Bahnbrecher des socialen Friedens

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Textdaten
Autor: Franz Mehring
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Titel: Bahnbrecher des socialen Friedens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bahnbrecher des socialen Friedens.
Von Franz Mehring.

Die große Industrie des neunzehnten Jahrhunderts hat bekanntlich auf britischem Boden ihren gipfelnden Höhepunkt erreicht. Nirgends flattert das schwarze Banner des Dampfes so sieges- und zukunftsfroh, nirgends fließen ungeheure Reichthümer in einer verhältnißmäßig so geringen Anzahl von Händen zusammen, nirgends ist die große Masse der Bevölkerung von allem Besitze, namentlich auch von allem Besitze an Grund und Boden, so gänzlich ausgeschlossen und auf die Arbeit ihrer nackten Hände allein angewiesen, wie dort. Gleich schroff gestaltete Eigenthumsverhältnisse sind im deutschen Reiche glücklicherweise für heute und für alle Zukunft unmöglich. In der That sucht denn auch die „Bibel der deutschen Socialdemokratie“, wie das große Werk von Marx nicht unzutreffend genannt worden ist, durchaus und durchweg nur an englischen Arbeiterverhältnissen die Nothwendigkeit des allgemeinen Umsturzes zu erweisen. Und trotz alledem herrscht in dem Inselreiche ein zwar nicht vollkommener, aber leidlicher Zustand socialen Friedens, wie wir ihn nur noch aus den Erinnerungen einer glücklicheren Vergangenheit kennen, trotz alledem vermag dort nicht ein armseliges Wochenblättchen der rothen Farbe Wurzel zu schlagen, während wir eben gesehen haben, wie selbst der eiserne Spaten des Socialistengesetzes kaum in Monaten den vaterländischen Boden von dem verderblichen Unkraut zu reinigen vermochte, das rings um ihn sein wucherndes Geflecht spann.

Es wäre verkehrt, die Wurzel dieses merkwürdigen Unterschiedes in den verschiedenen Charakteranlagen der beiden Nationen zu suchen. Die englischen Arbeiter und Unternehmer sind Menschen von Fleisch und Blut, wie die deutschen; eher könnte man sagen, daß drüben die harte Selbstsucht der Unternehmer, der selbstbewußte Trotz der Arbeiter weit ausgeprägter sei, als hüben. Es gab eine Zeit, in welcher das zermalmende Räderwerk der englischen Industrie unerhörte Menschenopfer verschlang und den ganzen Bau des Staates in seinen tiefsten Grundfesten erzittern ließ. Damals entstand, lange ehe von einer deutschen Socialdemokratie oder einer Pariser Commune gesprochen werden konnte, im Chartismus die vielleicht gefährlichste und unheilschwangerste Proletarierbewegung unserer Epoche. Wenn sie spurlos erlosch und das englische Volk seitdem alles weltumstürzlerische Prophetenthum sich tapfer vom Leibe hielt, so liegt die Ursache vielmehr darin, daß es nicht nur die glänzenden Licht-, sondern auch die düstern Schattenseiten der modernen Erwerbsordnung am ehesten erkannte, und, während es sich in jenem Lichte behaglich sonnte, doch zugleich Mühe anwenden mußte, auch diese Schatten mit dem milden Glanze moderner Gesittung zu erhellen. Namentlich eine humane Fabrikgesetzgebung, von welcher selbst Karl Marx in einem unbewachten Augenblicke gesteht, daß sie eine geistige und leibliche Wiedergeburt der englischen Arbeiter geschaffen habe, rottete gründlich alle revolutionären Keime aus. Und wenn diese Gesetzgebung selber aus dem furchtbaren Zwange einer immer weiter um sich greifenden Entartung der unteren Volksschichten heraus geboren wurde, so waren doch ihre eifrigsten und fleißigsten Geburtshelfer die englischen Fabrikinspectoren, deren Arbeiten und Kämpfe in den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts wahrhaft heldenhafter Natur und unsterblichen Ruhmes sicher sind. Selbst hartgesottene Manchestermänner gestehen freimüthig, daß England der Energie und Thatkraft dieser Beamten die Rettung seiner nationalen Zukunft verdankt.

