BLKÖ:Mörl, Maria von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Moering, Ludwig
Band: 18 (1868), ab Seite: 425. (Quelle)
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Mörl, Maria von (eine extatische Jungfrau, geb. zu Kaltern in Tirol in der Mitternachtsstunde von dem 15. auf den 16. October 1812, gest. ebenda 11. Jänner 1868). Ihr Vater war Gutsbesitzer zu Kaltern, ihre Mutter Maria, eine geborne Sölva. Das Leben ihrer Kindheit floß still und unbemerkt dahin, von ihrer Mutter, einer sehr frommen Frau, wurde sie in Gottesfurcht erzogen. Als sie erst vierzehn Jahre alt war, verlor sie die Mutter durch den Tod, aber die Keime der Frömmigkeit waren in Maria festgewurzelt, besonders liebte sie das Gebet und „nie betete sie sich satt, noch empfing sie bei zunehmendem Alter die Communion oft genug“. Bereits seit ihrem fünften Jahre kränklich, nahm doch ihr Leiden erst im Jahre 1830, sie, war damals bereits 19 Jahre alt, einen, wie es anfänglich schien, gefährlichen Charakter an, es stellten sich nämlich so heftige Krämpfe ein, daß man jeden Augenblick den Eintritt des Todes befürchtete. Allmälig verringerten sich zwar diese Krämpfe, aber sie verlor das Augenlicht und alle äußere Empfindung, und nahm außer einigem Wasser keine Nahrung mehr zu sich. Nun nahmen auch ihre Convulsionen so sehr zu, daß ihre Schmerzensäußerung mehr Aehnlichkeit mit Thier-, als Menschenlauten hatten. Starr- und Lungenkrämpfe waren dann gewöhnliche Erscheinungen, den Mund behielt sie durch mehrere Tage lang offen, sie schwoll hoch an u. dgl. m. 17 Tage lang war sie im September 1830 gesichts-, empfindungs- und sprachlos, dann stand sie aber auf einmal auf, kleidete sich an und ging in die Kirche (December 1830), von welcher Zeit die Besserung fortdauerte. Auf Befragen, wie es mit ihrer Besserung zugegangen, gab sie zur Antwort: „Ich betete zur göttlichen Mutter am Vorabend des einen ihrer Feste das Magnificat, rief den heiligen Franziscus an und den heiligen Remedius, und mir schien, als wenn ich sähe, könnte reden und gehen, und so war es.“ Auch von Erscheinungen wird in ihrer Krankengeschichte erzählt, so von der eines schönen Kindes, das ihr jedoch auch Körper- und Seelenleiden [426] bereite, die aber durch die Gegenwart der Priester gelindert wurden; ferner ihrer Mutter, scheußlicher Gestalten, schwarzer Männer, die sie fortzuschleppen drohten, einer schwarzen Katze u. dgl. m. Im Februar 1832 verfiel sie in die erste Extase, 12 Stunden lang, bis sie auf den Ruf ihres Beichtvaters zu sich kam, was später immer geschehen mußte; 1833 und 1834 besuchte sie einige Mal die Kirche, verfiel im Mai in Folge derartiger Erscheinungen in die heftigsten Convulsionen und bekam eine Lähmung an der ganzen linken Seite, die vier Monate anhielt. Um diese Zeit fangen auch die Stecknadeln, Nägel, Roßhaare, Glasscherben u. dgl. m. an, ihre Rolle zu spielen, sie zeigten sich im Munde, am Kopfe, am Fuße – der Beichtvater befreite sie davon, und so erhielt sie auch nach Wegnehmung eines Nagels die frühere Gelenkigkeit in ihrer linken Seite wieder. Wie diese Dinge in sie oder in die einzelnen Theile ihres Bettes kamen, wußte Niemand, gewiß ist es aber, daß sie sich trotz alles Suchens nie, wenn sie allein, wohl aber immer damals fanden, wenn ihr Beichtvater im Zimmer war. Während diesen Plagen communicirte sie und sagte darauf ihrem Beichtvater: „Gott habe befohlen, man solle das allgemeine Gebet für sie beten lassen, dann