Beschreibung des Oberamts Calw/Kapitel B 1

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B.


Ortsbeschreibung,


in alphabetischer Reihe der den Oberamtsbezirk bildenden 43 politischen Gemeinden oder Schultheißereien; jedoch unter Vorausstellung der Oberamtsstadt.

Die am Schluß beigefügten Tabellen gewähren übersichtliche Zusammenstellungen: I. der Bevölkerung, der Gebäude und des Viehstandes; II. des Flächenmaßes nach den verschiedenen Bestandtheilen, und III. des Steuer-Katasters, des Gemeinde- und Stiftungshaushaltes.

Die Oberamtskarte zeigt die geographische Lage der Orte.


Calw[1].
Gemeinde II. Kl. mit 4183 ortsangeh. Einw., wor. 47 Kath., mit Wimberg, Hof (Fil. von Altburg), Spinnerei beim Gutleuthaus, Haus; Windhof, Hof; Tanneneck oder Sägmühle (Baumwollspinnerei); Walkmühle mit Spinnerei, Haus, im Krappen, Haus. – Ev. Pfarrei; die Kath. sind nach Weil d. St., O.A. Leonberg, eingepfarrt.


Die Stadt Calw liegt unterm 26° 24′ 3,28″ östlicher Länge und 48° 42′ 53,34″ nördlicher Breite, 93/4 geom. Stunden südwestlich von Stuttgart. Die Erhebung über dem Mittelmeer, und zwar die an der Erdfläche der Kirche beträgt 1219,5 Württ. F. = 1075,5 Par. F., die des Niveau’s der Nagold unter der Brücke 1165 Württ. F. = 1027,5 Par. F.

| Als Oberamtsstadt ist Calw der Sitz des Oberamtsgerichts mit dem Gerichtsnotariat, des Oberamts mit dem Oberamtsphysikat, des Dekanatamtes und eines Postamts. Überdieß wohnen hier ein Hochbau-Inspector, ein Straßenbau-Inspector, ein Umgeldscommissär, drei prakticirende Ärzte, der Oberamts-Wundarzt, der Oberamts-Thierarzt und der Oberamtsgeometer; auch bestehen 2 Apotheken im Ort.

Am östlichen Saume des Schwarzwaldes hat die Stadt in dem tief eingeschnittenen, mit steilen Abhängen begleiteten Nagoldthale eine freundliche, geschützte Lage; auf beiden Seiten des Flusses in 2 ungleichen Partieen hingebaut, wovon die weit größere auf der linken Seite der Nagold, theils in der Thalebene, größtentheils aber an dem östlich geneigten Thalabhange liegt, ist der Ort meist uneben und bergan steigend. Er zerfällt in die alte Stadt und in die Vorstädte, nämlich in die obere, nordwestlich der Stadt gelegene Vorstadt, in die äußere Vorstadt, welche südlich der Stadt liegt, in die untere, welche nördlich an sie anstoßt und in die jenseits der Nagold gelegene Partie, die hauptsächlich von der Bischofstraße und der Stuttgarter Straße gebildet wird.

Die Altstadt, deren Figur sich einem länglichten Viereck nähert, war mit Mauern und Zwingern umgeben, und überdies noch auf der östlichen Seite durch die zunächst vorbeifließende Nagold natürlich geschützt.

Die ursprüngliche, 5–6′ dicke, an vielen Stellen noch erhaltene Stadtmauer hatte einen sogen. Umgang und lief von dem an der Nagold gelegenen Schlachthaus bis zum äußeren Thor und von da bis zum ehemaligen Pulverthurm; hier ein Ecke bildend führte sie zum Salzthörle, weiter zum Schulthörle und von da hinter der Kirche an dem Zwinger hinauf bis an die nordwestliche Ecke unfern des obern Thors; daselbst bricht sie sich stumpfwinklig, zieht zu dem oberen Thor, weiter einen steilen Abhang hinunter zu dem unteren Thor und von da bis zur nördlichen Ecke der Stadt, von der sie dem linken Ufer der Nagold entlang wieder bis zum Schlachthaus hinführt.

Die alte Stadt hatte 3 Hauptthore, welche mit starken Thürmen versehen waren und zwar: das äußere Thor oder Schaufelthor an der Südseite, das untere (Hirschauer) und das obere (Altburger) Thor an der nordwestlichen Seite. Außer diesen bestanden noch das Hengstetter Thor, das Ziegelthor (durch welches die Straße nach Stammheim führte), das Salzthörle, durch welches der Weg nach Zavelstein gieng, das Schulthörle, zwischen beiden Schulhäusern, das Thurmthörle am Diebsthurm und das Gerberthörle am Weinsteeg. | Die Thore wurden meist Anfangs dieses Jahrhunderts, das Salzthörle aber erst im Jahr 1839 abgebrochen. Von den Thürmen, welche an der Stadtmauer standen, hat sich nur der Diebsthurm noch erhalten, während die Thorthürme und der Pulverthurm verschwunden sind.

Auch war ein Theil der auf der rechten Nagoldseite gelegenen Vorstadt (Bischof- und Stuttgarter Straße) ummauert und durch 2 Thore abgeschlossen; das eine hieß das Ziegelthor und stand bei dem Hause des Gerbers Kappler, das andere, das Hengstetter Thor, stand an dem alten Schafhaus, das gegenwärtig Eigenthum des Fuhrmanns Waidelich ist. Die Mauern um diese Vorstadt sind zum Theil noch sichtbar, auch hat sich der Rest eines Halbthürmchens an denselben noch erhalten.

Die ziemlich ausgedehnte Stadt ist mit Ausnahme der auf dem rechten Ufer der Nagold befindlichen Vorstadt und der Lederstraße, wie der alten Hauptstraße ziemlich unregelmäßig, winkelig und gedrängt angelegt.

Da die Stadt in den Jahren 1634 und 1692 abgebrannt wurde, so finden sich, mit Ausnahme der Kapelle auf der oberen Brücke, des Steinhauses neben dem Rathhause und des Steinhauses in dem sogen. Bischof, keine eigentlich alterthümlichen Gebäude weder in der Altstadt noch in den Vorstädten.

Die Gebäude sind im Allgemeinen aus Tannenholz erbaut und mit steinernen Unterstöcken versehen; mit den Giebelseiten meist gegen die Straßen gekehrt, haben sie, besonders in den Seitenstraßen häufig ein ganz gewöhnliches Aussehen, dagegen trifft man in den Hauptstraßen und in der jenseits des Flusses gelegenen Vorstadt sehr ansehnliche, in gutem Styl erbaute Gebäude, welche den Reichthum ihrer Besitzer hinlänglich bekunden. Auch außerhalb der Stadt stehen einige, mit schönen Gartenanlagen umgebene ansehnliche Gebäude, wie überhaupt der Ort mit freundlichen Gärten umgeben ist. Eine besondere Zierde gewährt der an der Straße nach Hirschau gelegene Brühl[2], ein freier, mit 3 Reihen Linden besetzter Platz.

Die meist engen Ortsstraßen sind, mit Ausnahme der Bischof- und Stuttgarter Straße, durchgängig gepflastert.

Von öffentlichen Plätzen sind zu nennen: der Marktplatz, welcher eigentlich nur eine ziemlich lange, verbreiterte Straße bildet; der | Kirchplatz liegt um die Pfarrkirche und war ursprünglich der Begräbnißplatz; der hinter dem Rathhaus gelegene Fruchtmarkt und der Platz an der oberen Brücke.

Öffentliche Gebäude, welche der Gemeinde gehören, sind:

1. Die Pfarrkirche[3], liegt erhöht in dem westlichen Theil der Altstadt; mit dem Chor gegen den Marktplatz gerichtet, führen von dieser Seite 12 steinerne Stufen auf den mit 2 schönwüchsigen Linden gezierten Vorplatz der Kirche. Die ehemalige Kirche, welche erst 1627 auf Betreiben J. V. Andreäs zur Aufnahme weiterer 1000 Besucher vergrößert worden und hiezu neben anderer Beisteuer von dem Calwer Bürger Christoph Demler allein 4000 fl. erhalten hatte[4], verbrannte im Jahr 1634 und obgleich ihr Wiederaufbau im Jahr 1638 begonnen wurde, so konnte sie doch erst im Jul. 1655 wieder feierlichst eingeweiht werden. Erst anderthalb Jahre später wurde auch der Thurm vollendet. Im Jahr 1692 verbrannte die Kirche zum zweitenmal und den 22. Okt. 1694 stürzte das schon aufgerichtete Gebälk der Kirche zusammen. Ungeachtet dieser Unglücksfälle gieng die ursprüngliche Kirche doch nicht ganz zu Grunde, indem der mit einem halben Achteck schließende, mit Streben und schönen germanischen Fenstern versehene Chor einer weit früheren Periode, als das Langhaus angehört. An den Chor schließt sich südlich die Sacristei an, die ebenfalls mit Strebepfeilern und kleinen, germanisch gefüllten Fenstern versehen ist; das Innere derselben hat ein schönes Netzgewölbe mit einem reich ornamentirten Schlußsteine. Auch die Erbauung dieses Theils der Kirche fällt in eine Periode vor dem ersten Brande, scheint übrigens etwas jünger zu sein als der Chor. An die nördliche Seite des Chors lehnt sich ein Stiegenhaus an, dessen untere Theile zu den ältesten der Kirche gehören und noch 2 im Übergangsstyl von der rom. in die germanische Periode gehaltene Fensterchen enthalten. Dieser Theil scheint der Rest des ursprünglichen Thurms zu sein. Das in einem einfachen Styl gehaltene Langhaus hingegen ist erst nach dem Brande entweder ganz neu erbaut oder doch durchgreifend erneuert worden, und nur die Vorhalle an der Südseite desselben stammt noch aus einer früheren Periode; sie enthält ein schönes Netzgewölbe, auf dessen Schlußstein der Apostel Petrus gut gemalt ist. Zur rechten Seite der Vorhalle ist das Württemberg’sche, zur linken das Calw’sche Wappen angebracht. An der | nördlichen Langhausseite steht über dem Eingang 1654. Unfern vom Altar ist in die Wand eingemauert der Grabstein der Gräfin Salome zu Öttingen, geb. Gräfin zu Hohenzollern, † 4. Aug. 1548 (vergl. Crus. Anal. Suev. 3, 671). Der hohe, nicht sehr alte Thurm ist viereckig und in seinen untern Theilen massiv erbaut; er trägt einen hölzernen, 1733 mit Blech beschlagenen Aufsatz, der in ein Achteck übergeht und mit einem Bohlendach, aus dem eine sogen. Laterne emporwächst, gedeckt ist. Auf dem Thurme hängen 5 Glocken, die zusammen ein harmonisches Geläute geben; die drei größten vom Jahr 1700 wurden, wie die Umschrift der allergrößten besagt, von Johannes und Claudius Rosier, Vater und Sohn, gegossen; auf der vierten steht: Gottlieb Jacob Rechlin gos mich in Stuttgart anno 1735.

Das Innere der Kirche ist einfach; den Chor, der durch eine im Zopfstyl gehaltene Orgel verbaut und verdunkelt wurde, deckt ein Kreuzgewölbe; in demselben hängt ein lebensgroßes, sehr gut geschnittenes Bild des Gekreuzigten. Die Kirche ist Eigenthum der Stiftungspflege, welche sie auch im Bau zu unterhalten hat.

Der Begräbnißplatz lag früher um die Kirche, wurde aber später außerhalb der Stadt an die untere Brücke und von da an seine gegenwärtige Stelle, nördlich der Stadt an die Landstraße nach Hirschau verlegt; er ist in den Jahren 1835 und 1840 namhaft vergrößert worden und nimmt nun einen Flächenraum von 21/2 Morgen 43 Ruthen ein.

2. Die Schulgebäude, deren 4 vorhanden sind, und zwar:

a) Das große, in der Schulgasse stehende Schulhaus enthält im untern Stockwerk 3 Lehrzimmer für Knaben, im obern 2 Lehrzimmer für die lateinische Schule (die Classe des Präceptors und die des Collaborators) nebst der Wohnung des Präceptors; der Collaborator wohnt in einem Privatgebäude gegen Hausmietheentschädigung.

b) Gegenüber von letzterem Gebäude steht an die Kirche angebaut die Mädchenschule; sie enthält im untern und im mittleren Stockwerk je ein großes Lehrzimmer und im Zwerchbau die Wohnung des Knabenschulmeisters.

c) Die ehemalige Stadtschreiberei, ein altes, übrigens gut erhaltenes Gebäude, über dessen Eingang das Calw’sche Wappen angebracht ist, wurde in neuerer Zeit zur Schule eingerichtet. Im unteren Stockwerk befindet sich ein städtisches Gefängniß und die Wachtstube, im mittleren die Kleinkinderschule und im oberen zwei Lehrzimmer für die Mädchenschule.

| d) Neben diesem Gebäude wurde in neuester Zeit ein Schulhaus erbaut, das in seinem unteren Stockwerk die Räume für die Feuerspritzen enthält, im 2. Stockwerk befindet sich ein Saal (dermalen ohne besondere Bestimmung) und im dritten sind 2 Realklassen und die Elementarschule eingerichtet.

Überdieß besteht eine Privattöchterschule und eine Industrieschule; auch ist eine Turnanstalt vorhanden.

An den öffentlichen Schulen unterrichten ein Präceptor, ein Collaborator, ein lateinischer Elementarlehrer und 2 Reallehrer; an der deutschen Knabenschule ein Schulmeister, ein Unterlehrer und ein Lehrgehilfe; an der deutschen Mädchenschule ein Schulmeister, 2 Unterlehrer und ein Lehrgehilfe.

Der Mädchenschulmeister hat keine Hausmietheentschädigung, dagegen beziehen eine solche die beiden Reallehrer und die Unterlehrer.

3. Das auf dem Marktplatz stehende Rathhaus, ein sehr ansehnliches, 5stockiges Gebäude, an dessen unterem, im Renaissancegeschmack erbauten Stockwerke die Jahrszahl 1673, wie das Württemberg’sche und das Stadtwappen angebracht sind. Der massive Unterstock desselben blieb bei dem großen Brande von 1692 verschont, dem alsdann 1726 die weitern Stockwerke aus Holz aufgesetzt wurden. Das Rathhaus, auf dem ein Thürmchen mit Glocke sitzt, enthält in seinem unteren Raum eine große offene Halle (Durchgang), in welcher der Fruchtmarkt abgehalten wird.

4. Zunächst des Rathhauses steht der zur Fruchtschranne gehörige Fruchtspeicher, in welchem sich zugleich die Wohnung des städtischen Rathsdieners befindet.

5. Das ehemalige Spritzenhaus, gegenwärtig als Magazin benützt, steht ebenfalls in der Nähe des Rathhauses.

6. Das Schlachthaus, in der Nähe der oberen Brücke.

7. Das ehemalige Zeughaus in der Teinacher Straße; gegenwärtig sind in demselben die Zuchtstiere aufgestellt und der Faselviehpächter hat hier freie Wohnung.

8. Das am südlichen Ende der Stadt gelegene Armenhaus, welches Raum für 45 Personen und die Wohnung des Aufsehers enthält.

9. Der Kriminalthurm, dessen unteren Räume die Oberamtsgefängnisse, die oberen aber die Wohngelasse des städtischen Hochwächters enthalten. Der Thurm ist gemeinschaftliches Eigenthum der Gemeinde und des Staats. In einem Anbau desselben befinden | sich ebenfalls Gefängnisse und die Wohnung des Oberamtsgerichtsdieners.

Eigenthum des Staats sind folgende Gebäude:

1. Das modern erbaute, geräumige Oberamtsgerichtsgebäude, welches auf dem Marktplatz gegenüber der Oberamtei steht.

2. Das zunächst der Kirche auf dem Marktplatz gelegene Oberamteigebäude; neben demselben steht das alte Waghaus.

3. Das Dekanathaus, ein altes, jedoch in gutem Stande erhaltenes Gebäude, das nahe der Kirche auf dem Marktplatz steht.

4. Das Diakonathaus steht frei in der Schulgasse gegenüber der Schule.

5. Das ansehnliche Postamtsgebäude in der Stuttgarter Straße gegenüber dem Gasthof zum Waldhorn.

Von ansehnlichen Privatgebäuden sind zu nennen:

Das ehemalige Vischer’sche, jetzt Stälin’sche Haus in dem Bischof, die Wohnungen von Karl Dörtenbach, Dr. Schütz, Adolph Stälin, Gustav Wagner, der Gasthof zum Waldhorn, das Steinhaus in der Vorstadt, an dem die Jahrszahl 1694 angebracht ist und das Landhaus von Georg Dörtenbach, welches mit schönen Gartenanlagen umgeben außerhalb (nördlich) der Stadt liegt.

Innerhalb der Stadt führen über die Nagold die obere Brücke und die untere Brücke; erstere ist von Stein erbaut, ruht auf zwei Pfeilern und trägt auf einem derselben die Nicolauskapelle (s. unten). Die untere, ebenfalls von Stein aufgeführte, theilweise mit hölzernem Geländer versehene Brücke, führt über 2 Arme der Nagold und ruht auf 10 Bögen. Zwischen beiden Brücken ist ein hölzerner Steeg, der sogen. Weinsteeg (erstmals 1686) über den Fluß angelegt und überdieß bestehen noch 2 hölzerne Steege über den westlichen Arm der Nagold. Außerhalb, etwa 1/4 Stunde südlich der Stadt ist eine hölzerne Brücke, über den die Vicinalstraße von Calw nach Teinach führt, angelegt und nördlich der Stadt besteht ein hölzerner Steeg, der zu dem Landhaus des Georg Dörtenbach führt, dessen Eigenthum ist, und von demselben unterhalten wird. Die übrigen Brücken und Steege hat die Stadt zu unterhalten. Der Wandel über den Dörtenbach’schen Steeg ist schon längere Zeit dem Publikum, jedoch in stets widerruflicher Weise, gestattet, wie dem Eigenthümer auch zusteht, den Steeg zu schließen oder zu entfernen.

