Bedenken über weibliche Diakonie

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Textdaten
Autor: Wilhelm Löhe
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Titel: Bedenken über weibliche Diakonie innerhalb der protest. Kirche Bayerns, insonderheit über zu errichtende Diakonissenanstalten.
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Herausgeber: Wilhelm Löhe
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Erscheinungsdatum: ca. 1853
Verlag: Sebald’sche Officin
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
s. a. Wilhelm Löhes Leben (Band 3)/Fünftes Kapitel, Etwas aus der Geschichte des Diaconissenhauses Neuendettelsau/Beilage II. Bedenken über weibliche Diaconie innerhalb der protestantischen Kirche Bayerns
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Bedenken
über
weibliche Diakonie
innerhalb der protest. Kirche Bayerns,
insonderheit über zu errichtende
Diakonissenanstalten.

 1. Wenn wir Seelsorger auf unsere Dörfer hinauskommen, die Kranken zu besuchen, so finden wir allenhalben solche weibliche Personen, welche sich der Kranken und Elenden mehr als andere annehmen, weil sie durch eine in ihnen liegende Gabe dazu angereizt werden. Sie folgen dem natürlichen Drang. Was ihnen fehlt, ist die Ausbildung der Gabe. Viele von diesen Frauenspersonen würden biblische Diakonissen sein, wenn man sich ihrer annehmen und ihnen die Ausbildung geben möchte. – Ausbildung der zum Dienst der leidenden Menschheit begabten Frauen ist ein pium desiderium[1] und je länger je mehr eine Forderung an die Kirche.

 2. Auf dem Lande gibt es viele Familien, die nicht Landleute und eben so wenig Leute von städtischer Bildung genannt werden können: sie stehen mitten inne. Man denke z. B. an Schullehrersfamilien. Die Söhne gehen den allgemeinen | Gang der männlichen Berufsbildung, die Töchter aber können keine solche bereitete Bahn betreten. Da sich nun in diesem „Mittelstande“ der Bevölkerung des platten Landes viele leiblich und geistig begabte Frauenspersonen finden, so werden sie aus Mangel an Bildung häufig misgebildet an Geist und Gemüth und benützen ihre Gaben oftmals auf eine üble Weise, zum Verderben des eigentlichen Landvolks. Würde man sich ihrer hingegen annehmen, so würden sie gerade sehr begabte und einflußreiche Trägerinnen und Vertreterinnen göttlicher Gedanken werden. Beßer könnte man sich ihrer aber nicht annehmen, als wenn man ihnen Gelegenheit eröffnete, ihre Gaben für den Dienst der leidenden Menschheit auszubilden. Sie würden dadurch auf eine heilsame Bahn gebracht, würden eine Stellung, und zwar eine heilige und segensreiche Stellung in der Kirche finden und die bequemsten Organe der Kirche für christliche Bildung des Landvolks sein: an ihrem Dienste an den Kranken- und Sterbebetten etc. würden viele lernen – und zwar nicht bloß Krankenpflege. Also – sie würden Segen haben und Segen bringen – und zwar den Kranken etc. unmittelbar, mittelbar aber der ganzen, namentlich der weiblichen Bevölkerung. – Christliche Bildung des weiblichen Mittelstandes auf dem platten Lande ist also auch ein pium desiderium.
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 3. Gäbe es Bildungsanstalten für die in Nr. 1 und 2 genannten Klassen der weiblichen Bevölkerung, so würden diese auch von Töchtern aus andern christlichen Familien besucht werden, in denen man nicht eben den Zweck hätte, die Töchter zu Diaconissen bilden zu laßen. Wie viele christliche Familien auf dem Lande würden froh sein, ihren Töchtern einen | kurzen Aufenthalt in einer der weiblichen Natur so sehr zusagenden Anstalt zu ermöglichen, wo sie bestimmte Richtung zum Guten bekommen und so vieles lernen und üben könnten, was auch fürs gewöhnliche häusliche Leben von dem größten Werth ist. Es wären solche Anstalten nicht, was die Institute für die Töchter der höheren Stände, in denen alles Mögliche gelehrt wird; diese Anstalten bildeten nichts als die vorhandene Fähigkeit zu weiblich-christlichem Liebesdienst. Gerade damit aber gäben sie der mittleren Bevölkerung viel, zumal es in der menschlichen Natur liegt, daß man überhaupt und im Allgemeinen gebildet wird, wenn man für eine Seite des christlichen Lebens recht gebildet wird. Es kann aber nichts geben, was sich für Frauenspersonen mehr zum Bildungsmittel eignete, als die Befähigung zum Dienste der leidenden Menschheit.

