Beschreibung des Oberamts Calw/Kapitel B 4

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Alt-Bulach,
Gemeinde III. Kl. mit 600 ev. Einw. a. Alt-Bulach, Dorf, 461 Einw. b. Kohlersthal, Weiler, 75 Einw. c. Seitzenthal, Weiler, 50 Einw. d. Thalmühle, 8 Einw. e. Walkmühle, 6 Einw. – Filial von Neu-Bulach.


Das meist aus mittelgroßen, zweistockigen Häusern bestehende Dorf hat auf der gleichen Hochfläche, wie Neu-Bulach, von dem es nur 1/8 Stunde entfernt ist, eine freie, gesunde Lage; die Entfernung von der nordöstlich gelegenen Oberamtsstadt beträgt 13/4 Stunden. Unterhalb des Orts beginnt ein tiefeingeschnittenes Thälchen, das in eine Waldschlucht übergehend, oberhalb Kohlersthal in das Nagoldthal einzieht. Das freundliche, hinter Obstbäumen versteckte Dorf ist mit reinlichen, gekandelten Straßen versehen.

Beinahe in der Mitte des Orts steht die Kirche, deren Unterhaltung der Gemeinde zusteht; das Langhaus derselben stammt aus der früh romanischen Periode und enthält noch kleine, tief eingehende Rundbogenfenster, zwischen denen sich übrigens in neuerer Zeit geradlinige, moderne Fensteröffnungen eingedrängt haben. An der Südseite des Langhauses ist eine alte, ursprünglich über dem Eingang angebracht gewesene Lünette eingemauert, auf der ein Maltheserkreuz dargestellt ist. Der im germanischen Styl erbaute, mit Strebepfeilern und schön gefüllten Spitzbogenfenstern versehene Chor ist in einer spätern Periode dem Langhaus angesetzt worden. An der Nordseite des Chors rankt üppiges Epheu empor und verleiht dem alten, ehrwürdigen Gebäude einen sehr malerischen Schmuck. Der nicht hohe, viereckige Thurm, welcher in seinen untern Theilen sehr alt und massiv ist, geht gegen oben in ein aus Holz erbautes Stockwerk über. Auf dem Thurme, von dem man eine sehr schöne Aussicht genießt, hängen 2 Glocken, von denen die größere 1649, die kleinere 1815 gegossen wurde. Das Innere des Chors, zu dem ein spitzer Triumphbogen führt, ist mit einem schön construirten Netzgewölbe gedeckt, dessen Schlußsteine von Westen nach Osten folgende Darstellungen enthalten: 1) eine Dornenkrone nebst 3 Nägeln, 2) einen Christuskopf | und 3) Maria mit dem Jesuskinde. Die Gewölbegurten gehen von Consolen aus, die Fratzengesichter vorstellen. Im Chor befindet sich auch ein im germanischen Styl gut gearbeitetes Sacramenthäuschen, unter dem das Schweißtuch der h. Veronica angebracht ist. Die Kirche bewahrt mehrere alte Grabdenkmale, auf denen meist Kreuze und Kelche dargestellt sind, die bekunden, daß sie Geistlichen angehören; vor dem Altar auf dem Boden ist die Grabinschrift eines Johannes de (Seite abgeschlagen) vom J. 1366, im Chor auf dem Boden die einer Bulacher Nonne Irmengardis † 1389. In einem Chorfenster ist die gemalte Jahrszahl 1495 angebracht. Um die Kirche liegt der ummauerte Begräbnißplatz.

Hinter der Kirche stand ein Kloster, von dem man zuweilen noch Grundreste trifft, und vor etwa 10 Jahren wurde hier ein mit gemodelten Backsteinplättchen belegter Fußboden ausgegraben.

Das in der Nähe der Kirche stehende, ansehnliche Schulhaus, welches im Jahr 1838 mit einem Aufwand von 4000 fl., wozu der Staat 300 fl. beitrug, erbaut wurde, enthält 2 geräumige Lehrzimmer, die Wohnung des Schullehrers und die Gelasse für den Gemeinderath; an der Schule unterrichtet ein Lehrer und ein Lehrgehilfe. Eine Industrieschule mit einem Beitrag des Wohlthätigkeitsvereins von 15 fl. jährlich besteht seit dem Jahr 1851.

