BLKÖ:Ulke, Anna

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Uliczny, Julius
Band: 48 (1883), ab Seite: 297. (Quelle)
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Ulke, Anna (Wiener Volkssängerin, geb. in Wien 1850, gest. ebenda am 28. Februar 1878). Mit der Mannsfeld, Weiß und der unglücklichen Hornischer bildet sie das [298] vierfache Kleeblatt der Wiener Volkssängerinen, eine Erscheinung, welche im Wiener Volksleben im dritten Viertel des laufenden Jahrhunderts auftritt und in culturgeschichtlicher Hinsicht von weittragender, wenngleich nicht fördernder Bedeutung ist. Zuerst erschien Ulke im Wiedener Theater unter der Direction Strampfer als Choristin und erfüllte an der Spitze der „Stubenmädel“, der „Hofdamen des Königs Boboche“ oder der mit dem Tugendpreise des Ritters Blaubart zu betheilenden „Landmädchen“ ihren kaum neidenswerthen Beruf mit unleugbarer Verdrossenheit. Zu Höherem sich berufen fühlend, suchte sie sich auch Bahn zu brechen, und schon war es für sie ein großer Fortschritt, wenn sie bei einer der vielen Wohlthätigkeitsvorstellungen, die in dem bekannten Theater im Gasthause „zum Wasen“ veranstaltet wurden, einen Solovortrag zum Besten geben durfte, worauf sie dann ordentlich ins Zeug ging, mit frischer Stimme die reschesten Gstanzeln herausschmetterte und dafür immer stürmischen Beifall erntete. Doch trotzdem wollte es ihr immer nicht gelingen, aus dem Wirkungskreise der ersten Choristin herauszutreten, und alle ihre Anstrengungen, endlich einmal eine wenn auch noch so kleine Rolle zu erhalten, blieben erfolglos. Da gab sie denn, rasch entschlossen, eines Tages ihre Stellung auf, ging nach Preßburg und nach anderen Orten gastiren und trat nach einiger Zeit als selbständige Volkssängerin in die Fußstapfen der damals in der Mode befindlichen Localsängerin Mannsfeld, welche sozusagen als der Urtypus der späteren Wiener Volkssängerinen anzusehen ist. Sie drang durch, und ihre Vorstellungen fanden immer größeren Zuspruch. In einer Charakteristik dieser Dame heißt es wörtlich: „Die Unverfrorenheit, mit der sie Alles sang, was bereitwillige Bänkeldichter ihr zumutheten, fand in den unterschiedlichen Wiener Vorstadtlocalen große Theilnahme, und die diversen Bierwirthe rissen sich förmlich um Fräulein Ulke, die zutreffend als die Gallmayer der „Pawlatschen“ charakterisirt ist. [Unter „Pawlatschen“ versteht man in der Regel eine wenige Fuß hohe, aus Brettern gezimmerte, mit einem Clavier besetzte Bühne, auf welcher einige Individuen männlichen und weiblichen Geschlechts mit obrigkeitlicher Bewilligung Zweideutigkeiten oft derbster Art sprechen und singen. Zur Erhöhung des Kunstgenusses wird Bier und Gulyas consumirt. Das Wort ist čechischen Ursprungs und von „pavlač“, d. i. Gerüst, abgeleitet.] Später unternahm sie von der Tribüne des Wirthshauses wieder den Sprung auf die Bretter und trat auf demselben Theater, an dem sie als bescheidene Choristin gewirkt hatte, in ersten Rollen auf. Allein, sei es nun, daß es ihr an dramatischem Talent fehlte, oder daß das Publicum hier kritischer war, ohne eben zu mißfallen, konnte sie nicht durchgreifen; der frenetische Beifall, den ihre Leistungen in der Singspielhalle gefunden