Beschreibung des Oberamts Freudenstadt/Kapitel B 12

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Glatten,
Gemeinde III. Kl. mit 729 Einw., wor. 1 Kath. a. Glatten, Pfarrdorf, 633 Einw. b. Niederhofen, Weiler, 76 Einw. c. Hammerschmiede, Haus, d. Sägmühle, e. Lattenberg, Haus, 20 Einw. – Evang. Pfarrei mit Filial Benzingerhof, Gemeindebez. Aach; die Kath. sind nach Heiligenbronn, O.A. Horb, eingepfarrt.


a. Das Pfarrdorf liegt in dem tief eingeschnittenen Glatt-Thale an der Stelle, wo das Bürgenthal in dasselbe einzieht, 2 Stunden südöstlich von der Oberamtsstadt; die Gebäude, mit Ausnahme einiger stattlichen Wohnungen, sind von mittelmäßigem Ansehen und zum Theil noch mit Schindeln gedeckt. Etwas entfernt (südlich) von dem eigentlichen Ort steht auf einer kleinen Anhöhe die Kirche und das Pfarrhaus, eine malerische Gruppe bildend, die zu der freundlichen Ansicht des Dorfs Vieles beiträgt.

Die ansehnliche, massive Kirche, welche schon verschiedene Veränderungen erlitt, enthält an dem Langhause spitzbogige Fenster, die leider ihres Maßwerks beraubt wurden. Der an der Ostseite stehende viereckige Thurm ist sehr alt und besteht aus 4 Stockwerken, von denen die 3 unteren nur einfache Schußscharten enthalten, das oberste, mit einem Satteldach gedeckte aber schöne germanische Fenster hat. Das durch Emporen verdüsterte Innere der Kirche hat außer einem germanisch gehaltenen, alten Taufsteine nichts Bemerkenswerthes. Von dem Langhaus führt ein spitzer Triumphbogen in das unterste Stockwerk des Thurms, welches hier die Stelle des Chors vertritt; dasselbe enthält ein schönes Kreuzgewölbe, dessen stark hervorstehenden Gurten von romanischen Säulen ausgehen, welche das hohe Alter des Thurms bekunden. Von den auf dem Thurme hängenden Glocken, welche in neuerer Zeit umgegossen wurden, trug eine die Jahrszahl 1409. Die Kirche, sowie der um dieselbe gelegene ummauerte Begräbnißplatz wird von der Gemeinde im Bau erhalten.

Das Pfarrhaus, welches der Staat zu unterhalten hat, wurde im Jahr 1600 an der Stelle des ehemaligen Nonnenklosters (Klause | Glatt genannt) neu erbaut; es liegt frei und angenehm mit freundlicher Aussicht über das Dorf und in das Glatt-Thal.

Das ansehnliche Schulhaus, welches außer der Lehrerwohnung auch noch das Rathszimmer enthält, wurde im Jahr 1835 mit einem Aufwand von etwa 5000 fl. neu erbaut; an der Schule unterrichten ein Lehrer und ein Unterlehrer.

Ein Gemeinde-Backhaus und 2 öffentliche Waschhäuser sind vorhanden.

Der Ort hat 10 laufende Brunnen, welche ganz nahe an demselben gefaßt werden und das ganze Jahr hindurch reichlich Wasser liefern; auf der Markung sind mehrere beständig und periodisch fließende Quellen, von denen die im Bürgenthal die bedeutendste ist. Die Glatt fließt mitten durch den Ort und nimmt in demselben einen aus dem Bürgenthal kommenden Bach auf; etwa 1/8 Stunde oberhalb des Dorfs mündet der Mühlbach in die Glatt und nahe südlich vom Ort nimmt sie die Lauter auf. Die Glatt tritt öfters stark aus und droht den tiefer gelegenen Theilen des Orts Gefahr; so fiel z. B. im Jahr 1778 den 7. Juli zwischen Hallwangen und Aach ein Wolkenbruch, der die Glatt in ganz kurzer Zeit so sehr anschwellte, daß sie gegen 16′ hoch in den Ort eindrang und ein Haus, eine Reib- und Lohmühle, wie die Brücke gänzlich zerstörte, während mehrere Gebäude, namentlich die Mühlen bedeutend beschädigt wurden. Nebenbei waren 5 Menschenleben zu beklagen. Auch im Jahr 1824 den 29. und 30. October wurde Glatten von einer großen Überschwemmung heimgesucht, die an Häusern, Brücken, Gärten u. s. w. bedeutenden Schaden anrichtete. Das Fischrecht in der Glatt, welche Forellen und Aschen beherbergt, sowie in den übrigen Gewässern auf der Markung, hat theils der Staat, theils die Gemeinde.

