BLKÖ:Vucetich, Stane

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Vucetich
Band: 52 (1885), ab Seite: 11. (Quelle)
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Vucetich, Stane (die cattaresische Botengängerin, geb. in den Bocche[WS 1] di Cattaro um 1836). Die Tochter geachteter dalmatinischer Bauersleute, [12] hütete sie in der Kindheit barfuß Schafe und junge Ziegenböcke auf den Felsen ihrer Heimat. Unter den einfachsten, wenn nicht dürftigsten Verhältnissen, trat sie in den sechzehnten Lenz, als ihre Eltern das Zeitliche segneten. Die kleine Heerde, welche dieselben hinterließen, wurde zwischen Stane und ihren beiden Brüdern getheilt, welch’ Letztere in der Regel das etwas gefährliche Gewerbe von Schmugglern, wozu die dortige Gegend mit der nahen unwegbaren Grenze die beste Gelegenheit bot, nebenbei aber, wenn sich gerade Anlaß fand, das edlere von „Helden“ betrieben. Mit den Brüdern konnte die Schwester nicht ziehen, sie packte also ihre Siebensachen in ein Bündel und marschirte mit ihrem Spinnrocken im Gürtel in die zwei Stunden entfernte Stadt Budua, in welcher sie einen passenden Dienst suchte und anstellig und verläßlich, wie sie war, auch bald einen solchen fand. Als Lohn erhielt sie monatlich einen Gulden, eine für die dortigen Lohnverhältnisse glänzende Bezahlung; dazu bekam sie jährlich ein neues rothes Käppchen, welches sie, wie alle Mädchen jener Gegend, über ihren prachtvollen braunen Haarflechten trug. Bereits hatte sie acht Jahre gedient und ebenso viele Ducaten erspart, als der Zufall einen Matrosen, Namens Mirko Vucetich nach Budua führte. Diesem Manne gefiel die schöne Stane, und als er von ihren ersparten acht Ducaten hörte, gefiel sie ihm noch mehr. Die Einleitungen zu einer Werbung durch eine alte Freundin der Stane waren bald getroffen; die Sache ging ihren geregelten Gang, und da das Mädchen „ja“ sagte, so fand in drei Wochen die Hochzeit statt. Volle vier Tage nach derselben hielten die Ducaten an, dann waren sie verputzt. Nun fuhr Mirko nach Triest, um „Geld zu verdienen“; er schiffte sich aber nach Odessa ein und soll dort vom Schiffe desertirt sein, denn man hat von ihm seit jener Zeit nichts mehr gehört. Und so war Stane Vucetich mit ihrer bunt bemalten Truhe, welche ihr ganzes Hab und Gut – nunmehr ohne Ducaten – barg, und in der Anwartschaft auf einen Leibeserben, allein zurückgeblieben. Sie brachte einen Knaben zur Welt, mit welchem sie bei einer gutherzigen alten Verwandten nothdürftig Unterkunft fand. Um aber für sich und ihr Kind Brod zu verdienen, wurde sie Botengängerin. Sie versah ihren Dienst zwischen Budua und Cattaro zu einer Zeit, als die Postverbindung zwischen beiden Orten noch höchst mangelhaft war, in musterhafter Weise und erfreute sich bald allgemein großen Vertrauens. Da brach im September 1869 die Schilderhebung der Bocchesen aus, welche, um nicht Soldaten werden zu müssen, sich lieber mit der österreichischen Armee schlugen. Die Communicationen zu Lande waren gesperrt, die Dampfer verkehrten nicht, und Stane Vucetich, die Botengängerin, wurde nun plötzlich eine äußerst gesuchte und wichtige Person. Von Seite der Armeeleitung sollten Befehle in dieses oder jenes detachirte Fort gesendet werden. Die Forts selbst waren von den Insurgenten cernirt, die Wege dahin, alle Fußpfade in den Felsengebirgen der Bocca, kaum für Ziegen zu erklimmen, von Insurgenten besetzt. Da hieß es, entweder bedeutende Truppentheile