BLKÖ:Weis, Johann Baptist

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Weiß, Johann Baptist
Band: 54 (1886), ab Seite: 119. (Quelle)
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Weis, Johann Baptist (Volksschriftsteller, geb. zu Plan in Böhmen am 12. December 1801, gest. zu Speising nächst Wien am 20. März 1862). Der Sohn eines herrschaftlichen Beamten, besuchte er die Volksschule seines Geburtsortes, vollendete unter kümmerlichen Verhältnissen die Gymnasialstudien zu Eger und kam 1820 nach Wien, wo er nach Zurücklegung des philosophischen Lehrcurses am 22. October 1823 in den Staatsdienst, und zwar bei der k. k. Staatsbuchhaltung eintrat. Daselbst rückte er im Hinblick auf die vormärzlichen Zustände in der beamtlichen Hierarchie in verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit, 1839, zum Rechnungsrathe bei der k. k. Hofkriegsbuchhaltung vor, und nach zehnjähriger Dienstleistung in dieser Eigenschaft ließ er sich in den zeitlichen Ruhestand versetzen, um sich ganz seiner volksthümlichen schriftstellerischen Thätigkeit zu widmen. Schon 1830 hatte er ein periodisches Werk, den „Oesterreichischen Volksfreund“, in zwei Bänden herausgegeben; 1837 übernahm er dann nach J. A. Gleich die Fortsetzung der von Jos. Richter [Bd. XXVI, S. 57, Nr. 24] begründeten, seit Jahren populären „Eipeldauer Briefe“, die er unter dem Titel „Briefe des Hans Jörgel aus Gumpoldskirchen an seinen Schwager in Feselau“ durch seinen derben Humor, in welchem er in vormärzlicher Zeit in landesüblicher Mundart sagen durfte und es zu sagen verstand, was man reindeutsch nicht hätte drucken lassen, und durch die Lebendigkeit der Darstellung bald in den weitesten Kreisen zu verbreiten wußte. Man glaube aber ja nicht, daß dieses merkwürdige und für Wiens Culturgeschichte so wichtige Blatt etwa nur in Kreisen des niederen Volkes gelesen wurde, mit nichten, dieses Blatt lag im Vormärz zugleich mit der „Allgemeinen Zeitung“ in den Salons der vornehmsten [120] Häuser Wiens auf und wurde mit einer Gier gelesen, für welche uns bei dem heutigen Stande der Presse fast das Verständniß fehlt. „Haus Jörgel“ war das populärste Blatt und sein Redakteur der populärste Mann in Wien, und merkwürdig, während sein Blatt salonfähig, er selbst war es doch nicht. Er hätte auch eine ganz absonderliche Figur im Salon gespielt. Da kam das Jahr 1848, welches in der periodischen Presse Wiens einen Umschwung hervorbrachte, den man, um ihn für möglich zu halten, erlebt haben mußte. „Hans Jörgel“ aber wurde – für eine Zeit – das Opfer desselben, wenngleich er sich auch, wenigstens im Titel, einer kleinen Metamorphose unterzog und seit 27. März einfach „Hans Jörgel“, seit 15. April aber der „Constitutionelle Hans Jörgel“ schrieb. Bald nach gewonnener Preßfreiheit nahm er die Wiener Juden auf die Spitze und sagte ihnen mitunter unangenehme Dinge, worauf sie freilich in nicht eben glimpflicher Weise erwiderten. Da sie in ihm bald einen nicht zu unterschätzenden Gegner erkannten, entbrannte auch sofort gegen ihn ein kleiner Flugschriftenkampf, den der Garde des academischen Corps, Rudolf Weinberger [siehe diesen S. 20 dieses Bandes, mit dem Pamphlet: „Nur keine Judenemancipation oder der geputzte Hans Jörgel“ eröffnete. Dieser Schrift folgten andere, und Weis blieb die Antwort nicht schuldig. Nun, wenn „Hans Jörgel“ auch für Recht und Ordnung einstand und den Ausschreitungen, welche an der Tagesordnung waren, entgegentrat, was jedenfalls genügte, ihn zum Zopf und Reactionär zu stempeln, so war er doch Schlaumaier genug, auch nichts zu thun, wodurch er sich die Arbeiter und Studenten, die beiden damals dominirenden Elemente, auf den Hals lud; im Gegentheil, er verstand es sehr