Beschreibung des Oberamts Geislingen/Kapitel B 35

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35. Weißenstein,
mit Lützelalp, Rupertsstetten, Steighaus. Gesammt-Einwohner 736.
a) Weißenstein, katholisches Städtchen mit 699 Einwohnern (worunter 8 Protestanten), 3 Stunden nordwestlich von der Oberamtsstadt an der Straße von Göppingen nach Heidenheim in einem sehr engen, nordwestlich streichenden und daher sehr kühlen Thale gelegen, welches die nahe zusammenrückenden Albuchgebirge bilden. Die geographische Breite | des Städtchens beträgt 48° 42′ 18″, die Länge 27° 33′. Seinen Namen hat es ohne Zweifel von dem hohen, thurmähnlichen weißen Felsen, dem Beutelfelsen. Der Mühlbach fließt mitten durch den Ort. Weißenstein, der Hauptort der ehmaligen Herrschaft Weißenstein, gehört den Grafen von Rechberg, und steht unter dem Kameralamt Geislingen, Dekanat Eybach, Forstamt Heidenheim, Rentamt Weißenstein.

Im Ort befindet sich ein Poststall ohne Expedition.

Den großen Zehnten bezieht auf dem Albuch die Grundherrschaft, im Thale die hiesige Pfarrei, den kleinen Zehnten die Grundherrschaft auf dem Albuch, die Pfarrei im Thale, außerdem haben die Unterthanen noch mancherlei Grund- und andere Gefälle an die Grundherrschaft zu entrichten, welche jedoch theilweise abgelöst werden.

Der Ort ist schmal und enge, und theilweise an die beiden Bergabhänge gebaut, und hat weder Mauern noch Thore mehr. Er hat 106 Haupt- und 15 Nebengebäude, 6 Scheunen.

Zu den bedeutenderen Gebäuden gehört das Rechbergische Schloß, welches das Städtchen beherrscht; es ragt am westlichen Rande des Thals in einer kleinen Bergbucht, ist theilweise sehr alt, und besteht aus mehreren aneinander gereihten Gebäuden, dem Küchenbau, Tafelbau; seine weitläufigen Keller werden für die Brauerei benützt; im Übrigen ist es blos von einem Uhrmacher, als Aufseher und einem pens. herrschaftlichen Revierförster bewohnt. Eine nicht unbedeutende Gemäldesammlung befindet sich in diesem Schlosse. In dem herrschaftlichen Brauhause wird das berühmte Weißensteiner Bier gebraut, welches weithin verführt wird. Die jährliche Produktion belauft sich auf etwa 5500 Eimer.

Der Nahrungsstand im Orte ist gedrückt. Der Ort hat eine Markung von 50932/8 Morgen, welche aber größtentheils an den Bergabhängen und auf dem rauhen Albuch liegen, und worunter 29207/8 Morgen Waldungen (meist der Grundherrschaft gehörig) und 984/8 Morgen Ödungen und Wechselfelder sind. Die steilen Berge geben bei aller | Mühe, welche auf sie gewendet wird, nur spärlichen Ertrag. Es befinden sich daher viele Handwerker, namentlich 24 Strumpfwirker im Orte, das Gewerbe geht jedoch schlecht. Die Baumwollenspinnerei, welche vormals hier blühte, ist längst durch das Maschinengarn verdrungen. Von der gegenwärtig in Bau begriffenen neuen Steige und der dadurch herbeizuführenden größeren Frequenz erwartet man eine Hebung des Nahrungsstandes. An den tief ausgehöhlten Rinnsälen der Bäche gräbt man gute Tuffsteine zum Bauen.

Der Gewerbestand war bei der Aufnahme im Jahr 1835 folgender:

Handwerker: Bäcker und Metzger 8, Barbierer 1, Färber 2, Glaser 2, Hufschmied 1, Käser 1, Kaminfeger 1, Kleemeister 1, Kübler 2, Leineweber 3, Masernholzhauer 3, Maurer 13, Nagelschmiede 1, Säckler 1, Sattler 1, Schlosser 1, Schneider 2, Schreiner 2, Schuhmacher 6, Seiler 1, Strumpfwirker 22, Uhrmacher 1.

Kleinhändler: Specereihändler 4, Strumpf- und Garnhändler 3.

Müller: Mahlmüller 4, Gipsmüller 1, Ölmüller 1.

Wirthe: Schildwirthe 4, Speisewirthschaften 1, Bier- und Branntweinschenken 2, Bierschenken 1.

Getränkefabrikanten: Bierbrauer 2, Essigsieder 1, Branntweinbrenner 6.

Die Gemeinde hat 800 fl. Schulden, bürgerliche Beneficien sind jährlich 80 fl. Armengeld von der Herrschaft, jedoch freiwilliger Beitrag, ungefähr 200 fl. Schafweidegeld und für jeden Bürger 3/4 Meß Holz nebst einigem Reiß.

