Beschreibung des Oberamts Balingen/Kapitel A 3

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|
Einwohner.


A. Bevölkerungsstatistik.[1]
1. Stand und Bewegung der Bevölkerung im Allgemeinen.

Das jetzige Oberamt Balingen besteht aus den zwei altwürttembergischen Oberämtern Balingen und Ebingen, und den weiteren Orten Margrethausen, Lautlingen, Geislingen, Erlaheim und Unter-Digisheim. Von den letzteren fünf Orten, welche erst 1806 an Württemberg kamen, sind uns keine älteren Bevölkerungszahlen bekannt. Von den beiden württembergischen Oberämtern aber liegt noch die „Seelen-Tabell auf den 1. Januar 1794“ vor, wornach die ortsanwesende Bevölkerung im Oberamt Balingen 15.840, im Oberamt Ebingen, bestehend aus den zwei Orten Ebingen und Bitz, 3961 Seelen betragen hat. Die Bevölkerung der Stadt Ebingen betrug 3519 Einwohner und war auch damals schon bedeutender als die von Balingen, welches nur 2783 Einwohner zählte.

Am 1. November 1812, als das neue Oberamt Balingen zur Landvogtei des oberen Neckars („Département du haut Neckar“)[2] mit dem Sitz in Rottweil gehörte, welche Landvogtei die fünf Oberämter Balingen, Spaichingen, Tuttlingen, Rottweil und Oberndorf umfaßte, zählte dasselbe nach der Übersicht auf S. 68 u. 69 26.605 ortsangehörige und 25.902 ortsanwesende | Einwohner, von welch’ letzteren in der Oberamtsstadt Balingen 2823, in der Stadt Ebingen 3896 Personen sich befanden.

Der Oberamtsbezirk Balingen gehört zu den dichtbevölkerten des Landes, deren relative Bevölkerung das Landesmittel übersteigt; er ist zugleich der dichtest bevölkerte in der natürlichen Bezirksgruppe des Oberen Neckars, bestehend aus den vier Oberämtern Balingen, Spaichingen, Tuttlingen und Rottweil, indem die letzteren drei Oberämter in dieser Beziehung, wie schon früher, so auch bei der neuesten Zählung von 1875, hinter dem Landesmittel zurückstehen, denn die Bevölkerung betrug per Quadratmeile nach der Volkszählung

vom
3. Dez. 18550 0 1. Dez. 1875
im Oberamt Balingen 5177 5893
im Oberamt Rottweil 4630 5053
im Oberamt Spaichingen 4347 4441
im Oberamt Tuttlingen 4301 4660
in Württemberg 4713 5311

Die Dichtigkeit der Bevölkerung ist aber in den einzelnen Theilen des Bezirks eine sehr verschiedene.

Wenn man nemlich die höher über der Meeresfläche gelegenen und vorherrschend dem Gebiet des weißen Jura angehörigen 15 Markungen trennt von den im Gebiet des braunen und schwarzen Jura, also vorzugsweise am Abfall und am Fuße der Alb gelegenen 16 übrigen Gemeinde-Markungen, so zerfällt der Oberamtsbezirk in 2 ungleiche Hälften, wovon die höher gelegene südöstliche auf einer Gesamtfläche von 20.748 ha 20.698 Einwohner, die andere nordwestliche auf 11.441 ha 13.758 Einwohner zählt, so daß dort auf 1 Quadrat-Kilometer 100, hier 120 Einwohner, im ganzen Bezirk aber 107 Einwohner kommen und umgekehrt auf 1 Einwohner in der südöstlichen Hälfte 1 ha, in der nordwestlichen 0,83 und im Oberamt 0,93 ha entfallen.

Daß in dem am Fuß der Alb und schon milder gelegenen Theil des Bezirks im Ganzen eine dichtere Bevölkerung wohnt, kann nicht auffällig erscheinen, wenn man von der landwirthschaftlichen Produktion als hauptsächlicher Grundlage des Erwerbs ausgeht, denn dies verhält sich in den benachbarten Oberämtern Spaichingen, Tuttlingen, Rottweil ebenso.[3] Allein dieser Gegensatz

(Fortsetzung S. 70.)
|
Übersicht über den Stand der Bevölkerung in sämtlichen Gemeinden des Bezirks
und zwar in den Jahren
Num-
mern
im
Staats-
hand-
buch.
Namen der
Gemeinden
1812
1. November
1832
1. Novbr.


Orts-
angehörige
nach der
12jährigen
Zählung
1834
15. Dezbr.

Orts-
anwesende
nach der
Zoll-
vereins-
zählung
1846
3. Dezember.
1852 1855 1871 1875 Flächen-
maß
der
Markungen

ha
3. Dezember. 1. Dezember.
Orts-
angehörige
Orts-
anwesende
Ortsan-
gehörige
nach der
12jährig.
Zählung
Ortsan-
wesende
nach der
Zollvereins-
zählung
Ortsanwesende
nach der
Zollvereinszählung
Ortsanwesende
nach der Zählung
des Deutschen Reichs
01 Balingen 3011 2823 3215 3300 3362 2974 3127 2878 3212 3413 1572
4 Dürrwangen 646 621 711 703 704 627 694 675 573 642 572
6 Endingen 653 641 779 699 839 739 754 565 611 646 556
7 Engstlatt 624 622 761 728 812 793 877 838 848 879 739
8 Erlaheim 571 566 669 636 779 726 675 620 654 641 683
9 Erzingen 561 553 634 589 727 657 664 647 551 561 937
10 Frommern 758 746 835 750 984 916 894 787 764 808 602
11 Geislingen 1210 1108 1492 1470 1627 1485 1441 1372 1621 1659 1309
12 Heselwangen 433 414 556 542 570 488 547 485 574 588 365
14 Laufen, Dorf 671 656 791 802 941 874 872 823 820 838 1003
20 Ostdorf 943 927 1015 974 1057 999 1000 951 993 992 1243
22 Stockenhausen 167 162 192 192 201 179 190 180 200 190 138
23 Streichen 288 284 340 320 399 337 321 317 340 330 274
28 Waldstetten 232 231 289 273 353 320 333 291 288 327 229
29 Weilheim 557 550 694 656 782 782 797 636 648 642 493
31 Zillhausen 582 577 744 657 769 682 639 747 634 602 726
Thalorte 11.907 11.481 13.717 13.291 14.906 13.578 13.825 12.812 13.331 13.758 11.441
2 Bitz 575 571 726 729 904 849 874 904 1059 1058 883
3 Burgfelden 150 149 194 180 221 195 198 203 236 221 273
5 Ebingen 3964 3896 4268 4111 4481 4560 4526 4441 5029 5605 3792
13 Hossingen 356 354 427 425 453 430 392 356 426 412 569
15 Lautlingen 623 598 717 753 850 772 863 720 757 904 1397
16 Margrethausen 237 236 246 234 298 298 312 312 279 328 758
17 Meßstetten 956 922 1036 1065 1188 1107 1130 1045 1317 1374 1911
18 Ober-Digisheim 745 682 935 946 1085 968 911 1073 950 920 983
19 Onstmettingen 1507 1484 1672 1646 1937 1823 1816 1799 2106 2119 2060
21 Pfeffingen 600 597 743 692 922 822 825 829 1001 963 1342
24 Thailfingen 1324 1318 1526 1453 1827 1638 1707 1647 2193 2316 1522
25 Thieringen 874 860 1039 982 1212 1091 1043 966 923 893 1438
26 Truchtelfingen 790 782 857 846 941 895 853 827 894 927 1412
27 Unter-Digisheim 343 335 426 395 542 441 428 418 443 434 720
30 Winterlingen 1654 1637 1716 1655 1947 1878 1940 1916 2086 2224 1688
Bergorte 14.698 14.421 16.528 16.112 18.808 17.767 17.818 17.456 19.699 20.698 20.748
Oberamt 26.605 25.902 30.245 29.403 33.714 31.345 31.643 30.268 33.030 34.456 32.189
| |
(Fortsetzung von S. 67.)

müßte im Oberamt Balingen noch viel stärker hervortreten, wenn nicht hier, in dem höchst gelegenen rauhesten Theil des Bezirks, eine sehr große gewerbliche Bevölkerung sich angehäuft hätte, welche hauptsächlich dazu beiträgt, daß das Oberamt Balingen die übrigen drei Oberämter der natürlichen Bezirksgruppe des Oberen Neckars an Bevölkerungsdichtigkeit bedeutend übertrifft.

Denn die Stadt Ebingen von 5605 Einwohnern, die ihr benachbarten drei großen Ortschaften von mehr als 2000 Einwohnern, Onstmettingen, Thailfingen, Winterlingen, sodann die gleichfalls in der Nähe gelegenen Orte Meßstetten und Bitz von mehr als 1000 Einwohnern, diese 6 Gemeinden zusammen hatten nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1875 eine Einwohnerschaft von 14.696 Personen und damit mehr als der ganze am Abfall und Fuß der Alb gelegene nordwestliche Theil des Bezirks, welcher in 16 Ortschaften nur 13.758 Einwohner zählte, worunter blos zwei volkreichere Gemeinden begriffen sind, die Oberamtsstadt Balingen mit 3413 und das Dorf Geislingen mit 1659 Einwohnern.

Zwar nehmen jene 6 Ortschaften auf ihren ausgedehnten Markungen auch einen großen Flächenraum ein, welcher mit 11.856 ha sogar noch etwas größer ist, als der Flächengehalt sämtlicher am Abfall und Fuß der Alb im Gebiet des braunen und schwarzen Jura sich ausbreitenden 16 Ortsmarkungen mit 11.441 ha. Aber nur die Verbindung der Industrie mit der Landwirthschaft konnte bewirken, daß auf jenen 6 Markungen die Vertheilung des landwirthschaftlichen Grundbesitzes noch weiter geht als im ganzen übrigen Oberamtsbezirk.

Denn unter dem Gesamtareal jener sechs hochgelegenen Markungen mit 11.856 ha sind begriffen

Äcker, Wiesen, Gärten und Länder 51,48 %
Weiden und Waldungen 45,14 %
Areal der Öden, Gewässer, Straßen, Gebäude 3,38 %

Unter dem Gesamtareal aller übrigen Markungen von 20.334 ha sind

Äcker, Wiesen, Gärten und Länder 59,84 %
Weiden, Waldungen 36,73 %
Öden, Gewässer, Straßen, Gebäude 3,43 %

Das Areal der Weiden und Waldungen ist also in jenen 6 Markungen nach der Landesvermessung erheblich bedeutender, als im übrigen Theil des Bezirks.

| Nach der statistischen Aufnahme über die Vertheilung des landwirthschaftlichen Grundbesitzes vom 10. Januar 1873 entfielen ferner vom ganzen aufgenommenen landwirthschaftlichen Areal, worunter übrigens der größte Theil der Weiden nicht begriffen ist,[4]
auf die Wirthschaften von
0–5
ha
5–10
ha
mehr als
10 ha
Im Ganzen (absolute Zahl in ha)
1. in den 6 hochgelegenen und zugleich volkreichen Gemeinden Onstmettingen, Bitz, Winterlingen, Meßstetten, Thailfingen und Ebingen 61,20 24,21 14,59 0.6436,21 je gleich 100
2. in den übrigen 9 im Gebiet des weißen Jura gelegenen Ortschaften 45,21 28,96 25,83 0.4623,49
      Zusammen
A) in der südöstlichen Abtheilung von 15 Gemeinden des Oberamts­bezirks 54,52 26,19 19,29 11.059,70
B) in der nordwestlichen Hälfte des Bezirks bestehend aus 16, dem Gebiet des braunen und schwarzen Jura angehörigen, am Abfall und Fuß der Alb gelegenen Gemeinden 52,68 21,92 25,40 0.7762,75
     im ganzen Oberamt 53,76 24,44 21,80 18.821,75
     in Württemberg 32,99 20,89 46,12

Ganz entsprechend dieser größeren Theilung des Grundbesitzes, welche beim Oberamt Balingen gerade im rauhesten Theile des Bezirks angetroffen wird, erscheint daher in diesem auch eine zahlreichere gewerbliche Bevölkerung. Denn bei der besonderen Auszählung der Bevölkerung vom 1. Dezember 1871 nach Hauptberufs- und Erwerbszweigen wurden gezählt und entfallen von je 100 Einwohnern auf die Hauptberufszweige:

|
A.
Landwirth-
schaft,
Forstwirth-
schaft etc.
B.
Industrie und
Bergbau mit
Bauwesen etc.
C.
Handel und
Verkehr, auch
Wirthschafts-
gewerbe
D.
Dienstleistende
ohne Angabe der
Berufsgruppe
E. Armee und
Kriegsflotte
F. Übrige Berufs-
arten
G. ohne Berufs-
ausübung
 
Personen im
Ganzen in
absoluter Zahl
(=100)
1. in den 6 Gemeinden Bitz, Ebingen, Meßstetten, Onst­mettingen, Thailfingen, und Winterlingen 19,18 68,92 6,09 0,52 5,29 13.731
2. in den übrigen 9 Gemeinden der südöstlichen, im Gebiet des weißen Jura gelegenen Hälfte des Bezirks 33,25 52,36 3,34 5,20 5,85 0.5909
A) in der südöstlichen Hälfte des Bezirks von 15 Gemeinden 23,41 63,94 5,26 1,93 5,46 19.640
B) in der nordwestlichen Hälfte des Bezirks von 16 Gemeinden 30,64 55,49 5,43 1,09 7,35 13.314
Im ganzen Oberamt 26,33 60,52 5,33 1,60 6,22 32.954[5]
| Die relative Anzahl der aus gewerblicher Beschäftigung ihren Unterhalt ziehenden Bevölkerung ist also in jenen 6 hoch gelegenen Gemeinden sehr bedeutend und größer als in den übrigen Theilen des Bezirks. Auch ist sie im Bezirk Balingen größer als in den 3 benachbarten, gleichfalls zur natürlichen Bezirksgruppe des Oberen Neckars gehörigen Oberämtern Spaichingen[6], Tuttlingen, Rottweil, wo sie nur 57,99, 52,42 und 38,00 Prozente der Bevölkerung ausmacht; so daß vermöge der in Ebingen und Umgegend zusammengedrängten Industriebevölkerung nicht nur das Oberamt Balingen gegenüber jenen Nachbarbezirken, sondern auch die ganze Bezirksgruppe des Oberen Neckars bezüglich ihrer zahlreichen, 51,81 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachenden gewerblichen Bevölkerung mit O.Z. 1 gegenüber von allen Landesgegenden voransteht.[7]

Bei der mit der Volkszählung von 1875 verbundenen Gewerbeaufnahme wurden nemlich bei der Stadt Ebingen allein in den kleineren Gewerbebetrieben bis zu 5 Gehilfen 1253, in den größeren mit mehr als 5 Gehilfen 264 beschäftigte Personen gezählt, wovon (die minder zahlreich besetzten Geschäfte ungerechnet) bei jenen 248 auf Schuhmacherei, 167 auf Verfertigung von Strumpfwaaren, 89 auf Brauerei, 72 auf Weißnäherei, 53 auf Bäckerei und Konditorei entfielen; bei diesen 70 auf Sammt- und Manchester-Fabrikation, 80 auf Fabrikation von genähten Korsetten und Roßhaarstoffen und 47 auf Hutfabrikation.

In der Gemeinde Winterlingen sind unter den Betrieben bis zu 5 Gehilfen 86 mit Stickerei, 25 mit Korsetweberei, 24 mit Bierbrauerei, 23 mit Schuhmacherei beschäftigte Personen, und bei den großen Betrieben mit mehr als 5 Gehilfen 193 mit Seidenzwirnerei und 43 mit Korsetweberei beschäftigte gezählt worden.

Wir führen diese Zahlen hier blos an, um ein Bild von der umfassenden gewerblichen Thätigkeit des Bezirks zu geben; denn ähnlich sind die Verhältnisse auch in andern Gemeinden, und von den im südöstlichen Theil des Oberamts gelegenen Bergorten gehören außer Ebingen und Winterlingen namentlich auch | Onstmettingen, Thailfingen, sodann Bitz und Meßstetten hieher, welche alle eine relativ bedeutende gewerbliche Bevölkerung besitzen, endlich unter den Thalorten, außer der Oberamtsstadt Balingen, hauptsächlich Geislingen.

Auch die Metallindustrie (Fabrikation von feinen Waagen und andern mechanischen Instrumenten, von Kupferwaaren sowie Gelb- und Glockengießerei) ist im Oberamtsbezirk von Bedeutung.

Wenn aber in der oben S. 72 beigegebenen Übersicht 60,52 Prozente der Bevölkerung des Oberamts als von gewerblicher Beschäftigung lebend angegeben wurden, so ist dies nicht in dem Sinn zu verstehen, als ob dieser Theil der Bevölkerung ausschließlich hievon seinen Unterhalt ziehe. Denn nach der Aufnahme des Viehstands und Grundbesitzes vom 10. Januar 1873 wurden im Oberamt Balingen 5612 Viehhalter gezählt, welche zugleich Landwirthschaft treiben und von denen somit anzunehmen ist, daß sie zum größten Theil zugleich Haushaltungsvorstände sind. Ferner beträgt nach der hiemit verbundenen Aufnahme des landwirthschaftlichen Grundbesitzes die Anzahl sämtlicher Wirthschaften und Grundbesitzungen im Oberamtsbezirk 7656. Da aber die Zahl sämtlicher Haushaltungen des Oberamtsbezirks nach der für den Stand vom 1. Dezember 1871 vorgenommenen besonderen Auszählung 7930 betrug, also nur unbedeutend größer ist, so geht hieraus unzweifelhaft hervor, daß mit den meisten Haushaltungen und daher auch mit sehr vielen Gewerbebetrieben Viehbesitz und Landwirthschaft verbunden wird, was in Württemberg auf dem Lande fast allgemein gebräuchlich ist.

Weil aber dies als selbstverständlich vorausgesetzt wird, wurde dieser landwirthschaftliche Nebenerwerb bei der Zählung vom 1. Dezember 1871 in der Regel nicht besonders angegeben, vielmehr bei der Frage nach Stand, Beruf und Erwerbszweig von Gewerbsleuten meistens nur die Art des Gewerbebetriebs genannt, und die Landwirthschaft blos von solchen angegeben, welche sie ausschließlich betreiben. Daher erscheinen in obiger Übersicht nur 26,33 % der Bevölkerung als von landwirthschaftlichem Erwerb lebend.

Diese dichte, größtentheils von gewerblicher Beschäftigung und zugleich von Bewirthschaftung eines kleinen Grundbesitzes ihren Unterhalt ziehende Bevölkerung des Bezirks wohnt meistens | in großen geschlossenen Orten und es kommen im Oberamt auf eine Gemeinde durchschnittlich blos 1,90 Parzellen, während das Landesmittel auf 4,30 sich berechnet.

Sie vertheilt sich folgendermaßen über den Bezirk. Es entfallen:

von der ganzen Bevölkerung
des Bezirks,
bestehend aus
auf die höher
gelegene südöstliche
auf die tiefer
gelegene nordwestliche
Hälfte
Gemeinden Einwohner Gemeinden Einwohner
1 Gemeinde von mehr als
5000 Einwohnern,
d. Stadt Ebingen
01 0.5605
1 Gemeinde von 3–5000
Einwohnern, der Stadt
Balingen
- 01 0.3413
3 Gemeinden von 2–3000
Einwohnern
03 0.6659 -
3 Gemeinden von 1–2000
Einwohnern
02 0.2432 01 0.1659
16 Gemeinden v. 500–1000
Einwohnern
05 0.4607 11 0.7839
7 Gemeinden von weniger
als 500 Einwohnern
04 0.1395 03 00.847
31 Gemeinden 15 20.698 16 13.758

Auch hieraus ergibt sich, daß die größeren dichter bevölkerten Ortschaften meist der südöstlichen, die kleineren Orte meist der nordwestlichen Hälfte des Bezirks angehören, wo die Landwirthschaft von größerer Bedeutung ist.

Aber auch hier im unteren Theil des Bezirks geht die Theilung des Grundbesitzes sehr weit, und die Wirthschaften von mehr als 10 ha nehmen nur in der einzigen Gemeinde-Markung Erzingen mehr als die Hälfte des landwirthschaftlichen Areals ein; derselbe unterscheidet sich daher in der Hauptsache nur dadurch von dem oberen Bezirk, daß der ausschließliche Betrieb der Landwirthschaft etwas häufiger, die Verbindung mit gewerblicher Thätigkeit aber weniger häufig vorkommt.

| Deßhalb zeigt sich auch kein großer Unterschied in der Zusammensetzung der Haushaltungen. Nach der mit der Volkszählung von 1871 verbundenen Auszählung der Bevölkerung nach Familienverhältnis sind nemlich begriffen:
unter 100 Haus-
haltungen
im süd-
östl. Theil
im nord-
westl. Theil
im ganzen
Oberamt
in
Württemberg
solche mit 1 Person 06,11 08,89 07,26 07,49
solche mit 2–5 Personen 68,58 68,33 68,48 62,47
solche mit 6 und mehr Personen 25,31 22,78 24,26 30,04
Absolute Gesamtzahl der
Haushaltungen (=100)
4646 3284 7930 397.636

und wenn man von der ganzen Bevölkerung ausgeht, so entfallen:

im Oberamt
Balingen
in der Bezirks-
gruppe des
Oberen Neckars
in
Württemberg
a) solche, welche zu den Haushaltungen
     von 1–5 Personen gehören
58,02 54,69 49,26
b) Angehörige der Haushaltungen
     von 6 und mehr Personen
41,98 45,31 50,74
Absolute Bevölkerungszahl (= 100) 33.030 106.907 1.818.479[8].

Die Zahl der größeren Haushaltungen von 6 und mehr Personen und ihrer Angehörigen steht also erheblich hinter dem Landesmittel zurück, ist aber im südöstlichen höher gelegenen, gewerbereicheren Theil des Bezirks noch beträchtlicher als in den Thalorten, und zwar hauptsächlich wegen der größeren Anzahl von Kindern die zu einer Haushaltung gehören, wie aus folgender Zahlenreihe hervorgeht. Denn nach derselben Zählung entfallen auf 100 Haushaltungen

|
im süd-
östlichen
im nord-
westlichen
im
Oberamt
in
Württemberg
Theil des Bezirks
1. Vorstände und zwar
     a) Eheleute
154,84 142,75 149,84 148,34
     b) sonst. Haushaltungsvorstände 022,99 028,87 025,42 024,99
2. Kinder 200,71 185,69 194,49 182,47
3. Dienstboten 009,32 012,52 010,64 028,27
4. Gehilfen und Lehrlinge 006,26 006,97 006,56 025,67
5. Verwandte, Gäste und
     sonstige Hausgenossen
029,88 029,14 029,57 042,60
     somit
6. Pers. im Ganzen
424,00 405,94 416,52 452,34
Die absolute Gesamtzahl
dieser Personen beträgt
19.699 13.331 33.030 1.798.644.[9]

Im südöstlichen gewerbereicheren Theil des Bezirks wurden somit viel mehr Eheleute und Kinder gezählt, als im nordwestlichen, und die betreffenden Verhältniszahlen überschreiten auch das Landesmittel sehr beträchtlich, während diejenigen Haushaltungsgenossen, welche gewöhnlich in Gegenden mit vorherrschender landwirthschaftlicher Produktion in starker Anzahl auftreten, nemlich Dienstboten, Gehilfen und Lehrlinge,[10] in beiden Hälften des Oberamtsbezirks weit hinter dem Landesmittel zurückbleiben, und zwar im südöstlichen noch mehr als im nordwestlichen.

Die große Kinderzahl, welche sich 1871 im südöstlichen höher gelegenen Theil des Bezirks vorfand, welche aber auch in der unteren Hälfte des Bezirks nicht gering ist, indem sie hier gleichfalls das Landesmittel überschreitet, deutet darauf hin, daß derselbe zur Vermehrung seiner Bevölkerung geneigt ist. Auch die früheren Untersuchungen bestätigen es, daß das Oberamt | Balingen zu denjenigen Oberämtern gehört, welche wenigstens einen höheren natürlichen Volkszuwachs, wenn auch nicht eine bedeutende wirkliche Vermehrung der Bevölkerung aufweisen. [11]

Der natürliche Zuwachs durch den Überschuß der Geborenen über die Gestorbenen ist aber auch nach den seit 1871 bestehenden neuen Erhebungen über die Bewegung der Bevölkerung bedeutend, und zwar im oberen Bezirk noch mehr als im unteren (vergl. unten S. 99), und ebenso berechnet sich die wirkliche Vermehrung der Bevölkerung für den ganzen Zeitraum von 1812/75 für jenen etwas höher, als für diesen.

Unter Zugrundlegung der oben vorangestellten Zahlen der ortsanwesenden Bevölkerung in dem Zeitraum 1812/75 ergibt sich nemlich eine Bevölkerungs-Zunahme beziehungsweise Abnahme von:

A. in der
südöstlichen
B. in der
nordwestlichen
C. im ganzen
Oberamt
Hälfte d. Oberamtsbezirks
jährlich jährlich jährlich
1. in der Periode 1812/52,
den Stand von 1812 gleich 100 angenommen
+0,59 % +0,51 % +0,55 %
2. in der Periode 1852/55,
den Stand v. 1852 = 100 gesetzt
−0,68 % −2,44 % −1,45 %
3. in der Periode 1855/71,
den Stand v. 1855 = 100 gesetzt
+0,80 % +0,25 % +0,57 %
4. in der Periode 1871/75,
den Stand v. 1871 = 100 gesetzt
+1,27 % +0,80 % +1,08 %
5. in der Periode 1812/75,
den Stand v. 1812 = 100 gesetzt
+0,69 % +0,31 % +0,52 %

Die Vermehrung der Bevölkerung ist also in den seit der Wiedererrichtung des Deutschen Reichs verflossenen 4 Jahren 1871/75 am bedeutendsten, wozu die Freiheit der Niederlassung und die Aufhebung der polizeilichen Hindernisse der Eheschließung, sowie die zu Anfang des vorigen Jahrzehnts im Allgemeinen günstigen wirthschaftlichen Verhältnisse das Meiste beigetragen haben mögen.

| Auch in den 16 Jahren 1855/71 hat dieselbe zugenommen, die jährliche Zunahme beträgt aber nicht viel mehr als diejenige der 40jährigen Periode 1812/52, wogegen die Abnahme in der 3jährigen Periode von 1852/55 mit 1,45 % eine das Landesmittel mit 1,22 etwas übersteigende war[12], woraus hervorgeht, daß der allgemeine wirthschaftliche Nothstand, in Folge dessen in den Jahren 1851/53 auf je 275 Einwohner dieses Oberamtsbezirks 1 Gantfall kam, damals auch hier seine volle Wirkung geäußert hat. – Dabei ist zugleich ersichtlich, daß jene Bevölkerungsabnahme in dem höher gelegenen, gewerbereicheren, südöstlichen Theil des Bezirks mit 0,68 per Jahr eine viel geringere war, als in dem mehr auf die landwirthschaftliche Produktion verwiesenen nordwestlichen Theil, wo sie sich auf 2,44 % belief, ohne Zweifel weil derselbe von der, in Folge der allgemein verbreiteten Kleinwirthschaft, über das Land hereingebrochenen wirthschaftlichen Kalamität härter betroffen wurde [13]. Da nun andererseits auch die Bevölkerungs-Zunahme hier in allen Perioden als eine geringere erscheint als in der südöstlichen Hälfte des Bezirks, so dürfte dies bei der im ganzen Bezirk bestehenden weitgehenden Theilung des Grundbesitzes dafür sprechen, daß derjenige Bevölkerungstheil, welcher mit der Landwirthschaft mehr gewerbliche Beschäftigung verbindet, noch einen gedeihlicheren Nahrungsstand findet, als derjenige, welcher seinen Unterhalt vorzugsweise aus der Bewirthschaftung eines kleinen Grundbesitzes zieht.

Im Ganzen hat sich die Bevölkerung des Oberamts in dem 63jährigen Zeitraum von 1812 bis 1875 um 33,02 oder per Jahr um 0,52 % vermehrt und bei Fortdauer dieses Zuwachses würde sich die Bevölkerung schon in 134 Jahren verdoppeln. Wie diese Vermehrung als Resultat des Verlaufs der Eheschließungen, Geburten, Todesfälle und Wanderungen sich ergeben habe, soll nun nach Möglichkeit in den folgenden Abschnitten aufgezeigt werden, und ist hier nur noch Einiges bezüglich der Vertheilung der Bevölkerung nach dem Glaubensbekenntnis vorauszuschicken.

| Es wurden gezählt:
Einwohner Evan-
gelisch
luthe-
risch
Refor-
mirte
Katho-
liken
Von
anderen
christ-
lichen
Bekennt-
nissen
Israe-
liten
von
andern
Reli-
gionen
Im
Ganzen
Im J. 1812 Ortsangehörige 23.552 16 3009 28 26.605
Im J. 1832 Ortsangehörige 26.615 31 3592 07 30.245

Evangelische
Im J. 1846 Ortsangehörige
29.571
4138 01 04 33.714
Im J. 1858 Ortsangehörige
30.587
4076 07 04 34.674
Im J. 1871 Ortsanwesende
28.914
4075 26 11 4 33.030
Im J. 1875 Ortsanwesende
29.592
4774 78 12 34.456

Es ist hervorzuheben, daß, mit Ausnahme jener Eingangs bezeichneten, erst 1806 württembergisch gewordenen 5 Gemeinden, der ganze Bezirk evangelisch ist; und innerhalb der Bezirksgruppe des Oberen Neckars, bestehend aus den 4 Oberämtern Balingen, Spaichingen, Tuttlingen, Rottweil, steht das Oberamt Balingen in dieser Beziehung dem Oberamtsbezirk Spaichingen gegenüber, welches unter diesen verhältnismäßig die meisten Katholiken zählt. Nach Prozenten vertheilte sich 1875 die Bevölkerung auf die verschiedenen Glaubensbekenntnisse so, daß unter je 100 Ortsanwesenden begriffen waren:

Evan-
gelische
Katho-
lische
andere
christliche
Konfessionen
Israe-
liten
von
anderen
Religionen
im OA. Balingen 85,88 13,86 0,23 0,03
im OA. Spaichingen 09,68 90,29 0,03

Beide Bezirke gehören aber zu denjenigen, welche sehr wenige Israeliten zählen.