Die auf der oberen Brücke stehende St. Nicolauskapelle, welche Eigenthum der Gemeinde ist, bildet wegen ihrer schönen, rein germanischen Bauweise eine besondere Zierde der Stadt. Die reich |
Die Nicolauskapelle in Calw.
ornamentirte Kapelle, welche an die Stelle einer früheren, von Pabst Leo XI. um’s J. 1049 eingeweihten, um 1400 erbaut wurde, zeigt in den spitzen Bogentheilen ihres Eingangs, wie ihrer gepaarten Fenster die Kleeblattfüllung und an der vorderen Giebelseite zwei interessante Fratzengesichter. Auf dem Giebel selbst erhebt sich eine künstlich durchbrochene Spitzsäule. Das Innere der Kapelle ist äußerst geschmackvoll und an den Wänden zeigen sich noch Spuren von alten Malereien. Von 8 Consolen, welche theils Fratzengesichter, größtentheils aber Wappenschilde bilden, gehen Gurten zu der flachen Decke, deren Schlußstein einen Baldachin bildet, unter dem ohne Zweifel der Altar mit dem Bilde des heil. Nicolaus stand. Die 4 hinteren | Gurten streben nicht von den Wänden, sondern von frei stehenden Säulen nach der Decke. Die Gurten selbst sind mit der flachen Decke wie mit den Wänden der Kapelle mittelst vielfältig durchbrochener Füllungen verbunden.

Trinkwasser erhält die Stadt aus 21 öffentlichen, laufenden Brunnen; überdieß bestehen noch mehrere Privatbrunnen. Von den Brunnen sind die beiden Marktbrunnen, einer oben auf dem Marktplatze, der andere vor dem Rathhause, die bedeutendsten; sie sind beide vierröhrig, und der eine trägt auf der Brunnensäule die Jahrszahl 1686 und einen Löwen, der das Württemberg’sche und Calw’sche Wappen hält. Der andere wurde im Jahr 1842 renovirt und trägt einen Löwen, der das Württ. Wappen hält. In trockenen Jahrgängen fließen die Brunnen etwas spärlicher, jedoch nicht in dem Grade, daß Wassermangel entstünde.

Im Ort besteht auch eine (schon im allgemeinen Theil erwähnte) Mineralquelle, die übrigens gepumpt werden muß; sie wird für eine Fichten-Badanstalt (sogen. Naschold’sche Bad), welche mehrere Zimmer und eine Doucheeinrichtung enthält, und in der auch Nadelbäder bereitet werden, benützt. Die Badanstalt ist gegenwärtig Eigenthum des Joseph Friedrich Schnaufer und wird hauptsächlich nur von den Einwohnern der Stadt besucht.

Unter den Krankheiten, gegen welche die Naschold’sche Mineralquelle sich heilsam erwiesen hat, stehen die Rhachitis und Scrophulosis oben an. Gute Dienste hat das Bad ferner geleistet gegen scrophulose Hautausschläge, Caries, Gicht, Rheumatismen, Schwäche nach schweren Krankheiten etc.

Die Nagold, welche sich an der äußeren Vorstadt in 2 Arme theilt, bald aber wieder vereinigt und somit eine Insel umfließt, nimmt im Bereich der Stadt den Schießgraben, den Ziegelbach und den Wurstbrunnenbach auf. Von diesen durch den Ort führenden Bächen fließt der Wurstbrunnenbach beständig, während die anderen nur bei Regengüssen und Schneeabgängen Wasser führen, übrigens nicht selten sehr anlaufen und gefährlich werden. Auch die Nagold tritt öfters schnell aus und richtet an Gebäuden und Gütern großen Schaden an.

Das Fischrecht in der Nagold gehört der Gemeinde, welche es dermalen um 6 fl. 48 kr. jährlich verpachtet hat.

Die Stadtgemeinde Calw zählte am 3. Dezember 1850 4218 Ortsangehörige und zwar 2008 männl. und 2210 weibl., am 3. Dez. 1853 aber 4280 und zwar 2016 männl. und 2264 weibl. Bei der früheren Zählung des Jahres 1846 (3. Dezember) befanden | sich zu Calw 4323 (2082 männl. und 2241 weibl.) Ortsangehörige, worunter 4256 dem evangelischen, 62 dem katholischen und 2 anderen Bekenntnissen zugethan und 3 Israeliten waren; im Jahre 1832 (1. Nov.) hatte man 4210 Ortsangehörige, nämlich 1982 männliche und 2228 weibliche, gezählt. Die Zahl der Ortsanwesenden belief sich am 3. Dez. 1846 auf 4264, die in 945 Familien lebten; Verehelichte befanden sich darunter 1380, Wittwer 82, Wittwen 154, und Geschiedene 8. Nach den einzelnen Altersklassen zählte man Personen:
männl. weibl.
unter 1 Jahr alt 241 302
06 –014 Jahre alt 270 303
14 –020
247 276
20 –025
234 249
25 –040
454 507
40 –060
407 434
60 –070
127 118
70 –080
39 40
80 –090
9 6
90 –100
1
2029 2235

4264

Die am 3. Dez. 1858 vorgenommene Zählung der Ortsanwesenden dagegen ergab, daß die Zahl derselben sich auf 4379 Personen belief, welche in 1058 Familien lebten. Hierunter befanden sich 1249 (647 männl. und 602 weibl.) Verheirathete, 258 (74 männl. und 184 weibl.) Verwittwete, 10 (5 männl. und 5 weibl.) Geschiedene und 2762 (1001 männl. und 1108 weibl. unter 25 Jahren und 308 männl. und 445 weibl. mindestens 25 Jahre alte) unverheirathete Personen.

Unter 1 Jahr alt waren 96 (051 männl. und 045 weibl.)
1 – 06 Jahre alt waren 388 (195 männl. und 193 weibl.)
7 – 13
507 (234 männl. und 273 weibl.)
14 – 24
1110 (507 männl. und 603 weibl.)
25 – 39
1023 (476 männl. und 547 weibl.)
40 – 59
936 (429 männl. und 507 weibl.)
60 – 79
310 (139 männl. und 171 weibl.)
80 J. alt u. darüber
9 (004 männl. und 005 weibl.)
zusammen 4379 (2035 männl. und 2344 weibl.) oder

3388 (1555 männl. und 1833 weibl.) über und 991 (480 männl. und 511 weibl.) unter 14 Jahren.

| Unter diesen 4379 Personen waren ferner 1988 männl. und 2320 weibl. zusammen 4308 evang., 45 männl. und 23 weibl. zus. 68 kath., 2 (1 männl. und 1 weibl.) zu andern Religionspartheien gehörige Christen und 1 (männl.) Israelite, und 4357 In- und 22 (17 männl. und 5 weibl.) Ausländer.

Bei den Einwohnern macht sich im Kirchlichen das religiöse Gemeinschaftsleben durch zahlreiche Mitglieder bemerklich.

Ausgezeichnete geborene Calwer sind:

Jodocus Eichmann, Professor der Theologie und sehr beliebter Prediger in Heidelberg, † 1491 (Stälin Württ. Gesch. 3, 775).

Konrad Summenhard (aus einer in Calw angesehenen, nach dem benachbarten Orte S. genannten Familie, in welcher Hans S. in den Jahren 1476–1487 als Calwer Richter vorkommt), Magister der Pariser Universität, Lehrer in Tübingen, seit 1478 der freien Künste, seit 1484 der Theologie, durch Gelehrsamkeit, Freimuth, Aufklärung und schriftstellerisches Verdienst gleich ausgezeichnet, von seinen Zeitgenossen „der Monarch und Phönix der Theologen“ genannt, † 1502 (eb. 3, 773).

Joh. Jak. Heinlin, Sohn des Dekans, geboren den 21. Dez. 1588. Er studirte Theologie, wurde 1624 Dekan in Herrenberg, 1635 in Böblingen, 1638 Pfarrer in Derendingen, von wo aus er zeitweise das Amt eines Professors der Mathematik in Tübingen versah, 1650 Abt zu Adelberg, 1654 Abt zu Bebenhausen. Sein Tod erfolgte den 4. September 1660. Er war ein Freund des Astronomen Kepler, verfaßte verschiedene Schriften über Theologie, Philosophie, Naturlehre, Mathematik und biblische Zeitrechnung; zu den beliebten württembergischen Summarien machte er den Anfang. (Pfaff wirt. Plutarch 2, 122).

Joh. Dietrich Hörner, geb. 1652, studirte die Rechtswissenschaft, wurde Advokat in seiner Vaterstadt, hierauf Landschaftsconsulent, als welcher er sich durch seinen wackern Patriotismus auszeichnete, und brachte seine letzten Lebensjahre auf seinem Landgut in Ingersheim zu, wo er den 14. April 1724 starb.

Andreas David Carolus, Sohn des hiesigen Diaconus, geb. den 29. Jun. 1658. Zu Tübingen in der Theologie gebildet, bekleidete er später verschiedene Kirchenstellen, zuletzt das Dekanat in Kirchheim, wo er den 8. September 1707 starb. Er machte sich besonders bekannt durch sein Werk: Wirtenbergische Unschuld (Ulm 1708. 4), in welchem er die württembergischen Theologen gegen die Angriffe Gottfried Arnolds vertheidigte.

Joseph Gärtner, Sohn des Hofmedicus, geb. den 12. März | 1732, bildete sich, mit glänzenden Naturgaben ausgestattet, in den Naturwissenschaften und in der Medicin zu Tübingen und Göttingen, namentlich auch auf seinen Reisen durch Deutschland, Italien, Frankreich, England und Holland, wurde 1768 als Professor der Botanik an der Akademie zu St. Petersburg angestellt, besuchte von hier aus die Ukraine, privatisirte seit 1770 in Calw und starb hier den 14. Juni 1791. Er machte sich durch seine Schrift: de fructibus et seminibus plantarum, Stuttg. 1788 ff., welche das gegenwärtige System der Botanik mitbegründete, unsterblich. (Vergl. Über das Leben und die Werke Gärtners und Hedwigs von Deleuze. Stuttgart, 1805. 8.) Auch sein Sohn Karl Friedrich, geboren zu Calw den 1. Mai 1772, gestorben allda den 1. September 1850, erwarb sich durch die Fortsetzung des Werkes seines Vaters und durch seine Schriften über die Befruchtung der Pflanzen Verdienste um die Pflanzenkunde.

David Friedr. Cleß, Sohn des Diakonus, geb. den 13. Febr. 1768, gestorben den 10. Aug. 1810 als Dekan in Reutlingen; Verfasser des Versuchs einer kirchlich-politischen Landes- und Cultur-Geschichte von Württemberg bis zur Reformation.

Diesen reiht sich an: der noch lebende, besonders als historischer Schriftsteller thätige Christoph Friedrich v. Stälin, geboren den 4. Aug. 1805, Doktor der Rechte und Philosophie, Oberbibliothekar an der k. öffentl. Bibliothek und Aufseher der k. Münz-, Kunst- und Alterthumssammlung in Stuttgart, Wappen-Censor, Mitglied des k. statistisch-topographischen Bureau.

Ob Alexander Hug, welcher um 1482 hier Stadtschreiber war und „Rhetorica und Formulare, beinach alle Schreiberei betreffend“, ein öfters gedrucktes Werk, verfaßte (Stälin Würt. Gesch. 3, 777), von Calw selbst gebürtig war, steht dahin.

Im Kunstfach zeichnete sich aus: Conrad Widmann, bekannt durch seine im J. 1488 ursprünglich für das Kloster Alpirsbach geschnittenen Chorstühle, welche die Kirche in Freudenstadt zieren.

Als wissenschaftliche Sammlung verdient Erwähnung die des Pfarrers Dr. von Barth, reich an Seltenheiten der Natur und Kunst (Götzenbildern etc.) aus fremden Welttheilen.

Eine Haupterwerbsquelle der Einwohner bilden die Gewerbe, welche hier auf einer seltenen Weise blühen; es bestehen neben vielen Kleingewerben und Handwerkern mehrere namhafte Fabriken (s. u.) und überall herrscht Gewerbsthätigkeit, welche die Stadt in die Reihe der gewerbsamsten Orte des Königreichs stellen, wie sie denn in Altwürttemberg lange Zeit die bedeutendste Fabrik- und Handelsstadt | gewesen war. Auch ist dieselbe längst der Hauptsitz des Holzhandels und der Flößerei. Indessen ist neben den Gewerben auch der Feldbau nicht unerheblich, indem die Einwohner nicht nur in dem Thale, sondern auch auf der Hochebene Güter besitzen; jedoch befinden sich keine eigentlichen Bauern im Ort und die Landwirthschaft wird meist nur von Bäckern, Wirthen, Metzgern, Gerbern, Fuhrleuten etc. nebenher betrieben. Die Vermögensumstände der Einwohner sind sehr verschieden, indem neben sehr reichen Kaufleuten, Fabrikanten und Holzhändlern ein minder vermöglicher Mittelstand und viele Unbemittelte getroffen werden. Die ärmere Klasse findet übrigens viele Gelegenheit zu Arbeit und Verdienst in den Fabriken und bei den übrigen Gewerben; auch suchen sich Manche durch Fuhrwerken und Taglohnarbeiten ihr Auskommen zu sichern. Der ausgedehnteste Güterbesitz beträgt 50 Morgen, Mehrere besitzen etwa 30, Viele nur einige Morgen, die Meisten aber außer einem Allmandstück und 1/2 Morgen Pachtgut sonst kein Grundeigenthum.

Die ausgedehnte Markung der Stadt ist mit Ausnahme der Steilgehänge gegen das Nagoldthal und einiger Seitenthäler desselben ziemlich eben und hat im Allgemeinen einen fruchtbaren Boden, der größtentheils aus den Verwitterungen des bunten Sandsteins, auf den Anhöhen der rechten Nagoldseite aber theilweise aus den Zersetzungen des Muschelkalks (Wellenmergel, Anhydritgruppe und Hauptmuschelkalk) besteht.

In dem bunten Sandstein sind 4 Bau- und Werksteinbrüche angelegt, während ein Muschelkalkbruch auf dem Muckberg Straßenmaterial liefert.

Das Klima ist ziemlich mild und begünstigt noch den Anbau von feinerem Obst, Gurken, Bohnen etc.; auch die Weintraube reift in günstigen Jahrgängen an Kammerzen. Kalte Nebel und Frühlingsfröste schaden zuweilen, dagegen kommt Hagelschlag sehr selten vor.

Der Ackerbau wird dreizelglich, mit Anwendung verbesserter Ackergeräthe fleißig und umsichtig betrieben. Man baut vorzugsweise Dinkel, Hafer, Gerste und in der zur Hälfte angeblümten Brache werden Kartoffeln, Wicken, Angersen, dreiblättriger Klee, Luzerne, Kraut, weiße Rüben, Kohlraben, ziemlich viel Reps, wenig Hanf und in neuerer Zeit Hopfen und etwas Tabak gezogen.

Der Ertrag eines Morgens beträgt an Dinkel 6–12 Scheffel, an Hafer 4–8 Scheffel und an Gerste 5–7 Scheffel. Übrigens reicht das Erzeugniß an Brodfrüchten nicht zur Befriedigung des örtlichen Bedürfnisses, es müssen daher in namhaften Quantitäten Früchte von Außen bezogen werden. Die Preise eines Morgens | Acker bewegen sich von 50–350 fl. und die eines Morgens Wiese von 300–600 fl. Die Wiesen, von denen etwa 1/8 bewässert werden kann, ertragen durchschnittlich 40–50 Centner Futter.

Die ausgedehnte Obstzucht beschäftigt sich hauptsächlich mit Goldparmänen, Luiken, Rosenäpfeln, Bietigheimern, Knausbirnen, Lederbirnen, Bratbirnen etc. Von Steinobst werden Zwetschgen und Kirschen gezogen. Das Obst gedeiht ziemlich gerne, mit Ausnahme der Kirschen, welche sehr selten gerathen.

Die Stadtgemeinde ist im Besitz von 301 Morgen Allmanden, welche theils zu lebenslänglicher Benützung an die Bürger ausgetheilt werden, theils mit Obstbäumen ausgesetzt sind, deren Ertrag den Bürgern, welche sie pflanzten, gehört.

Der Gartenbau wird nur für den eigenen Bedarf an Gemüsen und zum Vergnügen betrieben; als schöne Gartenanlagen sind zu nennen die Gärten von Stälin, Dörtenbach, Schauber etc.

Eigentliche Pferdezucht besteht nicht, dagegen ist die Pferdehaltung von Belang.

Die nicht unbeträchtliche Rindviehzucht entspricht dem landwirthschaftlichen Betrieb; man züchtet vorzugsweise eine gute Landrace und erhält sie durch 3 tüchtige Farren (Kreuzung von Simmenthaler und Landrace), welche ein Bürger neben freier Wohnung gegen 50 fl. jährlich und die Nutznießung von 3–4 Morgen Wiesen verpflegt. Der Verkauf an Vieh ist unbedeutend, indem dasselbe hauptsächlich der Milch wegen gehalten wird. Die Stallfütterung ist längst eingeführt.

Einige Schweinezucht besteht, jedoch werden mehr Ferkel von Außen aufgekauft, als selbst gezogen. Die Schweine werden größtentheils gemästet wieder verkauft.

Auch die Schafzucht ist nicht unbedeutend; die Gemeinde besitzt eine ausgedehnte Weidefläche, welche nebst der Brach- und Stoppelweide als Pachtschäferei 400–500 fl. jährlich einträgt; auf der Weide laufen etwa 500–600 Stücke Halbbastarde, deren Wolle meist im Ort selbst von den Tuchfabrikanten verarbeitet wird. Die Pferchnutzung trägt der Gemeinde etwa 400–500 fl. jährlich ein.

Von Geflügel werden Hühner und besonders viel Gänse, jedoch nur für den eigenen Bedarf gehalten.

