BLKÖ:Tschofen, Franz Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tschoder, Christian
Band: 48 (1883), ab Seite: 58. (Quelle)
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Tschofen, Franz Joseph (Bauernführer in Vorarlberg im Jahre 1796, geb. im Vorarlberg’schen in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, Todesjahr unbekannt). Zu St. Peter, einem Einzelhofe im Landgerichtsbezirk Sonnenberg unweit Bludenz in Vorarlberg, führte er einen so lüderlichen Lebenswandel, daß es bald mit seinem Hab und Gut zur Neige ging, und als die Zeit des Franzoseneinfalls 1796 herankam, wußte der Heruntergekommene nichts Besseres zu thun, als auf eigene Rechnung die Rolle eines Patriotenführers zu übernehmen, die er dann in grauenhafter Weise spielte. Es war am 9. August genannten Jahres, als die Franzosen in starken Massen auf Bregenz losrückten. Die höheren Beamten des Kreisamtes, welche von Innsbruck aus Befehl erhalten hatten, nach Tirol zu übersiedeln, verließen über Hals und Kopf die Hauptstadt von Vorarlberg: sie thaten dies in so unvorsichtiger Eile, daß sie nicht einmal den Abzug der kaiserlichen Truppen abwarten und sich diesen anschließen mochten. Und diese Ueberstürzung wurde ihr trauriges Verhängniß. Unter den Flüchtigen befanden sich der Kreishauptmann von Indermauer, der Oberamtsrath von Franzin und der Bürgermeister von Bregenz Weber. Ueber die Flucht gerieth nun die ganze Bevölkerung in Helle und nicht ungerechtfertigte Entrüstung. „Im lieben Frieden, da waren wir ihnen gut genug, da mußte Alles so tanzen, wie sie pfiffen, und nun, obwohl [59] die Soldaten noch da sind, nehmen sie Reißaus.“ – „Was soll aus dem Lande werden, welches von seiner Obrigkeit verlassen wird?“ – „Warum steht der Kreishauptmann nicht zu dem Schützencorps, dessen oberste Leitung ihm anvertraut ist?“ So hörte man es von allen Seiten rufen, die Gährung wuchs von Stunde zu Stunde, die Furcht flüchtete hinter Erbitterung, an Stelle des Vertrauens traten der Argwohn, die Gehässigkeit, die Privatrache. Und diesen Augenblick ersah Tschofen, um im Trüben zu fischen. Die vorgenannten Bregenzer Herren waren über Feldkirch in Bludenz eingetroffen. Als daselbst ihre Ankunft ruchbar wurde, schloß man rasch die Stadtthore und sagte ihnen rundheraus, sie möchten die Weiterreise gut sein lassen. Man wollte ihnen das vor der Stadt gelegene Nonnenkloster St. Peter zum Aufenthalte anweisen und ließ sie das Versprechen ablegen, daselbst die Amtsthätigkeit wieder aufzunehmen und als pflichttreue Obrigkeit bis nach dem Einmarsche der Franzosen auf dem Posten zu verharren. Die Herren gelobten es. Kaum aber hatten sie den Fuß ins Kloster gesetzt, so gewahrten sie, daß sie Gefangene der „Bludenzer Patrioten“ waren, welche ihnen die kostbaren Waffen abnahmen und sofort unter sich vertheilten, während bewaffnetes Volk die Ausgänge besetzte. Durch Sturmläuten wurden die Gemeinden des Montafoner Thales herbeigelockt, um die zu St. Peter aufgefangenen „Landesverräther“, wie das Volk die Flüchtigen nannte, bewachen zu helfen. Die Montafoner kamen, und nun, „da die Herren im Loche staken“, waren sie selbst die Herren, und der Tanz ging erst recht los. Die Klosterküche lieferte das Essen, der Keller den Wein; die Köpfe wurden immer erhitzter, die Erbitterung gegen die Gefangenen immer größer. Rachsucht begann nun ihre ersten Proben. Vor Mitternacht drang ein Haufe der Aufgeregtesten in das