BLKÖ:Šercl (Scherzl), Vincenz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 34 (1877), ab Seite: 139. (Quelle)
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Šercl (Scherzl), Vincenz (Linguist, geb. zu Beraun am 28. Sept. 1843). Das Gymnasium besuchte er auf der Kleinseite in Prag, nach Beendigung der philosophischen Studien begann er jenes der Rechte an der Prager Hochschule. Früh bereits zog ihn das Studium der Sprachen an, und als er noch im Gymnasium war, verwendete er alle freie Zeit darauf und bildete sich darin meist allein ohne Hilfe eines Lehrers. Wenn er über die Straße ging und die Soldaten in ihrer Muttersprache reden hörte, ließ er sich sofort mit ihnen in’s Gespräch ein, um neue Ausdrücke und Sprachwendungen zu erlernen. Die erste Sprache, welche er sich aneignete, war die italienische. Šercl befand sich damals, 1859, in der sechsten lateinischen Schule. Da hörte er, als er eines Tages aus der Schule nach Hause ging, zwei Personen mit einander italienisch sprechen. Als guter Lateiner glaubte er die Sprechenden verstehen zu müssen. Er hatte sich aber getäuscht – denn er verstand nichts. Das verdroß ihn und er warf sich nun mit allem Eifer auf das Italienische, welches er innerhalb eines Jahres gründlich sich angeeignet hatte. Nun machte er sich an die übrigen Sprachen und hatte bald das Französische, Englische, Russische und Polnische sich zu eigen gemacht. Als er zum Studium der Rechte in die Universität eintrat, verstand er bereits zehn Sprachen. In den ersten zwei Jahren seiner Rechtsstudien benützte er seine Mußestunden zur Erlernung der übrigen europäischen Sprachen, in den nächsten zwei Jahren machte er sich einige orientalische und amerikanische Sprachen eigen. Im October 1865 suchte er um Aufnahme in die k. k. orientalische Akademie an, welche ihm jedoch nicht gewährt wurde. Am 8. April 1866 war im Hause des Adalbert Naprstek [Bd. XX, S. 83] eine aus Personen verschiedener Stände zusammengesetzte Gesellschaft beisammen, vor welcher Vincenz Šercl, zu jener Zeit als gerichtlicher Stenograph beschäftigt, eine Prüfung seiner Sprachkenntnisse – welche damals 26 verschiedene Sprachen umfaßten – ablegen sollte. Das treffliche Familienblatt[WS 1] „Daheim“ berichtet im Jahrgange 1866, S. 475, über diesen Vorgang in ausführlicher Weise und nur zu Gunsten unseres Candidaten. Diesem Berichte ganz entgegen, melden wenig Günstiges über Š.’s Sprachenkenntnisse: die „Neue freie Presse“ 1866, Nr. 606, im Artikel: „Der Prager Mezzofanti“, und die „Presse“ 1867, Nr. 145, im Artikel: „Der böhmische Mezzofanti“. Am 5. Mai 1866 verließ Š. Prag und reiste nach London, um dort im britischen Museum seine Sprachstudien fortzusetzen. Dort konnte er seine Sprachenkenntnisse auch bald bethätigen, indem er bei der Einordnung der fremdsprachlichen Werke im Museum den dienstthuenden Beamten aushalf. Von London begab sich Š. nach St. Petersburg, wo er gleichfalls seine Sprachstudien fortsetzte und darin von einem Herrn von Bykow wesentlich gefördert wurde. Theils allein, theils mit den Söhnen Bykow’s machte er Reisen in die entferntesten Gegenden des europäischen Rußland und erweiterte seine Kenntnisse[WS 2] im persönlichen Umgange mit Lappen, Finnen, Samojeden, Kamtschadalen u. s. w. Dann wieder nach London zurückgekehrt, verheirathete er sich dort mit [140] einer jungen Engländerin, die ihn, als er dort von schwerer Krankheit war befallen worden, auf das sorgfältigste gepflegt hatte, begab sich darauf mit ihr nach St. Petersburg zurück, wo er sich nun zuerst einer Staatsprüfung unterzog, mit einer Habilitationsschrift die Magisterwürde erlangte und sich dann für eine Lehrkanzel an der Universität vorbereitete. Im Jahre 1869 erlangte er das Lehramt der Sprachforschung an der Hochschule in Charkow. Von literarischen Arbeiten auf dem von ihm gepflegten Gebiete sind bisher bekannt: „O výhodách a hlubokém významu jazykozpytu srovnovacího“, d. i. von den Ausgängen und Zwecken der vergleichenden Sprachforschung; – „Osobni náměstky v jazyku sanškritském a tvary jim přibužné“, d. i. die vorzüglichsten Fürwörter im Sanskrit und die ihnen nächstverwandten Formen.

Magazin für die Literatur des Auslandes. Von J. Lehmann (Leipzig, 4°.) 1866, S. 124: „Böhmens Mezzofonti“. – Dasselbe S. 241: „Böhmens Mezzofonti, wie er wirklich ist“. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1866, Nr. 606: „Der Prager Mezzofonti“. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1866, Nr. 98, im Localanzeiger: „Ein interessanter Sprachenvortrag“. – Dieselbe 1867, Nr. 145: „Der böhmische Mezzofanti“. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1866, Nr. 97: „Vincenz Scherzel“. – Světozor (Prager illustr. Blatt, kl. Fol.) 1869, Nr. 21 u. 23.
Porträt. Unterschrift: Čeněk Šercl | kreslil J. Kriehuber, d. i. Vincenz Šercl. Gezeichnet von Kriehuber. Schulz sc. [Im Světozor 1869, Nr. 21.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Familenblatt.
  2. Vorlage: Kentnisse.