Bericht über die Bekehrung des Rabulas aus der Biographie des Akömeten Alexander

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Textdaten
Autor: Alexander
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Titel: Bekehrung des Rabulas aus der Biographie des Akömeten Alexander
Untertitel:
aus: Bibliothek der Kirchenväter, Band 38, S. 212-225.
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 5. Jh.
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Jos. Koesel’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Kempten
Übersetzer: Gustav Bickell
Originaltitel:
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Kurzbeschreibung:
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[212]
Bericht über die Bekehrung des Rabulas,
aus der Biographie des Akömeten
Alexander.
[1]




Da nun Alexander im Glauben und in der Liebe hinlänglich befestigt schien, wandte er seinen Geist auch auf die Predigt des Evangeliums, um nicht mit dem müssigen und [213] nichtswürdigen Knechte verdammt zu werden. Als er daher von einer Stadt[2] hörte, in welcher noch der Aberglaube des verfluchten Dämons herrschte, so daß man Götzenfeste feierlich beging und unsägliche Schandthaten triumphirend zur Schau trug, gürtete er seine Lenden zur Bereitung des Evangeliums und trat in ihr berühmtestes Heiligthum ein, welches er durch eine göttliche Kraft verbrannte und zerstörte. Nachdem er dieß Wagniß vollbracht hatte, floh er keineswegs von dannen, sondern blieb im Tempel selbst sitzen.

Unterdessen liefen die Einwohner in grimmiger Wuth herbei und drohten ihm mit Ermordung, wichen aber bald zurück, durch seine unglaubliche Freimüthigkeit besänftigt. Er nun, also durch die Gnade Gottes bewahrt, brach in diese Worte des Apostels[3] aus: „Auch ich bin ein Mensch, leidensfähig gleich euch, und habe einst auch meine Zeit in solchen nichtigsten Dingen zugebracht. Fliehet vor dem ewigen Gerichte! Ich verkündige euch das Himmelreich.“ [214] Nachdem Dieß lange Zeit hindurch also geschah,[4] trat ihm Rabbulus, der Präfekt der Stadt, entgegen, welcher sich durch Reichthum und Beredsamkeit auszeichnete, später aber ein Vertilger der Götzenbilder und ein Herold der Wahrheit wurde. Von wahnsinnigem Eifer, den Aberglauben zu vertheidigen, ergriffen, redete dieser das Volk mit lauter Stimme an: „Brüder und Väter, laßt uns die väterlichen Götter nicht verlassen, sondern ihnen nach hergebrachter Weise Opfer darbringen! Die Götter werden diesem Galiläer, welcher sie beleidigt hat, nicht helfen oder ihm Beistand verleihen, als ob er ihnen Ehrerbietung erwiesen hätte. Ist denn der Gott der Christen etwas so Großes?“ Darauf sprach er zu der Menge, im Vertrauen auf seine Macht und durch ich weiß nicht welche teuflische Vorspiegelungen verblendet: „Ich will ganz allein zu ihm gehen, um seinen magischen Trug aufzulösen und die Götter, die er beleidigt hat, sowie uns alle an ihm zu rächen.“ Er kam also in großer Thorheit zu ihm, um mit ihm zu disputiren, und begann folgende prahlerische Reden vorzubringen[5] ...

„Lasset uns die Waffenrüstung ergreifen, durch welche er jede feindliche Gewalt und Kraft zerstört und nicht nur die Fürstenthümer, Mächte und Herrschaften jener ewigen Finsterniß und die geistigen Bosheiten überwunden, sondern auch den ganzen ihm widerstrebenden Erdkreis zurückgeschlagen hat.“ Nachdem also der Widersacher Alles vergeblich versucht hatte, aber immer durch die göttliche Kraft niedergeworfen [215] nicht das Mindeste auszurichten vermochte, so erregte er endlich einen allgemeinen Auflauf des Volkes, wodurch der heilige Athlet auf verschiedene Weisen angegriffen wurde. Aber Dieser ließ sich weder durch die königliche Macht einschüchtern, noch fürchtete er die Drohungen der Präfekten oder die Schmähungen des Volkes, oder die verkehrten Ermahnungen der Vornehmen, oder irgend welche andere Bestrebungen, durch welche er von der Wahrheit abwendig gemacht werden sollte. Vielmehr widerlegte er alle Widersprechenden durch seinen heiligen Wandel und vollkommenen Glauben. Denn er hatte den Apostel[6] sagen hören: Was wird uns trennen von der Liebe Christi? Trübsal, oder Bedrängniß, oder Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr, oder Schwert? . . .