könne er (der Geistliche) ihr verbieten, Stecknadeln von den abscheulichen Menschen anzunehmen, und ihre Plagen würden aufhören“. Beides geschah. In ihren Extasen wollte sie mit Gott und ven Heiligen gesprochen haben, die ihr sagten, sie habe durch Gebet, Gehorsam, Selbstkreuzigung und Fasten alle Macht des Bösen überwunden. In einer Christnacht hatte sie die lebendigste Anschauung der Geburt des Heilands. Die Stellungen im Gebete wechselten auf’s Mannigfaltigste ab. Am Gründonnerstag Abends sah sie Christum mit den Jüngern ganz lebendig im Garten am Oelberg, am Charfreitag zwischen 2 und 3 Uhr fing sie wie sterbend zu röcheln an, kalter Schweiß lag auf der Stirne und alle Lebenszeichen schienen verschwunden; seit Juli 1833 sprach sie nur noch mit ihrem Beichtvater und Ortsseelsorger, Namens Eberle. Ihre Betrachtungen waren die Leiden Christi und der Heiligen, und jeden Gründonnerstag erneuerte sich die Leidensgeschichte Christi bis zur Auferstehung, wo sie den Heiland und die Apostel sah. Von Weihnacht bis Lichtmeß sah sie in der Abendmahlshostie Christum als Knaben, bis zur Fasten als Jüngling, in der Fasten am Kreuze, von Ostern bis Himmelfahrt mit Wunden bezeichnet und verklärt. Oft sah sie große Schaaren Engel vor dem Allerheiligsten und es anbeten. Schon im Herbste 1833 hatte ihr Beichtvater zufällig bemerkt, daß die Orte in der Mitte der Hände, wo die Male später erschienen, sich zu vertiefen begannen, wie wenn es der Abdruck eines erhobenen Körpers wäre; zugleich schmerzten jene Stellen und es zeigten sich häufige Krämpfe um dieselben. Das brachte ihn schon damals auf die Vermuthung, daß es zur Stigmatisation kommen werde, und es geschah, wie er vermuthete. Zu Lichtmeß, am 2. Februar 1834, fand er sie mit einem Tuche, mit dem sie von Zeit die zum ersten Male frisch blutenden Wunden wischte. Er fragte sie, wieso sie blute, und sie erwiederte: sie selbst wisse es nicht, sie müsse sich wohl blutig geritzt haben. Von nun an aber hatten diese Male bleibend an den Händen sich festgesetzt, zeigten sich in kurzer Zeit auch an den Füßen, und um die Zeichen voll zu machen, gesellte sich noch die Seitenwunde hinzu. Nun drängte sich das [427] Volk hinzu, um die Heilige, denn als das galt sie den gemeinen Leuten, zu sehen. Der Zudrang war ein ungeheurer, manchmal über dreitausend Personen an einem Tage. Dieß zog die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich, es wurde ein Bericht abgefordert, der indessen sehr unvollkommen ausgefallen sein mochte, da die begnadete Kranke erstens durch einen ihrer Beichtväter zu sich gerufen werden mußte, zweitens ihre Leiden mit Worten nicht angeben, drittens keine Medicin nehmen konnte. Im Herbste 1834, als sie zu Weihnachten eben wieder sehr leidend war, besuchte sie der berühmte Mystiker Görres, der auch dann im I. Jahrgange der „Neuen Sion“ (1845), Nr. 3 u. f., Bericht über seinen Besuch erstattete. Im Jahre 1841 änderte Maria von Mörl die Wohnung, indem sie nach dem Tode ihres Vaters aus ihrem väterlichen Hause in das Tertianerinenkloster übersiedelte, wo ihr ganz neben der Kirche, in die man durch ein Fensterlein hinuntersieht, eine Wohnung angewiesen wurde. Das Zimmer, obgleich im Nonnenkloster befindlich, war doch so gelegen, daß man von außen in dasselbe gelangen konnte. Jedoch wurde der Zutritt zu ihr beschränkt und mußte vorher die Erlaubnis sie zu sehen, von der höheren geistlichen Obrigkeit eingeholt werden. Im Jahre 1842 