BLKÖ:Rothschild, Karl Maier Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 27 (1874), ab Seite: 129. (Quelle)
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10. Karl Maier Freiherr von Rothschild (geb. zu Frankfurt a. M. 24. April 1788, gest. zu Neapel 10. März 1835). Der vierte Sohn Maier Anselm Rothschild’s und Chef des im Jahre 1821 in Neapel begründeten Rothschild’schen Bankgeschäftes. Als mit Decret vom 26. Mai 1821 König Ferdinand die Finanzen Siciliens von jenen des Königreichs Neapel trennte, machte er für Rechnung des erstgenannten Landes ein Anlehen von 1,500.000 Unzen, wovon das Pariser Haus Rothschild die Zinsen zahlt. Im folgenden Jahre contrahirte die neapolitanische Regierung bei Rothschild ein Anlehen von 16 Millionen Ducaten, drei Anlehen folgten demselben hinter einander, doch hatte sich Karl von Rothschild ausbedungen, daß sein Freund, der im Exil zu Florenz lebende Cavaliere Medici, die Verwaltung des Finanzministeriums übernehme, indem nur auf diese Weise das Haus Rothschild die Ueberzeugung von einer geordneten Finanzverwaltung des Königreichs haben könne. Dieser Forderung gab auch der König nach. Auch mit den übrigen italienischen Staaten schloß das Haus Rothschild verschiedene Anlehen und Geldgeschäfte ab, unter denen ein mit dem Kirchenstaate abgeschlossenes insofern bemerkenswerth ist, als es beweist, wie wohlunterrichtet und vorsichtig dieses Haus in seinen Geldgeschäften ist. Das Werk: „Das Haus Rothschild. Seine Geschichte und seine Geschäfte“ (Prag u. Leipzig 1837, Kober, 8°.) Bd. II, S. 19 u. f., gibt eine ausführliche Darstellung des im Jahre 1834 durch den päpstlichen Schatzkämmerer Cardinal Tosti aufgenommenen Anlehens [130] und der interessanten Rolle, welche das Haus Rothschild dabei spielte. So lange Karl von Rothschild in Neapel haushielt – denn nach der letzten Revolution gab er seinen Aufenthalt daselbst auf und übersiedelte mit seiner ganzen Familie nach Frankfurt a. M. war sein Salon der erste Neapels. Seine Frau Adelheid geb. von Herz (geb. 14. Jänner 1800, gest. im April 1853), eine Tante des bekannten Dichters Paul Heyse, war die Seele desselben. Wenn eine Dame berufen wäre, schreibt ein Correspondent aus Neapel im Jänner 1850, Memoiren aus der Gegenwart zu schreiben, so wäre es wohl die Baronin Adelheid, die seit einem Vierteljahrhunderte einen großen Theil der bedeutendsten Männer Europa’s in ihrem Hause beobachten konnte. Sie kennt Alle, welche die Geschichte gemacht haben. Ich glaube zwar nicht, daß dabei ihre Achtung vor der Menschheit zugenommen haben mag. Die geistreiche Frau hat nicht selten spöttisch lächeln müssen, wenn die höchstgestellten Menschen, welche tausendmal mehr zu sein glaubten, sich vor ihr bückten und ihrer Person die angenehmsten Sachen sagten, um nicht offen und blank der bloßen Macht des Geldes zu huldigen, vor der allein sie sich beugen. Wär’ es zu verwundern, wenn eine Dame des Hauses Rothschild in solcher Stellung eine Weltverachtung fühlte, vor der nur ein religiöser Sinn bewahren könnte? Frau Adelheid war auch durch ihren, man kann mit Recht sagen, großartigen Wohlthätigkeitssinn bekannt, den sie nicht etwa aus Ostentation, sondern aus dem Drange eines edlen weiblichen Herzens bethätigte. In Neapel, so lange sie dort weilte, übte sie große Wohlthätigkeit, und um die Sache als ganz sich von selbst verstehend erscheinen zu lassen, erklärte sie immer, daß ihre Religion sie dazu verpflichte, von ihrem Vermögen den Armen einen bedeutenden Theil zufließen zu lassen. Aber auch die fernen Armen in der deutschen Heimat vergaß sie nicht. Wenn sie in Neapel weilte, gedachte sie auch der Armen in Frankfurt; wenn sie in Frankfurt sich befand, ließ sie für die Frauenvereine in Berlin und Hamburg Kleidungsstücke in Menge arbeiten; sie kaufte förmlich ganze Waarenlager, um Dürftigen damit eine Freude zu machen, und so unterstützte sie zugleich die Industrie, den Handel und erfreute die Armen. Ihr Nekrolog rühmt sie als eine der in unserer Zeit selten gewordenen Frauen, da die Emancipationsideen der Gegenwart edle, weibliche Gemüther einschüchtern und die Fülle der Nächstenliebe und Herzensgüte aus Besorgniß, verkannt oder mißbraucht zu werden, eindämmen. Baronin Adelheid beschenkte und beglückte mit einer unnachahmlichen Liebenswürdigkeit; der wahrhaft Dürftige, der sie verließ, war ebenso durch die Gabe, die sie ihm gereicht, beglückt, als durch die Art, wie sie ihm selbe dargeboten gehabt, getröstet und zu neuem Muthe, zu neuem Streben aufgemuntert. Sie wartete jedoch selten, bis das Leiden an sie herantrat, sondern sie forschte