Seit einigen Jahren sind im preußischen Staate, seit einigen Wochen überall im deutschen Reiche Fabrikinspectoren eingeführt[WS 1]. Nicht jener grausame Stachel unerbittlicher Notwendigkeit, welcher in England zum wirksamsten Hebel der socialen Reform wurde, sondern die freiwillige Einsicht der nationalen Gesetzgebung hat diese segensreiche Neuerung geschaffen, welche als die vielleicht unscheinbarste, aber gewiß unumgänglichste Vorbedingung eines friedlichen Verlaufs unserer socialen Wirren bezeichnet werden darf. Technisch und wissenschaftlich gebildete Männer, genau vertraut mit allen einschlägigen Fragen, von jener Sachkenntniß, welche die sicherste Bürgschaft bietet ebenso für die notwendige Strenge, wie für ein billiges und gerechtes Urteil in den so mannigfach verwickelten Verhältnissen der modernen Industrie, sind die Fabrikinspectoren versöhnende Träger der Staatsgewalt in den wirthschaftlichen Kämpfen unserer Zeit, Wächter gesitteten Verkehrs aus dem nationalen Arbeitsmarkte, den Unternehmern eifrige und ernste Mahner an die hohen Pflichten des Besitzes, freundliche und wohlwollende Erzieher den Arbeitern, mit einem Worte, Bahnbrecher des socialen Friedens.

Ihr Wirkungskreis knüpft zunächst an drei Bestimmungen der Gewerbeordnung an. Sie sollen alle diejenigen gewerblichen Anlagen überwachen, welche Belästigungen und Gefahren für das umwohnende Publicum mit sich führen und deshalb an die Beobachtung gewisser Vorschriften gebunden sind. Sie sollen ferner für eine sorgfältige Achtung der Schranken sorgen, welche der Fabrikbeschäftigung von Kindern und jugendlichen Arbeitern gezogen sind. Sie sollen endlich darauf achten, daß die Unternehmer auf ihre Kosten alle Einrichtungen treffen, die sich für den Schutz von Gesundheit und Leben der Arbeiter als nothwendig erweisen. Die erste dieser Aufgabe schlägt mehr in das Gebiet der allgemeinen Sanitätspolizei, während die andern beiden schwierige und wichtige Probleme des Arbeiterrechts berühren. Im Allgemeinen ist den Fabrinspectoren dann weiter vorgeschrieben, zwischen den berechtigten Interessen der Unternehmer einerseits, der Arbeiter und des Publicums andererseits auf Grund ihrer amtliche Erfahrungen und technischen Kenntnisse in billiger Weise zu vermitteln. Ueberhaupt sollen sie allmählich die Stellung von Vertrauenspersonen sowohl für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer zu gewinnen, namentlich die Ersteren auch über die gesetzlichen Anforderungen hinaus zu Einrichtungen anzuregen suchen, welche die Lage der Letzteren verbessere.