[7]„Du hast den Tempel unserer Herrn, der Götter, zerstört, und willst nicht nur das Volk, sondern auch uns alle an dich ziehen, um uns zu sakrilegischen Verächtern aller Götter zu machen, wie du selbst einer bist. Sprich also die Wahrheit: Was für eine Hoffnung habt ihr Christen, um deren willen ihr euer Leben so gering achtet, daß ihr solche Wagnisse unternehmet?“ Der Selige antwortete lächelnd: „Keineswegs verachten wir unser Leben, wie du behauptest, sondern wir achten nur das gegenwärtige Leben geringer als das ewige, nach welchem wir streben. Denn für uns steht geschrieben:[8] Wer seine Seele in dieser Welt verliert, der wird sie zum ewigen Leben wiederfinden.“ Darauf erwiderte Jener: „Welche Hoffnung erwartet ihr, wenn ihr aus diesem Leben scheidet?“ Der Selige antwortete: „Denjenigen, welche die Wahrheit lernen und aus der Finsterniß in das Licht versetzt werden wollen, zeigen wir durch Werke die Kraft dieser Lehre. Aber die in vieles Gerede [216] eingehüllten Fabeln haben keinen Nutzen, wie ihr Heiden meinet.“ Jener sprach: „Auch ich bin bereit, euere ganze Thorheit zu erlernen, womit du nicht nur uns beunruhigt hast, sondern auch die Götter unaufhörlich beleidigst.“ Da sagte der Heilige: „So höre denn die Kraft unseres Gottes und die Geheimnisse unseres Glaubens!“ Alsbald erklärte er ihm die Güte Gottes gegen die Menschen und den Sinn der heiligen Schriften, beginnend von der Schöpfung der Welt bis zum Kreuzestod; und sie blieben diesen ganzen Tag und die ganze Nacht zusammen, indem sie über diese Dinge verhandelten und weder aßen noch schliefen. Während er ihm nun die in der Schrift aufgezeichneten Wunder der Heiligen, ihr Vertrauen auf Gott und den gleichsam kühnen Freimuth zeigte, mit welchem sie die göttliche Hilfe in Anspruch nahmen, kam er beim Aufschlagen der inspirirten Bücher an jene Stelle, wo erzählt wird, daß Elias dreimal Feuer vom Himmel herabfallen ließ. Bei dieser Gelegenheit fing Rabbulus, der schon mehrere ähnliche Wunder angehört hatte, an zu widersprechen und auf den Sieg seiner Sache zu hoffen, rufend: „Das sind lauter Lügen; euere Sachen bestehen aus erdichteten Fabeln. Ich rathe dir zu deinem Heile, mit uns Feste zu feiern und den Göttern Opfer zu bringen. Weil sie gütig sind, werden sie dir Vergebung und Straflosigkeit für deine gegen sie begangenen Frevel gewähren, da du dich derselben ja nur aus Unwissenheit schuldig gemacht hast.“ Der Selige antwortete: „Wenn sie wirklich Götter sind, warum haben sie dann damals ihre Anhänger, die vom frühen Morgen bis zum Abend sie anriefen, nicht erhört und ihnen Feuer herabgesandt? Aber Elias, der Knecht Gottes, tödtete durch die göttliche Kraft alle Pseudopropheten, obgleich er allein war; und als er betete, daß es wegen des wahnsinnigen Götzendienstes der Menschen nicht regnen sollte, da fiel drei Jahre und sechs Monate hindurch gar kein Regen vom Himmel, bis daß Gott selbst die Strenge seines Knechtes aus Mitleid mit einer Wittwe milderte und ihn zur Güte lenkte, so daß er seinen Schwur zurücknahm und für die Menschen bei ihm Fürbitte einlegte. [217] Denn er hatte gesagt: So wahr der Herr lebt, in diesen Jahren wird weder Thau noch Regen sein, ausser nach dem Befehle meines Mundes. Diesen Eid seines Knechtes wollte Gott nicht unbestätigt lassen, sondern es geschah so, wie es der Prophet vorausgesagt hatte.“

