Bei der Frau Lerche

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Textdaten
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Autor: Friedrich Albert Bacciocco
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Titel: Bei der Frau Lerche
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 503–505
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[503]
Bei der Frau Lerche.
Von F. A. Bacciocco.


Die Leute glauben, es sei das allerlustigste Leben im blanken Saatfeld und in der grünen Ackerkrume und wieder hoch oben im blauen Himmelsgezelt mit hellem Getriller und Geschmetter, daß es weit hinaus schallt, und sie glauben, es könne kein lustigeres Leben geben, als leichtconstruirter Nestbau im Frühjahr und lustige, flotte Wanderschaft im Herbste auf baldiges, lustiges Wiedersehen. Ja freilich, wenn die Leute nur eine Ahnung hätten von der Wirklichkeit der Sache! Es ist nicht Alles Mehlwurm, was glänzt, und es sind nicht lauter Freudenjodler, welche da oben über dem blanken Saatfeld hinausgejauchzt werden in die Welt. Die alte Frau Lerche hat mir das oft gesagt, und ich hab’ mir ihre Worte gemerkt und habe mir gedacht, daß es seine besonderen Umstände haben müsse mit ihrem bedächtigen, nachdenklichen Wesen, wenn sie so einschichtig einherwandelt in der einsamen Ackerkrume. Der stillen, sorglichen Frau gefällt wahrscheinlich nicht immer der überlaute Gesang, den der Herr Gemahl hoch oben anstimmt, aber der Herr Gemahl erklärt, daß er es einmal nicht lassen könne, und daß es seine einzige Freud’ sei auf der Welt und er seine Lust ebenso auslassen müsse wie seinen Schmerz – und so läßt sie ihn denn gewähren und sorgt sich allein und müht und plackt sich im rauhen Feld, als wenn sie zur Sklavin und Taglöhnerin geboren wäre. Ach, die Frau, die eigentlich von hochadliger Herkunft ist! Giebt es denn ein nobleres Geschlecht, ein Geschlecht, welches auf einen schöneren und älteren Stammbaum hinweisen kann, als „die von Lerche“!? Sie könnten die einfältige und gelehrte Welt hinweisen auf zahllose werthvolle literarische Documente, von der ehrwürdigen Bibel bis zum classischen Dichter und bis herab zum modernsten, leichtsinnigsten Feuilletonisten, die alle mit der gleichen Entschiedenheit bezeugen, daß gar kein nobleres Geschlecht aufzutreiben sei, wie das „derer von Lerche“. Und doch muß die arme Frau Tag aus und ein wahrhaft im Taglohn sich schinden und placken. Wir brauchen hier nicht einmal zu reden von den zahllosen Fährlichkeiten, welche sie auf der Herreise zu bestehen hat, von dem anstrengenden Flug über das viele Wasser, von den mannigfaltigen Nachstellungen, denen sie ausgesetzt ist, vom ersten Moment, da sie den „gastlichen“ Boden Europas betritt, bis zu der endlichen, häuslichen Niederlassung auf der heimischen Ackerkrume. Da reden die Leute nur immer von der singenden Lerche, aber von der sorgenden reden sie nicht. Man muß sie beobachten im stillen aufgrünenden Feld, wie sie, von der ersten Morgenröthe bis zur letzten Abendröthe bei der Arbeit, im Geschäft ist, um einen Begriff zu erhalten von ihrem mühseligen, stillbescheidenen Leben und Weben. Die Frau ist ein Muster von Arbeitsamkeit und Geduld; wahrhaftig! und sie könnte vielen Hausfrauen als Vorbild unter die leichtsinnige Nase gehalten werden.

