Bei Renthieren auf der Tundra

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Textdaten
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Autor: Otto Finsch
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Titel: Bei Renthieren auf der Tundra
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 184–187
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[184]
Bei Renthieren auf der Tundra.
Erlebnisse aus der Bremer Forschungsreise nach Westsibirien, mitgetheilt vom früheren Chef derselben Dr. O. Finsch.

Auf unserer Tour durch die Steppe Südsibiriens und Nordturkestans hatten wir das Trampelthier oder zweibucklige Kameel kennen und schätzen gelernt; kaum zwei Monate später, fünfzehn Breitengrade nördlicher, trafen wir mit einem anderen, von jenem zwar sehr verschiedenen, doch nicht minder beachtenswerthen Thiere im Dienste des Menschen zusammen: dem Ren.

Wir waren sechs Tage von Samarowa, einem stattlichen Dorfe unweit der Mündung des Iritsch in den Ob, mit unserer „Lotka Bismarck“, welche die deutsche Expedition der Fürsorge des dortigen Kaufmanns Semzow zu verdanken hatte, den letzteren Strom herabgerudert und hielten am 12. Juli vor Parawatsky-Jurti, nur noch hundert Werst von Obdorsk, dem nördlichsten festen Platze längs dem Ob, entfernt. Parawatsky-Jurti ist eine ostiakische Sommerstation und besteht aus etwa zwölf sauberen Holzhäusern, die sich in einer Lichtung des sanft aufsteigenden rechten Ufers, umgeben von mächtigem Nadelwalde, anmuthig gruppiren. Sie ist zugleich eine der stattlichsten, welchen wir am Ob begegneten, denn wir fanden hier die Zeichen einer Regsamkeit und Thätigkeit, die uns vollständig überraschte. Aber noch Anderes, Lebendes, erregte unsere Aufmerksamkeit besonders. Dort an jener Hütte schweelte ein Feuer, und unter dem Schutze seines mächtige Rauches lagerte, von der Qual der Mücke befreit, Renthiere, die ersten, welche wir in Sibirien sahen. Nach den Erfahrugen in Lappland, wo die Kleidung eines Europäers genügt, um eine ganze Renheerde zu wilder Flucht zu veranlassen, erwartete wir hier natürlich Aehnliches, fanden uns aber getäuscht. Bei unserer Annäherung erhoben sich zwar die Thiere, starrten uns verwundert mit ihren großen Augen an, aber sie erschraken nicht, sondern trotteten, unter dem eigenthümlichen Geknister ihrer Hufe, sorglos dem nahen Walde zu. Und was waren es für stattliche Geschöpfe im Vergleiche mit den lappländischen!

Ungefähr drei Wochen später sollten wir die Bekanntschaft, aber nicht blos vorübergehend, erneuern, freilich unter ganz anderen Verhältnissen, in einer ganz verschiedenen Gegend. – Wir hatten uns in Obdorsk nur so lange aufgehalten, wie unumgänglich nothwendig war, denn es galt hier den Proviant zu vervollständigen und vor allen Dingen eine Mannschaft für unsern „Bismarck“ zu engagiren. Und dies ist in Obdorsk während des Sommers eben nicht leicht, denn um diese Zeit erscheint der kleine Ort, dessen Gesammtbevölkerung nur fünfhundert Seelen zählt, wenigstens was männliche Wesen anbelangt, wie ausgestorben. [185] Ist dies doch die Erntezeit der Fische, in der sich Alles, vom ersten Popen bis zum letzten Ostiaken, wie man hier zu sagen pflegt, „unten“ befinden das heißt weiter stromabwärts, wo die reichsten Fischgründe, sogenannte Sandbänke (Peski) sind.

Nachdem glücklich vier Mann gemiethet worden waren, gingen wir wohlgemuth unserem Ziele entgegen, dem Hechtfluß, wie die Uebersetzung aus dem russischen „Schtschutschja“, dem samojedischen „Pere-ja“ und dem ostiasiatischen „Sort-johan“ übereinstimmend lautet. Es ist dies der nördlichste linke Nebenfluß des Ob, der im Ural entspringt, nicht weit von den Quellen eines anderen Flusses, der Podarata (auf den Karten meist irrthümlich als Baidarata bezeichnet), die sich aber nördlich dem karischen Meerbusen zuwendet. Vor uns war dieses Gebiet zoologisch nur 1772 durch Sujef untersucht worden.