Da sprach Rabbulus spöttisch zu dem seligen Alexander: „Wenn Dieß wahr ist, wenn euer Gott ein Solcher ist und seine Diener so augenblicklich erhört, so bitte auch du ihn, daß er vor uns Feuer herabsende! Wenn er das thun wird, so will ich bekennen, daß es keinen anderen Gott gebe als den Gott der Christen; wenn aber nicht, so ist das falsch, was bei euch geschrieben steht; denn auch du bist ja, wie du sagst, ein Knecht jenes Gottes.“ Aber der selige Alexander glaubte fest, ohne zu zweifeln, und Gott gewährte seine Bitte. Und weil es in der Schrift heißt:[9] „Alles ist dem Glaubenden möglich“, so sprach er zu ihm: „Rufe auch du deine Götter an, da sie ja zahlreich sind, auf daß Feuer vor uns herabfalle! Dann will ich zu meinem Gotte beten, und es wird Feuer herabkommen und die vor uns liegenden Strohmatten verbrennen.“ Rabbulus antwortete: „Ich habe keine solche Gewalt; aber bete du!“ Als der Heilige Dieß hörte, erhob er sich, im Geiste glühend, sprach: „Lasset uns beten“, und mit ausgebreiteten Händen nach Osten schauend, betete er also, daß sogar die Schöpfung bewegt wurde, daß Feuer herabkam und, wie es unser erhabener Athlet vorhergesagt hatte, die im Hause liegenden Matten verbrannte, ohne sie selbst im Mindesten zu verletzen. Da nun Rabhulus dieß plötzliche Wunder schaute, befürchtete er selbst von dem Brande verzehrt zu werden und rief mit lauter Stimme aus: „Groß ist der Gott der Christen.“ Er wollte auch dieses Wunder weit und breit bekannt machen, aber der Heilige beschwor ihn, ja verpflichtete ihn durch einen Eid, welchen er auch wirklich ablegte, daß er es bei seinen Lebzeiten Niemandem erzählen sollte. Aber dreissig Jahre nach [218] diesem Wunder,[10] als der Heilige aus diesem Leben geschieden war, erzählte es Rabbulus vor Bischöfen und Mönchen; und das Zeugniß des neuen Jüngers ist wahr. Man kann übrigens aus diesem Wunder schließen, daß er auch jenen Tempel auf gleiche Weise verbrannt haben mag.

Nachdem Rabbulus dieses Wunderzeichen gesehen hatte, blieb er eine Woche bei dem seligen Alexander, um Alles gründlicher zu lernen, was zur Lehre der Wahrheit gehört; und da er durch die Wunderkräfte selbst um so fester überzeugt war, verlangte er alsbald erleuchtet und durch die himmlische Taufe eingeweiht zu werden, da das heilige Osterfest nahe bevorstand. Aber der Feind der Wahrheit, sehend, wie seine Herrschaft überall gestürzt wurde, suchte diesen neuen Jünger vom ewigen Leben fern zu halten. Deßhalb [219] verleitete er ihn, sich nicht in der Stadt selbst taufen zu lassen, sondern das Sakrament der Erleuchtung in einer drei Stationen von da entfernten Märtyrerkapelle zu empfangen; zugleich aber sorgte er dafür, daß zur selben Zeit eine gottgeweihte Jungfrau in eben dieser Kirche von einem bösen Geiste heimgesucht wurde. Als sie nun die Kirche betraten, fanden sie diese wie von der Fallsucht ergriffen am Boden liegend. Rabbulus, sie erblickend, wandte sich ab, um wieder fortzugehen, indem er sprach: „Ich werde kein Christ; denn diese wird jedenfalls von den Göttern bestraft, weil sie die christliche Religion angenommen hat; ein gleiches Schicksal würde auch mich erwarten.“