Wenn der wankelmüthige April noch seinen feuchtkalten, graupigen Athem über die junge Saat bläst, beginnt bereits die Arbeit. Das Lerchenpaar hat sein altes Ackerstück wiedergefunden, und wenn es das alte Paar nicht ist, wenn dieses im afrikanischen Sande, oder am fernen Meeresgestade, oder, was noch viel eher möglich ist, in den zahllosen Netzen und Stricken auf den Ebenen oder im wilden Alpenstocke sein Leben eingebüßt hat, dann ist es jedenfalls sein Nachwuchs. Die Lerche kehrt zurück zur alten Scholle, wie der Staarmatz zum alten Baume oder Thurme, wie die Schwalbe zu ihrem Thorwege, wie der Buchfink zu seinem jungen Fichtenstande. Freilich ist das schwer zu beweisen. Aber die Bauern sagen und behaupten es, und das genügt mir. Der Bauer ist nämlich kein Phantast und Poet; er weiß, was er sagt. Er weiß, daß es derselbe Storch, derselbe Staar und dieselbe Schwalbe ist, die alljährlich bei ihm einkehrt, und er weiß auch, daß es dieselbe Lerchenfamilie ist. Ein alter Pächter sagte mir einmal, auf eine hübschgelegene Hufe Ackerland zwischen Hutweiden deutend: „Seit zwanzig Jahren, seit ich hier bin, hat auf dem Stücke [504] eine Haubenlerche gebaut; sie hat es förmlich in Pacht genommen und sollte eigentlich Zins zahlen, wenn sie sich mit solchen Kleinigkeiten abgäbe.“

Es ist völlig undenkbar, daß in jedem Jahre ein anderes, fremdes Haubenlerchenpaar in das Stück einfallen sollte. Die Bekanntschaft mit dem Terrain bildet eben für den Vogel die möglichstbeste Garantie für die Sicherheit. Nach der Ankunft macht sich das Paar sofort daran, nachzuschauen, ob noch Alles beim Alten ist; ob Körner, Hafer oder Buchweizen auf dem Stücke stehen, denn den drei Sorten geben sie im Dreifeldersystem weitaus den Vorzug. Während des Hausbaues im geschützten Grunde, dort, wo die Halme am dichtesten stehen, wird alle Vorsicht angewendet, um keine Aufmerksamkeit auf die Arbeit zu lenken. Man sieht die Frau Lerche nie, gleich dem leichtsinnigen Spatzen oder dem energischen Staar, lange Streifen Material durch die Lüfte daher bringen. Sie hat es auch glücklicher Weise in den meisten Fällen nicht nöthig. Die weiche, trockene Streu kann leicht in der Nachbarschaft zusammengelesen werden, und sie trägt die süße Last, eilfertig laufend, gleich der Wachtel, durch die Halme.

Der Herr Gemahl hütet sich wohl, während der Arbeit just über der Brutstätte einen Hochgesang anzustimmen; er würde bei der Heimkehr etwas zu hören bekommen, was ihm nicht lieb wäre. Er hütet sich auch, beim Niederkommen direct in die Neststelle einzufallen; er fällt lieber in die Gegend ein, wo eine Wachtel oder eine Grasmücke baut, denn er ist ein großer Verehrer des heiligen Florian.

