BLKÖ:Weiß, Wilhelm (Abenteuerer)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 54 (1886), ab Seite: 145. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: [1], SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Weiß, Wilhelm (Abenteuerer)|54|145|}}

Weiß, Wilhelm (Abenteuerer, aus Illava in Ungarn gebürtig), Zeitgenoß. Einer der merkwürdigsten Abenteuerer, die es je gegeben, der in verhängnißvollen Zeiten eine wichtige Rolle spielte und von bedeutenden Männern zu ihren auf das Verderben Oesterreichs gerichteten Zwecken ausgenützt wurde. Wir sind außer Stande, die Schliche und Fahrten dieses Hochstaplers erster Classe, der aber auch Spions- und politische Agentendienste leistete und dabei, unverhohlen gesprochen, eine gewisse Genialität bekundete, in allen ihren Verwicklungen darzustellen, so lehr- und inhaltreich eine solche Darstellung nach jeder Seite hin wäre. Er trat unter allen möglichen Verkleidungen und den verschiedensten Namen auf, so z. B. als Jazinger, Lanzinger, Jasniker, Joseph Deutsch, Feysfy, von Patak, Rosenberg, Szabó, Thomas Baron Vay, Lichtenstern, [146] Liechtenstein und zuletzt als Charles John Burgeß, Gentleman, Adjutantcapitän im 9. freiwilligen Corps Ihrer Majestät Königin Victoria, in welch letzterer Eigenschaft ihn die rächende Nemesis ereilte, da er im Frühling 1869 in Prag verhaftet wurde. Weiß ist von israelitischer Abkunft, und über sein früheres Leben können nur die Strafacten zuverlässige Aufschlüsse geben. In der ersten Hälfte der Sechziger-Jahre lebte er in London, wo er als Baron Vay in mehreren Clubs, in adeligen und hauptsächlich in militärischen Kreisen, seines liebenswürdigen Benehmens wegen ein gern gesehener Gast war. In dieser Stadt machte er auch die Bekanntschaft des magyarischen Exdictators Kossuth, der in ihm sofort eine für seine agitatorischen Zwecke vollkommen geeignete Persönlichkeit erkannte und ihn 1866, kurz vor Ausbruch des berüchtigten Krieges, in welchem Stammesbruder gegen Stammesbruder kämpfte, nach Berlin schickte. Dort gelangte Weiß infolge verschiedener Empfehlungen, welche er von London mitbrachte, bei einer hochgestellten Persönlichkeit zur Audienz, deren Resultat es war, daß er kurze Zeit darauf als ungarischer Spiritushändler Böhmen, Mähren, sowie einen Theil Galiziens bereiste und über die gerade im Aufmarsch begriffene österreichische Armee der preußischen Regierung sehr genaue Berichte erstattete. Während des Feldzuges leistete er dem General Moltke als Spion wesentliche Dienste, und auch bei dieser Gelegenheit kamen ihm die außerordentlichen Sprachkenntnisse, welche er besaß, trefflich zu statten. So trieb er sich ein Mal in der Verkleidung als Officier eines Grenz-Regimentes, ein anderes Mal als Huszarenofficier mitten zwischen den österreichischen Aufstellungen, immer unbeanständet herum, und vor Gericht rühmte er sich, durch seine Berichte an die preußischen Heerführer viel zur Entscheidung des Gefechtes bei Skalitz und der Schlacht bei Königgrätz beigetragen zu haben. Für seine Spionsdienste bezog er ein tägliches Gehalt von zehn Ducaten und an den Tagen, wo er im österreichischen Lager beschäftigt war, eine Extrazulage. Nach der Schlacht von Königgrätz schickte ihn die preußische Regierung nach Kissingen in Bayern, wo er ebenfalls als preußischer Spion thätig war. Nach seiner Festnahme zu Prag im Mai 1869 wurde er von dem k. k. Landesgerichte in Wien reclamirt. Kurz vorher hatte er in Constantinopel als Capitän Burgeß der englischen Freiwilligen eine Rolle gespielt, mit welcher er die gewiegtesten Diplomaten am goldenen Horn in wahrhaft genialer Weise täuschte. – Bemerkenswerth ist noch, daß Wilhelms älterer Bruder Emil eine nicht minder abenteuerliche Vergangenheit und Schicksale aufzuweisen hat, welche die reichste Fundgrube für einen Criminalroman oder einen stattlichen Beitrag zum neuen Pitaval bilden. Dieser Emil, welcher im Regimente Großfürst Alexander-Huszaren Nr. 4 zuletzt als Corporal-Stellvertreter diente, desertirte im Mai 1845 mit einer für seinen Rittmeister bestimmten ansehnlichen Geldsumme, reiste als österreichischer Huszarengeneral herum, führte ein Leben der ergötzlichsten Abenteuer und stellte sich als Feldmarschall-Lieutenant Graf Wrbna sogar dem Hofkriegsrath und General der Cavallerie Grafen Hardegg in Wien vor, bis er nach zweijähriger Schwindlerlaufbahn am 19. März 1847 festgenommen und an sein Regiment abgeliefert wurde. Er überstand die ihm kriegsrechtlich zuerkannte Strafe zehnmaligen [147] Gassenlaufens. Später wegen Dienstuntauglichkeit entlassen, begab er sich in seine Heimat Ungarn, wo er es noch zu einem brauchbaren für die in den Sechziger-Jahren so arg bedrohte Sicherheit sehr nützlichen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft brachte.

Neue Freie Presse, 1869, Nr. 1687: „Par nobile fratrum“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1869, Nr. 127. – Dasselbe, 1869, Nr. 129: „Ein Deserteur als Huszarengeneral“.