Wir hatten uns elf Tage lang mit Rudern und Ziehen, selten durch Segelwind unterstützt, die unzähligen und ermüdenden Schlangenwindungen des Hechtflusses hinaufgearbeitet und waren an dem Punkte angelangt, wo Untiefen und Stromschnellen dem weiteren Vordringen der „Lotka“ Halt geboten. Wir lagerten auf der offenen Tundra des linken Ufers, und unsere eingeborenen Führer berieten über die weitere Fortsetzung der Reise. Nach fast zwei Stunden hatten sie sich dahin geeinigt, daß Kundschafter auf die Tundra nach Renthieren geschickt werden sollten, die irgendwo hier herum weiden mußten. Aber Keiner wußte über das Wo und Wann nur annähernd sichere Kunde zu geben, selbst nicht Haiwai, ein lebhafter samojedischer Bursche von Sadapai, jenseits der Podarata her, der Einzige, welcher neben dem alten Dschumschi über die Gegend und die einzuschlagende Route einigermaßen unterrichtet war. Da als bestimmt angenommen wurde, daß wir auf dem Wege nach der Podarata Renthierheerden begegnen müßten, so entschlossen wir uns insgesammt aufzubrechen und traten, elf Mann hoch, nur auf neun Tage mit den nothdürftigsten Lebensmitteln versehen, den Marsch über die Tundra an. Dieses der siranischen Sprache entlehnte Wort, welches so viel wie „baumloser Ort“ bedeutet, ist sehr bezeichnend, denn in der That charakterisiren sich diese Einöden der arktischen Zone vor Allem durch gänzlichen Mangel an Baumwuchs. Da bei verschiedenen Völkern die Begriffe auch in Bezug auf Gegend sehr verschieden sind, so haben Samojeden und Ostiaken ebenso wenig Unrecht, die Tundra „Sawoja“ respective „Jandaja“, das heißt „guter Ort“ zu nennen. Man muß die Tundra selbst gesehen haben, um sich von ihr ein richtiges Bild zu machen. So weit das Auge reicht, hat es nichts als eine unendliche ockerbräunliche oder weißfahle Moosfläche vor sich, oder die farblos grünen Felder der mit Zwergbirken bewachsenen Strecken, jenem krüppelhaften, am Boden hinkriechenden Pflanzengebilde, das man kaum Strauch, geschweige Baum nennen kann. Kahle grauliche oder gelblichfahl scheinende Hügelreihen stimmen mit dieser Einöde so recht überein, die übrigens nicht alles Reizes bar ist. Denn öfters begegnet man kleinen oder größeren Teichen und Seen mit tiefblauem Wasserspiegel, während weiter nördlich die am Horizonte auftauchende Kette des Ural mit ihren schneebedeckten Schluchten und Schlünden der Landschaft einen erhöhten Reiz verleiht.

Noch bedeutend schneller als das Auge ermüdet der Schritt des Wanderers, denn es werden ihm hier Zumuthungen gemacht, die selbst der an größere und beschwerliche Fußtouren Gewöhnte sich nicht vorstellen kann. Nirgends findet der Fuß sicheren Halt; überall sinkt er, meist bis über die Knöchel, ein oder muß sich aus den Verschlingungen der Zwergbirkenranken mit Gewalt losreißen. Es gilt bei jedem Schritte das Bein ungewöhnlich hoch zu erheben, und diese Gangart ermüdet in ganz außerordentlicher Weise. Oft giebt es weite Sumpfstrecken zu überqueren, auf denen man bis über die Kniee einsackt, oder man hat mühsam von einem Klumpen Büschelgras auf den anderen überzuspringen, kurzum, die Beschaffenheit des Terrains bietet überall so viel Schwierigkeiten, daß man sich wie auf einem Trottoir vorkommt, wenn man stellenweise die kahlen Höhenzüge mit ihrer festen Unterlage benutzen kann. Zu alledem gesellt sich eine andere Plage, eine wahrhaft entsetzliche, die der – Mücken, welche nur Derjenige zu begreifen versteht, der von dieser charakteristischen Erscheinung thierischen Lebens des arktischen Sommers aus eigener Erfahrung sprechen kann.