Von Gewerben sind zu nennen:

I. Fabrikationsanstalten [5]

1. Baumwollenspinnereien befinden sich:

a) Etwa 1/4 Stunde oberhalb der Stadt (Sägmühle nun Tanneneck) | die Spinnerei von J. F. Stälin und Söhne mit 5000 Spindeln.

b) Eine noch größere von eben diesen bei Kentheim auf Stammheimer Markung, ist im Bau begriffen (s. unten bei Stammheim).

c) Unterhalb der Stadt eine von Armbruster, derzeit für Stälin beschäftigt, mit 2700 Spindeln.

Die Gesammtzahl der Arbeiter in diesen Spinnereien beträgt 2–300.

2. Eine Wollspinnerei von Walkmüller Kohler, welche mit der Wollspinnerei von Schill und Wagner in Ernstmühl gegen 200 Personen beschäftigt.

3. Fabrikation von gestrickten, wollenen Jacken und Winterschuhen (sogen. Calwer Schuhen) in größerem Umfang betrieben von Gustav Wagner und Fried. Schumm.

4. Fabrikation von gewobenen wollenen Unterleibchen und Beinkleidern mit etwa 30 Arbeitern.

5. Krazenfabrikation von Dörtenbach und Schauber mit etwa 25 Arbeitern, besteht seit 1837. Die aus Frankreich eingeführten Maschinen wurden durch ein Schwungrad von Hand getrieben, werden aber seit 1859 mittelst einer Dampfmaschine in Bewegung gesetzt.

6. Tuchfabrikation. Zunächst kommt hier die in großer Ausdehnung betriebene Tuchfabrik (Firma Schill und Wagner) in Betracht, die jedoch in neuerer Zeit keine Tücher mehr, sondern Buckskins und feinere Wollwaaren auf Jacquardstühlen mit den verschiedensten Dessins fabricirt; sie hat eine eigene Spinnerei, Walke und Appretur, und beschäftigt 200 Arbeiter.

Tuchmachermeister mit größerem oder kleinerem eigenem Betrieb sind noch 10 vorhanden, die zusammen 50 Personen beschäftigen.

7. Die Rothgerberei wird von 15 Meistern mit 40–50 Arbeitern betrieben, während mit dem Schälen der Rinde 200 bis 250 Taglöhner beschäftigt sind.

8. Die Leimfabrikation wird von 3 Meistern mit 20 Arbeitern betrieben.

9. Eine Cigarrenfabrik von Hutten, welche neben amerikanischen auch Pfälzer und Württemberger Blätter verwendet, besteht seit 1849, beschäftigt 40–50 Personen und hat ihren Absatz im Inland und Ausland, selbst nach Amerika.

10. Eine Zündhölzchenfabrik ist vor 4 Jahren von 2 Kaufleuten, Bozenhardt und Schnaufer, errichtet worden; sie hat Maschinen neuester Erfindung, beschäftigt 10–12 Personen und dehnt sich mehr und mehr aus.

Sodann bestehen 3 Schönfärbereien, welche nicht nur für die hiesigen, sondern auch für auswärtige Fabriken manche Bestellungen ausführen.

| Ein buchhändlerischer Verlagsverein (s. unten) und eine Sortimentshandlung (diese seit 1857) sind vorhanden.

Eine Buchdruckerei besteht seit 30 Jahren (Rivinius, nun Ölschlager); sie verlegt das Calwer amtliche Wochenblatt. Eine zweite gieng nach kurzem Bestand wieder ein.

II. Mechanische Künstler und Handwerker.

Nach der neuesten Aufnahme sind in der Stadt vorhanden:

Meister Gehilf.   Meister Gehilf.
Bäcker 51 6 Pflästerer 6 1
Barbiere 1 2 Putzmacherinnen 2
Bortenwirker 2 Roth- und Weißgerber 19 10
Buchbinder 4 2 Sattler 7 3
Bürstenbinder 3 Seckler 3
Dreher 3 Schäfer 2 2
Färber 4 5 Schirmmacher 3
Feldmesser 1 2 Schmiede 5 5
Flaschner 2 1 Schlosser 6 9
Gärtner 2 Schneider 37 7
Gypser und Zimmermaler 3 14 Schreiner 13 14
Gold- und Silberarbeiter 2 Schuhmacher 56 30
Glaser 3 3 Seifensieder 8 2
Gürtler 2 Seiler 3 3
Hafner 5 2 Steinhauer s. Maurer.
Hutmacher 1 2 Stricker 16 30
Holzmesser 3 Siebmacher 2 1
Kaminfeger 2 1 Tuchmacher 54 36
Kammmacher 2 2 Tuchscheerer 3 12
Kleemeister 1 Uhrmacher 2
Korbmacher 2 Wagner 3 1
Küfer und Kübler 9 5 Ziegler 3 6
Kürschner 3 Zimmerleute 5 40
Kupferschmiede 2 1 Zinngießer 1
Maurer 4 60 Zuckerbäcker 4
Metzger 34 2 Mit Weberei sind beschäftigt in
Musikanten 2 5      Leinen 5 1
Mühle-Zimmermann 1 3      Halbwollen 5
Messerschmiede 3      Weber in Wolle s. unter
Nadler 3      Tuchmacher.
Nagelschmiede 3 2 Strumpfweber und
Nätherinnen und      Strumpfstricker 6 11
     Büglerinnen 30
| Handelsgewerbe betreiben: Kaufleute 20 mit 2 Gehilfen, Krämer und Kleinhändler 2, Glashandlungen 2, Mehlhändler 1, Buchhändler 2, Buchdrucker 1.

Apotheken sind 2 mit 3 Gehilfen vorhanden.

Endlich zählt die Stadt Schild- und Speisewirthschaften 22, Gassenwirthschaften 45, Frachtfahrer und Fuhrleute 20 mit 45 Pferden und Hauderer 4 mit 13 Pferden.

Was die Communicationsmittel für den Verkehr betrifft, so führen die Landstraßen von Stuttgart nach Wildbad, von der in Calmbach die Landstraße nach Neuenbürg abgeht, und die Landstraße (Wilhelmsstraße, eröffnet den 15. Juni 1857) von Nagold nach Pforzheim, durch die Stadt; überdieß sind Vicinalstraßen nach Zavelstein, Weltenschwann und Altburg angelegt, auch lenkt von der Stuttgart-Wildbader Landstraße eine Vicinalstraße nach Stammheim ab. Als Wasserstraße ist die Nagold, auf der bedeutende Flößerei getrieben wird, zu nennen.

Der Verkehr ist ein sehr bedeutender, einerseits wegen der vielen Fabriken und des Handels, andererseits wegen der vielen Reisenden, die namentlich zur Badezeit Wildbad und Teinach besuchen.

Die Post fährt täglich 2mal nach Stuttgart, 1mal nach Tübingen, 1mal nach Pforzheim, 1mal nach Wildbad und auf gleiche Weise kommen Posten aus diesen Orten hier an.

Ein Frachtfuhrmann fährt regelmäßig in der Woche 2mal nach Stuttgart, 1mal am Montag, das 2te Mal am Freitag, ein anderer 1mal in der Woche.

Ein Frachtfuhrmann fährt regelmäßig 1mal in der Woche nach Tübingen und Reutlingen, ein anderer 1mal nach Carlsruhe, ein dritter 2mal nach Pforzheim in der Woche.

Fahrende Boten kommen in der Woche hieher: von Mannheim 1mal, von Wildbad 2mal, von Herrenberg 1mal, von Altensteig 1mal, von Nagold 2mal, von Rottenburg 1mal, von Weil der Stadt 1mal, von Wildberg 2mal, von Liebenzell 3mal.

Im Übrigen ist die Verbindung mit den Amtsorten dadurch hergestellt, daß von denselben regelmäßig 2mal in der Woche fußgehende Boten in die Oberamtsstadt kommen und von den Hauptorten 3mal. Überdieß geht den Sommer über ein Omnibus jeden Tag, mit Ausnahme des Sonntags, nach Stuttgart, und einer kommt von da nach Calw; den Winter über fährt ein Omnibus nur 3mal in der Woche nach Stuttgart.

Kirchliche und Lehranstalten. Die evangelische Einwohnerschaft von Calw bildet in kirchlicher Beziehung Eine Parochie | mit einem Stadtpfarrer, der zugleich Dekan ist, und einem Helfer. Die beiden geistlichen Stellen sind königlicher Collatur. Nach Binder (Würtembergs Kirchen- und Lehrämter S. 895) waren hier von 1558 bis 1635 auch Subdiaconi angestellt; dieselben waren zugleich Collaboratoren. Als erster evangelischer Stadtpfarrer wird Hier. Kranz 1534–37 genannt (vgl. unten beim Geschichtlichen): nach dem Interim wurde dieses Amt zunächst von M. Heinrich Weikersreuter bekleidet (1551–60); sein Nachfolger war der bekannte Johann Sylvanus (1560–62), der im Jahr 1572 als geistlicher Inspektor zu Ladenburg (Pfalz) wegen angeblicher Gotteslästerung in Heidelberg enthauptet worden ist. Der berühmteste Spezialsuperintendent und Stadtpfarrer von Calw ist Johann Valentin Andreä (1620–1639).

Mit Lehranstalten ist Calw wohl versehen. Der lateinischen Real- und Elementaranstalt, so wie der Fortbildungsschule ist bereits bei den Anstalten des Bezirks Erwähnung geschehen. Hiezu kommt:

1) Die Volksschule mit 3 Knaben- und 3 Mädchenklassen unter 3 Schulmeistern, 2 Unterlehrern und 1 Lehrgehilfen.

2) Eine Privattöchterschule, welche von circa 30 Mädchen besucht wird, mit 1 Lehrer.

3) Eine Industrieschule mit 2 Lehrerinnen.

4) Eine Kleinkinderschule mit 2 Lehrerinnen und 1 Gehilfin.

Die letztgenannten drei Anstalten verdanken ihren Ursprung und Fortgang der freien Vereinsthätigkeit.

Für Zwecke der Wohlthätigkeit besteht hier: a) ein Armenhaus, in welchem alte, gebrechliche Arme unentgeldlich verpflegt werden. Im Durchschnitt beträgt die Zahl der Pfründner 30. Bisher wurden auch arme Kranke von Calw, so wie erkrankte Gesellen und Dienstboten von andern Gemeinden während der Dauer der Krankheit aufgenommen.

Nun aber wird ein eigenes, noch im J. 1859 dem Gebrauch zu übergebendes Krankenhaus mit Beihilfe ansehnlicher Stiftungen von Privaten gebaut, in welchem hiesige arme Kranke, so wie fremde Gesellen und Dienstboten unentgeldlich verpflegt werden, letztere gegen Bezahlung von monatlichen Beiträgen. Das Deficit übernimmt die Armenpflege.

Der Aufwand auf das Armenhaus für Kost, Kleidung, Medicamente, Belohnung des Aufsehers etc. betrug von 1857/58 1935 fl. 30 kr., worunter der Aufwand auf die vorübergehend aufgenommenen Kranken nicht begriffen ist.

| b) Es besteht hier ein Privatverein, um Kranke aus der ärmeren und unbemittelten Klasse mit Speise zu versorgen.

c) Im Laufe des Winters wird theils von Privatbeiträgen theils aus öffentlichen Mitteln Holz an Arme theils unentgeldlich theils im herabgesetzten Preise abgegeben an besonders hiezu bestimmten Tagen.

d) Die tägliche Verabreichung von Speise unentgeldlich oder im herabgesetzten Preise an Arme, so wie Vertheilung von Brod an Arme und Kinder ist nur in den Theurungsjahren eingeführt worden und hat indessen aufgehört.

Für literarische und gesellige Unterhaltung bestehen hier mehrere Gesellschaften, und zwar

a) unter dem Titel „Abendgesellschaft“ eine im J. 1798 gegründete Gesellschaft, welche in einem gemietheten Lokale gesellige und literarische Zwecke verfolgt und ihr Lokal auch andern Zwecken freundlich einräumt. In dem Lokale ist ein Billard aufgestellt, es werden Bälle, Concerte etc. daselbst gehalten. Die besseren Zeitschriften, politische Blätter, belletristische Schriften etc., stehen den Mitgliedern zur Verfügung.

Die Gesellschaft besteht derzeit aus 30 Mitgliedern.

b) Die „Bürgergesellschaft“ wurde im Okt. 1855 von einer Anzahl jüngerer Bürger gegründet und hat sich seither hauptsächlich aus dem mittlern Bürgerstande rekrutirt, und zählt gegenwärtig 69 Mitglieder.

Der Zweck der Gesellschaft ist gegenseitige Belehrung und Unterhaltung und wird zu erreichen gesucht durch regelmäßige wöchentliche Zusammenkünfte. Im Lesezimmer ist eine Auswahl von politischen, belehrenden und unterhaltenden Zeitschriften aufgelegt, die später theilweise in Cirkulation gesetzt werden. Es wird eine Bibliothek gegründet, aus der jeden Samstag Abend Bücher an die Mitglieder ausgeliehen werden, in welche neben den besseren Erzeugnissen der belletristischen Literatur auch wissenschaftliche Werke aufgenommen werden. Es finden periodisch wiederkehrende, gesellige, hauptsächlich musikalische oder Tanzunterhaltungen statt.

c) Der „Liederkranz“ ergeht sich hauptsächlich in Gesangproductionen.

d) Gleichen Zweck verfolgt die Gesellschaft „Frohsinn“, wie die

e) „Concordia“, die übrigens auch andern geselligen Zwecken, Tanzunterhaltungen etc. dient und Zeitschriften hält.

Die Stadt hat das Recht, alljährlich 5 Flachs-, Vieh- und | Krämermärkte und jeden Samstag einen Victualienmarkt abzuhalten; überdieß besteht an diesem Wochenmarkte zugleich ein Fruchtmarkt, der zu den bedeutenderen des Landes gehört; er nimmt hinsichtlich des umgesetzten Quantums von Früchten sowohl als rücksichtlich des dadurch bewirkten Geldumsatzes nach den Ergebnissen des Verkehrs auf sämmtlichen Fruchtmärkten Württembergs im Jahre 1858 die 18. Stelle ein. Das umgesetzte Fruchtquantum belief sich in diesem Jahre auf 19.974 Schfl. und die hiefür erlöste Geldsumme auf 188.879 fl. 48 kr.

Es wurden nämlich verkauft:

(Durchschn.-Preis
pr. Schffl.)
Kernen
8276 Schfl. um 114.205 fl. 44 kr. 13 fl. 47 kr.
Roggen
37
444 fl. 0‒ kr. 12 fl. 0‒ kr.
Gerste
514
4867 fl. 0‒ kr. 9 fl. 28 kr.
Waizen
191
2421 fl. 15 kr. 12 fl. 40 kr.
Dinkel
7162
42.229 fl. 14 kr. 5 fl. 53 kr.
Hafer
3587
22.210 fl. 40 kr. 6 fl. 11 kr.
Hülsenfrüchte
89
1347 fl. 0‒ kr. 15 fl. 10 kr.
Mischl.Frucht
118
1154 fl. 55 kr. 9 fl. 47 kr.
19.974 Schfl. 188.879 fl. 48 kr. Erlös.

Der Gemeindehaushalt ist geordnet (s. auch Tabelle III.) und das Vermögen der Stadtpflege beträgt nach der neuesten Rechnung von 1857/58 61.587 fl. 31 kr. Im Jahr 1835/36 betrug das Vermögen 38.227 fl. 35 kr.; es vermehrte sich, namentlich in Folge des Waldertrags bis zum Jahr 1846 auf c. 66.000 fl. Nun traten aber die Theurungs- und Nothjahre ein. In Folge der Theurung von 1846/47 und der gänzlichen Stockung der Geschäfte wurde in diesem Jahre durch außerordentliche Unterstützungen der ärmeren und mittlern Klasse an Früchten, Mehl, Brod, Arbeit etc. die Summe von 9–10.000 fl. aufgewendet. Die außerordentliche Überschwemmung von 1851 erforderte ein Opfer von 6000 fl.; in Folge dieses Aufwandes und anderer außerordentlicher Leistungen sank das Vermögen rasch auf 47.073 fl. 30 kr.

Die Gemeindeeinkünfte würden zu Deckung der Ausgaben hinreichend sein, ohne daß eine Umlage nöthig wäre, wenn die Kirchen- und Schulpflege und die Armenpflege so fundirt wären, daß diese beiden Pflegen ihre Ausgaben aus ihren Mitteln bestreiten könnten.

Die Armenpflege bedarf aber von der Stadtpflege eines jährlichen Zuschusses von 3600 fl.
und die Kirchen- und Schulpflege von 3000 fl.
zusammen0
6600 fl.
| Dieß hat die Folge, daß ein jährlicher Stadtschaden von 5000 fl. umgelegt werden muß.

Die Gemeinde besitzt 1361 Morgen 3,5 Ruthen Waldungen, darunter sind nicht kulturfähig 194/8 Morgen 31,3 Ruth. Nach dem Nutzungsplan ertragen dieselben jährlich 675 Klafter und 21.000 St. Wellen, welche nach Abzug des Bedarfs für Besoldungen, Schulen, Rathhaus, Spital und Armenhaus etc. im öffentlichen Aufstreich verkauft werden, was der Gemeinde bei den gegenwärtigen hohen Holzpreisen eine jährliche Rente von 8000 fl. sichert.

Das Vermögen der Hospital- und Armenpflege beträgt nach der Rechnung von 1857/58 52.033 fl. 39 kr., darunter sind Stiftungen für besondere Zwecke:

a) 150 fl. Der Zins ist in Brod für die Familie des Stifters zu vertheilen.
b) 100 fl. Zins für arme Familienglieder.
c) 300 fl. Zins für einen mit Wetzel, dem Stifter, verwandten, in Tübingen befindlichen studiosum der Theologie, oder in dessen Ermanglung für einen andern unvermöglichen stud. theol. von Calw, in dessen Ermanglung aus dem Altburger Kirchspiel.
d) 20 fl. Zins für einen alten gebrechlichen Hausarmen.
e) 600 fl. 5/6 des Zinses einer gemüthskranken Person.
f) 200 fl. Zins unter arme Verwandte der Stifterin.
g) Planersche Stiftung, ein Theil der Erträgnisse des in Stuttgart verwalteten Capitals auf hausarme Leute in Calw (jährlich circa 120 fl.).
h) 500 fl. Zins den Armen, unter vorzüglicher Berücksichtigung der – aus der Familie der Stifterin.
i) 600 fl. Zins für hausarme Familien und Personen, namentlich Lehrgelder.
k) 500 fl. Zins für bezeichnete Personen, nach deren Tode für arme leidende Mädchen.