2. Eheschließungen insbesondere.
In den 20 Jahren 1838/57 wurden im Oberamtsbezirk 4503 Paare getraut und zwar 4038 von der evangelischen und | 465 von der katholischen Kirche. Unter den ersteren sind 45, unter den letzteren blos 8 gemischte Ehen und unter der ganzen Zahl von 53 gemischten Ehen sind 29, bei denen der Bräutigam evangelisch, und 24 bei denen er katholisch war. Hinsichtlich des Civilstandes vertheilen sich die Trauungen folgendermaßen:

Unter ihrer Gesamtzahl waren

Trauungen von a) mit
Jungfrauen
b) mit
Witwen
c) mit
geschied.
Frauen
Zu-
sammen
1. Junggesellen 3510 153 28 3691
2. Witwern 0591 150 17 0758
3. geschiedenen Männern 0045 007 02 0054
4146 310 47 .4503.

Was die Frequenz der Trauungen anbelangt, so war diese nach der Übersicht auf S. 82 mit Ausnahme der ersten 8 Jahre von 1838/45 in jener 20jährigen Periode, in welcher die Gründung neuer Familien auch bei der landwirthschaftlichen Bevölkerung noch leichter gieng[14], in der nordwestlichen Hälfte durchaus geringer, als in der höher gelegenen und gewerbreicheren südöstlichen Hälfte des Oberamts.

Zugleich ist hieraus auch ersichtlich, daß die Abnahme der Zahl der Eheschließungen von 1846/55 zufolge des allgemeinen wirthschaftlichen Nothstandes jener Zeit in den Thalorten noch größer war, als in den Bergorten, und umgekehrt beim Eintritt günstigerer Zeitverhältnisse die Zunahme in den letzteren wieder stärker als in den ersteren.

Aber nicht nur weniger häufig sind die Eheschließungen in den Thalorten, sondern sie treten im allgemeinen auch später ein. Der zwischen Bezirken mit vorherrschendem landwirthschaftlichen Charakter und mit bedeutender gewerblicher Bevölkerung bestehende Gegensatz, daß die Ehen in der letzteren frühzeitiger abgeschlossen werden,[15] läßt sich also hier sogar innerhalb

(Fortsetzung S. 83.)
|
Übersicht über die Frequenz der Trauungen in den Jahren 1838/57.
Es beträgt I. in der 8jährigen
Periode von 1838/45
die durchschnitt-
liche Zahl der
II. in der 10jährigen
Periode von 1846/55
die durchschnitt-
liche Zahl der
III. in den 2 Jahren
1856 und 1857
die durchschnitt-
liche Zahl der
IV. in der 20jährigen
Periode 1838/57
die durchschnitt-
liche Zahl der
Trau-
ungen
ortsan-
wesenden
Einwohner
Trau-
ungen
auf je
1000 Ein-
wohner
Trau-
ungen
ortsan-
wesenden
Einwohner
Trau-
ungen
auf je
1000 Ein-
wohner
Trau-
ungen
ortsan-
wesenden
Einwohner
Trau-
ungen
auf je
1000 Ein-
wohner
Trau-
ungen
ortsan-
wesenden
Einwohner
Trau-
ungen
auf je
1000 Ein-
wohner
in der nordwestlichen
Hälfte des Bezirks
oder in den 16 Thalorten
115 13.639 8,43 78 13.455 5,80 93 12.883 7,22 94 13.473 6,98
in den 15 Bergorten oder
in der südöstlichen Hälfte
des Bezirks
142 17.360 8,18 120 17.772 6,75 144 17.968 8,01 131 17.611 7,44
im Oberamt Balingen 257 30.999 8,29 198 31.227 6,34 237 30.851 7,68 225 31.084 7,24
in Württemberg 12.737 1.663.026 7,66 10.436 1.691.849 6,17 10.267 1.676.780 6,12 11.339 1.647.956 6,88
|
(Fortsetzung von S. 81.)

desselben Bezirks aufzeigen. Denn die Prozentzahl der Trauungen, bei welchen

a) der Bräutigam alt war
betrug weniger
als volle
25 Jahre
25 bis
mit 30
Jahre
30 bis
mit 40
Jahre
Über
40 Jahre
1. in der nordwestlichen Abtheilung des Bezirks
oder in den 16 Thalorten
10,76 48,73 28,95 11,56
2. in der südöstlichen Abtheilung
oder in den 15 Bergorten
14,90 52,66 21,67 10,77
im Oberamt Balingen 13,17 51,01 24,72 11,10
im Oberamt Mergentheim 05,04 35,61 42,21 17,14

b) die Braut alt war
betrug weniger
als volle
20 Jahre
20 bis
mit 25
Jahre
25 bis
mit 30
Jahre
Über
30 Jahre
1. in der nordwestl. Hälfte des Bezirks,
bestehend aus den 16 Thalorten
6,63 36,85 32,61 23,91
2. in der südöstlichen Hälfte,
bestehend aus den 15 Bergorten
6,76 39,28 32,10 21,86
im Oberamt Balingen 6,71 38,26 32,31 22,72
im Oberamt Mergentheim 3,04 24,81 34,86 37,30

Die höheren Prozentzahlen für die jüngeren Brautleute bis zu 30 Jahren sind also durchgängig auf Seiten der Bergorte, die höheren für die älteren Brautleute auf Seiten der Thalorte.

Das Oberamt im Ganzen aber verhält sich vermöge seiner zahlreichen gewerblichen Bevölkerung zu dem vorzugsweise landwirthschaftlichen Oberamtsbezirk Mergentheim, wie die jüngst herausgegebene Beschreibung des letzteren zeigt, ganz ebenso; denn Balingen weist beträchtlich höhere Prozentzahlen jüngerer Brautleute auf als jenes Oberamt, in welchem umgekehrt die älteren viel stärker vertreten sind.

| Im Allgemeinen erscheint auch die Zahl der Trauungen in der Periode 1838/57 mit 7,24 auf 1000 Einwohner als eine hohe, das Landesmittel von 6,88 pro 1000 namhaft übersteigende; auch übertrifft sie die Frequenz der Trauungen im Oberamt Mergentheim mit 7,02 pro 1000. Für die spätere Zeit von 1858–1870 fehlt eine ausführliche Trauungsstatistik. Doch können aus den bei der Auszählung der Bevölkerung nach dem Lebensalter in den Jahren 1861, 1867, 1871 und 1875 gemachten Erhebungen folgende Verhältniszahlen über die Frequenz der Trauungen und das Lebensalter der Verheirathung vorgemerkt werden:
Es berechnete sich: für das Oberamt
Balingen
für Württemberg
bei den
männl. weibl. männl. weibl.
Personen Personen
1. das Lebensalter der mittleren
     Verheirathungs-Wahrscheinlichkeit
a) nach der Zählung v. 1861 auf Jahre 28 28 31 29
b) nach der Zählung v. 1867 auf Jahre 28 27 30 29
c) nach der Zählung v. 1871 auf Jahre 27 26 30 28
d) nach der Zählung v. 1875 auf Jahre 27 25 28 26
2. die Zahl der Verheiratheten und
     der verheirathet Gewesenen
     unter je 1000 Einwohnern
a) nach d. Zählung v. 1861 auf Personen 419 375
b) nach d. Zählung v. 1867 auf Personen 436 384
c) nach d. Zählung v. 1871 auf Personen 442 396
d) nach d. Zählung v. 1875 auf Personen 441,5 406,5
3. die Zahl der verheiratheten männlichen
     und weiblichen Personen unter je
     100 Einwohnern von 25–30 Jahren
a) nach der Zählung von 1861 auf 51 52 31,3 44,7
b) nach der Zählung von 1867 auf 54 53 33,5 46,7
c) nach der Zählung von 1871 auf 62 61 39,5 52,0
d) nach der Zählung von 1875 auf 58,5 64,7 44,3 58,5
4. die Zahl der unverheiratheten männlichen
     und weiblichen Personen
     unter je 100 Einw. von 40–45 Jahren
a) nach der Zählung von 1861 auf 7 11 12,2 17,4
b) nach der Zählung von 1867 auf 6 13 15,9 21,1
c) nach der Zählung von 1871 auf 6 13 13,6 20,6
d) nach der Zählung von 1875 auf 6,3 14,0 11,1 17,6
| Hieraus geht hervor, daß seit 1861 wie in Württemberg überhaupt, so namentlich im Oberamtsbezirk Balingen die relative Anzahl der Verheiratheten erheblich zu, die der Unverheiratheten abgenommen hat und daß das Lebensalter der mittleren Verheirathungswahrscheinlichkeit ein früheres geworden ist. Vergleicht man die Zahlen für das Oberamt Balingen mit denen vom Oberamt Mergentheim (s. die Beschreibung dieses Oberamts, Stuttgart 1880 S. 91) so ist namentlich der große Unterschied in der relativen Anzahl der verheiratheten 25–30jährigen Personen auffallend, welche im Oberamt Mergentheim bei sämtlichen 4 Zählungen hinter dem Landesmittel zurücksteht. Da aber die Verhältniszahlen des Oberamts Balingen in allen diesen Beziehungen das Landesmittel namhaft übersteigen, so muß natürlich damals in unserem Bezirk auch eine erhebliche Zunahme der Anzahl der Geborenen hiemit verbunden gewesen sein.

Nach der seit 1871 aufgenommenen Statistik der Eheschließungen berechnet sich die Zahl dieser auf je 1000 Einwohner pro 71/78

im jährlichen Durchschnitt für Württemberg auf 9,10
für die natürliche Bezirksgruppe des Oberen Neckars auf 8,27
für das Oberamt Balingen auf 8,39.

In Folge der Anfangs der 1870er Jahre eingetretenen günstigen wirthschaftlichen Verhältnisse hat sich bei gleichzeitiger Aufhebung der polizeilichen Beschränkungen der Eheschließung und Gestattung freier Niederlassung die Zahl der Eheschließungen also noch bedeutend vermehrt. Die Verhältniszahlen für die Bezirksgruppe des Oberen Neckars stehen jedoch hinter dem Landesmittel zurück. Seit Eintritt der wirthschaftlichen Krisis in den Jahren 1876–78 ist nemlich die Zahl der Eheschließungen wie überhaupt, so auch im Oberamt Balingen und in der Bezirksgruppe des Oberen Neckars wieder ziemlich geringer geworden als pro 71/75.

Auch für die Zeit von 1871/78 berechnet sich die Häufigkeit der Eheschließungen im südöstlichen gewerbreicheren Theil des Oberamts etwas höher als im nordwestlichen, denn es entfallen auf je 1000 Einwohner dort 8,56 hier 8,12 Eheschließungen; ebenso ist die Prozentzahl der jüngeren Brautleute in den Bergorten eine größere als in den Thalorten, denn es entfallen auf je 100 Trauungen solche bei denen

|
der Bräutigam die Braut
alt war
unter
30 Jahr
30 und
mehr
Jahre
unter
25 Jahre
25 und
mehr
Jahre
1. in der nordwestlichen Hälfte des Bezirks,
     bestehend aus den 16 Thalorten
61,30 38,70 38,24 61,76
2. in der südöstlichen Hälfte des Oberamts,
     bestehend aus den 15 Bergorten
67,56 32,44 47,08 52,92
Im Oberamtsbezirk Balingen 65,13 34,87 43,66 56,34

Die neue Ehestatistik stimmt also hierin mit der älteren überein.


3. Geburten.

Nach den im I. Heft des Jahrgangs 1874 der Württemb. Jahrbücher S. 6 bis 17 enthaltenen Tabellen und der auf S. 172 gegebenen Übersicht über den Gang der Bevölkerung in der Periode 1812/66 erscheint die Verhältniszahl der Geborenen zur Bevölkerung im Oberamtsbezirk Balingen für diese Zeitperiode, gleichwie die Verhältniszahl der Eheschließungen (vergl. oben S. 82) pro 1838/57 etwas höher als das Landesmittel und auch höher als in den übrigen 3 Oberämtern der natürlichen Bezirksgruppe des Oberen Neckars. Das Verhältnis der Geborenen einschließlich der Todtgeborenen zur Bevölkerung berechnet sich nemlich für diese und für die neuere Zeit folgendermaßen:

für die
Periode
in
Württemberg
in der Bezirksgruppe
des
Oberen Neckars
im Oberamt
Balingen
1812/66 1 : 25,18 = 3,97 % 1 : 25,30 = 3,95 % 1 : 24,78 = 4,04 %
1867/70 4,35 % 4,50 % 4,74 %
1871/78 4,59 % 4,43 % 4,50 %
| Auch für die 3 Jahre 1867/70 ist die Verhältniszahl größer als diejenige für das Land und für jene Bezirksgruppe, während sie in den Jahren 1871/78, entsprechend den Verhältniszahlen über die Eheschließungen (s. S. 85), im Oberamt Balingen hinter dem Landesmittel zurückbleibt und noch mehr in der ganzen Bezirksgruppe des Oberen Neckars. Was die einzelnen Zeitabschnitte der Periode 1812/66 anbelangt, so war auch schon von 1846/56, in Folge des damals eingetretenen wirthschaftlichen Nothstandes, eine erhebliche Abnahme der Zahl der Geborenen im Oberamtsbezirk Balingen bemerklich, worauf aber, beim Eintritt günstigerer Verhältnisse, von 1858/66 auch wieder eine starke Zunahme eingetreten ist.

Die Fruchtbarkeit des weiblichen Geschlechts steht beim Oberamt Balingen in beiden Perioden, von 1846/56 und von 1871/78, unter dem Landesmittel und ist nur etwas größer als in der Bezirksgruppe des Oberen Neckars, denn die Zahl der Geborenen verhält sich zu der Zahl der über 14 Jahre alten weiblichen Personen

in
Württemberg
in der Bezirksgruppe
des
Oberen Neckars
im Oberamt
Balingen
a) in der Periode 1846/56 wie 1 : 9,39 1 : 9,50 1 : 9,47
b) in der Periode 1871/78 wie 1 : 7,71 1 : 8,03 1 : 8,00

In Betreff der unehelich Geborenen war das Oberamt Balingen in der Periode 1812/52 bei O.Z. 42 und der Verhältniszahl von 1 unehelich Geborenen auf 9,59 Geborene überhaupt, oder von 10,43 %, unter den Bezirken mit mäßiger Zahl unehelicher Geburten. Auch in den folgenden 10 Jahren von 1853/62 wird das Oberamt nur einmal unter denjenigen Bezirken aufgeführt, welche am meisten uneheliche Geburten aufweisen, und zwar im Jahr 1854/55 mit 17,29 % [16] aller Geborenen.

Nach den neueren statistischen Erhebungen von 1871/78 kommen auf 100 Geborene nur 8,59 uneheliche; ihre Anzahl | hat also etwas abgenommen, ohne Zweifel auch in Folge der Aufhebung der früheren polizeilichen Beschränkungen der Eheschließung.

Über das Geschlecht der Geborenen geben die folgenden Zahlenreihen Aufschluß:

Auf 100 weiblich Geborene entfallen männlich Geborene:

in der Periode in
Württemberg
im Oberamt
Balingen
O.Z.
1842–52 106,28 104,69 52
1846–56 106,31 105,02 46
1871–78 105,26 105,74

Der Knabenüberschuß steht also für die beiden ersten Perioden etwas unter dem Landesmittel, gleichwie in dem benachbarten Oberamt Tuttlingen, während der Knabenüberschuß in den weiteren 2 Bezirken der natürlichen Bezirksgruppe des Oberen Neckars das Landesmittel übertrifft,[17] und namentlich im Oberamt Spaichingen pro 1812/52 mit 109,58 sehr bedeutend ist.

Nach den Erhebungen pro 1871/78 übertrifft der Knabenüberschuß des Oberamts Balingen gleichwie bei den benachbarten Oberämtern Tuttlingen und Spaichingen, wo er 105,46 und 109,53 ausmacht, das Landesmittel, während der Knabenüberschuß des Oberamts Rottweil mit 103,75 männlich Geborenen auf 100 weiblich Geborene erheblich hinter dem Landesmittel zurücksteht. Der Knabenüberschuß ist auch verschieden bei den ehelich und unehelich Geborenen, denn es entfallen:

1. Auf 100 ehelich weiblich Geborene ehelich männlich Geborene
in der
Periode
in
Württemberg
in den Oberämtern
Balingen Spaichingen Tuttlingen Rottweil
1842–52 106,51 104,63 109,42 103,64 107,97
1871–78 105,45 106,53 110,16 104,93 103,54
|
2. Auf 100 unehelich weiblich Geborene unehelich männlich Geborene
in der
Periode
in
Württemberg
in den Oberämtern
Balingen Spaichingen Tuttlingen Rottweil
1842–52 104,57 105,09 111,20 113,14 097,94
1871–78 103,33 097,73 099,43 113,17 106,15

Bei den ehelich Geborenen erscheint somit in den Oberämtern Balingen und Spaichingen pro 1871/78, und in letzterem auch pro 1842/52, verglichen mit dem Landesmittel, ein starker Knabenüberschuß. Dabei ist aber auffallend, daß bei den unehelich Geborenen pro 1871/78 ein Überschuß von Mädchen erscheint, während pro 1842/52 in denselben Bezirken der Knabenüberschuß bei den unehelichen noch stärker war als bei den ehelich Geborenen.

Auch im Oberamt Tuttlingen ist in beiden Perioden der Knabenüberschuß bei den unehelich Geborenen bedeutend größer als bei den ehelich Geborenen; und beim Oberamt Rottweil erscheint pro 1871/78 bei den unehelich Geborenen wieder ein Knabenüberschuß, während pro 1842/52, wo bei den ehelich Geborenen ein starker Knabenüberschuß erschien, die Zahl der unehelich geborenen Knaben hinter der Zahl solcher Mädchen zurückblieb.

Indem sich aber für ganz Württemberg der Knabenüberschuß bei den unehelich Geborenen in beiden Perioden geringer herausstellt, als bei den ehelich Geborenen, erscheint dieses Verhältnis in den 4 Oberamtsbezirken des Oberen Neckars hienach schwankend und unsicher.

| Unter 100 Geborenen waren Todtgeborene:
in den
Perioden
in
Württemberg
in der Bezirks-
gruppe des
Oberen Neckars
im Oberamt
Balingen
1846–56 4,07 3,11 3,78
1871–78 3,78 2,55 3,30
ferner waren unter 100 Geburten Mehrlingsgeburten
1846–56 1,29 1,33 1,24
und unter 100 Geborenen solche von Mehrlingsgeburten
1871–78 2,71 2,58 2,46

Weitere relative und absolute Zahlen über Anzahl und Verlauf der Geburten sind für die Periode 1846/56 im Jahrgang 1856 der Württembergischen Jahrbücher II S. 84 ff. und in den Medizinalberichten für die Jahre 1873/75 und 76 enthalten, abgedruckt im Jahrgang 1877 II S. 192 und 1879 I Bd. 2. Hälfte S. 252 der Württembergischen Jahrbücher.


4. Todesfälle.

Das Verhältnis der Gestorbenen (incl. Todtgeborene) zur Bevölkerung berechnet sich:

in
Württemberg
in der Bezirks-
gruppe des
Oberen Neckars
im Oberamt
Balingen
in der Periode 1812 bis 66 wie 1 : 31,52 = 3,17 % 1:32,90 = 3,04 % 1 : 31,62 = 3,16 %
in den 4 Jahren 1867 bis 70 auf 3,33 % 3,34 % 3,57 %
in den 8 Jahren 1871 bis 78 auf 3,34 % 3,28 % 3,27 %
| Die Sterblichkeitsziffer war somit in der Periode 1812/66 zwar etwas geringer als im Landesmittel aber, wie die Geburtsziffer, höher als in den benachbarten 3 Oberamtsbezirken (s. oben S. 86). Ebenso überstieg sie in den 4 Jahren 1867/70, entsprechend der hohen Geburtsziffer, das Landesmittel sowohl als das der Bezirksgruppe des Oberen Neckars beträchtlich; von 1871/78 dagegen ist dieselbe, gleichwie die Geburtsziffer, geringer als das Landesmittel und bleibt sogar hinter dem Mittel der Bezirksgruppe des Oberen Neckars etwas zurück.

Die S. 86 und 90 aufgeführten relativ höheren Geburts- und geringeren Sterblichkeits-Ziffern bewirken daher, daß auch der natürliche Volkszuwachs für die Jahre 1812/70 das Landesmittel übersteigt und von 1871/78 nur wenig hinter demselben zurückbleibt. (Vergl. unten S. 99). Hinsichtlich des Geschlechts der Gestorbenen ergeben sich folgende Verhältniszahlen:

Auf 100 weiblich Gestorbene incl. Todtgeborene kommen männlich Gestorbene:

in der
Periode
in
Württemberg
in der Bezirks-
gruppe des
Oberen Neckars
im Oberamt
Balingen
1842/52 104,66 102,95 105,76
1846/56 103,08 098,10 097,57
1871/78 108,12 106,08 109,44

Die größere Sterblichkeit beim männlichen Geschlecht in der Periode 1871/78 erklärt sich aus der Steigerung der Geburtenzahl in dieser Zeit und dem damit verbundenen größeren Knabenüberschuß, welcher in den ersten Lebensjahren wieder weggerafft wurde. (vergl. oben S. 88.)

Nach den im Jahrgang 1862 der Württembergischen Jahrbücher zu S. 145 des I. Heftes veröffentlichten Tabellen über die Sterblichkeit in der Periode 1. Juli 1846/56 entfallen von 100 Gestorbenen incl. Todtgeborene auf die Monate:

|
April
bis
Juni
Juli
bis
September
Oktober
bis
Dezember
Januar
bis
März
in Württemberg 23,63 24,16 24,76 27,45
in der Bezirksgruppe des
Oberen Neckars
22,61 25,84 25,49 26,05
im Oberamt Balingen 23,26 25,77 24,40 26,57

Die größere Sterblichkeit kommt somit im Oberamt Balingen, wie in der Bezirksgruppe des Oberen Neckars, auf die Sommer- und Wintermonate, während sie im Durchschnitt des Landes auf die Herbst- und Wintermonate fällt.

Auf je 100.000 Einwohner kommen ferner:

in
Württemberg
in der Bezirks-
gruppe des
Oberen Neckars
im Oberamt
Balingen
A. Unglücksfälle
in der Periode 1846 bis 56 25,83 21,53 33,46
in den 4 Jahren 1873 bis 76
nach dem Medizinalbericht[18]
26,50 16,31 21,50
B. Selbstmorde
in der Periode 1846 bis 56 10,79 10,91 14,09
in den 4 Jahren 1873 bis 76 16,75 18,06 23,50

Hienach erscheint gegenüber der Periode 1846/56 in den 4 Jahren 1873/76 eine bedeutend höhere Verhältniszahl von Selbstmorden.

| Von 100 Gestorbenen excl. Todtgeborene haben in dem Zeitraum 1. Juli 1846/56
in
Württemberg
in der Bezirks-
gruppe des
Oberen Neckars
im Oberamt
Balingen
1. ärztliche Hilfe genossen 45,36 36,86 34,18
2. keine solche genossen 54,64 63,14 65,82

Das Oberamt Balingen sowohl als die ganze Bezirksgruppe des Oberen Neckars stand hiemit bezüglich der Beiziehung ärztlicher Hilfe weit hinter dem Landesmittel zurück.

Unter 100 Gestorbenen excl. Todtgeborene standen ferner im Durchschnitt der 10 Jahre 1846–56

im
1.
im
2.–7.
im
8.–14.
im
15.–20.
im
21.–45.
im
46.–70.
über d.
70.
Lebensjahre
in Württemberg 42,18 09,99 2,39 1,91 10,83 20,69 12,01
in der Bezirksgruppe
des Ob. Neckars
38,84 13,05 3,22 2,39 11,11 19,59 11,80
im Oberamt Balingen 40,24 11,95 3,27 2,46 10,59 18,98 12,51

Die Sterblichkeit des Oberamtsbezirks Balingen steht also, nach Prozenten der Gestorbenen gerechnet, im ersten Lebensjahr etwas unter, in den folgenden Jahren aber bis zum 20. etwas über dem Landesmittel, die Sterblichkeit vom 21. bis 70. sodann steht wieder unter, und die der nach dem 70. Jahr Gestorbenen etwas über dem Landesmittel.

In der Bezirksgruppe des Oberen Neckars ist die Sterblichkeitsziffer fürs erste Lebensjahr gleichfalls unter, ebenso die der 46–70 und über 70 Jahre alten, während für alle anderen Altersklassen von 2 bis 45 Jahr eine höhere Sterblichkeitsziffer zu Tage tritt.

| Im Ganzen steht also der etwas geringeren Sterblichkeit des ersten Lebensjahrs in der Periode 1846/56 eine größere in den folgenden Altersklassen bis zum 20. beziehungsweise 45. Jahr gegenüber, was zum Theil aus der Zeit des allgemeinen Nothstandes der 1850er Jahre zu erklären ist, welcher eine Abnahme der Geburtenzahl verbunden mit größerer Sterblichkeit zur Folge hatte.

Die Prozentzahl der im ersten Lebensjahr gestorbenen Lebendgeborenen berechnet sich:

in
Württemberg
in der Bezirks-
gruppe des
Oberen Neckars
im Oberamt
Balingen
für die Periode 1812 bis 66 33,99 31,35 32,46
für die Periode 1871 bis 78 31,90 32,11 31,86
Die Prozentzahl der im 2–15.
Lebensjahr gestorb.
Lebendgeborenen betrug
von 1871–78
09,14 10,17 10,49

Die Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahr ist somit im Oberamtsbezirk Balingen, wie sich schon für die Periode 1812 bis 66 herausgestellt hat, eine solche, welche etwas hinter dem Landesmittel zurückbleibt, und pro 1871/78 bleibt sie auch unter dem Mittel der Bezirksgruppe des Oberen Neckars. Dafür überschreitet in letzterer Periode die Sterblichkeit vom 2.–15. Lebensjahr sowohl das Landesmittel als das der Bezirksgruppe des Oberen Neckars.

Die Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahr ist übrigens in den einzelnen Ortschaften des Oberamtsbezirks sehr verschieden, wie aus der Übersicht auf S. 96 u. 97 hervorgeht, welche die Bewegung der Bevölkerung in dem Zeitraum 1871/78 für alle einzelnen Gemeinden und für die Berg- und Thalorte besonders darstellt.

| Hienach bewegt sie sich zwischen 44,34 Prozent aller Lebendgeborenen in der Gemeinde Winterlingen und 19,12 % in der Gemeinde Hossingen. Beide Orte haben eine sehr hohe Lage von 787 und 896 Meter über der Meeresfläche.

Diese bewegt sich bei den 31 Ortschaften des Bezirks zwischen 517 und 910 Meter.

Es ist also hieraus und überhaupt aus der Vergleichung der Höhenlagen und der Prozentzahlen über Kindersterblichkeit ein Einfluß der ersteren auf die letztere im Oberamtsbezirk Balingen ebensowenig zu erkennen, als in den übrigen drei zur Bezirksgruppe des Oberen Neckars gehörigen Oberämtern, welchen die höchst gelegenen Theile der Schwäbischen Alb angehören.[19]

Denn auch die Gemeinden Meßstetten und Burgfelden, welchen mit 906 und 910 Meter die höchste Erhebung über die Meeresfläche im Bezirk zukommt, zeigen eine sehr verschiedene Kindersterblichkeit von 20,31 und 33,88 %, und die Stadt Balingen hat bei der geringsten Erhebung von 517 Meter eine hohe Kindersterblichkeit von 33,83 %.

Unter 12 Gemeinden des Bezirks mit größerer, das Bezirksmittel überschreitender Kindersterblichkeit von über 31,86 % gehören sieben, nemlich Thailfingen, Truchtelfingen, Ebingen, Winterlingen, Burgfelden, Pfeffingen und Lautlingen mit zusammen 13.160 Einwohnern (nach der Zählung von 1875 vergl. oben S. 68) der oberen, südöstlichen Hälfte des Bezirks oder den Bergorten an, 5 dagegen mit 7360 Einwohnern, und zwar Laufen, Dürrwangen, Frommern, Balingen, Geislingen, der unteren nordwestlichen Hälfte oder den Thalorten. In den Bergorten, welche alle zusammen 20.698 Einwohner zählen, ist also bei 63,58 % ihrer Bevölkerung, in den Thalorten mit zusammen 13.758 Einwohnern, nur bei 53,50 % ihrer Bevölkerung eine verhältnismäßig große Kindersterblichkeit anzutreffen. Aus diesem Grunde ist in den Bergorten, nach der hinten angehängten Tabelle, die Kindersterblichkeit mit 32,69 % auch im Ganzen etwas höher, als in den Thalorten bei 30,41 %. Unter jenen 12 Gemeinden mit großer Kindersterblichkeit sind hauptsächlich solche mit zahlreicher Bevölkerung, viel Gewerbfleiß und weitgehender Theilung des Grundbesitzes begriffen, wie Ebingen, Thailfingen,

(Fortsetzung S. 98.)
|
Übersicht über die Bewegung der Bevölkerung in den Gemeinden des Oberamtsbezirks Balingen
nach den Aufnahmen für die Jahre 1871–1878.

