Beschreibung des Oberamts Geislingen/Kapitel B 36

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36. Westerheim,

früher Westerheimb, auch Wösterheimb geschrieben, katholisches Pfarrdorf und Marktflecken mit 941 Einwohnern, auf der rauhen Alp, neben Hohenstadt das höchst gelegene Dorf des Oberamts, 5 Stunden südwestlich von Geislingen gelegen, Dekanat Eybach, Kameralamt Wiesensteig, Forstamt Kirchheim. Auf den Namen bezüglich findet sich im Orte selbst eine Westen- und eine Austen- (Osten) Gasse.

Den großen Zehnten (an sämmtliche Zehntpflichtige mehrjährig verpachtet), mit Ausnahme von 83 Jaucherten, welche zur Ortsstiftung zehnten, bezieht die Herrschaft. Früher besaß, übrigens mit den gleichen Ausnahmen wie jetzt der Staat, den großen Zehnten zu 5/6 das Kollegiatstift und zu 1/6 das Frauenkloster Wiesensteig. Der kleine Zehnte, mit gleichen Ausnahmen wie beim großen Zehnten, der Blut- und Bienenzehnte steht der Pfarrei zu. Gülten beziehen der Staat, die Stiftung zu Wiesensteig, die Ortsstiftung und die Pfarrei; die übrigen Gefälle werden gegenwärtig abgelöst.

Der Ort ist ziemlich weitläufig gebaut, und zählt 136 Wohn- und 56 Nebengebäude, welche.meist mit Stroh gedeckt sind. Die Ortsmarkung hält 72702/8 Morgen, worunter viele Allmanden und Egarten. Der Boden ist rauh und steinigt und daher nicht sehr ergiebig. Doch sind die Einwohner wohlhabend, sie sind als gute Landwirthe bekannt, treiben neben dem Ackerbau auch die Pferde- und Rindviehzucht, | woraus ein ordentliches Geld erlöst wird. Der Flachsbau ist hier vortrefflich. Die vielen Holz- und Heumäder und der Anbau von Futterkräutern erzeugen so viel Futter, daß vieles auswärts verkauft wird. Auf der Schafweide laufen 1600 Stücke. Die Gemeinde besitzt 6325/8 Morgen Waldung, auf welchen 133 Realgemeinderechte ruhen, und ein Theil jährlich 1–2 Klafter nebst Reisach erhält. Von diesem und von den Holzmädern wird ziemlich Holz nach Kirchheim und Göppingen verkauft.

Eine Hauptnahrung bildeten früher die Stückweberei und das Spinnen, auch jetzt finden sich hier noch einige Weber, die jedoch mehr als Taglöhner, denn auf ihrem Handwerke arbeiten; Leingarn wird mit der Hand gesponnen und das Produkt nach Laichingen abgesetzt. Doch hört durch die Einführung des Maschinengarns das Spinnen immer mehr auf. Die Gemeinde hat noch 6177 fl. Passivkapitalien; die Stiftung zum h. Stephanus, welche die Baulast der Kirche hat, besitzt 17.000 fl. Vermögen. Das Wappen des Orts ist ein Schlüssel. Früher befand sich unweit der Lorettokapelle eine Schießstätte, welche jedoch im Jahr 1704 einging. Gemäß einer Stiftung einer Gräfin von Helfenstein beziehen unbemittelte Kindbetterinnen (jetzt vom K. Kameralamt) 24 kr. Kindbettwein. Noch vor kurzem gab es einen Pfingstritt, und der sogenannte Pfingst-Lümmel ist noch üblich. Wenn eine fremde Braut ins Ort kommt, findet bei der Hochzeit ein Pferde-Wettrennen statt.

Auf den umliegenden Anhöhen, besonders dem Söllenberg, genießt man eine ausgezeichnete Fernsicht; die Schertelshöhle und das steinerne Haus liegen auf der Ortsmarkung (s. den allg. Theil S. 11–13). Vor 50–60 Jahren wurde Boluserde gegraben; es kam ein fremder Mann, den man das „Bolusmändle“ hieß, der die Erde grub und mitnahm. An Steinarten zeigt sich schöner, glänzend blättriger Feldspath zu Tage liegend.