Der Ort bezieht sein nicht gutes Trinkwasser aus 2 laufenden und 6 Ziehbrunnen, die jedoch häufig ausbleiben, so daß die Einwohner genöthigt sind, ihr Wasser in dem 1/2 Stunde entfernten Ziegelbachthal zu holen; in dem kalten Winter von 1829/30 mußte das Vieh sogar in das 3/4 Stunden entfernte Nagoldthal zum Wasser getrieben werden. Gegen Feuersgefahr und zum Tränken des Viehs sind 5 Weiher (Hülben) angelegt. Auf der Markung entspringen mehrere gute Quellen, von denen der sogen. Seckinger der bedeutendste ist; sie erscheinen jedoch nur in dem Nagold- und Teinachthale. Periodisch fließende Quellen, sogen. Hungerbrunnen, befinden sich etwa sechs in der Nähe des Orts.

Die im Allgemeinen nicht besonders kräftigen, übrigens gesunden Einwohner sind mit wenig Ausnahmen geordnete, fleißige Leute, die sich vorzugsweise durch Feldbau und Viehzucht ihr Auskommen sichern, während die Unbemittelten, deren Zahl nicht gering ist, sich durch Taglohnarbeiten in Calw etc. ihren Unterhalt suchen. Die Gewerbe beschränken sich mit Ausnahme der Weber, die häufig auf Bestellung nach Außen arbeiten, nur auf die nöthigsten Handwerker; eine Schildwirthschaft und eine Krämerei sind vorhanden. Die öconomischen Verhältnisse gehören zu den geringeren und nur einige | Einwohner sind ganz schuldenfrei; der ausgedehnteste Güterbesitz beträgt 40 Mrg., der mittlere 15–20 Mrg. und die minder Bemittelten haben nur 1/2–1 Mrg. Grundbesitz. Die Mehrzahl der Güterparzellen beträgt 1 Mrg., dagegen sind auch mit 8–12 Mrg. vorhanden.

Die verhältnißmäßig ziemlich ausgedehnte Markung liegt, so weit sie für den Feldbau benützt wird, meist eben und hat im Allgemeinen einen fruchtbaren, größtentheils mit Lehm gemengten, rothsandigen, leichten Boden, der nur westlich vom Ort thonig wird und dort aus den Verwitterungen des Wellenmergels besteht. Die übrigen natürlichen und landwirthschaftlichen Verhältnisse sind dieselben wie in Neu-Bulach (s. hier. die Ortsbeschreib. von N.-B.). Die Preise der Äcker und Wiesen bewegen sich von 100–400 fl. per Morgen. Die Getreideerzeugnisse reichen für das örtliche Bedürfniß.

Die Obstzucht ist noch ausgedehnter als in Neu-Bulach und beschäftigt sich mit späteren Mostsorten, (Luiken, Fleinern, Knausbirnen, Wolfsbirnen), überdieß werden ziemlich viele Zwetschgen gezogen. In günstigen Jahren wird viel Obst nach Außen verkauft.

Der aus einer Landrace bestehende Rindviehstand ist gut und ziemlich ausgedehnt, so daß ein nicht unbedeutender Handel mit Jung- und Melkvieh getrieben werden kann. Zur Nachzucht sind 3 Landfarren (2 im Dorf und einer in den Parzellen) aufgestellt, die von Bürgern im Namen der Gemeinde gegen Entschädigung verpflegt werden.

Die früher bedeutende Schweinezucht hat in Folge der unergiebigen Jahrgänge sehr abgenommen; auch die Zucht der Bienen ist ganz zurückgekommen. Ziegen werden nur von den Unbemittelten gehalten.

Die Gemeinde besitzt 433 Mrg. meist gut bestockte Nadelwaldungen, deren jährlicher aus 84 Klaftern bestehender Ertrag größtentheils verkauft wird; überdieß sichert der Schafweidepacht mit Einschluß der Pferchnutzung eine jährliche Rente von 200 fl. Über das Gemeinde- und Stiftungsvermögen s. Tabelle III. Die beträchtliche Gemeindeschadensumlage rührt hauptsächlich von der kostspieligen Unterhaltung größerer Straßenzüge und zweier über die Teinach führender Brücken her, welch letztere die Gemeinde zur Hälfte zu unterhalten hat. Im Ganzen bestehen auf der Markung 5 Brücken (2 über die Teinach und 3 über die Nagold), worunter eine von Stein ist, die anderen von Holz mit steinernen Pfeilern aufgeführt sind; die Unterhaltung derselben haben, mit Ausnahme der 2 schon angeführten, | die Parzellen Kohlersthal und Seitzenthal und eine der Thalmüller zu bestreiten.