Der Aufwand für die Armen beträgt, und zwar

für die Pfründner im Armenhaus (circa 30) 1935 fl. 30 kr.
      für die Stadtarmen
wöchentliche Unterstützungen, worunter Kostgelder für eheliche und uneheliche Kinder 02604 fl. 20 kr.
Gratialien in Krankheitsfällen 108 fl. 42 kr.
Lehrgelder 44 fl. 43 kr.
Kleidung 64 fl. 07 kr.
Hauszinsbeiträge 303 fl. 18 kr.
Verköstigung und Verpflegung hiesiger |
Angehöriger in auswärtigen Spitälern, Irrenhäusern u. s. w. 760 fl. 45 kr.
Medikamentenkosten 380 fl. 27 kr.
Insgemein 10 fl. 19 kr.
4276 fl. 41 kr.
6212 fl. 11 kr.

Kirchen- und Schulpflege. Unter dem Stiftungsvermögen, welches nach der Rechnung von 1857/58 aus 27.372 fl. 13 kr. besteht, befinden sich besondere Stiftungen.

a) 1690 fl. Zins zu Schulgeld und Schulbüchern für arme Kinder bestimmt.
b) 50 fl. Zins zu Prämien für solche, welche Sonntagsschule und Kinderlehre am fleißigsten besuchen.
c) 500 fl., um aus den Zinsen einen Theil dazu zu verwenden, daß jeder Schuldiener jährlich 30 kr. erhält.
d) 40 fl. Zins an die ministri ecclesiae zu verabreichen.
e) 900 fl. Zins an die bei der Kirchenmusik angestellten Personen abzureichen.
f) 100 fl. Zins für den zweiten Lehrer an der lat. Schule.
g) 100 fl. Zins für arme Schülerinnen am Maientag.
h) 100 fl. Zins zu Büchern für arme Kinder.
i) 100 fl. Zins den 5 fleißigsten Schulkindern.

Die Kirchen- und Schulpflege hat die Baulast an Kirche und sämmtlichen Schulgebäuden zu bestreiten, und sämmtliche Lehrer, 3 lateinische, 2 Reallehrer und 7 Volksschullehrer zu besolden. Zu den Besoldungen der lat. und Reallehrer gibt der Staat Beiträge, ohne diesen Zuschuß zu den Besoldungen der lat. Lehrer betragen die Besoldungen 4589 fl. 10 kr.

Weil die Einkünfte der Pflege zu Deckung der Ausgaben nicht zureichen, muß die Stadtpflege jährlich einen bedeutenden Zuschuß liefern, der gegenwärtig 3000 fl. beträgt (s. ob.).

Braun’sche Stiftungspflege. Das Grundstocksvermögen dieser Stiftung, welche Ludwig Braun, Caplan der hiesigen St. Johannispfründ, in seiner letzten Willensverordnung vom 15. März 1496 errichtete, soll betragen 6200 fl., von 1857/58 waren vorhanden 7018 fl. 37 kr. Der Vermögensertrag ist zu Stipendien für die Familie des Stifters bestimmt, und zwar

a) für Studirende 99 fl.,
b) für Knaben von 8/16 Jahren 48 fl.,
c) für Mädchen, die sich das Jahr über verheirathet haben, 68 fl.
| Vergl. J. J. Moser Nachrichten von Württ. Stipendien 93 ff. und Fabers Württemb. Stiftungen 16. Heft, wo das Nähere zu finden ist.

Über die Verwandtschaftsverhältnisse wird ein genauer Stammbaum geführt.

Diese Stiftungen stehen unter Verwaltung und Aufsicht des Stiftungsraths.

Stiftungen, welche privatim verwaltet werden, sind folgende vorhanden:

1) Ein von Georg Christoph und Joh. Ludwig Schauber für die Armen legirtes Capital, welches nach dem dermaligen Stand 8000 fl. beträgt. Die Vertheilung der Zinse geschieht alljährlich auf Martini nach dem Ermessen eines aus drei Mitgliedern bestehenden Verwaltungsraths.

2) Das Georg Christoph Schauber’sche Familienstift ist ausschließlich für die Descendenten des Stifters bestimmt. Der Fond beträgt derzeit 9000 fl., dessen Zinse je halbjährlich an die vier Mindestbegüterten der Familie vertheilt werden, wobei aber der nähere Verwandtschaftsgrad dem entfernteren vorgeht. Über die richtige Vertheilung wacht ein Verwaltungsrath von drei Mitgliedern der Familie, welcher auch die Rechnung alljährlich abhört.

3) Die Gauppische Stiftung in Calw rührt her von dem Dr. Karl Engelhard Gaupp, geb. im Jahr 1742, welcher lange Jahre praktischer Arzt und Apotheker in Calw war, die letzten Jahre seines Lebens aber in Kirchheim u. Teck verlebte, wo er im Jahre 1826 starb. In seinem Testamente bestimmte er ein Capital von 1000 fl. zu einer Stiftung, von welcher die jährlichen Zinsen an seinem Namenstag, dem Karlstag, 28. Januar, an Hausarme von Calw vertheilt werden sollen. Die Stiftung wird verwaltet und beaufsichtigt von Bürgern der Stadt Calw; gegenwärtig besteht die Aufsichtsbehörde aus Georg Dörtenbach, Fabrikant, Louis Dreiß, Kaufmann, Schuldt, Stadtschultheiß, Schuler, Stadtpfleger, Widmann, Notar und Oberamtspfleger; Verwalter ist derzeit Dr. Müller, Oberamtsarzt. Das Stiftungscapital ist angewachsen auf 1050 fl., welche theils zu 5, theils zu 41/2 Procent gegen gehörige Sicherheit angelegt sind, und jährlich 50 fl. Zinsen ertragen, die in Beträgen von 12 kr., 24 kr., 30 kr., 36 kr., 48 kr., 1 fl., 1 fl. 30 kr. und 2 fl. vertheilt werden.

4) Das „Färberstift“ wurde hauptsächlich auf Antrieb Joh. Valentin Andreä’s, damaligen Dekans in Calw[6], am 12. Nov. 1621 | als Familienstiftung gegründet und als solche auch von herzoglicher Regierung bestätigt.

Die meisten der Stifter waren Mitglieder der damals in Calw bestehenden Zeugfabrikations- und „Färber-Compagnie“, woher später die Benennung: „Färberstift“ gekommen ist. Der ursprüngliche Name war „Christliche Gottliebende Gesellschaft.“

Die Bestimmungen dieser Stiftung sind in der 1732 im Druck erschienenen „Sammlung allerley Württembergischen Stipendiorum etc.“ von Moser ausführlich zu finden, von S. 1 bis S. 77: das Geschlechtsregister der zum Genuß Berechtigten gibt Faber in den Württ. Familien-Stiftungen, Heft 17. S. 1–110. Die, dort weitläufiger angegebenen, Stiftungszwecke lassen sich nach ihren Hauptgegenständen kurz zusammenfassen in: Beförderung christlicher Anstalten, Unterstützung armer Stiftsverwandten auf mancherlei Art, und Stipendien für Studirende der evangelisch-lutherischen Theologie.

Der Fonds besteht derzeit, mit Einschluß eines damit unter bestimmten Modificationen combinirten Dörtenbach-Zahn’schen Stifts, in ungefähr 100.000 fl. Die Verwaltung wird stiftungsgemäß bewerkstelligt durch die sogenannte „Färberstifts-Deputation,“ einen Familienrath, welcher den eigentlichen Verwalter wählt und denselben controlirt, die stiftungsmäßigen Ausgaben dekretirt und die Rechnungen prüft und abhört.

5) Die Christoph Martin Dörtenbach’sche Familienstiftung erfolgte im Jahr 1827 von den Erben des Chr. Martin Dörtenbach aus der Erbschaft zum Zweck der Unterstützung einer Linie der Erben bis zum zweiten Grade, weiterhin aber sämmtlicher dürftiger Familienglieder. Im Jahr 1857 betrug der Vermögensstand der Stiftung 11.690 fl. und bis jetzt wurden alljährlich 500 fl. ausbezahlt.

Auf einem Bergvorsprung nordwestlich der Stadt stand die Burg der Grafen von Calw, von der nur noch eine etwa 40′ lange und theilweise 18′ hohe, an den Bergabhang hingebaute Strebemauer übrig ist, während die in einen Garten umgewandelte Burgstelle durchaus keine Überreste mehr enthält. Herzog Friedrich ließ das damalige Schloß abbrechen, um ein neues an seine Stelle zu setzen[7], | was er jedoch nicht ausführte. Es befanden sich allda mehrere Gefängnisse, darunter ein besonders schauerliches, der Kesselthurm, in welchem der Gefangene keinen Platz zum Liegen hatte. (Crusius Ann. Suev. 2, 209 und Paralip. 36.)

Eine zweite Burg, die ebenfalls den Grafen von Calw gehörte, stand 1/2 Stunde südlich der Stadt auf dem Rudelsberg, einen schön gerundeten Bergvorsprung, um den die Nagold einen hufeisenförmigen Bogen beschreibt. Von der ehemaligen Burg Rudelsberg hat sich nur der Burggraben erhalten.

Zunächst und in der Stadt standen mehrere Kapellen, wie die Kirchhofkapelle zur lieben Frauen bei der untern Brücke auf dem Brühl, die St. Sebastianskapelle an der äußern Brücke, durch Joh. Jak. Dörtenbach nach der Zerstörung Calw’s vom J. 1634 wieder hergestellt[8], und die St. Wendelkapelle unten in der Inselgasse; letztere ist nun in eine Privatwohnung umgewandelt, zeigt jedoch noch einen Theil des Chorschlusses und einen spitzbogigen Eingang.

Der Falkenstein im Zigeunerwald, ein großer überhängender Felsen, diente einigen Bürgern von Calw, während die Stadt abbrannte, als Zufluchtsstätte.

Zu der Gemeinde gehören:

1. Wimberg, ein der Gemeinde gehöriger, etwa 150 Morgen großer Hof, welcher 1/4 Stunde westlich von der Stadt auf der Anhöhe liegt; ein Theil desselben wird an die Bürger von Calw abgegeben, so daß jeder 1/61/4 Morgen unentgeldlich zur Benützung erhält, während der größere Theil des Hofs 1/2 Morgenweise verpachtet wird, was der Gemeindekasse 16–1900 fl. jährlich einträgt.

Der Hof bestand aus 2 Gebäudegruppen, von denen jedoch eine in neuester Zeit abgebrochen wurde.

Die Einwohner sind nach Altburg eingepfarrt. Im Ort besteht ein Schöpfbrunnen und in der Nähe desselben sind zwei laufende Brunnen vorhanden, die jedoch in trockenen Jahreszeiten ihren Dienst versagen, so daß das Wasser zuweilen sehr spärlich wird, indem man alsdann auf den ebenfalls etwas nachlassenden Schöpfbrunnen ausschließlich angewiesen ist.

| Mit Calw kam der Ort an Württemberg, welches 1417 und 1419 Gülten hier von den Herren von Waldeck kaufte. Nach dem Landbuch von 1623 besaß die Stadt Calw den Hof Wimberg als Erblehen, mußte jedesmal einen Lehensträger stellen, Hauptfall und Handlohn geben.

2. Die Spinnerei beim Gutleuthaus. Diese Baumwollspinnerei liegt 1/4 Stunde unterhalb der Stadt und ist Eigenthum des A. Armbruster; sie arbeitet mit 40 Personen für die Spinnerei von Stälin.

3. Der Windhof, 1/8 Stunde westlich der Stadt an der Straße nach Altburg gelegen; der Hof ist nicht bedeutend und besteht aus meist unergiebigen Feldern, die weit weniger Ertrag liefern, als die des Wimbergs. Ein laufender Brunnen liefert hinreichend Trinkwasser.

4. Tannenek (ein Name aus neuerer Zeit), 1/2 Stunde südlich von Calw im Nagoldthale gelegen, besteht aus einer Sägmühle und einer ansehnlichen Baumwollspinnerei, welche J. F. Stälin und Söhne gehören. Die Baumwollspinnerei beschäftigt über 100 Personen und setzt ihre Fabrikate, die sich jährlich auf etwa 4000 Cent. belaufen, meist in das Inland ab. Im Jahr 1857 wurde eine Arbeiterwohnung für 100 Arbeiter erbaut. (Vgl. Waldeck.)

5. Die Walkmühle[9] mit (Woll-)Spinnerei, 1/4 Stunde südlich der Stadt an der Nagold gelegen; sie ist Eigenthum der Gebrüder Kohler und beschäftigt etwa 20 Personen, welche für Calwer Fabrikanten, von denen die Wolle geliefert wird, um den Lohn arbeiten.

6. Im Krappen, ein unterhalb der Walkmühle auf der rechten Seite der Nagold gelegenes Haus, das von Arbeitern der Walkmühle und Sägmühle bewohnt wird.


Geschichtliches.
Die früheste Schreibung des jedenfalls sehr alten Namens, dessen Ursprung schon im Celtischen, auch – höchst unsicher – in „Kahl“ und „Au“ (wegen kahler Berge) gesucht wurde, ist Kalewa, 1037, Chalawa, Calwa 1075 (Wirt. Urk.Buch. – Bei Pertz Mon. 12, 246 auch Calueh geschrieben). Ihre Entstehung verdankt die Stadt der | Ansiedlung gräflicher Dienstleute unterhalb der Burg (castellum Chalawa, 1075), noch im J. 1397 kommt vor ein „Weiler unter der Burg,“ welcher endlich mit der Vorstadt vereinigt wurde.
Wappen der Stadt Calw.

Stadtrecht mag der Ort (civitas Kawel 1281, Mone Zeitschr. 3, 417) im 13. Jahrhundert erhalten haben. Als Wappen führt er das gräflich calwische, einen auf drei (bisweilen auch vier) blauen Bergspitzen schreitenden, rothen Löwen mit blauer Zunge und einer blauen Krone auf dem Haupte, im goldenen Felde. (Der Löwe wird seit vorlängst zwiergeschwänzt dargestellt, was er ursprünglich nicht war.)

Aus dem J. 1256 hat sich die früheste Nennung eines hiesigen Schultheißen erhalten. Später erscheint ein Vogt oder Amtmann, neben ihm, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, öfters auch ein Obervogt[10]. Zum Einkommen dieses Vogts gehörte der Vogtspfenning; wenn nämlich am Jahrmarkt der Zoller den Zoll und der Stadtknecht das Standgeld einzog, schickte der Vogt einen Knecht mit, welcher von jedem, der Zoll oder Standgeld zahlte, einen Pfenning erhob. (Das Nähere bei Reyscher Statutarrechte 607). Die ordentliche, jedes Jahr auf Martini zu entrichtende Stadtsteuer betrug 231 Pf. H.

Durch den, nach Erbauung des neuen Rath- und Kaufhauses von dem Grafen Ludwig der Stadt ertheilten Freiheitsbrief vom 5. Aug. 1454 erhielt sie das Recht, „die Nutzung von diesem Hause stets einzunehmen und mit Wissen und Willen der herrschaftlichen Amtleute zu ihrem Besten, namentlich zum Bauen zu verwenden.“ Die Benützung der Kornschütte auf diesem Hause aber behielt sich der Graf vor (Reyscher 593). Am 30. Dec. 1522 erlaubte die österreichische Regierung in Württemberg den Calwern, die Gerichtssitzungen, welche bisher unter freiem Himmel stattgefunden hatten, in die große Rathhausstube zu verlegen. Wenn an Rechtstagen streitende Parteien vor Gericht erschienen, wählten sie sich aus den anwesenden Richtern einen Fürsprecher, um ihr Anliegen vorzutragen. (Weiteres bei Reyscher 621.)

Ihr Urtheil und Recht holte die Stadt in Tübingen (Schmid Pfalzgr. v. Tüb. Urk. 246). Im Erbrecht galt sowohl in Calw als auch in Hirschau und in den hiezu gehörigen Ämtern mit ganz | wenigen Ausnahmen das sogen. Verfangenschaftsrecht (Reyscher 616. 620, Wächter Würt. Privatrecht 1, 201).

In der zweiten großen Kirchenordnung, vom 30. Apr. 1582, wurde Calw zu einem der vier württembergischen Landphysikate bestimmt; der je dem Arzte beigegebene Apotheker war von Frohnen, Wachen und Pflegämtern befreit und ihm neben „seinen Materialien und Simplicien“ auch Spezereien feil zu haben gestattet.

