BLKÖ:Markl, Karl

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Márki, Joseph
Nächster>>>
Markó, Karl
Band: 16 (1867), ab Seite: 455. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: [1], SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Markl, Karl|16|455|}}

Markl, Karl (Sectirer, geb. zu Aumühl bei Sieghartskirchen in Niederösterreich im Jahre 1792, gest. zu Wien 7. April 1862). Markl ist der Sohn eines Müllers zu Aumühl in Niederösterreich, besuchte das Gymnasium zu Melk, und hörte Philosophie und Medicin zu Wien. Das Studium der Medicin gab er später auf, theils aus Mangel an Neigung, theils weil ihm die Geldmittel fehlten, die Doctorwürde zu erlangen. In den Jahren 1820–1825 prakticirte er im k. k. Naturaliencabinete und verlegte sich später auf die Botanik. Während er sich so nur sehr kümmerlich fortbrachte, mußte er endlich auch die Hoffnung, eine kleine Anstellung zu erhalten, aufgeben. In dieser traurigen Lage kam ihm Baron Perglas, Ausschuß der niederösterreichischen Herrenstände, zu Hilfe, welcher ihn bald [456] bei Ausarbeitung eines topographischen Werkes verwendete. So lebte er bis zum Jahre 1835 von der kleinen Einnahme eines Taggeldes. Nachdem im letztgenannten Jahre das topographische Bureau der Stände war aufgelöst worden, kam M. als Registraturs-Praktikant in Verwendung, behielt sein bisheriges Tagegeld und hatte speciell die Bibliothekgeschäfte zu besorgen. In dieser bescheidenen Stellung verblieb er zehn Jahre, als ihn endlich eine günstigere Wendung des Schicksals traf, er erhielt nämlich eine definitive Anstellung als Registrant mit einer Jahresbesoldung von 500 fl. Im Verlaufe von neuen zehn Jahren wurde sein Gehalt sogar auf 800 fl. erhöht und zudem erhielt er ein mäßiges Quartiergeld. Dieser einfache, in den niederen Beamtensphären sich häufig wiederholende Lebensvorgang bildet nicht das Moment der Denkwürdigkeit an diesem jedenfalls merkwürdigen Menschen. Markl, dieser schlichte, anspruchslose und in den Kreisen, in denen er sich bewegte, hochgeachtete Mann, war das Oberhaupt einer Secte, welche sich „Neu-Salemiten“, auch „Johannesbrüder“ nannte. Diese Secte hatte ihre Hauptlehren den Schriften des Theosophen Emanuel von Swedenborg entlehnt, und schon im Jahre 1835 hatte Markl in Wien durch Verbreitung von Druckschriften neukirchlichen Inhaltes, wie durch seine heiligen Visionen und Gedichte, und durch die ihm angeblich gewordene göttliche Offenbarung auf seine Anhänger einzuwirken gesucht. Nach ihrer Lehre hielten sich die Johannesbrüder an die zehn Gebote Gottes und behaupteten, daß die Bibel das einzige endgiltige religiöse Buch sei, welches unter göttlicher Eingebung geschrieben worden wäre. Dagegen verwarfen sie die Sacramente der Kirche und alle mit dem christkatholischen Ritus verbundenen Ceremonien. Die Taufe erschien ihnen ebenso überflüssig, als die kirchliche Einsegnung einer Ehe. Sie ließen die erstere nur als eine vom Staate anbefohlene Maßregel zu. Dagegen betrachten sie die Ehe als geschlossen, sobald sich Mann und Weib in wechselseitiger Liebe und Vertrauen vereinigen. Sie besuchten keine Kirche, weil nach ihrer Anschauungsweise jeder Mensch die Kirche in seinem Herzen trage. Die feierliche Bestattung von Verstorbenen erschien ihnen als Abgötterei; deßhalb begleiteten sie keine Leiche zur ewigen Ruhestätte. Im äußeren Verkehre mit der Welt konnte man ihnen nichts zur Last legen. Im Gegentheil, Vieles erschien bei strengerer Beobachtung empfehlungswürdig, besonders für die Häupter kleiner Familien und Haushaltungen. Die Johannesbrüder schnupften weder noch rauchten sie, sie enthielten sich vom Genusse aller gebrannten Flüssigkeiten, theilweise auch des Biertrinkens. Auch hatten sie das Karten- und jedes Lotteriespiel aus ihrem Hauskreise verbannt; das waren allerdings Entsagungen, welche goldene Früchte trugen, indem sie das Sittlichkeitsgefühl