[Teil 1]

Num-
mer im
Staats-
hand-
buch
Namen der
Gemeinden
Erhe-
bung
über
die
Meeres-
fläche
O.-Z. Durch-
schnitt-
liche
Ein-
wohner-
zahl
Es beträgt die durchschnittliche
Anzahl der
Trau-
ungen
Gebo-
renen
inkl.
Todtge-
borene
Todt-
gebo-
renen
Lebend-
gebo-
renen
Gestor-
benen
inkl.
Todtge-
borene
im 1.
Lebensjahr
gestorbenen
Lebendge-
borenen
1 2
 Meter 
3 4 5 6 7 8 9
01 Balingen 517 31 3312,5 24,38 129,63 4,00 125,63 99,75 42,50
4 Dürrwangen 579 21 607,5 6,63 28,25 0,63 27,62 21,13 10,25
6 Endingen 542 29 628,5 4,38 23,38 1,13 22,25 20,88 6,13
7 Engstlatt 521 30 863,5 7,13 36,50 1,13 35,37 21,63 7,75
8 Erlaheim 576 22 647,5 4,00 19,88 0,25 19,63 17,25 4,50
9 Erzingen 570 24 5560, 4,25 23,63 0,75 22,88 18,50 6,00
10 Frommern 563 26 7860, 8,75 42,88 2,75 40,13 32,13 16,50
11 Geislingen 561 27 16400, 12,75 65,88 0,50 65,38 47,88 22,88
12 Heselwangen 570 25 5810, 5,38 26,75 1,50 25,25 16,38 7,50
14 Laufen 615 18 8290, 7,63 39,13 1,00 38,13 26,50 14,00
20 Ostdorf 544 28 992,5 8,25 30,38 0,75 29,63 24,38 7,25
22 Stockenhausen ca 590 20 1950, 0,25 9,13 0,38 8,75 7,13 2,50
23 Streichen ca 699 15 3350, 2,50 14,50 0,50 14,00 7,25 2,75
28 Waldstetten ca 575 23 307,5 1,50 15,88 0,25 15,63 7,75 3,25
29 Weilheim 605 19 6450, 7,38 28,13 0,63 27,50 16,38 6,13
31 Zillhausen 643 17 6180, 4,38 22,38 0,88 21,50 15,00 4,13
Thalorte
(im Gebiet des schwarzen
und braunen Jura)
13.544,5 109,50
auf 1000
Ew. 8,12
556,25 17,00 539,25 399,88 164,00
21 Bitz 883 4 1058,5 6,88 45,25 1,88 43,37 31,75 10,00
3 Burgfelden 910 1 228,5 1,38 7,38 7,38 7,25 2,50
5 Ebingen 729 13 53170, 51,13 250,25 11,13 239,12 202,63 91,38
13 Hossingen 896 3 4190, 3,38 14,88 0,50 14,38 10,25 2,75
15 Lautlingen 678 16 830,5 7,88 37,38 0,75 36,63 30,75 14,38
16 Margrethausen 701 14 303,5 2,88 18,50 0,88 17,62 9,63 4,50
17 Meßstetten 906 2 1345,5 8,75 57,63 2,25 55,38 39,75 11,25
18 Ob.-Digisheim 776 8 9350, 9,13 41,25 0,75 40,50 25,25 8,75
19 Onstmettingen 812 5 2112,5 14,75 81,75 3,88 77,87 53,25 18,38
21 Pfeffingen 764 10 9820, 8,75 54,13 0,88 53,25 36,00 18,50
24 Thailfingen 770 9 2254,5 19,13 135,38 2,88 132,50 90,38 43,13
25 Thieringen 806 6 9080, 8,75 39,63 1,38 38,25 23,88 10,13
26 Truchtelfingen 753 11 910,5 6,63 43,25 1,75 41,50 32,25 13,50
27 Unt.-Digisheim 750 12 438,5 3,75 18,38 0,50 17,88 11,63 4,25
30 Winterlingen 787 7 21550, 20,25 117,63 3,75 113,88 99,75 50,50
Bergorte
(im Gebiet des
weißen Jura)
20.198,5 173,38
auf 1000
Ew. 8,56
962,63 33,13 929,50 704,38 303,88
Im Oberamt 33.7430, 282,88
auf 1000
Ew. 8,39
1518,88 50,13 1468,75 1104,25 467,88
| [Teil 2]
Namen der
Gemeinden
Es kommen auf 100 Einwohner Es kommen im ersten
Lebensjahre Gestorbene
Geborene
inklus. Todt-
geborene
O.-Z. Gestorbene
inklus. Todt-
geborene
O.-Z. mehr Ge-
borene
als Ge-
storbene
O.-Z. auf 100
Lebend-
geborene
O.-Z. auf 100
Gestorbene
exklus.
Todt-
geborene
O.-Z.
10 11 12 13 14
Balingen 3,91 24 3,01 17 0,90 25 33,83 22 44,39 19
Dürrwangen 4,65 11 3,48 23 1,17 19 37,11 27 50,00 25
Endingen 3,72 26 3,32 21 0,40 30 27,55 17 31,04 6
Engstlatt 4,23 21 2,50 5 1,73 9 21,91 7 37,80 13
Erlaheim 3,07 30 2,66 11 0,41 29 22,92 9 26,47 1
Erzingen 4,25 20 3,33 22 0,92 23 26,22 15 33,80 8
Frommern 5,46 5 4,09 30 1,37 13 41,12 30 56,16 31
Geislingen 4,02 23 2,92 14 1,10 21 35,00 25 48,29 23
Heselwangen 4,60 12 2,82 13 1,78 7 29,70 19 50,40 26
Laufen 4,72 8 3,20 20 1,52 12 36,72 26 54,90 30
Ostdorf 3,06 31 2,46 4 0,60 28 24,47 13 30,68 5
Stockenhausen 4,68 10 3,66 25 1,02 22 28,57 18 37,04 11
Streichen 4,33 17 2,16 1 2,17 3 19,64 3 40,74 16
Waldstetten 5,16 6 2,52 7 2,64 2 20,79 5 43,33 17
Weilheim 4,36 16 2,54 8 1,82 6 22,29 8 38,92 15
Zillhausen 3,62 27 2,43 2 1,19 18 19,21 2 29,25 3
Thalorte 4,11 2,95 1,16 30,41 42,83
Bitz 4,27 19 3,00 16 1,27 16 23,06 10 33,48 7
Burgfelden 3,23 29 3,17 18 0,06 31 33,88 23 34,48 9
Ebingen 4,71 9 3,81 28 0,90 24 38,22 28 47,72 21
Hossingen 3,55 28 2,45 3 1,10 20 19,12 1 28,21 2
Lautlingen 4,50 13 3,70 27 0,80 27 39,26 29 47,93 22
Margrethausen 6,10 1 3,17 19 2,93 1 25,54 14 51,43 27
Meßstetten 4,28 18 2,95 15 1,33 15 20,31 4 30,00 4
Ob.-Digisheim 4,41 14 2,70 12 1,71 10 21,60 6 35,71 10
Onstmettingen 3,87 25 2,52 6 1,35 14 23,60 11 37,23 12
Pfeffingen 5,51 3 3,67 26 1,84 5 34,74 24 52,68 29
Thailfingen 6,00 2 4,01 29 1,99 4 32,55 21 49,29 24
Thieringen 4,36 15 2,63 9 1,73 8 26,48 16 45,02 20
Truchtelfingen 4,75 7 3,54 24 1,21 17 32,55 20 44,26 18
Unt.-Digisheim 4,19 22 2,65 10 1,54 11 23,77 12 38,19 14
Winterlingen 5,46 4 4,63 31 0,83 26 44,34 31 52,60 28
Bergorte 4,77 3,49 1,28 32,69 45,27
Im Oberamt 4,50 3,27 1,23 31,86 44,39
|
(Fortsetzung von S. 95.)

Winterlingen, Balingen, Geislingen, dagegen zeigen einige andere der größeren gewerbsamen Ortschaften, nemlich Onstmettingen und Meßstetten, bei gleichfalls schon weitgehender Theilung eine namhaft geringere Kindersterblichkeit von blos 23,60 und 20,31 %, zugleich aber auch eine geringere Geburtenzahl.

Es muß daher bei den uns zu Gebot stehenden statistischen Ziffern derzeit noch dahin gestellt bleiben, ob und in welcher Weise Beschäftigung und Lebensart in den einzelnen Gemeinden einen nachtheiligen Einfluß auf Pflege und Auferziehung der Neugeborenen durch die Mütter ausüben. Nach dem uns vorliegenden Jahresbericht des Oberamtsphysikats für 1867 finden übrigens die Säuglinge in vielen Fällen durch den Mangel an Muttermilch einen frühzeitigen Tod.

Indessen ist aus der beigegebenen Tabelle über die Bewegung der Bevölkerung in den einzelnen Gemeinden des Bezirks während der Periode 1871/78 soviel zu erkennen, daß unter den 12 Gemeinden mit bedeutender, das Bezirksmittel von 31,86 % übersteigender Kindersterblichkeit sieben begriffen sind, welche innerhalb der Ordnungsziffern 2–9 eine das Bezirksmittel von 4,50 % erheblich übersteigende Anzahl Geborener von 4,71 bis 6,00 auf 100 Einwohner aufweisen, sodann zwei, welche bei O.-Z. 11 und 13 eine mittelmäßige Prozentzahl von 4,65 und 4,50 zeigen, und drei, welchen bei O.-Z. 23, 24 und 29 eine geringe Zahl Geborener von 4,02, 3,91 und 3,23 % zukommt. Es zeigt sich also auch hier, daß eine größere Kindersterblichkeit meistens entweder von sehr hohen oder von sehr niederen Geburtsziffern begleitet ist. (Vergl. die jüngst herausgegebene Beschreibung des Oberamts Mergentheim S. 100).

Auch die Gesamtsterblichkeit ist in den Orten des Bezirks mit größerer Kindersterblichkeit von über 31,86 % natürlich eine hohe, das Bezirksmittel von 3,27 % übersteigende, und bewegt sich bei 8 Ortschaften, innerhalb der O.-Z. 23–31, zwischen 3,48 und 4,63 %, so daß nur 4 Orte mit einer geringeren Sterblichkeit von 2,92 bis 3,20 % (bei O.-Z. 14–20) sich vorfinden.

|
5. Der natürliche Zuwachs durch den Überschuß der Geborenen über die Gestorbenen und die wirkliche Zunahme.

Die meisten dieser Gemeinden mit großer Kindersterblichkeit nemlich acht von zwölf haben daher auch einen geringeren, unter dem Bezirksmittel von 1,23 zurückbleibenden natürlichen Volkszuwachs, wogegen jedoch die weiteren vier theils einen hohen theils einen mittleren Geburtenüberschuß aufweisen.

Obgleich aber die höhere Kindersterblichkeit in den Bergorten noch mehr vorwiegt (s. oben S. 95) als in den Thalorten, so bewirken die hohen Geburtsziffern dennoch, daß die Bergorte oder die südöstliche Abtheilung des Bezirks, bei höherer Kindersterblichkeit und höherer Sterblichkeit überhaupt, noch einen größeren Überschuß von Geborenen oder einen größeren natürlichen Volkszuwachs haben, als die Thalorte oder die nordwestliche Hälfte des Bezirks mit ihren geringeren Geburts- und Sterblichkeitsziffern. Derselbe beträgt nemlich auf 100 Einwohner:

in
Württemberg
in der Bezirks-
gruppe des
Oberen Neckars
im Oberamt Balingen und zwar
a. in der
südöstlichen
b. in der
nordwestlichen
c. im
ganzen
Oberamt
Hälfte des Bezirks
in der Periode
1812–66
0,81 0,92 0,90
1866–70 1,02 1,16 1,16
1871–78 1,25 1,15 1,28 1,16 1,23
Durchschnitt
pro 1812–78
0,88 0,96 1,00 0,91 0,96

Wird nemlich angenommen, daß das Verhältnis beider Abtheilungen des Oberamtsbezirks zueinander in Beziehung auf den Geburtenüberschuß in der Zeit von 1812/70 dasselbe gewesen sei wie pro 1871/78, was auch der oben S. 78 berechneten größeren wirklichen Vermehrung der Bevölkerung im südöstlichen Theil entspricht, so erscheint ein durchschnittlicher natürlicher Zuwachs auf 100 Einwohner pro 1812/78

für die südöstl.0 0für die nordwestl. für den
Oberamtsbezirk
Abtheilung des Bezirks
von ⇒ 1,00 0,91 0,96
| Vergleicht man sodann hiemit den Durchschnitt der wirklichen Vermehrung für die Periode 1812/75, welcher nach oben S. 78 beträgt
0,69 0,31 0,52,

so ergibt sich ein Abmangel am Geburtenüberschuß von

0,31 0,60 0,44.

Auf je 10.000 Einwohner sind also 31, bezw. 60 und 44 Personen vom Geburtenüberschuß der Bevölkerung des Bezirks nicht zugewachsen, oder bei den Bergorten haben 31 %, von den Thalorten 60 % und im ganzen Oberamt 44 % des Geburtenüberschusses die Bevölkerung anderer Oberämter oder anderer Länder vermehrt, was bezüglich des ganzen Bezirks mit der früher angestellten Berechnung im Jahrgang 1874 der Württemb. Jahrbücher I S. 199 für die Periode von 1812/67 nahe übereinstimmt.

Die Auswanderung war namentlich in der Periode 1843/52 beträchtlich, so daß der Oberamtsbezirk damals bei 1 Auswanderer auf 259 Einwohner und O.-Z. 20 der großen Mehrzahl der übrigen Bezirke voranstand.

Auch hienach also scheinen, wie oben S. 99 schon bemerkt worden ist, in dem gewerbsameren südöstlichen Theil des Bezirks oder in den Bergorten die Bedingungen zu Unterbringung des zahlreichen Nachwuchses an Bevölkerung noch eher vorhanden zu sein, als in der nordwestlichen Hälfte desselben oder in den Thalorten, deren Bevölkerung bei weitgehender Theilung des Grundbesitzes ihren Unterhalt noch mehr aus dem Ertrag der Landwirthschaft zieht.


6. Weitere Angaben über Alter und Geschlecht der Bevölkerung und besondere Gebrechen.

Es ist natürlich, daß die Eigenthümlichkeit der Bewegung der Bevölkerung auf die Vertheilung derselben unter die einzelnen Altersklassen einwirkt. Bezirke und Länder, welche einen großen natürlichen Volkszuwachs erzeugen unter Bedingungen, welche nicht gestatten, denselben ganz im Lande selbst unterzubringen, wie es in Württemberg der Fall ist, zeigen meistens bei größerer Anfüllung der jüngeren Altersklassen eine numerische Schwäche der Klassen des mittleren, produktiven Lebensalters und zwar bei gleichzeitigem Vorherrschen des weiblichen Geschlechts, wie im Jahrgang 1876 der Württemb. Jahrbücher IV. H. S. 140 näher nachgewiesen ist.

|
Auf je 10.000 Einwohner entfallen nach den Zählungen vom
3. Dezember 1861 1. Dezember 1871 1. Dezember 1875
Personen im
Oberamt
Balingen
in
Württem-
berg
Personen im
Oberamt
Balingen
in
Württem-
berg
Personen im
Oberamt
Balingen
in der
Bezirks-
gruppe des
Ob. Neckars
in
Württem-
berg
im
Alter
von
Jahren
geboren
in den
Jahren
im
Alter
von
Jahren
geboren
in den
Jahren
im
Alter
von
Jahren
geboren
in den
Jahren
01–05 1861–57 1413 1261 01–05 1871–67 1334 1259 01–05 1875–71 1389 1339 1334
06–10 1856–52 890 939 06–10 1866–62 1164 1088 06–10 1870–66 1219 1206 1145
11–15 1851–47 980 1028 11–15 1861–57 1066 962 11–15 1865–61 1027 1043 982
3283 3228 3564 3309 3635 3588 3461
16–20 1846–42 1044 1090 16–20 1856–52 720 807 16–20 1860–56 841 851 856
21–25 1841–37 836 910 21–25 1851–47 686 849 21–25 1855–51 522 543 721
26–30 1836–32 690 718 26–30 1846–42 768 818 26–30 1850–46 689 682 752
31–40 1831–22 1197 1244 31–40 1841–32 1368 1359 31–40 1845–36 1442 1425 1426
3767 3962 3542 3833 3494 3501 3755
41–50 1821–12 1088 1100 41–50 1831–22 1013 1055 41–50 1835–26 1051 1071 1031
51–60 1811–02 975 944 51–60 1821–12 882 889 51–60 1825–16 864 893 864
61–70 01–1792 576 535 61–70 1811–02 673 643 61–70 1815–06 613 628 600
71–80 1791–82 256 199 71–80 01–1792 274 233 71–80 05–1796 290 271 252
81–90 1781–72 54 31 81–90 1791–82 48 37 81–90 1795–86 52 47 36
über 90 71 u. früher 1 1 über 90 81 u. früher 4 1 über 90 85 u. früher 1 1 1
2950 2810 2894 2858 2871 2911 2784
10.000 10.000 10.000 10.000 10.000 10.000 10000
| Sowohl bei der Zählung von 1875 als bei der von 1871 waren die Altersklassen vom 1–15 Jahr im Oberamt Balingen stärker angefüllt als in ganz Württemberg. Dagegen ist dies nicht der Fall bei den 6–15jährigen der Zählung von 1861 oder bei den 47–56 Geborenen, wozu die geringe Zahl der Geborenen in der Zeit des allgemeinen Nothstandes der 1850er Jahre das Meiste beigetragen haben wird.

Umgekehrt bleibt bei den 16–40jährigen die numerische Stärke der Altersklassen hinter dem Landesmittel zurück, mit Ausnahme der 31–40jährigen bei den Zählungen von 1871 und 1875, oder der 1832–41 beziehungsweise 1836–45 Geborenen, auf deren besonders große Anzahl schon im Jahrgang 1876 IV S. 157 hingewiesen worden ist[20].

Die Altersklassen der über 40jährigen aber sind meistens wieder zahlreicher als im Landesmittel.

Theilt man die gesamte Bevölkerung in 2 Hälften, so daß auf der einen Seite die Klassen des jugendlichen, noch nicht produktiven Alters von 1 bis 20 Jahren mit den Klassen des nicht mehr produktiven Alters von über 60 Jahren, den produktiven Klassen des gereiften und mittleren Alters von 21 bis 60 Jahren gegenübergestellt werden, so sind unter 100 Personen

im Oberamtsbezirk
Balingen
in Württem-
berg
produktive 0 0unproduktive0 0produktive 0 0unproduktive0
nach der Zählung von 1861       48 52 49 51
nach der Zählung von 1871 47 53 ,049,7 ,050,3
nach der Zählung von 1875 46 54 48 52

Im Oberamt Balingen überwiegen also die Personen in den nicht produktiven Altersklassen bei sämtlichen 3 Zählungen von 1861, 1871 und 1875 mehr als im ganzen Land, auch ist das Übergewicht derselben seit 1861 stets größer geworden. Die Last, welche der im produktiven Alter stehenden Bevölkerung durch Auferziehung der Jugend und Pflege des Alters auferlegt wird, ist aber um so größer, je mehr in diesen Altersklassen das weibliche Geschlecht vorwiegt, und dieß ist leider bei den produktiven Altersklassen des Oberamts Balingen entschieden der Fall. Denn es kommen auf 100 männliche Personen weibliche:

|
im Oberamtsbezirk
Balingen
in Württemberg
bei den
produktiven nicht
produktiven
produktiven nicht
produktiven
Altersklassen von Altersklassen von
21–60
Jahren
0–20 u.
über 60
Jahren
21–60
Jahren
0–20 u.
über 60
Jahren
nach der Zählung von
     1861
119,20 105,99 110,43 104,63
     1871 121,90 101,11 111,34 103,70
     1875 119,32 102,97 110,86 104,22

Überhaupt ist der Oberamtsbezirk Balingen einer derjenigen, in welchen das weibliche Geschlecht sehr stark vorwiegt, denn nach den 7 Zählungen der ortsanwesenden Bevölkerung, welche in dem Zeitraum 1855 bis 1875 stattgefunden haben, verhält sich die Zahl der männlichen Personen zu der der weiblichen durchschnittlich wie 100: 112[21].

Was schließlich die Verbreitung besonderer Gebrechen unter der Bevölkerung anbelangt, so wurden gezählt:

im Oberamt
Balingen
im Schwarz-
waldkreis
in Württem-
berg
auf je Einwohner
a) bei der Aufnahme von 1853[22]
 1 Irre 1133 0976 0943
 1 Kretine 1405 0482 1887
     somit 1 Geisteskranker 0627 0323 0320
b) bei der Aufnahme von 1875[23]
 1 Irre 0581 0469 0465
 1 Idiot 0495 0405 0482
     somit 1 Geisteskranker 0267 0217 0237
c) bei der Aufnahme von 1853
 1 Taubstummer 0836 0814 0962
 1 Blinder 0780 1221 1194
| Somit erscheint, wie im ganzen Land und Schwarzwaldkreis, auch im Oberamtsbezirk Balingen bei der Zählung von 1875 eine beträchtliche größere Verhältniszahl Geisteskranker als nach der Aufnahme von 1853.


B. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.
I. Physisches.[24]

Die Bevölkerung des Oberamts Balingen gehört ihrem Grundstock nach dem alemannischen Volksstamm an (s. u.).

Die Hauptbeschäftigungen der Einwohner sind Ackerbau, Viehzucht, Gewerbe und Handel. Die Oberamtsstadt Balingen mit dem benachbarten Geislingen ist namentlich durch seine bedeutende Schuhfabrikation auch außerhalb der Grenzen des Landes bekannt, während das gewerbsame Ebingen mit seiner Umgebung besonders in Webereien verschiedener Art Bedeutendes leistet. Weithin geschätzt sind auch die mechanischen Werkstätten in Ebingen und Onstmettingen, aus denen insbesondere feinere Gewichtswaagen, speziell Apothekerwaagen, hervorgehen. In mehreren Gemeinden, wie Ebingen, Thailfingen, Pfeffingen, Winterlingen, Weilheim und Waldstetten, befinden sich Korsettfabriken. Bierbrauereien sind viele im Bezirk, namentlich in Balingen und Ebingen. Der weibliche Theil der Bevölkerung beschäftigt sich vielfach – namentlich zur Winterszeit – mit Sticken, sowie Nähen von Handschuhen, Frauenschuhen und Flanellhemden für die verschiedenen Fabriken. Im Übrigen wird meist Kleingewerbe für die örtlichen Bedürfnisse, gewöhnlich neben der Landwirthschaft, getrieben. Nach einer Berechnung vom Jahre 1871 [25] kommen mit Einschluß der Haushaltungsangehörigen auf:

1) Land- und Forstwirthschaft: 0,4004 Männer, 0,4673 Frauen, zus. 0,8677
2) Industrie u. Bauwesen 0,9681 Män 10.265 Fra zus. 19.946
3) Handel und Verkehr 00,824 Män 00,932 Fra zus. 0,1756
4) Dienstleistende ohne Angabe der Berufsgruppe 00,239 Män 00,285 Fra zus. 00,524
5) Alle übrigen Berufsarten 00,681 Män 00,803 Fra zus. 0,1484
6) Personen ohne Berufsausübung 000,87 Män 00,478 Fra zus. 00,565
15.516 Männer, 17.436 Frauen, zus. 32.952
| Die Bevölkerung des Bezirks ist ein kräftiger, ausdauernder und arbeitsamer Menschenschlag, einfach in seiner Lebensweise und genügsam in seiner Verköstigung. Die Hauptnahrung besteht in Kartoffeln, Sauerkraut, Brot, Milch und geräuchertem Schweinefleisch. Getrunken wird beinahe ausschließlich Bier, Most und Branntwein, nur selten und wenig Wein. Dabei befinden sich die Leute im Allgemeinen wohl, erfreuen sich durchschnittlich einer guten Gesundheit und erreichen vielfach ein hohes Alter. Die Männer sind kräftig und wohlgestaltet, nicht weniger auch die Frauen, unter welchen nicht selten schöne, oft edle Gesichtsbildung überrascht.

Was die Militärtüchtigkeit der Jugend anbelangt, so ergab eine Zusammenstellung aus den 12 Jahren von 1853 bis 1864[26], daß von 100 Pflichtigen

50,48 tüchtig,
44,53 wegen Gebrechen untüchtig,
03,59 unter dem Meß

waren und nimmt mit diesem Ergebnis Balingen in Bezug auf die Tüchtigkeit unter den 17 Oberämtern des Schwarzwaldkreises die 4te, unter sämmtlichen 64 Oberämtern des Landes die 26te Stelle ein.

Nach der Prozentzahl der unter dem Meß (5′ 5″) Gefundenen weisen im Schwarzwaldkreis 7, im ganzen Lande 29 Oberämter günstigere Verhältnisse auf als Balingen.

Rechnet man nach der Prozentzahl die Untüchtigen wegen Gebrechen, so haben im Schwarzwaldkreise nur 2 (Reutlingen und Nürtingen), im ganzen Lande 26 Oberämter günstigere Zahlen als Balingen.

| Der ganze Schwarzwaldkreis hat nach dem Ergebnis der genannten 12 Jahre unter 100 Rekruten
45,90 Tüchtige,
54,01 Untüchtige,
03,97 unter’m Meß,

so daß also Balingen 4,58 % mehr Tüchtige, 9,49 % weniger Untüchtige, 0,38 % weniger unter dem Meß Gefundene hat, als der Schwarzwaldkreis.

Ganz Württemberg endlich hat unter 100 Pflichtigen

48,61 Tüchtige,
51,17 Untüchtige,
04,26 unter dem Meß,

woraus sich ergibt, daß Balingen 1,87 % mehr Tüchtige, 6,65 % weniger Untüchtige und 0,67 % weniger Pflichtige unter dem Meß hat, als die Durchschnittszahlen des ganzen Landes betragen.

Über die Geburts- und Sterblichkeitsverhältnisse der einzelnen Gemeinden, sowie des ganzen Bezirks dürften die Tabellen auf S. 108–111, welche aus den 10 Jahren von 1866–1875 incl. zusammengestellt sind, die beste Übersicht gewähren. Aus denselben ergibt sich, daß im Oberamt durchschnittlich jährlich 1509,5 Kinder geboren wurden und daß die Zahl der Geborenen im Verhältnis zur Zahl der Einwohner 4,63 % beträgt. Am meisten Kinder wurden geboren in Thailfingen mit 5,79 %, die wenigsten in Erlaheim mit 3,20 %.

Die Zahl der Gestorbenen betrug jährlich durchschnittlich 1099,2 oder 3,37 % und schwankte zwischen 4,46 (Winterlingen) und 2,53 % (Erlaheim.)

Daraus folgt, daß im ganzen Oberamt jährlich 410,3 Personen mehr geboren wurden als starben, somit kamen auf 100 Einwohner 1,25 mehr Geburten als Todesfälle, die günstigsten Verhältnisse zeigte hier Margrethausen mit 2,48, die ungünstigsten Burgfelden mit 0,12. Künstlich entbunden wurden jährlich im ganzen Bezirk 98,3 Frauen oder 6,60 % aller Gebärenden, am meisten in Balingen mit 17,60 %, am wenigsten in Pfeffingen mit 1,12 %.

Zwillingsgeburten kamen in allen Gemeinden vor mit Ausnahme von Burgfelden und Stockenhausen und betragen dieselben 1,36 % aller vorgekommenen Geburten; am meisten kamen vor in Unter-Digisheim mit 4,84 %. Drillinge wurden | in den 10 Berechnungsjahren nur einmal geboren und zwar in Meßstetten.

Unter 1509,5 Kindern wurden im ganzen Oberamt durchschnittlich 772,9 Knaben oder 51,20 % und 736,6 Mädchen oder 48,80 %, also 2,40 % mehr Knaben geboren als Mädchen. Ein umgekehrtes Verhältnis zeigten nur die Gemeinden Heselwangen, Margrethausen, Ostdorf, Truchtelfingen, Weilheim und Winterlingen, in welchen mehr Mädchen als Knaben geboren wurden.

Todtgeboren wurden durchschnittlich jährlich 51,7 Kinder oder 3,42 %, am wenigsten in Margrethausen mit 0,67 %, am meisten in Frommern mit 5,85 %.

Was die durchschnittliche Zahl der im ersten Lebensjahre gestorbenen Kinder anbelangt, so beläuft sich dieselbe jährlich auf 497,8 und folgt daraus, daß von 100 lebend geborenen Kindern jährlich 34,14 sterben. Vergleicht man die Zahl der im ersten Lebensjahre Verstorbenen mit der Zahl der Gestorbenen überhaupt, so ergibt sich das Resultat, daß unter 100 Gestorbenen sich 45,27 Kinder befinden, welche in ihrem ersten Lebensjahre gestorben sind. Es dürfte diese hohe Kindersterblichkeit weniger darin ihren Grund haben, daß im Bezirke dem Säugungsgeschäfte zu wenig Rechnung getragen wird, da eine Durchschnittsberechnung von 10 Jahren ergab, daß von sämmtlichen Gebärenden annähernd 80 % ihre Kinder stillten, vielmehr liegt der Grund in dem Mangel an Pflege und Diät in kranken und gesunden Tagen, wobei Unverstand und Aberglaube noch ihre schönsten Blüten treiben. (Vgl. übrigens oben S. 98 Abs. 2.)

Daß die Bewohner des Bezirks häufig ein hohes Alter erreichen, beweist die Thatsache, daß unter den jährlich Gestorbenen nicht weniger als 130,6, also 11,8 %, siebenzig Jahre und darüber alt geworden sind. Darunter befinden sich durchschnittlich jährlich 23 Personen, welche ein Alter von 80 Jahren und darüber erreicht haben, und dürfte die Seltenheit hier nicht unerwähnt bleiben, daß gegenwärtig in Balingen eine Frau lebt, die ihren 100. Geburtstag bereits überschritten hat und körperlich und geistig verhältnismäßig noch sehr rüstig ist.

Die Zahl der Todtgeborenen betrug jährlich 4,70 % sämmtlicher Gestorbenen; die meisten Todtgeborenen hatte Engstlatt mit 8,33 %, die wenigsten Burgfelden mit 1,21 %.

