BLKÖ:Reich, Moriz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 25 (1873), ab Seite: 149. (Quelle)
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Reich, Moriz (Schriftsteller, geb. zu Rokitnitz in Böhmen am 20. April 1831, wurde am 8. April 1857 im Walde „die hohe Wurzel“ bei Rokitnitz, das er am 26. März nach Tisch verlassen hatte und wohin er seit dieser Zeit nicht mehr zurückgekehrt war, todt gefunden). Der Sohn armer israelitischer Eltern; der Vater lebte als Schächter und Vorsänger der kleinen Judengemeinde des an einem Ausläufer der Sudeten malerisch gelegenen Städtchens Rokitnitz. Seine Armuth gestattete ihm nicht, viel für die Erziehung seines Sohnes zu thun. Er schickte wohl denselben auf das Gymnasium in das benachbarte Reichenau, wo Moriz bis zum Jahre 1847 blieb, als aber dieser nach beendigtem Unterrichte nach Prag ging, mußte er bereits durch Unterrichtertheilen für sich selbst sorgen. Dieses Aufsichselbstgestelltsein wäre nicht das Schlimmste gewesen, hätte R. nicht von seiner früh verstorbenen Mutter ein Uebel geerbt, dem bereits eine jüngere Schwester erlegen. Hinter einem blühenden Aussehen lauerte die tückische Krankheit, die so oft mit einer frühzeitigen Entwickelung des Geistes Hand in Hand geht und eine Reizbarkeit bedingt, die zum Poeten eignet, während der Körper unrettbar dahinsiecht. In Prag war R., nachdem er die ersten Spuren des Leidens fühlte, zu einem der ersten Aerzte gegangen, der ihm, nachdem er seine Brust untersucht, mit jener bei den Söhnen Aesculaps oft vorkommenden mephistophelischen Offenheit rundweg erklärte: „Tuberculosa cruciata, da ist wenig zu machen“. Seit dieser Eröffnung bemächtigte sich des Jünglings eine tiefe, seinen Lebensnerv immer mehr vernichtende Melancholie, die ihn nicht mehr seines Lebens froh werden ließ und gewiß auch den traurigen Ausgang desselben zur Folge hatte. R. gab nun jede Fortsetzung seiner Fachstudien auf, entschlossen, fortan nur der Poesie und durch die Poesie zu leben. Ja, wenn das letztere in einer Zeit, die der Dichtung wenig günstig und in Verhältnissen, die gewöhnlich nur den anständigen Hungertod der Poeten ermöglichen, thunlich gewesen wäre! So wurde denn, wie sein Freund Alfred Meißner treffend bemerkt, dieser Entschluß der Dämon seines Lebens; er wurde durch denselben wie Chatterton, Gilbert, Edgar Poe elend. Die Muse ward seine Parze! Unter seinen Studiengenossen fand sich ein hochsinniger Freund, der, als er Reich’s traurige Lage durchschaute und dessen Unfähigkeit bei seiner Krankheit durch Unterrichtertheilen für seinen Unterhalt zu sorgen, erkannte, obwohl selbst mittellos, doch entschlossen war, was er durch Lectionen erwarb, mit dem ihm liebgewordenen Freunde zu theilen und ihm wenigstens so lange durch’s Leben fortzuhelfen, bis er die gewöhnlich mit Mißerfolgen begleiteten Anfänge des Schriftstellerthums überwunden und in literarischen Kreisen bekannt geworden, endlich festen Fuß gefaßt hätte. Aber diese durch jugendlichen Enthusiasmus, der nicht mit den Factoren der wirklichen Welt zu rechnen pflegt, in’s Leben gerufenen Verhältnisse waren nicht von Dauer. Reich selbst, um ökonomisch [150] selbstständig zu wirken, theils, um unter veränderten Verhältnissen seinen Gesichtskreis zu erweitern, begab sich im Herbste 1853 nach Wien. Dort einsam in einer ärmlichen Dachkammer sitzend, unternahm er es, die Natur und die Bewohner seiner an Reizen und Eigenthümlichkeiten mancher Art nicht armen Heimat in einer Reihe von Novellen und Skizzen zu schildern. Seine erste Novelle: „Nur ein Schreiber“, fand in den damals von Gutzkow redigirten „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ Aufnahme; in rascher Folge erschienen nun: „Das Haus im Walde“ und „Der Kinderhandel“ im „Familienbuch des österreichischen Lloyd“; – „Der Jäger im Gebirge“ in der in Gratz erscheinenden, von Cajetan Cerri redigirten „Iris“ und zahlreiche Aufsätze, Scenen, Bilder u. dgl. m. in verschiedenen Wiener Blättern. Aber so fleißig er