Was die hiesige Parochialkirche zu St. Peter und Paul betrifft, so erscheint an derselben im J. 1275 u. ff. Fridericus decanus in Calwe (Mone Zeitschr. 3, 222), im J. 1318 Otto von Eberstein als ihr Rektor (eb. 5, 464). Der Kirchensatz war ursprünglich gräflich calwisch, nach dem Anfang des 14. Jahrhunderts jedenfalls württembergisch. Im J. 1342 verkaufte ihn der Graf Ulrich von Württemberg an das Kloster Hirschau. Diesem incorporirte die Kirche den 23. Sept. 1347 Pabst Clemens VI. Ein Streit des Klosters mit der Stadt und Pfarrei Calw wurde 1452 durch den Vogt von Neuenbürg, den Probst in Sindelfingen etc. dahin beigelegt, daß der Abt auf die erlangte päbstliche Bulle, welche ihm eine Pfründe zusprach, verzichtete, der Pfarrer aber für beständig einen „Helfer oder Miethling“ zu halten versprach; statt des Lämmer- und Kitzenzehnten sollten von jedem Stück 1 Heller gegeben werden und hievon der Heilige 2/3, der Pfarrer aber 1/3 bekommen. Am 26. Jan. 1329 errichteten Schultheiß, Burgermeister, Richter mit den Procuratoren der Parochialkirche und der Marienkapelle in Calw die Pfründe des Altars des heil. Nicolaus und der heil. Catharina, welche sie mit von Schwigger dem Stadelherrn von Waldeck erkauften Gütern ausstatteten; hiezu gaben ihre Zustimmung Graf Ulrich von Württemberg als Patron der Kirche, Graf Otto von Eberstein als Kirchherr und Graf Heinrich genannt Wilhelm von Tübingen (dominus temporalis loci). Im J. 1329 stifteten Konrad genannt der Waldvogt von Waldeck und seine Gattin Adelheid auf dem Heiligkreuzaltar in der Parochialkirche eine Meßpfründe und statteten sie aus mit Haus, Scheuer und Garten in Calw, mit Gütern in Gechingen, Hengstett, Münklingen, Nufringen etc.; diese Stiftung bestätigte im Jahr 1330 der Bischof Walram von Speier (Crusius Ann. Suev. 3, 224). Im Jahr 1334 dotirten Trutwin von Hengstett und seine Gattin den St. Georgsaltar (ib. 3, 228). In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts werden hier erwähnt: eine Leutpriesterstelle, eine Caplanei in der Kapelle der heil. Maria, Pfründen des Altars der heil. Maria im Chor, der Altäre des heil. Georgs, heil. Michaels und heil. Johannes des Evangelisten (Würdtwein Subsid. 10, 338).

| Auch eine klösterliche Einrichtung bestund hier, die der Beguinen in der jetzt noch so genannten Nonnengasse.

Von benachbarten Klöstern hatten das zu Hirschau und das zu Herrenalb allhier Besitzungen.

Die Reformation wurde zu Calw frühzeitig eingeführt; schon 1534 kam Hier. Kranz, früher Pfarrer zu Kreuzlingen im Thurgau (Heyd Ulrich 3, 92), als evangelischer Prediger dahin, auf welchen 1537 Marcus Heiland folgte. Dieser hatte viele Quälereien und Verfolgungen auszustehen, namentlich vom Vogt, welcher mit einem großen Theil des Raths dem alten Glauben noch fest anhieng. Er war aber dennoch sehr eifrig in seinem Amte und bestrebte sich namentlich, den Zustand der deutschen und lateinischen Schule zu verbessern. Weil aber bei der Einführung des Interims seine Freunde Schlimmes für ihn vom Vogt befürchteten, bewogen sie ihn, mit dem Kaufmann Friedrich Heiden nach Straßburg zu fliehen, worüber der Vogt in heftigen Zorn gerieth. Aber schon 1550, nach vorher von Herzog Ulrich erhaltener Erlaubniß, durften ihm seine Freunde wieder schreiben, er möchte nach Calw zurückkehren; er versprach es, erkrankte aber und starb noch im nämlichen Jahre zu Straßburg. Mit der Entfernung des katholisch gesinnten Vogts verschwanden allmählig (Besold Virg. 252) die Schwierigkeiten, mit welchen die neue Lehre bisher in Calw zu kämpfen gehabt hatte und im J. 1551 war schon wieder ein lutherischer Geistlicher hier.

Die obenerwähnte, nach der frühesten Geographie im „deutschen Franken“ gelegene Burg gab, als im 11. Jahrhundert die Sitte aufkam, sich nach den Schlössern zu benennen, den Beinamen einem mächtigen Geschlechte, welches in mehreren fränkischen Gauen, namentlich dem Murrgau oder der Grafschaft Ingersheim lange Zeit die Grafenwürde bekleidete (Stälin Wirt. Gesch. 1, 567. 2, 368. – Der Name comitatus in Ingerihesheim nuncupatus 978. Wirt. Urk.-Buch 1, 223, comitatus Ingirisheim 1075 Oct. 9. Hirschauer Urkunde, eb. 1, 276, ist von der Gerichtsstätte hergenommen). Der älteste bekannte Ahnherr ist im Anfang des 9. Jahrhunderts ein Graf Erlafried († 850 nach dem freilich nicht hinreichende Gewähr bietenden Trithem. Annal. Hirsaug. 1, 21), dessen Sohn Noting Bischof von Vercelli wurde; die frühste erhaltene Nachricht über sein Dasein steht in der Urkunde Kaiser Heinrich’s IV. vom 9. Okt. 1075 für das Kloster Hirschau. Der im J. 870 vorkommende Graf Adelbert, welcher im Nagoldgau Güter eintauschte (Cod. Laur. nr. 3535 vergl. nr. 2575), dürfte um so eher dieser Familie angehören, je eingebürgerter der Name Adelbert in derselben ist. In der Urkunde | über die Gründung des Stifts Öhringen vom 16. Aug. 1037 erscheint in diesem Hause zum ersten Male die Benennung nach der Burg; es ist darin Zeuge Adelbertus comes de Kalewa, desgleichen Eberhardus comes de Ingeresheim (Wirt. Urk.Buch 1, 264). Nach allem war dieser Graf von Ingersheim (im jetzigen O.A. Besigheim) desselben Stamms wie der Calwer; in einer nur einige Jahrzehente späteren Urkunde erscheint Ingersheim als eine Gerichtsstätte, mit einem damals vorsitzenden Grafen Adelbert (Cod. Hirsaug. 40a).

Wie sich die ältesten Ahnen dieser Familie durch die Stiftung des Klosters Hirschau verewigt haben, so gruppirt sich die etwas lichter werdende Geschichte dieses Hauses eben auch um die erneuerte Stiftung des Klosters Hirschau in den 1050er Jahren, sowie um die Gründung des Stiftes Sindelfingen auf eine deshalb abgebrochene Burg hin, beides durch den Grafen Adelbert († 1099) und dessen Gemahlin Wiltrud († 1093), Tochter Gottfried’s des Bärtigen von Lothringen (Bruder Pabst Stephans IX. 1057–58). Dieser Adelbert, genannt Atzimbart, welcher reiche Lehen von dem Kloster Lorsch an der Bergstraße aufgetragen erhielt, war der Sohn der Gräfin von Egisheim aus dem Elsaß und hatte somit zu mütterlichem Oheim den Pabst Leo IX. (saß von 1049–54), welcher – seiner Hauptrichtung nach ein Vorbild des ihn überbietenden Pabst Gregors VII. (1073–1085) – dem Grafen die Wiedererrichtung und neue Ausstattung des Klosters Hirschau und vielleicht überhaupt die kirchlich-politische Richtung eingab, wie denn Adelbert späterhin als Anhänger des Gegenkönigs Rudolph im Widerstreit mit Kaiser Heinrich IV. sich zeigte. Obigem Pabste Leo IX. ist in der höchsten Würde der Christenheit – zu nicht geringem Ruhme der Calwer Grafen – unmittelbar selbst ein Graf aus diesem Hause gefolgt, Victor II. (1055–57)[11], ein ausgezeichnetes Kirchenoberhaupt.

| Den größten heimathlichen Glanz erreichte das Haus unter dem Sohn des ebengenannten Grafen Adelbert, Gottfried (nach seinem mütterlichen Großvater genannt), von dessen Brüdern der eine, Bruno 1088–89, die Bisthumswürde von Metz bekleidete, der andere Graf Adelbert, Stammvater der Calwer Grafen, im J. 1094 vor dem Vater gestorben war. Dieser Gottfried († um 1131) wurde einer der angesehensten Rathgeber Kaiser Heinrichs V., welcher ihm 1113 die Pfalzgrafschaft im krongutreichen Rheinlande übergab, und nach dessen Tode eine der Hauptstützen des Reichs bei Einleitung einer neuen Königswahl. Neben der Vogtei über die Klöster Hirschau und Sindelfingen (die zwei Stiftungen seines Hauses) und Reichenbach besaß er noch die sehr bedeutende über das Kloster Lorsch an der Bergstraße, deren sieben Hauptlehen er bekam. Seine Gemahlin war Luitgart, Tochter Herzog Bertholds von Zähringen; Söhne hinterließ er keine, seine Tochter Uta († um 1196) war mit dem berühmten Herzog Welf VI. († 1191) in eine freilich nicht glückliche Ehe getreten, welche Verbindung an den ohnedieß reichen Gemahl viele Besitzthümer des Schwiegervaters brachte und bei ersterem weitgreifende Ansprüche noch auf anderweitige Calw’sche Besitzungen anregte. Da indeß Welf VI. ohne Hinterlassung von Kindern starb, worauf ein Haupttheil seiner Güter auf die Hohenstaufen fiel, und da der Calwer Graf Adelbert (Sohn des obigen im J. 1094 verstorbenen gleichnamigen Grafen) um 1133 mit den Waffen sich manches Stammgut, namentlich Calw, wieder sicherte (Stälin Wirt. Gesch. 2, 371. 372), so wurde keine welfische Herrschaft für die Dauer in dieser Gegend begründet.

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Der vom zuletzt genannten Grafen Adelbert ausgehende Mannsstamm zweigte sich ab nach verschiedenen Linien, genannt nach den Burgen Löwenstein, Vaihingen, vorübergehend auch Wolfsölden. Seit im 13. Jahrhundert die fränkisch-schwäbischen Familien Wappen annahmen, führte das Geschlecht in allen seinen Linien einen auf drei (auch vier) Bergspitzen rechts schreitenden Löwen. Beliebte Taufnamen in demselben waren, außer den bereits erwähnten, Konrad und | Berthold[12]. In seiner Blüthezeit erstreckten sich seine Güter und Rechte von den Fildergegenden über den Würm-, Glems-, Enz-, Zaber-, Murr- und Schotzach-Gau (Stälin a. a. O. 2, 374–376); dazu kam noch zeitweise die bereits erwähnte Schutzvogtei über das Kloster Lorsch und die von diesem Kloster aufgetragenen „Volllehen“, die vom Hochstift Speier übertragene Vogtei über Bruchsal und anderes.

Eine lange Dauer war diesem Calwer Grafenhause nicht beschieden, die längste den Grafen von Vaihingen, welche um 1360 in männlicher Linie ausstarben, eine kürzere den Grafen von Löwenstein, deren Stamm gegen Ende des 13. Jahrhunderts erlosch, die kürzeste den Grafen von Calw, deren letzter Graf Gottfried vor 1263 ablebte[13].

Zwei Töchter beerbten diesen letzten Calwer Grafen Gottfried. Die eine davon heirathete den Grafen Rudolph von Tübingen-Böblingen († 1271 oder 1272) und in zweiter Ehe den Grafen Ulrich von Berg-Schelklingen, die zweite, welche sich Gräfin von Zavelstein nannte, den Grafen Simon von Zweibrücken.

Der gräflich Zweibrückische Besitz in unserer Gegend verschwindet für dieses Haus unter den Söhnen, beziehungsweise einem Enkel des Erwerbers (s. z. B. Althengstett und in der Oberamtsbeschreibung von Leonberg unter Merklingen). In Calw selbst und dessen Zugehörungen theilten sich die Familien der beiden Gemahle der erstgenannten Tochter. Die Berger Hälfte übergaben schon die | Söhne des Erwerbers die Grafen Ulrich, Heinrich und Konrad am 19. März 1308 „durch Liebe und Freundschaft“ dem Grafen Eberhard dem Erlauchten von Württemberg. Die Tübinger Hälfte gelangte noch auf Rudolph’s[14] Urenkel, den um 1346 gestorbenen Grafen Wilhelm, welcher solche den 30. Dez. 1345 an die Grafen Eberhard den Greiner und Ulrich von Württemberg für 7000 Pfund Heller veräußerte (Stälin Wirt. Gesch. 3, 116. 291).

Von Calw nannte sich ein vom 12. bis zu Anfang des 14. Jahrhunderts bekanntes gräfliches Dienstmannengeschlecht, in welchem Reinhard der beliebteste Taufname war (Cod. Hirsaug. 45b, Schmid Pfalzgr. v. Tüb. 337. 407. 496. Urk. 95. 97).

Calw nebst seinem Amte blieb von 1345 fortan bei der Herrschaft Württemberg, die von derselben noch im Mittelalter darauf bestellten Pfandschaften wurden bald wieder eingelöst. Eine Huldigungsmedaille an das Herrscherhaus, in der Person des Herzogs Karl Alexander, ließ die Stadt im Jahr 1733 prägen mit der Umschrift: Fidelis et obsequiosa Calva (Binder Württ. Münz- und Med.-Kunde 430).

Aus hiesiger Sittengeschichte geben wir folgende Einzelnheiten: Am Sonntag nach dem Fronleichnamsfest 1502 führte der Stadtschreiber Oswald Kürsemann ein Trauerspiel vom Leiden Christi auf in Gegenwart mehrerer tausend Personen, unter denen sich die Herzogin Elisabeth von Württemberg, welche dazu viele kostbare Kleider herlieh, zwei Markgräfinnen von Brandenburg, der Kardinal Raimund von Gurk, welcher allen andächtigen Zuschauern Ablaß auf 20 Jahre ertheilte, und der Abt Blasius von Hirschau befanden. Auf dem Rathhaus wurden darauf die Ehrengäste mit einer kostbaren Mahlzeit bewirthet (Sattler Top. Gesch. 206).

Im Jahr 1683 wurden zwei der Hexerei beschuldigte Personen Anna Hafner Wittwe und der Sohn ihrer Stieftochter, Bartholomäus Sib, hingerichtet (Hauber Biblioth. magica St. 32b). Die Regierung hatte den Kirchenrathsdirector Bardili und den Professor Häberlin von Tübingen dahin geschickt, um die Sache zu untersuchen. Letzterer gab 1685 heraus eine „historische Relation von | denen in der Stadt Calw der Zauberei halber beschreiten Kindern und andern Personen, sammt einer christlichen Predigt, wie solchen und dergleichen satanischen Läufen zu begegnen. Stuttgart 1685.“ 40 S. 4°. (Auch in’s Dänische übersetzt: Kopenhagen 1687. 12°.)

Eine kirchengeschichtliche Notiz ist, daß im Anfang des vorigen Jahrhunderts das Bedürfniß eines lebendigeren innern Christenthums einige Mitglieder der achtbarsten Familien auf separatistische Gesinnungen brachte; so den Vorsteher der Handelscompagnie Mose Dörtenbach, bei dem man sich unter Leitung seines Hauslehrers M. Gmehlin (welcher auch in einer Schrift die Landeskirche anfocht) zur Privaterbauung näher vereinigte. Dieser Dörtenbach hatte ohne Zweifel auf seinen vielen Reisen in’s Ausland, nach Frankfurt besonders und nach Sachsen, die neuere praktischere Predigtweise kennen lernen. Im Jahr 1712 wurde eine besondere Commission nach Calw geschickt, welche auf eine behutsame sanfte Weise die kirchliche Zwietracht hob (Grüneisen in Zeitschrift für die historische Theologie Jahrg. 1841a, 77. 81).

Hauptsächlich kommt übrigens bei Calw in Betracht die Geschichte seines Handels und seiner Gewerbe. Das unzureichende und wenig fruchtbare Bauland um die Stadt Calw veranlaßte nämlich deren Bewohner, ihren Unterhalt durch Handarbeiten und Gewerbe zu suchen, und so wurde Calw schon sehr frühe eine der gewerbreichsten württembergischen Städte, trotz den lange her sehr verkümmerten Verkehrswegen, unter welch letzteren die im Jahr 1857 eröffnete Wilhelmsstraße nach Pforzheim mit besonderem Dank begrüßt worden ist. Eine hiesige Walkmühle wird schon 1327 erwähnt (Besold Doc. 559); bereits 1281 kommen auch Juden vor als hier angesessen (Mone Zeitschrift 3, 417). Im 14. Jahrhundert hatte die Stadt einen stark besuchten Jahrmarkt, welcher auf dem Brühl bei der (längst abgegangenen) Marienkapelle gehalten (Reyscher Statutarrechte 607), 1454 aber in die Stadt selbst verlegt wurde, als diese „zu Nutz und Frommen dem gemeinen Mann, der die Märkte zu besuchen pflegt, und daß die Jahr- und Wochenmärkte nicht ab-, sondern zunähmen“, ein neues Rath- und Kaufhaus baute, worauf ihr Graf Ludwig von Württemberg den 5. August 1454 einen Freiheitsbrief verlieh, worin auch die Marktstandgelder und Zölle festgesetzt sind (Reyscher a. a. O. 592). Namentlich in Tuch und Zwillich, als hiesigen Fabrikaten, mag schon damals der Umsatz lebhaft gewesen sein. Nach der Zollordnung im Lagerbuch von 1523 (Reyscher 601) war die Stadt der gewöhnliche Markt für eine Anzahl Ortschaften in- und außerhalb des Amtes, und diese Ortschaften | entrichteten der Regierung statt des „Pfundzolls“ je von einem Hause 1–3 Viertel Zollkorn, eine Abgabe, die alljährlich an den Meistbietenden verliehen wurde, und ungefähr 70 Pfd. Heller eintrug. Die Frohnwage gehörte der Herrschaft, die Stadt aber mußte das Gebäude derselben unterhalten, und auf ihr mußte alles, was ein Gewicht von 25 Pfd. überstieg, gewogen werden, wofür vom Centner 4 Heller Waggeld bezahlt wurde.

