„Der Deutsche des Herrn Dumas“

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Textdaten
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Autor: Ernst Eckstein
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Titel: „Der Deutsche des Herrn Dumas“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 505–507
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[505]
„Der Deutsche des Herrn Dumas“.
Pariser Skizze von Ernst Eckstein.


Es war im Sommer des Jahres 1857. Auf dem Deck eines Omnibus der Linie Odéon-Clichy saß ein junger Mann von ziemlich verwahrlostem Aeußeren. Seine Kleider waren allerdings von dem Zuschnitte Derer, die in einem Polizeiberichte zu der Bemerkung Anlaß geben: „Er schien den besseren Ständen anzugehören“; aber, wie der berühmte Mantel des Kriegers, hatten sie manchen Sturm erlebt. Und die Spuren dieser rühmlichen Campagne malten sich in jeder Falte so ausdrucksvoll, daß nur die äußerste Noth des Besitzers ihre Pensionsberechtigung unbeachtet lassen konnte. Ein lebensmüder Hut, wehmuthsvoll auf das linke Ohr gesetzt, und ein phantastischer Regenschirm vollendeten das Bild eines Jünglings, der bezüglich seiner Finanzen sehr wenig Vertrauen einflößte. Nur in dem geistvollen, grauen Auge blitzte ein verheißendes Etwas, eine ungebändigte Energie, die ein Optimist zu Gunsten der Zukunft hätte ausdeuten können. „Gebt mir einen festen Punkt,“ so lautete die stumme Sprache dieser Augen, „und ich hebe Euch eine Welt aus den Angeln; versetzt mich in das richtige Element, und ich werde in Kürze als Triumphator auf dieses Uebergangsstadium herablächeln.“

Jetzt erhob er sich, kletterte von dem Deck herab und bog in die nächste Querstraße ein. Vor einem Kaffeehause machte er Rast. Noch einmal überlegte er sich alle Eventualitäten seines Vorhabens. Beim Bezahlen der Halbtasse, die er hastig hinuntergestürzt hatte, merkte er, daß sich seine ganze Barschaft noch auf fünf Franken belief.

„Jetzt oder nie!“ murmelte er vor sich hin. „Mißglückt mir dieser letzte Versuch, so bleibt mir nichts Anderes übrig, als die Hülfe der deutschen Botschaft in Anspruch zu nehmen und auf dem kürzesten Wege nach Deutschland zurückzukehren. Der schöne Traum von der Pariser Carrière ist dann ausgeträumt.“

Mit großen Schritten eilte er weiter. In der Rue d’Amsterdam erreichte er ein stattliches Haus. Herzklopfend stieg er die Treppe hinan, bis er vor einer Klingel Halt machte. Auf einem großen Messingschilde stand hier zu lesen: Alexandre Dumas. Der junge Mann zog die Schelle. Nach zwei Minuten erschien ein Diener, der die Frage: „Ist Herr Dumas zu Hause?“ mit der kurzen und nicht allzu höflich betonten Rede beantwortete: „Der Herr ist auf dem Lande.“

Die Thür fiel in’s Schloß. Der junge Deutsche starrte einige Minuten lang wie betäubt vor sich hin. Dann schwankte er langsam die Treppe hinab. Im Thorwege übermannte ihn das Gefühl der Verzweiflung so vollständig, daß ihm die Füße den Dienst versagten. Er lehnte sich an die Wand und verharrte hier zwei, drei Minuten wie geistesabwesend. Die niederschmetternde Gewißheit, daß auch dieser letzte Versuch für ihn fehlgeschlagen, schien seine letzte Kraft von Grund aus geknickt zu haben.

Und nun leugne man, daß unser Wille in den Verkettungen von Ursache und Wirkung ein flüchtiger Hauch, ein ohnmächtiges Atom, eine klägliche Null ist! Mit aller Kraft glauben wir an unserm Schicksale zu arbeiten: da kommt ein kleiner, unscheinbarer Zufall, zerreißt uns die ganze Rechnung und schleudert unser Lebensschiff, dem Steuer zum Trotz, in eine Richtung, die wir niemals geahnt haben.