(Fortsetzung S. 112.)
|
Gemeinde. Durch-
schnitt-
liche
Ein
wohner-
Zahl
Geburtsverhältnisse.
In dem Zeitraum vom 1. Januar 1866 bis
31. Dezember 1875 war die durchschnittliche
Zahl
der
Gebä-
renden
Zahl
der
künst-
lich Ent-
bun-
denen
Zahl
der
Zwil-
lings-
gebur-
ten
Ge-
sammt-
zahl der
Gebo-
renen
Zahl der
geborenen
Kna-
ben
Mäd-
chen
Balingen 3120 126,7 22,3 0,9 127,6 65,1 62,5
Bitz 1031 50,8 1,5 0,8 51,6 25,6 26,0
Burgfelden 243 8,5 0,1 8,5 4,3 4,2
Dürrwangen 582 25,3 0,4 0,7 26,0 13,2 12,8
Ebingen 4888 240,5 28,0 3,6 244,1 123,2 120,9
Endingen 610 23,5 1,6 0,4 23,9 12,4 11,5
Engstlatt 838 37,8 3,8 0,8 38,6 21,0 17,6
Erlaheim 662 20,8 1,6 0,4 21,2 10,7 10,5
Erzingen 564 25,7 4,0 0,1 25,8 13,3 12,5
Frommern 752 40,5 1,6 0,5 41,0 22,0 19,0
Geislingen 1594 69,0 3,6 1,2 70,2 36,2 34,0
Heselwangen 564 25,6 1,8 0,2 25,8 12,5 13,3
Hossingen 428 17,2 0,8 0,4 17,6 9,2 8,4
Laufen 822 33,8 1,6 0,5 34,3 17,6 16,7
Lautlingen 744 31,0 1,9 0,3 31,3 16,0 15,3
Margrethausen 275 14,2 1,0 0,6 14,8 7,1 7,7
Meßstetten 1291 63,7 1,2 0,9 64,6 33,6 31,0
Oberdigisheim 975 40,0 3,9 0,7 40,7 22,9 17,8
Onstmettingen 2091 85,4 3,0 1,0 86,4 45,2 41,2
Ostdorf 997 33,3 4,8 0,2 33,5 16,6 16,9
Pfeffingen 982 53,5 0,6 0,4 53,9 27,0 26,9
Stockenhausen 192 8,6 0,5 8,6 4,3 4,3
Streichen 327 14,6 0,8 0,5 15,1 8,2 6,9
Thailfingen 2090 121,7 5,5 1,5 123,2 63,1 60,1
Thieringen 922 41,7 1,7 0,3 42,0 22,1 19,9
Truchtelfingen 866 39,8 0,6 0,2 40,0 19,3 20,7
Unterdigisheim 435 16,5 2,6 0,8 17,3 9,4 7,9
Waldstetten 290 10,2 0,2 0,1 10,3 6,0 4,3
Weilheim 647 31,8 0,4 0,4 32,2 15,8 16,4
Winterlingen 2111 112,5 6,3 1,6 114,1 56,0 58,1
Zillhausen 605 25,1 0,6 0,2 25,3 14,0 11,3
Im ganzen Oberamt 32.538 1489,3 98,3 20,2 1509,5 772,9 736,6
|
Gemeinde. Sterblichkeitsverhältnisse.
In dem Zeitraum vom 1. Januar 1866 bis
31. Dezember 1875 war die durchschnittliche
Es
sind
mehr
ge-
boren
als
ge-
storben
Ge-
sammt-
zahl
der
Gestor-
benen
Von den
Verstorb.
waren
Zahl
der
dar-
unter
begrif-
fenen
Todt-
gebo-
renen
Zahl
der im
ersten
Lebens-
jahr
Gestor-
benen
Zahl
der
70 Jahre
alten
und
darüber
Zahl
der
ärzt-
lich
Behan-
delten
Zahl
der
nicht
ärzt-
lich
Behan-
delten
Zahl
der
Selbst-
mörder
männ-
lich
weib-
lich
Balingen 101,2 53,4 47,8 3,6 47,2 15,7 64,7 32,9 1,0 26,4
Bitz 37,8 19,4 18,4 2,3 16,4 3,0 11,1 24,4 0,2 13,8
Burgfelden 8,2 4,3 3,9 0,1 2,3 0,9 1,5 6,6 0,3
Dürrwangen 22,2 11,1 11,1 1,1 9,1 3,6 5,2 15,9 0,3 3,8
Ebingen 197,0 100,7 96,3 8,6 100,3 18,7 97,3 91,1 1,2 47,1
Endingen 18,8 10,4 8,4 0,8 6,2 3,0 4,9 13,1 0,3 5,1
Engstlatt 24,0 11,5 12,5 2,0 9,3 3,7 7,8 14,2 0,3 14,6
Erlaheim 16,8 7,8 9,0 0,5 5,4 3,1 4,8 11,5 4,4
Erzingen 19,9 9,8 10,1 0,6 7,7 2,9 6,0 13,3 0,3 5,9
Frommern 29,3 15,7 13,6 2,4 15,2 2,9 3,4 23,5 0,3 11,7
Geislingen 49,1 25,9 23,2 1,0 24,8 5,5 15,5 32,6 0,2 21,1
Heselwangen 16,6 7,7 8,9 0,8 7,7 1,8 4,8 11,0 0,1 9,2
Hossingen 12,5 6,8 5,7 0,8 4,4 2,1 2,1 9,6 0,1 5,1
Laufen 22,9 12,2 10,7 0,9 11,7 4,0 3,3 18,7 11,4
Lautlingen 26,9 13,3 13,6 0,7 10,8 4,0 6,7 19,5 0,1 4,4
Margrethausen 8,0 4,3 3,7 0,1 4,4 1,0 0,8 7,1 0,1 6,8
Meßstetten 40,8 20,4 20,4 2,4 15,7 3,1 12,8 25,6 0,5 23,8
Oberdigisheim 25,2 13,6 11,6 1,1 9,6 3,6 3,3 20,8 15,5
Onstmettingen 59,4 31,2 28,2 4,1 21,1 6,7 17,6 37,7 0,2 27,0
Ostdorf 27,3 14,0 13,3 1,2 7,9 4,8 11,2 14,9 0,1 6,2
Pfeffingen 37,4 18,6 18,8 2,4 19,2 3,0 5,9 29,1 16,5
Stockenhausen 6,8 4,6 2,2 0,4 2,7 1,4 1,4 5,0 1,8
Streichen 9,1 4,9 4,2 0,2 3,8 1,1 1,5 7,4 6,0
Thailfingen 72,7 37,9 34,8 3,4 38,3 6,8 17,2 52,1 0,1 50,5
Thieringen 28,8 15,0 13,8 1,4 12,6 4,6 6,4 21,0 0,2 13,2
Truchtelfingen 29,8 13,6 16,2 2,1 13,8 2,9 9,6 18,1 0,2 10,2
Unterdigisheim 11,5 5,3 6,2 0,5 4,0 1,1 4,6 6,4 5,8
Waldstetten 8,3 4,0 4,3 0,3 3,3 0,9 2,1 5,9 2,0
Weilheim 19,9 10,5 9,4 0,7 8,5 2,2 5,4 13,8 12,3
Winterlingen 94,2 45,6 48,6 4,0 48,5 9,8 19,5 70,7 0,3 19,9
Zillhausen 16,8 9,0 7,8 1,2 5,9 2,7 2,0 13,6 8,5
Im ganzen Oberamt 1099,2 562,5 536,7 51,7 497,8 130,6 360,4 687,1 6,1 410,3
|
Gemeinde. Auf 100 ortsanwesende Einwohner
kommen im Durchschnitt jährlich
Von 100
Gebä-
renden
wurden
künst-
lich ent-
bunden
Ord-
nungs-
zif-
fer
Auf 100
Gebur-
ten
kommen
Zwil-
lingsge-
burten
Ord-
nungs-
zif-
fer
Gebo-
rene
Ord-
nungs-
zif-
fer
Gestor-
bene
Ord-
nungs-
zif-
fer
Mehr
Gebo-
rene
als
Gestor-
bene
Ord-
nungs-
zif-
fer
Balingen 4,08 25 3,21 13 0,87 24 17,60 1 0,71 26
Bitz 5,00 6 3,66 6 1,34 14 2,95 22 1,57 11
Burgfelden 3,49 29 3,37 12 0,12 31 1,17 30 30
Dürrwangen 4,46 17 3,81 4 0,65 27 1,58 26 2,76 4
Ebingen 4,99 8 4,03 2 0,96 21 11,64 4 1,49 12
Endingen 3,90 27 3,08 16 0,82 25 6,80 10 1,70 10
Engstlatt 4,60 11 2,78 24 1,82 5 10,05 5 2,11 6
Erlaheim 3,20 31 2,53 31 0,67 26 7,69 7 1,92 7
Erzingen 4,75 10 3,54 8 1,21 17 15,56 2 0,38 29
Frommern 5,45 3 4,02 3 1,43 10 3,95 20 1,23 17
Geislingen 4,29 18 3,08 17 1,21 18 5,21 15 1,73 9
Heselwangen 4,57 14 2,94 19 1,63 8 7,07 8 0,78 23
Hossingen 4,11 24 2,92 20 1,19 19 4,65 17 2,32 5
Laufen 4,17 21 2,75 27 1,42 12 4,73 16 1,47 13
Lautlingen 4,20 19 3,61 7 0,59 30 6,12 11 0,96 21
Margrethausen 5,38 5 2,90 21 2,48 1 7,04 9 4,22 2
Meßstetten 5,00 7 3,16 14 1,84 4 1,88 25 1,41 14
Oberdigisheim 4,17 22 2,58 30 1,59 9 9,75 6 1,75 8
Onstmettingen 4,13 23 2,84 23 1,29 16 3,51 21 1,17 19
Ostdorf 3,36 30 2,73 28 0,63 29 14,41 3 0,60 27
Pfeffingen 5,59 2 3,80 5 1,79 7 1,12 31 0,74 24
Stockenhausen 4,47 16 3,54 9 0,93 23 5,80 12 31
Streichen 4,60 12 2,78 25 1,82 6 5,48 14 3,42 3
Thailfingen 5,79 1 3,47 10 2,32 2 4,51 18 1,23 17
Thieringen 4,55 15 3,12 15 1,43 11 4,07 19 0,72 25
Truchtelfingen 4,60 13 3,44 11 1,16 20 1,50 28 0,50 28
Unterdigisheim 3,97 26 2,64 29 1,33 15 1,57 27 4,84 1
Waldstetten 3,51 28 2,86 22 0,65 28 1,96 24 0,98 20
Weilheim 4,97 9 3,07 18 1,90 3 1,25 29 1,25 16
Winterlingen 5,40 4 4,46 1 0,94 22 5,60 13 1,41 15
Zillhausen 4,18 20 2,77 26 1,41 13 2,39 23 0,79 22
Im ganzen Ober-
amtsbezirk
4,63 3,37 1,25 6,60 1,36
|
Gemeinde. Unter 100 Geborenen
befinden sich
Von 100
lebend-
geborenen
Kindern
starben
im ersten
Lebens-
jahr
Ord-
nungs-
zif-
fer
Unter 100 Gestorbenen
befinden sich
Kna-
ben
Ord-
nungs-
zif-
fer
Mäd-
chen
Todt-
gebo-
rene
Ord-
nungs-
zif-
fer
todt-
gebo-
rene
Kinder
Ord-
nungs-
zif-
fer
Im 1.
Lebens-
jahr ge-
storbene
Kinder
Ord-
nungs-
zif-
fer
Ärzt-
lich Be-
handelte
Ord-
nungs-
zif-
fer
Nicht
ärzt-
lich Be-
handelte
Balingen 51,01 19 48,99 2,03 5 38,06 28 3,55 9 46,64 23 63,93 1 32,50
Bitz 73,25 1 26,75 4,44 23 33,26 20 6,08 24 43,38 19 29,35 11 64,55
Burgfelden 50,58 21 49,42 1,17 2 27,38 13 1,21 1 28,04 1 18,29 23 80,48
Dürrwangen 50,76 20 49,24 4,30 22 36,54 25 4,95 21 40,99 16 23,87 18 71,62
Ebingen 50,47 22 49,53 3,52 19 41,35 30 4,36 15 50,90 25 49,39 2 46,19
Endingen 51,88 13 48,12 3,34 17 26,70 11 4,25 13 32,44 4 26,06 15 69,67
Engstlatt 54,14 7 45,86 5,18 29 25,40 5 8,33 31 38,75 12 32,50 5 59,16
Erlaheim 50,04 24 49,96 2,35 9 26,08 9 2,79 6 32,13 3 28,57 13 68,45
Erzingen 51,55 15 48,45 2,32 8 30,55 14 3,02 7 38,69 11 30,15 9 66,83
Frommern 53,65 8 46,35 5,85 31 39,43 29 8,19 30 51,87 29 11,60 31 80,20
Geislingen 51,56 14 48,44 1,42 4 35,83 23 2,03 3 50,05 24 31,56 7 66,39
Heselwangen 48,45 29 51,55 3,10 15 30,80 15 4,81 19 46,38 22 28,91 12 66,26
Hossingen 52,27 11 47,73 4,53 25 26,56 10 6,31 25 35,20 6 17,60 24 76,80
Laufen 51,31 16 48,69 2,62 10 35,24 21 3,93 11 51,09 26 14,36 27 81,65
Lautlingen 51,11 18 48,89 2,24 7 35,26 22 2,60 5 40,14 15 24,53 17 72,48
Margrethausen 47,97 31 52,03 0,67 1 36,73[ER 1] 26 1,25 2 55,00 31 12,50 29 88,75
Meßstetten 52,01 12 47,99 3,71 21 25,40 6 5,78 22 37,99 9 31,37 8 62,76
Oberdigisheim 56,26 3 43,74 2,70 12 24,04 2 4,36 16 38,09 10 13,09 28 82,14
Onstmettingen 52,31 10 47,69 4,74 27 25,63 8 6,90 27 35,52 7 29,62 10 63,46
Ostdorf 49,55 26 50,45 3,55 20 24,45 3 4,39 17 28,93 2 41,02 3 54,58
Pfeffingen 50,08 23 49,92 4,45 24 37,08 27 6,40 26 51,33 27 15,77 26 72,40
Stockenhausen 50,00 25 50,00 4,65 26 32,91 18 5,88 23 39,70 13 20,58 22 73,52
Streichen 54,30 6 45,70 1,32 3 25,50 7 2,19 4 41,75 17 16,48 25 81,31
Thailfingen 51,21 17 48,79 2,67 11 31,96 17 4,67 18 52,61 30 23,65 19 73,04
Thieringen 52,61 9 47,39 3,33 16 31,03 16 4,86 20 43,75 20 22,22 20 72,91
Truchtelfingen 48,25 30 51,75 5,25 30 36,44 24 7,04 28 46,24 21 32,22 6 60,72
Unterdigisheim 54,33 5 45,67 2,89 13 23,80 1 4,34 14 34,78 5 40,00 4 55,65
Waldstetten 58,25 2 41,75 2,91 14 33,00 19 3,60 10 39,75 14 25,43 16 71,08
Weilheim 49,06 28 50,94 2,17 6 26,98 12 3,51 8 42,71 18 27,13 14 69,34
Winterlingen 49,07 27 50,93 3,50 18 42,14 31 4,24 12 51,48 28 20,70 21 75,05
Zillhausen 55,34 4 44,66 4,74 28 24,48 4 7,14 29 35,71 8 11,90 30 80,95
Im ganzen Oberamtsbezirk 51,20 48,80 3,42 34,14 4,70 45,27 32,78 67,22
|
(Fortsetzung von S. 107.)

Ärztlich behandelt wurden jährlich 32,78 % sämmtlicher Gestorbenen, ohne ärztliche Behandlung starben 67,22 %, also um 34,44 % mehr als in ärztlicher Behandlung. Am meisten ärztliche Hilfe wurde nachgesucht in Balingen, am wenigsten in Frommern.

Was die Selbstmordfälle anbelangt, so kamen 61 innerhalb 10 Jahren vor, also jährlich 6,1 oder 0,5 % sämmtlicher Gestorbenen. Von diesen 61 Fällen kommen in Bezug auf die Todesart

42 auf Erhängen,
10 auf Ertränken,
05 auf Erschießen,
02 auf Halsabschneiden,
01 auf Vergiftung,
01 auf freiwilliges Erfrierenlassen.

Betrachtet man den Gesundheitszustand des Bezirks im Allgemeinen, so muß derselbe als ein durchaus günstiger bezeichnet werden, insofern seine geographischen und geologischen Verhältnisse derart sind, daß eigentliche endemische Krankheiten in ihm gar nicht aufkommen und auch Epidemien seit langer Zeit nur selten und namentlich nie in verheerender Weise aufgetreten sind. Kleinere Epidemien von Scharlach, Diphtherie, Masern und Keuchhusten traten von Zeit zu Zeit auf, während Croup verhältnismäßig selten vorkommt und auch von Typhus (abdominalis) nur ein sporadisches Auftreten bekannt ist. Ebenso haben auch die Pocken in den letzten Dezennien nicht viele Opfer gekostet (1864 u. 1871). Wechselfieber ist eine Rarität.

Häufig dagegen sind im Bezirke rheumatische Erkrankungen, vom einfachen Muskelrheumatismus bis zum schwersten Gelenkrheumatismus, und mag der Grund davon wohl in der hohen offenen Lage des Bezirks, sowie in dem raschen Wechsel der Temperatur zu suchen sein.

Von Erkrankungen des Nervensystems sind insbesondere zu nennen häufige Gehirnschlaganfälle (gewöhnlich Folge des hohen Alters der Betroffenen) und Neuralgien (besonders Ischias, meist rheumatischer Natur). Geisteskrankheiten und Epilepsie nehmen keine auffallende Stelle ein, ebensowenig entzündliche Erscheinungen des Gehirns bei Kindern und Erwachsenen. Starrkrampf und Veitstanz sind selten.

Unter den Krankheiten der Athmungsorgane sind am häufigsten Entzündungen des Brustfells sowie der Lunge, | abgesehen von den überall vorkommenden katarrhalischen Affektionen der Luftwege. Ferner Asthma und Emphysem. Auch die Lungentuberkulose fordert trotz der hohen und gesunden Lage des Bezirks nicht selten ihre Opfer.

Herzkrankheiten, insbesondere Klappenfehler, werden sehr häufig angetroffen, meistens als Folge des akuten Gelenkrheumatismus.

Als häufige Erkrankungen der Verdauungsorgane sind zu nennen: Mandelanschwellungen, Magenkatarrh, Magenkrampf und Magenkrebs (auch Magengeschwüre), sowie Darmkoliken; Brechdurchfälle bei Erwachsenen, namentlich aber bei Kindern in den Sommer- und Herbstmonaten, kehren alle Jahre mit mehr oder weniger Heftigkeit wieder.

Milz- und Lebererkrankungen sind im Ganzen selten mit Ausnahme von der gutartigen Gelbsucht (icterus catarrhalis), welche sich gewöhnlich an verlängerte, schlecht gepflegte Magenkatarrhe anschließt. Lebercirrhose – der Wein- und Schnapstrinker – kommt in einzelnen Fällen zur Beobachtung.

Auch Nierenkrankheiten sind selten und treten gewöhnlich nur in Begleitung des Scharlachs auf.

Bauchwassersucht, meist in Verbindung mit Haut- auch Brustwassersucht, schließt sich gar häufig an Herzfehler und Lungenkrankheiten, insbesondere an Lungenemphysem an und kommt deshalb wegen der Häufigkeit der letzteren beinahe täglich zur Beobachtung.

Auffallend häufig sind Unterleibsbrüche, namentlich bei Männern, und sind dieselben nicht selten schon in zartester Kindheit erworben; in vielen andern Fällen verdanken sie ihre Entstehung wohl den harten, anstrengenden Arbeiten und dem bergigen Terrain des Bezirks.

Erkrankungen der Harnblase insbesondere in Form von Blasenkatarrh und Blasenlähmung stellen ein namhaftes Kontingent und trüben nicht selten den Lebensrest hochbetagter Männer.

Unter den Hautkrankheiten sind zu nennen Ekzem, Psoriasis, selten Lupus. Die früher so sehr verbreitete Krätze verschwindet immer mehr vom Schauplatz ihrer Thätigkeit.

Kropf, Kretinismus, Skrophelkrankheit und Syphilis sind nur in spärlichen Exemplaren zu finden, dagegen | kommen nicht selten krebsige Entartungen vor, namentlich bei Frauen als Brust- und Gebärmutterkrebs.

Was endlich den psychischen Charakter der Bewohner anbelangt, so ist derselbe im Allgemeinen gut; die da und dort noch auffallende Derbheit wird durch geraden und biedern Sinn weit aufgewogen, und gehören Fleiß, Sparsamkeit, Nüchternheit und religiöser Sinn zu den hervorstechenden Eigenschaften.


II. Charakter der Bevölkerung.[27]
Der Volkscharakter ist im Allgemeinen der schwäbische mit seinen Schatten- und Lichtseiten. Schwerfällig und derb im Verkehr mit der Außenwelt, bedarf es einiger Zeit, um unter dieser rauhen Decke das weiche und reiche Gemüthsleben zu finden, das nach schwäbischer Art eher verborgen als geoffenbart wird. Geduldige Ausdauer bei harter Arbeit und schmalem Brot, Sparsamkeit und Anspruchslosigkeit sind schätzenswerthe Eigenschaften der Bewohner, wobei es freilich an schlimmen Ausnahmen nicht fehlt bei Individuen, welche vom Branntwein vergiftet sind. Vorherrschende Mittelmäßigkeit des Besitzes und häufige Armut geben dem Bezirk ein poesieloses realistisches Gepräge. Viele Mißernten und Hagelschläge haben leider fast bis zum letzten Rest ausgetilgt, was Gustav Schwab in seiner Beschreibung der schwäbischen Alb (1823) rühmt: „was beim Eintritt in das Eyachthal den Wanderer angenehm überrascht, ist der schöne und dabei feine Menschenschlag, besonders des weiblichen Geschlechts, und die allerliebste Tracht, die der berühmten Steinlacher nichts nachgibt.“ Die städtische Tracht, die scheinbare Wohlfeilheit der modernen Stoffe haben die originelle theure aber haltbare Tracht verdrängt und nur wenige alte ehrbare Großmütter lassen sich nicht beirren und bleiben bei dem angestammten Kleide. Harte Arbeit der Weiber und rauhe Kost, meist Kartoffeln, Kraut und Milch, weniger Mehl und Fleisch, lassen oft nur zu bald die natürliche Blüte des Daseins verwelken und schon Kinder vom 10.–14. Jahre zeigen die Spuren der Anstrengung. Volle frische Gesichter wie Milch und Blut sind nicht häufig. Luft, Licht und Wasser der Gegend tragen daran keine Schuld, denn sie sind meist gut und reichlich vorhanden. Reinlichkeit und Sauberkeit an Leib und Seele werden | durch eine naive Naturwüchsigkeit zurückgehalten, welche dem auf der heimatlichen Erde Gebornen als das richtige erscheint, den Fremden aber nicht immer angenehm berührt. Der Ausdruck der Empfindungen und Gefühle ist ein derber, aber nicht aus Mangel an Gefühl oder gar bösem Willen, sondern mehr aus Unbeholfenheit und Mangel an Kultur. Ein starkes Selbstgefühl und Unabhängigkeitsbewußtsein hindert das Eindringen milderer Sitten und Gewohnheiten. Im politischen Leben überwiegt die Richtung der sogenannten Volkspartei, vertreten durch den in Ebingen erscheinenden Albboten; die Liebe zum gesammten deutschen Vaterland findet Vertretung im Amtsblatt des Bezirks, dem Volksfreund, welcher in Balingen erscheint. Beide Richtungen halten dabei fest an dem alten Spruch „hie gut Württemberg allewege“ und an der Liebe und Ehrerbietung zum angestammten Fürstenhause. Im kirchlichen Leben wird festgehalten an der überlieferten Sitte; sektirerische Bestrebungen finden nur ausnahmsweise Theilnahme, im allgemeinen steht der Sinn der Bevölkerung ihnen entgegen. Der Kunstsinn ist wenig entwickelt, wie auch künstlerische Industriezweige fehlen, mit einigen Ausnahmen in Orten des oberen Bezirks, wo die Feinmechanik eifrig betrieben wird zum gesegneten Andenken an den auch sonst hervorragenden früheren Pfarrer Ph. M. Hahn in Onstmettingen, nachher in Echterdingen. In Kirche, Schule und Haus macht sich noch viel Geschmacklosigkeit breit, welcher bei den dürftigen Vermögensverhältnissen nicht leicht zu begegnen ist. Der Bezirk hat einen nennenswerthen Dichter in der Reformationszeit hervorgebracht: den Sohn des selber von Balingen gebürtigen Pfarrers von Erzingen, Nikodemus Frischlin, der mit trefflichen geistigen Gaben einen ungebändigten Sinn verband, vielfach ein Typus des Bezirkscharakters nach seinen Schattenseiten, während ein berühmter Theologe der neuen Zeit, der erst jüngst verstorbene Balinger Tobias Beck, Professor in Tübingen, als Typus gefaßt werden kann des mit Energie gepaarten Gemüthslebens, das keineswegs dem Bezirke fehlt. Die Kunst des Gesanges wird in manchen Orten und Schulen gepflegt, in welchen natürliche Begabung der Übung zur Seite tritt. Den Gesangvereinen, welche mit redlichem Streben der Kunst aufzuhelfen suchen, ist fröhliches Gedeihen zu wünschen. Geselliges Leben pflegen weiter die an manchen Orten bestehenden Kriegervereine. Die Ortsleseanstalten, welche in allen Orten sich finden und zahlreich benützt werden, tragen Vieles zur Hebung des Volkscharakters | bei, wenn schon hier langsam auf die Saat die Ernte folgt. Am reichsten und sichersten erkennen wir indeß den Charakter des Bezirks durch einen Gang ins weite Gebiet der Sitten und Gebräuche, die theils aus alter Zeit stammend noch in Geltung sind, theils schon verschwunden nur in der Erinnerung noch leben, theils namentlich bei der Ungunst der Zeit nur noch als schwache Reste ein kümmerliches Dasein fristen, ein glimmender Funke, welchem Erhaltung zu wünschen ist, bis das Öl besserer Zeiten ihn vielleicht wieder zur Flamme anfachen wird. Diese Sitten und Gebräuche heften sich an die verschiedenen kirchlichen Tage des Jahres und an solche Tage des Kalenders, welche von Alters her dem Volke bedeutsam waren, sodann an den Kreislauf des menschlichen Lebens von der Wiege bis zum Grabe.


A. Sitten und Gebräuche, die sich heften an bestimmte, besonders kirchliche Tage des Jahres.

Mit Weihnachten muß hier begonnen werden, weil noch in den meisten Orten des Bezirkes dieser Tag als Anfang des neuen Jahres gilt, denn das Volk wünscht sich an Weihnachten ein gutes gesundes oder ein glückhaftes, glückhaftiges gesundes Jahr. Der wiederholte Wunsch am Anfang des Jahres lautet dann auf ein gesundes neues oder glückhaftiges neues Jahr. Am Weihnachtsmorgen wird ein Zweig der Edeltanne, pinus picca, nicht von pinus abies wie im Unterland, mit Lichtern geschmückt. In Zillhausen sammeln sich am heiligen Abend die Schulknaben auf dem Kugelberg. Beim Läuten der Abendglocke spricht der jüngste Knabe unter lautloser Stille der anderen laut ein Vaterunser, dann gehen alle, jeder mit einer Glocke läutend, einige noch dazu vermummt, ins Dorf und lassen mit Ruthen in der Hand, von welchen sie in jedem Hause eine oder zwei zurücklassen, die kleineren Kinder beten. In Erzingen ziehen die Schulkinder mit Glocken den ganzen Tag um die Kirche und läuten dem Christkindle, einer steinernen Figur aus der alten St. Georgs-Kapelle stammend, welche leider in Stücke gebrochen wurde. Sie stellt, soweit zu erkennen, einen jungen Menschen dar, an einen Stamm gebunden, wahrscheinlich ein altes nicht übles Märtyrerbild. Das Pfeffern ist allgemein Sitte und in reine Bettelei ausgeartet. Abergläubische Gebräuche werden an vielen Orten an Weihnachten geübt, in einem Ort muß der Bauer so früh als möglich Wasser holen und sein Vieh tränken, dann wird es recht schön, in einem anderen soll am h. Abend beim Betläuten die Tenne gefegt werden, dann liegen am anderen Morgen die verschiedenen Fruchtgattungen übereinander auf dem Boden, und zwar von derjenigen am meisten, welche im kommenden Jahr am besten gedeihen wird; in noch anderen Orten wird ein Bund Heu die Weihnacht über in den Garten gelegt und am Morgen jedem Stück Vieh etwas davon gefüttert, soll gut sein gegen allerlei Krankheit.

| Am Sylvesterabend wird in den meisten Orten ein stark besuchter Abendgottesdienst gehalten. Wenige Stunde darauf beginnt das Schießen. Die ledigen Bursche schießen den ledigen Mädchen das Jahr an und werden am Mittag des neuen Jahres von denselben mit Bier im Wirthshaus regalirt. In Balingen geben die Wirthe den Stammgästen weißes Brot und Schnaps. Früher sang der Nachtwächter in den meisten Orten mit einem Chor der ledigen Jugend das neue Jahr an, jeden einzelnen Namen nennend; der Vers lautet in Weilheim:

Wohlauf im Namen Jesu Christ,
Das alte Jahr vergangen ist!
Jetzt wünschen wir dem Herrn
Schultheiß und seinen Kindern
ein gesegnetes Jahr
ein gesundes Jahr,
ein freudenreiches neues Jahr,
Gott gebe, daß es werde wahr!

Hierauf wurden und werden, jedoch selten, Gesangbuchslieder gesungen. In Zillhausen singen Haufen von Weiber zweistimmig den Vermöglicheren das Jahr an und erhalten dafür eine Gabe an Mehl und Brot. Vielfach besteht die Sitte, in der Neujahrsnacht und am Tage um große Brezeln oft im Werth von 2–3 Mark zu spielen. Abergläubische Gebräuche schließen sich an das Neujahr nicht an, soweit zu ermitteln war, mit Ausnahme des sonst im Lande üblichen Losens.

