Beschreibung des Oberamts Brackenheim/Kapitel B 29

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Weiler,


Gemeinde III. Kl. mit 339 Einw. – Ev. Pfarrdorf. 21/4 Stunden südwestlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Der nicht große, aber hübsche freundliche Ort liegt im oberen Zaberthal und ist theils in die Thalebene, theils an einen leicht gegen Norden sich neigenden Thalabhang (Ausläufer des nahen Strombergs) etwas gedrängt hingebaut. Durch den Ort führt der Länge nach die gut unterhaltene breite Landstraße von Güglingen nach Leonbronn und weiter nach Maulbronn, auch die übrigen Ortsstraßen sind reinlich gehalten, gekandelt und in gutem Zustande. Der Ort war früher ummauert, mit Thoren versehen und soll ein Marktflecken gewesen sein.

Die Kirche hat eine günstige Lage auf der höchsten Stelle des Dorfs in dem einst festen, noch ummauerten Friedhof; an ihrem breiten, laut Inschrift im J. 1751 erneuerten Schiffe steht gegen Osten ein schöner frühgothischer Thurm, von dem aus man wieder eine äußerst liebliche Aussicht genießt und der seinem Baustile nach, wie der Pfaffenhofer und Zaberfelder Thurm, von der Bauhütte des Klosters Maulbronn ausgeführt wurde. Derselbe hat im ersten, den Chor vertretenden Geschoß ein starkes auf schlanken geschwungenen Konsolen ruhendes Rippenkreuzgewölbe von halbachteckiger Leibung und mit einem Schlußsteine, worauf sehr zierlich ein aus vier gezackten natürlichen Blättern zusammengesetztes Vierblatt ausgemeißelt ist. Die spitzbogigen Schallfenster des mit einem achtseitigen Zeltdache bedeckten Thurmes sind noch sehr schmal und auf dem Kirchenboden sieht man in der hier anstoßendenden Thurmwand eine schöne Rosette im Übergangsstil und von Diamanten umfaßt. Das Schiff enthält ein merkwürdiges frühgothisches Krucifix von jugendlicher Auffassung, mit spärlichem, stark stilisirtem Bart; es erinnert an das in der Kirche zu Pfaffenhofen und deutet gewiß wieder auf Maulbronner Einfluß. Der Taufstein ist einfach spätgothisch, der Triumphbogen niedrig und spitz. Die flach gewölbte Decke zeigt gestaltenreiche Gemälde in Rococoart, und mit der Inschrift: Die Kirche zu Weiler ward gemalt durch Johannes Stigler aus Prag. 1767. Das Hauptbild stellt das heil. Abendmahl vor.

| Ferner sieht man an der Emporenbrüstung 18 Darstellungen aus dem Neuen Testament, von Christi Geburt bis Pauli Bekehrung, an der Südwand der Kirche ein großes und gutes Ölbild: das Weltgericht, und an der Kanzel drei Ölbilder, darunter die Enthauptung des Johannes mit der Unterschrift:

Ein Lehrer muß die Warheit sagen,
Würd ihm auch der Kopf abschlagen.

Von den beiden Glocken hat die größere die Umschrift in gothischen Minuskeln:

bernhart lachaman gos mich.
hilf maria ihesus naserenus rex iudeorum. 1490.

Auf der zweiten schlank geformten Glocke stehen in der Schrift der Pfaffenhofer Glocke die Namen der vier Evangelisten. Alles deutet also wieder auf das Ende des 13. Jahrhunderts als Erbauungszeit des Thurmes. Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der Gemeinde. An der östlichen Mauer des Friedhofes sieht man ein spätgothisches Grabdenkmal mit dem Standbild des Verstorbenen und der Umschrift:

Als man zalt 1500 und … hie lit hans klotz. dem got gnedig und barmhertzig sei.

An der Hauptstraße steht das gut erhaltene 1770 erbaute Pfarrhaus und bildet mit seinem ummauerten Hofraum und Garten einen angenehmen, wohl geschlossenen Pfarrhof; die Unterhaltung desselben hat der Staat. Das zunächst der Kirche stehende 1770 erbaute und 1842 wesentlich erweiterte und verbesserte Schulhaus enthält ein Lehrzimmer und die Wohnung des allein an der Schule stehenden Schulmeisters. Das Rathhaus wurde 1844 an der Stelle des früheren beinahe ganz neu und in modernem Geschmack erbaut. Im unteren Stockwerk befindet sich im Hausgang ein an dem früheren Rathhaus angebrachter Stein eingemauert, der die Wappen der Herren von Sternenfels und von Kechler Schwandorf enthält. Ein Back- und Waschhaus, ein Schafhaus, ein Armenhaus und eine Kelter mit einem Baum sind vorhanden.