war, so viel Talent und echte Poesie seine Arbeiten athmeten, sie brachten ihn nicht vorwärts, sie verschafften ihm kaum den nothdürftigsten Unterhalt. Reich war Poet, nicht Journalist, er blieb – arm. Sein Freund Meißner, obgleich örtlich von ihm getrennt, blieb doch im steten Verkehre mit ihm. Bald erkennend, daß Wien nicht der rechte Ort für den kranken Poeten sei, suchte er ihn wieder nach Prag zurückzubringen. Aber seine Versuche blieben ohne Erfolg. Die Stelle eines Erziehers in einer Israelitenfamilie, denn Christliche nahmen Anstand, einem Juden die Erziehung ihrer Kinder anzuvertrauen, anzunehmen, dagegen sträubte sich sein starkes Selbstständigkeitsgefühl, er blieb lieber frei und darbte, als er in sorgenfreien Verhältnissen, jedoch abhängig, leben wollte. Er wollte ausharren, von seinem Fleiße und dem Entschlusse, sich selbst zu helfen, Alles erwartend. Im Winter 1855 schrieb er die Tragödie „Saul“. In den Charakteren und in der Anlage trotz überraschend schönen Einzelnheiten unfertig – wie es bei seinem Alter kaum anders zu erwarten – wanderte das Stück von einem Intendanten zum anderen und kehrte zuletzt zum Autor zurück. Indessen verfiel bei der Anstrengung unausgesetzter Arbeiten, welcher seine schwächliche Natur ohnehin nicht gewachsen war, und zu denen er nicht selten die Nächte zu Hilfe nahm, seine Gesundheit immer mehr. Aber er hatte Mehreres druckfertig liegen und für diese gesammelten Erzählungen und Schildereien suchte sein Freund Meißner einen Verleger. Um Neujahr 1857 hatte er das Manuscript in Empfang genommen und ungeachtet des gewichtigen Fürwortes, welches der Dichter des „Ziska“ dem Manuscripte zum Geleite gab, ließ sich doch die Sache nicht so rasch als es für Reich’s Lage nöthig war, abwickeln. Der Büchermarkt ist mit dergleichen überschwemmt und trotz der Fürsprache des beliebten Dichters wollte doch kein Verleger die Erstlingsarbeit eines noch Unbekannten bezahlen und drucken. Indessen lebte R. selbst bei braven Leuten, die, seine Lage erkennend, ihm alle Pflege angedeihen ließen, ihn wie eigenes Kind lieb gewonnen hatten und, wenngleich selbst mittellos, die Rechnung aufwachsen ließen, ohne ihn um Bezahlung zu mahnen. Im Februar 1857 hatte seine Krankheit schon einen bedeutenden Höhengrad erreicht, dabei stockte sein Erwerb und in Folge dessen und der daraus entsprungenen finanziellen Bedrängniß wurde er nur noch reizbarer und verscheuchte dadurch die wenigen Freunde, die ihn bis dahin besucht hatten. In dieser Zeit schrieb er an seinen Freund Meißner einen Brief, den dieser in der biographischen Skizze [151] Reich’s mittheilt. Meißner nennt dieses Schreiben einen Nothschrei, den nicht blos der Dürftige, sondern der dem Tode Verfallene, der unrettbar Verlorne ausstieß. Endlich war doch ein Verleger für die Arbeiten Reich’s gefunden. Der Buchhändler Karl Bellmann hat dieselben übernommen und Meißner theilte diese angenehme Nachricht seinem kranken Freunde nach Wien mit. Aber das Leiden desselben war bereits mächtig vorgeschritten, was ihn vor Wochen überglücklich gemacht hätte, nahm er nun theilnahmslos auf und ein aus diesem Anlasse an Meißner gerichtetes Schreiben ist der Ausdruck der vollsten Apathie eines Menschen, der vom Leben nichts mehr erwartet. Seine Ruhelosigkeit ließ ihn auch nicht länger in Wien leben; so wenig die Jahreszeit für einen Kranken wie Reich zum Reisen geeignet war, machte er sich doch im Februar 1857 auf und fuhr nach Prag. Es trieb ihn eine namenlose Sehnsucht nach seiner Heimat, nach seinen Verwandten, nach einem Mädchen, das er liebte. Am 1. März kam er in Stiebnitz, einem unweit von seinem Geburtsorte Rokitnitz gelegenen Städtchen, an, wo er sich im Wirthshause einquartierte. Seinen Erwartungen folgte nun die bitterste Enttäuschung. Das Mädchen, das er liebte, hatte sich von ihm abgewandt; die Bekannten zürnten ihm, daß er Den und Jenen in seinen Novellen wie zum Greifen geschildert; es fehlte nicht an beleidigenden Worten und Ausfällen. Seine