und die Wirthlichkeit erhöhten und hierdurch das „Familienglück“ dieser Leute neu befestigten. Ihre zwölf Hauptlehrsätze, wie die späteren Verrücktheiten und Ueberspanntheiten, in welche diese neue Lehre ausartete, theilt das in den Quellen bezeichnete Journal „die Glocke“ 1863 und zwar erstere in Nr. 61, letztere in Nr. 93 mit. Von dieser Secte nun war Markl der Gründer und das Oberhaupt. Das Endziel der Bestrebungen der Johannesbrüder mochte wohl der „Communismus auf religiöser Basis“ sein, ob aber der angefachte religiöse Fanatismus [457] unwissender Menschen nicht für noch verschleierte Zwecke Einzelner in Bereitschaft gehalten werden sollte, muß, so nahe die Vermuthung liegt, für jetzt doch dahingestellt bleiben. Bis zum Jahre 1856 bildeten die Johannesbrüder unter sich kleine Vereine von höchstens 3 bis 8 Personen, und da gewöhnlich mehrere zusammen oder doch sehr nahe wohnten, bestanden diese Vereine, ohne eben Aufsehen zu erregen. Schon seit dem Jahre 1834 hatte Markl für diese Idee geschwärmt, war mit dem im Auslande für sie thätigen Regierungs-Assessor Hofecker in Tübingen, der sich im brieflichen Verkehre mit Markl des Namens Doctor Lambert Osterhold bediente, in Verbindung getreten und hatte später den als Magnetiseur in Wien verweilenden Dr. Johann Koch, der offenbar in dieser Secte die unlauterste Rolle spielte, für seine Zwecke gewonnen. Außer mit Hofecker unterhielt M. zur Förderung seiner Secte und ihrer Zwecke einen sehr ausgedehnten Briefwechsel, so mit dem Gutsbesitzer Karl von Schilling bei Reval in Esthland, mit dem Schriftsteller Alcibiades Tavernier zu Krajowa in der Wallachei, mit dem Reformator Smolnikar in Philadelphia, mit dem englischen Schriftsteller Charles Alexander Tulk, mit dem Literaten Amon und mit Dr. Emanuel Tafel, dem Uebersetzer und Herausgeber Swedenborgs, und mit noch Anderen. Um Proselyten zu werben, unternahm er in den Jahren 1830 und 1850 größere Reisen nach Deutschland, auf denen er Männer wie Franz Baader, Heinrich von Schubert, Pfarrer Vorher, Julius von Schnorr aufgesucht und bei Staatsrath Molitor, Director Rippel in Frankfurt a. M., bei Ludwig Hochecker, Pfarrer Eschenmayer in Tübingen u. A. freundlichen Empfang gefunden. Im Zusammenhange mit seinen Bestrebungen stehen auch einige kleinere literarische Arbeiten, z. B. ein Aufsatz „über das Duell“ und „die Einladung an die gelehrte Welt zur Prüfung über die Swedenborg’schen Werke“, welche durch Hochecker zum Drucke befördert wurden. Im Jahre 1851 erschienen Markl und sein Genosse Koch zu Marienbad in Böhmen, unter dem Vorwande, dort die Heilcur zu gebrauchen, in Wahrheit um Anhänger für ihre Verbrüderung zu gewinnen. In Plan und Mies war es ihnen auch bei einzelnen Leuten aus dem Gewerbestande gelungen. Später hatten sie, wie es allen Anschein hat, auch einzelne Anhänger in Prag, Eger, Warnsdorf und Friedland gefunden. Besonders am letztgenannten Orte und in Rumburg hatte die Secte unter dem Deckmantel von Unterstützungsvereinen mehr als anderswo Fuß gefaßt, und wie in Wien, sich vornehmlich in der Arbeiterclasse rekrutirt. In Budweis wäre es den Sectirern bald schlimm ergangen, denn es war zu gerichtlichen Verhandlungen gekommen, diese aber sind fallen gelassen worden, weil das Vorhandensein einer förmlichen Sectirerei nicht sicherzustellen war. Indessen hatte die Secte in Wien allmälig einen solchen Aufschwung genommen, daß die Behörden auf sie aufmerksam werden mußten. Markl entfaltete daselbst eine höchst einflußreiche Thätigkeit. Mit seiner Wirthschafterin, Namens Karolina Holland, von der er behauptete, sie sei die uneheliche Tochter des verstorbenen Prinzen Heinrich von Preußen, und besitze die Gabe des Hellsehens, hatte er sich im Sinne der neuen Kirche vereinigt. Die Johannesbrüder – die, nebenbei gesagt, diesen Namen nach dem Taufnamen des Dr. Johannes [458] Koch führten – nannten Markl „Vaterl“ und seine Geliebte „Mutterl“. Eines Tages jedoch gerieth Karolina auf den Einfall, in die Schweiz, dem Tummelplatze zahlloser Sectirer, zu reisen, um nie wieder nach Wien zurückzukehren. Ein Arzt, Namens Graf, hatte gewußt die Seherin Holland so an sich und sein Haus zu fesseln, daß sie es vorzog, ferner bei ihm zu bleiben, statt nach Wien zurückzukehren. Die Johannesbrüder, die nur mehr ihr „Vaterl“ besaßen, versammelten sich immer zahlreicher. Die Versammlungen selbst wurden durch einen gewissen Pfeffer mit großer Vorsicht und Klugheit zusammenberufen, und wurde den einzelnen Mitgliedern die Mittheilung einer Zusammenkunft immer wenige Stunden vor der dazu festgesetzten Zeit gemacht. In solcher Weise fanden im Frühjahre 1856 im sogenannten „Häuserl am Rain“ in Pötzleinsdorf, im Gemeindehause zu Kagran, im Gasthause zur Sonne in Neulerchenfeld, am Ostersonntage in Weidling am Bache und am Maria Verkündigungstage im Gemeindehause zu Neuwaldegg Versammlungen der Johannesbrüder statt, welche, einschließig ihrer Ehehälften, sich bis auf hundert Personen beliefen. Die Haltung, welche bei diesen Zusammenkünften beobachtet wurde, entbehrte jeden Tadels. Man genoß sein einfaches Mahl und erörterte vor und auch darnach religiöse Fragen. Ebenso ruhig und immer in kleiner Abtheilung schied die Versammlung. Markl genoß bei diesen Vereinigungen eine ganz besondere Verehrung. Fast alle Brüder küßten ihm die Hand, alle nannten ihn „Vaterl“ und er wieder dutzte jeden. Von dem Rufe der Wunderthätigkeit dieses „erweckten“ Mannes überflossen alle Lippen. Die göttlichen Offenbarungen, welche ihm in Träumen nach seiner Versicherung zukamen, und von denen er die meisten in österreichischer Mundart niedergeschrieben hatte, lebten in der Brust jedes Johannesbruders, und so hoch stand der Einfluß des „Vaterls“ in der Gemeinde, daß sein Rath auch in den meisten häuslichen Angelegenheiten der Johannesbrüder den Ausschlag gab. So standen die Dinge, als in den Tagen des 13. –16. Mai 1856 Karl Markl mit 21 Johannesbrüdern und dem Schreiber Pfeffer verhaftet, zugleich aber eine strenge Durchsuchung in ihren Wohnungen vorgenommen wurde. Aber der Fund blieb hinter den Erwartungen zurück, Bibeln und Schriften religiösen Inhaltes waren die einzige Ausbeute der gerichtlichen Visitation. Am 29. Mai hatte die Polizei die Johannesbrüder, welche meistens Familienväter waren, dem Landesgerichte übergeben, wo dann die Untersuchung viele Monate hindurch fortgeführt wurde. Die Nachspürungen nach Mitgliedern dieser Secte durchliefen die ganze Monarchie, wobei die Zahl der Verhafteten bis auf Einige sechzig sich belief. In so manche ihres Erwerbes beraubte Familie kam hiedurch Jammer und Elend, bis endlich die Gnade des Monarchen einen Strich zog über den noch nicht zu Ende geführten Proceß. Damit hatte aber die Bruderschaft noch nicht ihr Ende genommen. Im Jahre 1861 kam dir Bruderschaft noch einmal vor die Schranken des Gerichtes. Sie zerfiel erst, als Markl arm und verlassen im allgemeinen Krankenhause in der Alservorstadt starb. Bemerkenswerth ist, daß er vor seinem Ableben in den Schooß der katholischen Kirche zurückkehrte und die heiligen Sterbesacramente mit Andacht empfing. Wie Herausgeber dieses Lexikons aus [459] glaubwürdigem Munde vernahm, sollen viele Anhänger seiner Lehre, die ihm bei Lebzeiten ihr Geschmeide, Kostbarkeiten, Schmucksachen und dergleichen zur Aufbewahrung gegeben hatten, nach seinem Tode vergeblich in seinem Nachlasse darnach gesucht haben. Von allem ihm anvertrauten fremden Gute war nichts mehr zu finden.

Die Glocke. Politisches Volksblatt, herausgegeben von Karl Terzky (Wien, Fol.) Jahrgang 1863, Nr. 58, 59, 60, 61; Nr. 92, 93. 100: „Die Johannesbrüder in Oesterreich. Erste und zweite Abtheilung“ [eine am Schlusse der Nummer 100 in Aussicht gestellte Fortsetzung ist nicht erschienen].