Was der Lerche am meisten Sorge macht, ist die Nähe des Menschen, die Nachbarschaft des schleichenden Fuchses, des aalgewandten, eierlüsternen Wiesels, des pfeilschnellen Sperbers, des grimmen Lerchentödters, des unheimlichen Uhus, der die nackte Brut aus dem Neste holt, und nicht zuletzt der feuchtnasigen Schulbuben, die schlimmer sind als alle anderen zahmen und wilden Feinde. Wenn die hinterlistigen Rangen trotz aller angewandten Vorsicht der Alten, den Bau entdeckt haben und einige Male die Stelle betreten, um nachzusehen, wie es steht, dann verläßt das Paar unbedingt die gefährdete Stätte und das halbfertige Nest, um an einem anderen Punkte die Arbeit aufzunehmen. Es erreicht damit nicht selten, daß die Aufmerksamkeit der Sucher auf die verlassene Stelle gerichtet bleibt. Die Lerche verläßt auch, wenn sie gestört wird und wenn bereits einige Eier eingeschafft sind, sehr leicht das Nest. Sie zieht unter solchen Umständen einen schleunigen Neubau vor; niemals gewöhnt sie sich, wie mancher Vogel im Hausgarten und wie selbst das scheue Rothkehlchen im Dachgebälke, an den wiederholten Besuch und an den freundlich gefahrvollen Blick der Menschen. Sie bleibt immer eine volle Wildnatur. Vom Augenblicke an, wo die Eier vollzählig im Neste sind, beginnt die schwerste Zeit für Frau Lerche. Ein unbeholfener Bauernstiefel, der über das Feld schleppt, kann ihre ganze Herrlichkeit zertreten; ein ungerathener Hund kann über ihr Haus herfallen und es spielend zerzausen; eine falsche Hauskatze kann überquer kommen und sich auf die Lauer legen. Bei jedem ungewohnten Geräusche in den Aehren pocht ihr Herz, daß es die Eier zu zerschlagen droht. Trotz ihrer Angst aber wird die wackere Frau niemals, sie müßte denn ganz jählings, etwa durch einen Schuß, erschreckt werden, geradeauf vom Neste fliegen. Sie steigt vielmehr ab und trippelt und flattert möglichst geräuschlos von dannen. Durch diese Vorsicht und Geistesgegenwart rettet sie oft der nackten Brut das nackte Leben. Ueberfällt aber ein Feind trotz aller Vorsicht das Nest, dann erfüllt ein herzzerreißendes Geschrei das Feld und mit zitterndem Flügelschlage schwebt das verzweifelte Paar über dem Bedränger.

Was zuweilen in den Bauernschulen und Spinnstuben erzählt wird von dem blanken Sensenstreich, der einer ganzen Lerchenbrut die Köpfe weg rasirte, das ist leider nicht immer Fabel, einem zum Gruseln geneigten Bauernjungengehirn entstammt. Das Malheur trifft in der That zuweilen die Familie der Frau Lerche. Die Brut wird gewöhnlich etwa vierzehn Tage vor der Ernte flügge und verläßt das Nest. Sehr selten entschließt sich die Lerche zur Veranstaltung einer zweiten Auflage. Sie überläßt es dem Staarmatze, der Merle und dem Spatzen. Aber der Bauer kommt oft in den Fall, ein Stück Saat vor der Zeit umhauen zu müssen, und da er im dichten Halme das Nest nicht bemerkt und das Geschrei der jungen Vögel nicht beachtet, so kann es leicht vorkommen, daß er an der Brut, die bei der Annäherung der Sense die Köpfe hervorstreckt, das Scharfrichteramt verrichtet. Bei der Zerstörung eines Nestes werden die Arbeiter von dem wehklagenden Geschrei und Geflatter der Alten nicht sobald befreit. Auch den räuberischen Fuchs und die Katze verfolgt die Lerche mit ihrem Geschrei und ihren Bewegungen und zwar in so auffallender Weise, als wolle sie die Hülfe der Menschen herbeirufen. Die Periode der dringendsten Gefahren ist aber vorüber, sobald der Vater der flüggen Jugend seine Künste „im blauen Felde“ zeigen kann. Und sie sind derart schwer, daß mit seinen Gratisvorstellungen viele Tage vergehen. So lange die Brut im Neste ist, denkt die Frau Lerche nicht daran, den Herrn Gemahl auf seinen Sonnenflügen zu begleiten. Das verträgt sich nicht mit der sorgenden Angst, die ihr Gemüth unablässig erfüllt. Wohl aber macht sie sich zuweilen auf, um ihn aus der stolzen Höhe zu holen, und ermahnt ihn, ihr hübsch an die Hand zu gehen und nicht immer im Wirthshause „Zur Sonne“ zu singen und zu jubiliren. Dann kommt der Herr Gemahl oft ziemlich kleinmüthig hernieder zum häuslichen Herd.

