Beschreibung des Oberamts Göppingen/Kapitel B 11

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11. Gemeinde Eschenbach,
bestehend aus 4 Parcellen. G. E. 523.

a) Eschenbach, evang. Pfarrdorf mit 464 Einw., wor. 1 Kath. Die ältere Schreibart Öschenbach ist unrichtig, da der Name unzweifelhaft von den Eschen herrührt, die in sehr großer Zahl dem durch den Ort und die Markung fließenden Bach entlang stehen. Eschenbach liegt südlich, 11/2 St. von Göppingen, gehört zum Forstamt Kirchheim und in die III. Classe der Gemeinden. Der große Zehente steht in allen Parcellen, mit Ausnahme von Bürstenhof, welcher den Freiherrn v. Liebenstein zehentet, dem Hospital in Göppingen, der Heu- und kleine Zehente aber der Ortspfarrei zu. An den grundherrlichen Rechten des Staats hat die Gemeinde seit 1817 für 8319 fl. 8 kr. abgekauft. (S. auch S. 79.)

Eschenbach breitet sich auf der schönen, durch kleine Hügel unterbrochenen, oben S. 6 gedachten, am Fuße der Alp sich hinziehenden Ebene aus, ist weitläufig gebaut und reinlich, und bietet nach allen Seiten hin die herrlichste Aussicht dar. Die von schönen Obstgärten umgebenen Häuser zeugen von der Wohlhabenheit der Bewohner. | Die Gemeinde hat 79 Haupt- und 23 Nebengebäude. Die Kirche steht im obern Theile des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe, ist gut eingerichtet, kaum 100 Jahre alt, seit 1817 Mutterkirche, und von den örtlichen Kassen zu erhalten. Von dem daneben frei und angenehm gelegenen, 1814 erbauten Pfarrhause liegt die Baulast dem Hospital Göppingen ob.[1] Das zwischen Kirche und Pfarrhaus gelegene Schulhaus war einst ein Wohnsitz der Freiherren v. Liebenstein. Das Clima ist außerordentlich gesund, da an dem Alpabhange die Ausdünstung der Wälder aromatisch und durch den beständigen Windzug die Hitze im Sommer gemäßigt ist. Die Einwohner sind bieder und fleißig. Ihre Empfänglichkeit für zweckmäßige Neuerungen war aber früher gering; wie denn die Einführung des vorletzten Gesangbuches einen großen Kampf und den damaligen Ortsgeistlichen beinahe das Leben gekostet haben soll. Hier, oder vielmehr auf Lothenberg, ist der k. württ. Herr Generalsuperintendent v. Hermann geboren. Der unbestrittene Wohlstand der Gemeinde hat seine Ursachen in der Trefflichkeit des hochcultivirten Bodens, in dem Fleiße der Einwohner und in der guten Verwaltung der öffentlichen Kassen. Es werden jährlich etwa 500 Sch. Haber, 200 Sch. Dinkel und 80 Sch. Reps ausgeführt, die vielen Wiesen gewähren ein treffliches Futter. Von großem Belang ist die Obstzucht, welche die edelsten Sorten liefert. [2] In etwas guten Jahren beträgt das Obsterzeugniß 3 – 4000 Simri. Die Pferdezucht ist, obgleich es an einem Weideplatz fehlt, nicht unbedeutend. Das Rindvieh gehört meist der großen und schönen Limburger Raçe an. Schafe werden 1800 – 2000 überwintert. Auch die Bienenzucht ist nicht unbedeutend. Von Gewerben ist nur Baumwollenweberei für die Fabriken in Jebenhausen zu nennen. Die Linnenweberei hat sehr abgenommen; während früher etwa 3000 Ellen verkauft wurden, ist der Absatz gegenwärtig nur noch 1/3. Die Verbindung mit den Nachbarorten durch Vicinalwege ist erst in neueren Zeiten erleichtert worden. Die Gemeinde hat den Schaftrieb auf 200 M. in Heininger Markung. Die Kirchengemeinde besteht aus den 4 Parcellen. Namens des Hospitals besaß der Stiftungsrath in Göppingen das Nominationsrecht zur Pfarrstelle bis 1806. Seit 1824 übt es aber hier das k. Oberconsistorium aus. Eine eigenthümliche Schulstiftung ist, | daß aus 7 Tagwerken Wiesen auf Schlather Markung, welche der hiesigen Stiftungspflege laudemialpflichtig sind, der jeweilige Träger 4 Buch großes Papier oder 49 kr., die jährlich vertheilt werden, zu liefern hat. Der Gottesacker umgibt die Kirche, hat aber den Fehler, daß sich das Wasser in dem Lettenboden so stark sammelt, daß manchmal die Särge im Wasser stehen.