Verbitterung stieg auf’s Höchste, nun wollte gar der Wirth einen Patienten nicht im Hause haben; ungeachtet er Alles bezahlt, erfuhr er eine beispiellose Vernachlässigung, die Lieblosigkeit von allen Seiten nahm in unglaublicher Weise zu; man trieb den armen Kranken, den tief im Herzen Verwundeten, physisch Verlorenen sozusagen aus dem Leben hinaus. Da es im Wirthshause nicht mehr auszuhalten war, übersiedelte er zu einem Freunde, der ihn aufgenommen. Am 26. März verließ er seine Wohnung früh am Tage; mit dem Stocke in der Hand, schritt er unaufhaltsam vorwärts und verlor sich dann im Walde. Als er Abends nicht heim kam, wurde der Freund, bei dem er wohnte, unruhig und begab sich auf Reich’s Zimmer, wo er auf dem Tische einen an seinen Vater gerichteten Brief fand, in welchem er die Entstehungsursache seines Entschlusses, die Welt zu verlassen, in ruhiger und klarer Weise darstellte. Unmittelbar darauf erschien in der Wiener Zeitung „Presse“ ein Inserat von Reich’s Verwandten, woraus zu ersehen war, daß er sie plötzlich und in so auffallender Weise verlassen haben mußte, daß sie ihn baten, von seinem Aufenthaltsorte Kunde zu geben. Reich selbst gab sie nicht mehr; sie kam von Anderen, die ihn am 6. April im Walde, „die hohe Wurzel“ benannt, eine Stunde von Rokitnitz, todt liegen gefunden. Er hatte sich selbst das Leben genommen. Außer den bereits erwähnten Arbeiten erschien von ihm ein Buch: „An der Grenze. Aus dem Nachlasse herausgegeben durch Alfred Meissner“ (Prag, 1858, Karl Bellmann, 8°.). Das Buch enthält außer einer kurzen Lebensskizze, welche Meißner geschrieben, mehrere Erzählungen und Schildereien: „Aus der Chronik eines Dorfgeistlichen“; – „Das Jägerhaus“; – „Nur ein Schreiber“; – „Der halbe Kaspar“; – „Veilchen“; – „Der Trutzian“; – „Der Onkel aus Petersburg“; – „Der Jäger auf den Bergen“; – „Mammon im Gebirge“. Noch hinterließ er einen unbeendigten Roman: „Friedel“. Viele andere Aufsätze, Novellen, Erzählungen, [152] Gedichte sind zerstreut in Journalen und verdienten namentlich letztere gesammelt zu werden. Bald darnach, nachdem man seine Leiche im Walde gefunden, stand in[WS 1] der Pest-Ofner Zeitung (1857, Nr. 99 u. 100) seine Skizze: „Die Reconvalescente“. Ueber Reich als Schriftsteller schreibt Meißner, daß man aus den Arbeiten, die von ihm vorhanden sind, herausfinden kann, was aus ihm hätte werden können. Eine Strömung von Poesie geht durch Alles, was er schrieb. Eine weiche träumerische Natur, voll überquellender Empfindung, waffenlos gegen die Bosheit und die Mißgunst der Menschen, ohne andere Erfahrung als die seines Herzens, verbrannte er rasch, wie in reinem Sauerstoffe, und machte in ein paar Jahren ein Unglücksleben durch, wie kaum die Unglücklichsten in Decennien. Wenn seine Gefühlswelt oft überhitzt, seine Phantastik grell und gewaltsam ist, wenn seine Menschen, in seinen späteren Erzählungen namentlich, dämonisch über ihr Maß hinauswachsen, dürfen wir nicht vergessen, welche Geier an ihm fraßen und wie jung und erfahrungslos er war. Seine Seele war keusch und rein und lebte nur für die Kunst. Er hatte eine ideale Sehnsucht, die Höhen zu erstiegen, die nur erklommen werden können, und sein Herz brach, wie das eines jungen Adlers, aus Schmerz darüber, daß seine Schwinge durchschossen war.

Oesterreichische Zeitung 1858, Nr. 264, im Feuilleton: „Zwei Verstorbene“ [der eine ist der Dichter Adolph Schults, der andere Moriz Reich. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1857, Nr. 89: „Moriz Reich“. – Der Tagesbote aus Böhmen (Prager Blatt) 1857, Nr. 109, im Feuilleton. – Neue Münchener Zeitung 1859, Abendblatt Nr. 139 u. 140: „Ein böhmischer Poet“. – Didaskalia (Frankfurter Unterhaltungsblatt, 4°.) 1857, Nr. 104: „Moriz Reich“. – Bohemia (Prager polit. und belletr. Blatt, 4°.) 1857, Nr. 90. – Wiener Mittheilungen. Zeitschrift für israelitische Culturzustände. Herausg. von Dr. M. Letteris (Wien, 4°.) Jahrg. 1857, Nr. 17.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: in in