 4. Diakonissenanstalten, in welchen man die Zwecke von Nr. 1–3 vor allem im Auge behielte, würden Segen für das ganze Land verbreiten und für den besten Theil des Volkes, welchen man noch immer auf dem platten Lande, auf den Dörfern und in den Landstädten wird suchen dürfen. Hier würden Diakonissen gebildet werden, welche ihre Befähigung zum Dienste der Elenden anwenden könnten, sie blieben nun im ledigen Stande oder heirateten. Namentlich die Nr. 1 und 3 genannten Klassen von Zöglingen würden auf alle Fälle und in allen Lebenslagen sein, was sie geworden, hilfreiche Rathgeberinnen ihrer Umgebungen, Beispiele und Quellen echt weiblicher Bildung.

 5. Diakonissenanstalten dieser Art würden aber zugleich Seminarien für eigentliche Krankenpflegerinnen in Spitälern und Irrenhäusern, für Kleinkinderlehrerinnen, Bonnen etc., für Missionarinnen | etc., sein. Die Nr. 1–3 angegebenen Zwecke sind gewis beifallswerth; aber die eben Nr. 5 angegebenen sind nicht minder in’s Auge zu faßen. Wenn wir nicht von den römischen barmherzigen Schwestern überflügelt werden wollen, und wenn wir mit dem auf diesem Felde reich begabten und reich gesegneten Fliedner doch nicht gehen können, weil seine Thätigkeit uniert ist; so bleibt uns nichts übrig, als uns zum Eifern reizen zu laßen und Anstalten zu gründen, in denen wir für die unabweisbaren Bedürfnisse unsrer bisher so vielen Miethlingen preisgegebenen Spitäler, unsrer Irrenhäuser, Kleinkinderschulen und Missionen in kirchlicher Weise sorgen. Die Zwecke Nr. 1–3 gehen wesentlich mit den Nr. 5 genannten zusammen; diese geben jenen bei der Ausführung die bestimmte Gestaltung, durch welche die gewünschten Anstalten nur desto anziehender und anerkennenswürdiger werden könnten.

 6. Der Mittelpunkt für die Anstalten, von denen wir reden, müßen Spitäler sein. Ohne Spitäler findet die Lehre keine Praxis, und ohne Praxis ist eine Belehrung über den Liebesdienst der Frauen an der leidenden Menschheit kalt und unverständlich.

 7. Wollte man nun eine Wirksamkeit, wie sie Nr. 1–5 genannt ist, beginnen; so könnte man suchen, in großen Spitälern, wie sie sich in unsern ersten Städten finden, den Krankendienst zu übernehmen. Allein ganz abgesehen von dem Geist, welcher in größeren Städten die Magistrate, Armenpflegschaftsräthe etc. häufig beseelt, würde man in ein Gewebe von Rücksichten eintreten, welches die noch jugendlichen Bemühungen einschnüren und ein eigentümliches und naturgemäßes Wachstum der Sache nicht leicht zulaßen würde. Der Dienst | an größeren, schon vorhandenen Spitälern muß wol Ziel sein, zum Ausgangs- und Anfangspunkt wird er sich kaum eignen.

 8. Man könnte auf die kleinen Spitäler in unsern Landstädten das Auge richten. Sie sind meist verkommen und Carricaturen dessen, was sie sein sollten. Die Bevölkerung der größeren Städte ist mit Fürsorge für die Kranken weit beßer versehen, als die der kleinen Städte und des sie umgebenden platten Landes. Es wäre vielleicht die größere Wolthat, den Dienst in kleinen Spitälern zu übernehmen, neuzugebären, zu organisieren etc. Allein man würde in den kleinen, heruntergekommenen, von ihrem Zweck ganz abgefallenen Spitälern mit nicht geringeren und wenigeren Hindernissen zu kämpfen haben. Auch würde sich aus einer Anstalt, die ihrem ursprünglichen Zweck gemäß eng und klein angelegt werden mußte, nur schwer etwas Größeres und Bedeutungsvolleres entwickeln können. Die kleinen Spitäler eignen sich zu Augenmerken und müßen im Interesse der Bevölkerung ganz besonders anziehen; aber Ausgangspunkte für eine Fürsorge, die in weiteren Kreißen Beachtung finden sollte, könnten auch sie nicht werden.

 9. Wollte man deshalb Nr. 1–5 ausführen, so müßte man – wenn man z. B. das lutherische Bayern im Auge hätte, – an ein oder einige neu zu errichtende Spitäler denken.

 10. Dabei fragte es sich nun, wo man solche Spitäler errichten sollte, ob in größeren Städten oder auf dem Lande? Da eine solche Anstalt ihre Hilfsmittel im eigenen Hause vereinigen muß – wenigstens muß das doch der Zweck sein; so wird, was die Stadt an besonderen Vorzügen bietet, von den Vorzügen eines | wol gelegenen ländlichen Aufenthaltes überwogen werden. Ueberdies ist es recht, dem beßeren Theile unsers Volkes ein so großes Bildungsmittel, wie eine Anstalt der Art wäre, in den Schooß zu geben. Die Städte sorgen für sich und können es leichter; das Land ist verlaßen – und doch gibt es der hilfebedürftigen Kranken und Elenden auf dem Lande nicht weniger als in den Städten; sie sind nur verwahrloster als die städtischen Armen und Kranken. Auch wird die Nr. 1–3 aufgezählte Reihe von Zwecken bei ländlichem Aufenthalt am besten erreicht werden, und die Nr. 5. aufgezählte ihre Befriedigung nicht minder gut als in Städten finden. – Wenigstens würde die Wahl zwischen Stadt und Land eine schwere sein, und das Zünglein der Waage sich nicht leicht auf die Seite der Städte neigen.