besuchte sie Monsignor Tizzani, Bischof von Terni, der über diesen Besuch einen eigenen Bericht veröffentlichte, wie denn überhaupt angesehene Personen über diese extatische Kranke schrieben, wie z. B. der Bischof Wiseman, John Talbot Graf von Shrewsburg, Vater der im Rufe der Heiligkeit im October 1840 zu Rom gestorbenen Guendaline Fürstin Borghese. So dauerte die Geschichte viele Jahre fort, nur der Besuch Fremder hatte sich gemäßigt. Ueber die Heilungen, die durch sie bewerkstelligt worden, gehen auch verschiedene Versionen. Da starb im Jahrs 1865 ihr Hauptbeichtvater, sie hatte früher deren mehrere, es war der Jesuiten-Pater Johann Capistran Soyer, er war 37 Jahre lang ihr Beichtvater gewesen. Seit dem Herbste 1867 verschlimmerte sich ihr Zustand zusehends, und endlich starb sie an gänzlicher Blutzersetzung im Alter von 56 Jahren. Ihr Leichenzug war festlich, aus der ganzen Umgegend war die Bevölkerung herbeigeströmt. Nie dürfte Kaltern eine solche Menschenmenge gesehen haben. Dem Sarge von Zink war von Seite des Bürgermeisters Baron Di Pauli ein verschlossenes Actenstück beigegeben, dann wurde der Sarg im festlichen Zuge auf den Friedhof gebracht und in der von Mörl’schen Familiengruft beigesetzt. Es wurde versucht, nach dem Tode den alten Zauber fortzusetzen, und es wurde von einigen Jesuiten-Patres auf die Heilkraft der Mörl’schen Leintücher hingewiesen und einem den besseren Ständen angehörenden, seit Monaten schwer leidenden Kranken gerathen, sich ein Stück vom Mörl’schen Betttuche zu verschaffen und auf sicheren Erfolg der Leintuchcur zu hoffen (!). – Es wurde im Vorstehenden eine möglichst treue Darstellung der Erscheinungen, die mit der extatischen Maria von Mörl vorgingen, gegeben. Der Fall wie bei Julianna Weißkirchner, die in die Hoffnung gekommen, scheint bei ihr nicht eingetreten zu sein. Für die übrigen Erscheinungen aber gibt es eine Erklärung; man suche sie, ebenso wissenschaftlich als vernunftgemäß, in dem „Essai sur la Theologie morale“, S. 239 u. f., des Pater J. C. Debreyne, Doctors der Medicin von der Facultät von Paris, außerordentlichen [428] Professors der praktischen Medicin, Priesters und Ordensgeistlichen der grande Trappe.

Lebensbild der extatischen Jungfrau Maria von Mörl (Botzen 1868, J. Wohlgemuth, 32°.). – Riccardi (Antonio), L’estatica di Caldaro nel Tirolo, Maria de Moerl, relazione storica (Milano 1836, 16°., Modena 1836, 8°.; Novara 1836, 16°; Perugia 1836, 12°.), im nämlichen Jahre noch, als das Buch zuerst in Mailand ausgegeben wurde, erschien ebenda eine neue Ausgabe mit dem Bildnisse des Mädchens unter dem Titel: „Storia meravigliosa dell’ estatica M. de Moerl vivente in Caldara nel Tirolo“. – Laxa (X. J.), Żywot M. de Moerl i Dominiki Lazari w Tyrolu, piętna Pana Jezusowe na ciele swojem noszących (Opole 1849, 12°.). – Der österreichische Volksfreund (Wiener politisches Parteiblatt) 1868, Nr. 17–21: „Maria von Mörl“ [Wiederabdruck aus J. Görres’ „Christliche Mystik“]. – Czas, d. i. die Zeit (in Krakau erscheinendes polit. Blatt) 1856, Nr. 168, im Feuilleton, welches eine Correspondenz aus Südtirol und in dieser Nachrichten über Maria von Mörl enthält. – Neues Wiener Tageblatt 1868, Nr. 16: „Die Heilige von Kaltern“. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 23. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 1241, in der Rubrik „Eingesendet“. – Fremden-Blatt von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1868, Nr. 16.