Berühmte Abenteurer

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Titel: Berühmte Abenteurer
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[319] Berühmte Abenteurer. Jeder, der Herrn Kinglake’s „Geschichte des Krimkrieges“ gelesen hat, wird sich erinnern, wie meisterhaft er die „Kleine Gesellschaft von Abenteurern“ schildert, die sich gegen Ende des Jahres 1848 in Paris zusammengethan hatten, um ihr Glück zu machen. Keiner von ihnen hatte etwas zu verlieren, nicht einmal einen Namen; denn von den sieben Männern hatten drei sich euphonistische Namen beigelegt (St. Armand – de Persigny – de Maupas), und das Recht, welches die Uebrigen auf ihre Namen hatten, war nicht in allen Fällen unbestritten. Die Charakteristik der einzelnen Persönlichkeiten, die Mittel und Intriguen, durch die sie Schritt für Schritt zu dem Punkte geführt wurden, wo sie Alles gewinnen oder Alles verlieren mußten, die Kühnheit der Verzweiflung, womit sie endlich Vabanque! spielten und Frankreich gewannen – alles das ist von Herrn Kinglake in die Geschichtsannalen der Welt eingetragen worden und zwar mit einer graphischen Meisierschaft, die dauernder sein wird, als die erstaunlichen Erfolge seiner „sieben Abenteurer“. Diese Erfolge aber sind erstaunlich und stehen in Bezug auf Großartigkeit einzig da in der Geschichte des Abenteurerthums aller Zeiten. Einer der Sieben ist bekanntlich mehr oder weniger anerkannter Schiedsrichter von Europa. Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich aus eigener Erfahrung einer Zeit, wo Herr Morny Schwierigkeiten gehabt haben würde, in Paris nur zehn Francs aufzutreiben, während der Herzog von Morny in diesem Augenblicke wahrscheinlich der reichste Privatmann des Continents ist. Die Großartigkeit und Vollständigkeit dieses Erfolges hat eine förmliche Revolution im Bewußtsein unserer Zeit hervorgerufen und unsere ersten Schulbegriffe auf den Kopf gestellt. Wir wurden irre an der Weltgeschichte, die – wie man uns gelehrt hatte – sich nach sittlichen Principien bewegen und mit all ihren Kämpfen, Siegen und Niederlagen, Actionen und Reactionen der Verwirklichung großer Fortschrittsideen entgegen streben sollte. Wenn nun „sieben Abenteurer“ durch einen extemporirten Handstreich im Stande waren, die Weltgeschichte so vollständig in die Tasche zu stecken, daß auch das geübteste Auge nicht mehr von jenen Principien und Ideen zu entdecken vermochte, – wenn sie ihre eigenen Persönlichkeiten an die Stelle der confiscirten Weltgeschichte setzen konnten: so gab es keine historische Entwickelung in dem Sinne, wie wir sie verstanden und zur Grundlage unserer politischen Bildung, Arbeit und Hoffnung gemacht hatten.

Man braucht nicht gerade deutscher Idealist zu sein, um von einer solchen „Logik der Thatsachen“ schmerzlich berührt zu werden. Ein soeben hier unter dem Titel: „Bemerkenswerthe Abenteurer von Lascelles Wraxall“ erschienenes Buch verdient daher aus mehr als einem Grunde unsere Beachtung: nicht nur weil es in sehr amusanter Weise einen Gegenstand behandelt, der so tief in unsere Zeitbewegung eingreift, sondern auch weil es eine Moral predigt, die uns für manche schmerzliche Erfahrung zu trösten vermag. Aus den interessanten Lebensbeschreibungen berühmter Abenteurer aller Zeiten und Nationen, welche das Buch füllen, geht unwiderlegbar hervor, daß das Höchste, was Kühnheit, Talent und Energie ohne Tugend und Grundsätze zu erreichen vermögen, temporärer Erfolg ist. Nur auf sittliche Grundlagen läßt sich dauernde Macht oder dauernder Wohlstand gründen. Die tiefangelegtesten Pläne schlagen am Ende fehl, wenn ihnen keine andere Hülfsquellen zu Gebote stehen, als Charlatanerie, Humbug und Handstreich. Freilich können wir uns auch beim Durchlesen dieses Buches der niederschlagenden Ueberzeugung nicht erwehren, daß die menschliche Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Macht ist, die dem kühnen Betrüger das weiteste und dankbarste Feld eröffnet, wenn auch sein Erfolg nur von kurzer Dauer ist. Ein schlagendes Beispiel liefert die bekannte Geschichte des Königs Theodor von Corsica. Freilich verbrachte er das Ende seines Lebens im Schuldgefängnisse und war ein Gegenstand öffentlicher Mildthätigkeit, als er starb; aber seine Königswürde war gleichwohl kein leerer Titel, sondern eine wohlbegründete Wirklichkeit. Ein tapferes Volk, welches für seine Freiheit kämpfte, hatte ihm die Krone gegeben, und, fügt Herr Wraxall hinzu, „der westphälische Abenteurer war mindestens mit ebenso vielem Rechte König von Corsica, als ein corsicanischer Abenteurer 50 Jahre später König von Westphalen war.“