wohl, diesen „beiden Elementen der Intelligenz und Kraft“ um den Bart zu gehen. So z. B. verpaßte er keine günstige Gelegenheit, sich über die ebenso; „dumme“ als „schlechte“ „Camarilla“ auszulassen, ja er verstieg sich in seiner bäurischen Behäbigkeit und affectirten Bonhomie sogar so weit, der Erzherzogin Sophie wohlmeinende Lehren zu geben, daß sie ihren Thronerben in einer anderen Luft als unter „kriechenden Hofschranzen, volksfeindlichen Aristokraten und pfäffischen Heuchlern“ heranwachsen lasse!! [Heft 23, S. 13 und 18]. Kurz, er wollte es allen Parteien recht machen und verdarb es mit allen. Am 5. October hörte „Hans Jörgel“ mit dem 33. Hefte zu erscheinen auf; tauchte dann am 12. November mit dem 34. Hefte; wieder auf und schloß am 28. December mit dem 45. Hefte sein Dasein. Als die Reaction in volle Aehren schoß, mochte aber Weis bei den veränderten Verhältnissen auch nicht unthätig bleiben und gründete 1849 die „Oesterreichische Volkszeitung“, welche den Zweck hatte, die neuen verfassungsmäßigen Einrichtungen dem Volke zu erläutern. Das Motto des Blattes war: „Ein freies, ein einiges und mächtiges Oesterreich“. Zugleich gab Weis von 1850 bis 1854 in zwanglosen Heften die „Wiener Briefe“ heraus, welche sich bald großer Beliebtheit erfreuten. Aber auch jetzt gerieth er in mancherlei Mißhelligkeiten, die ihm endlich seine publicistische Thätigkeit verleideten, besonders Bachmann’s „Punsch“ machte ihm das Leben sauer, und da er ohnehin mit seinem „Hans Jörgel“ sich ein kleines Vermögen erschrieben hatte, zog er sich von seiner Tagesschriftstellerei zurück und nahm seinen ständigen Aufenthalt [121] | in seinem Landhause zu Speising bei Wien, wo er die letzten Jahre nur seiner Familie lebte, bis er nach längerem Leiden im Alter von 61 Jahren vom Tode ereilt wurde. „Hans Jörgel“ oder wie er denn eigentlich heißt: Weis, war noch ein Stück vom „alten Wien“ und eine der bekanntesten und volksthümlichsten, wenn darum auch nicht gerade sympathischesten Persönlichkeiten, weil sein protziges Auftreten und sein im Leben wie in seiner Volksschrift etwas stark zur Schau gebrachter Patriotismus nur bei demjenigen Theile des Publicums Billigung finden konnte, dem er selbst glich und der in den unteren Volksschichten Wiens nicht gering ist. Nichts desto weniger muß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und bekennen, daß er viel Gutes that und öfter durch seine schlichten, zum Herzen der Leser dringenden Aufrufe bei Unglücksfällen, wie sie Stadt Steyr, Langenlois, Melk, Ragusa u. s. w. trafen, zur Linderung des Elends aus allen Theilen der Monarchie große Summen sammelte; man wird nicht zu hoch greifen, wenn man den Betrag derselben weit über hunderttausend Gulden ansetzt. Die Latour-Stiftung, welche den hohen Betrag von 55.000 fl. erreichte, war allein sein Werk; und als er das Zeitliche bereits gesegnet, lagen 20.000 fl., welche er als Beitrag einer patriotischen Dame (Frau von Brettschneider) zur Gründung der von ihm angeregten Straf- und Besserungscolonie erworben, zur Verwendung für den bestimmten Zweck bereit. Von seinen Schriften kennen wir nur noch die selbstständig erschienene: „Weltliche Predigt zum Dankfeste für die glücklich überstandene Revolution in Wien“ (Wien 1848, 8°., 14 S.).

Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1865, Nr. 2353, I. Beilage: „Speising“. – Dasselbe, 1862, Nr. 80 in den Localnachrichten. – Vorstadt-Zeitung (Wiener Localblatt) 26. und 27. November 1869, Nr. 326 und 327: „Ein Stück Altwien im Grabe“. – Oesterreichische Zeitung (Wiener politisches Blatt) 1857, Nr. 304 im Feuilleton: „Lainz und Speising“.
Porträt. Facsimile des Namenszuges: „J. B. Weis“. Stadler 1842 (lithogr.) kl. Fol.