Als ihn der Heilige so verwirrt und im Begriffe sah, seinen Vorsatz wieder aufzugeben, da betete er eifrigst, daß Gott die Künste des verruchten Teufels zu Schanden machen und sich dieses neuen Jüngers erbarmen möge. Doch erst nach Verlauf von drei Stunden konnte er ihn mit großer Mühe wieder zurechtbringen, indem er sagte: „Dieß ist ein trügerischer Kunstgriff des bösen Feindes; Jene wird für ihre Verbrechen gestraft, wodurch sie das heilige Gewand, welches sie trägt, verunehrt hat. Wenn es dir belieben wird, [220] wieder einzutreten, und du nicht dieses Bekenntniß aus dem Munde des Teufels selbst hören wirst, so brauchst du künftig meinen Worten keinen Glauben mehr zu schenken.“ Auf diese Rede hin ließ sich Rabbulus dazu bewegen, in die Kirche zurückzukehren, um zu erfahren, ob das, was der Heilige gesagt hatte, wahr sei; denn er war bereits aus der Kirche herausgegangen. Nach ihrem Eintritt fanden sie dann auch die von Gott Bestrafte, wie sie mit lauter Stimme die Ursachen bekannte, wegen deren sie der Gewalt des Dämons überliefert worden sei. Nachdem Rabbulus ihre bösen Handlungen gehört und erfahren hatte, daß sich die Sache so verhielt, wie sie der Heilige dargestellt hatte, sagte er: „In Wahrheit, diese wird wegen ihrer Sünden gestraft.“ Darauf empfing er in aufrichtigem Glauben die heilige Taufe.

Noch viele andere Wunder wirkte Gott durch ihn. So fand man, als er aus dem himmlischen Bade herauskam, sein Gewand überall, von oben bis unten, mit Kreuzen bedeckt,[11] was nicht wenig zur Stärkung seines Glaubens beitrug. Seine Mitbürger aber, als sie seine plötzliche Umwandlung und die Wunder sahen, glaubten sammt ihren Frauen und Kindern an Christum, und zwar mit einer so eifrigen Bereitwilligkeit, daß sie sich bestrebten, das Siegel der heiligen Taufe zu empfangen, schon bevor sie durch den gewöhnlichen katechetischen Unterricht in den göttlichen Dingen unterwiesen waren. Da sie aber der hl. Alexander prüfen wollte, ob ihr Glaube ernstlich sei, so verkündete er Allen: „Bewähret zuerst eueren Glauben durch Werke und empfanget alsdann die Besiegelung! Wer also Götzenbilder in seinem Hause hat, bringe sie herbei und zerstöre sie mit eigenen Händen!“ Sobald sie Dieß gehört hatten, zerstörten sie um die Wette, da Niemand hierin nachlässig sein wollte, ihre und ihrer Vorfahren Idole; da konnte man göttliche Wunder schauen. Wenn auch Jemand die Absicht gehabt [221] hätte, den Glauben zu heucheln und die Götzenbilder zu verbergen, so hätte er es nicht gekonnt. Denn ein Jeder bestrebte sich, seine eigenen Sachen hinwegzuschaffen, ehe er von den Anderen angeklagt wurde, da sie gegenseitig ihre Geheimnisse kannten. Nachdem sie sich so, ein Jeder mit seiner ganzen Familie, von der Abgötterei gereinigt hatten und kurze Zeit hindurch im Glauben befestigt worden waren, wurden sie alle der heiligen Taufe gewürdigt; darauf entbrannten sie sammt ihren Frauen und Kindern von einem solchen Eifer für die Verbreitung des Glaubens, daß die Fürsten gezwungen wurden, Alle, welche sich der Wahrheit widersetzten, mit der Verbannung zu bestrafen.