Mit Recht macht der Verfasser darauf aufmerksam, daß die kleinen deutschen Höfe, welche sich durch ihre Kleinheit der öffentlichen Meinung Europa’s entzogen und im eigenen Lande keine öffentliche Meinung hatten, von jeher eine leichte Beute des Abenteurerthums gewesen seien. Von den vielen Abenteurern, die der Verfasser der complicirten Geschichte unserer zahllosen Höfe und Höfchen im 18. Jahrhundert verdankt, verdient wohl keiner mehr unsere Beachtung, als der Jude Süß, der unter dem Herzog Carl Alexander in unglaublicher Schnelligkeit Herr von Würtemberg wurde. Er war der Sohn eines jüdischen Hausirers und hielt ursprünglich einen kleinen Barbierladen. Im Jahre 1732 dem Herzog von einem andern Juden empfohlen, wurde er kurz darauf sein Kanzler und erster Minister. „Mit großem Geschick,“ heißt es in unserem Buche, „aber zugleich mit noch viel größerer Gewissenlosigkeit, wußte er alle Wünsche und Pläne des Herzogs auszuführen, die Oppositon niederzuschlagen, Fonds zur Erhaltung der Armee aufzutreiben und seinen Herrn über den wirklichen Stand der Angelegenheiten zu täuschen. Die Mittel, welche er anwandte, bestanden hauptsächlich in Bestechung und Einschüchterung. Binnen kurzem war der Jude Süß der eigentliche Beherrscher des Landes; alle Aemter befanden sich in den Händen seiner Creaturen; er betrug sich wie ein Pascha; [320] und die Juden hatten unter seiner schützenden Hand ungestörte Freiheit, die unglücklichen Würtemberger zu schinden und auszubeuten. Alles war unter der Judenregierung käuflich; Titel, Aemter und Rang wurden öffentlich versteigert; auf alle Gewerbszweige wurden Steuern gelegt, selbst auf das Geschäft der Schornsteinfeger. Alle Processe kamen vor den Fiscalgerichtshof, dessen Präsident er war. So versank das Land allmählich in eine Tiefe des Elends, von der man sich heutzutage kaum eine Vorstellung machen kann. Wir wissen in der That nicht, worüber wir am meisten staunen sollen – über den im Grunde edlen Fürsten, der sich so von einem Schurken betrügen lassen konnte, oder über das Volk, das Alles dies ertrug und sich durch seine ekelhafte Kriecherei gewissermaßen zum Mitschuldigen machte.“