Vor kaum einem halben Jahrzehnt wurden in dem größten deutsche Staate die ersten zwei oder drei dieser Beamten ohne allen Sang und Klang ernannt; aus so bescheidenen und unscheinbaren Keimen hat sich die Einrichtung in so kurzer Zeit unter der fachkundigen und sorgsamen Leitung des Geheimen Oberregierungsraths Lohmann im preußischen Handelsministerium zu einer blühenden und lebenskräftigen Macht entwickelt. Nicht ohne Ueberwindung erheblicher Schwierigkeiten. Denn als die preußischen Fabrikinspectoren zuerst auftauchten, wurden sie mit gleichem Mißtrauen und Widerwillen von Arbeitern wie Unternehmern empfangen; man betrachtete und behandelte sie demgemäß als unnütze Störenfriede, als Reichssteuerbeamte, welche neue Finanzquellen entdecken, als Spione, die Fabrikgeheimnisse auskundschaften wollten, mitunter sogar als Reiseprediger der Socialdemokratie, bestenfalls als unbequeme Baubeamte und Kesselrevisoren. Waren diese Mißverständnisse glücklich beseitigt, so galt es, ganz aus dem Groben und Vollen heraus zu arbeiten, denn daß die Gesetzgebung des Reichs den Arbeitern gewisse Rechte gewährt, den Unternehmern gewisse Pflichten auferlegt, war beiden Theilen meist gar nicht ober nur von dunkelm Hörensagen bekannt, in den ersten Jahresberichten der preußischen Fabrikinspectoren hallte die ewige Klage wieder, daß Alles fehle, was einen gesetzmäßigen Zustand kennzeichne.

Am meisten wurde an den gesetzlichen Einschränkungen der Kinderarbeit gefrevelt. Gerade gegen diesen Theil ihrer Pflichten, [135] dessen genaue Beobachtung verhindern soll, daß ein körperlich elendes und verkommenes, ein geistig und sittlich verwahrlostes Geschlecht heranwachse, zeigten die Unternehmer durchschnittlich eine traurige Gleichgültigkeit, hin und wieder selbst einen verabscheuenswerthen Widerstand. Noch schimpflichere Gesinnungen verriethen teilweise die Arbeiter selbst, indem sie freiwillig ihre unmündigen Kinder zur Fabrikarbeit heranschleppten; von dieser dunklen Folie hob sich dann freilich um so glänzender das Beispiel einzelner Fabrikanten ab, welche die Beschäftigung von Kindern ein- für allemal ablehnten, auch gegen den Willen der Eltern, weil sie die vollkommene Schulreife als notwendig für die Erziehung eines einsichtigen und kräftigen Arbeiterstandes betrachteten. Aber dieser braven Männer war nur eine geringe Zahl, im Allgemeinen bedurfte es angestrengter und mehrjähriger Bemühungen der Fabrikinspectoren, die gesetzlichen Bestimmungen über die Beschränkung der Kinderarbeit überall durchzuführen; wurde doch selbst ein so schändlicher Fall festgestellt, daß ein noch nicht sechszehnjähriger Knabe in einem Walzwerke nicht nur regelmäßig dem Tag- und Nachtwechsel der Schichten eingereiht, sondern auch, in geradezu ungeheuerlicher Ausbeutung seiner Arbeitskraft, zweiundzwanzigeinhalb Stunden lang ohne andere, als die üblichen Unterbrechungen beschäftigt worden war!

Die Kinderarbeit in Fabriken ist bekanntich ein vielumstrittenes Thema unserer social-politischen Discussion. Vom sittlichen Standpunkt aus erscheint das gänzliche Verbot der fabrikmäßigen Beschäftigung von Kindern in schulpflichtigem Alter als ein unverrückbares Ziel der deutschen Gesetzgebung; wir haben kein Recht, von kommenden Geschlechtern Anleihen zu erheben, die dermaleinst mit Wucherzinsen erstattet werden müssen. Hiergegen wird eingewandt, daß Kinderarbeit in diesen Zweigen der Fabrikindustrie aus technischen Gründen, in jenen aus Rücksicht auf die internationale Concurrenzfähigkeit vorläufig unentbehrlich sei, und für beide Gesichtspunkte lassen sich mancherlei Gründe anführen. Theoretisch kann sich der Streit noch endlos fortspinnen, ehe ein glückliches Ende abgesehen ist, praktisch ist die Frage schon jetzt einer gedeihlichen Lösung nahe gebracht, wenigstens in der preußischen Industrie, und zwar durch die Fabrikinspectoren. Seitdem sie streng den gesetzlichen Vorschriften gemäß darauf halten, daß Kinder nur am Tage, außerdem täglich nicht mehr als sechs Stunden und nur dann beschäftigt werden dürfen, wenn sie zugleich einen dreistündigen Schulunterricht genießen, nimmt die Kinderarbeit stetig ab und ist selbst in einem so hervorragenden Mittelpunkte der Großindnstrie wie Berlin, so gut wie ganz erloschen. Ihr Werth ist den Unternehmern durch die umständliche Beobachtung der gesetzliche Beschränkungen illusorisch gemacht; so wird in absehbarer Zeit ihr grundsätzliches Verbot ausgesprochen werben und damit ein Erfolg der sozialen Reformtätigkeit verzeichnet werden können, der moralisch noch glänzender sein würde, als materiell.