Die Einwohner gehören nicht zu den wohlgestalteten, man trifft nicht selten Kropftragende, zuweilen Kretinenartige, die an den Gehör- und Sprachorganen mehr oder minder leiden; welche Übel jedoch in neuerer Zeit sich vermindert haben. Die Vermögensumstände der Einwohner gehören zu den mittelmäßigen. Der größte Güterbesitz beträgt 80 Morgen, der allgemeinste 30 Morgen, einzelne besitzen nur 2–3 Morgen; übrigens sind jedem Bürger 11/2–3 Morgen Allmanden zugewiesen. Die Haupterwerbsquellen sind Feldbau und Viehzucht.

Von Gewerben sind zu nennen ein Kaufmann, 4 Mühlen je mit 2 Mahlgängen und einem Gerbgang, 2 Ölmühlen, eine Sägmühle, eine Hanfreibe, eine Loh- und eine Walkmühle; einzelne Einwohner | treiben Fruchthandel nach Freudenstadt und in das Großherzogthum Baden.

Die ziemlich große Markung ist, mit Ausnahme der östlich gelegenen Hochfläche, meist uneben und wird von mehreren Thälern (Glatt-, Lauter-, Bürgen-, Mühlbach-Thal etc.) tief durchfurcht.

Der im Allgemeinen mittelfruchtbare Boden besteht theils aus ergiebigen, kalkreichen Verwitterungen des Hauptmuschelkalks, theils aus unfruchtbaren, theilweise keiner Kultur fähigen Wellenmergeln, während in den tiefer, den Thalebenen näher gelegenen Partien eine ziemlich fruchtbare Verwitterung des rothen Schieferlettens vorkommt.

Das Klima ist rauh und kalte Nebel, wie auch Frühlingsfröste schaden häufig den Obstbäumen. Die Landwirthschaft wird im Dreifeldersystem gut und fleißig betrieben; bei einer Aussaat von 9 Simri Dinkel, 5 Simri Hafer, 4 Simri Roggen, 4 Simri Weizen wird der durchschnittliche Ertrag eines Morgens zu 6 Scheffel Dinkel, 3–4 Scheffel Hafer, 2 Scheffel Roggen und 4 Scheffel Weizen angegeben; letzterer gedeiht gut und Dinkel, wie auch Hafer kommen vorzugsweise zum Anbau. Außer den Cerealien baut man Kartoffeln, Futterkräuter, Flachs, Hanf etc.

Die vielen Wiesen, die beinahe alle gedüngt werden, liefern gutes Futter; 25–30 Centner Heu und 12 Centner Öhmd pr. Morgen.

Die nicht ausgedehnte Obstzucht liefert selten einen erheblichen Ertrag.

Die namhafte Rindviehzucht bildet eine besondere Erwerbsquelle und läßt einen beträchtlichen Handel zu; sie wird durch 2–3 Farren gepflegt, welche ein Bürger gegen Gemeindeunterstützung hält.

Auf der Markung laufen etwa 160 Stücke Bastardschafe; sie sind Eigenthum der Ortsbürger, welche von dem Stück 30 kr. Weidgeld an die Gemeinde entrichten. Die Pferchnutzung trägt der Gemeindekasse jährlich 150–200 fl. ein. Westlich vom Ort sind mehrere Steinbrüche in den oberen Schichten des bunten Sandsteins angelegt, die sehr schöne, weithin gesuchte Platten liefern; auch wird in dem Glatt-Thale jüngerer Süßwasserkalk (Kalktuff), den man als Baustein benützt, gebrochen. Gute Hafnererde gewinnt man am sogenannten Palmbühl; nicht bauwürdige Spuren von Torf finden sich im Glatt-Thal. In der Umgegend des Orts kommen sehr viele Schnecken vor, die früher gesammelt und nach Straßburg geliefert wurden; vor etwa 30 Jahren bestand noch ein eigener Schneckengarten.