Seinem jüdischen Charakter getreu, fuhr er fort in Gold, Juwelen und Silber zu handeln und gewann durch seine geschickte Behandlung der Finanzen des Herzogthums große Summen. Seine Verschwendung in Equipagen, Dienerschaft, Maitressen und Luxus aller Art war ungeheuer; gleichwohl wurden alle seine Excesse geduldig ertragen bis zum Tod des Herzogs 1737. Dann trat die Kehrseite seines Schicksals hervor. „Alle Juden wurden jetzt arretirt, verhört, durchgepeitscht und dann vom Pöbel durch die Straßen gehetzt. Der Jude Süß selbst konnte nur mit den größten Schwierigkeiten der Wuth der Bevölkerung entzogen und als Gefangener auf den Hohenasperg gebracht werden. Anfangs war er unverschämt und nahm einen hohen Ton an, aber seine Kühnheit verließ ihn bald und er machte verschiedene Male Selbstmordversuche. In der Hoffnung, seine Lage zu verbessern, gestand er endlich, daß er das Vertrauen seines Herrn mißbraucht, die Gerechtigkeit gefälscht, Betrug und Erpressung begangen habe, und bot sein Vermögen, das von ihm selbst auf 400,000 Gulden geschätzt wurde, sich aber in der That weit höher belief, als Entschädigung an. Als er bemerkte, daß seine Richter sehr aufgebracht gegen den verstorbenen Herzog und die Herzogin waren, bemühte er sich niederträchtiger Weise, die Schärfe der Anklage auf seine Beschützer fallen zu lassen. Die ganze Untersuchung wurde übrigens mehr im Geiste des siegreichen Parteiübermuths als der unparteiischen Gerechtigkeit geführt. So z. B. wurde Süß gezwungen, die Namen aller der Damen zu nennen, welche sich zu gütig gegen ihn bewiesen hatten; und die Zahl dieser schwachen Schönen war so groß, daß der Gerichtshof in Anbetracht der Unmöglichkeit, Alle zu bestrafen, beschloß, sich mit einem Opfer zufrieden zu geben.“ Nach welchem Grundsatze dies eine Opfer ausersehen wurde, oder ob vielleicht die schwachen Schönen genöthigt waren, das Loos zu ziehen, wird leider nicht mitgetheilt. Wegen Unterschlagung, Fälschung und Hochverraths wurde er zum Tode verurtheilt. In der kurzen Zwischenzeit zwischen Urtheilsspruch und Execution stritten sich ein katholischer und ein lutherischer Priester um seine Seele; er wurde unablässig mit dem Taufbecken verfolgt, obgleich er auf den Knieen darum bat, ihm diese beleidigende Verfolgung zu ersparen. Zu seiner letzten Mahlzeit erhielt er Speisen, deren Genuß ihm von seiner Religion versagt war. Auf dem Schaffot leistete er einen so gewaltsamen Widerstand, daß es nöthig war, ihn zu binden. In ein reichgesticktes Scharlachgewand gekleidet, wurde er an einen 50 Fuß hohen eisernen Galgen gehängt, – denselben, an welchem eine andere Berühmtheit unseres Werkes, der Geldmacher Honauer, im Jahre 1597 seinen Tod gefunden hatte. Der Volksunwille hatte jedoch schon vor seinem Tode eine Wandlung erlitten und wurde durch die Strenge der Strafe vollends besänftigt. Von seinen eigenen Glaubensgenossen wurde er als Märtyrer betrachtet; die große Synagoge von Fürth erklärte ihn für einen Heiligen, dessen Todestag zu allen Zeiten gefeiert werden müßte. „So“ – schließt der Verfasser – „machte der blinde Haß der Stände einen Heiligen in Israel aus einem frivolen, sinnlichen, betrügerischen Abenteurer, welcher der Fluch Würtembergs gewesen war.“

Wir empfehlen das Studium dieser und ähnlicher Beispiele des Abenteurerthums, von denen sich in Hrn. Wraxall’s Buche eine große Auswahl findet, allen denjenigen, welche die Kleinstaaterei als ein wünschenswerthes und unantastbares Resultat der „geschichtlichen Entwickelung“, der deutschen Eigenthümlichkeit und des deutschen Geistes hinzustellen pflegen. Auch Johann Kalb und die Scene in „Kabale und Liebe“, welche Schiller seinen Memoiren entnommen zu haben scheint, wird vom Verfasser in seinem Panorama berühmter Abenteurer vorgeführt. Wir meinen selbstverständlich die Scene, in welcher Lady Milford erfährt, daß die Juwelen, welche ihr fürstlicher Liebhaber ihr zum Geschenk macht, mit Blutgeld gekauft worden seien. Der Prinz war der Markgraf von Ansbach-Baireuth und die Dame Lady Craven, welche später Markgräfin wurde. Die Welt hat längst ihr Urtheil über diesen Seelenhandel gefällt, der von dem Genius Schiller’s in so ergreifender Weise für alle Zeiten geächtet worden ist. Daher ist es ziemlich auffallend, daß ein Potentat, der so ängstlich bemüht zu sein scheint, sich einen Charakter zu gründen, wie Louis Napoleon, neuerdings ein ähnliches Geschäft entrirt haben sollte. Das schwarze Contingent, welches der Pascha von Aegypten für den mexicanischen Krieg geliefert hat, wurde wie eine Viehheerde verkauft und gegen den Willen der überrumpelten Schwarzen eingeschifft und zur Schlachtbank geführt.

Es fehlt uns an Raum, um weitere Auszüge aus dem reichen Inhalte dieses interessanten, auf einem ausgedehnten Quellenstudium beruhenden Werkes zu geben. Wir wollen daher zum Schluß die bereits oben angedeutete Moral, die von all den mitgetheilten Abenteurerbiographien bestätigt wird, nochmals kurz zusammenfassen. Sie läßt sich auf folgende Punkte reduciren: 1) der glänzendste und scheinbar vollständigste Erfolg des Abenteurers ist von kurzer Dauer, und die sittlichen Grundlagen der Weltgeschichte werden nie ungestraft verletzt; – 2) die Welt ist viel dümmer, als man gewöhnlich glaubt, und „je gröber das Stück, desto größer das Glück“; – 3) die Abenteurer aller Zeiten und Nationen gleichen sich, wie ein Tropfen Wasser dem andern, nicht nur in Charakter und Beweggründen, sondern auch in der Wahl der Mittel, die sie benutzen, „um ihr Glück zu machen“, wie Herr Kinglake sagt.