Dichters eigenen Werken, eine denjenigen Goethe’s entnommen.

[376] Auf der Vorderseite:       „Marbach – Stuttgart“.

 Friedrich Schiller.
     geb. 11. Nov. 1759. gest. 9. Mai 1805.

Auf der Rückseite:   „Mannheim“.

„Wie mit dem Stab des Götterboten
Beherrscht er das bewegte Herz;
Er taucht es in das Reich der Todten.
Und hebt es staunend himmelwärts.“

Auf der einen Seite:   „Weimar“.

„Er glänzt uns vor, wie ein Komet entschwindend,
Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend.“

Auf der entgegengesetzten Wand: „Jena“.

„Hier ist ewige Jugend bei nimmer versiechender Fülle,
0 Und mit der Blume zugleich brichst Du die goldene Frucht.“


Bei dem Festessen, an welchem nebst einer großen Anzahl von Ehrengästen Herr von Gleichen, der Onkel des Verherrlichten, wie die Schwiegertochter Schiller’s, die Frau des Oberförsters Karl Schiller und deren Schwiegertochter, die Gattin des Majors von Schiller, Theil nahmen, fehlte es nicht an schwungvollen Trinksprüchen, Telegrammen aus Nah und Ferne und fröhlicher Laune. Am Nachmittage hatte sich auf der Schillerhöhe ein buntes Volkstreiben entwickelt; die Sonne kam sogar für kurze Zeit hinter der grauen Wolkenschicht hervor, und als der Tag sank, übergoß das Abendroth den Himmel, die Flur und das Bild auf der Höhe mit Purpurlicht.

E. Vely.