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Bergidylle

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« Prolog Buch der Lieder (1827) Der Hirtenknabe »
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Textdaten
Autor: Heinrich Heine
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Titel: Bergidylle
Untertitel:
aus: Buch der Lieder, Aus der Harzreise, S. 289–299
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 1824
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: Hoffmann und Campe
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Hamburg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans der Ausgabe 1827 auf den Commons
Kurzbeschreibung:
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[289]

Bergidylle.

I.

     Auf dem Berge steht die Hütte,
Wo der alte Bergmann wohnt;
Dorten rauscht die grüne Tanne,
Und erglänzt der gold’ne Mond.

5
     In der Hütte steht ein Lehnstuhl,

Reich geschnitzt und wunderlich,
Der darauf sitzt, der ist glücklich,
Und der Glückliche bin Ich!

     Auf dem Schemel sitzt die Kleine,

10
Stützt den Arm auf meinen Schooß;

Aeuglein wie zwei blaue Sterne,
Mündlein wie die Purpurros’.

     Und die lieben, blauen Sterne
Schau’n mich an so himmelgroß,

15
Und sie legt den Lilienfinger

Schalkhaft auf die Purpurros’.

     [290] Nein, es sieht uns nicht die Mutter,
Denn sie spinnt mit großem Fleiß,
Und der Vater spielt die Zitter,

20
Und er singt die alte Weis’.


     Und die Kleine flüstert leise,
Leise, mit gedämpftem Laut;
Manches wichtige Geheimniß
Hat sie mir schon anvertraut[1].

25
     „Aber seit die Muhme todt ist,

Können wir ja nicht mehr geh’n
Nach dem Schützenhof zu Goslar,
Und dort ist es gar zu schön.

     „Hier dagegen ist es einsam,

30
Auf der kalten Bergeshöh’,

Und des Winters sind wir gänzlich
Wie vergraben in dem Schnee.

     „Und ich bin ein banges Mädchen,
Und ich fürcht’ mich wie ein Kind

35
Vor den bösen Bergesgeistern,

Die des Nachts geschäftig sind.“

     [291] Plötzlich schweigt die liebe Kleine,
Wie vom eignen Wort erschreckt,
Und sie hat mit beiden Händchen

40
Ihre Aeugelein bedeckt.


     Lauter rauscht die Tanne draußen,
Und das Spinnrad schnarrt und brummt,
Und die Zither klingt dazwischen,
Und die alte Weise summt:

45
     Fürcht’ dich nicht, du liebes Kindchen,

Vor der bösen Geister Macht;
Tag und Nacht, du liebes Kindchen,
Halten Englein bei dir Wacht!“


II.

     Tannenbaum, mit grünen Fingern,
Pocht an’s nied’re Fensterlein,
Und der Mond, der gelbe Lauscher,
Wirft sein süßes Licht herein.

5
     [292] Vater, Mutter schnarchen leise

In dem nahen Schlafgemach,
Doch wir beide, selig schwatzend,
Halten uns einander wach.

     „Daß du gar zu oft gebetet,

10
Das zu glauben wird mir schwer,

Jenes Zucken deiner Lippen
Kommt wohl nicht vom Beten her.

     „Jenes böse, kalte Zucken,
Das erschreckt mich jedesmal,

15
Doch die dunkle Angst beschwichtigt

Deiner Augen frommer Strahl.

     „Auch bezweifl’ ich, daß du glaubest,
Was so rechter Glauben heißt,
Glaubst wohl nicht an Gott den Vater,

20
An den Sohn und heil’gen Geist?“ –


     Ach, mein Kindchen, schon als Knabe,
Als ich saß auf Mutters Schooß,
Glaubte ich an Gott den Vater,
Der da waltet gut und groß;

25
     [293] Der die schöne Erd’ erschaffen,

Und die schönen Menschen d’rauf,
Der den Sonnen, Monden, Sternen
Vorgezeichnet ihren Lauf.

     Als ich größer wurde, Kindchen,

30
Noch viel mehr begriff ich schon,

Und begriff, und ward vernünftig,
Und ich glaub’ auch an den Sohn;

     An den lieben Sohn, der liebend
Uns die Liebe offenbart,

35
Und zum Lohne, wie gebräuchlich,

Von dem Volk gekreuzigt ward.

     Jetzo, da ich ausgewachsen,
Viel gelesen, viel gereist,
Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen

40
Glaub’ ich an den heil’gen Geist.


     Dieser that die größten Wunder,
Und viel größ’re thut er noch;
Er zerbrach die Zwingherrnburgen,
Und zerbrach des Knechtes Joch.

45
     [294] Alte Todeswunden heilt er,

Und erneut das alte Recht:
Alle Menschen, gleichgeboren,
Sind ein adliges Geschlecht.