aufbieten und noch dazu viele Menschenleben opfern oder zur List und Heimlichkeit die Zuflucht nehmen, um ein Schreiben in ein Fort gelangen zu lassen und die Verbindung mit den abgeschnittenen Truppentheilen aufrecht zu erhalten. Es blieb also nichts übrig, als [13] die Botengängerin mit solchen Sendungen zu betrauen. Ihre Verläßlichkeit war weit und breit bekannt, und in der That, Stane vollführte ihre Aufgabe in musterhafter Weise und, wie wir sehen werden, mit einer den seltensten Scharfsinn bekundenden Geistesgegenwart. So übergab ihr einmal wieder das Festungscommando ein Dienstschreiben an die Besatzung des Fortes Dragalj – ein Blatt Papier in einem dicken Couvert mit großmächtigem Siegel verschlossen. Stane machte sich auf den Weg, gelangte auch glücklich bis in die Nähe des Forts, aber schon von weitem erblickte sie die Insurgenten, welche den Zugang zu demselben besetzt hielten. Rasch entschlossen, trat sie auf eine Stelle in den Felsen, welche sie für wenige Augenblicke den Insurgenten verbarg, und allen Respect vor dem Dienstsiegel außer Acht lassend, erbrach sie dasselbe sofort, warf das Couvert in die nächste Felsenspalte, stopfte das Schreiben in den Lauf ihres Carabiners – denn sie ging seit Ausbruch der Revolte immer in einem Militärmantel mit umgehängtem Gewehr – und passirte ungefährdet die Insurgentenlinie. Wohl wurde sie angehalten, aber geringschätzig fragte sie: „Ob die Insurgenten zu jener Gattung Helden (junaci) gehörten, welche sich vor einem Weibe fürchten, wenn es einen Carabiner trage?“ Auf diesen höhnischen Appell an ihre Ritterlichkeit ließen die Helden sie frei hindurch und das Schreiben, gelangte richtig an seine Adresse. So hielt die Botengängerin die Verbindung mit den abgeschnittenen Forts aufrecht. Als der Krieg zu Ende war, schenkte ihr das Officierscorps von Cattaro einen schönen silbernen Gürtel und eine goldene Uhr. Letztere, ihr wenig werth, legte sie in ihre Truhe, aber den Gürtel hielt sie hoch in Ehren, denn bei jeder feierlichen Gelegenheit trägt sie ihn und hat an ihm ein tüchtiges Messer hängen. Den Militärmantel legte sie nicht mehr ab. Vom Festungscommando in Cattaro aber hat sie die Erlaubniß, jederzeit das Wachzimmer der Hauptwache zu betreten und dort ihre Packe und Bündel abzulegen; auch darf sie ihr Pferd – sie hatte sich, sobald ihr Geschäft in Aufnahme kam, ein solches angeschafft – auf den Festungsplätzen weiden lassen. Officiere und Unterofficiere, sowie die ihr bekannten kaiserlichen Beamten grüßt sie durch militärisches Satutiren. Sie steht mit den Soldaten auf kameradschaftlichem Fuße, gegen Zudringlichkeiten verschafft sie sich in energischer Weise Respect, denn ihre Hand ist keine – zarte Damenhand. Stane raucht Tabak und Cigarren. Obwohl eine Fünfzigerin, wettergebräunt und von der Mühsal ihres nicht leichten Geschäftes doch mitgenommen, ist sie noch immer eine stattliche Erscheinung, in deren abgehärteten Gesichtszügen die Spuren einstiger Schönheit nicht zu verkennen sind, im Ganzen der Typus eines südslavischen Weibes in Gestalt und Charakter.

Die Heimat (Wiener illustrirtes Blatt, 4°,) IV. Jahrgang (1878/79) S. 141: „Stane Vucetich, die Botengängerin. Eine Skizze aus dem Bocchesenlande“.
Porträt. Holzschnitt. Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet und von J. R. in Holz geschnitten. [Ganze Figur in aufrechter Haltung.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Boccche.