hatten, blieb hier aus. In ihrer Eigenliebe verletzt und wohl auch unzufrieden mit der knappen Gage, kehrte sie in kurzer Zeit wieder zum „Brettl“ – so nennt der wienerische Jargon im Gegensatz zur čechischen Pawlatschen die Tribüne, auf welcher Volkssänger und Volkssängerinen in öffentlichen Localen ihr Wesen – richtiger Unwesen – treiben – zurück, und nun beginnt ihre eigentliche Glanzzeit, und diese sollte sie doch nicht auf dem „Brettl“, sondern wieder auf den Brettern durchleben. Director Danzer erkannte in ihr eine Zugkraft [299] ersten Ranges und engagirte sie für das unter seiner Leitung stehende „Orpheum“ in der Wasagasse, mit großer Gage. Daselbst wirkte sie bis an ihr Lebensende und theilte sich mit anderen Extravaganzen des Tingl-Tangls, mit französischen Chansonnettensängerinen, amerikanischen Trapezkünstlern, japanischen Equilibristen und englischen Rollschuhläufern in den Beifall des Publicums. Das Lied „Mein Oesterreich“ und ein zweites mit dem Refrain „Da g’hört sunst nix dazuar als a Portion Wiener Hamur“, wie sie ihr einerseits große Popularität in den Kreisen der Orpheumsbesucher erwarben, sichern ihr trotz allen Tingl-Tanglliedern, die sie mit einer Verve ohne Gleichen herausschmetterte, eine freundliche Erinnerung. Bei der Wiener jeunesse dorée erfreute sich Fräulein Ulke großer Beliebtheit, und in den Wiener Hotels wurde selten eine „junge Herren-Soirée“ – auch eine Wiener Specialität und Errungenschaft der Offenbach’schen Aera – veranstaltet, zu welcher nicht Anna Ulke eingeladen worden wäre, um daselbst ihre pikantesten Vorträge zum Besten zu geben. Was man bei dieser nur den Hohenpriestern der Venus vulgivaga sich darbietenden Gelegenheit zu hören bekam, entzieht sich vollständig selbst der – bloßen Andeutung. Ihr Tod erfolgte nahezu plötzlich, denn nur wenige Tage zuvor stand ihr Name noch mit fetter Schrift auf Danzer’s Anschlagzetteln. Am 24. Februar trat sie – zum letzten Male – auf, am 28. Februar erlag sie einer Gehirnhautentzündung. Sie erreichte ein Alter von 28 Jahren und soll kein Vermögen, dagegen vielen Schmuck hinterlassen haben.

Das Neue Blatt (Leipzig, Payne, 4°.) 1880, S. 405, im Artikel: „Wiener Federzeichnungen. Die Volkssänger“. Von Karl Stugau“.
Porträte und Chargen. 1) „Die Bombe“ (Wiener Spott- und Witzblatt) VII. Jahrg. 7. October 1877, Nr. 40. Ueberschrift: „Frl. Ulke“. Gezeichnet von Ig. Eigner (ganze Figur). – 2) Ebenda. V. Jahrg., 10. October 1875, Nr. 40. Ueberschrift: „Fräulein Ulke“. Meyerhofer del. – 3) Ihr Porträt befindet sich auch als Vignette auf mehreren Wiener Bänkelsänger-Liedern, welche im Druck und Verlag von C. Barth, Barnabitengasse Nr. 1, und von M. Moßbeck, Wien, Wieden, Waaggasse Nr. 7 erscheinen. So auf den Liedern: „Da schwelgt das Herz in Seligkeit“; „Das himmlische Behagen“; „Die Stille der Natur“. – 4) „Der Floh“ (Wiener Caricaturenblatt) 1870, S. 104: „Frl. Ulke“. – 5) Im Witzblatt „Wiener Luft“, 1877, Nr. 41. Ueberschrift: „O du Million, du“. Unterschrift: „Die Directoren der zwei größten Theater Wiens (Jauner und Steiner) suchen die Tingl-Tangl-Kunst zu fördern“. Zeichnung von St.(ur). – 6) In der „Bombe“, 1871, Nr. 28. Ueberschrift: „Anna Ulke“. Correggio (del.).