Auch die wichtige Bestimmung der Gewerbeordnung, welche die Unternehmer verpflichtet, alle nothwendigen Schutzvorkehrungen für Gesundheit und Leben ihrer Arbeiter zu treffen, war wesentlich nur ein papierner Wunsch geblieben. Nach dieser Richtung haben die preußischen Fabrikinspectoren gleichfalls von vorne an arbeiten müssen, und sie dürfen auf manche schöne Erfolge zurückblicken. Merkwürdiger Weise lassen es die Arbeiter in dieser Beziehung weit mehr an sich fehlen, als die Unternehmer; während diese den bezüglichen Anregungen und Rathschlägen der Fabrikinspectoren willig entgegenkommen, zeigen jene nur zu häufig einen sträflichen Leichtsinn, einen thörichten Muthwillen; es kommt vor, daß sie aus alberner Großthuerei die Schutzvorrichtungen zerstören, welche in ihrem Interesse von den Unternehmern mit schweren Kosten eingerichtet sind. Dagegen haben die Arbeiter gerechten Grund zur Beschwerde über die Unzulänglichkeit des bestehenden Haftpflichtgesetzes, das die Unternehmer zum Schadenersatz verpflichtet, wenn Unglücksfälle, welche sie oder ihre Beamten verschulden, die Erwerbsfähigkeit von Arbeitern schmälern oder ganz vernichten. Man kann nicht sagen, daß die Fabrikanten in diesem Ehrenpunkte ein besonders starkes Pflichtgefühl entwickeln; nur zu gern schlüpfen sie durch die beklagenswerten Lücken jenes Gesetzes. Gerade die neuesten Jahresberichte der preußischen Fabrikinspectoren beschäftigen sich eingehend mit der wichtigen Frage und liefern eine Fülle tatsächlichen Materials, welches bei der bevorstehenden, im Reichstage schon angeregten Revision des Haftpflichtgesetzes die nützlichste Verwendung finden wird.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, noch näher auf alles einzugehen, was jene Beamten über ihre nächstliegenden Aufgaben hinaus gewirkt, was sie an nützlichen und wohltätigen Einrichtungen, Consumvereinen, Badeanstalten, Bibliotheken, Anstalten zur Beaufsichtigung und Erziehung der Kinder während der Arbeitszeit der Eltern etc. befürwortet und durchgesetzt haben. Alles in Allem genommen, haben sie sich ihrer große Aufgabe voll gewachsen gezeigt. Sie haben in Hunderten von Fabriken den Gesetzen des Reiches Achtung verschafft; sie habe sich in schwieriger Lage als erfahrene und treue Freunde der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer bewährt; sie haben in ihre Jahresberichte eine lange Reihe durchdachter Anregungen und selbst reifer Vorschläge niedergelegt und in eben diesen Berichten Bilder unserer sozialen Zustände entrollt, wie sie in gleich lebensfrischer Farbe und Form sonst nicht vorhanden sind. Aber leider hat sich auch diesen werthvollen Arbeiten gegenüber, welche alljährlich gesammelt im Verlage von Fr. Kortkampf in Berlin erscheinen, die gebildete Lesewelt noch wesentlich theilnahmlos verhalten.