Die Verzweiflung, die den Helden unserer Geschichte in dem Thorwege jenes Hauses der Rue d’Amsterdam erfaßte und ihn lähmend gegen die Wand drückte, diese kurze Anwandlung von zwei, drei Minuten sollte über sein ganzes zukünftiges Leben entscheiden. Hätte er in stürmischem Unmuthe das Haus verlassen, wäre er in hellem Grolle mit dem Schicksale auf die Straße geeilt, er säße jetzt vielleicht … Doch wir wollen unserer Erzählung nicht vorgreifen.

Wie er so dasteht, ertönen Schritte. Ein vornehm gekleideter Herr kommt die Treppe herab; als er die gebrochene Gestalt des jungen Deutschen wahrnimmt, tritt er näher herzu.

„Beim Himmel! Sie sind’s!“ ruft er theilnehmend. „Was machen Sie hier?“

Der junge Deutsche erkennt einen Herrn, den er seit Langem fast täglich im Kaffeehause getroffen.

„Ich habe zum zwanzigsten Male versucht, Herrn Alexander Dumas zu sprechen, und man hat mich zum zwanzigsten Male abgewiesen. Der Diener behauptet, Herr Dumas sei auf dem Lande.“

„Ah, so!“ erwidert der Herr lachend. „Wenn’s weiter Nichts ist – Herrn Dumas sollen Sie gleich sprechen. Warten Sie fünf Minuten!“ Spricht’s und steigt wieder die Treppe hinan. Kurze Zeit darauf kommt er zurück mit den Worten: „Herr Dumas erwartet Sie.“

Der junge Mann, der auf diese fast romanhafte Weise noch in der zwölften Stunde an’s Ziel gelangte, war kein Anderer als Albert Wolff, gegenwärtig der geistreiche Plauderer des Pariser „Figaro“, der Liebling der „großen Nation“, die Verkörperung des Pariser Esprits. Aus dem armen Jungen, der in stiller Wehmuth seine letzten fünf Franken musterte, ist der elegante Journalist geworden, der eine reizende Wohnung in der Rue Lafitte bewohnt, kostbare Gemälde und werthvolle Bücher aufstapelt und bei einem jährlichen Einkommen von vierzig- bis fünfzigtausend Franken auf seine Lehrjahre zurückblickt wiedersprüchwörtliche Pariser Kaufherr, der in Holzschuhen in die Hauptstadt gekommen.

Alexander Dumas empfing den jungen Deutschen im Badezimmer. Der dicke Herr saß bis an die Brust im Wasser und hielt sich mit den rundlichen Fingern rechts und links am Rande der Wanne fest. Er ließ sich durch den Eintritt Albert Wolff’s durchaus nicht stören, sondern wandte nur leise den Kopf und fragte mit gutmüthiger Bosheit:

„Was wollen Sie? Haben Sie Geld nöthig?“

„Allerdings,“ versetzte Wolff keck, „aber ich will Nichts geschenkt haben. Ich will arbeiten.“

„So! Arbeiten! Was für ein Fach haben Sie?“

„Ich komme in der Absicht, das Uebersetzungsrecht Ihrer neuen Dramen zu erwerben. Ich bin jung und vom besten Willen beseelt, habe mich schon mehrfach nicht ohne Erfolg als Journalist und Schriftsteller versucht und glaube die Aufgabe befriedigend lösen zu können. Ich verspreche Ihnen die Hälfte des Erträgnisses. Auf keinen Fall riskiren Sie etwas.“

„Ah,“ rief Dumas, indem er sich in der Wanne aufrichtete, „Sie sind ein Deutscher. Ein philosophisches Volk, diese Teutonen! Eine großartige Literatur! … Drehen Sie sich um, mein Junge! Ich steige heraus. … Lessing, der deutsche Shakespeare. … Treten Sie abseits! Ich mache Sie naß. Minna von Barnhelm, ein gutes Lustspiel, etwas veraltet, aber voll brillanter Effecte. Dergleichen würde auch bei uns Etwas machen. Hätte nicht übel Lust, das Ding zu bearbeiten. Ah, und Schiller, der ist mein Liebling. So! Sie können sich umdrehen.“

