Beschreibung des Oberamts Balingen/Kapitel B 21

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21. Pfeffingen,


Gemeinde III. Kl., Pfarrdorf, mit Zitterhof 963 Einw., worunter 6 Kath., welche nach Margrethausen eingepfarrt sind.

Pfeffingen liegt im obersten Hochthal der Eyach von gewaltigen, steilen und theilweise verstürzten Bergen rings außer gegen Süd eingeschlossen; trotzdem macht diese Umgebung durch das Zusammenstoßen mehrerer Thälchen (des Wünschthalbachs, Eschenbachs, Buhbachs, Kiesersthalbachs, Irrenbachs und Rohrbachs) wie durch Wald, Obstbäume, saftiges Wiesengrün einen sehr freundlichen Eindruck.

Der ziemlich weitläufige Ort wird von der Eyach und vom Wünschthalbach durchflossen und steigt von S. nach N. an bis zu Kirch- und Pfarrhof. Er zeigt neben einer Anzahl geringerer | viele stattliche Bauernhäuser in Holzbau und mit mancherlei Inschriften, und hat gekandelte, zum Theil chaussirte Straßen. Im ummauerten Kirchhof, dessen Thor die Jahreszahl 1763 trägt und der mit schönen Sandsteinmonumenten geziert ist, erhebt sich mit 4stockigem Westthurm und schlankem Ostchor die alterthümliche Kirche, die schon im Äußeren noch mehrere Spuren des gothischen Stils aufweist. So der Chor, der etwas über das Schiff erhöht ist, ein altes Steinkreuz über seinem vordern Giebel, zwei Strebpfeiler an den hinteren Ecken und den oberen Theil eines guten gothischen Fensters in der Rückwand, ein ganzes solches in der nördlichen Seitenwand; das Langhaus hat frühgothische Blendfenster in der Nordwand, zwei gothische Thüren und noch ein Fenster, während die übrigen viereckig vergrößert wurden. Das Innere zeigt im Langhaus Emporen auf der West- und Nordseite und eine getäferte Decke. In den Chor führt ein spitzbogiger Triumphbogen; er selbst ist von einem einzigen hochschlanken Kreuzgewölbe bedeckt, dessen kräftig profilirte Rippen in der Mitte einen Kreis bilden, indeß sie von schönen halbkonischen (aus drei Seiten des Sechsecks gebildeten) Konsolen aufschießen. Der achteckige gothische Taufstein trägt die Jahreszahl 1510. Der uralte Thurm an der Westseite, aber nicht in der Mitte derselben, sondern mehr nördlich stehend, mit sehr dicken Mauern und schießschartenartigen Öffnungen trägt im obersten Holzstockwerk 2 mittelgroße Glocken; die kleinere von Ferd. Engel in Ebingen 1855, die größere von C. D. Schmeltz in Biberach 1830. Die Kirche ist von der Stiftung zu unterhalten. An die Ostseite des Kirchhofs stößt der schöne Pfarrgarten, in welchem das stattliche wohnliche Pfarrhaus sich erhebt, mit schöner Aussicht auf Thal und Berge; es gehört gleichfalls der Stiftung.

Das Schulhaus liegt unterhalb der Kirche und ist 1832 als ein stattlicher Holzbau für 2 Lehrzimmer und 2 Lehrerwohnungen errichtet worden, indeß das benachbarte alte zum Rathhaus bestimmt wurde. Die Gemeinde besitzt ferner zwei öffentliche Waschhäuser, ein Armenhaus und zwei Schafhäuser.

Fünf Vizinalstraßen verbinden den Ort mit den Nachbarorten Margrethausen, Zillhausen, Burgfelden, Onstmettingen, Thailfingen. Sie erfordern 11 Brücken über Eyach, Eschenbach und Kiesersthalbach, welche nebst 5 Stegen die Gemeinde zu unterhalten hat.

| Bei dem Quellenreichthum der Markung ist für Trinkwasser aufs beste gesorgt durch 11 laufende öffentliche Brunnen, wovon 4 durch eiserne, ebensoviel durch thönerne und 3 durch hölzerne Leitungen gespeist werden. Außerdem ein Privatpumpbrunnen.