Das Städtchen war früher nach Treffelhausen eingepfarrt. Im Jahr 1478 wurde es getrennt und von Heinrich von Rechberg ein eigener Pfarrer eingesetzt; zudem bestand noch eine Kaplanei in Weißenstein, solche ist aber seit einigen Jahren aufgehoben, und die Kapitalien, welche früher behufs ihrer Gründung von einer Leprosenstiftung genommen waren, werden jetzt zur ärztlichen Berathung sämmtlicher Herrschaftsangehörigen verwendet. Die | Pfarrkirche zur h. Maria, eine im Jahr 1725 auf der Stelle einer alten Kirche im Jesuitenstyl erbaute geräumige Kirche, hat eine Gruft, in welcher ehemals Glieder der rechbergischen Familien beigesetzt wurden, so wie einige, zum Theil von der ältern Kirche herrührende Grabdenkmale der Herrn von Rechberg, Hugo’s von Rechberg, † 26. Sept. 1595, Ernst’s, † 28. Mai 1604, in Stein gehauene Hautreliefs der Ritter in Lebensgröße, geharnischt und in knieender Stellung, u. s. w. Auch hat die Kirche ein schönes Altarbild, die Verkündigung Mariä, von einem Schüler von Hetsch.

Im Städtchen auf dem alten Kirchhof steht eine Kapelle zum h. Wendelin, welche im Jahr 1788 auf der Stelle einer älteren Kapelle erbaut, im Jahr 1831 an die Gemeinde verkauft wurde, und seither nicht mehr als Kapelle benützt wird.

Die Kirche gehört der Stiftung und die Baulast hat ebendieselbe. Das Patronat der Pfarrei hat die Grundherrschaft, welcher auch die Baulast des Pfarrhauses obliegt. In die Pfarrei sind die katholischen Einwohner von Degenfeld eingepfarrt.

Von dem Städtchen schrieb sich die auch in Überkingen begüterte Familie der von Weißenstein, welche wahrscheinlich Vasallen der Grafen von Helfenstein waren. Sie erscheinen z. B. in folgenden Urkunden. Im Jahr 1281 verkaufte Sigfried von Wizzenstein durch die Hand der Grafen Ulrich von Helfenstein d. ä. und d. j. an Albrecht Amman (minister) in Geislingen, genannt Kuchalber, seinen Weiler Windreutin (S. bei Schnittlingen) um 85 Pfd. Heller; im Jahr 1305 bezeugte Graf Ulrich von Helfenstein, daß Sifridus dictus de Wizzenstein et Sifridus filius ejus seinem Anspruche auf den Ort Windreutin, welchen Kl. Kaisersheim erhalten, entsage (Orig. in Stutg.); im Jahr 1382 und folg. erscheint als Vogt von Geislingen Konrad von Weißenstein. (Species facti S. 10, 14, 21.) Ob jedoch Weißenstein je Eigenthum dieser Familie gewesen, oder zu den ursprünglichen Stammgütern der von Rechberg gehört habe, ist nicht bekannt.

| Am Ende des 14ten Jahrhunderts gehörte Weißenstein jedenfalls den von Rechberg und blieb bis zum Jahr 1431 bei der ersten Hauptlinie Hohenrechberg. In diesem Jahre theilte Heinrich von Rechberg seine Herrschaften unter seine Söhne und Wilhelm erhielt Weißenstein. Diese von Wilhelm ausgehende Nebenlinie erlosch im Jahr 1550. Im Jahr 1548 verkaufte der letzte dieser Nebenlinie die Herrschaft Weißenstein an seinen Vetter Georg von Rechberg zu Kronburg und Kelmünz, und hiemit bekam dessen Linie den Namen davon, und sie ist diejenige, welche noch blühet.

In Weißenstein hatte Württemberg schon in den herzoglichen Zeiten gewisse Rechte; wenigstens erkauft Herzog Friedrich von Württemberg den 6. Dezember 1605 von Sibille von Laubenberg, geb. v. Rechberg, die Rechte und Gerechtigkeiten an mehreren rechbergischen Fideicommißgütern, worunter Weißenstein genannt wird.

Der Hauptort der rechbergischen Herrschaft Weißenstein, wurde das Städtchen im Jahr 1806 mediatisirt unter Baiern und im Jahr 1810 dem württembergischen Staate einverleibt. Auf der Markung von Weißenstein liegen auch folgende Parzellen:

b) Lützelalp, auf der Alp, 1/2 Stunde von Treffelhausen gelegen und dahin eingepfarrt, ein Hofgut mit 439 Morgen und 8 Einwohnern.

c) Rupertsstetten, ein großes Bauerngut mit 380 M. und 18 Einwohnern, 1 Stunde von Weißenstein gegen Nordost auf dem Albuch gelegen. Es gehört der Herrschaft Rechberg und ist jetzt verpachtet. In der Nähe stand das Schlößchen Beronslust und ein Jägerhaus, welche jedoch im Jahr 1807/10 abgetragen wurden. Nördlich von Rupertsstetten war noch im Jahr 1806 eine Wallfahrtskirche zu St. Bernhard, die Wohnung eines Geistlichen, eines Meßners, ein anderes Häuschen und ein Wirthshaus. Alle diese Gebäude sind nun abgebrochen und das Vermögen der Kirche mit der Pfarrkirche zu Hohenrechberg vereinigt worden.

| Was das Klima dieser Gegend betrifft, so sagt Rink, im Winter sey hier ein wahres Siberien.

d) Das Steighaus (richtiger als Steighof) mit 11 Einwohnern, 1/4 Stunde von Weißenstein gegen Südost, an der alten Steige gegen Böhmenkirch und Heidenheim hin gelegen, besteht seit ungefähr 30 Jahren und ist eigentlich nur ein Söldnerhaus. Der jetzige Besitzer hat wegen des neuen Steigenbaues eine zweijährige Wirthschaftskonzession erhalten.

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