Frisches, jedoch etwas hartes Trinkwasser liefern hinreichend 6 Pumpbrunnen, unter denen einer schwefelsäurehaltige Bestandtheile zu enthalten scheint, was sich durch den Geruch des Wassers verräth. Auch die Markung hat viele Quellen, die bedeutendste ist der Michelsbrunnen. Über die Markung fließen, die Zaber nahe am Ort vorüber, der Michelbach, der Ransbach und der durch den Ort fließende Regenbach. Über die Zaber führen 3 steinerne, über den Michelbach und den Regenbach je eine hölzerne Brücke; sie sind sämtlich von der Gemeinde zu unterhalten.

| Die im allgemeinen fleißigen, geordneten und kirchlich gesinnten Einwohner sind meist kräftig und gesund, jedoch ist unter ihnen Schwerhörigkeit nicht gerade selten. Die Vermögensverhältnisse gehören zu den mittelmäßigen, indem der vermöglichste Bürger 34 Morgen, der sogenannte Mittelmann 12 und die minder bemittelte Klasse 1 Morgen Grundeigenthum hat. Die Ortsbürger besitzen auf angrenzenden Markungen etwa 20 Morgen Güter. Unterstützung von Seiten der Gemeinde erhalten 8–9 Personen. Die Erwerbsmittel bestehen in Feldbau, Weinbau, Viehzucht, Obstbau und etwas Gewerben; von den letzteren arbeiten Maurer, Zimmerleute, Weber und Schuhmacher auch nach außen. Eine Schildwirthschaft und zwei Kramläden sind vorhanden.

Die nicht große Markung, von der überdieß ein namhafter Theil mit Wald bestockt ist, hat, soweit sie für den Feldbau benützt wird, eine hügelige, der für den Wein- und Waldbau benützte Theil aber eine bergige Lage. Der Boden ist mittelfruchtbar und besteht in den tieferen Lagen aus den untern Keupermergeln und deren schwerthonigen Zersetzungen, theilweise auch aus Lehm; in den höheren Lagen machen sich die leichtsandigen Zersetzungen des Keuperwerksteins geltend und in den Waldungen treten die schweren Thone des mittleren Keupermergels und die mageren Stubensandsteinböden auf. Ein Keuperwerksteinbruch ist am Heuchelberg angelegt, auch bestehen Lehm-, Sand- und Mergelgruben. Das Klima ist wegen des engen Thals etwas rauher als in dem unteren Zaberthal, indessen gedeihen die Reben und feineren Gewächse noch; die Sommernächte sind nicht selten kühl und schädliche Frühlingsfröste kommen gerade nicht selten vor, dagegen gehört Hagelschlag zu den Seltenheiten.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung des Brabanterpflugs verhältnißmäßig gut betrieben, und zur Besserung des Bodens benützt man außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln auch Compost, Gips und Asche. Zum Anbau kommen die gewöhnlichen Cerealien, Kartoffeln, die sehr gut gedeihen, Erbsen, Linsen, Angersen, dreiblättriger Klee, Luzerne, Futterwicken, Welschkorn, Kraut, Mohn, etwas Flachs und Hanf. Die Handelsgewächse werden meist im Ort verbraucht und von den Getreidefrüchten können etwa 100 Schfl. Dinkel und eben so viel Haber über den eigenen Bedarf verkauft werden. Der ausgedehnte Wiesenbau liefert ein gutes Futter, von dem ein Theil nach außen abgesetzt wird. Der in gewöhnlicher Weise betriebene Weinbau gewinnt in neuerer Zeit an Ausdehnung; man pflanzt auf den Morgen 2500–3000 Stöcke, meist Elblinge, Silvaner, Drollinger, schwarze und rothe Rißlinge, und bezieht sie den Winter über. Der höchste Ertrag eines Morgens beträgt 6 Eimer und die Preise eines Eimers bewegten sich in den letzten 10 Jahren von 25–50 fl. Das Erzeugniß ist angenehm und wird in die Umgegend und ins| Badische abgesetzt. Die Obstzucht wird eifrig betrieben, obgleich das Obst wegen des engen Thals nicht besonders gerne geräth; man pflanzt Luiken, Fleiner, Bietigheimer, Reinetten, Knaus-, Palmisch-, Pomeranzen- und Bratbirnen, von Steinobst Zwetschgen und etwas Kirschen. Die Jungstämme bezieht man aus den vorhandenen Privatbaumschulen, und zur Pflege der Obstkultur ist ein besonderer Baumwart aufgestellt. In günstigen Jahren können etwa 600 Simri Obst nach außen verkauft werden.