Die kräftigen Einwohner, von denen zur Zeit 6 Personen über 80 Jahr alt, sind ihrem Kerne nach fleißig, betriebsam, sparsam, ordnungsliebend und kirchlich gesinnt. Die Volkstracht schwindet mehr und mehr.

Der Wohlstand ist nicht bedeutend; es gibt wenig Vermögliche, viele Arme. Der größte Grundbesitz ist 15 ha, der mittlere 8 ha; der Arme hat nur seine 10 ha Allmand. 15 ha Güter liegen auf fremder Markung. Man sucht durch Gewerbe dem Nahrungsstand aufzuhelfen, besonders durch Schuhmacherei und Corsettweberei; aber die 2 Corsettfabriken und eine Wattfabrik (seit 1871, ursprünglich 1838 Bleiweißmühle, 1857 Wollspinnerei) stehen gegenwärtig still. Dafür wird viel gestickt und gestrickt; ersteres nach der Schweiz, letzteres für Ebinger Fabrikanten. Leinenspinnerei nur für eigenen Bedarf. Früher viel Kohlenbrennen. Dem Verkehr dienen 4 Wirthschaften, davon eine mit Bierbrauerei, 5 Krämer und ein Fahrbote nach Ebingen. Eine Mühle ist mit 2 Mahl- und einem Gerbgang, sowie mit Hanfreibe ausgestattet. Eine Industrieschule sorgt für den Unterricht im Nähen und Stricken.

Die Markung ist ziemlich groß und gut abgerundet; aber sie besteht großentheils aus Wald, Fels, Rutschen und Steilhängen, von denen der bessere Boden leicht abgeschwemmt wird, wozu kommt, daß die Bäche bei wolkenbruchartigen Regen oft großen Schaden anrichten. Die Grundlage bildet der untere weiße Jura, aus dem Kalksteine gebrochen werden; auch die Ornatenthone des braunen greifen im Wünschbachthal noch herein. Den Höhen ist z. Th. diluvialer Lehm aufgelagert, der, wie der eingeschlossene Sand und der Kalkschutt, auch zur Ausbeute dient. Das Thal ist mit Jurablöcken besät, zwischen denen schwerer Boden, der nach oben mehr leichtem, schwarzem, humusreichem Platz macht. Einige Wiesen sind sumpfig. Die gewöhnlichen Getreidearten gedeihen; feinere Gewächse weniger, doch noch Bohnen.

Das Klima ist rauh, mit Frühlingsfrösten, kühlen Sommernächten, starken Winden, alle 8–10 Jahre Hagelschlag. Eine Wetterscheide gegen Westen bildet der Böllat.

| Für die Landwirthschaft bildete lange ein Haupthindernis der Mangel an Straßen auf die Berge, jetzt sind jene da, aber die besseren Felder meist an die umliegenden Orte verkauft. Trotzdem gibt man sich viele Mühe. Dem Boden wird nebst der meist sorgfältig gesammelten Jauche noch Gips, Asche und jährlich ca. 200 Ctr. Reutlinger Kunstdünger zugeführt. Die Pflüge sind Schaufelpflüge. Von verbesserten Geräthen sind eine eiserne Egge und Walzen vorhanden. Ein Hofgut, der Zitterhof, besitzt etwa 50 Mrg. arrondirtes Gut, nebst etwa 30 weiteren. Im Thal findet Dreifelderwirthschaft statt; auf den Bergen sind Wechselfelder. In der Brache wird etwa 1/4 angebaut mit Klee, Esparsette, Kartoffeln, Wicken und Angersen. Auch Reps und Hanf wird gebaut, ersterer nach außen verkauft. Futterkräuter werden viele gepflanzt, neben den genannten noch Luzerne und englisches Raygras. Vom Dinkel sät man auf den Morgen 10 Sri. und erntet 7 Schffl., von 5 Sri. Gerste 3 Schffl., von 8 Sri. Haber 5 Schffl., von 9 Sri. Einkorn 5 Schffl., von 4 Sri. Roggen 2 Schffl. Haber können etwa 100 Schffl. verkauft werden; dagegen wird auf der Schranne Ebingen viel Kernen und Gerste zugekauft.