Neben der Gerberei wurde schon sehr frühe die Tuch- und Zeugweberei und Färberei stark betrieben. Die Calwer Tücher werden in der württembergischen Landesordnung von 1567 vorzugsweise erwähnt. Tücher und Zeuge hatten namentlich auch in’s Ausland einen starken Absatz, und dieser nahm in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts noch bedeutend zu, nachdem ein Italiener, Crololanza aus Piacenza, das Wollenkämmen, die Weberei und Färberei wesentlich verbessert hatte (J. V. Andreae Threni Calvenses 60). Denn seit dieser Zeit waren die Calwer Zeuge und Tücher wegen ihres feinen Gewebes, ihrer Appretur, ihres Glanzes, ihrer schönen und dauerhaften Farben sehr hoch geschätzt und wurden nicht nur im Fürstenthum selbst und in Deutschland, sondern auch nach Böhmen, Polen, Ungarn, Siebenbürgen, Elsaß, Lothringen und Italien in großer Menge verführt. Die Messen von Leipzig, Naumburg, Straßburg, Frankfurt, Nördlingen, München und Zurzach besuchten die Calwer regelmäßig. In der Stadt und ihrer Umgegend zählte man über 400 Webermeister, 1200 Zeugmacher und etlich 1000 Spinnerinnen. Von ihnen bezogen die Färber die Waaren, rüsteten sie vollends zu und verkauften sie dann mit Gewinn. Der gesammte Wollenertrag Württembergs reichte kaum für den vierteljährigen Bedarf der Stadt hin, und aus Böhmen, Hessen, Thüringen und anderswoher wurde noch viel Wolle eingeführt. Aus Frankreich und Spanien holte man die Kunstfarben. Jährlich verfertigte man gegen 70.000 Stücke „Engelsait, Grobgrün, Boi, Federritten, Bombasin, Barchent, Kölsch, Machaier, Schatter, Atlas und Teppiche“. Nach dem Landbuch von 1623 waren damals 4 Walkmühlen vorhanden, die untere zunächst der Stadt bei St. Wendel, die obere unter dem Pfaffenbrunnen, die dritte bei der oberen Mahlmühle, die vierte unter dem Rudelsberg, in deren Nähe auch eine Schleifmühle stand.

Die Gerber erneuerten am 2. Januar 1559 mit Zustimmung von Vogt und Gericht ihre Ordnung (Reyscher a. a. O. 618).

Die Landwirthschaft und Viehzucht betreffend, wurde am 12. März 1590 eine Verordnung bekannt gemacht, wie und wie viel jeder Bürger Ziegen halten und wie er sie weiden lassen dürfe (Reyscher | 623). Das Landbuch von 1623 führt schon die jetzigen Mahlmühlen an, die obere, mittlere und untere, alle drei der Herrschaft zinsbar und der Inhaber Erbgüter.

Um’s Jahr 1600 wurden vier Jahrmärkte gehalten (Württ. Jahrb. 1842 S. 287. Der damaligen Industrie Calw’s widmet Erh. Cellius in seinem württ. New Jahr auf 1603. 22 Verse).

Die Zerstörung der Stadt im J. 1634 brachte ihrer Gewerbsamkeit einen äußerst empfindlichen Stoß bei. Da legten aber zwei „arbeitsame und verständige“ Wollfabrikanten im Anschluß an die Färberordnung Herzog Eberhards III. vom 1. Nov. 1650 den Grund zu der Calwer Zeughandlung, welche späterhin unter der Firma: Maier Schill und Compagnie[15] berühmt wurde und deren Mitglieder ursprünglich alle selbst Färber, Tuch- und Zeugmacher waren und erst in späterer Zeit, als ihr Geschäft bedeutend an Ausdehnung gewonnen hatte, mit Aufgebung des Gewerbes sich in die Aufsicht über die verschiedenen Zweige des Geschäfts theilten, wobei jedes den seiner Arbeitslust und seinen Fähigkeiten angemessenen Posten durch Stimmenmehrheit in den Gesellschaftsversammlungen erhielt. Die zweite Zerstörung Calw’s im J. 1692 brachte zwar auch ihrem Geschäfte großen Schaden[16], unterbrach es aber nicht, wozu auch die der Compagnie von der württembergischen Regierung verliehenen Privilegien Vieles beitrugen. Diese Privilegien beziehen sich hauptsächlich auf die Waaren, deren Verfertigung und Verkauf der Gesellschaft vorbehalten war, und auf die ihr zugewiesenen Zeugmacher. Im J. 1674 wurde nämlich das Knappenhaus in Calw errichtet und die sogen. Moderation eingeführt, indem man die Zeugmacher von 12 Ämtern des Landes der Compagnie zutheilte. Diese gehörten daher auch zu keinem der drei, durch die Zeugmacherordnung vom 24. März 1686 in Stuttgart, Tübingen und Göppingen gegründeten | Laden, sondern durften ihre Arbeit allein an die Compagnie verkaufen, ohne deren Erlaubniß auch in dem ihr zugewiesenen Moderationsbezirk kein Zeugmacher sich niederlassen durfte. Die Zahl wie der Preis der zu liefernden Zeuge wurde durch Übereinkunft zwischen ihr und den Zeugmachern festgesetzt und schon am 10. Jan. 1670 in dem Rescript, welches den Zeugmachern nur Einen Stuhl gestattet, zu ihren Gunsten die Ausnahme gemacht, daß dieselben auch auf zwei Stühlen sollten arbeiten dürfen, wenn der Bedarf der Compagnie es erfordere. Streitigkeiten, welche zwischen der Compagnie und den obgenannten drei Laden entstanden, schlichtete der Stuttgarter Receß vom 28. Juli 1685, welchen später das Generalrescript vom 3. Juli 1750 bestätigte und näher bestimmte. Alle Meister des Moderationsbezirks waren angewiesen, die von ihnen verfertigten rohen Waaren an den hiezu bestimmten Tagen in das Kaufhaus der Compagnie zu liefern, wo sie geprüft wurden; wenn ein Stück nicht die vorschriftsmäßigen Eigenschaften, die gehörige Länge, Breite und Güte hatte, wurde es mit einem Stempel versehen und nur solche gestempelten Stücke durften die Zeugmacher dann auch anderwärts verkaufen, was ihnen freilich dadurch erschwert wurde, daß man solche Stücke gewöhnlich als Ausschuß betrachtete. Es war jedoch jedem Zeugmacher, welcher sich durch das Urtheil der Gesellschaft beeinträchtigt glaubte, erlaubt, – durch hiezu besonders beeidigte Gewerbsgenossen eine nochmalige Prüfung vornehmen zu lassen; konnten sich beide Theile auf solche Weise nicht vereinigen, so wurde die Sache, wie streitige Fälle überhaupt, vor das Oberamt zu Calw, das die Oberinspection über die Compagnie führte, gebracht, von welchem dann noch an die Regierung appellirt werden konnte. Die von den Zeugmachern gelieferten Stücke ließ dann die Compagnie färben und ausrüsten, lieferte ihren Arbeitern auf Begehren auch Wolle, besonders zu gewissen Arten von Zeugen, wo sie eigens ausgesucht sein mußte. Daneben hatte die Compagnie zu Calw auch eine besondere Manufaktur, welche allein über tausend Menschen, größtentheils auf dem Lande beschäftigte und wo die Zeuge von der Verarbeitung der rohen Wolle an bis zu ihrer Vollendung ganz auf Rechnung der Gesellschaft verfertigt wurden, und in welcher sie Plüsch, Camelot, Barrakan, gezwirnte, geblümte, vielfarbige und andere Zeuge machen ließ, zu deren Verfertigung die Zeugmacher nicht Geschicklichkeit genug besaßen.

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Die Zeuge, welche die Compagnie nach ihren Privilegien ausschließlich zu verfertigen und zu verkaufen berechtigt war, hatte sie großentheils selbst erfunden. Das erste Privilegium vom 2. Juni 1668 | führt als solche an: „weißes Grobgrün, Scoti, Scotini, Rasch, Estamin, Troquet, Cadis, weiße Buffi und Beuteltuch.“ In Betreff des Letztern wurden die Müller unter Bedrohung mit schweren Strafen einigemal angewiesen, dasselbe nirgends anders, als bei den privilegirten Calwer Beuteltuchträgern zu kaufen und dabei jedesmal ihren Namen und die Zahl der gekauften Stücke in ein besonderes Büchlein einzutragen; andern unprivilegirten Händlern sollte ihre Waare confiscirt werden (Rescripte vom 3. Juni 1750, 13. Okt. 1753, 7. Mai 1759, 10. Juli 1771). Durch den Receß vom 28. Juli 1685 und durch die Zeugmacherordnung vom 24. März 1686 wurde noch weiter festgesetzt, daß die nicht zur Moderation gehörigen Zeugmacher ordinären Engelsait, ordinäres zweifärbiges Grobgrün und Machaier, ordinäre Buffi, Weißzehenbund, Schaafgrauzehenbund etc. zwar wohl in ordinärer Breite sollen verfertigen und ellenweise ausmessen, aber bei Strafe der Confiskation nicht stück- und ellenweise verkaufen dürfen. Durch das Rescript vom 25. Febr. 1737 kamen zu diesen privilegirten Waaren auch noch die von der Compagnie erfundenen Crepins[17]. Sonst betrieb die Gesellschaft auch ausgedehnte Wechselgeschäfte, da Stuttgart kein größeres Bankhaus besaß.

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In den letzten Zeiten bestand diese Compagnie aus 23 Mitgliedern; jedes derselben hatte bei seiner Aufnahme, welche aber nie vor dem 21. Lebensjahre stattfinden durfte, 15.000 fl. einzuwerfen; es erhielt neben den landläufigen Zinsen hievon bei jedem Jahressturz seinen Antheil am reinen Gewinn, konnte aber beides wieder zum Kapital schlagen. Mitglieder konnten jedoch nur solche werden, deren Väter ebenfalls Gesellschaftsmitglieder gewesen waren und zwar höchstens drei Söhne desselbigen Vaters, die übrigen wurden dann nach ihren Fähigkeiten bei den verschiedenen Geschäftszweigen angestellt, Töchter erhielten nur dann am Geschäft Antheil, wenn sie ein Gesellschaftsmitglied heiratheten, geschah dieß nicht, so wurde ihnen ihr Erbantheil ausbezahlt. Jeder Sohn eines Compagnieverwandten, dem die Gesetze den Eintritt gestatteten, wurde im 14. Lebensjahr | als Lehrling bei der Compagnie eingeschrieben und erhielt während seiner 4 Lehrjahre Unterricht in den Comptoirgeschäften, Anleitung zur Färberei, zur Prüfung und Behandlung der Wolle; hierauf wurde er gewöhnlich auf Reisen geschickt, um fremde Sprachen, namentlich die italienische zu lernen, auf Comptoiren größerer Städte ausgebreitetere Bekanntschaft mit der Handlung zu erwerben und ausländische Fabriken zu besuchen. An der Spitze der Geschäfte stand ein Direktor, der minder wichtige Fälle entschied und die Aufsicht über die Buchführung hatte; bedeutende Gegenstände blieben der Entscheidung der Gesellschaftsversammlung vorbehalten. Die Gebäude der Compagnie, welche alle in der Leder- und Inselgasse lagen, waren in den letzten Zeiten derselben folgende: das Kaufhaus mit der Kaufstube zum Ankauf der rohen Zeuge, einem großen Wollenmagazin, einer von Pferden getriebenen Mange, dem Farbengewölbe, dem Magazin für die ausgerüsteten Waaren, der Packkammer und dem Packhofe; der neue Bau mit zwei Magazinen für Wolle und für ausgerüstete Waaren; das Waaren- und Ausrüsthaus mit einer Wage, wo man die Zeuge vollends zum Verschicken vorbereitete; das um’s J. 1764 erbaute Manufakturgebäude (in der Inselgasse), in welchem zuerst eine Zeit lang eine Zuckerraffinerie bestand, die wöchentlich 50 Centner Zucker verarbeitete, in Folge des Ausbruchs des nordamerikanischen Freiheitskriegs und wegen erhöhten Durchfuhrzolles des Rohzuckers durch Holland aber einging. – Das Comptoir war gewöhnlich in einem Miethslokal im Hause eines der Mitglieder. Der Absatz der Compagnie wuchs namentlich während des siebenjährigen Kriegs, durch welchen die sächsischen Fabriken sehr Noth litten, und sie hatte damals Mühe, Arbeiter genug zur Befriedigung aller Bestellungen zu finden. Sie beschäftigte auch später noch gegen 900 Zeugmacher in 12 verschiedenen Ober- und Stabsämtern, Calw, Nagold, Wildberg, Böblingen etc., im Ganzen über 7000 Menschen (Zeugmacher, Spinnerinnen, Krämer etc.) und verschloß jährlich für nahezu 500.000 fl. Waaren. Später jedoch kam ihr Geschäft etwas in Abnahme, wozu die Verminderung des Absatzes nach Italien, besonders dem Kirchenstaat, wohin sie die meisten Zeuge verkaufte, die Concurrenz der englischen und das Wiederaufblühen der sächsischen Fabriken, Handelsbeschränkungen und Verbote in Österreich und andern Ländern, auch der veränderte Geschmack in der Kleidung und das häufige Tragen baumwollener Zeuge beitrug. Eine große Verlegenheit für die Compagnie entstand dann durch das Aufhören der Zufuhr grober wallachischer Wolle während des österreichisch-türkischen Kriegs. Von ausländischen Messen besuchte | sie am Ende nur noch die Bozner, Zurzacher und Frankfurter, diese drei aber regelmäßig. Im Jahr 1793 war sie auch in Ansehung des Preises der Wolle und der daraus zu verfertigenden Waaren mit ihren Zeugmachern in einem solchen Streit, daß man zweifelte, ob beide Parteien sich würden vereinigen und die Compagnie noch fortbestehen können. Einige Jahre später bat sie wirklich auch selbst die Regierung, die „zu gegenseitigem Vortheil der Compagnie und der Zeugmacher bisher bestandene Moderationsverfassung aufzulösen, die Zeugmacher von der Verbindlichkeit, ihre verfertigten Waaren ihr zum Kauf anzubieten, sie selbst aber von der Verpflichtung, dieselben anzunehmen, freizusprechen, weil der Gang des bisherigen unglücksvollen Kriegs sie außer Stand setze, ihren vormaligen Handel im alten Schwung zu erhalten.“ Die Regierung sah die „Auflösung dieses alten und wichtigen Instituts“ zwar ungern, bewilligte aber die Bitte, hob durch das Rescript vom 5. Mai 1797 die Moderation mit den darauf bezüglichen Privilegien auf und gab die Verfertigung aller Arten von Zeugen völlig frei[18].

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Indeß schon im J. 1798[19] bildeten sich aus einer Anzahl von Theilhabern der aufgehobenen großen Gesellschaft zwei kleinere Gesellschaften (Schill und Compagnie und Wagner und Compagnie), welche den Versuch machten, die Wollzeugfabrikation – von Privilegien (die durch gegenüberstehende Verpflichtungen viele Belästigung in sich schloßen) entkleidet – fortzusetzen. Es gelang dies bis zu den Zeiten, wo in Italien Douanen auf französischem Fuße und Einfuhrverbotte angeordnet und der Hauptmeßplatz, Bozen, Oberitalien und der Kirchenstaat Theile des französischen Reiches wurden. Im J. 1815, als Italien der französischen Herrschaft entging, und neuere Zollsysteme noch nicht Platz gegriffen hatten, | lebten die alten Handelsverbindungen schnell wieder auf, und die genannten 2 Gesellschaften vereinigten sich wieder unter der Firma „Wagner, Schill und Compagnie“, allein im Jahr 1817 umschloßen die östreichischen Zolllinien das Tyrol und die Lombardei und dadurch stockte der Absatz nach Italien abermals, und konnte um so weniger im Leben erhalten werden, als auch andere italienische Staaten hohe Zölle einführten und überdies der Gebrauch der billigen Calwer Wollzeuge durch noch größere Wohlfeilheit der Baumwollstoffe verdrängt wurde.

Unter diesen Verhältnissen trieb gleichsam die Nothwendigkeit zum Übergang auf andere Gewerbsthätigkeit und diese lenkte sich während der Continentalsperre auf den Versuch der Fabrikation von mittelfeinen und feinen Wolltüchern, Casimir, nach englischem, französischem und niederländischem Vorbilde.

Der Kampf mit fremder Concurrenz verursachte aber anfangs Opfer, welche mehrere Fabriken, Braun und Krauß (1818), Zahn und Georgii zur Aufhebung ihrer Geschäfte zwangen, zumal da noch alles von der Hand gefertigt wurde.

Indeß wurden im J. 1816 durch ein neu entstandenes Geschäft, Wagner, Schill und Comp., mechanische Wollstreich- und Spinnmaschinen aus der Cokerill’schen Werkstätte in Lüttich – für Württemberg die ersten – hieher gebracht. Auf die erloschenen Fabriken gründete sich eine neue „Schill und Wagner“ (gegenwärtige Theilhaber: Seeger, Dörtenbach, Schauber, Stälin)[20]. Auch entstanden Werkstätten von Meistern, welche von dem Betrieb einzelner Stühle zu dem fabrikähnlichen Betriebe mit mehr Stühlen aufstiegen. Das Haupterzeugniß war längere Zeit und ist noch jetzt eine Anzahl mittelfeiner Tücher, welche sich durch Wohlfeilheit und solide Farbe auszeichnen. Den Absatz gewöhnlicher Tücher minderte Gebrauch und Mode und bei der Mitbewerbung sächsischer, schlesischer und niederländischer Tücher verlegten sich Fabrikanten und Meister auch auf andere Modewollstoffe, als Satin, Buckskin, Flanell, Mantelstoff, Jacquardgewebe und es gelang auch hierin sich einen Ruf zu verschaffen und damit den größern Markt auch außerhalb Deutschlands betreten zu können.

Unter den zur Verfertigung von einigen tausend Stücken Wolltücher und anderer Wollstoffe mitthätigen Gewerben sind hervorzuheben die Wollfärbereien (jetzt Wagner, Federhaff), welche, wie dieses Geschäft vor mehreren hundert Jahren das wesentliche Element der | Entstehung der Wollfabrikation bildete, so jetzt zu den bedeutendsten des Landes gehören und eine weit verbreitete Kundschaft haben; sie beschäftigen durch Wasser getriebene Farbholzschneidereien und haben an Küppen, Kesseln, Trocknungsanstalten zweckmäßige Einrichtungen.