Wenn endlich zum ersten Mal, an einem hübsch warmen Sommertag die junge Brut auf den Nestrand steigt und in den großen Aehrenwald hineintritt, dann geht wieder eine neue Sorge für die Frau Lerche an, glücklicher Weise die letzte für diese Saison. Es ist eine sehr poetische Vorstellung, welche die jungen Lerchen gleich vom Neste, dem väterlichen Beispiele folgend, himmelan steigen läßt, aber auch eine sehr unrichtige Vorstellung, wie das zuweilen mit poetischen Vorstellungen der Fall sein soll. In den ersten Tagen nach dem großen Auszuge trippelt die junge Brut ängstlich hinter der Frau Mutter in der Ackerfurche her, und noch scheint das Ersteigen der Jakobsleiter für sie ein unerreichbarer Traum zu sein. Die Sippe ähnelt jetzt am meisten einer Wachtelfamilie; denn sie läuft mit derselben Gewandtheit durch den Acker, und sie fliegt nur ganz kurze Strecken. Aber mit jedem Tage wird diese Strecke größer und der Aufschwung kühner. Es entwickelt sich jetzt das lustige Lerchenspiel auf den Feldern, und bald steigt der Erstgeborene, ein kühner Jüngling, im stolzen Sonnenfluge dem Vater nach. Die Alte schreit derweil besorgt: Ikare! Ikare! Man erkennt die jungen Lerchen an ihrem abgehackten Fluge und an ihrem unzusammenhängenden, aber unermüdlichen Geschrei; es ist nicht einmal ein Gezwitscher, und man fürchtet schier, daß die wilde Bande nie etwas lernen werde. Aber am Abende, wenn sie noch einmal zum Neste zurückgekehrt ist und sich mit der Mutter zusammenduckt, dann steigt der alte Herr zum letzten Mal feierlich himmelan und schickt seinen Wundersang der scheidenden Abendröthe nach, und dann lauscht die Bande unten, und die Alte flüstert ihnen zu: „Jungens, paßt auf! So müßt Ihr es auch einmal machen, wenn Ihr rechte Lerchen werden wollt.“

Das ist dann die eigentliche Schule der talentvollen Musikantenfamilie.

Zugleich mit der eigenen Jugend hat die Lerche aber auch noch andere Schüler und Nachahmer; in den meisten Fällen freilich nur armselige Nachäffer, wie das ja auch nicht anders sein kann. Eine hübsche Anzahl von Vögeln versucht sich in Feld und Garten im „Lerchengekletter“. Da ist vor Allem die unternehmungslustige Grasmücke, die Nachbarin des Meisters. Sie steigt am hartnäckigsten und auch am ähnlichsten empor, ihren kleinen, kurzathmigen Gesang anstimmend. Aber es ist natürlich nur Kinderspiel dem eigentlichen, echten Lerchenflug gegenüber. Noch couragirter greift in seines Lebens Blüthezeit der wackere Staarmatz die Sache an, indem er sich von der Dachkante tollkühn empor in die Lüfte zu schwingen sucht und leider auch ohne den gewünschten Erfolg. Er bringt es nicht einmal so weit wie die Grasmücke, die doch wenigstens schon mit der Buschlerche den Vergleich aushalten kann. Aber was soll man sagen wenn man beobachten muß, daß selbst der ordinäre Spatz sich zuweilen (es müssen allerdings ganz besondere Augenblicke in seinem Leben sein) einen Lerchenaufschwung zu geben sucht; das geht denn schon über den Spaß. Es ist auch die reine Carricatur; das ist nicht zu leugnen. Doch ist [505] noch zu bedenken, daß bei diesem Kletterspiel auch eine arge Täuschung mit unterlaufen kann. Gar manchmal steigt die Grasmücke in die Luft, um sich nur eine Mücke herunter zu holen, und der Spatz, um einen Maikäfer zu fangen. Da ist denn gar keine Poesie mehr im Spiele. Wie gesagt, begleitet die Frau Lerche den Herrn Gemahl nicht bei seiner Himmelskletterei; sie ist viel zu züchtiger Art und zu wohl erzogen. Sie weiß, es schickt sich nicht für eine solide Frau – mit Ausnahme einer kurzen Zeit, nämlich in ihrem Honigmonat. Dann steigt auch sie und kreist mit ihm hoch oben im neckischen Spiel, und das sind dann die Lichtpunkte, die herrlichsten, glückseligsten Momente in ihrem sonst so sorgenreichen Dasein.