Der Wiesenbau ist nicht ausgedehnt, liefert ein gutes, nur theilweise etwas saures Futter. Die Wiesen im Thal sind zwei-, die auf den Bergen einmähdig. Der Morgen trägt im Durchschnitt 30 Ctr. Heu und Öhmd. Es wird noch Futter zugekauft.

Gemüsebau nur für eigenen Bedarf. Die Obstzucht ist im Zunehmen. Wadel-, Knaus- und Fäßlesbirnen, sowie Pflaumen und Zwetschgen gedeihen. Zwei Gemeindebaumschulen sind vorhanden und ein in Hohenheim gebildeter Baumwart ist aufgestellt. Die Jungstämme werden zum kleineren Theil in Ebingen gekauft. Das Obst wird auch gedörrt, gemostet und gebrannt, wenig verkauft.

Die Gemeinde besitzt 280 ha Wald, größtentheils Laubwald, welche jährlich 400 Klafter und 20.000 Wellen ertragen, wovon der Bürger jährlich 2 Rm. Holz und 25–30 Wellen erhält, indeß noch etwa 5000 M. in die Gemeindekasse fließen.

Die 700 Mrg. große Weide ist mittelgut, gesund und wird mit fremden Schafen befahren, was der Gemeinde 1100 M. Pacht und ebensoviel für Pferchnutzung einbringt. 340 Mrg. Allmanden sind an die Bürger umsonst verliehen. Einige Stücke dienen der Farrenhaltung.

| Pferdezucht und -haltung ist gering. Die Stuten werden auf die Ebinger Platte geführt.

Die Rindviehzucht ist in gutem Stand und noch im Zunehmen. Man züchtet die Schweizerrace, wofür die Gemeinde 3 Farren aufgestellt hat. Stallfütterung ist allgemein. Viehhandel wird ziemlich getrieben, doch nicht auf weite Entfernung. Milch wird nur innerhalb des Orts selbst verkauft.

Die Schafzucht ist in der Hand fremder Schäfer, welche Sommers 7–800 Stück, Bastarde, laufen lassen.

Schweinezucht findet nicht statt, einige Schweinehaltung (halbenglischer Race) fast nur zum eigenen Bedarf.

Auch Ziegenzucht ist unbedeutend; die von Hühnern und Gänsen dient nur dem eigenen Bedarf.

Bienenstöcke sind es nur etwa 50.

Die Fischerei ist gering und gehört der Pfarrei; kleine Forellen kommen in der Eyach vor.

Außer dem Vermögen der Stiftungspflege besteht noch eine Schulstiftung für arme Kinder im Betrag von 150 fl.

Parzellen:

a. Zitterhof (s. o.). 1/2 St. vom Ort auf dem Plateau des Auchtbergs.
b. Eyachmühle. Einige Minuten oberhalb des Dorfs.

Der Ort, dessen Name von Phafo, Pfaffe, abzuleiten ist, wird das erste Mal im J. 793 durch Besitz genannt, welchen Kloster St. Gallen hier (in Faffinga) von der gottfriedischen Familie erwarb (S. 338). Auch in späteren Jahrhunderten war dieses Kloster dahier noch begütert und besaß insbesondere ums J. 1200 eine Tafern, von welcher ein Frischling zu leisten war, und anderes. Im Ganzen aber gehörte Pfeffingen zur zollerischen Herrschaft Schalksburg und kam mit ihr den 3. November 1403 an Württemberg (S. 279).