Erscheinungsfest. In manchen Orten erscheinen die Weisen aus Morgenland. In Winterlingen ziehen 3 weißgekleidete Knaben mit dem Stern umher und singen:

Wir kommen daher in aller Gefahr,
Und wünschen euch allen ein neues gesunds Jahr,
Ein neues gesunds Jahr, eine fröhliche Zeit,
Wie’s Gott Vater vom Himmel ra geit.
Die heiligen 3 Könige aus Mohrenland
Die kommen aus Herodes sein Haus;
Herodes, der schaut zum Fenster heraus,
Herodes spricht bei Tag oder bei Nacht:
Ei warum ist denn der König so schwarz?
Ist gar nicht schwarz, ist wohlbekannt,
Ist Käsperles König aus Morgenland.
 u. s. w. 0 u. s. w.

Hilariustag, 13. Januar, Klärestag, war früher manchen Gemeinden ein Festtag. Gemeinderath und Bürgerausschuß wählte die niederen Bediensteten der Gemeinde, Hirten, Polizeidiener u. s. w. und hielten dann auf Kosten der Gemeindekasse oder auch der Gewählten ein Festessen, das bis in die Nacht hinein sich fortsetzte. In manchen Pfarrbesoldungen findet sich von dieser Sitte her noch ein kleiner Betrag, meist 86 Pf., unter der Benennung Ämterersatz. Ein Rest dieser Festlichkeit hat sich noch erhalten in dem sogenannten Durchsitz der Spinnstuben und des Außelaufhauses. In den Spinnstuben sorgen die ledigen Mädchen für das Brot, Kaffee, Milch, Schmalz, die ledigen | Bursche für Bier und Branntwein und zechen dann die ganze Nacht hindurch bis in den Morgen hinein. Solche Durchsitznächte der Spinnstuben werden auch an Fastnacht gehalten, und in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember, wo die Mädchen vorgeben, sie müssen die Nacht hindurch arbeiten, um schon zuvor hereinzubringen, was über die Feiertage versäumt wird. In Dürrwangen wird der Durchsitz gehalten in der Nacht, die auf den Weihnachtsmarkt in Balingen folgt. Im Außelauf halten Männer Durchsitz, welche den Winter über statt ins Wirthshaus zu gehen, in ein Bauernhaus sich begeben. In der Durchsitznacht am Klärestag besorgt der Hausbesitzer das Brot, die Außeläufer das Bier und den Branntwein.

Lichtmeß – Kunkel vergeß – bei Tag eß. In Hossingen wird an diesem Tag süß Kraut gekocht, damit das Geld nicht ausgeht. Es ist der Wandertag für Dienstboten in Ebingen und Balingen, in anderen Orten Martini und heißt der Bündelestag; die wandernden Dienstmägde singen:

Heut ist mein Bündelestag,
Moarge mei Ziel,
Wann e marschire muß,
han e net viel.

Fastnacht. Mummereien und Aufzüge selten, hie und da in Balingen. In Pfeffingen durchziehen in der Fastnacht ärmere Schulkinder das Dorf und tragen ein Kreuz auf einem Stecken und singen dazu:

Kehret eure Küchle um,
Daß au ei’s an mei Spießle komm.

In Winterlingen war und ist theils noch Sitte, daß die ledigen Bursche im Wirthshaus scherzweise die Gemeindeämter einsetzen und deren Amtshandlungen in harmloser Weise nachahmen mit allerlei Bezug auf die im Ort vorgekommenen Dinge. In Erlaheim wird hie und da noch das Narrengericht gehalten.

Karfreitag wird als großer Festtag kirchlich begangen und der Gottesdienst am zahlreichsten besucht, daneben ist er der Haupttag des Aberglaubens. Allgemein wird gebuttert und der Karfreitagsbutter so lang als möglich aufgehoben, weil er heilsam ist für allerlei Schäden. Karfreitagseier halten das ganze Jahr, läßt man sie ausbrüten, so geben sie schöne Hennen, die alle Jahre die Federn ändern. (Vgl. Meier, Sagen 388.) In Endingen und sonst werden sie das ganze Jahr aufgehoben und am folgenden Gründonnerstag gegessen. In Balingen, Frommern, Dürrwangen werden an diesem Tage Brüche kleiner Kinder in der Art geheilt, daß die Pathen das bruchleidende Kind Nachts 12 Uhr in den Wald hinausnehmen, allda eine kleine Eiche der Länge nach spalten und das Kind dreimal unter Nennung der 3 höchsten Namen durch den Spalt ziehen, das erstemal gegen Morgen, sodann wird der Spalt gehörig verbunden und wie die Eiche wieder zusammenwächst, so heilt dann der Bruch von selbst; hie und da wird auch eine Weide gespalten. Die englische Krankheit wird bei Kindern in Frommern in der Karfreitagsnacht zu heilen versucht mit Knabenkraut, das unbeschrieen vom Garten geholt werden muß und dem Kinde in den 3 höchsten Namen 3 Nächte hindurch auf | den Kopf gelegt wird. Dies Mittel wird als helfendes von vielen heute noch anerkannt. Das Betreten von Kreuzwegen in der Karfreitagnacht und das Niederlegen von Krankheitszeichen auf denselben, um Heilung zu erlangen, ist fast überall. In Erzingen wird Heu in dieser Nacht unter die Dachtraufe gelegt, daß die Pferde nicht rotzkrank werden. In Truchtelfingen werden 3 Nägel über die Stallthüre oder Kopfnet eingeschlagen zum Schutz gegen Hexen und Unglück. In Zillhausen läßt man dem Vieh am Ohr zur Ader, daß es gesund bleibt. In Zillhausen und Dürrwangen, wohl auch sonst noch, werden Essig- und Mostfässer in dieser Nacht mit Wasser aufgefüllt und soll beides an Qualität nicht verlieren, an Haltbarkeit aber gewinnen. In Truchtelfingen blüht in der Karfreitagnacht die Aaronsblume um 12 Uhr, wer sie findet wird glücklich. In Zillhausen halten 3 Zweige der Eiche in der Frühe gegen Osten zusammen gebrochen und an der inneren Stallthüre angenagelt, das Vieh gesund. In Pfeffingen vertreibt ein am Karfreitag geschnitzter Bindnagel die Mäuse von all den Garben, welche in der kommenden Ernte mit demselben gebunden werden. Karfreitagregen ist so schlimm, daß es z. B. in Meßstetten kein Heu geben soll, wenn es am Karfreitag regnet, und wenn dasselbe auch auf den Bäumen wachsen sollte. In Frommern soll man die Hexen am Karfreitag in der Kirche daran erkennen, daß sie verkehrt sitzend gesehen werden, den Rücken gekehrt gegen Kanzel und Altar. Harmloser ist die Sitte, einander Karfreitagsbrezeln zu verehren. In Endingen verehren die ledigen Bursche den Mädchen am Karfreitag Brezeln und diese jenen an Ostern Eier. Nach Meier S. 387 heben in Onstmettingen die Mädchen immer eine dieser Brezeln im Schranke an einem Nagel auf; so lange sie nicht schimmelt, ist die Liebe echt und das kann oft viele Jahre dauern.

Ostern. In Endingen und Erzingen ziehen die jüngeren Leute auf die Osterwiese, werfen Eier und treiben das Ballspiel, die älteren sehen zu, und schließlich geht alles ins Wirthshaus. In Frommern, Dürrwangen, Laufen, Zillhausen, Weilheim und etlichen anderen Orten ziehen Vormittags ledige Bursche durch’s Ort und sammeln Eier von Haus zu Haus und erhalten deren oft über 100. Nachmittags geht’s dann auf eine ebene Wiese, auf welche die Eier in doppelter Reihe je einen Fuß oder Elle von einander entfernt ausgelegt werden. Es bilden sich nun zwei Partien; die eine schaart sich um einen ledigen Burschen, der die Eier eines nach dem andern aufzulesen hat und sie einem Mädchen, das stets an derselben Stelle bleibt, in den Schurz werfen muß, welches dieselben so geschickt aufzufangen und in einen Korb zu legen hat, daß keins zerbricht (dies gilt als Ehrenstelle). Die andere erwählt sich einen zweiten Burschen, dem die Aufgabe zufällt, während der erste Eier liest, in ein Nachbarort zu laufen, entweder um einen Wecken zu kaufen oder seinen Namen an die Thüre der Kirche zu schreiben. Wer zuerst mit seiner Aufgabe fertig ist, dessen Partie hat gewonnen. Hierauf gehen beide Partien ins Wirthshaus und verzehren gemeinsam alle Eier, Bier und Branntwein dazu muß die verlierende Partie meist allein bezahlen. In Hossingen findet das Eierlesen am Pfingstmontag statt.

Pfingsten. Das Maienstecken hört fast ganz auf wegen der Strenge der Forstgesetze. In Zillhausen und Heselwangen geht noch | der Pfingstbuz um. Ein Bursche von 14–17 Jahren wird ganz und gar entweder mit Nadelreis oder Laubreis eingemacht, mit Blumen bekränzt und geht von der Schuljugend begleitet von Haus zu Haus und singt:

Pfingstbuz bin ich genannt,
Eier und Schmalz ist mir wohlbekannt,
Weißmehl schlag ich auch nicht aus,
Ich und meine Kameraden backen Dötsche draus.

Hierauf erhält er Geschenke an Eier und Mehl, von Wohlhabenden auch Geld.

Himmelfahrtsfest. In Zillhausen ziehen die Mädchen mit gekauften oder selbstverfertigten Kränzen aus lebenden Blumen geschmückt zur Kirche. Im Hause aufbewahrt, schützen die Kränze vor Einschlagen des Blitzes.

Trinitatisfest. An diesem ist vielfach erhalten die Sitte des Katechismussprechens, im Volksmund „das Büchle beten“, und wird als Auszeichnung angesehen für die, welche sprechen dürfen; auch erhalten sie aus der Stiftungskasse ein Geschenk, noch mehr aber von den Taufpathen.

Nach Meier S. 427 pflegte man in Ebingen am Tage Johannes d. T. auf öffentlichem Platze, der die Burg heißt, Feuer anzuzünden und Erbsen daran zu kochen. Das sind die sogen. „Hansersche“, Johanniserbsen. Jetzt kocht man sie gewöhnlich in den Häusern.

Kirchweihfest. Wenn Palmer in seiner Homiletik sagt: Die Kirchweih als Gedächtnis der Erbauung und Einweihung der Ortskirche hat ihren schönen Sinn im Bewußtsein des Volkes größtentheils eingebüßt durch die Unsitte, die lärmendsten Lustbarkeiten und unmäßiges Essen und Trinken gerade an diesen Tag zu knüpfen, so ist das erste dieses Satzes allgemein wahr für den Bezirk, aber das zweite nicht, denn die Unsitte hat sich auch fast ganz verloren. Die Stadt Balingen hat eine Kirchweih nicht gehabt und hat keine, auch keinen Gottesdienst. In Frommern war Sitte und kommt in guten Jahren noch vor, daß ledige Bursche im Ort Geld sammelten zu allerlei Kleinigkeiten, Bändel, Haarschnüre u. s. w., welche dann herausgewürfelt wurden. In noch früherer Zeit wurde das Kegelspiel an der Kirchweih lebhaft betrieben. In Weilheim zogen Bursche mit einer Flasche Wein durch’s Ort, um die Mädchen zum Tanz zu holen. Sie führten an seidenem Bande einen Hammel mit, der dann herausgetanzt wurde. Einer der angesehensten Bursche hatte als Pfeifermeister die Aufsicht und unbedingten Gehorsam. In Zillhausen war Sitte, daß die tanzenden Paare an einer Stange vorüberzogen, an welcher ein Tüchlein und ein Band befestigt war, welche von Hand zu Hand gegeben wurden. Wer beim nächsten Glockenschlag dieselben in der Hand hatte, durfte sie behalten und den ersten Tanz machen.

Advent. In Winterlingen geht an diesem Tage Niemand mehr zum Abendmahl, weil vor etlichen Jahren einmal während der Kommunion Geister um den Altar getanzt haben sollen.

Andere Tage des Jahres werden noch ausgezeichnet: neben den allgemein angenommenen Unglückstagen in Hossingen der 1. April, an ihm ist Sodom und Gomorrha untergegangen; Kinder, an diesem | Tage geboren, werden Krüppel oder Bösewichter. Ebenso der 1. August, an welchem der Teufel vom Himmel geworfen wurde. In Balingen gilt der Abdonstag, 30. Juli, als geeigneter Tag, um Warzen und anderes zu vertreiben.

Der Nikolaustag, 6. Dezember, wird in vielen Orten noch ausgezeichnet durch gegenseitiges Geschenkgeben. In Truchtelfingen ist noch stark im Brauch das St. Nikolausschellen. Der Nikolaus schlägt die Kinder, die nicht beten wollen und bringt Nüsse und Äpfel. Abends stellen die Eltern ein Teller ans Fenster mit Haber für den Niklasschimmel, Morgens sind dann Äpfel drin. In Ebingen und Winterlingen ist an diesem Tage Christbescherung. In Balingen, wo er „Schante Klaas“ heißt, werden an diesem Tage menschliche Figuren gebacken, sogenannte Hanselmänner.


B. Sitten und Gebräuche, welche sich anschließen an den Verlauf des menschlichen Lebens von der Wiege bis zum Grabe.

Taufe. Bei dieser ist allgemeine Sitte zu schießen, um so öfter und stärker bei einer noch ledigen Gevatterin, ebenso das Vorspannen, wenn die Taufpathen mit dem Täufling aus der Kirche kommen. Gleich nach der Taufe wird dem Täufling in vielen Orten ein Geschenk ins Kissen gesteckt, Einstricket, Einstecket genannt. In Meßstetten wird auf das Papier, in welches das Geld gewickelt ist, ein Wunsch oder Spruch geschrieben. Ebenso gilt zu Gevatter stehen bei ledigen Mädchen als Ehrenamt, zu welchem die Freundinnen gratuliren und Glück in den Eierkretten wünschen, manchmal findet sich auch beim Nachhausekommen die Thür geschlossen und muß die Eröffnung derselben mit einer Gabe erkauft werden. Die Herren Gevatter sind meist spröderer Natur und lassen sich nicht viel gefallen, sie bezeichnen ihre Funktion sehr trivial mit den Worten „s Kindle nan heba“. Vor der Taufe darf beim Kind das Licht nicht gelöscht werden, an einzelnen Orten wird noch eine Bibel zu ihm in die Wiege gelegt, um es gegen Hexen zu schützen, auch aus Furcht vor Wechselbälgen. Fast alle verheiratheten Frauen kommen nach der Taufe und weisen d. h. bringen den Wöchnerinnen ein Geschenk, auch wird derselben vielfach Essen geschickt, so daß selbst im Hause des Armen über die Zeit des Wochenbettes keine Noth ist. Vor der Taufe darf die Wöchnerin nichts entlehnen und nichts ausleihen, namentlich keine Windel öffentlich aushängen, damit kein Zauber ins Haus kommt. Ihren ersten Ausgang macht sie in die Kirche; holt sie zuerst Wasser, dann wird das Kind ein Bettnässer, geht sie nicht in die Kirche, dann hagelt es.

Der erste Gang zur Schule und die Konfirmation sind wichtige Zeiten. Am Konfirmationstag sind als besondere Sitte zu erwähnen die reichen oft sehr namhaften Geldgeschenke, welche die Konfirmanden von ihren Taufpathen erhalten, leider aber in den nächsten Tagen in Zuckerstengeln und Bonbons verschlecken. In Thieringen heißt die Konfirmationskleidung das „Büchlebethäs“.

Die Rekrutenzeit mit all ihrem Unfug war und ist noch eine bemerkenswerthe Stufe der männlichen Jugend. Amulette aller Art werden angewendet, sich freizuspielen, darunter besonders die Einstecket | von der Taufe, wer diese noch hat und bei sich führt, spielt sich gewiß frei. Kommt die Zeit des Einrückens in die Garnison, so geht je ein Gemeinderath mit einem Rekruten von Haus zu Haus und sammelt Geschenke ein, deren Gesammtsumme bis zu mehreren hundert Mark sich belaufen kann. Im ersten Urlaub mit der Sonntagsmontur, ist ein stolzes Bewußtsein für den jungen Menschen, das überall Anerkennung findet.

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Der Hochzeittag bildet eine weitere Etappe auf dem Lebensweg, leider bei den Meisten keine ehrenvolle. Der Mangel an Ehrgefühl und stumpf gewordenes sittlich religiöses Bewußtsein erkennt es nicht für Schande, in die Ehe zu treten mit 2–3 Kindern, oft von verschiedenen Vätern. Darin liegt nicht minder als in den unguten Vermögensverhältnissen die Quelle unglücklicher Ehen, wobei Viele freilich auch mit demselben Leichtsinn der Scheidung sich unterziehen, wie sie dieselbe eingehen. Einer der wundesten Punkte des Bezirks. Verlöbnisse werden selten gefeiert. In Frommern ist es Sitte bei einem Verlöbnisse, daß die ledigen Bursche, welche etwas davon erfahren, im Hof des Hauses sich einfinden, Holz sägen und spalten mit viel Lärm, bis sie vom angehenden Bräutigam ins Wirthshaus geschickt werden, um auf seine Kosten sich gütlich zu thun. Zur Hochzeit wird geladen, wenn die Braut nicht vom Ort, durch einen Hochzeitlader mit einem Gesellen, welche in Weilheim eine frisch geschnittene Gerte tragen als Abzeichen, ein abgeblaßter Rest des Wehrgehänges, mit welchem in noch nicht zu langer Vergangenheit der Hochzeitlader paradirte. Ist die Braut vom Ort, so laden 2 Gespielinnen von Haus zu Haus immer mit denselben jedoch unwichtigen Redensarten. Am Hochzeittag beginnt das Fest mit der Morgensuppe im Hause der Braut. Diese besteht in Weißbrot, Bier, Branntwein, Kaffee. Die Hausmutter oder ihre Vertreterin steht dabei unter der Hausthüre und schneidet allen Kindern des Orts, auch den Armen, ein Stück Brot, das sie dann fröhlichen Muthes verzehren. Nach der Morgensuppe und Civiltrauung bewegt sich der Hochzeitzug in die Kirche, voran die Braut und die verwandten Weiber; mit lang gemessenem Abstand folgt sodann der Bräutigam und die verwandten Männer. In der Kirche nehmen sie bestimmte Plätze ein. Eine Gefallene darf den Kranz nicht tragen, in Ostdorf darf sie nicht in den Reihen der mit dem Kranz geschmückten Gespielinnen sitzen, sondern muß mit dem Reihen hinter ihnen vorlieb nehmen. Beim Heraustreten an den Altar wird der Platz der Braut sofort von einer Brautjungfer eingenommen, oder doch ihr Tuch darauf gelegt, damit keine Hexe auf dem Sitz sich niederlassen kann. Vor dem Altar steht häufig die Braut dem Bräutigam zur Linken, während der Trauung müssen sich die Ellenbogen berühren, damit es kein Unglück gibt. Von der Kirche bewegt sich der Hochzeitzug ins Wirthshaus zum Brauttanz. Tüchlesvortänzer heißt der Brautführer an manchen Orten, weil er nach dem Tanz mit der Braut ein Tüchle bekommt. Nach diesem Tanz geht alles heim. Das Hochzeitessen ist entweder in der Familie oder nur mit den allernächsten Angehörigen im Wirthshaus. Sind die Brautleute im Ort, so tragen die Brautjungfern den künftigen Hausrath offen zur Schau ins künftige Haus, was glitzt und gleist wird wohl auch in der Wirthsstube im Brautwinkel an einem Eisendrath aufgehängt oberhalb des Sitzes der Brautleute, auf welchem | sie aber nur selten ausruhen dürfen, da ihre Aufgabe ist, unter der Thüre des Wirthshauses zu stehen und von den eintretenden Gästen die Hochzeitschenke in Empfang zu nehmen. Diese beträgt meist eine hübsche Summe und erleichtern ärmeren Brautleuten den Anfang des Hausstandes wesentlich, weshalb selbst der Arme seine Hochzeitschenke gibt und sei es mit 10 Pfennig. Ist die Braut von einem anderen Ort, so kommt Tags zuvor der Brautwagen mit dem Hausrath, reich den Wagen geziert mit Kränzen, der Fuhrmann, die Pferde und die Peitsche mit Bändern, mit gewaltigem Schießen zu Haus geladen und abfahrend, und ebenso in Empfang genommen und abgeladen. Hoch oben auf dem Wagen die Doppelbettlade, vor ihr die Wiege, hinter ihr die Kunkel, unter ihr der sonstige Hausrath. Auf dem Wagen sitzen vornen festlich gekleidet meist 2 Brautjungfern. Beim Einfahren wird ein Seil vorgespannt oder bilden Kinder eine Kette und der Fuhrmann muß sich lösen zur Weiterfahrt mit einem kleinen Trinkgeld. In Dürrwangen regalirt der Wirth, bei welchem die Hochzeit gehalten wurde, die neuen Eheleute und ihre Genossen am Tag nach der Hochzeit mit einem Saueressen. Nach der Hochzeit arbeiten Frau und Mann gleich emsig in Haus und Feld, sie reden von einander nur „der Mein,“ de Mein“. Unterbrochen wird die Arbeit durch wenige gute Stunden, die man sich gönnt mit besserer Kost und reicherem Trunk, an der Heukatz nach vollendetem Heubet, der Sichelhänget nach vollendeter Ernte, der Flegelhänget nach Beendigung des Dreschens. Ein rühmenswerther Zug ist, daß die Arbeiter, welche die Woche über gearbeitet haben in Einem Haus, auch am Sonntag zum Mittagessen kommen dürfen.

Gegen den Schluß des Winters und Anfang des Frühjahrs ist ein lang geplantes Familienfest die Metzel- oder Metzgersuppe, an welcher auch in nicht vermöglichen Familien ein Schweinchen abgeschlachtet wird, bei Vermöglicheren oft 2. Die Armen bekommen Kesselbrühe mit einer Wurst, den Kindern werden kleine Bratwürstchen verabreicht, in manchen Orten dürfen sie mitessen, nur müssen sie dann Teller, Messer und Gabel mitbringen. Der Pfarrer bekommt die sogenannte Schuldigkeit, immer den gleichen Braten mit einer langen Wurst. In manchem Ort hört jedoch die Schuldigkeit nach und nach fast ganz auf. Im Hause, wo gemetzelt wird, fehlt der Humor nicht. Ein Freund oder Nachbar findet sich an der Stuben- oder Stallthüre ein und singt:

Ich singe um den kleinen Magen,
Den großen könnt’ ich auch vertragen.
Es läuft eine goldene Schnur ums Haus,
Werfet auch ein Würstchen raus.

Unter Scherz und Lachen tritt er dann in die Stube und ißt vergnüglich mit. Wo nicht eingetreten wird ins Haus, wird eine Metzgersuppe den Freunden zugeschickt, meist unter einem weißen Schurz getragen, wie die Frauen überhaupt alles, was über die Straße getragen wird, unter dem Schurz verstecken.

Des Bauern Stolz ist sein Vieh und seine Miste; der Bäuerin der Butter und ihr Eierkorb, deren Ertrag häufig die vom zu genauen Manne im Etat der Haushaltung gestrichenen Posten decken muß, geheime Marktausgaben, oder gar ein verborgenes Schöpplein, hie und da selbst ein Schnäpslein. Das Brechen des Hanfes auf offener Straße | an warmem Tage ist gleichfalls der Hausfrau und ihrer Töchter Lust, wobei die Sitte des Fürstreuens noch hie und da geübt wird mit dem Spruch:

Hier schüttl i meine Angla,
Den Herrn nem i g’fanga,
G’fange müßt se sei,
Bis sie in Sack nei lange;
Dent se mer ebbes spendira,
So laß ich ui passira,
Spendiret se aber nint,
So bleibet mer doch guot Frind.

(Mündlich aufgenommen in Frommern.)

Der Hanf wird zumeist ins Haus und für die künftige Aussteuer verwendet, und ist eine Mahnung an den in Aussicht stehenden Ausding. Ist des Lebens Lust und Mühe getragen, das Kinderhäuflein großgezogen, alle bis aufs letzte untergebracht, dann wird unter den Kindern von den Eltern das Vermögen getheilt und diese ziehen in das Ausdingstübchen, wo Vater und Mutter im Alter in Ehren gehalten werden, leider auch nicht selten erfahren müssen, daß auf der Kinder Bänken hart zu sitzen ist, wenn sie die Thorheit begangen, nicht fürs Alter die nöthigen Mittel zu sichern in Feld und Stall. Finden Kinder kein Unterkommen im elterlichen oder schwiegerelterlichen Hause, so wird, jedoch selten, zum Neubau geschritten. Dieser wird ohne Techniker nach dem Entwurf des Zimmermeisters und Maurers ganz nach hergebrachter Weise ausgeführt, Freunde und Nachbarn leisten treulich Beihilfe mit Fuhren und Handlangen. Hat der Zimmermann aufgeschlagen, so kommt ein Maien mit Bändern auf das Haus und wird eine kleine Festlichkeit veranstaltet mit Schießen und allerlei Neckereien, welche im Zimmerspruch kulminiren. Ein Geselle hält denselben und bekommt als Lohn dafür ein buntes Tuch; hinter ihm steht ein Mitarbeiter mit einer Weinflasche und Glas und stärkt ihn, während der meist scherzhaften Rede, wie z. B.

Nun wünsch ich dem Bauherrn ein fett Rind,
Der liebwerthen Baufrau ein Kind
und der Tochter zwei
und ihrer Magd drei,
Dann gibt’s ein ganzes Hausgeschrei.

Derartige Reimereien kommen noch viele vor. Den Schluß bildet, nach geleerter Flasche das Herabwerfen des Glases mit den Worten: „Wenn’s bricht, gibt’s hier keine keuschen Jungfern nicht“, worauf sämmtliche Mädchen sich befleißen, das Glas in der Schürze aufzufangen, um dem allgemeinen Gelächter zu entgehen, zugleich um ein ungünstiges Zeichen abzuwenden für das Glück des Hauses, was im Zerbrechen des Glases gesehen wird. Vereinzelt findet sich die Sitte, Sprüche am Hause anzubringen. Unsichtbar steht über allen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Fällt einem Hause das Todesloos, so zeugt manche schöne Sitte, daß trotz allem Scherz der Gedanke an die Hinfälligkeit alles Irdischen die Herzen erfüllt. Die Todten- und Leichengebräuche lassen am tiefsten ins Herz des Volkes sehen. Stirbt | ein Kind, so trägt es gewöhnlich die Pathin auf den Kirchhof und muß dafür einen kleinen Lohn annehmen, damit das Kind besser ruht. Auf Kindersärgen und Gräbern ist Schmuck von Blumen und Kränzen regelmäßig, in einzelnen Orten kleine Kreuze aus Hobelspähnen oder Papier und vergoldet. In Winterlingen kommen beim Tod von jungen Leuten die Altersgenossen Abends vor das Trauerhaus und singen geistliche Lieder. Schüler werden von Mitschülern zu Grabe getragen. Bei Leichen von Erwachsenen wachen Freunde und Nachbarn. Der, welcher den Todesfall dem Pfarrer anzeigt, behält in einigen Orten den Hut auf und hält ein zusammengefaltetes weißes Tuch in der Hand. Beim Leichengottesdienst hat der nächste Anverwandte oder dessen Stellvertreter auch in der Kirche den Hut immer auf dem Kopf, selten auch alle männlichen Leidtragenden. Die Weiber stehen in vielen Orten an den Sonntagen, welche dem Leichengottesdienst folgen, in die Trauerstühle meist so lang, bis sie von anderen abgelöst werden. In Endingen wird den Sargträgern vor dem Haus der Lohn auf die Bahre gelegt und nehmen sie denselben weg, bevor sie den Todten aufheben. In Balingen, wo Frauen selten eine Leiche auf den Kirchhof geleiten, findet sich die liebliche Sitte, am 16. Sonntag nach Trinitatis mit dem Evangelium Luk. 7, 11 ff., die Auferweckung des Jünglings zu Nain, auf dem Kirchhof eine Todtenfeier zu halten und wird der Gottesdienst an diesem Sonntag in der Gottesackerkirche gehalten. Die Gräber werden mit Blumen und Kränzen geschmückt. In Truchtelfingen wird den Verstorbenen heute noch etwas Unvergängliches in den Sarg gelegt, ein Glas- oder Töpfergeschirr. Abergläubische Gebräuche sind wenige. Im Hause muß das Essig- und Mostfaß, Krautstande, Bienenkörbe, Milchhäfen u. s. w. von der Stelle gerückt und bewegt werden, damit es nicht auch todt d. h. unbrauchbar wird. Selten werden dem Todten Krankheiten in Zetteln oder sonstiger Form ins Grab mitgegeben, daß sie aufhören, wie z. B. bei Warzen der Spruch lautet: „Warz nimm ab, wie der Todte im Grab.“ Weit häufiger macht sich der Aberglaube mit den Verstorbenen zu schaffen nach dem Begräbnis und gönnt ihnen keine Ruhe im Grab.


Sagen und Aberglaube.[28]
1. Geister- und Gespenstersagen.
Auf dem Balinger Kirchhofe ist schon dreimal ein und derselbe Leichnam eines Mannes unverwest wieder ausgegraben worden; er streckte 3 Finger in die Höhe, wie beim Schwören. Diese 3 Finger waren schwarz und hatten lange Nägel. Man hat schon versucht, die Hand in eine andere Lage zu bringen und hat deshalb den Leichnam umgekehrt, allein er dreht sich immer wieder herum und hebt die drei | Finger in die Höhe. Vor einigen Jahren hat man ihn zum drittenmal begraben in einen Winkel, wo keine Sonne und kein Mond hin scheint.