Als nun der Heilige sah, wie sie alle nach Annahme des Glaubens jubelten und Gott dankten, sprach er zu ihnen: „Bisher seid ihr nur mit Milch genährt worden; wer aber feste Speise zu empfangen und ein vollkommener Christ zu werden wünscht, der verkaufe seine Güter, gebe den Erlös den Armen und sorge nicht für den morgenden Tag, so wird er einen Schatz im Himmel haben. Er suche, wie geschrieben steht,[12] das Himmelreich und die Gerechtigkeit Gottes, so wird ihm Dieses alles reichlich hinzugegeben werden.“ Diese Reden schienen einigen Reichbegüterten schwer und hart. Auch sein Schüler Rabbulus sagte: „Bin ich nicht ein vollkommener Christ? Aber auf welche Weise kann ich Dieß ausführen? Denn wer wird, wenn ich also thue, die Menge meiner Dienerschaft ernähren? Das ist die reine Täuschung! Wenn du aber willst, so beweise es mir durch die That, indem du mich und meine Kinder nur einen einzigen Tag hindurch unterhältst; alsdann will ich glauben, was du sagst. Wenn du Dieß nicht einmal in der Stadt leisten kannst, um wie viel weniger dann, wenn wir in die Wüste hinausgehen würden!“ Der selige Alexander antwortete: „Nimm deine Kinder und wen du sonst willst, und bring sie in irgend [222] eine Einöde; wenn alsdann der Herr nicht für euch sorgen wird, so brauchst du mir künftig keinen Glauben mehr zu schenken.“ Rabbulus sagte: „Wenn du Dieß durchsetzen wirst, so will ich Alles, was geschrieben steht, ausführen.“

Er führte also seine Kinder und die Anderen, welche er mitnehmen wollte, in eine weite, allem Anschein nach noch nie von einem menschlichen Fuß betretene Einöde, um so den seligen Alexander auf eine recht schwierige Probe zu stellen. Nachdem sie den ganzen Tag hindurch gegangen waren, machten sie um die elfte Stunde zwischen zweien Bergen Halt. Rabbulus nun lächelte, indem er nach allen Seiten herumblickte; aber der selige Alexander schickte sich nach seiner Gewohnheit sofort zum Gebet an. Als sie die Vesperpsalmodie gemeinschaftlich beendigt hatten, da erhörte die gnadenreiche Gottheit das Vertrauen ihres hochherzigen Athleten. Denn sie schickte einen Engel in der Gestalt eines Landmannes, welcher ein Thier vor sich her trieb, beladen mit reinen und warmen Broden, sowie mit zwei auf beiden Seiten herabhängenden Gemüsetöpfen, worin Kohl und Bohnen waren. Darauf sagte der selige Alexander zu Rabbulas: „Stehe auf, nimm und sei nicht ungläubig!“ Dieser aber blieb lange Zeit unschlüssig wie betäubt, indem er bei sich dachte: „Woher kommt der Bauer mit so vielen und guten Broden in diese Einöde? Wir sind doch den ganzen Tag hindurch gegangen, ehe wir endlich an diesem Ort angekommen sind; der Mann muß also jedenfalls Nachts sein Haus verlassen haben, um zu dieser Zeit hier schon eintreffen zu können. Folglich können die Brode heute nicht gebacken sein; wie kommt es, daß sie noch warm sind?“ Dieß bei sich überlegend, bewunderte er die Macht Christi und fragte den Angekommenen: „Woher kommst du, oder wer hat dich hierher gesandt?“ Der Engel antwortete: „Mein Herr hat mich gesandt.“ Nachdem sie also Speise genommen hatten, ließen sie den scheinbaren Landmann ziehen, welcher aber in geringer Entfernung plötzlich vor ihren Augen verschwand. Sie genoßen nun mit Danksagung das ihnen von [223] dem Herrn Jesu Zugesandte, blieben daselbst über Nacht und kehrten am anderen Tage in die Stadt zurück.