 11. Sehr erleichtert könnte die Ausführung der Sache bei der Wahl einer größern Stadt deshalb werden, weil es in Städten nicht an Localitäten zu mangeln pflegt, während auf dem Lande geeignete Räume sich selten finden. Dagegen aber würde, wenn ein Bau vorzunehmen wäre, das Land vorzuziehen sein, weil Platz, Material und Arbeitslohn wolfeiler käme – und überdies würde für ein naturgemäßes Wachsen vom Kleinen zum Großen ein ländlicher Aufenthalt besonders ersprießlich sein. In Städten muß man im Anfang ganz anders auftreten, als auf dem Lande, weil die Verhältnisse zu Repräsentation, um nicht zu sagen Ostentation, einladen.

 12. Man wähle nun aber Stadt oder Land, so wird es vor allen Dingen darauf ankommen, einen Ort zu treffen, an welchem die rechten Leute zur Sache sich vereinigen können. So sehr liegt alles an Personen und nicht an den Gebäuden, daß man von allem Anfang | an jede andere Rücksicht dem Zusammenfinden der Personen unterordnen muß. Von diesem Gesichtspunkt aus sind große Fonds großen Gebäuden vorzuziehen. Die Gebäude der älteren Waisenanstalten sind großen Theils große Denkmale ihrer Stifter geworden, in denen kein Leben mehr haust. Große Fonds aber laßen sich überall hin leiten und können überall ihre Wirkung beginnen, wo man die Persönlichkeiten findet.

 13. Von den vorausstehenden allgemeinen Grundsätzen giengen eine Anzahl von Pfarrern und christlichen Frauen aus, als sie den Entschluß faßten, vorbehaltlich der Genehmigung unsrer Obrigkeit, die Nr. 1–5 genannten Zwecke durch Gottes Barmherzigkeit sich zum Ziele einer gemeinsamen Thätigkeit zu stecken.

 14. Ihr Gedanke wäre, einen Frauenverein für weibliche Diakonie zu gründen, dessen Wirkungskreis das lutherische Bayern, dessen Anfangspunkt die Gründung eines lutherischen Spitals und einer damit verbundenen Diakonissenanstalt, dessen Fortgangspunkt vielleicht die Uebernahme der Bedienung der kleineren und größern Spitäler etc., dessen liebstes Ziel Bildung der weiblichen Jugend des Landes zum Dienste JEsu in der leidenden Menschheit wäre.

 15. Die Vorsteherinnen für Spital und Diakonissenanstalt sind vorhanden, einige schon ausgebildete, der lutherischen Kirche angehörige Diakonissen werden kaum fehlen, – eine große Betheiligung christlicher Frauen ist zu hoffen, – an männlichem Beistand namentlich von Pfarrern und Seelsorgern, mangelt es nicht.

|  16. Der Natur der Sache und ihrer Entstehung gemäß ist es, wenn es von Seiten der Obrigkeit keinen Anstand findet, die Wirksamkeit in Neuendettelsau beginnen zu laßen und zwar
1. mit einer kleinen Anstalt für weibliche Angefochtene,
2. mit einer kleinen Anstalt für schwachsinnige Kinder.

So wie Neuendettelsau der naturgemäße Ort für die Ausgeburt und erste Formung der Sache ist, so sind dort die genannten Zwecke gegeben. Anschließen könnte sich jede andre Thätigkeit, also die Pflege anderer leiblicher oder geistiger Erkrankten etc. Es könnte aus dem Anfang ein Spital hervorwachsen, wie wir es wünschen, und daran sich eine Bildungsanstalt anschließen.

 17. Man hat nicht vor, Neuendettelsau zum bleibenden Sitz einer solchen Anstalt vorzuschlagen, sondern allein, den Anfang da zu machen und weiter zu gehen, so wie sich die ganze Sache mehr geformt und erweitert hat.

 18. Jedenfalls wird nichts begonnen, bevor die k. Regierung ihre Genehmigung zur Gründung von Spitälern und zur Gründung des obbezeichneten Vereins gegeben hat.


Druck der Sebald’schen Officin in Nürnberg.



  1. Ein frommes Verlangen, – eine fromme Forderung, – ein auf ein vorhandenes Bedürfnis gegründetes Ansinnen an die Kirche