Die Kollatur zur Pfarrstelle, neben welcher bis zum Jahr 1804 eine Frühmeß-Kaplanei bestand, gehörte früher | dem Kollegiatstift in Wiesensteig, jetzt der Krone; die Baulast des Pfarrhauses hat gleichfalls die Herrschaft. Die älteste Pfarrkirche brannte 1630 ab, die jetzige ist 1788 erbaut. Die i. J. 1706 gegründete Lorettokapelle ist seit 1803 von der Gemeinde in eine Armenwohnung umgewandelt. – Kl. Blaubeuren hatte verschiedene Besitzungen in diesem Dorfe; z. B. vom Jahr 1320 ist eine Fertigung von Heinrich Graf von Grafeneck Ritter um seine Güter zu Westerheim, welche er dem Kl. Blaubeuren zum Seelgeräthe übergibt. Wahrscheinlich ist auch unter Westheim, wo Menfried demselben Kloster im 12ten Jahrhundert einen halben Mansus schenkte (Tubingius bei Sattler Graven 2te Aufl. 4, 308) unser Westerheim gemeint.

Westerheim hatte in den Zeiten, als die Reformation in der Herrschaft Wiesensteig eingeführt wurde, einen evangelischen Pfarrer, Theodor Glaser, welcher (1565) in der Zeit der Wiedereinführung der katholischen Lehre nach Nerenstetten versetzt wurde (Veesenmeyer Sammlung von Aufsätzen S. 38).

Der Hof auf Egelsee, außerhalb Dorf-Etters, wurde erst vor einigen Jahren erbaut. Egelsee, eine kleine halbe Stunde westlich vom Orte, ist ein großer Bezirk von Mädern, Holzungen und Äckern, welche dem größten Theile nach der Gemeinde gehören. Die Brüder Hugo, Anselm und Sigiboto von Ruck (bei Blaubeuren) hatten in der zweiten Hälfte des eilften Jahrhunderts bei Egelsee, wo eine Burg stand und eine Kapelle des h. Ägidius, ein Kloster gestiftet (in Egelsee super Hohenwango in Alpibus loco, quamvis alioqui deserto et aspero, fonticulo tamen non carente. Ubi et hodierna luce quorundam haud vulgarium aedificiorum ruinae cernuntur ecclesiolaque ibidem divo Aegidio dicata in nostra usque tempora duravit, modo tamen etiam collapsa etc. schreibt Tubingius ums Jahr 1521 bei Sattler Graven a. a. O. S. 288). Noch findet man auf Egelsee Spuren von Gebäulichkeiten und die Reste einer Mauer, auch eine quadratförmige Fläche mit einer Böschung umgeben, Höfle genannt. Die Mönche übrigens, denen die | Gegend zu rauh war, verlegten das Kloster ums Jahr 1085 an den Blautopf und stifteten somit Kl. Blaubeuren. Auch nach seiner Verpflanzung ins Blauthal behielt das Kloster noch Besitzungen bei Egelsee bei.

Laut Kaufinstrumentes vom 1. April 1807 erkaufte die Gemeinde Westerheim vom ehemaligen Kirchenrath um 3805 fl. 173 Morg. 11/2 Viertel Ackers auf Egelsee und 8 Morg. 3 Viertel 61/2 Ruthen des s. g. Münzenthal-Wäldleins.

Helfensteinisch wurde ein Burgstall Egelsee nebst dem Dorfe Westerheim im Jahr 1309, als ihn Graf Ulrich von Helfenstein den Herrn von Ehingen abkaufte. (Lünig R. A. XII. 260, vergl. Crusius III. lib. 3. S. 173, wo der Ort Aigelseham geschrieben ist.) Im Jahr 1594 wurde der Bezirk Egelsee zwischen Helfenstein und Württemberg getheilt, so daß der Theil, welcher letzterem zufiel, jetzt zur Markung Feldstetten gehört.

Der Ort Westerheim selbst wird schon in der Stiftungs-Urkunde des Kl. Wiesensteig vom Jahr 861 genannt, und zwar als bereits mit einer Kirche ausgestattet, deren Hälfte dem Kloster Wiesensteig mit andern dortigen Gütern geschenkt wurde (in loco Westerheim medietatem ipsius ecclesiae, Worte des Stiftungsbriefes). – Aus dem Anfange des 12ten Jahrhunderts erscheint ein Waltherus de Westerheim im Güterbuche des Kl. St. Peter (Rotulus S. Petrinus bei Leichtlen, Zähringer S. 88), in teckischen Urkunden kommt als Zeuge vor 29. Sept. 1292, 13. Mai 1295, Ulricus de Westerhaim (Arch. Urk.).

Im Jahr 1329 überließ K. Ludwig der Baier, und im Jahr 1346 K. Karl IV. ein Drittheil des Großzehnten in Westerheim sammt dem Patronat dem Kollegiatstift in Wiesensteig. Im Jahr 1629–30 wurde der ganze Ort durch Verwahrlosung der durchmarschirenden kaiserlichen Kriegsvölker in Asche gelegt; ein gleiches Schicksal erlitt der größte Theil desselben durch Unvorsichtigkeit am 18. Sept. 1688. – Auf der Markung finden sich einige sogenannte Schwedenkreuze.

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