So hatten wir uns zwei Tage lang fortgequält, als die Nachricht, daß Dschums, das heißt Zelte der Eingebornen, zu sehen seien, Leben in die Gesellschaft brachte. Da unsere große Zahl die Leute erschrecken und möglicher Weise verjagen konnte, so wurden zwei im Verkehr mit den Eingebornen bewährte Männer als Kundschafter abgesandt, denen wir später folgten. Gegen Abend sahen wir mit dem Glase auf einem Hügel weidende Renthiere, was natürlich zu vermehrter Eile antrieb, denn unsere Leute schmatzten schon im Vorgefühl der reichen Mahlzeiten mit den Lippen. Leider sollten die Hoffnungen, welche wir auf diese erste Begegnung mit Renthieren gesetzt hatten, nur zum kleinsten Theil erfüllt werden, denn ein böser Feind war vor uns hier eingezogen: die Seuche. Dzäungiä, ein reicher Ostiak und der Heerdenbesitzer, kam uns mit zwei Schlitten entgegen, um uns in’s Lager abzuholen, und wir genossen das erste Mal den Anblick schnellfahrender Renthiergespanne, ein Anblick, der nicht nur wegen seiner Neuheit, sondern auch der Originalität wegen außerordentlich imponirt.

Schon auf der kurzen Strecke bis zum Lager hatten wir Gelegenheit, die verheerenden Folgen der Seuche kennen zu lernen, denn wir zählten etliche siebenzig todte Thiere. Bei weitem entsetzlichere Bilder bot das Lager selbst. Ueberall todte oder mit dem Tode ringende Renthiere, blutige Cadaver der abgehäuteten Kälber, an denen schlecht aussehende spitzartige Köter nagten. Weiber waren mit dem Abbruch der Zelte beschäftigt, banden Schlitten zusammen und beluden sie mit den wenigen Habseligkeiten; andere spannten Renthiere ein; kurzum es wurde aufgebrochen. So zogen wir denn, diesmal als Fahrgäste, mit in der langen Reihe hinter einander gekoppelter Gespanne und überzeugten uns, wie gut es sich im Sommer mit Schlitten fährt. In der That ist die Beschaffenheit der Tundra, sei es nun sumpfige Niederung, weiche Moosdecke oder das Gestrüpp der elastischen Zwergbirken, ganz geeignet, den Schlitten auf weicher Unterlage gleiten zu lassen, und das Renthier das einzige für solche Gegenden passende Zugthier. Nach kurzer Fahrt hielten wir auf einem Hügel, und fast ebenso schnell, wie sie abgebrochen worden waren, wurden die Dschums von den Weibern wieder aufgebaut. Dzäungiä ließ sogleich zu unserer Ehre einen prächtigen selten Renochsen schlachten, und wir genossen, wenn auch nicht sein Fleisch, doch den Anblick einer Mahlzeit, wie man sich dieselbe unter Cannibalen nicht gräßlicher ausmalen kann. Kaum war nämlich das Thier abgehäutet und ausgeweidet, was ebenso geschickt wie schnell ging, so begann auch schon das Blutmahl, an dem sich selbst unsere Siranen und Russen mit sichtlichem Behagen betheiligten. Die geöffnete Leibeshöhle des Schlachtopfers war einer riesigen Schüssel zu vergleichen, die anstatt Sauce rauchendes, warmes Blut enthielt, in welches die Essenden lange Fleischstücke eintauchten, um sie roh und blutig zu verschlingen. Als besondere Delicatessen galten die Luftröhre, die mit Fett besetzte Ohrmuschel, der Gaumen, die inneren Theile und vor Allem die Markknochen.