Wie die Zeugfabrikation allmählig in die Tuchfabrikation überging, so folgte der Strumpfweberei, welche – derzeit von minderer Ausdehnung – lange Zeit durch Absatz nach Rußland, Holland, Schweiz, Italien, Amerika in schwunghaftem Gang gewesen war (Federhaff, Stroh, Wagner), die große Entwicklung der Strumpfstrickerei, welche ehedem zu den unbedeutenden Gewerbszweigen zählte. Für die Strumpfweberei arbeiten 60 Strumpfwirkerstühle, zum Theil sogen. Rundstühle neuer Erfindung, in Calw, Neuhengstett, Liebenzell, Neubulach auf Rechnung hiesiger Unternehmer (Schumm, Firma Wiedenmayer, Stroh, Giebenrath). Die Strumpfstrickerei erzeugt einen beliebten Theil der männlichen Bekleidung an Jacken, Strümpfen, Schuhen etc. Die rasche und große Ausdehnung dieses von 20 Firmen betriebenen, c. 1200 Personen beschäftigenden Gewerbes, für welches mit Mühe genug Hände aufgebracht werden, nahm gleichzeitig die Thätigkeit der Färbereien, Walkmühlen, der Zwirnerei und vieler Hände durch Näharbeit in Anspruch, so daß eine ergiebige Erwerbsquelle dadurch erschlossen ist. (Firmen: Bock, Dingler, Essig, Faber, Haydt, Keller, Kirchherr, Kohler, Mayer, Schäfer, Scheuerle, Schiele, Schmidt, Stroh, Schumacher, Veith, Voßler, Wagner, Wiedenmayer-Schumm.)

Bedeutend und sehr alt sind auch die hiesigen Gerbereien, welche der „Ledergasse“ den Namen gaben; sie liefern der Hauptsache nach Sohlleder, nebenbei sogen. Zeugleder. Familien hiesiger Rothgerbermeister (Bozenhard, Naschold, Schnaufer, Stroh) führen mehrere Generationen hindurch dasselbe Geschäft. Seit langer Zeit haben die Gerber eine gemeinsame Lohmühle. Eine größere Fabrik von Saffian und gefärbtem Schafleder von Haßenmajer und Zahn, schon längere Zeit nach Hirschau (s. d.) verpflanzt, geht in ihrer Gründung zu Calw bis auf 1766 zurück. Der Saffiangerbereien waren vor 40 Jahren eine größere Anzahl vorhanden; sie gingen theils wegen des verminderten Gebrauchs des Saffians, theils wegen erhöhter Zölle oder Einfuhrverbote bis auf zwei allmählig ein. Im J. 1817 mag die Saffianbereitung den größten Aufschwung gehabt haben; der Absatz fand hauptsächlich durch die Leipziger Messe nach Rußland und Polen statt; ein zu dieser Zeit eingetretener hoher Eingangszoll nach Rußland brachte die Geschäfte in Stockung. Der Saffian aus Ziegenfellen wurde überdieß durch das wohlfeilere Surrogat dafür, die gefärbten Schaffelle, verdrängt. Die Weißgerberei ist nicht von | Bedeutung; die damit beschäftigten Meister betreiben seit langer Zeit nebenbei die Fabrikation von Leim, welcher zu der besseren, dem Cölner Leim nahe kommenden Gattung gehört; neu ist die damit verbundene Bereitung der Gelatine. Sendungen von Leim gehen nach England, in die Schweiz etc.

Eine Türkischrothfärberei, welche mehrere Jahrzehnte bestund, ist im J. 1848 eingegangen.

Die Seifen- und Lichterfabrikation befriedigt nicht nur das Bedürfniß des Oberamts, sondern auch das entfernterer Orte.

An die aus früherer Zeit stammenden oder solchen angeschlossene Gewerbszweige reihen sich einige neuere an, die Baumwollspinnerei von J. F. Stälin u. S., im J. 1835 gegründet, und die von Armbruster (s. über beide oben S. 153).

An die Errichtung von mechanischen Woll- und Baumwollspinnereien schloß sich zweckmäßig die Fabrikation des dazu unentbehrlichen Hilfsmaterials, der Woll- und Baumwollkratzen, an; sie wurden durch Dörtenbach und Schauber von Rouen hieher verpflanzt und liefert ein Erzeugniß, welches fremdländische Mitbewerbung in allen Beziehungen aushält (vgl. S. 142).

Für die Kleingewerbe, als Schlosser, Schreiner, Dreher, Sattler, Seiler etc. war die allmählige Einführung mannigfacher Maschinen in den Fabriken von Nutzen; die Verfertigung dazu gehöriger Theile und Requisiten gewährten Lehre, Übung und Verdienst. Viele hier und auswärts befindlichen Woll- und Streich-Spinnmaschinen, Wölfe, Rauhmaschinen, Baumwollcarden, wurden den Maschinen, welche von Cokerill in Lüttich, von Zürich und von Mülhausen im Elsaß bezogen waren, nachgebildet, wodurch dem Lande eine nicht unbeträchtliche Summe erhalten wurde.

Webgeschirre für Woll-, Baumwoll-, Leinen- und Seidenstoffe werden für in- und ausländische Webereien in guter Beschaffenheit verfertigt.

Das Schuhmachergewerbe findet in weiterm Umkreise Absatz, ohne jedoch entferntere Messen oder Märkte zu beziehen; für überseeischen Export liefert dasselbe feinere Arbeit an Stiefeln.

Die Baugewerbe, als Zimmerleute, Steinhauer, Schreiner, Schlosser, Glaser, Ipser etc. beschränken sich in ihrer Thätigkeit nicht blos auf den Bezirk; sie betheiligen sich, so weit sie in der Heimath nicht beschäftigt sind, an der Herstellung von Bauten auswärts. Es werden hier, seit im J. 1857 die Wilhelmsstraße im Nagoldthale eröffnet ist, ganze Häuser für Pforzheim gezimmert; ebenso für Stuttgart und dazwischen liegende Orte. Aus einem hiesigen Steinbruche | gehen derzeit Steine in’s Badische zur Verwendung bei dem im Bau begriffenen Königsbacher Tunnel zwischen Pforzheim und Durlach.

Unter dem Namen „Verlagsverein“ besitzt Calw eine, vor drei Jahrzehnten von Pfarrer Dr. v. Barth gestiftete Anstalt, welche ihr Ziel, den evangelischen Glauben auszubreiten und die Auffassung des Wissens im christlichen Sinne zu fördern, mit aufopfernder Kraft und Ausdauer verfolgt. Die seit 1828 durch sie verlegten Missionsblätter, die Jugendschriften, die biblische Geschichte, die Weltgeschichte, die Geschichte Württembergs und die zahlreichen weiteren Werke dieses Verlags finden größtentheils, zumal durch Übersetzung in fremde Sprachen, nach allen Welttheilen Absatz. Die „Biblische Geschichte“ z. B. erscheint bereits in der 134. Aufl., was einen Verschluß von 675.000 Exemplaren annehmen läßt. Die Preise sind nicht auf Gewinn berechnet; so weit sich ein solcher ergibt, findet er in der Erfüllung der Zwecke der Anstalt seine Verwendung.

Ein Gewerbeverein ist seit 1848 gegründet und zählt bei regem Wirken gegenwärtig 65 Theilnehmer.

An diese Nachrichten über die Gewerbe schließen sich die über den Handel an. Trotz der ungünstigen Lage Calws wurden hier auf den Grund guter kaufmännischer Schule manche Geschäfte gegründet, freilich zum Theil eben wegen der Ungunst der Örtlichkeit wieder hinweg verpflanzt. So die erste große württembergische Indigohandlung (Jak. F. Schill), welche im J. 1801 nach Stuttgart übersiedelte, nachdem eine zweite große Indigohandlung (Karl Feuerlein mit einem Calwer Theilhaber J. M. Vischer) im J. 1799 in Stuttgart errichtet war. Eine in Calw selbst gebliebene Indigohandlung (Gastpar und Herrmann) löste sich nach 30jährigem Bestande wieder auf.

In den Detailgeschäften mit Spezerei-, Ellen-, Eisenwaaren fand und findet stets ein erheblicher Verkehr statt. Der Verkauf und Verbrauch in Stadt und Umgegend ist im Vergleich zur Bevölkerung ein beträchtlicher zu nennen und die allwöchentlichen Frucht- und Victualienmärkte, wo namentlich die Enzthäler viel Getreide einkaufen, und die 5 Jahresmärkte sind belebt.

Weinhandlungen finden sich zwei hier (Wagner, Dreiß); sie machen auch in entferntere Gegenden Versendungen. Mit dem Wollhandel beschäftigt sich seit vielen Jahren ein Haus (Wagner), angeregt durch den großen Wollverbrauch in der hierländischen Fabrikation und durch Verbindung mit auswärtigen Absatzorten. Auch die Fabrik von Schill und Wagner befaßt sich zeitweise mit Wollverkäufen. | Die Einkäufe von Wolle geschehen auf deutschen und ungarischen Wollmärkten und an den Seeplätzen.

Es bestunden noch weitere Handelsgesellschaften, welche sich theils nach Verlassung des Bau’s von Bergwerken und der damit verbundenen Blaufarb- und Schmelzwerke wegen ungenügender Gewinnung der nöthigen Erze an Silber, Kupfer und Kobalt auflösten, theils wegen finanzieller und Steueranordnungen des Staats, wie im Salzhandel, aufhörten.

Dörtenbach und Comp., mit den Theilhabern Dörtenbach, Notter, Vischer, Zahn, betrieben Bergwerke und zwei Schmaltenfabriken (Blaufarbwerke), die eine in Alpirsbach, die zweite in Wittichen (fürstenbergischer Herrschaft); sie kamen in den Besitz durch Erwerbung der sämmtlichen Kuxenantheile der Bergwerke, von welchen die Blaufarbwerke, Silber- und Kupferschmelzen eine Zubehörde waren, und hatten ein herzoglich württembergisches Privilegium vom 19. März 1743 und ein fürstlich fürstenbergisches vom 3. Aug. 1775. Die Unzulänglichkeit des Kobaltgewinns aus den eigenen Gruben, die Kostspieligkeit der Herbeischaffung dieser Erze aus sehr entfernten Bergwerken und die Verminderung des Verbrauchs der Schmalte in Holland und Frankreich, wohin früher der Hauptabsatz geschah, führten in neuerer Zeit die Aufhebung des Geschäfts herbei. Die von Dörtenbach und Comp. besessenen Gruben gingen mit noch andern fürstenbergischen Gruben in die Hände einer englischen Actiengesellschaft (Kinzigthal Mining Association) über, deren Bergarbeiten jedoch trotz der auf den Bau verwendeten großen Summen jetzt ruhen. In das Blaufarbwerk Wittichen ist eine chemische Fabrik von den hiesigen Gebrüdern Federhaff gegründet worden, wofür sie sich, wie für eine ähnliche Fabrik auf dem Enzhof im Kleinenzthal (O.A. Neuenbürg) mit dem Stuttgarter Hause Böhringer vereinigt haben. – Nicht zur Ausführung kam dagegen die Porzellainfabrik, zu welcher den Handelsleuten J. G. Zahn, J. J. Dörtenbach und Cph. Moses Dörtenbach (Theilhabern von Dörtenbach und Comp.) am 4. Aug. 1751 ein herzogliches Privilegium (Roller Polizeirecht 2, 270 Tüb. 1801) ertheilt gewesen war.

Als Abzweigung der ursprünglichen Bergwerksgesellschaft Dörtenbach und Comp. erscheint die von dem Theilhaber derselben schon vor mehr als 80 Jahren gegründete Handlung von Zahn und Comp. in Stuttgart (derzeit Inhaber Dörtenbach, Georgii, Schauber), welche sich mit Colonialwaarenhandel und Wechselgeschäften befaßte, den Kupferhammer in Liebenzell erbaute und nun den Eisen- und Kupferhandel treibt. Auf eben dieselbe alte Firma Dörtenbach | und Comp. hin wurde im J. 1846 das Bankhaus in Stuttgart gegründet, dessen Theilhaber Dörtenbach und Georgii sind und das früher von Zahn und Comp. besessene sogen. Calwer Haus in Stuttgart mittelbar wieder an sich kauften.

Die Salzhandlung Notter und Stuber in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, später Notter und Comp. (damals Theilhaber Notter und Haßenmajer, von 1798 an Notter und Seybold), 1804 Seybold und Comp. in Verbindung mit Eichthal, bestund bis 1808, wo die württembergische Finanzverwaltung das Salzregal zum Zweck der Salzbesteurung in Anspruch nahm. Die Gesellschaft schloß von Zeit zu Zeit mit Bayern Kaufverträge über bestimmte Quantitäten Salz ab, wobei die bayerische Regierung die Verpflichtung übernahm, ihr weiteres Salzerzeugniß an niemand anders als zu einem Preise zu verkaufen, bei welchem die Käufer die Concurrenz mit der Gesellschaft nicht aushalten könnten. Das Salz wurde hauptsächlich den Inn herunter und die Donau aufwärts auf die Lagerplätze der Gesellschaft in Donauwörth, Lauingen (wo ein eigenes mit Leinwandhandel verbundenes Speditionshaus Seybold, D. Seligmann und Comp. errichtet wurde) und Ulm bezogen und von da an die Factoreien und Gemeinden verführt. Die Gesellschaft versah den größten Theil Württembergs, Oberschwabens, die hohenzollerischen und fürstenbergischen Lande. Das an die Gemeinden abgegebene Salz wurde in der Regel durch einen, von ihnen aufgestellten Salzmesser, mit einigem, jedoch sehr mäßigen Aufschlag, an die Einwohner verkauft.

Die Salzhandlung beschäftigte sich, gleich der Zeughandlungsgesellschaft, mit Wechselgeschäften. Außerdem wirkten hie und da die vereinten Kräfte der verschiedenen Calwer Handlungshäuser mit ihrer Succursale in Stuttgart in Geldsachen, wie z. B. im J. 1800 für Regierung, Landschaft und Kirchenrath, um durch ihre Vermittlung die wünschenswerthe beschleunigte Abführung einer französischen Contribution zu vollführen. Bescheinigungen des citoyen La Bouillerie payeur général de l’armée française du Rhin liegen noch in Urschrift vor.

Von mehreren Theilhabern vorerwähnter Handelshäuser, Dörtenbach, Haßenmajer, Notter, Vischer, ward in Verbindung mit württembergischen Landsleuten das Handlungshaus Wagner und Comp., später Wagner, Wächter und Comp., in Amsterdam gegründet, aber nach 25jähriger Dauer aufgehoben, als Hollands Handel durch die unter französischer Herrschaft eingetretene sogen. Continentalsperre 1808 und 1809 niedergedrückt wurde.

Das Speditionshaus Zahn und Dörtenbach in Friedrichshafen, | errichtet in Folge des Baues zweier dortiger Häuser wegen erlangter Conscriptionsfreiheit im J. 1808, erlosch durch Einverleibung in ein anderes dortiges Speditionshaus (Bossert und Klaiber).

Die dermalen noch bestehende Holzhandlungsgesellschaft Stälin und Comp. ist eine ununterbrochene Fortsetzung eines im J. 1755 gegründeten Geschäftes, welches zuerst unter dem Namen Jak. Chph. Vischer und Comp. mit 16 Antheilen gebildet wurde; die Mitglieder wohnten nicht alle in Calw, sondern auch in andern Gegenden des Schwarzwaldes. Von Seiten der Herrschaft ward mit der Gesellschaft dahin übereingekommen, daß sie den Transport des Scheiterholzes von den Erzeugungsplätzen im Enzthale etc. nebst Hauen, Verflößen und Wiederausziehen in den Enzholzgärten Vaihingen, Bissingen und Bietigheim zu accordsmäßigen Preisen während 6–12jähriger Perioden, und eben so das zum Zweck und zur Sicherung der Scheiterholzflößerei nöthige Stammholz stärkster Gattung zu übernehmen hatte. Diese Stämme wurden sodann mit dem zum Floßapparate erforderlichen kleineren Holz nach Erfüllung der ursprünglichen Aufgabe in den Handel gebracht.

Auf solcher Grundlage nahm dieser Handel durch Abgabe weiteren Holzes aus Staats- und andern Waldungen im Laufe der Zeit und an der Hand des herzoglichen Privilegiums, welches im vorigen Jahrhundert ausschließlichen Verkauf in’s Ausland einräumte, größere Ausdehnung an. Die Herrschaft nahm die abgabenfreie Ausfuhr als Ausfluß des Floßregals in Anspruch; der Concurrenz des Holzes von Gemeinden und Privaten wurde durch auferlegte Concessionsgelder entgegengetreten. Die Verflößung der Holländerholz- und Gemeinholzstämme – Tannen und Forchen, nur wenig Eichen – geschah auf der Enz und Nagold und durch den Neckar nach Mannheim, wo die rheinischen Holzhändler das Holz erkauften; die dort gebauten großen Flöße wurden mit im Rheinthal erkauften Eichen beladen, und dienten als unentbehrliches Vehikel der Eichenspedition nach Holland, woher der Name „Holländerholz.“

Der Holzhandel auf der Kinzig, welcher vom J. 1800 an von Calw aus auch betrieben wurde, berührte das Floßregalrecht in Beziehung auf die Holzausfuhr nicht, sondern war einer Schifferinnung gegen entsprechende Floßabgaben anheimgegeben. Die hiesige Gesellschaft machte die Murg in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit beträchtlichem Aufwand auch für Langholzflöße fahrbar und es war diese Flößerei bis zum J. 1800 im Gange. Der in diesem Jahr stattgehabte große Waldbrand in den Murgwaldungen schmälerte jedoch das Erzeugniß von Floßholz in dem Maße, daß die Benützung | der obern Murg zum Befahren mit Flößen nicht mehr Bedürfniß war, und deren Bett, da auf dessen Regulirung keine weitern Kosten mehr verwendet wurden, sich bald wieder unflößbar machte. Die Glashütte in Schönmünzach war im Besitz der Calwer Handlungsgesellschaft und wurde von ihr 1803 verkauft; diese Gesellschaft hatte sie erworben, um durch den Holzbedarf derselben in dem zur Ausfuhr geeigneten Holze nicht beeinträchtigt zu werden, und stellte den Betrieb der Hütte zeitweise ein. Es wurde auch Brennholz in den Holzgarten nach Rastatt verflößt.