Zimmer, in welchem Indermauer und von Franzin in peinlichster Erwartung dessen, was da komme, beisammen saßen. Beide wurden nun auf das entsetzlichste mißhandelt. Den inständigen Vorstellungen des Beichtvaters des Klosters gelang es endlich, die Tobenden zu beschwichtigen, und Vonier, ein angesehener Mann unter den Montafonern, unterstützte den würdigen Priester auf das wirksamste. Da ließ der Pöbel vor der Hand von den beiden Gefangenen ab. Doch die Beschwichtigung war nur von kurzer Dauer. Neue aufgestachelte Banden – die ganze Aufregung nährte Tschofen – erschienen. „Laßt sie uns in Stücke hauen – nein, mit den Zähnen zerreißen!“ Alle Vorstellungen des Beichtvaters, alle Versuche Voniers blieben erfolglos. Alles, was sie erreichten, war eine Stunde Aufschub. An diese Stunde knüpfte Vonier die Hoffnung, die Opfer zu retten und in Sicherheit zu bringen. Aber wieder wurden die Massen bearbeitet und ihnen beigebracht: man wolle sie verrathen. Kurz, die Aufgeregten ließen sich nicht länger halten und sprengten die Thür ein, und nun erlitten Indermauer, Franzin und Weber in qualvollster Weise unter Kolbenschlägen den grauenvollen Tod. Darauf fielen die Mörder über die Habseligkeiten ihrer Opfer her und nahmen an Geld bei siebentausend Gulden fort. „Der Organisator“, schreibt der Geschichtsschreiber dieser traurigen Episode, „welcher diese Scenen vorbereitete und ausführen ließ, und dessen gefügiges Werkzeug das rohe, zum Patriotismus aufgestachelte Volk geworden, war Franz Joseph Tschofen. [60] Zu St. Peter erzwang er die Festhaltung, dann eilte er sofort zu Pferde in das Montafoner Gebirge und kehrte an der Spitze des ersten dort in aller Hast zusammengerafften Haufens zurück, da ihm die Bürger von St. Peter zu zahm erschienen. Als dann, von ihm angezettelt, das blutige Drama seinen Fortgang nahm, zog er sich in die innere Klausur des Klosters zurück. Dort weidete er sich durch das Schlüsselloch einer eisernen Thür an der Mordscene und kam erst aus seinem Versteck zum Vorscheine, nachdem man die Opfer hingeschlachtet hatte. Doch als er sich seinen Antheil von der Beute holen wollte, war es zu spät, nur des Bürgermeisters Weber blutiger Rock mit den Silberknöpfen war die einzige Trophäe, welche ihm verblieb“. Nach Wiederherstellung der österreichischen Regierung in Vorarlberg schritt man auch gegen die Urheber und Thäter jener grauenhaften Ereignisse vom 9. und 10. August 1796 ein und veranlaßte die strafgerichtliche Untersuchung. Die Klage lautete auf „Raubmord“. An der Spitze der Verurtheilten stand der Unhold Tschofen. Auf sechzig Jahre unter öffentlicher Arbeit im Kerker lautete das Urtheil. Fünfundzwanzig Stockstreiche an jedem 10. August, als dem Tage der begangenen Gräuelthat und zwanzig Stockstreiche alle drei Monate waren die Beigabe. Die oberste Justizstelle zu Wien milderte im Wege der Gnade die Strafe auf zwanzig Jahre. Den Schicksalsgenossen Tschofen’s wurde drei Jahre danach die Strafe „aus Staatsrücksichten“ erlassen; nur an dem Loose Tschofen’s änderte sich nichts und auch dann nicht, als später Tirol und Vorarlberg vorübergehend bayrisch wurden und die Mutter Tschofen’s beim Könige ein Gnadengesuch eingereicht hatte. Wie lange der Unhold gelebt und ob er im Kerker geendet, ist nicht bekannt.

Der Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1861, Nr. 204 und 205, im Feuilleton: „Eine historische Erinnerung aus Vorarlberg“. Von J. Pf.