Nachdem wir uns in Dzäungiä’s Dschums eingerichtet hatten, wo es noch immer besser und wärmer war als im Freien, konnten die Verhandlungen mit ihm beginnen, denn erst als er nackend in seinem Pelze am Feuer saß, fühlte er sich in seiner ganzen Würde als Dschum- und Heerdenbesitzer. Freilich war dieses Besitzthum unter den obwaltenden Verhältnissen ein gar precäres, und die Nachrichten Dzäungiä’s lauteten auch für uns wenig erfreulich. Er erzählte uns, daß er von jenseits der Podarata heimkehre und daß ihm von zweitausend Renthieren kaum noch dreihundert übrig geblieben, die anderen alle der Seuche erlegen seien. An einem Tage hatte er an fünfhundert verloren. Unter solchen Umständen fand ich es begreiflich, daß er auf den Vorschlag, uns mit seiner Heerde nach der Podarata zu begleiten, nicht eingehen konnte; besaß er doch kaum noch Fahrthiere genug für seine eigne Habe. So war ich froh, daß er nach mehrstündigen Verhandlungen einwilligte, uns wenigstens neun Reb (à sechs Rubel) und drei Schlitten zu verkaufen, mit denen wir andern Tags in nordwestlicher Richtung weiter zogen. Damit war immerhin Erleichterung geschaffen, denn mußten wir auch nach wie vor zu Fuße gehen, so konnten doch die Leute von den schweren Bürden, wenigstens theilweise, erleichtert werden.

Auf unserer ferneren vierzehntägigen Tundrawanderung begegneten wir allenthalben den Verwüstungen, welche die Seuche angerichtet hatte, und erlebten Scenen, die uns für immer unvergeßlich

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Die Gartenlaube (1878) b 186.jpg

Renthierseuche auf der Tundra Sibiriens.
Für die Gartenlaube nach der Natur gezeichnet von O. Finsch. Auf Holz übertragen von M. Hoffmann.

[187] bleiben werden. Wahrhaft erschreckend ist der furchtbar rapide Verlauf der Krankheit. Anscheinend völlig gesunde kräftige Thiere bleiben stehen, fangen an zu keuchen, zu schnauben und zu zittern, kreuzen die Vorderbeine, fallen um und sind todt. Dies geschieht oft in kaum mehr als drei Minuten, meistens aber dauert es länger, oft bis eine Stunde. Die Thiere rennen zuweilen, wie von innerer Angst gequält, umher, suchen selbst in die Zelte einzudringen, stürzen, erheben sich wieder, versuchen der Heerde zu folgen und verenden unter schaurigen convulsivischen Zuckungen der Extremitäten, oder ganz ruhig, sodaß nur der mächtig arbeitende Leib und das heftige Röcheln noch Leben verrathen. Bejammernswerth ist es die Kälber zu sehen, welche unter ängstlichem Grunzen wild unter der Heerde umherrennen, um ihre Mutter zu suchen, oder an dem todten Körper derselben noch zu saugen versuchen. Das beigegebene Bild, welches ich an Ort und Stelle für die „Gartenlaube“ zeichnete und aus dem jede einzelne Figur. z. B. das mit erhobenem Kopfe zur Rechten liegende todte Ren, der Wirklichkeit entnommen wurde, wird besser als alle Beschreibung einen Begriff von einem so trostlosen Anblick geben. Zugleich kann es als wahrheitsgetreue Illustration einer Tundralandschaft dienen; die Gebirgskette im Hintergrunde stellt die genauen Contouren des nördlichen Ural dar.