b) Lothenberg, W. mit 31 evangel. Einw., wovon 3 Familien zur Gemeinde Heiningen gehören, südlich, 1/4 St. von Eschenbach auf einem Vorsprunge der Alp gelegen. Der Name war früher Lautenberg; wohl, weil die hellen Glocken der Kirche ihren Ton von dem Berge aus weithin versandten. Die Aussicht ist beschränkt. Im J. 1733 konnte man von hier aus nur die Spitze des Kirchthurms von Faurndau sehen; im J. 1752 sah man schon die Hälfte, und jetzt sieht man den größern Theil desselben. Es muß daher entweder Faurndau oder Lothenberg sich gehoben haben, wenn nicht die zwischenliegenden Hügel sich gesenkt haben. Hier stand eine alte Wallfahrtskirche zu St. Petrus, die auch bis 1817, wo sie abgebrochen ward, die Pfarrkirche von Eschenbach war. Bis dahin standen auch hier das Pfarrhaus und das Meßnerhaus. Ein in der Pfarrkirche befindliches wunderthätiges Marienbild blieb Gegenstand der fortdauernden Verehrung der benachbarten Katholiken. Im J. 1810 kaufte es die Gemeinde Reichenbach, OA. Geislingen, welche als ausdrückliche Bedingung in die Kaufsurkunde aufnehmen lief: daß, so es der h. Maria in Reichenbach nicht gefallen und sie nach Lothenberg zurückkehren sollte, die Kaufsumme zurückzuzahlen sey.

c) Iltishof, in älteren Zeiten immer Iltishausen, H. mit 21 evangel. Einw., liegt nördlich 3/4 St. von Eschenbach, in einem Seitenthälchen des Filsthales, am Eschenbächle. Dieses schöne, von dem Ökonomen Maurer (oben S. 46) musterhaft bewirthschaftete, Gut ist ein Bestandtheil des Rittergutes Jebenhausen.

d) Bürstenhof, H. mit 7 evangel. Einw., zwischen Eschenbach und Iltishof gelegen und an ein kleines Wäldchen sich anlehnend. Ein ehemaliges Jagdhäuschen, nebst einigen Morgen Feld, das der letzte H. v. Liebenstein zu Eschenbach erbauen ließ und nun verkauft ist.

Eschenbach mit Parcellen ist ohne Zweifel in ältesten Zeiten ein Besitzthum der Grafen von Helfenstein gewesen. Nachmals erscheint es zwar als eine Zugehör der Burg Scharfenberg (Beschr. d. OA. Geislingen 187); allein dessenungeachtet konnte Scharfenberg mit Eschenbach helfensteinisches Lehen gewesen, oder auch dieser Ort erst später in die Verbindung mit der Burg gekommen seyn, wie er denn auch bald darauf davon getrennt und in den Händen der Grafen von Helfenstein wieder erscheint. Anna von Helfenstein und ihr Sohn Graf Johann verkauften nämlich 1379 an Gebhard von | Rechberg zu Donzdorf die Veste Scharfenberg nebst Eschenbach, mit Leuten und Gütern um 2920 fl. Aber schon 1380 verkaufte Gebhard das Dorf Eschenbach und Hiltishausen dabei, sowie Rechte und Nutzungen zu Heiningen, wie er das Alles von Helfenstein erkauft hatte (doch Scharfenberg ausgenommen), um 9711/2 fl. an Friz von Schlath. Dieses Geschlecht blieb fast ein Jahrhundert im Besitz, da erst 1476 sein Antheil, d. h. 2/3 an Eschenbach, 1/3 an Schlath, sowie Iltishausen und Lothenberg an Liebenstein (s. Jebenhausen) kam. Als 1729 der Liebenstein'sche Besitz getheilt wurde, nahm die Linie, welcher die ebengedachten Besitzungen zugefallen, hier ihren Sitz. Das übrige 1/3 an Eschenbach war gleichfalls im Besitze der Edelleute von Schlath; denn Barbara von Schlath, Ulrichs von Schechingen eheliche Hausfrau, verkaufte 1410 dem Kloster Adelberg: zu Schlath eine Hube, einen Wald, das Gehay genannt, 2 Baumgärten, 1 Nußbaum, den Wald Hohenholz und 1/3 des Burgstalls in dem Dorfe zu Schlath, und in Eschibach 11/2 Huben, 4 Lehen und 3 Sölden, und 1/3 des Gerichtes zu Eschibach, mit aller Gewaltsami und Nutzung, um 11621/2 fl. Auch der Hospital zu Göppingen erwarb hier mit dem Kirchensatz zu Lothenberg 6 Hofgüter. Dieses Condominat mit Liebenstein gab nun zu vielen Streitigkeiten Anlaß, die seit 1589 bei dem Reichskammergericht fast 100 Jahre lang schwebten. Am 29. Nov. 1683 kam aber ein Vergleich zu Stande, wonach Württemberg in Schlath und Liebenstein in Eschenbach das jus territoriale ausschließlich haben sollte. Die hohe Obrigkeit über Lothenberg (s. unten) soll Liebenstein haben. Das Gericht in Eschenbach wurde, wie zuvor, von Liebenstein zu 2/3 und von Württemberg, Namens Adelbergs, zu 1/3 und das in Schlath in umgekehrtem Verhältnisse besetzt. Im J. 1759 hatten in Eschenbach Liebenstein 7 halbe Bauern, 13 Söldner, 1 Wirth und 19 Handwerker und Taglöhner; Württemberg aber 15 Unterthanen; in Lothenberg: Liebenstein einen Lehenbauern; in Schlath waren 72 Bürger, wovon 47 dem Amt Göppingen, 3 dem Kl. Königsbronn, 2 dem Kl. Adelberg und 20 Liebenstein angehörten. Iltishausen hatte Liebenstein in eigener Verwaltung. Die Feindseligkeiten dauerten aber fort und brachen einigemal, namentlich 1773, in Thätlichkeiten aus. Endlich aber, am 16. Februar 1789, verkauften Fr. Wilhelm, kurmainzischer Kämmerer, und Joh. Ludw. Friedrich, markgräfl. baden’scher Landvogt, als Häupter der Eschenbacher Linie, sowie auch Philipp Friedrich zu Jebenhausen, in eigenem Namen, ihre Rechte, Gefälle und Güter zu Eschenbach, Lothenberg und Schlath, und alle ihre in Württemberg gesessenen Leibeigenen, um 60.900 fl. und 1500 fl. Leibrenten, an Württemberg, das diese Erwerbung aus Mitteln des Kirchenkastens machte, so daß v. Liebenstein nur noch wenige | Gefälle hier zu beziehen hat.[3] Bis 1807 gehörte der Ort in das Klosteramt Adelberg.