Von unbedeutenderem oder vorübergehendem Besitze ist namentlich solcher von einigen Klöstern zu erwähnen, welcher vielfach auf die Familie Thierberg zurückführt. So erwarb Kloster Margrethausen den 26. Juli 1343 das sog. Hätingsgut dahier um 24 Pfd. Hllr. von Konrad von der Alten-Thierberg, den 28. August 1369 den Walchhof um 160 Pfd. Hllr. von Burkhard von Thierberg von der Alten-Thierberg; den 27. Febr. 1380 den Deckenhof um 130 Pfd. Hllr. von Eberhard dem Rot von Onstmettingen Schulmeister zu Rottweil, worauf | den 24. Mai 1381 Wernher von Rosenfeld in seinem eigenen und seines Vaters Burkhard von Schalksburg Namen auf die lehenschaftlichen Ansprüche an dieses Gut verzichtete; den 10. Januar 1498 Gülten aus hiesigen Gütern um 63 Pfd. Hllr. vom Kloster Stetten unter Zollern. Ferner Kl. Alpirsbach den 24. Juli 1352 den Höldlinshof schenkweise von Johann und Burkhard von Thierberg, Konrads von Th. sel. Söhnen (Mon. Zolleran. 1, 187). Kloster Ottmarsheim hatte hier ein Zehntlein, welches die Zollern von ihm zu Lehen trugen und bei dem schon genannten Verkaufe des Orts an Württemberg mit verkauften (S. 280). Ein Streit zwischen Graf Ulrich von Württemberg, dem Kloster Wannenthal und dem Kaplan an St. Katharinenaltar zu Burgfelden einer- und dem Kloster Wittichen andererseits wegen des Zehntbezugs aus Äckern in Pfeffinger und Margrethauser Bann wurde den 1. Juli 1448 schiedsrichterlich entschieden. Der Balinger Vogt Wilhelm Sürg von Sürgenstein und Schultheiß und Keller allda vertauschten im J. 1471 Leibeigene zu Pfeffingen mit Kl. Beuron (Württ. Jahrb. 1838, 209). – Hans Kröwels Wittwe (Viga) von Wartenberg verkaufte mit ihren Kindern im J. 1389 unter anderem 3 Morgen Weingarten dahier an Konrad von Weitingen, welcher im gleichen Jahre von Österreich damit belehnt wurde (OA.-Beschr. Horb 126).

Die Seelenzahl betrug nach Röders öfters genanntem Lexikon von Schwaben 570.

Namentlich von diesem Orte wird in den Reisen eines Curländers durch Schwaben (1784, S. 182 ff.) eine eigenthümliche, in Folge Mißbrauchs jedoch später aufgehobene Sitte erzählt, wie zänkische Eheleute durch Volksjustiz zum Frieden gebracht werden. Nach mehrmaligen fruchtlosen Mahnungen durch nächtliche Stockschläge an die Thüre und den Zuruf „der Datte [d. h. Vater] kommt“, werden die streitigen Eheleute Nachts durch 2–3 verkleidete oder sonst unkenntlich gemachte Männer so durchgebläut, daß in der Regel der Hausfrieden gesichert werde. Ähnlich ist die Sitte von „einigen zu Balingen gehörigen Ortschaften“ erzählt in Siebenkees, Neues juristisches Magazin 1, (1784) 548 ff. und Schmid, Schwäbisches Wörterbuch 116.

Was die kirchlichen Verhältnisse betrifft, so stifteten mit Genehmigung des Constanzer Bischofs Heinrich vom 24. Juni 1377 die Grafen Friedrich von Zollern, Herr zu Schalksburg, und sein Sohn Friedrich, Pfarr-Rektor zu Burgfelden, wohin Pfeffingen kirchlich gehörte, auf Bitte ihrer hiesigen Unterthanen und zu ihrem Seelenheil von ihrem und der Einwohner Vermögen den 9. Juni 1376 eine Messe in der hiesigen Nikolauskapelle. Sie wurde mit 11 Pfd. Hllr. jährlich dotirt und das | Präsentationsrecht sollte dem Grafen Friedrich und seinen Erben zustehen (Monum. Zolleran. 1, 228). Nach der Reformation wurde der Pfarrsitz von Burgfelden hierher verlegt (vgl. S. 313).


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