Albert Wolff erblickte jetzt den Verfasser der „Drei Musketiere“, in ein langfasriges Laken gehüllt, wie er im Begriff stand, die Strümpfe anzuziehen, – keine leichte Aufgabe bei seiner Corpulenz. Unter dem Ankleiden fuhr Dumas fort, sich in Aphorismen über das deutsche Theater zu ergehen. Er bekundete bei diesen Auslassungen eine echt französische Unkenntniß. [506] Außer Lessing, Goethe und Schiller war ihm kaum ein bedeutender Name geläufig. Von neueren Autoren kannte er nur Gutzkow aus dem „Urbild des Tartuffe“ und Hackländer. Von den dramaturgischen Zuständen Deutschlands und seiner ganzen geistigen Strömung überhaupt hatte er die sonderbarsten Begriffe. Wolff hielt es für zweckmäßig, die irrigen Anschauungen des berühmten Romanciers[WS 1] durch eingestreute Bemerkungen zu berichtigen, bis sich ein Zwiegespräch und schließlich ein Vortrag daraus entspann, in welchem der Deutsche den Franzosen nach allen Richtungen hin belehrte und aufklärte.

Dumas lauschte mit wachsender Verwunderung. Albert Wolff sprach das Französische zwar nicht ganz correct, aber doch ziemlich geläufig. Der Hauch von Fremdartigkeit, der über seiner Darlegung schwebte, mochte den literarischen Feinschmecker Dumas besonders fesseln. Wohl eine halbe Stunde lang stand er da, die Hände in den Hosentaschen, die wulstige Unterlippe im wechselnden Spiel der Empfindungen auf- und abziehend, bis er endlich in die charakteristischen Worte ausbrach: „Vous n’êtes pas bête – Sie sind kein Esel.“

Albert Wolff dankte ihm für die gute Meinung und kam auf seine ursprüngliche Bitte wegen des Uebersetzungsrechtes zurück.

Dumas blickte sinnend zu Boden.

„Wissen Sie was,“ sagte er nach einer Weile, „Sie könnten mein Secretär werden und mir die wichtigsten Erscheinungen der deutschen Literatur für meinen Privatgebrauch übersetzen. Es scheint mir fast, als würde ich da hin und wieder Etwas aufstöbern, was ich brauchen könnte. Ich offerire Ihnen dreihundert Franken monatlich, einen Platz an meinem Tisch, und wenn Sie wollen und die Sache sich macht, einen Platz in meinem Herzen.“

Wer war glücklicher als unser Wolff! Mit beiden Händen zugleich griff er zu, und schon nach wenigen Wochen erfreute er sich unter der Bezeichnung „L’Allemand de Mr. Dumas – der Deutsche des Herrn Dumas“ einer gewissen Geltung: die erste Sprosse auf der Leiter des Erfolges war erklommen.

Von den zahlreichen Lesern, die sich allwöchentlich zweimal an Albert Wolff’s geistreichen Feuilletons erquicken, wissen wahrscheinlich nur sehr wenige, daß dieser scheinbar so durch und durch französische Autor seine ersten literarischen Erfolge in Deutschland erzielt hat. Im Jahre 1835 zu Cöln geboren, ging Albert Wolff mit achtzehn Jahren als Kaufmann nach Paris, wo er in der Glasmalerei eines Verwandten Cartons zeichnete. Wieder nach Cöln zurückgekehrt, lernte er den Verleger des „Kladderadatsch“, A. Hoffmann, kennen, und machte in dessen Gesellschaft eine Rheinreise. Diese Rheinreise war die Wiege der nachmals so stark ausgebeuteten und breitgetretenen Schulze- und Müller-Literatur. Allerlei kleine Abenteuer und humoristische Erlebnisse brachten den jungen Kaufmann auf die Idee, die beiden schon damals in Flor stehenden „Kladderadatsch“-Figuren in touristische Kleider zu stecken. Er schrieb „Schulze und Müller am Rhein“, ein Scherz, der neben mancher kalauernden Banalität eine Fülle wirklichen Humors enthielt.