Der Hammel an der Steinach (M. schreibt fälschlich Steinlach). Es ging ein Mann mit seinem Hund an der Steinach und sah am andern Ufer einen schönen Hammel. Nur mit Mühe ließ der Hund sich zurückhalten, er wollte beständig hinüber. Endlich entkam er, sprang durchs Wasser und stürzte auf das Thier los. Wie er dem Hammel so nahe war, daß er ihn hätte packen können, wandte er sich um, und so mehrmals. Da ging der Mann selbst über den Bach, um das schöne harmlose Thier einzufangen. Allein wie er ihm so nahe kommen war, daß er ihn hätte fassen können, ward er ihm entrückt und lief dicht vor ihm her, vergeblich mühte er sich, ihn zu fassen, da ward der Hammel plötzlich zu einem Rind und kurz vor Balingen wurden aus dem Rind 3 Ritter, die in die Stadt ritten. Gleiches wird auch vom Binsenbol erzählt, wo Kinder beim Erdbeerensammeln zuerst nur Baumstotzen, dann plötzlich 12 Ritter sahen. In Frommern geht auf dem Fronhof und Umgebung auch ein Hammel, ein großes Thier, das schon viele gesehen haben wollen. So oft man ihm auf wenige Schritte naht, bläht er sich auf und verduftet.

Auf dem Hirschberg bei Balingen wächst an einer bestimmten Stelle alljährlich ein Brennesselmann mit ausgestreckten Armen und Beinen. Man hat die Nesseln schon mehrmals ausgerottet, allein es wachsen jedesmal neue und bilden immer dieselbe Figur. Was da geschehen sein mag, weiß Niemand. (M.)

Bei Thailfingen ist die Katzwang, ein Wald, worin ein Geist beharrlich dengelt. Mal riefen ihm zwei Bauern, die eben vom Markt heimgingen: „mach’s recht! mach’s recht!“ da dengelte der Geist dergestalt drauf los, daß der ganze Wald erzitterte. (B.) Solcher Denglegeister gibts fast auf allen Markungen des Bezirks. Auch andere Geister, welche, wie der zwischen Engstlatt und der Mühle, der die ganze Nacht nackend Klee laden muß, weil er Klee gestohlen hat, finden sich häufig; so weiter der Geist „Bergmann“, der auf der Brücke zwischen Onstmettingen und Thailfingen sein Unwesen treibt; der „Holemutzgeist“, der an der Lochen die Vorübergehenden erschreckt mit dem Ruf: „Hole mutz, hole mutz!“ Zwischen Hausen und Onstmettingen geht ein alter Geist-Knäule bald in Hundsgestalt, bald in Erbsenbüschelform, ängstigt die Leute und führt sie irre.

In Hossingen, dessen Bewohnern längst nahe geht, daß die Lautlinger Markung ihrem Ort so nahe liegt, geht die Sage vom Kübelehans. Vor alter Zeit lief ein Lautlinger Namens Kübel auf Hossingen zu, und die Hossinger liefen Lautlingen zu, und wo sie sich trafen, sollte die Grenze sein. Der schlaue Kübel aber hatte sich vertragswidrig zu bald auf den Weg gemacht und kam bis nahe an das Dorf Hossingen. Vorher hatte er Lautlinger Erde in seine Schuhe und einen Löffel unter seinen Hut gethan und beschwor nun, er stehe auf Lautlinger Boden, so wahr ein Schöpfer über ihm sei. Die Hossinger verloren dadurch viele Äcker und waren sehr erbost. Der Kübel erhängte sich nachher und ward in einem Faß begraben ganz nahe der Hossinger Markung. Aber Ruhe hat er nicht, denn in der Adventszeit | ist er dabei, wenn die Leute beim Vorübergehen des Nachts sehen, daß Geister mit feurigen Prügeln auf einander schlagen.

Den Felduntergängern gönnt das Volk selten Ruhe, sowie denen, die bei Lebzeiten Marksteine verrückt haben. Die Sagen sehen sich alle ziemlich gleich, weshalb als Beispiel nur die von den Felduntergängern zwischen Engstlatt und Balingen gegeben werden soll, wie sie von Augenzeugen heute noch bestätigt wird. Auf einer Fahrt mit Obstwägen von Tübingen her sahen drei Fuhrleute vom Schafhaus herüber ein Licht im Zickzack sich bewegen (dieses Licht wird und will von vielen gesehen sein). Es kam nahe an die Landstraße etwa 20 Schritt und blieb in der Nähe eines offenen Grabens, (der bei Tag nicht gesehen wurde, stehen über 4 Männern mit gelben Lederhosen und Lederbändeln an denselben: sie waren ohne Köpfe, hatten Meßstangen in den Händen und schlugen weidlich aufeinander los. Einer der Fuhrleute versicherte, er habe diesen eine ganze Viertelstunde zugesehen. Dann hob sich das Licht, die 4 Männer mit sammt dem Graben verschwanden und das Licht hob sich etwa 100 Schuh weit weg, blieb dann wieder stehen, und unter ihm erschien am Wege ein zottiger schwarzer Hund mit 11/2 Fuß langer Nase. Auch er verschwand mit dem Licht. Auf dem Binsenbol und anderen Orten geht dieselbe Sage.

In der Leimenhalde bei Truchtelfingen, da wo der Weg ins Killerthal vorüberführt, ist ein kleines Grab, angeblich von einem neugeborenen Kinde, das von seiner Mutter lebendig begraben wurde. Dieses Grab fanden Weiber, die vom Killerthal nach Truchtelfingen gingen, denn das Kind streckte sein Ärmlein mit drei aufgehobenen Fingern heraus. Die Weiber entnahmen das Kind dem Grabe und trugen es zum Pfarrer in Truchtelfingen, der für regelmäßiges Begräbnis sorgte. Die unnatürliche Mutter soll ermittelt worden sein, aber nur eine geringe Strafe erhalten haben. Dafür muß sie als Geist in der Leimenhalde in der Nähe von ihres Kindes Grab sich aufhalten. Die Mutter wird heute noch, obwohl die Sache vor 60–80 Jahren vorgefallen ist, an diesem Ort gesehen, auch halten die Killerthäler, welche des Weges kommen, die Grube stets offen, schneiden auch in benachbarte Bäume Kreuze ein und halten überhaupt den Ort in Ehren. Vor etlichen Jahren ging ein Mann von Truchtelfingen an der Stelle vorüber. Diesem erschien die Mutter des Kindes und bestellte ihn auf die andere Nacht um 10 Uhr in den Wald in der Nähe der Leimenhalde. Nicht beherzt genug, allein zu gehen, nahm dieser einen als muthig bekannten Mann mit, und diese 2 gingen an den bezeichneten Ort. Dort angekommen, sahen sie anfangs nichts, bis etwas wie ein großes Ei aus dem Boden schoß, aus diesem brach sodann eine Flamme hervor, aus welcher zuletzt die Mutter vor sie hintrat. Sie winkte dem Einen näher, als wolle sie mit ihm sprechen. Dieser trat etwas näher, der andere hörte sie sprechen, aber plötzlich fiel der Erste dem Zweiten fast ohnmächtig in die Arme, die Gestalt verschwand und die beiden gingen eilig und erschrocken heim. Was das Weib gesagt hat, ist nicht bekannt geworden, aber andern Tages ist der Mann, welcher mit dem Weib geredet hat, in Folge des Schreckens gestorben. So erzählt ein Anverwandter desselben.

Der Bronnhauptergeist wird als Licht gesehen und führt gerne die Leute irre. Es ist ein früherer Pächter des Hofes, der beim Abzug | statt Korn Spreuer auf die Felder säete und nun als Licht umherirren muß.

Im Pfarrgarten in Erzingen wandelt der Pfitzergeist; er wird gesehen als Pfarrer im Ornat mit der Liturgie in der Hand, und wird von ihm gehört ein klägliches Weinen – im Volksmund pfitzen –. Er beklagt den Tod eines Kindes, das auf unrechtmäßige Weise in die Welt und aus der Welt gekommen ist, und harrt auf Erlösung.

Wie bekannt, finden sich Geister in vielen Pfarrhäusern. Im Pfarrhaus in Frommern sind schon etliche Mägde durchgegangen aus Furcht vor dem Pfarrhausgeist. Im Pfarrhaus in Margrethausen, einem Theil eines früheren Klosters, polterts oft gewaltig, wie wenn Holzschuhe durcheinander geworfen würden.


2. Hexensagen und Mutesheer.

Nicht weit von Balingen ist der berühmte Berg, den man Heuberg nennt und von welchem man vorgibt, daß die Hexen auf demselben zusammenkommen und ihre Teufelsspiele haben. Das ist gewiß, daß anno 1589 im Herbst etliche dergleichen Weiber und der fürnehmste Rathsherr zu Schömberg verbrannt worden, die alle bekannt haben, daß sie gewohnt gewesen, des Nachts auf diesem Berg zusammenzukommen, mit den Teufeln zu tanzen, zu buhlen, Menschen und Vieh zu beschädigen. Daher kommt es auch, daß die gemeinen Leute die Gespenster und Lichgesichter, die auf diesem Berg häufig gesehen werden, für Zauberei von den Hexen und Teufeln halten. (M. nach Crusius.)

In Weilheim ist diese Zusammenkunft der Hexen auf dem Heuberg wohl bekannt. Wenn sich eine bei der Heimkehr verspätet, so kann sie möglicherweise erwischt und entlarvt werden. Erst vor einigen Jahren ist eine Verspätete Morgens früh in der Luft durch den Ort gefahren unter furchtbarem Geheul. Viele Leute sind aus dem Bett gefahren, haben die Fenster schnell aufgerissen und wollten die Ursache des Geschreies erfahren. Auch der Brückenwirth that also, konnte aber nichts sehen, doch erzählte ihm der damalige Nachtwächter M. St. voll Schrecken und Entsetzen, daß die Hexe soeben ganz nahe an ihm vorbeigefahren sei und ihm den Hut vom Kopf gestreift habe.

Durch Thieringen kam sonst alljährlich das Mutesheer mit Saus und Braus und zog durch ein bestimmtes Haus, in welchem man deshalb immer Thüren und Fenster aufmachen mußte, sobald man es kommen hörte. Doch dachte einsmals der Hausherr: er wolle doch einmal aufbleiben und zusehen, was es mit dem Mutesheer auf sich habe und blieb deshalb, als es eben hindurchfuhr, in der Stube sitzen. Da rief aber eine Stimme: „Streich dem da die Spältle zu.“ Und alsbald deuchte es den Mann, als ob ihm Jemand mit dem Finger um die Augen herumfahre, worauf er plötzlich erblindete. Alle Mittel, die er anwendete, um wieder sehend zu werden, halfen nichts. Da gab ihm eines Tages Jemand den Rath, er solle doch das nächste mal, wenn das Mutesheer wieder durch sein Haus fahre, sich ins Zimmer setzen; schaden werde es auf keinen Fall. Diesem Rath folgte der Mann, als das Heer im folgenden Jahr wiederum hindurchzog, da rief eine Stimme: „Streich dem da auch die Spältle wieder auf!“, | worauf der Mann eine Berührung um seine Augen herum fühlte und mit einem Mal wieder sehen konnte. Da erblickte er auch das ganze Mutesheer, das war eine Schaar ganz verschiedener Menschen, alte und junge, Männer und Weiber, und alle machten einen wilden Lärm. (M.) In Onstmettingen ließ sich ehedem das wilde Heer vernehmen, es machte die schönste Musik in den Lüften, besonders über des Jokelis Bauernhaus. (B.)

Eine besondere Art von Hexen, die das Albdrücken hervorbringen, nennt man Schrettele oder Schrettle, im ganzen Bezirk bekannt. Sie quälen nicht blos Menschen, sondern auch Thiere, flechten namentlich den Pferden Zöpfe in Mähnen und Schweif, meist bei Nacht, worauf die Pferde des Morgens am ganzen Leibe schwitzen und vor Angst zittern. Drei in einander geschlungene Dreiecke, der sogenannte Drudenfuß, auf der Schwelle der Thüre oder des Stalls angebracht, schützen davor.


3. Zwerge und Erdmännlein.

Erdmännlein werden viel besprochen in der Gegend, auch ohne daß dieselben zu bestimmten, an gewisse Orte gebundenen Sagen geführt haben. Nur einige solche sind bekannt.

In einem Wald bei Geislingen gab es ehedem viele Erdmännle und Erdweible. Das waren ganz kleine Leute, die thaten alle Arbeit für die Menschen, kehrten das Haus, fütterten das Vieh und backten das Brod. Einstmals kam ein solches Erdmännlein nach Geislingen zu einer Hebamme und bat dieselbe, daß sie doch mit ihm gehen und seiner Frau, die eben niederkommen wollte, helfen möchte. Die Hebamme aber fürchtete sich, weil es Nacht war, und begehrte, daß auch ihr Mann mitgehe. Das Erdmännlein hatte nichts dagegen und ging alsbald mit einer Laterne voran und zeigte der Hebamme und ihrem Mann den Weg in den Wald. Nach einer Weile kamen sie vor eine Moosthüre, die that sich auf und sie traten in einen unterirdischen Gang. Darauf kamen sie zu einer hölzernen Thüre und gingen durch dieselbe hindurch. Endlich kamen sie noch an eine dritte Thüre, die war von glänzendem Metall und darauf ging es eine Treppe hinunter, tief in die Erde hinein, und dann traten sie in ein prächtiges großes Zimmer, woselbst das Erdweiblein im Bette lag und sogleich von der Hebamme entbunden wurde. Da bedankte sich das Erdmännlein recht schön und sagte: „Unser Essen und Trinken schmeckt euch doch nicht, deshalb will ich Dir hier etwas anderes mitgeben.“ Und bei diesen Worten gab es der Hebamme eine ganze Schürze voll schwarzer Kohlen; die nahm sie zwar hin, dachte aber, wenn du erst draußen bist, so wirfst du sie wieder fort, denn sie fürchtete sich, das Erdmännle zu beleidigen, sonst hätte sie ihm die Kohlen sogleich wieder vor die Füße geschüttet. Alsdann nahm das Erdmännle seine Laterne und leuchtete der Hebamme wieder heim. Unterwegs aber langte die Hebamme heimlich in ihre Schürze und warf eine Kohle nach der anderen hinaus, und das ging so fort bis dicht vor Geislingen. Da sagte das Erdmännle, welches wohl bemerkt hatte, was die Frau that:

„Wie minder ihr zettelt,
Wie mehr ihr hättet.“

| Dann kehrte es um und bedankte sich nochmals und ging in den Wald zu den Seinigen zurück. Jetzt wollte die Hebamme die übrigen Kohlen, die sie noch hatte, auf die Erde schütten; allein ihr Mann sprach zu ihr: „Dem Erdmännle scheint es ernst zu sein mit seinem Geschenk; deshalb solltest Du die Kohlen behalten.“ Da nahm sie den Rest mit nach Haus. Wie sie daheim ihren Schurz auf den Herd ausschüttet, da waren statt der Kohlen lauter blinkende Goldstücke darin, so daß die Leute mit einemmal sehr reich wurden und sich ein Gut kauften. Die Frau suchte nun noch sehr emsig nach den Kohlen, die sie verzettelt hatte, konnte aber keine mehr finden. (M.)

In der Mühle zu Laufen hat sich früher ein Erdmännle aufgehalten und dem Müller bei seiner Arbeit geholfen. Er durfte Abends nur die Kornsäcke bereit stellen und dann sich schlafen legen, so fand er am anderen Morgen das Korn auf’s feinste gemahlen. Weil das Erdmännle aber beständig ganz zerlumpte Kleider an hatte, ließ ihm der Müller einst ein neues „Häs“ machen. Das nahm es zwar, sagte aber: „jetzt sei es ausgezahlt“ und kam nicht wieder.

Bei Neuweiler in der Nähe von Onstmettingen sah man früher öfters ganze Haufen von Zwergen tanzen. (B.)

Der Linkenbold in dem Linkenboldslöchle bei Onstmettingen gehört entweder hieher, denn nach der Leute Sagen ist er ein Zwerg und Kobold, oder, wie bei Schwab zu lesen, gehört er zum Mutesheer als dessen Anführer. Jedenfalls muß, wer das Löchle besucht, sich vor ihm schützen, es sei denn, daß der Böse, seit ein besserer Zugang zur Höhle gemacht ist, es für gerathen fand, auszufahren.


4. Sagen, die sich an Burgen, Berge, Kapellen u. s. w. knüpfen.
Am bekanntesten ist die Sage vom Hirschgulden, einer früheren Münze mit einem liegenden Hirsch. Diese Sage geht bald vom Hirschberg aus, auf welchem in Wahrheit zu keiner Zeit eine Burg stund, bald von der Schalksburg, deren Ruinen noch zu sehen sind. Am einfachsten erzählt die Sage Meier wie folgt: Es waren einmal drei Brüder, die hatten drei Schlösser auf der Alb, der eine auf dem Hohenzollern, der andere auf dem Hirschberg und der dritte besaß die Schalksburg. Dieser letztgenannte spielte seinen Brüdern manchen Streich, weshalb er von ihnen den Zunamen der „Schalk“ erhielt. So war er z. B. einstmals krank und ließ das Gerücht verbreiten, er sei gestorben. Darauf eilten die beiden Brüder sogleich herbei und wollten, weil der Schalk keine Kinder hatte, sich in die Erbschaft theilen, geriethen aber darüber alsbald in heftigen Streit. Nach der Krankheit, dem Ende und der Leiche des Bruders fragten sie nicht, bezeugten auch durchaus keine Trauer über sein Ableben. Während sie nun eben ganz erhitzt und ernstlich sich zankten, trat der Schalk, der sich bisher versteckt gehalten hatte, in ihre Mitte und sprach: „Jetzt kenne ich doch eure Gesinnung!“ und verkaufte nachher heimlich seine Burg mitsammt der Stadt Balingen auf den Fall seines Todes an Wirtemberg um einen einzigen Hirschgulden. So viel M. Allgemein wird hinzugefügt, daß die beiden Brüder im Zorn nach Balingen geritten seien, um den Hirschgulden zu versaufen. Es wird noch das Haus, jetzt dem Kaufmann Lang gehörig, in welchem sie zechten, gezeigt. Während sie ihren | Zorn im Weine verschluckten, wurde in der Stadt bekannt gemacht, daß die Hirschgulden von Wirtemberg nicht mehr an Zahlung genommen werden, sondern abgeschätzt seien. Als die Brüder zahlen wollten, hatten sie nur den Hirschgulden, den der Wirth nicht annahm, und so mußten sie noch mit Schulden abziehen.

Die Sage vom Schatz im Gräbelesberg und auf der Schalksburg sind wohl nur Variationen, sowie auch die vom Schloßweible. In allen erscheint ein Fräulein meist in weißer Gestalt, und ein schwarzer Hund, der große Schätze hütet. Burgfräulein als Geister sind auch auf der Burg bei Truchtelfingen, auf dem Wenzelstein hinter dem Lochen, im Balinger Wald, wo ein solches zwei armen Weibern die herrlichsten Sachen von Silber und Gold anbot, diese aber nahmen aus Furcht nichts. Es befiel sie eine große Angst und sind wenige Tage nachher gestorben. (Theilweise nach M.)

Bei Burgfelden der Schalksburg zu soll häufig der sogenannte Schimmelreiter gesehen werden, doch ohne Kopf.

Über die St. Ulrichskapelle, deren Stätte übrigens nicht mehr gekannt wird, geht nach B. folgende Sage: Dies Ulrichskirchle bei Balingen ist bei unseren Zeiten in wenig Jahren abgebrochen und zerstört worden, aufer Anstiften ains Predicanten zu Balingen und ains Amptmanns des Fürsten daselbs. Derselbige hat fürgeben, man müeße die Stain zu ainem Gebew geen Balingen gebrauchen; ist aber nit beschehen und liegen der merer Stain noch auf dem Platz. Sie haben das alt Kirchle nit länger gedulden mögen. Was ist aber beschehen? In Kürze darnach ist der Predicant gestorben und als man ine zu Balingen zu Annfang des Jhars in aller Kelte vergraben wollen, hat man ein Wundermeng lebendiger Wurm und Schlangen in der Gruben gefunden, die sich auch nit abtreiben haben lassen wollen. Das ist damals für ain sonders Zaichen von meniglichem gehalten worden. Dem andern Kirchenstürmer, dem Keller zu Balingen, ist sein Frevel auch nicht unbelont blieben. Denn nachdem er viel böser Stuck verpracht, indem im von seiner Obrigkeit lang zugesehen, da hat in der Herr aller Herren angriffen, das er von Sinnen kommen, stum und ainem lautern Kindt gleich ist worden.

Beim sogenannten Mönchhof, Roßwanger Markung, aber im Besitz theilweise von Leuten aus Weilheim, und dem Ziegelwasen, ist ein Geist, der namentlich die Schäfer erschreckt. Er soll hie und da sichtbar sein in vergoldetem Ornat, und schlägt deshalb in der Nähe kein Schäfer den Pferch bei Nacht ein, sondern wartet bis Morgens. An einer bestimmten Stelle kann kein Schäfer den Pferch aufschlagen, weil alle Schafe wie toll werden, die Hürden zusammensprengen und ausbrechen.

Am Böllat findet sich das Pfaffenbrünnlein, welches seinen Namen erhielt, weil die Träger den Sarg eines Pfarrers auf dem Weg von Zillhausen zu dem Kirchhof nach Burgfelden in dieses Brünnlein haben fallen lassen.


5. Allerlei sonstiger Aberglaube.

In Truchtelfingen schützt gegen Blitz ein mit allen 8 Nägeln gefundenes Hufeisen, das in der Scheuer aufgehängt ist.

| In Frommern und Hossingen finden sich häufig unter den Läden aufgehängte Blitzsteine, d. h. Steine, welche, dem Bach entnommen, durch Verwitterung ein natürliches Loch in der Mitte haben. Diese schützen vor Blitzstrahl. Ebenso wird noch viel Geld ausgegeben für Leute, welche für Krankheiten an Menschen und Vieh helfen oder „thun“ können. Beim Milzbrand der Schweine z. B. bohrt der Betreffende Löcher in die Sausteige, schiebt kleine Zettel hinein mit unverständlichem Zeug darauf und verspündet sie. Das soll helfen. Gegen das Schrettle, das den Pferden Zöpfe flicht, bindet man denselben Zettel mit den 3 höchsten Namen an Schweif und Mähne. Eine Rähe wird in Frommern vielfach gebraucht, d. h. es wird von einer jungen Eiche die Rinde auf der Seite abgelöst, wo keine Sonne und kein Mond hinscheint, und diese dann gedörrt, zu Pulver gestoßen und dem kranken Vieh gegeben, natürlich alles unbeschrien.

In Meßstetten springt die Hausfrau, wenn ein Gewitter in Sicht kommt, schnell ins Haus, nimmt das Tischtuch und wirft es zum Fenster hinaus, damit das Gewitter ohne Hagelschlag vorüberziehe.

In Erzingen soll man das Geflügel, wenn man es im Frühjahr zum erstenmal hinausläßt, über den linken Strumpfbändel laufen lassen, dann kommen sie wieder und verlegen nicht. Katzen soll man zu demselben Zweck nur aus dem linken Schuh fressen lassen. Bei den Schäfern, die im Bezirk zahlreich sind, findet sich noch viel abergläubisches Zeug. Beim Verschließen des Pferches geht er mit seinem Hund an jedem Posten vorüber und gibt ihm drei Schläge in den drei höchsten Namen. Sind die Schafe gebläht, so nimmt er mit der linken Hand drei Steine auf, wirft sie unter Nennung der drei höchsten Namen in die rechte, schleudert sie sodann dem kranken Thier an den Bauch, so ist’s gesund. Schafdiebe weiß der Schäfer so zu fangen, daß sie am Pferch sitzen bleiben müssen; er braucht dazu drei Nägel einer Todtenbahr. Nicht hieher gehörig ist, aber bei den Schäfern zu erwähnen, daß der Schafknecht, wenn er bis Neujahr im Freien hüten kann, einen neuen Hut bekommt.

Die Glocken spielen beim Aberglauben eine nicht unwichtige Rolle. Sie ruft den Kranken mit ihrem Ton zum Sterben. Oft kann man von solchen die Versicherung hören: ich weiß, daß ich bald sterben muß, die Abendglocke hatte ihren eigenthümlichen Ton.

Wenn Kinder in der Zeit des Zahnens zu Nachbarn oder Freunden auf Besuch mitgenommen werden, so ist es Sitte, ihnen zwei Eier zu schenken, sie zahnen dann leichter.


6. Pädagogische Gebräuche und Sagen.

Auch solcher möge einige Erwähnung geschehen.

M. berichtet über den Balinger Brand. Im Jahr 1809 brannte Balingen zum fünften Mal ganz ab. Der Blitz schlug ein, und obwohl kein Wind ging und man Wasser genug hineingoß, so griff doch das Feuer mit wunderbarer Macht um sich und war gar nicht zu löschen. Die Leute der Umgegend sagen, dieser Brand sei eine Strafe gewesen, weil die Balinger am Peter und Paulstag Heu gemacht hätten. Man erzählt auch noch: ehe der Blitz eingeschlagen, sei eine Schwalbe vor dem Fenster eines Schullehrers ängstlich hin und hergeflogen. | Dieser habe das Fenster geöffnet und wie er seine Hand nach der Schwalbe ausgestreckt, habe der Blitz gezündet. Zum Andenken an diesen Brand ist eine Brandpredigt gestiftet und wird heute vom jeweiligen Helfer gehalten.

In manchen Orten ist die Sitte des Spreuerstreuens vom Haus und der Thüre des Ehebrechers bis zum Haus und der Thüre der Ehebrecherin bis auf den heutigen Tag erhalten.

In Onstmettingen wird mit größter Strenge daran festgehalten, daß ein gefallenes Mädchen, wenn sie einen Kirchenstuhl besitzt, denselben mit ihrem Fehltritt verliert und ihn an eine noch reine Jungfrau abgeben muß.

Von Pfeffingen wird von B. erzählt: Wenn Eheleute zänkisch leben, so werden sie zur Nachtzeit durch einen starken Schlag an ihre Thüre und den Zuruf „der Datte kommt!“ gewarnt und zum Frieden erinnert. Den unfriedlichen Leuten wird eine kurze Frist gegönnt, sich zu bessern, um dem Datte die Bemühung, sein Amt an ihnen zu verrichten, zu ersparen. Fruchtet dieser erste Wink nichts, so wird der Stockschlag noch 2 oder 3 Nächte mit Nachdruck wiederholt und der Zuruf verstärkt. Trägt es sich aber zu, daß auch dieses ohne Nutzen abläuft, so brechen 2 oder 3 verkleidete, sonst unkennbare Männer in das von dem Asmodi besessene Haus mit Gewalt ein, und nun geschieht das, was vorhin an der Hausthüre geschah, auf dem Rücken der Katzbalger mit solcher Energie, daß man des auf diese Operation erfolgenden Hausfriedens beinahe allemal mit vollkommener Zuverlässigkeit versichert sein kann. Man behauptet, diese Sitte sei nicht nur in diesem Dorfe, sondern auch in anderen Flecken der dasigen Gegend eingeführt.

Der von B. (1861, II. S. 197) erwähnten Sitte bei Setzung und Veränderung von Marken erinnern sich in Frommern und andern Orten noch manche alte Leute, die selbst als Buben der Sitte gemäß zu diesem Geschäft mitgenommen worden sind und seiner Zeit ordentliche Ohrfeigen erhalten haben, damit sie den Ort der Marke sich wohl merkten, um später Auskunft darüber geben zu können.


7. Wahrzeichen.

Die ganz alte Steige auf den Schwenninger Berg zieht sich durch den städtischen Wald Rindhalde. An einem Felsen, an welchem sie vorüberführt, sind 7 Kreuze eingehauen; diese sollen das unglückliche Ende einer aus sieben Personen bestehenden Beamtenfamilie von Stetten am kalten Markt bezeichnen. Diese Familie soll auf der Fahrt nach Ebingen begriffen gewesen und sammt dem Gefährt über den dortigen Felsen hinabgestürzt sein.

Das Kreuz auf dem Hohenrain bei Engstlatt an der Landstraße soll aus dem sechzehnten Jahrhundert stammen, als Wahrzeichen, daß dort Jemand ermordet worden sei, entweder ein Kind von einem Geisteskranken mit einer Sichel, oder sollen französische Nachzügler einen Mann von Steinhofen dort erschossen haben.

Der Hohenstein bei Balingen soll eine Grabstätte aus dem Jahr 1286 bezeichnen.

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Mundart.[29]

Die im Oberamtsbezirk gesprochene Mundart ist die schwäbische, und zwar schon mit einigem Anklang an das Alemannische, wozu besonders das zu zählen ist, daß man für „gewesen“ nicht gwëa, wie weiter nordwärts, zu hören bekommt, freilich auch noch nicht gsîn, aber schon die Mittelstufe gsein.

Was zuerst den Vokalbestand anlangt, so stimmt er vielfach mit dem des weiter nach Norden hin gesprochenen Schwäbischen zusammen, zeigt aber nicht unbedeutende Eigenthümlichkeiten, jedoch kommt er an Reichhaltigkeit dem Vokalismus des im Oberamt Spaichingen und Tuttlingen gesprochenen Dialekts lange nicht gleich. Ein ö und ü ist der Balinger Gegend fremd, ebenso ein eu und äu. Das oi, das weiter nördlich eine so wichtige Rolle spielt, findet sich hier fast nicht mehr. Alte Kürzen haben sich hie und da noch erhalten, im Allgemeinen aber überbietet der stark singende, breit hinausziehende Balinger Dialekt unsre Schriftsprache noch weit in dem Bestreben, ursprünglich kurze Silben in lange zu dehnen, und das nicht blos vor einfacher, sondern ganz besonders auch vor doppelter Konsonanz, in welchem Falle das Schriftdeutsche durchweg kurze Vokale aufweist. Nicht selten kommt es vor, daß der Dialekt Worte in ihrem früheren des Umlauts noch entbehrenden Zustande aufbewahrt hat, wie umgekehrt auch früher bestandener Umlaut, den die Schriftsprache aufgegeben oder eingebüßt, der Sprache des Volkes verblieben ist.

Die Liste der Vokale ist folgende.