Und doch ist nichts lehrreicher, als sich in diese Bilder zu vertiefen, mit freudiger Genugthuung zu verfolgen, wie sie von Jahr zu Jahr, mag noch so viel zu thun übrig bleiben, doch immer heller und lichter werden. Der deutsche Unternehmerstand hat große und zahlreiche Vorzüge; viele seiner Glieder sind unsere fleißigsten und tüchtigsten Arbeiter. Aber was ihnen häufig in beklageswerthem Grade, wenn auch vielleicht nur in Folge der verhältnißmäßigen Jugend unserer Industrie, fehlt, ist ein Bewußtsein ihrer sozialen Pflichten; Goethe’s weises Wort:

„Was Du ererbt von Deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen!“

ist ihnen vielfach noch ein Räthsel mit siebe Siegeln. Gerade den tüchtigsten, aus eigener Kraft emporgekommenen Unternehmern wird es oft am schwersten, gerechten Forderungen ihrer Arbeiter nachzukommen, an schwere Mühsale gewöhnt, nehmen sie von ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit den Maßstab, mit welchem sie gewöhnliche Menschen messen. Aber diesen Schattenseiten steht eine große Lichtseite gegenüber, für welche die Berichte der preußischen Fabrikinspectoren hundertfache Beweise enthalten; mögen die Unternehmer selten sein, welche von selbst mit freiem und weitem Blicke die große Pflicht erkennen, die jedes große Recht in sich schließt, nicht minder spärlich sind die gesäet, welche aus bösem und hartherzigem Willen sündigen. Bei der großen Masse handelt es sich allein um Gleichgültigkeit und Trägheit, und diese Fehler schwinden von Jahr zu Jahr; mehr und und mehr rühmen die preußischen Fabrikinspectoren die Bereitwilligkeit und das Entgegenkommen der weitaus meisten Unternehmer.

Auf der andern Seite läßt es der Arbeiterstand mindestens in gleichem Grade an sich fehlen. Kein Zweifel, daß seine grenzenlose Indolenz, sein unglaublicher Widerwille gegen alle, auch die segensreichsten Neuerungen, seine beispiellose Kurzsichtigkeit gegenüber seinen wichtigsten Interessen auch den freudigsten Eifer wohlwollender Arbeitgeber zu ermüden vermögen. Namentlich wo die Socialdemokratie über starken Anhang geboten hat oder gebietet, zeigen sich die Arbeiter als ein dumpfes, träges, jeder thatkräftigen Selbsthülfe unfähiges Geschlecht; gerade am Rhein, dem preußischen Hauptherde der communistischen Agitation, bekennen sie völlige Theilnahmlosigkeit gegen die eifrigsten Bestrebungen, welche die Fabrikinspectoren zu ihren Gunsten aufwenden. In anderen Gegenden verräth sich dann freilich auch wieder lebhafteres Interesse, aber zweifellos steht den deutschen Arbeitern eine lange und mühsame Prüfungszeit bevor, ehe sie die Folge eigener und fremder Sünden überwunden und die Reife erlangt haben, welche ihre englischen Cameraden auszeichnet.

So sind die Beziehungen zwischen Unternehmern und Arbeitern noch vielfach unerquicklicher Natur. Ueberwiegend durch ungelöste Dissonanzen wird das moderne Arbeitsverhältniß gekennzeichnet. Hier die schlummernden Kräfte zu erwecken und die erwachenden zu fröhlichem Einklange zu leiten, diese Aufgabe ist jetzt in die erfahrungsmäßig berufensten Hände gelegt, in die Hände von Fabrikinspectoren. Der gegenwärtige Moment, in welchem endlich alle deutschen Staaten sich der Wirksamkeit dieser Beamten erfreuen, ist vielleicht besonders geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit und Theilnahme ihrer ersprießlichen Thätigkeit zuzuwenden, und so mögen diese Zeilen, nicht ganz den Zweck verfehlen, welchen sie verfolgten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. vgl. Berichtigung (Die Gartenlaube 1879/16)