Als wir die Podarata, ein klares, schnellfließendes, aber seichtes Gebirgswasser glücklich erreichten, führte uns der Zufall abermals eine Renthierheerde zu, in der die Seuche wüthete. Sanda, ein ostiakischer Renthierhirt, hatte aber nicht allein bereits viele seiner Thiere, sondern auch zwei Gefährten und zwei Kinder verloren, und zwar in Folge des Fleischgenusses von einem erkrankten Renthiere, welches der Geiz des Besitzers noch zu verwerthen versuchte. Auch aus unseren Reihen sollte bald darauf der Tod ein Opfer fordern. Unser braver Ostiak Hat, den ich nicht ohne Ueberredungskünste vermocht hatte, uns von der Mündung des Hechtflusses zu folgen, klagte plötzlich über Unwohlsein, namentlich heftige Leibschmerzen und Frost. Diese Krankheitssymptome nahmen trotz einiger gereichten Mittel aus meiner Taschenapotheke stetig zu, und nach Verlauf von drei Tagen war Hat eine Leiche. Jedenfalls hatte er sich beim Abziehen gefallener Renthiere durch eine Verletzung angesteckt. Wir begruben ihn nach der Sitte seines Volkes, denn er war noch ungetauft, was uns die traurige Gelegenheit verschaffte, ein Begräbniß nach heidnischem Ritus kennen zu lernen. Zugleich wurde es uns klar, was es heißen will, ohne geeignete Geräthschaften eine Grube in einem Erdreich zu graben, das bereits bei einundeinhalb Fuß Tiefe zu Eis erstarrt ist. Und damit lernten wir einsehen, daß die Eingeborenen Recht hatten, über die weisen Rathschläge der gelehrte Fremden zu lächeln, welche ihnen als Hauptmittel, der Seuche zu steuern, das schleunigste Verscharren der gefallenen Thiere und die strengste Absonderung der übrigen Heerde anempfahlen, denn Beides ist eben unter den Verhältnissen, welche in der Tundra gebieten, unmöglich. – Die Krankheit, um welche es sich hier handelt, ist nämlich Milzbrand, jene schreckliche Epidemie, welche auch bei uns schon öfters furchtbare Verheerungen unter Hausthieren anrichtete. Den neuesten Forschungen zufolge entsteht dieselbe durch eine pathogene Bakterie oder mikroskopischen im Blute schmarotzenden Pilz (Bacillus anthracis). Die Lebensfähigkeit der Keime desselben soll so enorm sein, daß sie nicht einmal langandauerndes Eintrocknen zu zerstören vermag, und daß sie selbst in diesem Zustande, durch einen Zufall, mittelst Wunden und dergleichen, in die Blutbahn gebracht, sofort auf’s Neue ihre zerstörende Wirkung beginnen. Dagegen sollen sie, in die Verdauungsorgane eingeführt, ansteckungslos sein. Beides widerspricht eben so sehr unseren Erfahrungen, wie die Annahme, daß hauptsächlich Fliegen und Mücken die Träger des Ansteckungsstoffes seien. Denn wären diese Erklärungen richtig, so würde eben kein einziges lebendes Wesen auf der Tundra existiren können. Wir selbst, die wir doch unausgesetzt in einer Atmosphäre lebten, die von Sporenmassen des Bacilus anthracis erfüllt sein mußte, die täglich von Hunderten von Mücken gestochen wurden, welche unmittelbar von milzkranken Renthieren auf uns übergingen, wären ja sämmtlich unrettbar verloren gewesen. Und daß Menschen am Genuß vom Fleische milzkranker Renthiere sterben, weiß jetzt fast Jeder auf der Tundra, wie wir dies als Thatsache nur bestätigen können.

Jedenfalls liegen also andere noch unaufgeklärte Ursachen zu Grunde; dafür spricht das unerwartete periodische Auftreten der Seuche, wie ihr verhältnißmäßig neues Erscheinen, soweit es die von uns besuchten Gebiete Nordwest-Sibiriens betrifft. Nach den Aussagen der Eingeborenen trat die Seuche im Obgebiet nämlich zuerst vor etwa zwanzig Jahren auf und soll durch Heerden der Siranen jenseits des Ural eingeschleppt worden sein. Damals kannten Ostiaken und Samojeden noch nicht, wie leicht sich die Seuche auch auf den Menschen überträgt, und viele von ihnen starben an dem Genusse gefallener Thiere. Nach Sidoroff raffte 1865 die Seuche zwischen Petschara, Ob und Jenissé hundertfünfzigtausend Renthiere dahin, und es läßt sich denken, daß dadurch unzählige Tundrenbewohner verarmten. Wir selbst lernten verschiedene kennen, die, vorher reiche Heerdenbesitzer, jetzt arme Schlucker waren; so der Ostiakenfürst Iwan Taisin, der früher siebentausend Renthiere besaß und jetzt kaum so viele hunderte. Wenn nach den mir von amtlicher Seite gewordenen Mittheilungen der District Obdorsk nur an fünfzigtausend Renthiere zählt, so sieht es allerdings bedenklich aus, denn ein solcher Bestand kann ja einem einzigen Seuchenjahre zum Opfer fallen, und damit würde der Wohlstand des größten Theiles der Bewohner Nordwest-Sibiriens gefährdet sein. Glücklicher Weise scheinen aber, unerklärbar, wie die Seuche selbst, Verhältnisse zu walten, die wenigstens ein völliges Aussterben verhindern. So durchzogen zu derselben Zeit Renthierheerden jene Gebiete, auf denen wir nur dem Tode begegneten, ohne ein einziges Stück zu verlieren.