Vicinalstraßen sind nach Dornstetten, Aach, Freudenstadt, Lombach, Böffingen und Schopfloch angelegt.

| Die Gemeinde besitzt 700 Morgen Waldungen, worunter 500 Morgen begriffen sind, welche sie im Jahr 1833 bei der Abfindung des Waldgedings erhielt; die bei dieser Veranlassung noch weiter erhaltenen 500 Morgen wurden unter die Bürgerschaft vertheilt. Überdieß bezieht jeder Bürger von dem Ertrag der Gemeinde-Waldungen (460 Klafter) jährlich 2 Klafter; der Rest wird verkauft und sichert der Gemeindekasse eine jährliche Einnahme von 1000–2000 fl. Über das weitere Vermögen der Gemeinde und der Stiftungspflege s. Tabelle III.

b. Niederhofen, ein kleiner Weiler, liegt nur einige 100 Schritte unterhalb des Orts zu beiden Seiten der Glatt. Ehemals Neuneckisch, kam er den 6. August 1511 durch Kauf von Heinrich von Wulfersdorf und Margrethe von Neuneck mit Dietersweiler etc. an das herzogl. Württemb. Haus (Sattler, Herz. 1, 124). – Möglich, daß „Nidertalh“, wo im Jahr 1258 Berthold Schultheiß von Dornstetten einen Hof zu eigen hatte (Schannat Vind. lit. 1, 207), ein und derselbe Ort ist.

c. Hammerschmiede, deren Bewohner nach Dornstetten eingepfarrt sind, liegt im Glatt-Thal 1/2 Stunde nordwestlich vom Ort; sie ist Eigenthum des David Weber und besteht seit dem Jahr 1840. Die Stahl- und Eisenfabrikate, welche hier verfertigt werden, finden Absatz in dem In- und Auslande.

d. Die Glatter-Sägmühle liegt 1/8 Stunde nordwestlich vom Ort am Einfluß des Mühlbachs in die Glatt.

e. Lattenberg, auch Blocherhaus genannt, ist ein einzeln stehendes Haus, das 1/2 Stunde nordöstlich auf dem Lattenberg eine freie und hohe Lage hat.

Der Hauptort Glatten (alt auch Glattheim) tritt in den Jahren 766. 770. 784. in die Geschichte ein als Gladeheimer, Glatheimer marca, villa Gladeheim, als das Kloster Lorsch allhier Schenkungen erhielt (Cod. Laur. nr. 3281. 3282. 3283. 3284. 3530. 3637).

Die Schicksale Dornstettens theilend scheint Glatten dem einen Theile nach im Jahr 1320 an Württemberg gekommen zu seyn; indeß verzichteten noch den 21. Juli 1375 Albrecht von Ow zu Diessen gesessen und seine Gattin Heilwig die Hüllwerin gegen Graf Eberhard von Württemberg auf ihre Ansprüche an Glatten.

Dem Kloster Alpirsbach glückte es wiederholt, Ankäufe allhier zu machen, namentlich den 30. April 1337 Güter, Gülten und Zehnten von Peter von Rüti und dessen Familie (Crusius Annal. Suev. 3, 234) und im Jahr 1517 ehemals Neuneckischen Zehnten von Rudolf von Ehingen.

| Um 1449 wurde in Glatten ein Nonnenkloster für Franciscanerinnen der dritten Regel gestiftet, welches in Folge der Reformation aufgehoben wurde; die letzte Nonne verzichtete übrigens erst im Jahr 1594 für ein Leibgeding auf ihr Recht (Besold, Virg. 540).

Die hiesige Kirchenstelle hängt von königlicher Collatur ab.

Im 30jährigen Kriege wurde Glatten so verödet, daß innerhalb 4 Jahren von 1634 bis 1639 die Gemeinde um 539 Menschen sich verminderte und nur noch 147 zählte, wogegen auch die Pfarrei von 1635 bis 40 unbesetzt blieb und Glatten Filial von Dornstetten wurde.


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