Je nach den mit der Herrschaft vertragenen Accordsperioden erneute oder änderte sich Einrichtung und Betheiligung an dem Geschäfte. Im J. 1788 bildete sich die Gesellschaft, deren Träger und Vertreter Joh. Mart. Vischer, J. J. Dörtenbach, J. M. Notter u. a. waren, unter der Firma Joh. Mart. Vischer und Comp., im J. 1809 unter der: Stälin und Comp., welche letztere auch das jetzige Holzgeschäft noch führt.

Der Scheiterholztransport wurde 1839 von der Finanzverwaltung in eigene Regie genommen, und der Langholzhandel, seit längerer Zeit zum freien Gewerbe geworden, gewann allmählig eine erweiterte Gestaltung auch auf dem Neckar und Main. Statt sich auf den Verkauf in Mannheim zu beschränken, unternahm i. J. 1847 die Gesellschaft die Verflößung nach Köln und Holland und errichtete zu diesem Ende in Mannheim mit gleicher Firma „Stälin und Comp.“ ein Zweiggeschäft, welches ein Theilhaber, Mohr, leitet. Der Besitz eines eigenen Hauses in Mannheim mit nöthigen Lagerplätzen für Holz und die Erwerbung eines eigenen Rheindampfboots unterstützen den Absatz und den Floßbetrieb.

Ein früher beim Calwer Holzgeschäft Betheiligter, Grab, übersiedelte in den 1790er Jahren nach Pforzheim, wo er sich an dortige Handelsgeschäfte anschloß.

Ein hiesiger Bürgersohn, Bodemer, welcher auch den Wohlstand eines andern bei sich aufgenommenen Calwers, Stroh, gründen half, zeichnete sich durch industrielle Unternehmungen in Sachsen und Preußen zu Ende des vorigen und in den ersten Jahrzehnten des jetzigen Jahrhunderts aus. In dem Besitz der vormaligen kurfürstlich sächsischen Cattunmanufactur in Großenhayn gekommen, brachte er dieselbe in blühenden Gang und errichtete später in Zschoppau und Eulenburg weitere ähnliche Etablissements und Baumwollspinnereien, und so sind die Namen Bodemer und Degenkolb-Bodemer derzeit hervorragende Namen in der Industrie jener Gegenden.

Aus den Geschicken der Stadt ist besonders die zweimalige | Zerstörung durch Feindeshände, im J. 1634 und 1692 hervorzuheben.

Als unmittelbar nach der Schlacht von Nördlingen den 27. Aug. (6. Sept.) 1634 die feindlichen Kriegsschaaren in Württemberg verheerend einfielen, erschien vor den Thoren der Stadt Calw, deren Vogt Andler, ein hochmüthiger ausschweifender Mann, keine Anstalt zur Abwendung der drohenden Gefahr gemacht hatte, am 10. (20.) Sept. mit 2000 Reitern (darunter die wilden Croaten) der bayerische General Johann von Werth, welcher die Verfolgung des protestantischen Heeres durch Württemberg unternommen hatte, und hier feindliche Regimenter, welche von Villingen her nach Ettlingen zogen, um sich daselbst mit dem Rheingrafen Otto Ludwig zu vereinigen, fast noch erreichte[21].

Ergrimmt, daß man das Ziegelthor nicht sogleich öffnete, drang er mit seinen Truppen gewaltsam ein, zog jedoch alsbald weiter, um den Feind in der Richtung gegen Neuenbürg zu verfolgen. Von dem in Calw zurückgelassenen Theil seiner Mannschaft wurde jedoch allda gewüthet, geplündert und gemordet, weder Alter noch Geschlecht geschont und die ärgste Unzucht verübt; mit dem sogen. Schwedentrunk wurden manche Einwohner gemartert, da man das Geständniß verborgener Schätze von ihnen erpressen wollte. Während die Wüthriche Wachen ausstellten, um die Bewohner am Fliehen zu verhindern, steckten sie in der Nacht vom 10. auf den 11. (20. auf den 21.) Sept. die Stadt und die Vorstädte in Flammen. Dennoch entkamen Viele, indem sie mit Lebensgefahr über die Mauern sprangen und sich an Seilen herabließen.

Die Wuth der Soldaten aber verfolgte die Fliehenden bis in die benachbarten Wälder und Schluchten. Es wurden von den damaligen 3821 Einwohnern 85 Personen, zum Theil hochbetagte, getödtet, 200 verwundet; die Zahl der im Feuer umgekommenen konnte nicht ermittelt werden. Die ganze Stadt innerhalb der Stadtmauer sammt den Vorstädten, im Ganzen 450 Gebäude, nur ein „kleines Scheuerlein“ ausgenommen, wurde ein Raub der Flammen; selbst die einzeln stehende Gottesackerkirche wurde verbrannt. Nur die äußere Vorstadt mit 100 Häusern wurde gegen Erlegung einer Brandschatzung von 5000 fl. verschont, aber auch sie ein Paar Wochen darauf durch eingedrungene Villinger nochmals hart mitgenommen. | Obdachlos, wie die meisten Einwohner wurden, erlagen 772 Personen im J. 1635 ansteckenden Krankheiten; die Zahl der 602 Bürger schmolz auf 400 herab, selbst die Reichsten versanken in Dürftigkeit. Joh. Valentin Andreä, welcher – eine große Leuchte der württembergischen Kirche überhaupt – von 1620 bis 1639 als Dekan in Calw segensreich wirkte, war vor dem Eindringen des Feindes in die Gegend von Neuweiler geflüchtet; um Wiederemporbringung der nur langsam aus der Asche erstehenden Stadt, bei deren Brande er selbst sein Vermögen, wichtige geschichtliche Handschriften und werthvolle Gemälde verloren hatte, durch Rath und That, durch Beibringung von fast 10.000 fl. milder Beiträge etc., erwarb er sich große Verdienste[22].

Eine zweite Zerstörung, nicht weniger verderblich als die erste, erlitt Calw vom 19. bis 23. Sept. 1692 durch Melac’s Horden. In Asche sanken, nach vorhergegangener Plünderung, sämmtliche Gebäude innerhalb und außerhalb der Mauern, ausgenommen „vier Privathäuser im Bezirk der Mauern, und außerhalb derselben 36 hin und her an den Bergen klebende, mehr Hütten als Häuser.“

Sonst machten sich die Kriege zu verschiedenen Zeiten durch starke Quartierlasten der Stadt empfindlich.

Abgesehen von den großen Ernten, welche der Tod im J. 1634 und 1635 hier machte, sind verheerende Seuchen unter den Jahren 1501, 1502, 1530, 1622 angemerkt; im J. 1502 starben 500 Menschen, im J. 1622 233.

Andererseits bildete Calw gegen die Pest einen Schutzort, wohin man sich flüchtete. In dieser Absicht hatte allhier die theologische | und philosophische Facultät der Universität Tübingen ihre Herberge von Lichtmeß 1555 bis Lätare 1556, im Jahr 1594 und 1610 (die Stipendiaten wurden im J. 1610 und wohl auch sonst im sogen. Nonnenhaus einquartirt).

Durch Brandunglück in Friedenszeiten litt Calw am 19. Jan. 1686 und am 17. Februar 1795; an letzterem Tag Morgens 1 Uhr entstund das Feuer in der Ledergasse und zerstörte 17 Gebäude, beschädigte vier weitere, wodurch 27 Familien um ihre Wohnung kamen.

Wassersnoth war besonders in den Jahren 1472 (Trithem. Annal. Hirs.), 1633 (Andreae vita), Ende Oct. 1824 (wo die Nagold 12–13 Fuß über den gewöhnlichen Stand stieg), im Anfang des Jahrs 1834 und Ende Juli’s und Anfang Augusts 1851 sehr bedeutend.


  1. Mart. Crusius Oratio de vetustissimo Wirtembergensis ducatus oppido Calva et de generosis illustribusque ejus rectoribus comitibus de Calw. Tubingae 1595. 4. (Im Auszug in Wegelin Thes. 3 nr. 16.)
  2. Ein hie und da als Eigenname von Wiesen, Wäldern etc. vorkommendes, ursprüngliches Appellativum; vergl. das franz. breuil, ital. broilo, broglio.
  3. Joh. Ebermeier, Pfarrer in Zavelstein, Calwer Newe Tempel-Bau. Stuttgart, 1655. 4. (Reimereien.)
  4. Andreae Vita ab ipso conscripta 108.
  5. Hiemit ist zu vergleichen die unten gegebene ausführliche geschichtliche Entwicklung.
  6. Auf einer Reise über einer Mahlzeit bei Scherzheim (5 Stunden von Straßburg) legte Andreä im J. 1621 den ersten Grund zu dieser Unternehmung. Vita ab ipso conscripta 100.
  7. Das k. Staatsarchiv bewahrt noch einen Riß, welchen der berühmte Baumeister Heinrich Schikhardt im Jahr 1606 für das zu erbauende Schloß, wozu am 22. März d. J. Herzog Friedrich den Grundstein legte, fertigte. Es sollte ein länglichtes Viereck bilden, die Langseite im Osten (gegen die Nagold) und Westen haben, aus drei Stockwerken bestehen und auf den vier Ecken mit Thürmen versehen werden. Weiter als die Erbauung der Grundmauern, welche noch stehen, wurde am Werke nichts ausgeführt.
  8. Andreae Vita 143. Nach dem Abgang dieser Kapelle wurde an dem Platze derselben 1790 von Bürgermeister Haßenmajer das nun Karl Dörtenbach’sche Haus erbaut. Das unten daneben stehende Gebäude war ehemals der Spital (vor c. 25 Jahren verkauft).
  9. Diese Walkmühle, deren uraltes Bestehen (s. unten) für die frühe Blüthe hiesiger Wollenfabrikation Zeuge ist, war im Besitz der Tuchmacherzunft, von welcher sie vor c. 10 Jahren veräußert wurde. Damals erhielt sie mit einem Theile der Wasserkraft eine erweiterte Bestimmung, jedoch mußte der neue Besitzer die Verpflichtung übernehmen, die Walkmühle bestehen zu lassen und zu festgestellten Bedingungen den Meistern ihre Tücher zu walken.
  10. Verzeichnuß wie in Anno 1630 die Ämpter in Calw besetzt gewesen“, 7 Seiten, von J. B. Andreä, ist manchmal dessen Kurzer Kirchen-Historia, Straßburg 1630. 12°, beigefügt.
  11. Er war als Gebhard von 1042–1055 Bischof von Eichstädt gewesen. Hic patre Hartwigo matre vero Beliza natus Suevia oriundus extitit et etiam regalem, ut ipse Heinricus imperator fatebatur, prosapiam ex parte attigit. Anonymus Haserensis bei Pertz Mon. 9, 263. (Zu regalis prosapia vgl. eb. 264, wo Pabst Victor II. ein cognatus des Bischofs Gebhard von Regensburg heißt, und über letztern vgl. Stälin Wirt. Gesch. 2, 413 Anm.). Die ausdrückliche Erwähnung des Vaters als Hartwigus de Calwe ist allerdings nicht früher her als aus dem Ende des 13. Jahrhunderts belegt, nämlich durch den – freilich zum Theil später interpolirten – Martinus Minorita (den sogen. Hermannus Gygas 105 ed. Meuschen, wo Calice statt Calwe verdruckt ist); diese Abstammung wird indeß allgemein angenommen. Eine erst im 14. Jahrhundert gemachte Beischrift bei Bischof Gebhard „comes de Tollnstein et Hirsperg natus“ (Pertz Mon. 9, 245) wird einer Verwechslung mit einem spätern Gebhard zugeschrieben; jedenfalls würde dann Gebhard nicht aus Schwaben stammen, wie doch obige in dieser Beziehung wohl untrügliche Quelle angibt. Freilich ist der Name Hartwig den schwäbischen Geschlechtern fremd und findet sich dagegen nachmals im Tollensteinischen Grafenhause öfters.
  12. Der Sage gehört an der heil. Willebold († 1230). Von ihm handelt: Nachricht von dem heiligen Willebold, Grafen von Calv, Schutzpatronen des Ilerthals. 2. Aufl. Ottobeuren 1786. 12.
  13. In die Familie der Grafen von Calw ist folgende unverbürgte Sagengeschichte eingeflochten. Ein Graf Hubert von Calw erwählte freiwillig die Armuth, verließ Gemahlin und Haus und wurde Ochsenhirte in Deißlingen bei Rotweil. Einst wieder nach Calw sich wendend, machte er sich seiner Gemahlin, welche gerade mit einem Andern Hochzeit feierte, durch den Ehering kenntlich, ging aber heimlich wieder nach Deißlingen und zu seiner Herde zurück. Vor seinem Lebensende gab er sich den Dorfbewohnern zu erkennen und machte sich durch eine Kirchstiftung um dieselben verdient. Die Calwer Bürger durften deshalb nach Belieben in Deißlingen die Glocken anziehen lassen (Crusius Ann. Suev. 2, 263). Von letzterem Vorrecht, woher es sich auch schreiben mag, soll noch im vorigen Jahrhunderte von Calwern bei ihren Reisen zur Zurzacher Messe hie und da Gebrauch gemacht worden sein. Dramatisch ist obiger Graf behandelt in: Graf Hubert von Calw, Scenen aus seinem Leben. Offenbach 1794. 8°.
  14. Dessen Sohn Graf Gottfried trug „seinen Theil der Burg und Stadt Calw“ den 13. Mai 1302 dem König Albrecht zu Lehen auf, welcher Umstand indeß, da K. Albrecht 1308 starb, keine dauernde Lehensabhängigkeit begründete. Auch verpfändete dieser Gottfried die gräflichen Einkünfte von der Stadt an das Kloster Bebenhausen (beziehungsweise die Reichsstadt Eßlingen). Schmid Pfalzgr. v. Tüb. 406. Urk. 115. 117. 120.
  15. Die frühere Firma war Maier, Wagner und Walter mit 20 bis 30 Theilhabern, worunter die Namen Dörtenbach, Notter, Schill, Vischer, Schauber, Wagner, Zahn und von welcher noch weit zurückgehende Handlungsbücher vorhanden sind.
  16. Der Handel nach Österreich ward durch das kaiserliche Verbot bei Errichtung der Linzer Fabrik im J. 1717 und sonst sehr eingeschränkt und der früher blühende Handel nach Polen verlor sich ganz bei dem Emporkommen der Sächsischen Zeugmanufakturen; um in Sachsen besser zu concurriren, übernahm die Gesellschaft im Jahr 1709 eine Fabrik zu Schleitz im Voigtland (Firma Walter, Zahn und Mitverwandte), welche jedoch im J. 1720 wieder aufgehoben wurde.
  17. Weisser Recht der Handwerker 220. 376. 426, Reyscher Sammlung 13, 500. 627. 14, 199. 350. Aus Erkenntlichkeit für diese Privilegien streckte die Compagnie 1734 der Regierung 300.000 fl. gegen billige Zinse vor. Keyßler Reisen 1, 72 Ausg. v. 1776. (Schiller in seinem Briefwechsel mit Göthe rühmt von der Calwer Handelscompagnie, sie sei so „beträchtlich, daß man schon bei mehreren Extremitäten in Württemberg auf ihren Credit gerechnet habe.“ 1, 18 Ausg. 2.)
  18. „Nachrichten von der Calwer Zeughandlungscompagnie“ schrieb im J. 1787 nieder der damalige Calwer Oberamtmann Eberh. Fried. Georgii (nachmals Obertribunalspräsident † 1830), welche in mehreren Abschriften vorhanden sind, z. B. auf der k. öffentlichen Bibliothek als Cod. hist. fol. Nr. 282. Kürzere Berichte stehen bei Nicolai Reisen 10 Beil. S. 52–59 und bei Roller wirt. Polizeyrecht 2, 261–267. Tübingen 1801 und über diese und andere Calwer Compagnieen in (F. Justinian Günderrode) Beschreibung einer Reise durch den Theil des Schwarzwaldes, welcher ... Calb enthält. Frankfurt a. M. 1781 S. 38 ff. und Meiners Kleinere Länder- und Reisebeschreibungen Bd. 2. 1794 S. 292 ff. 367 ff.
  19. Die folgenden Nachrichten über Gewerbe und Handel auszüglich nach den sehr dankenswerthen Mittheilungen des Kaufmanns und vieljährigen Calwer Abgeordneten Georg Dörtenbach in Calw.
  20. Mit diesem Geschäft ist auch die von Dörtenbach und Schauber in Ernstmühl erbaute Wollspinnerei vereinigt.
  21. Ein unter dem Oberstlieutenant Jac. Bernh. von Giltlingen stehendes württ. Regiment nahm er bei Igelsloch mit diesem Oberst fast ganz gefangen.
  22. Durch Andreä und durch den beim Brand in Calw zurückgebliebenen dortigen Präceptor Luz († 1669. Haug Schwäb. Magaz. 1776. 562 ff.), welcher durch seine Kenntniß mehrerer Sprachen den verschiedenen Nationen unter den Soldaten imponirte und an Andreä unmittelbar nach der Zerstörung Calws Bericht erstattete, kennt man die nähern Umstände. Von Andreä sind: Threni Calvenses, quibus Calvae bustum, sors praesens lamentabilis et innocentia expressa. Argentorati 1635. 12; (übersetzt unter dem Titel: Fragment aus dem 30jährigen Krieg, betr. das Schicksal und die Einäscherung der Stadt Calw, von L. [Lepplicher]. Tübingen 1793. 8.), größtentheils auch aufgenommen in Andreä’s Vita ab ipso conscripta 133–147 ed. Rheinwald. Von Luz, durch Andreä herausgegeben, ist Virgae divinae urbi Calvae IV. et III. Eid. Sept. 1634 inflictae memoria studio J. V. A. calamo vicario Cp. Lucii. Stuttg. 1643. 8. (Auszug in Haug Schwäb. Magaz. 1776, 563.)


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