Durch den Ort führte eine von Neu-Bulach und Ober-Haugstett herkommende Römerstraße, welche von hier aus unter dem Namen Hünersteig gegen das Schloß Waldeck zog, und noch an manchen Stellen Spuren des ehemaligen Pflasters zeigt.

Zu der Gemeinde gehören: Kohlersthal, Weiler, 1/4 Stunde östlich vom Dorf im Nagoldthale gelegen. Die Einwohner, welche beinahe ausschließlich auf ihren Wiesenbau beschränkt sind, suchen sich durch Handel mit Milch und Butter, wie durch Taglohnen in Calw und auf dem Waldecker Hof ihr spärliches Auskommen zu sichern.

Mit gutem Trinkwasser ist der Ort hinreichend versehen. Auch besteht eine Schildwirthschaft daselbst. Eine hölzerne Brücke, die von den Einwohnern des Weilers unterhalten werden muß, führt hier über die Nagold.

Der Weiler Seitzenthal liegt 1/2 Stunde südöstlich von Alt-Bulach an der Einmündung des Ziegelbaches in die Nagold. Die im Allgemeinen unbemittelten Einwohner finden ihren Erwerb in der Rindviehzucht und durch Taglohnarbeiten in Calw etc. Einen hölzernen Steeg über die Nagold und einen über den Seitzenbach unterhalten die Ortseinwohner.

Thalmühle, ein sehr ansehnliches Gebäude mit 6 Mahlgängen und einem Gerbgang, hat eine angenehme Lage unterhalb Seitzenthal an der Nagold; der Besitzer der sehr frequenten Mühle treibt zugleich eine Wein- und Speisewirthschaft, die von den Bewohnern der Umgegend namentlich von Calw häufig besucht wird.

Die Walkmühle, 1/2 Stunde nördlich von Alt-Bulach an der Teinach gelegen; ist Eigenthum der Wittwe Eisenmann und beschäftigt etwa 3–4 Personen.

Die Einwohner sämmtlicher Parzellen sind der Kirche in Neu-Bulach, und die schulpflichtigen Kinder der Schule in Alt-Bulach zugewiesen.

Die älteste erhaltene Nennung des Namens Alt-Bulach ist in einer Urkunde von 1277[1]. Der Ort wird hier, wie jetzt, Bulach geschrieben, in der Sindelfinger Chronik zum J. 1287 steht „Buolo.“ Der Name dürfte von Bu (= Wohnung) und Lach, einer Nebenform von Loch (= Wald) abzuleiten sein. Eine irrige Namensdeutung erfand | der Volkswitz: über der Aufschürfung reicher Gold- und Silberadern habe ein Vater seinen mitarbeitenden Buben lachen geheißen.

Die hohe, forstliche und geleitliche Obrigkeit kam mit Neu-Bulach 1440 an Württemberg. Ein Theil von Alt-Bulach und Ober-Haugstett mit der niedern Obrigkeit, Geboten, Verboten etc. gehörte der Familie Schenner zu Wildberg; als Johann Schenner genannt Ferber dem Grafen Ulrich erlaubte, seine Leibeigenen in beiden Orten zu schätzen, so bezeugte ihm am 10. Mai 1463 der Graf, daß daraus ihm (dem Grafen) und seinen Erben kein Recht, der Schenner’schen Familie aber kein Schaden erwachsen solle (Sattler Grafen 3. Beil. Nr. 25). Diese Familie aber verkaufte ihren Antheil an beiden Orten 1494 dem Kloster Hirschau für 782 fl. (Christmann Hirschau 230). Am 23. April 1558 aber vertauschte das Kloster seinen damaligen Besitz an beiden Orten gegen Zehnten in Hessigheim etc. an Herzog Christoph (eb. 356). So kam Alt-Bulach und Ober-Haugstett ganz an Württemberg.

Zu Alt-Bulach bestund ein Beguinenhaus (Franziskanerinnen dritter Regel). In Folge der Reformation wurde es 1550 aufgelöst und die Schwestern mit 20 fl. jährlichen Leibgedings abgefertigt, worauf Herzog Christoph im J. 1554 das Haus sammt anstoßendem Garten und Zugehörungen der Stadt Wildberg, halb in die Schule, halb in den Armenkasten zu verwenden, schenkte (Besold Virg. 537).


  1. S. bei Neu-Bulach, wo überhaupt manches auch Alt-Bulach betreffende Geschichtliche vorkommt.
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