es aus, sie suchte es auf und erkannte es mit dem Scharfblicke echter Menschenliebe auch dann, wenn es von einem gewissen Nimbus von Wohlergehen umgeben war; und so half sie denn am allerliebsten dem verschämten Armen. Ueberdieß war Frau Adelheid eine warme Beschützerin und Pflegerin der Kunst, sie achtete und feierte das Wissen und das Genie, sie zeigte begeisterte Würdigung für alles Erhabene, Große und Schöne, wo sie es fand, und gestand demselben Berechtigung neben der höchsten Stellung im Leben zu. Es war, als ob alle Grazien, wo sie immer sich befand, unsichtbar sie umschwebten. Selbst geistreich und von warmer Liebe für die Kunst beseelt, war ihr Urtheil über die wichtigsten Erscheinungen im Leben und in der Kunst stets ein klares und sicheres. Sie war eine seltene, gottbegnadete Frau, und Herzensgüte, Seelenadel, Wissen, Kunstliebe, echte Religiösität und Vorurtheilslosigkeit flossen in ihr zu einer Harmonie zusammen, wie man einer solchen im Leben nur selten begegnet. Dabei verfocht sie mit fast männlicher Unerschrockenheit die Interessen ihres damals noch unterdrückten Volkes, und merkwürdig bleibt ihre Audienz bei Papst Pius IX., gegen den sie sich über die Verfolgungen, welche der Cardinal della Gengha mit einem Paar seiner purpurbekleideten Genossen gegen die Ghettobewohner Roms sich erlaubte, bitter beschwerte und ihn aufmerksam machte, wie solche Barbarei im 19. Jahrhunderte nicht mehr am Platze sei, und daß dem heiligen Vater das Verfahren gegen seine Glaubensgenossen in Irland nicht härter schmerzen könne, als sie die Verfolgung ihrer Glaubensgenossen im Kirchenstaate. Allgemein und groß war die Trauer, als diese seltene Dame zu Frankfurt im Jahre 1853 im Alter von 53 Jahren starb. Ihr Gemal hatte sich in [131] Neapel ein bleibendes Andenken durch eine ansehnliche Stiftung begründet. Er hatte nämlich im Jahre 1846 einem der italienischen Asili infantili in San Carlo alle Mortelle 10 000 Ducaten geschenkt; diese Kleinkinder-Bewahranstalt führt seit dieser Zeit den Namen „Asilo Rothschild“. Baron Karl starb zu Frankfurt im Alter von 67 Jahren. Seine vier ihn überlebenden Kinder, nämlich drei Söhne und eine Tochter, sind sämmtlich wieder an Rothschild’s [vergleiche die Stammtafel] verheirathet. – Ueber einen seiner Söhne, Adolph Karl, berichteten die Blätter in den letzten Jahren, daß er sich mit dem Secretär der Präfectur von Nizza, einem Herrn von Randouin, geschlagen. Die Ursache des Duells war, wie schon so oft, eine unbedeutende. Baron Adolph hatte vor mehreren Jahren in einer Armenlotterie ein Kunstwerk von sehr zweifelhaftem Werthe gewonnen. Der Baron, der daran keine Freude hatte, wollte sich desselben entledigen und gerieth auf die Idee, es auszuspielen. Die Loose fanden aber keinen Absatz und Baron Adolph mußte Besitzer des Kunstwerks bleiben. Darüber machte man in Nizza gute und schlechte Witze, und der Baron, um der Affaire auf noble Weise ein Ende zu machen, schenkte den Armen von Nizza 3000 Francs und dem Municipalrathe 60.000 Francs, um eine Stiftung für arme junge Mädchen zu gründen. Nun kam die Bildgeschichte zur Ruhe. Jedoch im Salon des Herrn von Randouin wurde, als man eben ein Proverbe darstellte, die Sache wieder aufgefrischt, und zwar in einem Couplet, das in einem, wenngleich harmlosen Spotte gegen den Baron Rothschild gerichtet war. Darüber kam es zum Wortgefechte und dann zum wirklichen, in welchem Randouin an der Schulter leicht verwundet wurde. Nachdem den Gesetzen der Ehre genug geschehen, fand zwischen Baron Rothschild und Herrn Randouin die Versöhnung Statt. [Europa. Herausgegeben von Gust. Kühne (Leipzig, schm. 4°.) 1850, S. 99, ein „Brief aus Neapel“. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) XXX. Bd. (1859), Nr. 821: „Das Rothschild’sche Grabmal“. – Frankfurter Tagblatt, V. Jahrgang (1853), Nr. 44: „Adelheid von Rothschild“. Ein Nachruf von Dr. Eduard Reis. – Porträt. Holzschnitt mit der Unterschrift: „Karl v. Rothschild, Chef des ehemaligen Hauses in Neapel (vierter Sohn des M. A. v. Rothschild)“ auf S. 558 des Werkes von Franz Otto: „Das Buch berühmter Kaufleute oder der Kaufmann zu allen Zeiten“ (Leipzig und Berlin, zweiter u. verm. Abdruck 1870, Otto Spamer, gr. 8°.). – Grabdenkmal des Freiherrn Karl von Rothschild und seiner Gemalin Adelheid. Dasselbe, von dem Bildhauer Ed. von der Launitz ausgeführt, befindet sich auf dem neuen jüdischen Begräbnißplatze bei Frankfurt a. M. Es ist im einfachen Styl aus weißem carrarischem Marmor gearbeitet und eine Abbildung desselben ist in der Leipziger Illustrirten Zeitung 1859, Nr. 821, enthalten.]