Von dem Ertrag der vorhandenen 426 Morgen Gemeindewaldungen erhält jeder Bürger eine jährliche Holzgabe von 50–60 St. Wellen, während das Oberholz zu Gunsten der Gemeindekasse verkauft wird und dieser 1500–2000 fl. jährlich einträgt. Überdieß bezieht die Gemeinde aus 20 Morgen eigentlicher, wie aus der Brach- und Stoppelweide, auf der ein Pachtschäfer im Sommer 125, im Winter 160 St. Bastardschafe laufen läßt, 300 fl., aus der Pferchnutzung 125 fl. und aus Gemeindegütern 100 fl.

Die Rindviehzucht wird den Verhältnissen angemessen betrieben; man hält einen guten Neckarschlag und hat zur Nachzucht einen Farren von gleicher Race aufgestellt. Der Handel mit Vieh ist von keinem Belang.

Es sind unbedeutende Stiftungen vorhanden, deren Zinse für Arme und Schulzwecke und theilweise auch zur Anschaffung kirchlicher Geräthschaften verwendet werden.

Auf einem Vorsprung des Strombergs, 1/2 Stunde südlich vom Ort, soll auf dem sog. Schänzle ein Schloß gestanden sein; man sieht daselbst noch einen tiefen Graben, der die zugängliche Seite des Bergvorsprungs befestigte.

Die Geschichte des Orts, welcher früher Wilare, Wilre, Wieler u. s. w. geschrieben wurde und ein Kreuz in seinem Wappen führt, ist unbedeutend und lückenhaft. Wenn Graf Boppo von Laufen dem von seinem Bruder, Erzbischof Bruno von Trier, gegründeten Stift Odenheim die halbe Kirche in Weiler schenkte, was K. Heinrich V. den 5. März 1122 und K. Friedrich I. im J. 1161 bestätigten (Wirt.-Urkb. 1, 352. 2, 135.), so mag es bei der großen Zahl der Orte dieses Namens immerhin etwas zweifelhaft bleiben, ob hierunter dieses Weiler zu verstehen ist, da späterer Besitz des Stiftes allhier nicht mehr erwähnt wird und in der Folge eben Württemberg als Lehensherr der Pfarrei erscheint, ohne daß der Besitzerwerb desselben bekannt wäre. Dagegen dürfte der Schultheiß Konrad von Wile, welcher im J. 1283 Güter zu Bönnigheim kaufte (Klunzinger 1, 82) sicher diesem Orte angehören.

Begütert war hier gegen Ende des 13. Jahrhunderts die Familie von Neuffen, welcher vielleicht der Ort gehörte; im J. 1296 verkauften Rudolf von Neuffen und sein Schwager Ulrich von| Magenheim hiesige Gefälle mit der Kelter an das Kloster zum h. Grab in Speier, welches Konrad von Flügelau im J. 1303 in dem Besitze dieser Rechte und Güter zu schirmen versprach (s. ob. S. 262). Über den Erwerb des Ortes durch Württemberg ist nichts bekannt, doch war er wohl im J. 1341 schon württembergisch (s. u.).

Hiesige Geistliche werden schon frühe aufgeführt, so: den 15. Juni 1279 der Leutpriester Lupold als Zeuge Konrads von Magenheim (Remling Urkb. 1, 356), den 4. März 1295 der Leutpriester Rudolf als Zeuge Rudolfs von Neuffen (s. ob.). Im J. 1341 stiftete Graf Ulrich von Württemberg, Probst des S. Guidostifts zu Speier, hier eine Frühmesse; ein Streit über deren Besetzungsrecht zwischen dem Pfarrer und der Gemeinde wurde den 6. Juli 1481 durch den Probst des S. Guidostiftes dahin entschieden, daß beide Theile einhelliglich mit einander dieselbe verleihen und zu ihr präsentiren sollen. – Den 27. Mai 1449 übergab das Kloster zum h. Grab an den Grafen Ludwig von Württemberg, damit derselbe auch ferner seine Güter zu Güglingen beschirme, seinen Theil am Weinzehenten (was nicht gen Pfaffenhofen dient), 2 Keltern mit Kelterwein und 17 Erbeimer allhier, behielt sich jedoch sonstige Erbeimer, Geldzinse, Zinshühner und andere Bodenzinse, die es hier hatte, bevor. – Den 17. Apr. 1494 bestätigte der Speirer Generalvikar die von der Gemeinde, dem Pfarrer und dem Frühmesser dahier gestiftete Salvebrüderschaft (St.-A.).

Der Deutschorden hatte hier Gefälle, namentlich eine jährliche Abgabe von Wachs aus hiesigen Wiesen zu fordern, welche deßhalb Wachswiesen heißen (Klunzinger 3, 202).


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