Rabbulus aber, durch dieses Wunder im Glauben bestärkt und entschlossen, sich ganz ohne jede Zerstreuung der göttlichen Betrachtung zu widmen, entsagte den Staatsangelegenheiten und gab seiner Frau, sowie seinen Töchtern und Mägden das, was ihnen gebührte. Seine Frau ging jedoch gleichfalls auf den Entschluß ihres Mannes ein, errichtete ein Kloster und diente darin Gott von ganzem Herzen mit ihren Töchtern und Mägden. Rabbulus schenkte ferner seinen Knechten die Freiheit, indem er ihnen einen angemessenen Lebensunterhalt aussetzte. Seine Güter und Kleider verkaufte er, um den Preis unter die Armen zu vertheilen. Darauf zog er sich in die Wüste zurück, wo er durch ununterbrochene Übungen solche Fortschritte machte, daß er nicht mehr mit dem irdischen Körper bekleidet schien, indem er im Fasten, Nachtwachen und Beten ausdauerte und sich unaufhörlich mit Christo unterredete, über seine frühere Unwissenheit trauernd.

Aber der gütige und barmherzige Gott, welcher allein der früheren Beleidigungen nicht mehr gedenkt und gesagt hat:[13] „Ich will die verherrlichen, welche mich verherrlichen,“ der erfüllte auch dieses Versprechen an ihm und verbarg seinen treuen Diener nicht lange, sondern zeigte ihn der Welt wie einen Leuchter. Denn als der Bischof von Edessa[14] gestorben war, verlangte die ganze Stadt und die umliegende Gegend ihn zu ihrem Hirten; und so wurde er durch die Wahl Vieler zum Vorsteher des Volkes bestimmt. Edessa ist aber die Metropole von Mesopotamien. Nach Empfang der bischöflichen Weihe wurde er gleichsam ein Hafen der Gotteserkenntniß, nicht nur für Syrien, Armenien und Persien, sondern fast für den ganzen Erdkreis. In jener Stadt sind seit uralten Zeiten auf göttlichen Antrieb [224] Schulen der syrischen Sprache zum Besten der benachbarten Gegenden errichtet worden.[15] Denn die Fürsten und andere Reiche pflegen ihre Kinder zum Unterricht dorthin zu schicken. Nachdem nun Rabbulus die hierarchische Obergewalt erhalten hatte, bemühte er sich unter Mitwirkung des heiligen Geistes, Alle im wahren und beständigen Glauben zu vereinigen und die Wirksamkeit seines Meisters eifrig nachzuahmen. Auf ihn kann man in der That jenes Wort[16] anwenden: „Es genügt dem Jünger, daß er sei wie sein Meister.“ Ich will aber noch eine andere Wohlthat dieses Seligen erwähnen, da sie die Leser erbauen wird. Er war ein Vater der Wittwen und Waisen. Die Söhne auswärtiger heidnischer Eltern ließ er monatlich zweimal aus der Schule zu sich kommen und lehrte sie das Wort der Wahrheit. Nachdem sie dann das Siegel des heiligen Geistes[17] empfangen hatten und so des größten aller Vortheile theilhaftig geworden waren, kehrten sie in ihre Heimath zurück und prägten ihre im Verlaufe der Zeit erworbenen guten Sitten später auch ihren Kindern bis auf diese Zeit ein. So erstrahlte die Gnade Christi auch in jenen Gegenden. Dieses aber that er nicht nur zwei oder drei, sondern ganze dreissig Jahre [225] hindurch. Wir haben diese ruhmvollen Werke und Tugenden des Rabbulus als Beweis für die Heiligkeit seines Lehrers erwähnt; denn er hat nicht weniger als Jener gearbeitet. In der That kann ich behaupten, seine Wirksamkeit sei von der Art gewesen, daß sie der des Propheten Elisäus gleichzukommen scheine. Ein Solcher also war dieser neugewonnene Schüler.