1. a kurz a z. B. fall, wald, magd, hammër, handel, schdrang, maschdër Meister, lang, î was ich weiß, man morgen, wa was, waneng etc. Alte Kürze bewahrt in vaddër, waddan (waten), ’s schadd es schadet (mhd. schat).

Ohne Umlaut aschban Espe.

2. an das kurze a nasal gesprochen: ann, an fráu, an kend, aman kend einem Kinde, man man, loban loben etc.

3. â lang a. Alte Kürzen gedehnt wie im Schriftdeutschen, z. B. fâran, sâgan, drâgan, nâgan, mâlan mahlen, gschlâgan, nâgel, wâgan, zâl, an hâs, râ herab, was etc., Dehnung auch vor doppelter Konsonanz, z. B. nâchd, mâchd, dârm, mâdër Marder, wârm, schwâz schwarz, gârdan, lâg Lage, einnâm sind Wörter mit alter Länge.

4. âm, ân das lange a nasal ausgesprochen.

Alte Kürzen gedehnt n Zahn, ns Nase, n Mann, nan die Ahne, ânne (Adv.), n kann, n mag etc. Dehnung vor doppelter Konsonanz: mpf, krâmpf, lânkweilig, krânk, krânkəd, bânk (pl. bênk), nd, hând, schwânz (aber pl. wend, hend, schwenz), nzan etc.

| 5. å zwischen a und o gesprochen, vergl. das schwedische å, das engl. a in fall etc., kurz nur in

håschd, håd, nåch, nåche, vårnan vorne, jåkel.

6. å – das vorige å gedehnt ausgesprochen. Dieses å entspricht in der Regel altem â, z. B. in då, jå, må (wo, mhd. ), ål Aal, gåb Gabe, schwåb, schbråch, jår, hår, wåg Wage salåd, dråd Draht, bråch brach, Brache, ådër Ader und Otter, wår wahr, rådan rathen, målan malen, brådəd brät und in vielen andern Wörtern. In blådër Blatter, dåchd Docht, dåb Tappe hat das Schwäbische die alte Länge festgehalten, welche dem Schriftdeutschen abhanden gekommen ist. Dër gschdår Staar ist mhd. star.

Für ahd. und mhd. kurzes o steht å in vår vor, vårdel Vortheil, dår das Thor. dër gstårk Storch. In vår, dår ist å = goth. . Hieher gehören auch hån, dån, kårn, zårn, wård, dårf Horn, Dorn, Korn, Zorn, Wort, Dorf, denen goth. zu Grunde liegt. Gschwåra geschworen ist mhd. gesworn, das sich aus geswarn entwickelt hat. Blå, grå, lå, auch blåb etc. ist blau, grau, lau.

7. ə ein Zwischenlaut zwischen a und e, wie man ihn hört in liəbe, guəd, Uschəle, fëadəran, suəchəd, əm ihm (enklitisch).

8. e kurz e, gesprochen wie in stellen, setzen etc. Es ist der Umlaut von a: z. B. setzan, stellan, leschan, brennd brennt und gebrannt, eschd Äste, segg Säcke, eldër, eng, Engschdləd, ge gen = nach zsemman zusammen etc. In herd hart, denne tannen hat sich der frühere Umlaut erhalten. Alte Kürze in heffan Hefe, schemmel, schellan schälen. Weng wenig ist mhd. wênec.

An die Stelle von ë tritt e in dreschan, i wedd ich wollte. Vor Nasalen vertritt e das î; man hört sprechen kend, an kendle Kindlein (auch = Kännlein), stemm Stimme, en in, em im, endër immer, se send sie sind etc. Die Endung – e steht für – in, z. B. d’kênige, aber auch für – en, mhd. und ahd. – în bei Stoffableitungen, z. B. rugge roggen, an oəche bridd (ein eichenes Brett, pl. oəchəne briddër), und für die Deminutivendung – ein, z. B. an mendle ein Männlein.

Der Umlaut ö wird ersetzt durch e, wie in Jerg, begg Böcke, meggel (pl. von moggel Mockel = Brocken), drepflan tröpfeln etc. Auch in den Fällen, wo e vor Nasalen zum Ersatz für ü dienen muß, z. B. an stendle ein Stündlein, dremmër, an dremmle (pl. und demin. von Trumm), gsendër gesünder, demmër dümmer etc., ist e genau genommen Stellvertreter von ö, da ja nicht stund, drumm etc., sondern stond, dromm etc. gesprochen wird.

9. ê gesprochen wie in schriftdeutsch legen, Beere etc.

Dieses ê entspricht altem e in Wörtern wie lêgan, wêlan, schwêran, bêran Beeren (man hört auch bairan, z. B. in Weilheim), êl Elle, nêgel Nägel, rêdër etc. Ferner steht es für schriftdeutsch langes ö in mêgan, dêban toben, êfan Öfen, hêsle Höslein, êl Öl, êbër ober etc.; auch für kurzes ö, z. B. i mêchd ich möchte, dêchder Töchter; für ü in bêglan bügeln. Eban ist mhd. ëben, dêd mhd. dërt = dort, bêsan mhd. bësem.

10. êm ênê nasal gesprochen ist Umlaut von ân in n, nênsle, bênk etc., von ôm, ôn in m, jêmmərig, spên, gêns, sên Söhne, schên etc., steht für ü in nne Bühne. Sonstige Wörter: êmman Immen, | êm ihm (wenn betont), ndig Montag (hier wohl auch ursprünglich Umlaut von ân), ênër eher. Eigenthümlich die Dehnungen in Wörtern wie Endengan, denkan, hênkan, schênkan, schênkel etc.

11. ë gesprochen wie in schriftdeutsch leben, sterben etc. Durch Brechung aus i entstandene ë kennt der Dialekt wenige (s. Nr. 12), z. B. drëgg, jëschd, fëschd, dëllër. In mër = mir und wir, dër dir, der, ër er, ihr = vos und = ei, fem. (enklitisch, sagsër!) wird das ë schier verschluckt. Auch in der Endung – er wird ein, freilich ganz flüchtig gesprochenes, ë gehört.

12. ëa. Die schriftdeutschen e, die durch Brechung aus i entstanden sind, werden im Balinger Dialekt mit wenigen Ausnahmen in einen Laut verwandelt, den man wohl am besten mit ëa bezeichnet. Dieser Laut vertritt auch sonst im Schwäbischen das tiefe e, diese Vertretung wird aber weiter nordwärts im Lande nicht so konsequent wie in der Balinger Gegend durchgeführt. Allgemein schwäbisch kann z. B. genannt werden wëag ond stëag, lëaban, stëalan, fëagan, mëal, stëar Schafbock, lëader, knëachd, rëacht, gëal gelb etc. Dagegen spricht der Balinger auch rëachan, fëald, fëall, bëarg, blëatz, wëadder, schëallan schellen, stëarban, lëackan, gëaldan (vërgëalds Godd!), schëaldan, drëaffan treffen, schlëaggan, bëadan beten, drëadan treten, hëall, schnëall, lëatz letz, verkehrt, áunkëagg unkeck, hëalengan heimlich etc. Essen wird fast wie jassan, Erdäpfel wie jadepfel ausgesprochen; ähnlich jabbër, jabbës jemand, etwas, wofür man weiter nordwärts ëbbër, ëbbës sagt. Statt ëardepfel hört man in Geislingen hëardepfel (schon ahd. öfter hërda mit vorgetretem h). Eaban in zeitlicher Bedeutung wird von êban = planus unterschieden. In schnëag Schnecke und sëagan sägen ist ëa an die Stelle von e getreten. Strëa ist pl. von stroə Streich.

13. ëam, ëanëa nasal gesprochen, wie in dëannan, nëammərd, rëamman Riemen, blëamle Blümlein, hëanle Hühnlein, fëanschdër Fenster, këanle Quendelein, ëans es, se wëand sie wollen, se gëand sie geben, grëan grün, Wëan Wien etc.

14. ä = schriftdeutsch kurz gesprochenem ä in Wälder, ist Umlaut von a in fäll Fälle, der bläss (aber auch der blass), wäld Wälder, ställ, väddër, pägg Päcke, säggle (aber segg Säcke), ärbəd Arbeit, äschan Asche, scheidstärg, äll alle, fäschd fast etc. Die Aussprache ist von der des ë sub 11 wohl kaum zu unterscheiden.

15. ae – das vorige gedehnt, = schriftd. lang gesprochnem ä in Läden, ist Umlaut von â oder dem entsprechendem å z. B. in laedan, faedan, sael (Säle, aber auch Seele), maedle (schon in dem nahen Täbingen und Leidringen màidle), haesle, naegəle kleiner Nagel, Nelke, baerle Pärlein (aber baer Bär steht für älteres bër), raess, nae nahe, baerig (’s håd nôn so an baerig nênsle), i daed, naechd, áunmaechdig, jaerle, baerle (kleine bår, Bahre). – I hàun daechd ich habe gedacht, braechd brächte, glaechdër Gelächter, Aerzengan, ’s graebd me es reut mich.

Hieher auch folgerichtig haenle Hörnlein, daenle Dörnlein, kaernle Körnlein, waerdle Wörtlein.

16. i: d’schlidd der Schlitten, it nicht, schmidde (alte Kürze bewahrt), gimër gib mir etc. In schiz, glick, schissel, driggnan | trocknen, driggne Trockenheit etc. tritt i an die Stelle von ü mhd. ü. In hilze hölzern der alte Umlaut erhalten.

17. î in bîbel, stîl Stiel, stîfel, zîbel Zwiebel, lîgan liegen, gschrîan, gîb, bîr pl. bîran Birne, hîsch Hirsch, wîd Wirth etc. An fîchd Fichte, gsîchd, grîchd Gericht und gerichtet = fertig, em dîchd, an gschîchd etc. Für langes und kurzes ü: îbel, an schîble, mîle (pl. mîlənan) blîa blühen, îbër, fîle sg. u. pl. Füllen, ferner frîchdan Früchte, schîz Schürzen, wîschd Würste etc.

Hier möge angereiht werden das halbdiphthongische

18. , welches dem mhd. ie, ahd. io, goth. iu entspricht, schriftdeutsch zu ie = î geworden: diə, biər Bier, diər Thier, stiər, diəb, stiəfdôchdër, briəf, biədan, giəssan, liəban, liəgan (lügen, goth. liugan, ahd. liokan, mhd. liegen), ër fiəl er fiele etc.; liəchd hat die alte Länge bewahrt.

Hieher gehören auch die Wörter, die mhd. üe hatten und jetzt mit ü geschrieben werden: biəchër, fiəss, miə Mühe, briəl Brühl, kiəl kühl (auch kuəl), friə früh, griəbig ruhig, hiədan hüten, iəban üben, griəsan grüßen, riəfan rufen (aber gruəfan) etc. Alte, im Schriftdeutschen abhanden gekommene Länge in miədəran Mütter, riəssel Rüssel, niəchdër nüchtern, miəssan müssen. Griəsan Kirschen. Diər Thüre ist mhd. tür; alte Leute sprechen zuweilen auch noch dûr.

19. o kurzes o in koschd, moschd, roggan, woch Woche, wollan Wolle, hoggan hocken, goldig, doch, sodd sollte etc. Schätz wol; aber ’s gåd əm wôl. Alte Kürze in diesem wol, in bodd Bote, hollan holen. Ropfan bosch für rupfen, Busch. Kochër (griəsankochër) die alte unumgelautete Form für Köcher; schoddlán schütteln, gonnan gönnen. In gonnan ist o an die Stelle von u getreten (mhd. gunnen), wie dies überhaupt vor Nasalen geschieht, z. B. bromman, domm, kromm, om, pfond, gsond, bondan, ond, monzig winzig. Pflomman, mhd. pflûme, dommanfengër, mhd. dûme, romman räumen, schomman schäumen, letztere zwei ohne Umlaut.

20. ô langes o in bôdan, hôsan, hôf, dôlan (= bedeckter Abzugsgraben, Gülle, dulden), lôsnan, hôl, vôl voll etc.

21. ôm, ôn langes nasales ô, z. B. mër, Jammer, man Samen, m Saum, m, drôm, zôm, rôn Rahm, nfd Ranft, nf Hanf, honfan auch háunfan, grônan, zuweilen auch noch gráunan, wônan, gwônəd Gewohnheit und gewöhnt, n noch und nun, n tun etc.

22. u kurz u in gulde Gulden, dër luschd, dër ondër lufd, durn Thurm, bruschd, dër buddër, dër bugg (Vertiefung da, wo’s glatt sein sollte), einbuggan einbiegen, uf auf, druf drauf etc.

Ohne Umlaut gluschdan, nutzan nützen, druggan drücken (und drucken), buggan bücken, schlupfan, luggan Lücke, kuche, pl. kuchənan, brugg Brücke, stugg Stück, mugg Mücke, durr dürr, murb mürbe, lugg locker. Druggan, rugge, wulle hat den älteren Lautstand beibehalten, während in trocken, roggen, wollen sich das u zu o gesenkt hat.

23. û – lang u in bûzër, gûlër, dûgəd, glûf, nûdlan, sûdlan, bûdel = Pudel und Buttel, kûfër Koffer etc. Ohne Umlaut: bûschdan Bürste, dûr Thüre (nur zuweilen), lûge, pl. lûgənan, | Lüge, schûz Schürze, schûran schüren, fûchdan fürchten, stûrb stürbe, fûrnëam (Weilheim; Erzingen: fîrnëam) etc.

Dehnungen von doppelter Konsonanz (cf. bei Nr. 3. 9. 10. 17): das eben genannte fûchdan, sûchd, dûfd, wûschd Wurst, dûschd Durst, schûz Schürze, zûchd, frûchd etc.

Besonders bemerkenswerth sind die aus altem iu entstandenen û: schûr, gsprûr Spreu, fûr Feuer, fûrig, i vërlûr, de verlûrschd, ër vërlûrd, aber mër vërliəran etc., ’s frûrd me, ’s vërdrûssd me, i bedrûg, i lûg ich lüge, i sûd ich siede, ër zûd er zieht, ër flûgd er fliegt, knûban knieen, wo sonst der Schwabe ui oder zum Theil auch spricht. Siehe auch bei Nr. 33.

An u und û möge sich sogleich anschließen das halbdiphthongische

24. zwischen ua und ue gesprochen; es entspricht schriftdeutschem langen u, ahd. u. mhd. uo: guəd ond bluəd, bluəschd, gruəban (= Gruben und ruhen) etc. Noch unumgelautet bruədan.

Alte Länge bewahrt in muədër, fuədër etc. D’nuəd das Niet.

25. ái gesprochen wie in schriftdeutsch Kaiser.

Entspricht 1. mhd.em öu in dáifan, dáifəde Taufe, fráid Freude, ’s fráid me, hái, háibəd Heuet;

2. mhd.em ei in káisër, aber Koəsərengə Kaiseringen), háid der Heide, aiër (aber sg. oə Ei; Dürrwangen: wáiër), dër ráian die Reihe, Mái, Báiër, doch hört man auch noch, z. B. in Pfeffingen, oiër, roian, Moi, Boiër; jedenfalls ist diese Aussprache mit oi stark im Rückgang begriffen.

Dau dráischd, ër dráid du trägst, er trägt, sáid gsáid, ër láid er legt; analog ër jáigd er jagt, jáich! jáichan. 3. Für langes ö, mhd. oe, den Umlaut von ô, steht ái in báis, náidig, háier, dër háichschd, gráissër, ráisch, an ràisle Röslein, flái, scháissle Schößlein, ráiërle, bláid, áid, bráisəmle, láisan, háiran, dráischdan, ufstáiran aufstören (aber stêran stören). In fast allen diesen Wörtern liegt ein altes, im Schwäbischen noch gesprochenes (s. Nr. 29) áu zu Grunde, als dessen Umlaut das fragliche ái zu betrachten ist so gut wie in áigle kleines Auge etc. 4. Für langes e, dem ein goth. ái entspricht, steht ái in mái mehr, wái weh, áirschd erst, sái See, schnái, mein sáil! (nur in dieser Betheuerungsformel, sonst sael), ái Ehe, dër zái, klái Klee, vërdláinan, Aiv Eva; rái Reh und náian nähen nur noch selten gehört, z. B. in Pfeffingen; vërdáunáiran (aber aer Ehre).

26. ei gesprochen wie schriftd. ei in bei, weichen. Es steht für ahd. und mhd. î, goth. ei in kleian, reifan (pruina und reifen), leischdan Leiste, leichd Leiche, heiran, eichan eichen (ein Faß) etc. De leischd, er leid du liegst, er liegt.

Ei = eu in zeig, deitel etc.; ei = äu, z. B. heisër, meis etc.

Besonders zu beachten ist veil viel.

27. eim, ein wird gesprochen wie schriftdeutsch ei (ai) in Schleim, Wein etc., nur nasal, und steht für mhd. und ahd. îm, în, goth. eim, ein. Z. B. leiman, wein, mein, gsein, nein hinein, rein herein etc. Klein (das folgerichtig kloən lauten sollte, wie es auch weiter nördlich kloin gesprochen wird).

Eim, ein steht für äum und äun in steimpf Strümpfe, weinsch Wünsche, leimble, lein Löhne, keinfdig etc. und ist in diesen Wörtern | Umlaut des áum und áun in Nr. 30. Ferner zein Zäune, halsbreine etc.

Für eun in heind heute, neinne neun.

Für in vor weiterem nachfolgenden Konsonanten (nd ausgenommen): zeins, feinschder finster, heindəlan Himbeeren, weinder, weingel, weingan, seingan, dreingan, steingan, heingan hinken, zeingan Zinke – feinf fünf (ursprünglich finf, fimf). Gspeinschd Gespenst. Dieses eim und ein für äum, äun und in ist in der Balinger Gegend viel durchgreifender, als weiter nordwärts, wo man bald strempf, wendër, drenkan u. s. w. zu hören bekommt neben weinschan, zeins etc. etc. Einsër unser, eins uns.

28. Zu (oa) wird 1. schriftdeutsch ai und ei, beide gesprochen ái wie in Waise, weich, entsprechend mhd.em und ahd.em ei, gothischem ái. Weiter nordwärts, z. B. in Tübingen, Kirchheim u. s. w. wird dieses zu oi, im Fränkischen zu â, also woəch, woich, wâch. Beispiele sind: woəs Waise, loəb Laib, roən Rain, Spoəchengan, soəl Seil, stroə Streich, goəss Geiß, goəschd Geist, roəf Reif (am Faß), oəch Eichbaum, Ei, doəg Teig, teig, oəgan eigen, foəs feist, stroəpfan streifen, zwoə zwei, hoəlan, hoəd die Heide etc.

2. schriftdeutsch ei, gesprochen wie ai in Stein, Bein; auch hier entspricht ahd. und mhd. ei, goth. ái, und es zeigt sich hier nach Norden hin derselbe Gang in der Aussprache wie bei 1., also boən, boin, bân, um Möckmühl n, nên u. s. w.

Beispiele (durchaus nasal): stoən (sg. u. pl.), boən pl. boənër, loən Leimen, Lehm, ’s ischd an hoənlichs, alloən, koənzig, spassig, anloənnan anlehnen (mhd. u. ahd. leinen, leinan), wâ moənschd? Bal. (Erz.: manschd) was meinst du? koən, noən, hoəm etc.

Der Aussprache nach gehört hieher auch bloəm Blume.

29. áu wie au in glauben, Auge gesprochen, entspricht

1. ahd.em u. mhd.em ou, gothischem áu: fráu, áug, gláuban, schláufd Bandschleife (von mhd. und ahd. sloufen, sloufan), an ráufan etc.

Steht 2. für schriftdeutsch langes o = mhd. und ahd. ô, goth. áu. Z. B. dáud Tod, todt, láus Loos los, láu Gerberlohe, scháuss, dráuschd, náud Noth, gnáud oft, ráus Rose, bráud Brot, ráuër Rohr, áuër, Auschddorf, ráud roth (auch Ráudweil, Ráudanburg), Háuanzollërn, gráuss, stáussan, láud Loth. Bráusəm (mhd. kurz o).

30. áum, áun – das vorige nasal gesprochen.

Steht 1. für schriftdeutsch aun, ahd. und mhd. ûn z. B. záun, bráun etc.

2. für schriftdeutsch langes o (cf. 29, 2): láun, fráunan, scháun.

3. für um und un mit weiterem nachfolgenden Konsonanten (die Verbindung nd ausgenommen) z. B. stáumpf Strumpf, láumb, fáungan Funken, dáunkel, dráunkan, gháunkan gehinkt (mhd. gehunken), káunschd Kunst, gspáunschd Gespinst (mhd. gespunst), áunschlich Unschlitt. Die Partikel un- wird durchgängig áun gesprochen, z. B. áunnáidig unnöthig, áunnârdig etc. Weiter nordwärts im Lande hört man strompf, lomb, konschd, ônnáidig etc.

4. altem ân, â(n) entspricht áun in áunne ohne, áunmâchd, áunnâm, máun Mond, máunnəd Monat, gáun, stáun, láun, háun (haben | und habe), mër, ër, se haund, ebenso mër láund, gláun mhd. gelân (gelassen), Erzingen: gáund ër hoəm? Balingen: gond.

31. gesprochen wie schriftdeutsch au in Haus, saufen.

saúërkraúd (Ton auf der letzten Silbe), Draúdanmichel, ânkaúchan anhauchen (mhd. kûchen = hauchen), daú du (wenn unbetont gesprochen, de; in Pfeffingen du). Saúl unumgelautet, letzsaúl Gartenstock.

32. oi s. Nr. 25.

33. ui entspricht altem iu (cf. auch Nr. 23).

Beispiele: knui, an knuile, drui drei, huirig heurig, spuian oder speian, er spuid speit, ’s wassër suid und sûd, statt flûgd in Pfeff. fluigd fliegt, zui ziehe! gruian reuen, ër nuissd niest, gnuissd genießt, gnuiss genieße!

Aber kein dui = die, sui = sie, wie weiter nordwärts. Nui neu, aber auch nûb (Frommern), uiër euer, uich euch, aber auch ûban haus, ûb (Frommern, Engstlatt).

Konsonantismus.

Häufiger Ausfall des r: stáumpf, vendel Viertel, näsch närrisch, man morgen, dêd dort, fûchdan fürchten, dûschd, wûschd, schûz, schwâz, mâdër, Hansmâde, jadepfel, Uschel, aeschan Erbsen, Mêz März, hån, haenle, dån Dorn, hîschwîd Hirschwirth, våder vorder, dåschdlan Dorsch, ståzlan Storze, bûschd Bursche, bûschdan Bürste, an speissan Spreißel, lëanan lernen, ër wud wird, i dëaf ich darf, gëan gerne. Dieser Ausfall gibt der Sprache etwas Kindliches. Öfter wird ein überflüssiges d angehängt oder eingeschoben, z. B. leichd Leiche, schláufd Schleife, dåschdlan Dorsch, dráuschdel Drossel, bûschd Bursche, ër kêmd, i gêngd ich gienge, i háun zlëabəd, zdônd zu thun, andërschd, endër immer, dondërwëadër, mendle, Männlein, vërdláinan, vërdlaufan, vërdwischan, vërdáunairan etc.

Bei den Lippenlauten ist eigenthümlich die Vorliebe zu pf in manchen Wörtern, so pflêgel, sëanpf, schârpf, soəpfan Seife, stroəpfan Streifen, schloəpfan schleifen.

Altes w, zu b verdichtet, hat sich vielfach erhalten, so in gruəban ruhen, seible Säulein, klåb Klaue, háibəd, dáiban däuen, verdauen, nûb neu, ûb euch, strádban streuen, d’stráibe die Streu, háuban, blåb, gråb, låb, neben blå etc., gnaeb genau, knûban knien, ’s graebd me es gereut mich.

Hier möge auch das eigenthümliche bîsbôm für wîsbôm Erwähnung finden.

Altes mb, ohne Assimilation zu mm, ist zu hören in wamban, vërsteimbləd verstümmelt.

Ausfall des g in: i schlâ ich schlage (aber: gschlâgan, i sâg, i drâg, i háun drâgan), dráid trägt, said, gsáid, gláid gelegt, leid liegt etc.

Wegfall des ch in î ich, mî, dî, âs Achse, âsel Achsel, flâs, wâs, bidschîrwâs Siegellack, deisel, láiseng Leuchse, bîs Büchse, fûr Furche, wâsan wachsen, wîslan wechseln, n noch, dûr durch, áu auch, zwëarsäggle, wêlër welcher etc.

Vorschlag eines w in waneng Ordnung, wáier Eier (Dürrw.), wargel, walfe eilf.

| Wortbildung.

Die Neigung des Schwaben, Substantivis und Verbis ge vorzusetzen, ist in der Balinger Gegend stark vertreten, besonders fallen die Vogelnamen gstårk, gstâr, gspatz (auch gspätzle in der Küche), gschwalmle auf; cf. ferner gsprûr Spreu, gspatzîran, gruian reuen, gsëan sehen, dër gvurfuəss am Strumpf.

Je weiter nach Norden, desto beliebter wird die uneigentliche Komposition, so daß im Fränkischen gar Bildungen wie brunnesdrôg vorkommen; die Balinger Gegend liebt die eigentliche Komposition, man sagt resslewîd, maerlebuəch etc., wofür anderwärts der Schwabe ressleswird etc. spricht.

Das m der Ableitungssilbe mhd. em hat sich erhalten in faedəmle (fâdan), bêdemle (bôdan), zaesəm, pl. zaesəman, bêsəmle etc.

Die alte Endung ahd. – ina, mhd. – ene ist noch verblieben dem Plur. von kuche, lûge, mischde, welcher kuchənan etc. lautet. Analog wird deklinirt degge, stûb, pl. deggənan, stubənan. Ähnlich buəche holz, buəchəne scheidër etc. In keddəm Wechsel von m mit n.

Deklination.

Eigenthümlich der häufige Gebrauch des Pluralis ohne Artikel, z. B. ër leidəd an fiəssan, wofür der Schwabe sonst sagt: ër leidəd an de fiəss; hendër ammelbêman (Flurnamen).

Abfall der Endung – er bei kend, wäld.

Schwache Deklination: mannan, stamman, saúan, nussan, gstårkan etc.

Der Pluralis der Wörter auf le = lein lautet wie der Singularis, also an knepfle und veil knepfle, nicht wie sonst im Schwäbischen veil Knepflan.

Man sagt an klein kend, an hilze glaechdër, nicht an kleins kend etc. Auffallend ist ferner das Weglassen des Mehrzahlzeichens am Adj., z. B. i háun miədärm, se håd grâuss schîz große Schürzen.

Konjugation.

Vielfach starke Konjugation, wo sie dem Schriftdeutschen abgeht; z. B. baúan gebaut, gháunkan gehinkt, gwáunkan gewinkt, gliddan geläutet, gschîan gescheut, grîan gereut, bossan gebüßt etc.

I siəg ich würde sagen, miəch würde machen etc. Am häufigsten wird dieser Konjunktiv umschrieben durch i daed mit dem betreffenden Infinitiv. In i brîchd, mër brîchdəd ich würde brauchen u. s. w. mischt sich starke und schwache Form. Dreschan konjugirt schwach, dreschd drischt und gedroschen.

Unregelmäßige Verba:

sein: i bên gsein; bisch! sei! Konj. î sei, de seineschd, ër sei, mër seine, ër seinəd, se seine; i waer, de waereschd, ër waer, mër waere, ër waerəd, se waere.

háun haben: i háun, de håschd, ër håd, mër háund etc. haeb! Konj. i haeb, de haebeschd, ër haeb, mër haebe, ër haebəd, se haebe; ghed gehabt.

| wëaran werden: i wûr, de wuschd, ër wud, mër wëand, ich werde, du wirst etc. wûr! werde! Konj. i wëar ... mër wëare etc. ich werde, du werdest etc. wåran geworden.

kennan können: i kâu, de kânschd, ër kân, mër kennəd etc. ich kann u. s. w. conj. i kenn ich könne, i kennd ich könnte; i háun kennan.

dëarfan dürfen: i dëaf, de dëafschd, mër dëafəd ich darf u. s. w. conj. i dëaf ... mër dëafe ich dürfe; i dirfd ich dürfte; i háun dëarfan.

sollan: conj. i sodd, de soddeschd ich sollte; i háun sollan.

wellan wollen: i will, de widd, ër will, mër wëand ich will u. s. w.; conj. i well ... mër welle ich wolle; i wedd ich würde wollen; i háun wellan.

mêgan mögen: i mân, de mânschd, mër mêgəd ich mag; conj. i mêg ich möge; i mêchd ich möchte; i háun mêgan.

miəssan: i muəss; i miəss; i miəssd; i háun miəssan.

láun lassen: i lass, de låschd, ër låd, mër láund; conj. i lass, mër lasse; i liəss; i háun láun, gláun. Imper. lass bleiban! lass gáun! aber la me gáun! láund’s gáun!

gáun: i gang, de gåschd, ër gåd, mër gáund (Bal. gond); gang! conj. i gang, mër gange; i gêngd, mër gêngde; i bên gangan.

stáun: i stand wie i gang; stand! conj. i stand; i stênd.

n thun: i duə – mër dëand; conj. i dae, mër dëane ich thue; i daed; dáun gethan.

wissan: i was, de waschd, er wasd, mër wissəd; conj. i wiss; i wissd, mër wissde; gwissd.

nkan denken: i dênk ind. u. conj. praes.; daechd dächte und gedacht.

dünken: ’s dênkd mër, ’s håd mër dênkd.

brengan: i braechd, i háun bråchd.

gëaban: i gî, de geischd, ër geid, mër gëand; gib! conj. i gëab; i gaeb; gëaban gegeben.

lîgan liegen: i lîg, de leischd, ër leid, mër lîgəd; lîg! conj. i lîg; i laeg; glëagan.

lêgan: i lêg, de láischd, ër láid, mër lêgəd; lêg! conj. i lêg ich lege; i daed lêgan; glâid.

liəgan lügen: i lûg, de lugschd, er lugd, mër liəgəd; lûg! conj. i liəg ich lüge.

ziəhan: i zû, de zûschd, ër zûd, mër ziəhəd; zui! auch zû! conj. i ziəh, mër ziəhne ich ziehe; i ziəg ich zöge.

gsëan sehen: i gsî, de gsîschd, ër gsîd, mër gsëand; sich! conj. i gsëa, mër gsëane ich sehe; i saed ich sähe; gsëan.