Kalisch wurde von Hoffmann beauftragt, das Wolff’sche Manuscript zu berlinisiren; und in dieser Gestalt hat das Buch eine beträchtliche Reihe von Auflagen erlebt. Wolff zeichnete auch die Illustrationen. Wenn wir nicht irren, geht noch die neueste Auflage im Schmucke der Zeichnungen einher, die der gelesenste französische Feuilletonist entworfen hat. Der Erfolg dieser „Rheinreise“ veranlaßte den Verleger Hoffmann, noch in demselben Jahre mit Kalisch nach dem Harze zu reisen, und so das Ei des Columbus zum zweiten Mal auf die Spitze zu stellen. Trotz dieses glänzenden Resultates erhoben sich zwischen Wolff und seinem Verleger allerlei Mißhelligkeiten, die damit endigten, daß Wolff der preußischen Hauptstadt den Rücken kehrte und nach Düsseldorf ging. Schon von Berlin aus hatte er für die Düsseldorfer Monatshefte gearbeitet. Jetzt trat er als Redacteur an die Spitze des Unternehmens. Die Jahrgänge aus jener Zeit enthalten eine große Anzahl von Beiträgen aus seiner gewandten Feder. Komisches veröffentliche er unter seinem vollen Namen, Ernstes unter dem Pseudonym W. Albert. Auch für Ernst Keil’s „Illustrirten Dorfbarbier“ und für das von Robert Prutz redigirte „Museum“ war er von Düsseldorf aus thätig. Schon hatte es den Anschein, als sollte es ihm gelingen, sich durch die chinesische Mauer der deutschen Schriftstellermisère Bahn zu brechen in das Land einer gesicherten Existenz, als ein Ereigniß eintrat, das ihn mit einem Male aus der kaum betretenen Laufbahn hinausschleuderte.

Die Firma Arnz und Comp., in deren Verlag die „Monatshefte“ erschienen, machte nämlich Bankerott. Der Redacteur verlor einen Theil seines rückständigen Gehaltes, und mit einem Male war er wieder brodlos. Da griff zum ersten Male jene wunderbare Hand des Zufalls, deren Bethätigung die Philosophie beinahe zum Fatalisten machen könnte, in seine zerrüttete Existenz ein. Der Düsseldorfer Maler Larson schickte um diese Zeit ein Bild in die Pariser Gemäldeausstellung und begab sich selbst nach der französischen Hauptstadt, um dort für die Besprechung seines Kunstwerkes in der Presse zu wirken. Da er selbst des Französischen nicht mächtig war, so forderte er Wolff auf, ihn als Dolmetscher zu begleiten und in Paris die nöthigen Verbindungen mit den Journalen und insbesondere mit den großen illustrirten Zeitungen herzustellen. Wolff ging bereitwillig auf diese Idee ein. Das Leben in der französischen Hauptstadt sagte ihm jetzt ungleich besser zu, als vor so und so viel Jahren. Er faßte den Entschluß, sich hier eine Existenz zu gründen, und nach langem Hin- und Hergrübeln kam er auf die Idee, sich in der oben mitgetheilten Absicht an Dumas zu wenden. So war gewissermaßen der Bankerott der Firma Arnz die erste Ursache seiner nachmaligen Erfolge.

Bei Dumas blieb Albert Wolff mehrere Jahre lang, stets guten Muthes, stets fleißig und lernbegierig, wenn auch der große Romancier[WS 2], der bekanntlich trotz seiner ungeheueren Einnahmen ewig in Geldnoth war, die versprochenen dreihundert Franken sehr unregelmäßig auszahlte. Wolff übersetzte ihm eine beträchtliche Anzahl deutscher Dramen – unter anderen „Die Jäger“, von Iffland. Dumas benutzte das Sujet zu einem Roman „Katharina Blum“, der in der Zeitung „Le Mousquétaire“ erschien. In ähnlicher Weise wurde das bekannte Lustspiel „Englisch“ von Görner zu einer reizenden Komödie „L’honneur est satisfait“ benutzt, die in jeder Beziehung weit über dem deutschen Originale steht. Auch eine große Anzahl von Novellen und Jugenderzählungen übersetzte Wolff für den unermüdlichen Autor. Dumas hat die meisten dieser Jugendschriften später unter dem Titel „Le Père Gicogne“ zusammengestellt.