Was die Geschichte der kirchlichen Verhältnisse betrifft, so ist, wie schon bemerkt, die Pfarrei Lothenberg von hohem Alter. Die Herzoge Conrad und Ludwig von Teck verkauften 1318 den Kirchensatz, die Kastvogtei, Widdumgüter und Zehenten an Heinrich von Höringen. Diese Rechte (wohl ausschließlich der Hohheit, die Liebenstein später behauptete), kamen aber 1321 mit Boll an Württemberg, das 1409 den Berthold von Höfen genannt Schwenzlin, 1420 aber den Hans Dachenhäuser belehnte. Mit Zustimmung Württembergs verkaufte dieser endlich 1435 diese Rechte an den Hospital zu Göppingen um 1678 fl. Die Reformation hatte zu gleicher Zeit wie in Göppingen Statt.

Auf Lothenberg stand einst auch eine Burg, wovon erst kürzlich bedeutende Grundmauern ausgegraben worden und Wall und Graben noch vorhanden sind. Ihre Bewohner waren, wie wir bei Heiningen finden werden, Dienstleute der Grafen von Helfenstein, denen zuvor wohl auch der hiesige Kirchensatz und die Kastvogtei zugestanden haben mochte. Dabei stand auch ein nun abgegangener Ort zu dem Hage. Ulrich Risch Wartmann, zu Heiningen gesessen, übergibt um seiner Seele Heils willen unser lieben Frauen und St. Ulrich, die da rasten in dem Gotteshaus zu Adelberg, all sein Gut „zu dem Hag, die da gelegen sint vnter Lotenberg;“ und 1383 gibt Herzog Friedrich von Teck als Lehensherr hiezu seine Zustimmung.


  1. Laut Berichtigungen auf S. 304 ist „Das Patronatrecht des Hospitals 1811 aufgehoben worden.“
  2. Viel hat dazu die im J. 1827 durch den Ortsgeistlichen angelegte Baumschule beigetragen, wo jedes Kind einen Baum setzen oder setzen lassen durfte und ihn zur lebenslänglichen Nutznießung erhält. Im J. 1829 betrug die Zahl dieser Bäume 200. Abends wird hier Kindern und Erwachsenen Anleitung zur Baumzucht gegeben. (Corresp. Bl. des landw. Ver. 1829. I. 79.)
  3. Der Druck der Unterthanen soll, zumal in den letzten Zeiten, so groß gewesen seyn, daß sie die Übernahme kaum erwarten konnten und bei derselben den Pferden der württembergischen Commissäre Hände voll Zucker vorwarfen.
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