Fürwörter.

sëall selbig; nicht an soddër, sondern sô oənër, sô an ...; sëalbër; dëam dem = diesem, dëaran der = dieser; zhalbandër, zhalbdridd selbander, selbdritt; i háunən ich habe ihn, schlânən! schlage ihn! wêlër welcher? ist relativ; nëamərd niemand, jabbër, jabbës jemand, etwas, nons nichts.

| Zahlwörter.

ns, zwoə, (zwên mannan, zwuə fráuan, zwoə kend), drui, feinf, aechd, neinne, walfe eilf, fufzênne, fufzge; an gozzigër, boəde, lieber älle zwoə (wenn Mann und Frau), älle zwên buəban etc.

Präpositionen: ab = von, z. B. abəm bôm, ab dër loədër.

Adverbia: hinab, herab, nuf hinauf, ruf herauf, fîre hervor, henn innen, dussan draußen (dêr ussër der äußere), hëannan ond dëannan hüben und drüben, nëannan nirgends, an menchsmål und ällbodd manchmal, jezzəd und jezz, niə, nå, dërweil unterdessen, då gåds ənandërnå, älləweil bis daher, id nicht, neid noch nicht, manleichd, wêlanwëag auf alle Fälle, sëallanwëag auf diese Art, baerig kaum, umməsuschd umsonst.

Konjunctionen: ass als.

Interjektionen: gëald! hawoldå! jå waegër! wahrlich! hâ wâ! Verwunderung.

Namen.

man sáidəm er heißt.

Jôhann und Jôhannəs werden auseinander gehalten, und es kommt vor, daß der eine Bruder Jôhann und der andere Jôhannəs heißt.

Wie diese 2 Namen, werden gleichfalls vorn betont die katholischen Taufnamen Cêlëschd, Bônifâz, Kollaschd Scholastika.

Hannəs, Hansjerg, Hansmâde, ’s Jergle.

d’ Anne, ’s Annəle, d’ Andel; d’ Ammâl; Ammei, ’s Ammeile, d’ Ammîgel; ’s Annanbärbəle; d’ Mrirôsel und d’ Mreilîs (Pfeff.); ’s Angəsle, d’ Angəsbâs; Krischdein, ’s Krischdênle; Kädrein, ’s Käddërle, ’s Kadrênle, ’s Käddëreinle (Pfeff.); d’ Aiv, ’s Aivle; d’ Rêbëgg; Riggan; d’ Uschel, ’s Uschəle.

In manchen Fällen, in denen anderwärts der Schwabe eine genitivische Wendung brauchen würde, unterbleibt dies im Balinger Bezirk. Man sagt hier z. B. nicht ’s vogds buə, ’s Safáidërs weib, sondern dër vogd buə, ’s Safáider weib, was genau genommen eine sogen. eigentliche Zusammensetzung ist (cf. das oben bei der Wortbildung über Komposition Gesagte); ähnlich d’ burgəmaschder Marie, d’ Wahranbërgër Ammei, d’ Karle Karlên.

Die Familiennamen werden wenig gebraucht, vielmehr, wo’s halbwegs ohne Verwechslung angeht, der bloße Vorname, oder wird der Name aus Erlebnissen, Abstammungsort, aus Namen der Vorfahren etc. geschöpft, oder muß ein Spitzname herhalten (und im Unnamengeben sind die Leute im Bezirke stark). Einige Beispiele mögen genügen. Dër Ladeinnër (ein Vorfahre ist einmal in die lateinische Schule gegangen), ’s klein Barrissërle, dër Barrissër Hannəs (der Betreffende oder einer seiner Vorfahren hatte Hämmel nach Paris getrieben), dër Êndengër, dër Draúdenmichel (Gertrud hatte die Großmutter geheißen), dër Safáidër (die Vorfahren waren Salpetersieder), dër Zollërbuə, dër Gûlër, Bûdel, Knopfe, dër Rôdle (einer, der wo anders, wo nicht ráud gesprochen wird, Rothochsenwirth gewesen). Die Zusammensetzungen, die entstehen, wenn bei der Benamsung bis auf den Großvater und so fort zurückgegangen und das Leiterlein der Abstammung mit sämmtlichen Sprossen aufgebaut wird, | sind oft gar ungefüger Art, z. B. ’s buəban biəbles buəban weib; wëam kairschd? I kair ’s beggan Ändresles Annan Käddërles maedle.

Das Weib sagt nicht allzuhäufig meinn, sondern braucht, wenn sie vom Manne redet, meist dessen Taufnamen: dër Jacob; må bleibd áu nôn sëaller Pêdër so lang?

Die Taufnamen lediger Weibspersonen werden gewöhnlich im Deminutiv gebraucht und dann mit ëans, ’s von der Betreffenden weiter geredet. Das Deminutiv bei Geschlechts- und andern Namen von Männern und Frauen drückt meist einige Geringschätzung aus, zum mindesten mangelnde Leibesgröße; oft ladet auch der bloß einsilbige Name zur Anwendung des Deminutivs ein, z. B. ’s Äbble, ’s Räbble (App, Rapp). Auch bei diesen Deminutivis wird mit „es“ fortgefahren, z. B. ’s Räbble, ’s Safáidër weible etc. ... ’s oder ëans ischd an bissle an drëaggigs, ’s ischd an liədërlichs, ëans schnupfəd gëan etc. Base und Vetter nehmen in Verbindung mit Namen zum Theil nach den Ortschaften verschiedene Stellung ein, vor oder hinter den Namen. So sagt man in Balingen: ’s bâs Marîle, d’ bâs Marie, dër veddër Jacob, während man in Erzingen hört d’ Marie bâs, dër Jacob veddër.

Menschenleben. Familie.

Dër ädde ond d’ muədër, ênne und ânne, áihaldan. Kend: für sôn und dôchdër gewöhnlich dër buə und ’s maedle. Wâ machəd áu d’ jûgəd? D’ jûgəd ist das Jüngste, so lang noch ganz klein. Die Kinder sagen áida, amman.

Thun und Treiben der Kinder. Due me liəban (küssen)! klepf em! gib ihm die Hand! Schreian weinen (auch von Alten gesagt), dês ischd an brellër, an graúsig vërbrelləds, ’s machəd an pfendle, ’s hengd an blädsch nâ; ’s ischd áungriəbig, ’s låd oəm koən riəle. Saúgan, dër schlotz, d’ schletz.

Schempflan spielen: gáidschan schaukeln, fláigran (hemmədfláigër und hemmədhäddlër), schleifəran uf dër schleifəds, mêzlan (End.) = mit mêzanschnëaggle (bulimus) spielen, die in ein Loch geschnellt werden, wie sonst die Glücker oder Märbel, im Bezirk kîgəle genannt; drummankîbel Trommel. Es wird gespielt: gwidds gwiddsgaebəle, schlabbangassan, gulde gulde brugganfâran, ufdäxlan, stëachbâlan, soəljuggan Seilhüpfen.

Erziehung.

’s vîdlan vôl schlâgan, daú kommschd ge jabbës îbër, d’ muədër håd graúsig mid əm balgəd, sei årdəle, î bên guəd glêrd.

Ledige Jugend.

bûschd, kamrâd, an gspîl Kamerädin, gassâdəm láufan in der Abenddämmerung spazieren; se hådan eise vërláuran.

Heirat.

er gåd uf d’ weibəde, vërspruch, dër heirəd der angehende Bräutigam, heirådan, zsemmangëan oder zsemmangëaban kopuliren, háuzig, dër háuzeidër (auch hochzeidër) ond d’ bráud, gsell und gspîl, háuzigbendel (den die ladenden Mädchen tragen), ër håd guəd, schlemm gweibəd, gschwei Schwägerin, schwîgër und swëar.

| Geburt, Taufe.

kendan, ens kembedd komman, dër kembeddəre weisan, die Wöchnerin mit Geschenk besuchen; gvaddërleîd: dedde und doddan; der Mann der doddan ist der doddanveddër, die Frau des dedde ist die deddanbâs; Pathenkinder deddle, sg. und pl.

Krânkədan:

ânwåd kleine, schnell vorübergehende Unpäßlichkeit, d’ schnûdərəd Schnupfen, ër håd an fëal (ein Fehl) am fuəss, an fiəssan, ’s háubdwái Nervenfieber, îbërlâdan ohne Besinnung, dër oəsan Eißen, rîsəman Sommersprossen, madêre Eiter, speissan Splitter in der Hand.

Kinderkrankheiten: rûfan, râbeilan, ’s ichd an zîchdigs schmächtig, an aúsgsëarfləds ganz abgemagert, d’ ráud sûchd und dër ráud schâdan = Scharlachfieber.

Sterben: ër håd scháun zôgan lag in den letzten Zügen, ’s hemmələd es geht aus; ër håd se anbondan gehenkt; vërgrâban, leichansaegër.

Leib und dessen Glieder.

rollanhår, ankan Nacken, augandeggel, lëafzan, d’ ärm, ’s bráunzwaedəle, vîdlan.

Leibliche Thätigkeiten, Fähigkeiten, Gebrechen.

Kindlich klingende, anständige Ausdrücke für die Verrichtungen der Nothdurft bamban, bráunzan; nicht frëassan und saúfan, glotzan, außer wo diese Worte in der That am Platze sind; dagegen ungenirt kotzan; vom Berauschten gëarban. dër ischd gfêarsd stark gelaufen, juggan hüpfen, danfuəss vërjuggan; heinkan, knabban, schlurfan, drênsan keuchen, schîlan, rân schlank, schnâgër mager.

Seelische Eigenschaften und Regungen.

koənzig spassig, âləfênzig schelmisch, ër ischd dër hëal âləfânz Schelm; ’s graebd me es reut mich, ’s keid me es ärgert mich, ’s ischd keiig, ’s blangd me, ’s duəd mër and nåch, i háun se en dër kirch gmangləd vermißt, mmër Heimweh, mmərig heimwehvoll, diə ischd z’ jêmmərig zu wehleidig, dër jëschd, ’s graúsəd mër, i fûchd mër, áunsel, ’s gáund mër wîdan om dan hals Verlegenheit.

Sittliche Eigenschaften, Untugenden.

bruddlan, bruddəlich, grônnan, selten noch gráunnan, dês ischd an surre, máunzan, haúslich, gnaeb, dës ischd an aúshaúsəre, kribblesfiggër, hånâsëagër und kemmichspalder, alle 3 = geizig; háufaerdig.

Kleidung.

bagganhaúb (mit breiten Bändern), diə håd ann schoədel (fem., Scheitel), diə håd en bondənan zopf, baúranzepf Doppelzopf; nuschdër. ’s haes: die älteren Frauen haben kiddel und pêdër, die jüngeren jaggan; hemməd: spiggel (Thier. zwiggel), d’ raúd = Gosset, gollër, dër fald; an vërmurglədër schûz zerknitterte Schürze, dër schûz ischd wiə ondër əran máusfallan fîre; bruschduech Weste. D’ haesbûschdan. Hêndschan Handschuhe, nsduəch. Nähen: d’ nådel håd an lechle oder an vîdlan Öhr; îberwendlengan nähen, en fâdan râháubann (auch an stugg bráud râháuban).

| Stáumpfreinkan Strumpfrinken, dër fëarsan, der gvurfuəss, ’s rênfdle Börtlein; die Schuhe gaúrəd knarzen; stîfelhond.

Haus und Hof.

Láuban Öhrn. Stûban: ’s dischlachan Tischtuch, dischlâd, stubanstiəle Schemel, ’s geidschle, d’gaúdschan Lotterbett, ’s årdbridd; ôfanhâfan, ’s fûr eindon, ’s fûr (auch: an haús) ânbrennan (nicht: anzendan, aber: m zendan einem leuchten), dêr ráusch, Rost, ráischle, ráischdan rösten. ’s ôfanstengle Stange um den Ofen herum zum Trocknen.

In der Kammer: haeskaschdan, drôg und druchan Truhe, lâd Schachtel. D’ bedschəd Bettstatt, bedschədle, d’ kopfnəd, auch háubdnəd, d’ fuessnəd; ’s nâchdgschirr, ’s bráunzhaefəle. Bedhaes: ziəchan aus kelsch gemacht, pfulban, an kissle, ’s leinlachan; barchəd bezeichnet in Erzingen bloß den Bettdrill, in Pfeff. auch den Stoff zu Schürzen, welcher in Erz. zeigle heißt. Omhang.

Kuche: ’s kemmədscháissle; kuchearch Küchenkasten, pfëaffërpfann kupferner Seiher, pfëaffërbîs Gewürzbüchse, schômleffel, kochleffel Rührlöffel, dër dodschër Backschäufelchen. D’ milch vërwêlan, en wâl drîber gáun láun; ribəlesubb (nicht rîbəlessubb). Hauptessen knepfle ond saúërkraúd; an griər oder kratzədan Eierhaber, dodsch pl. dedsch Pfannenkuchen, dodschan Pfannenkuchen backen, straúbetzan, schmotz Fett, schmalzroməmde Rückstand beim Schmalzauslassen.

Bachan: em doəg romknáundschan; ër háubd an ganz rosseise râ (vom Laib), an rîbel, rîbəle bráud, ráisch, blëachkuəchan ond kuəchan, murbs ond zaehs, gogelhopfan, brëatzədan; ráuseinlan, ênnes, fenkəlan.

Reinigen: furban und wischan kehren im Unterschied vom ufreiban und ufwäschan, bêsan, der wisch Staubbesen, dër láumb, wofür in Pfeff. dër hûdel (’s hîdəle), fëagan. Wäschan: baúchstiəle Waschbock, diə motzəd, hådan gmotz, haessoəl Waschseil, dër haeskraddan, bêglan. D’ hândzwael, wäschláumb, dër hendschëarb Waschschüssel, strael Kamm, straelan kämmen.

Keller këarr, këarrschlâg Fallthüre, fass Fässer, an fass heldan (was anderwärts gaegan), schlêgel Flasche, suddërkrueg, brenndəwein, raess, ëaran gären.

Abtritt heisle.

Hausungeziefer; schwåban, wêndel pl. wêndlan Wanze, flái Flöhe, sg. fláu.

Vieh: an reible ein junges Stück Rindvieh, wenns nëannann will, d. h. nicht wachsen will, „’s ischd hald an raúb,“ ôhsnan rindern (von Menschen: ër ôhsnəd wîdër er ist wieder ganz außer sich), galdkuə die nicht zur rechten Zeit trächtig wird, kuəbriestër; rôn Rahm, gewöhnlich agnomməs, blotzan rühren. Ross (nicht gaúl), fîle sg. und pl., vôndërhendig ond zuədërhendig, wischd ond hodd! hâhëar! D’ kue håd en wâdel, ’s ross håd en schwânz. D’ saústeig, d’ láus, nëabër, kesselfloesch, schongan.

Schåf, stëarblëatz, an schäbbër wollan, d’ schåf mäpfəd stoßen die Köpfe zusammen. ’s zîfër eindôn, ênd Ente, ândrëachd, gôns, | gônsel (die), nzeng Gänserich, grônle, „wuddla“! an henn, Erz., hëanr Henne sg. und pl., auch = Hühner, gûlër, „wîwi!“ Êm Biene: pl. êmman, en êmman fassan, dër êm håd gláun geschwärmt, ’s låd heind oenër.

Schûr: bârn, ’s grëach, ’s obədërloch Garbenloch; kûzes schneidan. Dreschan: báusgan die Ähren von den Garben stoßen, reidër Sieb, rëadan sieben, gsiəd, gsprûr Spreu, scháub, an viərdel Simri, an êmme 1/4 Simri.

Blotzbronnan Pumpbrunnen.

Landbau. fëald, schweichel, schwëangan. Die eingeschlossenen Petrefakten sind im allgemeinen schnëagan, nur die zierlichen Terebrateln, wie rimosa etc., haben den besonderen Namen deible. Esch Flur, jaúchërd und mamməd (wohl = was ein Mann mäht) Morgen, vendel Viertelmorgen.

dumman düngen, zaggërfâran, dreiban (nicht nnan), dër dreibbuə, êgan, stûzan stürzen, haebəran Haber säen, dër haebərəd, d’aernd, hånfan oder háunfan; romman Wiesen säubern, zäschan, schochan, êmdan, grëans (Pfeff. grëansəs) hollan; emdan und zweian, epfel gwennan.

Landwirthschaftliche Geräthe: wâgan, lânkwid, bîsbom, schemmel, deisel, deiselbaggan, âs, wëallan, reischeid, griəsbridd, wëaddër, kipfan, láiseng, loədəran, miggan, uf əm schläddër sitzan (schläddəran schütteln); sëagəs, denglan, fuəderfass Kumpf, furkan zweizinkige Gabel; kraddan, kräddle, armkräddle; nicht korb und nicht zeinnan, nur s këarble = das zum Kirschenbrechen umgehängte Körbchen, das auch dër griəsankochër heißt; an grëannër und an weissër kraddan.

Gewächse: ’s kårn Dinkel, woəzan und woəsan, ’s mëal vërwârməd, ruggebráud Schwarzbrot; aeschan Erbsen, leinsan, angërschan, ráude rânnan rothe Rüben, kôlrâban (Ton auf der ersten Silbe), blädschan Krautblätter, dåschdlan Dorsch, ståzlan Krautstrunk, Storze; dër epfel, wurmaessig, nussan, griəsan; êlmâgan, hånf, feinlan und sáunbåran, aewërg, reischdan, dër flâsbriəf an dër káunkel (briəf Blatt Papier), rollan Spulen, dër rollankarran.

Unkraut: jaddan jäten, dischdəlan, klaffan, kleiban, fûrdîgel, auch fûdîgel, ráude ond gëale, Adonis, moədəle wilde gelbe Rüben, êrnussan Lathyrus tuberosus, stroəpfəlan Ackerwinde, bláue ond ráude kårnbloəmman Cyanen- und Klatschmohn, brânkráud Galeopsis, këagan Quecken, ’s miəs Moos.

Andere Pflanzen: máile Syringe und Schaumkraut, mêzanhamməle die männl. Kätzchen der Hasel, wiədərich verschiedene Wiesenschirmpflanzen, besonders Anthriscus silvestris, hâbërmargan, saúerhêfel Sauerampfer, klepfër Silene inflata, badengan Primeln, kreizbadengan Primula officinalis Jacq., die wohlriechende Art, schnáigleggle Anemone nemorosa, hemmelsbráud Gagea, maúsáierle Muscari, gûlër Pulmonaria, rollann große Schmalzblumen, Caltha, schlossrollan Trollius, schuəmachërnaegəle Frühlingsenzian, rosshûban Huflattich, ramsəle Bärenlauch, këanle Quendelchen, blûshån Angelica silv., kiəle Zeitlose.

| Wald: saúan Tannenzapfen, hitzəle Forchenzäpflein, këanspên, reis, buschlan, bischəle, dîgan holz, bridd, briddër, dremməle abgesägtes Scheitstück (dremmel Schwindel), an schoədweggan Keil, buəbanhaegəle (Pfeff.) Weißdorn, waldwîdan Viburnum Lantana, die Beeren davon jûdanbêran, lindanbollan Lindennüßchen, allê italienische Pappel; heindəle Himbeeren; ërdbêran, auch bloß bêran oder báiran; braunbêran; máurochan Morcheln.

Thiere: heggoəss Eidechse, hebbedsarran Heuschrecken, dër schaer und schaermaús Maulwurf, diə schnaëg, áummoəssan, kårnvërderbër Werre, molle Engerling, sonnanvogel Schmetterling, an raúb; vêgel: kengel Kiel, maúsgan mausern, fläddəran flattern, dullâ Dohle, hätz, dër habbs, gschwälmle Schwalbe, gstårk, dráuschdel, bônfeink, schnáigitzan, blåmoəsle etc.

Tages- und Jahreslauf: send ër vërwachəd? zwischan de liəchdër, ôvanmärgan leidan, schlåf wôl (Ton auf dem ersten Wort), ’s nâchdəd, ’s dâgəd, lëabəd wol z’middâg! vëschbër, ’s neinnebráud, ’s åbədbráud; wiə zeid ischds? heind heute, man morgen, mannan margan morgen frühe, naechd vergangene Nacht, dîsan dâg übermorgen (dagegen: dîsër pfarr der vorige Pfarrer). Wëardig, sonndig, mêndig, zeinschdig, dônschdig, samsdig; Jannër, Fêbër, Mêz, Abrell; dër zwelfd Dreikönigtag, weinnaechdan (an Weihnachten wünscht man an guəds jår), Auschdəran, Pfingschdan.

Witterung: ’s rëangəd, auch ’s rengnəd, ’s rengəd, ’s rengləd, heind håd dër Pêdër mid buəchəne meggel gschûrd sagt man, wenns graúsig hoəss ischd, ’s dônrəd oder ’s dáunrəd, dër hemmelsvaddër balgəd graúsig, ’s wëaddërloəchəd es blitzt kitzanbáunnan, ’s håd se vërkuələd, dês ischd an hurnîgel gsein (Schneien und Regnen durch einander).

Bürgerliches und kirchliches Gemeinwesen:

’s ård, dër flëagan, flëaganschâdan, ’s ischd nôn so an hefd, vogd, auch schuldəs, einvendîran; d’ bårkirch, d’ wargel schlagan, bráunschdglogg, hiəchan hallen, mêsmër, kath. dër pfarrhof, ’s hërrle, dër hërr.

Berufsarten: babeirër, ’s babeiër; safáidër und salfáidër; abbedáigër (sô kênd mans en dër abbedáig háun), guddër, burvel.

Umgangsformen: aûsseláifër Besuch, oəm aussefolgan begleiten, z’stûban und z’liəchd gáun Vorsitz bei Tag und bei Nacht, Pfeffingen: z’ëabschmër gáun; i wûr doch id so grôb sein sagt man, wenn man Angebotenes ausschlägt, dês ischd îbrîg überflüssig (ebenfalls beim Aufwarten), î komm gê áu jabbës îber sagt man, wenn man zum Mitessen eingeladen wird; bhîə godd! „háund ër gjassan?“ „goddlob“; „fleissig, fleissig“? Antwort: „bissle, bissle“ oder auch: „an weng“; „komməd áu mid“! Antwort: „hå mër welle då bleiban“; jåjå!

Schelt- und Fluchwörter: stråligër laúsbuə, daggel, kôk, daú dommër gênzeng! láumbanmensch, an dondërschlëachdigs leimble, d’ schludd was sonst Schlamp, kraddanmaúl, koəb, wuəschd! Der Spitzname der Balinger ist nglessitzër, der der Endinger êmbəlesfáisër (fáisan stinken), die Erzinger heißen pflommansegg, | die Weilheimer lochanfix (Lochenfüchse), die Frommerner hôlwëagschlupfër, die Dürrwanger goəssanschmitzer, die Ostdorfer späldlesguggër etc. Nicht zu vergessen, den Êrləmër schnitzhâfan, en dëan zlezdannn an gozzigër schnitz nein gangan ischd.

Mein sáil! mein sex! kotz strål, bigoschd, wärle etc. Viel geflucht wird im Allgemeinen nicht.

Ällerhand Redensarten:

Sëall ischd d’ wâl, ’sischd oən deng, då wud nons draús, ër ischd dër hëall nons, dês ischd graúsig; graúsig ist, was weiter nordwärts arg, also überhaupt = sehr z. B. graúsig schên, und wird alle Augenblick gehört mit ungemein langer Dehnung des ; dês ischd selle das ist übel, dês ischd mái als graúsig, mái als veil, i háun de mái als liəb etc.; ganganfangan! gang goddeng! (nicht: láuf dapfër!) Pfeff.: gang walle! komm walle ruf! gê und gáun gleich, sogleich z. B. jetzd gang i gê oder gáun ens bedd, ’s wud gáun rëangan; ër ischd an baúër gsein obanraús, se kâns obanraús; an laschd sehr viel; anmpfel, an hempfəle eine Handvoll; kîfan dem Kinde vorbeißen; zîfəran zupfen; ër ischd neid grëa er ist noch nicht fertig; ër gwônnəds id; i gëars id ich verlange, begehre es nicht; dëar këaləd laúd schreit laut; am ård, ’s ård das Ende (dër ård Schuhmacher-Ahle); îbërlengd mit Geschäften überhäuft; dês ischd an graúsig áunnáidige Unnöthiges thuend; ër ischd râkeid, ër håd en râkeid; komm sä! da nimm! ondërgildig ordinär, gering; dëar duəd äll áundeiss oder áunschigg sëalbër; gnêrig hungrig; älləs vërbáusan mit Kochen und Backen hinausbringen; ër håd koənnke ist gedankenlos; ’s doddərəd əm er fängt an sich dran zu erinnern; wôl dåban schmeicheln (dâban auch Bezeichnung der Hände); pfiddəran = kuddəran; oəns gangs in einem hin; annə wëag doch; ranzəd id so midanandër! handelt nicht so genau! schlâ nəm dan ranzan vôl! koən báun nutz, koən schlái wëard; de dueschd koən êganmendle und koən kreizigs dengle du arbeitest nichts; ër ischd Buggəlesmurr zuə oder ër ischd Katzanbach zuə auf und davon; hald dein gosch! sag nichts! d’ leid vernonzan als nichts hinstellen, ër håd aúsdeibləd ist um sein Vermögen gekommen durch ungeschickten Umtrieb, pfaúsan trotzen, vërpflitzan verfallen, durch Fallen zerschmettern.


  1. Von Finanzrath Kull.
  2. Siehe Regbl. von 1810 Nr. 53 S. 530, Beilage, Organisations-Manifest S. 2.
  3. Vergleiche die Beschreibung des Oberamts Spaichingen S. 64 bis 66, Tuttlingen S. 88–89, Rottweil S. 62–65.
  4. Die Gemeindeweiden sind nemlich hiebei, wie überhaupt so auch im Bezirk Balingen, meistens gar nicht berücksichtigt worden. Denn nach der Landesvermessung (1850) betrug das Areal der Weiden im Oberamtsbezirk Balingen 14.107 Morgen (= 4446,17 ha) während bei der Aufnahme von 1873 nur 29445/8 Morgen (= 933,45 ha) davon verzeichnet worden sind.
  5. Die zu der Bevölkerungszahl von 33.030 (vergl. oben S. 69) fehlenden 76 Personen sind in Anstalten lebende ohne Berufsangabe.
  6. Vergleiche auch die Beschreibung des Oberamts Spaichingen S. 69.
  7. Vergl. Jahrgang 1876 der Württemb. Jahrbücher IV S. 37.
  8. Vergl. Jahrgang 1876 IV S. 74.
  9. Vergl. Jahrgang 1876 IV S. 96.
  10. Vergleiche die Beschreibung des Oberamts Mergentheim, Stuttgart 1880 S. 85 und 86. Auf 100 Haushaltungen kommen dort Dienstboten 42,44, Gehilfen und Lehrlinge 30,24 und unter 100 Haushaltungen sind 38,01 mit 6 und mehr Personen begriffen.
  11. Vergl. Jahrgang 1874 I der Württemb. Jahrbücher S. 28. 170. 199. 209.
  12. Vergl. Jahrgang 1874 I der Württemb. Jahrb. S. 199. 202.
  13. Vergl. Jahrgang 1874 I d. Württemb. Jahrb. S. 23, 26 und 27.
  14. Vergl. die Beschreibung Württembergs von 1863 S. 317. Die Zahl der Trauungen begann übrigens auch schon innerhalb dieser 8 Jahre zu sinken und betrug in den Thalorten von 1838–1841 484, von 1842–1845 dagegen nur 435.
  15. Vergl. die Beschreibung des Oberamts Mergentheim. Stuttgart 1880 S. 88.
  16. Siehe Jahrgang 1856 der Württemb. Jahrbücher I S. 59.
  17. Vergl. die Beschreibungen dieser Oberämter S. 103, 77 u. 79.
  18. Siehe Jahrgang 1877 der Württembergischen Jahrbücher II Heft S. 290 ff. und Jahrgang 1879 I Bd. 2. Hälfte S. 308.
  19. Vergl. die Beschreibung des Oberamts Spaichingen S. 86 und Tuttlingen S. 108.
  20. siehe auch Jahrgang 1874 der Württemb. Jahrbücher I S. 6.
  21. Vergl. Württemb. Jahrbücher von 1875 I S. 241 und 1876 IV S. 186.
  22. siehe Jahrg. 1855 der Württ. Jahrbücher 2. Heft S. 1–133.
  23. siehe Jahrg. 1878 der Württemb. Jahrbücher III S. 1–231.
  24. Von Oberamtsarzt Dr. Hopf.
  25. Kull, Beiträge zur Statistik der Bevölkerung Württembergs, 1877. Vgl. auch oben S. 67 ff.
  26. Dr. Klein, Mediz. Korrespondenzblatt. Jahrg. 1865.
  27. Von Pfarrer Th. Hartmann in Frommern.
  28. M. = E. Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche in Schwaben. B. = Birlinger, Volksthümliches aus Schwaben 1861 f. Derselbe, Aus Schwaben 1874.
  29. Von Pfarrer Schlenker in Frankenbach (früher in Erzingen).

Errata

  1. Zu S. 108–111. Die Zahl der im ersten Lebensjahr gestorbenen Lebendgeborenen in der Tabelle des Oberamtsphysikats scheint bei der Gemeinde Margrethausen auf S. 111 mit 36,73 Proz. nicht richtig berechnet zu sein, denn nach den betr. Durchschnittszahlen auf S. 108 und 109 (in Spalte 6, 12, 13) beträgt sie nur 29,93.

    Die Prozentzahl für das ganze Oberamt zeigt gegenüber der Tabelle auf S. 96 keinen erheblichen Unterschied.

    Siehe Nachträge und Berichtigungen, Seite 544.


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