     Er verscheucht die bösen Nebel,

50
Und das dunkle Hirngespinst,

Das uns Lieb’ und Lust verleidet,
Tag und Nacht uns angegrinzt.

     Tausend Ritter, wohlgewappnet,
Hat der heil’ge Geist erwählt,

55
Seinen Willen zu erfüllen,

Und er hat sie muthbeseelt.

     Ihre theuern Schwerdter blitzen,
Ihre guten Banner weh’n!
Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen,

60
Solche stolze Ritter seh’n?


     Nun, so schau’ mich an, mein Kindchen,
Küsse mich und schaue dreist;
Denn ich selber bin ein solcher
Ritter von dem heil’gen Geist.


III.

     [295] Still versteckt der Mond sich draußen
Hinter’m grünen Tannenbaum,
Und im Zimmer unsre Lampe
Flackert matt und leuchtet kaum.

5
     Aber meine blauen Sterne

Strahlen auf in heller’m Licht,
Und es glühn die Purpurröslein,
Und das liebe Mädchen spricht:

     „Kleines Völkchen, Wichtelmännchen,

10
Stehlen unser Brod und Speck,

Abends liegt es noch im Kasten,
Und des Morgens ist es weg.

     „Kleines Völkchen, unsre Sahne
Nascht es von der Milch, und läßt

15
Unbedeckt die Schüssel stehen,

Und die Katze säuft den Rest.

     [296] „Und die Katz’ ist eine Hexe,
Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm,
Drüben nach dem Geisterberge,

20
Nach dem altverfall’nen Thurm.


     „Dort hat einst ein Schloß gestanden,
Voller Lust und Waffenglanz;
Blanke Ritter, Frau’n und Knappen
Schwangen sich im Fackeltanz.

25
     „Da verwünschte Schloß und Leute

Eine böse Zauberin,
Nur die Trümmer blieben stehen,
Und die Eulen nisten d’rin.

     „Doch die sel’ge Muhme sagte:

30
Wenn man spricht das rechte Wort,

Nächtlich zu der rechten Stunde,
Drüben an dem rechten Ort:

     „So verwandeln sich die Trümmer
Wieder in ein helles Schloß,

35
Und es tanzen wieder lustig

Ritter, Frau’n und Knappentroß;

     [297] „Und wer jenes Wort gesprochen,
Dem gehören Schloß und Leut’,
Pauken und Trompeten huld’gen

40
Seiner jungen Herrlichkeit.“


     Also blühen Mährchenbilder
Aus des Mundes Röselein,
Und die Augen gießen drüber
Ihren blauen Sternenschein.

45
     Ihre gold’nen Haare wickelt

Mir die Kleine um die Händ’,
Giebt den Fingern hübsche Namen,
Lacht und küßt, und schweigt am End’.

     Und im stillen Zimmer Alles

50
Blickt mich an so wohlvertraut;

Tisch und Schrank, mir ist als hätt’ ich
Sie schon früher mal geschaut.

     Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr,
Und die Zither, hörbar kaum,

55
Fängt von selber an zu klingen,

Und ich sitze wie im Traum.

     [298] Jetzo ist die rechte Stunde,
Und es ist der rechte Ort;
Staunen würdest du, mein Kindchen,

60
Spräch’ ich aus das rechte Wort.


     Sprech’ ich jenes Wort, so dämmert
Und erbebt die Mitternacht,
Bach und Tannen brausen lauter,
Und der alte Berg erwacht.

65
     Zitherklang und Zwergenlieder

Tönen aus des Berges Spalt,
Und es sprießt, wie’n toller Frühling,
D’raus hervor ein Blumenwald;

     Blumen, kühne Wunderblumen,

70
Blätter, breit und fabelhaft,

Duftig bunt und hastig regsam,
Wie gedrängt von Leidenschaft.

     Rosen, wild wie rothe Flammen,
Sprüh’n aus dem Gewühl hervor;

75
Lilien, wie krystall’ne Pfeiler,

Schießen himmelhoch empor.

     [299] Und die Sterne, groß wie Sonnen,
Schau’n herab mit Sehnsuchtgluth;
In der Lilien Riesenkelche

80
Strömet ihre Strahlenfluth.


     Doch wir selber, süßes Kindchen,
Sind verwandelt noch viel mehr;
Fackelglanz und Gold und Seide
Schimmern lustig um uns her.

85
     Du, du wurdest zur Prinzessin[2],

Diese Hütte ward zum Schloß,
Und da jubeln und da tanzen
Ritter, Frau’n und Knappentroß.

     Aber Ich, ich hab’ erworben

90
Dich und Alles, Schloß und Leut’;

Pauken und[3] Trompeten huld’gen
Meiner jungen Herrlichkeit!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. r ergänzt. Vorlage schreibt: anvertaut
  2. Doppelter Buchstabe entfernt.Vorlage schreibt: Prinzessiin
  3. u statt n. Vorlage schreibt: nnd