Als nun Alexander, der Vater der vernunftbegabten Heerde, erkannte, daß Jener bei seiner trefflichen Gesinnung im Stande sei, den Anderen den Weg zu Christo zu zeigen, und daß die Übrigen in Folge der günstigen Zeitströmung dem Glauben gehorchten, da jubelte er im Geiste, indem er durch die That erfahren hatte, wie dem Glaubenden Alles möglich ist, und wie Gott bereit ist, den ihn Bittenden das Heil zu verleihen. Zugleich überlegte er, was Christus jetzt von ihm verlangen würde. Aber das Volk bot Alles auf, um ihn bei sich zu behalten, weil Alle eine so überaus große Liebe zu ihm hegten, daß sie ihn auch zum Bischof verlangten. Als er Dieß erfuhr, beabsichtigte er die Stadt heimlich zu verlassen. Aber die Einwohner merkten seine Absicht und stellten daher, um nicht Denjenigen zu verlieren, welchen sie als ihren wahren Vater erkannt hatten, Wächter an den Thoren der Stadt auf, welche bei Tag und Nacht seine Flucht verhindern sollten. Als er daher bemerkte, daß ihm die Möglichkeit, aus der Stadt herauszugeben, abgeschnitten sei, wurde er von seinen Schülern bei Nacht, wie einst der selige Paulus, in einem Korbe von der Mauer herabgelassen und verließ auf diese Weise die Stadt.