Während dieser Thätigkeit arbeitete Wolff noch immer als deutscher Autor. Ganz im Anfange seines Aufenthaltes hatte er Kunstbriefe für die „Augsburger Allgemeine“ geschrieben. Später verfaßte er eine Reihe von Novellen, die sich zum Theil vielen Beifall und bei verschiedene Concurrenzen den Preis erwarben. Jetzt aber begann eine neue Periode. Die Redacteure des allen „Gaulois“ forderten ihn auf, gelegentlich einen Beitrag zu liefern. Er schrieb einen humoristischen Artikel, den er im Gefühle einer begreiflichen Unsicherheit Albert X. unterzeichnete. Tags darauf saß er in einem Kaffeehause, wo eine große Anzahl der bekanntesten Journalisten verkehrte, unter Anderen auch Villemessant, der Chefredacteur des „Figaro“. Das Gespräch verfiel auf den geheimnißvollen Artikel des „Gaulois“.

„Wenn ich diesen Albert X. kennte,“ rief Villemessant lebhaft, „er müßte sofort in den ‚Figaro‘.“

Dem jungen Deutschen stieg vor freudiger Ueberraschung das Blut in die Schläfe. Beim Aufbrechen bat er Herrn Villemessant um Gehör und entdeckte sich mit einem energischen „Ich bin’s!“ als den Autor.

„Das ist nicht wahr,“ erwiderte Villemessant brüsk.

Auch dieser Ausruf des routinirten Chefredacteurs war für den angehenden Feuilletonisten in hohem Grade schmeichelhaft.

„Gut!“ sagte Villemessant endlich. „Bringen Sie mir solche Artikel für meine Zeitung! Ich zahle Ihnen jedesmal hundert Franken.“

Tags darauf ereignete sich fast dieselbe Scene mit dem Chefredacteur des „Charivari“. So trat denn Albert Wolff gleichzeitig als Mitarbeiter in zwei der gelesensten Blätter Frankreichs.

Später übernahm er im „Figaro“ die sogenannten „Echos [507] de Paris“, in denen jede Zeile ein Epigramm war. Die Folgen dieser satirischen geistreichen Journalistik konnten nicht ausbleiben. Wolff erntete eine Reihe von Herausforderungen, die indeß nur theilweise zum Duell führten – ein wahrer Schmerz für Herrn Villemessant, der nichts lieber sah, als wenn seine Redacteure neben der Feder auch die Klinge handhabten. Endlich übernahm Wolff mit zwei oder drei anderen Mitarbeitern gemeinsam den Leitartikel, der im „Figaro“ bekanntlich nur selten die Politik, sondern meistens Gegenstände der Wissenschaft, der Kunst, der Gesellschaft etc. behandelt. Zweimal wöchentlich bietet er hier den Parisern seine geistreiche Prosa, und noch immer hat er seine Leser zu fesseln und zu entzücken gewußt. Die Franzosen, die sich an dem echt pariserischen Parfum dieser Aufsätze laben, wissen nicht, daß es vielleicht gerade der Kern der deutschen Bildung ist, der ihnen die Wolff’schen Plaudereien so interessant macht.

Wolff besitzt einen größeren Wörterschatz als die meisten französischen Journalisten; denn mit dem Umfange der Kenntnisse wächst auch der Umfang des Lexicons. Merkwürdiger Weise hat unser Autor das Französische niemals eigentlich systematisch studirt. Seine phänomenale Beherrschung dieses fremden Idioms ist eine rein instinctive. Die Grundlagen zu dieser Beherrschung hat er schon während seines ersten Aufenthaltes in Paris gelegt; in der Glasmalerei, wo er als junger Mensch thätig war, wurde während der Arbeit fast unausgesetzt vorgelesen. Merkwürdig ist bei einem so vollendeten Erfassen des fremden Sprachgenius, daß Wolff nicht im Stande ist, einen französischen Vers zu schreiben, während er ein deutsches Gedicht mit der größten Leichtigkeit improvisirt.