  1. Da sich die Nachrichten des Biographen Alexanders über die Bekehrung des Rabulas in keiner befriedigenden Weise als Bestätigungen oder Ergänzungen mit dem syrischen Panegyrikus verbinden lassen, so bleibt nichts Anderes übrig, als dieselben anhangsweise vollständig mitzutheilen. Der Verfasser dieser Biographie war ein Schüler Alexanders; er beruft sich wiederholt darauf, daß er die berichteten Ereignisse selbst erlebt oder aus dem Munde Alexanders erfahren habe, einmal auch auf das Zeugniß des Rabulas, ohne jedoch zu erwähnen, ob es in seiner eigenen Gegenwart abgelegt worden sei. Deßhalb sind seine Nachrichten keinenfalls gering zu schätzen, obgleich uns die des syrischen Panegyrikus zuverlässiger scheinen. Wie wir alsbald sehen werden, wäre Rabulas nach seinen Angaben um das Jahr [213] 400 bekehrt worden. — Alexander legte um das Jahr 380 seine hohe militärische oder administrative Würde nieder, vertheilte sein Vermögen unter die Armen und lebte zuerst vier Jahre in einem syrischen Kloster, dann sieben Jahre als Einsiedler. Hierauf widmete er sich der Bekehrung der Heiden, wie in dem obigen Excerpt erzählt wird. Später errichtete er am Euphrat das erste Akömetenkloster, in welchem die in mehreren Abtheilungen sich ablösenden Mönche bei Tag und Nacht ununterbrochen das Officium sangen. Nachdem er hier zwanzig Jahre verweilt hatte, brachte er das letzte Decennium seines Lebens theils auf verschiedenen Reisen, theils in Konstantinopel zu, wo er ein Akömetenkloster gründete und gegen 430 starb. Die Biographie hat sich in einer griechischen Handschrift erhalten, ist aber von den Bollandisten (Acta Sanctorum I, S. 1020-1029) nur in lateinischer Uebersetzung mitgetheilt worden.
  2. Diese ungenannte Stadt muß, wie wir durch den syrischen Panegyrikus erfahren, Kenneschrin sein.
  3. Vgl. Apostelgesch. 14, 14.
  4. Die Handschrift hat hier eine Lücke, zu deren Ausfüllung wir nur so viel ergänzt haben, als aus dem Zusammenhang mit Sicherheit erschlossen werden kann.
  5. Das Manuscript hat hier wieder eine längere Lücke, wodurch die Rede des Rabulas verloren gegangen ist, bis auf ihren Anfang Ut certaminis moderatorem und die später sichtbaren Worte justitiae denuntiem. Das Folgende gehört entweder einer Rede Alexanders an oder der Erzählung seines Biographen, welcher darin auf die Stelle Ephes. 6, 11—17 anspielt.
  6. Röm. 8, 35.
  7. Vor dem Folgenden, welches einer Rede des Rabulas angehört, fehlt wieder eine Stelle in der Handschrift.
  8. Matth. 10, 39.
  9. Mark. 9, 22.
  10. Diese Notiz bietet uns den sichersten Anhaltspunkt für die Zeitbestimmung der Bekehrung des Rabulas. Denn da Rabulas am siebenten August 435 starb, jenes Wunder aber dreissig Jahre, nachdem es geschehen war, erzählte, so kann seine Bekehrung spätestens im Jahre 405 stattgefunden haben. Da jedoch der Natur der Sache nach diese Mittheilung jedenfalls alsbald nach dem Tode Alexanders stattfand, so können wir ein noch genaueres Resultat gewinnen. Denn unserer Biographie zufolge veranlaßte die Bekehrung des Rabulas den hl. Alexander dazu, Kenneschrin zu verlassen; alsdann stand er zwanzig Jahre hindurch dem Akömetenkloster am Euphrat vor, brachte dann in der Wüste wenigstens vier und in Antiochien, wo er von dem Bischof Theodotus verfolgt wurde, wahrscheinlich ein Jahr zu, so daß die fünf noch übrigen Lebensjahre auf seinen konstantinopolitanischen Aufenthalt kommen würden. Da nun Theodot von 416 oder 418 bis 428 Bischof von Antiochien war, so wäre der Tod Alexanders zwischen 421 und 433, die Bekehrung des Rabulas aber zwischen 391 und 403 anzusetzen. Da die Anklage auf Häresie, welche in Konstantinopel gegen Alexander erhoben wurde, wahrscheinlich von Nestorius ausging, andererseits aber keine Andeutung vorliegt, daß er noch das ephesinische Concil und die Absetzung dieses Patriarchen erlebte, so dürfte wohl am sichersten das Jahr 430 für den Tod Alexanders und folglich 400 für die Taufe des Rabulas anzunehmen sein. Diese [219] Zeitbestimmung wäre auch mit Tillemont’s Vermuthung vereinbar, wonach Alexander auf der Synode verurtheilt worden wäre, welche der konstantinopolitanische Patriarch Sisinnius im Jahre 426 gegen die Messalianer hielt, und welcher auch Theodot von Antiochien, dieser alte Feind Alexanders, beiwohnte. Noch ist zu berücksichtigen, daß, als sich Rabulas bekehrte, Eusebius Bischof von Kenneschrin oder Chalcis war. Dieser Eusebius besuchte um 381 den hl. Marcian in dessen Kloster bei Kenneschrin und wohnte im Jahre 382 einem römischen Koncil bei, und zwar beides als Bischof von Chalcis. Nach dem Panegyrikus des Rabulas war er ein Jugendfreund und Mitschüler des Acacius, welcher im Jahr 431 bereits ein Alter von 110 Jahren erreicht hatte; also muß Eusebius selbst um 400 bereits ein achtzigjähriger Greis gewesen sein, so daß die Bekehrung des Rabulas schwerlich später anzusetzen ist.
  11. Dieses Wunder erwähnt auch der syrische Panegyrikus.
  12. Matth. 6, 33.
  13. 1. Sam. 2, 30.
  14. Diogenes.
  15. Die Stadt Edessa war seit uralten Zeiten durch ihre theologischen Schulen berühmt; schon Makarius, der Lehrer des Märtyrers Lucian, soll daselbst die heilige Schrift erklärt haben. Auch in der alten Biographie Ephräm’s wird eine zu Edessa bestehende Schule erwähnt (vgl. meinen Conspectus rei Syrorum literarae, S. 27). In den Akten des Latrocinium Ephesinum (bei Hoffmann, S. 12) werden syrische, armenische und persische Schulen daselbst unterschieden; letztere erlangte bekanntlich eine traurige Berühmtheit als Pflanzstätte des Nestorianismus für Persien. Diese Schulen waren allerdings zunächst theologische Lehranstalten; sie hatten aber, wie aus unserer Stelle hervorgeht, auch Vorbereitungsklassen, in welchen Elementarunterricht und allgemein wissenschaftliche Bildung auch für Nichtkleriker, ja sogar für Nichtchristen (die man aber zu bekehren suchte) ertheilt wurde.
  16. Matth. 10, 25.
  17. Die Taufe und Firmung.