Wir haben noch einige Worte hinzuzufügen über Wolff’s politische Stellung. Beim Ausbruche des Krieges von 1870 und 1871 war er einer der Ersten, die Frankreich verließen. Er begab sich nach Brüssel, von wo er mit begreiflichem Schmerze dem Kampfe zwischen seinem Adoptivvaterlande und seiner Heimath zuschaute. Erst Ende October 1871 kehrte er nach Paris zurück. Villemessant empfing ihn auf’s Freundlichste. Die übrigen Redacteure des „Figaro“ schienen anfangs nicht übel Lust zu haben, die Cabinetsfrage zu stellen, aber Villemessant erklärten „Wolff bleibt, und sollte ich seinetwegen mein gesammtes Personal entlassen.“

Man machte dem „Prussien“ nun den Vorschlag, hinter einem Pseudonym dem Grolle der Preußenfeinde auszuweichen. Wolff aber wies diese Zumuthung rundweg von der Hand. Sein erster Artikel nach der Rückkehr in der Nummer vom 27. October 1871 machte den Parisern den Standpunkt klar. Wolff versicherte, er werde, wie dies seine schwierige Stellung erheische, die Berührung politischer Fragen auf’s Strengste vermeiden. Dagegen komme es ihm wie eine Feigheit vor, wenn er hier, wo er so lange zu Haus gewesen, unter einer Maske auftreten wolle. „Ich brauche,“ so schloß der Artikel, „vor Niemand die Augen niederzuschlagen, und so trete ich denn kühn und gelassen in’s offene Tageslicht und zeichne wie früher: Albert Wolff.“

Der Artikel erregte ungeheure Sensation. Einzelne Chauvinisten schimpften über den frechen Teutonen, der sich so vor ganz Paris in die Brust werfe, die Einsichtsvollen aber begriffen, daß man sich in der Lage dieses französischen Journalisten von deutscher Geburt nicht tactvoller und würdiger benehmen könne. Seitdem haben sich die Schwierigkeiten die sich dem Wirken unseres Autors entgegenstellten, von Jahr zu Jahr erfreulich vermindert.

Neben seiner Thätigkeit als Journalist hat Wolff eine Reihe kleinerer und größerer Lustspiele, sowie verschiedene Romane und geschichtliche Studien geschrieben; sein Schwerpunkt liegt jedoch in der eigentlichen Causerie. Auf diesem Gebiete ist er vielleicht der populärste Meister des heutigen Frankreichs. Auf seinen zahlreichen Wanderungen durch Belgien, Deutschland, Oesterreich und den Orient konnte er diese Popularität auf Schritt und Tritt constatiren. Dem Plauderer des „Figaro“ öffneten sich alle Pforten; selbst der Sultan, dem man sonst keine hervorragende Leidenschaft für geistige Interessen zuschreiben konnte, überhäufte ihn mit Ehrengeschenken und Auszeichnungen.

So hat sich „der Deutsche des Herrn Dumas“ aus den kleinsten Anfängen zur Höhe eines der ersten Journalisten Frankreichs emporgearbeitet. Ein behagliches, kunstmäßig gestaltetes Leben, reich an geistigen Anregungen aller Art, entschädigt ihn für die mühevollen und unerquicklichen Jahre des Kampfes. Mit Frankreichs ersten Autoren, wie Dumas Fils, Victorien Sardon, Victor Hugo und Anderen verbindet ihn eine vieljährige Freundschaft. Aber auch in Deutschland, wo er alljährlich seinen Sommer verbringt, hat er eine Fülle interessanter Beziehungen. Die Entwickelung der deutschen Literatur verfolgt er mit regstem Interesse. Kurz, er ist ein zur schönsten Harmonie des Daseins entwickelter Mann aus eigener Kraft, der die schwierige Aufgabe löst, beiden Nationen anzugehören, ohne daß eine von beiden ihn zu verleugnen brauchte.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Berichtigungen, Vorlage: Romantikers
  2. Berichtigungen, Vorlage: Romantiker